i Zielab. agdjLuft. Ions
X?all
iieoptEe Jigein1
» Stadt und Umgeb.
S N- E MMisch« H Dertin.
lark erh. v. 16. oes . 03977 . Anz.
d)t zur seines ö
Itz ■illll im iifflstas Montag,7.^uni, abends 9 Uhr. TaacS-Ordnung:
arische Scbt
03990
Am.
er t)ie
°SW
sfohreSberichi, RechnunasnOlaae. Ersatzwahl iSuin.
Ausschuß) **'D $cr ItiiäeneA
Lrr goriianb.
Moutaa, 7. Juni, l M-.S UHr punitL:
f 5d O NS
rne nduhr.
KL
I« gegen.
2naW entsteh"' ittUNgS', rW » Ji»!“1* igek n»"j! Ii8ti843
tjttuptübung.
Uniform: ArbeilS- blute und Helu,.
Bollzabl. Erschein, erwünicht. tMc
Tas Kommando. XTB.
■SS'Ä* imM-Nw im Zaalbau Saner. Freunde u. Gönner it SiretnH w» fommeiL—-£-= HmüDnik. ßlW «.»»!>
Eonniag, k äM'älÄ. neu^NiT.-O.:
vW6””k sälS*v Slaler nebN ^-2D 6iit s'»d » tz. 26. l!e>ba°"""' Pun.
3
Ä
Sonats-
^arereinöloH^
,II»S .ZA-Z SS««?®" IS-W" fc
'V. j.
au[erv_ ireti Ibcrne sche inZieln, fflr
Lelchie- ausge- >r. Ana. AAm.
: die be» Aus»
>n den
«»D }(tW Zamiiie .und mit urüd.
en? iL zre alt der mit nbigen, beils-
X MM W.
L MM.
Nr. 129 Zweites Blatt
Fahrten durch Paris.
Don Martin Dorrmann.
Rast der Straßburger Schnellzug durch die Dororte von Paris, so hat man nicht sogleich den Eindruck, sich der Hauptstadt Frankreichs zu nähern. Das ausgedehnte, von Lichtern wimmelnde Schienengelände bleibt sich gleich wie die großen Rangierplätze. die viertelstundenlang zur Seite des unvermindert dahinbrausenden Zuges die Ankunft einer Riesenstadt andeuten. Man könnte sich in der Einbildung wiegen, etwa von Ost» oder Rorddeutschland her in unsere Reichs- Hauptstadt einzufahren. Was dann aber unter dem Bahndamm aufwächst, das ist nicht 'Berlin. Es sind enge, finstere und mit hohen Häusern eingezäunte Straßen, die einen an die phantastischen Erlebnisse mit Apachen denken lassen. Es sind dazwischengestrcut, in weißer, blendender Schönheit, ganze Ströme von Licht, ganze Häfen von wimmelndem Leben und glanzvoller Bestrahlung. Es ist Paris.
Problemreich waren die Gedanken, die dem Deutschen tarnen, der zum ersten Male wieder nach dem Krieg Frankreichs Boden betritt. Sitzt man aber im Auto und genießt die Großartigkeit der ersten Fahrt durch das Paris der zehnten Abendstunde, so weicht bei diesem Rausch von Licht und Beweglichkeit, bei dieser lebensvollen Internatsonalität des Treibens auf den taghellen Boulevards, die vorangegangene Grübelei dem befreiten Jubel des Reisenden, des Genießers seiner Ferien, des gefesselten Betrachters. Das Leben fegt und jagt über die Straßen mit einer Eindringlichkeit, der sich niemand entziehen kann. Das zentrale Viertel ist von einer unaufhörlichen Folge von Automobilen erfüllt, die, oftmals in Gruppen von drei und vier, die Dbulevards entlang fliegen, mit dem doppelten und dreifachen Tempo, das in 'Berlin zugelassen ist. Paris hat ja nur ein einziges, riesenhaftes Zentrum, in dem sich sein ganze» Dasein und Pulsieren. Derwal- tung und Handel, Vergnügen und Rachtleben, zu- sammendrängt. Die Zentralisation, die Paris auf ganz Frankreich ausübt, wird hier sozusagen in kleinerem Maßstab noch einmal wiederholt. Cs ist sehr bezeichnend für Deutschland, daß Berlin fcn Mo ei Verkehrs zentren auseinanderfall L
Außenpolitische Umschau.
Don Prof. Dr. Otto Hoetzsch. M. d. R.
Am 26. Mai hat Abd el Krim bedingungslos kapi-tuliert. Rund ein Jahr hat er Frankreich und Spanien größte Schwierigkeiten bereitet, erfolgreichen Widerstand entgegengesetzt. Und wenn er jetzt der spanisch-französischen Gesamtaktion unterlegen ist. so ist der militärische Ruhm für die Europäer nicht übermäßig groß. Soweit es überhaupt ein Ruhm ist. gehört er den Fran- rosen. denen die Spanier es jetzt verdanken, daß Die Wunde der Marokkokämpfer, seit 1921 ununterbrochen offen, sich nun für Spanien schließen kann.
Seit 1921 ging dieser Kleinkrieg, dem aus Europa, auch aus Frankreich vielerlei Unterstützung zugeflossen ist und dessen die Spanier nicht mehr Herr wurden. Durch Abd el Krim wurde er mehr zu einem Freiheitskampf, der alle diese Stämme des Rifs einigte, und der der Befreiung des Landes vom europäischen Protektorat, vom Kolonialimperialismus der Spanier und der Franzosen galt. Vielleicht auch wirkte dabei die Hoffnung mit, das überhaupt die Bekenner des Islams über Afrika und Asien hin für diesen Defreiungskamvl aufgerüttelt würden.
Diese Erwartung mußte täuschen. Dergleichen Vorstellungen sind überhaupt zu den Akten zu legen, als wenn die Anhänger des Islams rrgendwie^ zu einer gemeinsamen Aktion in der Lage oder Willens wären. In Aegypten,_ in Syrien, in Arabien, in der Resttürkei drängt überall der nationale Gedanke, die Sehnsucht nach einem eigenen nationalen Staat stärker hervor und drängt er eine Gemeinsamkeit zurück, die reell schlechterdings nichts mehr bedeutet. Auch die Erörterungen über das Kalifat, die jetzt auf den beiden Kalifaiskongressen in Kairo und Mekka ftattfinben, werden daran nichts ändern.
In Marokko aber ist dieser nationale Gedanke zwar primitiver, aber doch keineswegs niedrigstehender tapferer und freiheitliebender Dergstämme jetzt niedergeschlagen worden. Der Krieg ist wenigstens vorläufig zu Ende, die ganze Marokkofrage tritt in eine neue Phase. Aber keineswegs stehen damit Spanien und Frankreich schon am Ziel ihrer Wünsche. Richt Spanien vor der vollen Sicherheit des Kolonialbesitzes, für den es so viele Opfer gebracht hat. und nicht Frankreich vor dem Ziele, das der französischen Kolonialpolitik immer vorschwebte, nämlich die einzelnen Stücke im Rordwesten des afrikanischen Kontinents zu einem ganz einheitlichen Kolonialreich zu verschmelzen und damit erst nach der Wirtschafts-, wie der Devölkerungsseite (force noire!) nutzbar zu machen. Im Gegenteil beginnen jetzt für Spanien und Frankreich neue Schwierigkeiten, und darum bleibt die Marokkofrage auch für das übrige Europa, auch für uns. von zwar mittelbarem, aber doch sehr starkem Interesse.
Denn an ihr spannen sich die Verhältnisse der vier beteiligten Mächte. Spaniens. Frankreichs. Englands. Italiens. So gut wie alle Probleme des westlichen Mittelmeeres werben wieder wach. Weder England noch Italien denken daran, ruhig zuzusehen, wenn Frankreich und Spanien nun die Angelegenheiten des Rifs und Marokkos endgültig unter sich regeln. Englands Stellung in Gibraltar ist bedroht, wenn Spanien und Frankreich entscheidend aus der gegenüberliegenden Küste herrschen. Die Entwicklung des Flugwesens hat sowieso die Bedeutung Gibraltar- mit seinem engen englischen Gebiet herabgemindert. England braucht eine Vasallitäts- zone auf der andern Seite, die dann eben nur Spanien sein könnte Frankreich aber möchte, wie gesagt, soviel wie möglich von Marokko ganz für sich haben und behauptet natürlich, durch den Kampf und seine Erfolge auch einen Anspruch darauf gewonnen zu haben.
Ferner Italien: An sich will es in Marokko nichts, aber, wo es um afrikanische Kolonialfragen geht, will es dabei sein. Die Fahrt Mussolinis hat das mit einer großen Geste den anderen Westmächten gezeigt. Die Zurücksetzung in der Verteilung der afrikanischen Kolonialmandate wird betont, der große Bevölkerungsüberschuß drängt nach außen. Es ist überall Rivale
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für tvberhefsen)
Samstag, 5. Juni 1926
von Frankreich. Man denke nur an Tunis, das französisch ist, aber in das italienische Grnwan- wandcrung ununterbrochen fließt.
Bisher ist es gelungen, diese Maroktopolitik Spaniens und Frankreichs an der Akte von Algeciras und an dem Statut von Tanger gewissermaßen vorbeizuführen. Run, wo die Friedensregelung. die ßiquibierung beginnen soll, ist das nicht nrfrr möglich. Irgendwie berührt selbstverständlich das Risstatut. das Frankreich erlassen will, um seinen Anspruch mit der nun einmal nicht zu umgehenden Quasifreiheit der Rifleute zu versöhnen, jene internationalen Regelungen und Bestimmungen über Marokko. Und wesentlichste Interessen zwingen geradezu England wie Italien, sich bei der Regelung der Frage nicht ausschalten zu lassen Damit wird die Marokkofrage von einem französisch-spanischen Kolonialkrieg wieder #u einer internationalen Frage ersten Ranges.
Schon bei dieser flüchtigen Betrachtung aber zeigt sich, wie sehr da die Interessen gegeneinander gehen. Bereits die von Spanien und Frankreich sind nicht leicht zu vereinigen. Roch schwieriger ist es mit den englischen und am schwersten mit den italienischen, weil ja niemand recht weiß, wo Mussolini nun eigentlich diese Interessen wirklich sucht. Es liegt auf der Hand, daß die damit wieder einsetzende Erörterung aus die Kräfteverteilung im westlichen Mittelmeer und auf das Verhältnis der beteiligten Mächte sehr stark zurückwirken muß, und daß sich daraus ganz von selbst Schlußfolgerungen ergeben für die Stellung dieser Mächte im europäischen Konzern überhaupt. Und da liegt eben das Interesse an dieser Frage für das übrige Europa, insonderheit auch für uns.
Darüber hinaus sind keine deutschen Interessen vorhanden. Am 1. Juli sind es 15 Jahre, daß der „Panther" in die Ducht von Agadir ein- fuhr und damit wird die Erinnerung an die deutsche Marokkopolitik vor dem Kriege wieder wach, die fast durchgängig für uns wenig erfreulich ist. Der Kriegsausgang hat Deutschland auch aus dieser Frage, aus den Abmachungen von Madrid und Algeciras, aus Marokko herausge- schleudert. Heute, da die Marokkofrage wieder akut wird, wollen wir geradezu froh fein, daß wir daran nicht beteiligt sind. Wir werden aufs schärfste nach diesem Rordwestwinkel Afrikas weiterhin sehen, um zu verfolgen, wie die Auseinandersetzungen dort, wie auf die Stellung der Mächte Europas überhaupt zurück- toirren, aber direkt beteiligt und interessiert sind wir an all diesen Fragen heute nicht.
Sie können indes noch weitere Kreise ziehen. Denn ausgeschlossen ist es nicht, daß Mussolini an der Marokkofrage die afrikanische Kolonial f r a g e überhaupt aufrollt. Ob er in dieser Beziehung bestimmte Vorstellungen oder Absichten hat, weiß niemand, weih vermutlich er selbst auch noch nicht. Aber er hat die Welt schon laut genug darauf aufmerksam gemacht, daß Italien koloniale Ziele verfolge. Und so wäre durchaus möglich, daß die Auseinander^hung um die Marokkofrage sich verschlänge mit einer Auseinandersetzung über die afrikanischen Kolonial- manöate. Träfe das zusammen mit dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, so eröffnen sich ganz von selbst auch für die deutsche Politik Aussichten und Qlufgaben, auf die man sich heute schon in genauer Verfolgung dieser nordafrikanischen Vorgänge einstellen soll.
Der Refervemann.
In Genf ist ein für die allgemeine Abrüstung bedeutungsvoller Beschluß zustande gekommen, der geeignet ist, die später einzuberufende Abrüstungskonferenz in eine ganz andere als die ursprünglich beabsichtigte Richtung zu drängen, nämlich in die der Vorbereitung eines neuen und vielleicht noch intensiveren Wettrüstens als bisher. Die Unterkommission A hat gegen den Widerstand der Vereinigten Staaten von Amerika, England, Deutschlands und Bulgariens beschlossen, aus dem Begriff der Friedensrüstung die gesamten militärischen Reserven eines Landes, also Kriegsmaterial, Schiffe und Reservemannschaften herauszulassen. Für diesen Beschluß stimmten in erster Linie Frankreich, Italien und Japan. Alle drei Staaten verfügen heute
Llbgesprengt von diesem großen weiten Mittelpunkt von Paris ist einzig der berühmte Stadtteil Montmartre, dieses seltsame Gemisch aus einem Viertel der Künstler und Abenteurer, des Glanzes und des Elends, der erregten Rächte und der verträumten, lyrischen Verlassenheit über Tag. Jedesmal, wenn wir, in der Reihe von Automobilen, nebeneinandergedrängt, einen Augenblick abwarten, um in den zur Rachtzeit tote ein Meer bewegten Hauptboulevard dieses Viertels einzubiegen, überfällt einen ein seltsames Mitschwingen und Erschauern. Die in elektrischem Licht strahlenden, roten Mühlenflügel des weltberühmten Moulin Rouge, drehen sich unaufhörlich. Wir kommen nur schrittweise vorwärts, so sehr ist die Straße mit Automobilen verstopft. Es ist der Platz, wo allnächtlich der ganze Fremdenverkehr zusammenströmt. Hier besucht man die riesige Singspielhalle, mit ihren — trotz der Inflation — für den Ausländer teuren Plätzen und sieht dem Siegeszug der englischen Tanzgirls zu, die sich auch das sonst so konservative Paris erobert haben. An den Hauptfaal schließt sich ein glanzvoller Komplex von Rebenräumen, in denen während der ganzen Vorstellung ein unaufhörliches Menschengewoge herrscht und die vom eigentlichen Zuschauerraum abgetrermt sind. Man beginnt um J/21O ilfrr zu spielen und hört gegen '/°1 Ahr nachts auf. Dann geht man essen und erst hinterher, etwa zwischen zwei und drei Ahr morgens, erreicht das Leben auf dem Montmartre feinen Höhepunkt. Stiller ist es nur dem Moulin Rouge gegenüber in dem alten Zirkus Medrano, in Sem sich einst der Sammelpunkt vieler Habitues befand, und in welchem man nunmehr rückwärtig jener Zeit gedenkt, die Hermann Dang in seinen Erzählungen vom Leben des fahrenden Volkes mit so charakteristischer Färbung und Luft für immer eingefangen und verewigt hat.
©infam und abgelegen wie ein winterliches Strandbad erscheint der Montmartre in den Vormittagsstunden. Von der Plattform der Kirche Sacr£ Coeur fällt dieser Berg, an vielen Stellen noch unbepflanzt, mit festgetretenem Sand und verbrochenen Bretterzäunen, durch welche Kinder hindurch kriechen, überall nach Paris ab. Er stürzt hinab in das Meer dieser großen Stadt, die von allen Seiten um ihn gelagert ist. Es
über die bedeutendsten mllitärischen Reserven, die so gewaltig sind, daß allein schon ihre gänzliche Beseitigung viel werwoller als die Beschränkung der Friedensrüstung ist. Em paar Ziffern erklären am besten, welche Gefahr der Rcseroemann nicht nur für den europäischen, sondern für den Weltfrieden überhaupt barftelü. Frankreich, das die größte Friedensstärke mit 738 000 Mann aufweist, besitzt nicht weniger als 3,5 Millionen Mann an Reserven. Ebenso groß ist die Zahl der italienischen Reservisten. Roch höher die der japanischen, die auf vier Millionen errechnet wird, während der Vasall Frankreichs, Polen, 2,4 Millionen Mann an Reserven im Kriegsfall mobil machen und ins Feld schicken kann. Die Friedensstärken sind angesichts dieser Reservearmeen verhältnismäßig gering. Darum wirft das Verhalten Frankreichs, Italiens und Japans ein bezeichnendes Licht auch auf die Friedensliebe dieser Staaten, die sich auf das energischste gegen die Antastung ihrer Reservebestände verwahrt haben.
Da gleichzeitig auch das Reseroekriegsmaterial auf der Abrüstungskonferenz nicht zur Debatte gestellt werden soll, erscheint es überhaupt zwecklos, eine Konferenz zur Beschränkung der Rüstungen einzuberufen. Welchen Zweck hat es, die Zahl der aktiven französischen Flugzeuge von 1700 wesentlich herabzusetzen, wenn die 3500 Reserveflugzeuge nicht angetastet werden dürfen, vielmehr noch .um die Zahl der verminderten aktiven Kampfapparate erhöht werden können. Schließlich kann doch jede Kriegsgefahr nur dann wirkungsvoll bekämpft werden, wenn auch die Rüstung wie die Zahl der Reservisten vermindert wird. Die Unterkommission in Genf ist aber in ihrer überwiegenden Mehrheit anderer Meinung gewesen und hat auch dementsprechend beschlossen. Immerhin ist Deutschland nicht allein in der Opposition geblieben, sondern auch Amerika und England. Und das will doch schon etwas heißen, zumal die Engländer und Amerikaner bei den bisher stattgehabten Kriegsschuldenregelungen feftftellen mußten, welche phantastischen Summen sie an Frankreich und dessen Vasallen verloren haben, die von diesen zur Modernisierung und zum Ausbau ihres Rüstungsapparates verwendet worden sind, mit dem sie wiederum jetzt den europäischen Frieden bedrohen. Die Amerikaner und Engländer sind aber auch heute noch die Weltbankiers, die in Zukunft Staaten wie Frankreich und Italien geaeniiber, die nur darauf sinnen, wie sie durch neue Kriege die politische und wirtschaftliche Ordnung Europas stören können, eine etwas größere Zurückhaltung als bisher, an den Tag legen werden.
Der Platz der Revolutionen.
Don unserem ks.-Derichterstatter.
(Rachdruck. auch mit Quellenangabe, verboten.)
Lissabon, Ende Mai 1926.
Weit in die azurne Bläue des Atlantic sendet der Tajo seine schlammig gelbbraunen Fluten hinaus. Wie durch einen scharfen Strich werden die Wasser des Flusses vom Ozean geschieben, und ehe noch das Auge die breite Tajvmündung zu unterscheiden vermag, umspielen schon Süßtoasser den Kiel des Schiffes, bas sich ber portugiesischen Küste nähert. Wer bie berühmten Einfahrten von Reapel. von Konstantinopel und selbst von Rio kennt, wird die Fahrt über die „Rada de Lisboa" keineswegs an letzter Stelle nennen, wenn er ihre Schönheiten aufzählt. Schon von ferne über bas Flachland ber Mündung hinweg sieht man die weihen Zinnen der auf Hügeln erbauten Stadt umkränzt von einem saftigen Grün, das doppelt grün und doppelt saftig wirkt angesichts der baumlosen und verbrannten Hochebene, bie hinter der Küste aufsteigt. Wenn der Mensch ein Produkt seines Milieus wäre, so müßten hier glückliche und vor allem zufriedene Menschen wohnen...
Da sagt hinter mir der Engländer zum Kapitän, der gerade vorbeigeht, um den Lotsen zu empfangen: „Werden wir diesmal wieder Revo- lution in Lissabon haben?"
Der zuckt die Achseln: „Februar und August sind eigentlich die Monate, in denen Revolutton in Lissabon sozusagen programmäßig ist. Diese Termine kann man ruhig in den Reiseführer auf- nehmen, denn ich fahre m>ch längst keine zwanzig
ist schön, aus der Licht- und Sonnenfülle dieses Blickes in die Basilika, die sich hinter einem befindet, zurückzutreten, in welcher ganz leise, in einer entfernten Ecke ihres großen Raumes, das verlorene Gemurmel von Detern tönt. Mit träumerischen Gedanken betritt man von hier aus den in der Rahe gelegenen großen Friedhof Montmartre, eine eigene Stadt der Toten, mitten in ber Stadt der Lebenden. Heinrich Heines Grabstein liegt hier, ferner die Denkmäler unendlich vieler Herzoginnen, deren Hamen man aus französischen Romanen kennt, zahlloser Dichter und Künstler mit wohlvertrautem Klang, und vieler Erscheinungen der französischen Geschichte.
Man begegnet in der ganzen Stadt historischen Dingen, wohin man tritt. Der Deutsche, als Sohn eines Volkes, dessen Kultur in siebzig, ja hundert Kanälen und Städten sich einzeln bewahrt hat, kann nur einen (Begriff von der ganz gewaltigen, geschichtlichen Anhäufung in Paris bekommen, wenn er sich vorstellt, daß diese Kanäle und Städte seines eigenen Landes, daß Weimar und Rürnberg. Rheinland und Preußen. Hansa und Bayern, Hans Sachs. Goethe. Dach und Friedrich der Große in ihren Wirkungen ebenfalls auf nur einem Punkte Deutschlands zusammengekommen wären und dort ihr Dasein gelebt hätten. Man hört noch heute das Geläut der Glocken der Kirche von Saint- Germain-PAuxerrois. ber Pfarrkirche der Könige, die 1572 bas Zeichen zur Bartholomäusnacht gab. Man macht seine Einkäufe unter Arkaben. welche die Kavaliechäufer des Hofadels umziehen. ber zu Ludwigs XIII. Zeit aus dem Elsaß und der Provence hier zummenströmte. Man durchstreift die Gänge des Palais Royal, wo Richelieu und die Herzöge von Orleans hausten. Eben noch ist man in Franz I. Zeit, und wieder auf dem Place de la Concorde, wo während der großen Revolution die Köpfe von 3000 Personen Nelen. Hundertfach stößt man auf Bonapartes Romen. Weniger auf den dritten Rapvleon. obwohl dessen Seinepräsekt Haußmann zum erstenmal Weltstädtisches für Paris leistete.
Drei Dinge fallen einem bei diesen Stabt» Wanderungen als besondere Kennzeichen auf: Zunächst, daß der reiche und vornehme Pariser von heule noch immer die alten Gebäude und
Jahre diesen Kurs und habe doch schon mein gutes Duyend portugiesischer Revolutionen mit erlebt!“
So unrecht hat der gute alte Kapitän nicht, denn lailääüich vergeht faum ein Jahr, besonders feit jenem 1. Februar 1906. an dem der König Carlos 1 und fein erftgeborener Sohn einem Dombenattentat auf dem Praco do Commercio zum Opfer fielen, in dem ittcht neue Aufstände, die sich fast vorwiegend in ber Haupt- stabt abspielen. das Land erschüttern.
Dieser Praca do Commercio ist in ber Tat ber Platz ber Revolutionen, und babei boch einer ber schönsten Plätze, bie man irgendwo in der Welt findet. Vorn öffnet er sich mit breiter Seetreppe zur Reede hin. auf ber bie großen Dampfer gewöhnlich liegen bleiben, weil ber Fluh an ben Quais mehr und mehr ver- fanbet. Rechts unb links rahmen ihn langgestreckte, mit Vorhallen gefchmückte Gebäude ein, bie überall Schießspuren zeigen, unb so von den blutigen Kämpfen zwilchen den jeweiligen Ausständischen unb den jeweiligen Regierungstruppen erzählen. Das ist nämlich das Charakteristikum ber politischen Lage in Portugal, baß alles nur jeweilig ist. Die Regierung ist nur jeweilig an ber Macht, und zwar solange, wie es ihr gelingt, und Ihr genügend Truppen folgen, bie jeweilige Opposition, bie, wenn die gesährlichen Monate kommen. schon traditionell den bewaffneten Aufstand anzettelt, von ber Macht fernzuhalten
Obwohl manche biefer Aufstände auf bas Kasernenviertel beschränkt bleiben, scheinen beibe Parteien von bem Ehrgeiz beherrscht zu fein, sich auf ber historischen Stätte jenes Attentates wenigstens eine Demonstrattonsschlacht zu liefern, die dann vom Tajo aus gesehen wie auf einer gut gestellten Bühne, die im Hintergrund von einem Triumphbogen überwölbt wirb, vor sich geht. And so haben denn auch alle diese portugiesischen Revolutionen äußerlich etwas durchaus Spielerisches, gewiß aber etwas Inszeniertes an sich, und tatsächlich find es auch keine Aufstände, die aus der Leidenschaft einer politisch erregten Volksmasse erwachsen, sondern Putsch" bei denen irgendein GeschäftSpolittker auf den Alarmknvpf drückt, weil er ber Meinung ist, daß nun jetzt seine Zeit gekommen ist.
Das portugiesische Volk selbst ist reichlich unpolittsch. Besteht es doch heute noch zum erschreckend großen Teil aus Analphabeten, die bei einer Wahl oder auch bei einer Revolution kritiklose Opfer irgenbe'ner demagogischen Parole sind, oder die, was meistens der Fall ist. sich für ein Stück Brot und einen Fisch bestechen und. wenn es nottut. in einen blutigen Kamps führen lassen. Einmal hat Portugal eine Zeit gehabt, wo es schien, als ob es sich wieder zu einem Staate im europäischen Sarne entwickeln könnte Das war anfangs der neunziger Jahre, da de> damals noch junge König Carlos versuchte, auf den großen Kolonialbesitz gestützt, das Land ber drückenden Vormundschaft Englands zu entziehen. Aber Eirgland war wachsam und gebot dem portugiesischen Vormarsch in Afrika, der ben Zweck hatte, die portugiesischen Kolonien zu verbinden und zusammenzufassen, ein brutales Halt Von diesem Schlag, der die ohnedies zerrütteten finanziert en Verhältnisse einer Katastrophe nabe brachte, hat sich Portugal niemals wieder erholt, unb König Carlos hat von seinem eigenen Volke eine blutige Quittung für sein großes nationales Wollen erhalten. Ist es nicht bezeichnend, daß das monarchische England zwar den fliehenden Rachfolger des König Carlos, Manuel 11., ausnahm, aber doch die Rutznießer dieses Königs- mordes, die republikan schen Führer, und unter ihnen den ersten Präsidenten, Theophilo Braga, ohne weiteres anerkannte und das sogenannte Bündnis mit ihnen fortsetzte. Wer weiß, in wie vielen dieser sich termingemäß wiederholenden Aufstande England seine Hand im Spiele hat? Wenn es auch in Portugal leicht ist. eine Revolutton zu machen — man braucht nur das durch Parteipvlitik zerrissene Heer in die Hand zu nehmen und die eine Grupve gegen die andere auszuspielen —. so gehört doch in jedem Falle zu einem solchen Unternehmen etwas Geld. Portugal selbst ist arm und die Herren Geschäfts- Politiker treiben die Politik ja auch nur. um
berühmten Boulevards wirklich bewohnt. Sein Leben vollzieht sich in der Stabt, er bleibt wirklich Pariser. Die von England gekommene Mode, draußen in Villenvororten zu wohnen und die City nur als Wirlungsseld für die geschäftlichen Anternehmungen zu betrachten, ist ihm vollkommen fremd. (Der Festungsgürtel mag dazu beigetragen haben, und der abseits vom Ma- fchincnzeitalter laufende Geist der Stadt überhaupt). Sodann nimmt einen wunder, mit welchem objektiv geschichtlichen Sinn Paris das ganze Geschehen seines Landes feit 1270 in seinen Mauern aufgehäuft hat. Der Pariser vernichtete keine historische Tatsache: er wollte vor dem Auge der Geschichte keinem Ereignis den Garaus machen. So kommt es, daß das gleiche Monument friedlich nebeneinander Ereignisse der verschieden en Revolutionen beherbergt und daneben eine Darstellung der jedesmal einsehenden Restaura- tion. Die Kämpfe bet Communards mit ber Ra- ttonalgarde, während ber Belagerung von 1870, sinb in der öffentlichen Plastik ebensowenig verschwiegen wie bie verschiedenen Beschießungen unb Derennungen, ja RiÄrerlagen der Stadt überhaupt. — Das Drftte, was ausfällt, ist der glückliche Grift, mit bem ber Franzose leeren und pomphaften Gebäuden früherer Zeiten nachträglich ihren eigentlichen Sinn unterlegte, unb ihre ehrfürchtige Bedeutung erschuf. So war der große Dom, den Ludwig XIV. für feine Invaliden gebaut hatte, ein belangloses Prunkstück geworden. Jetzt ist er die Kuppel, die ben Sarg Rapoleons I. überwölbt und bekrönt. So war einst der in antikem Stil gebaute Triumphbogen wohl ein geschichtliches Dokument, aber doch nur eine Nachahmung des Titusbogens in Rom. Heute hat er seine eigentliche Aufgabe erhalten, indem er dos Gebäude wurde, unter dem die Gebeine des unbekannten Soldaten beigeseht wurden.
So fährt man, als Deutscher doppelt merkwürdig bewegt von Vergangenheit und Gegenwart. durch die Straßen von Paris und über die großen Plätze ber Stadt, die tote ein ungeheurer Zierat rings in der Ruick>e um einen gebreitet liegen, im Mittagslicht des noch kühlen, aber doch schon Hellen und farbig belebten Pariser Frühlings.


