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Nr. 129 Zweites Blatt

Fahrten durch Paris.

Don Martin Dorrmann.

Rast der Straßburger Schnellzug durch die Dororte von Paris, so hat man nicht sogleich den Eindruck, sich der Hauptstadt Frankreichs zu nähern. Das ausgedehnte, von Lichtern wim­melnde Schienengelände bleibt sich gleich wie die großen Rangierplätze. die viertelstundenlang zur Seite des unvermindert dahinbrausenden Zuges die Ankunft einer Riesenstadt andeuten. Man könnte sich in der Einbildung wiegen, etwa von Ost» oder Rorddeutschland her in unsere Reichs- Hauptstadt einzufahren. Was dann aber unter dem Bahndamm aufwächst, das ist nicht 'Berlin. Es sind enge, finstere und mit hohen Häusern eingezäunte Straßen, die einen an die phantasti­schen Erlebnisse mit Apachen denken lassen. Es sind dazwischengestrcut, in weißer, blendender Schönheit, ganze Ströme von Licht, ganze Häfen von wimmelndem Leben und glanzvoller Bestrah­lung. Es ist Paris.

Problemreich waren die Gedanken, die dem Deutschen tarnen, der zum ersten Male wieder nach dem Krieg Frankreichs Boden betritt. Sitzt man aber im Auto und genießt die Großartigkeit der ersten Fahrt durch das Paris der zehnten Abendstunde, so weicht bei diesem Rausch von Licht und Beweglichkeit, bei dieser lebensvollen Internatsonalität des Treibens auf den taghellen Boulevards, die vorangegangene Grübelei dem befreiten Jubel des Reisenden, des Genießers seiner Ferien, des gefesselten Betrachters. Das Leben fegt und jagt über die Straßen mit einer Eindringlichkeit, der sich niemand entziehen kann. Das zentrale Viertel ist von einer unaufhörlichen Folge von Automobilen erfüllt, die, oftmals in Gruppen von drei und vier, die Dbulevards ent­lang fliegen, mit dem doppelten und dreifachen Tempo, das in 'Berlin zugelassen ist. Paris hat ja nur ein einziges, riesenhaftes Zentrum, in dem sich sein ganze» Dasein und Pulsieren. Derwal- tung und Handel, Vergnügen und Rachtleben, zu- sammendrängt. Die Zentralisation, die Paris auf ganz Frankreich ausübt, wird hier sozusagen in kleinerem Maßstab noch einmal wiederholt. Cs ist sehr bezeichnend für Deutschland, daß Berlin fcn Mo ei Verkehrs zentren auseinanderfall L

Außenpolitische Umschau.

Don Prof. Dr. Otto Hoetzsch. M. d. R.

Am 26. Mai hat Abd el Krim bedingungs­los kapi-tuliert. Rund ein Jahr hat er Frankreich und Spanien größte Schwierigkeiten bereitet, er­folgreichen Widerstand entgegengesetzt. Und wenn er jetzt der spanisch-französischen Gesamtaktion unterlegen ist. so ist der militärische Ruhm für die Europäer nicht übermäßig groß. Soweit es überhaupt ein Ruhm ist. gehört er den Fran- rosen. denen die Spanier es jetzt verdanken, daß Die Wunde der Marokkokämpfer, seit 1921 un­unterbrochen offen, sich nun für Spanien schließen kann.

Seit 1921 ging dieser Kleinkrieg, dem aus Europa, auch aus Frankreich vielerlei Unter­stützung zugeflossen ist und dessen die Spanier nicht mehr Herr wurden. Durch Abd el Krim wurde er mehr zu einem Freiheitskampf, der alle diese Stämme des Rifs einigte, und der der Befreiung des Landes vom europäischen Protek­torat, vom Kolonialimperialismus der Spanier und der Franzosen galt. Vielleicht auch wirkte dabei die Hoffnung mit, das überhaupt die Be­kenner des Islams über Afrika und Asien hin für diesen Defreiungskamvl aufgerüttelt würden.

Diese Erwartung mußte täuschen. Derglei­chen Vorstellungen sind überhaupt zu den Akten zu legen, als wenn die Anhänger des Islams rrgendwie^ zu einer gemeinsamen Aktion in der Lage oder Willens wären. In Aegypten,_ in Syrien, in Arabien, in der Resttürkei drängt überall der nationale Gedanke, die Sehnsucht nach einem eigenen nationalen Staat stärker hervor und drängt er eine Gemeinsamkeit zurück, die reell schlechterdings nichts mehr bedeutet. Auch die Erörterungen über das Kalifat, die jetzt auf den beiden Kalifaiskongressen in Kairo und Mekka ftattfinben, werden daran nichts ändern.

In Marokko aber ist dieser nationale Ge­danke zwar primitiver, aber doch keineswegs niedrigstehender tapferer und freiheitliebender Dergstämme jetzt niedergeschlagen worden. Der Krieg ist wenigstens vorläufig zu Ende, die ganze Marokkofrage tritt in eine neue Phase. Aber keineswegs stehen damit Spanien und Frankreich schon am Ziel ihrer Wünsche. Richt Spanien vor der vollen Sicherheit des Kolonialbesitzes, für den es so viele Opfer gebracht hat. und nicht Frankreich vor dem Ziele, das der französischen Kolonialpolitik immer vorschwebte, nämlich die einzelnen Stücke im Rordwesten des afrikanischen Kontinents zu einem ganz einheitlichen Kolonial­reich zu verschmelzen und damit erst nach der Wirtschafts-, wie der Devölkerungsseite (force noire!) nutzbar zu machen. Im Gegenteil be­ginnen jetzt für Spanien und Frankreich neue Schwierigkeiten, und darum bleibt die Marokko­frage auch für das übrige Europa, auch für uns. von zwar mittelbarem, aber doch sehr starkem Interesse.

Denn an ihr spannen sich die Verhältnisse der vier beteiligten Mächte. Spaniens. Frank­reichs. Englands. Italiens. So gut wie alle Probleme des westlichen Mittelmeeres werben wieder wach. Weder England noch Italien denken daran, ruhig zuzusehen, wenn Frankreich und Spanien nun die Angelegenheiten des Rifs und Marokkos endgültig unter sich regeln. Englands Stellung in Gibraltar ist bedroht, wenn Spanien und Frankreich entscheidend aus der gegenüber­liegenden Küste herrschen. Die Entwicklung des Flugwesens hat sowieso die Bedeutung Gibral­tar- mit seinem engen englischen Gebiet herab­gemindert. England braucht eine Vasallitäts- zone auf der andern Seite, die dann eben nur Spanien sein könnte Frankreich aber möchte, wie gesagt, soviel wie möglich von Marokko ganz für sich haben und behauptet natürlich, durch den Kampf und seine Erfolge auch einen An­spruch darauf gewonnen zu haben.

Ferner Italien: An sich will es in Ma­rokko nichts, aber, wo es um afrikanische Kolo­nialfragen geht, will es dabei sein. Die Fahrt Mussolinis hat das mit einer großen Geste den anderen Westmächten gezeigt. Die Zurücksetzung in der Verteilung der afrikanischen Kolonial­mandate wird betont, der große Bevölkerungs­überschuß drängt nach außen. Es ist überall Rivale

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für tvberhefsen)

Samstag, 5. Juni 1926

von Frankreich. Man denke nur an Tunis, das französisch ist, aber in das italienische Grnwan- wandcrung ununterbrochen fließt.

Bisher ist es gelungen, diese Maroktopolitik Spaniens und Frankreichs an der Akte von Al­geciras und an dem Statut von Tanger gewisser­maßen vorbeizuführen. Run, wo die Friedens­regelung. die ßiquibierung beginnen soll, ist das nicht nrfrr möglich. Irgendwie berührt selbst­verständlich das Risstatut. das Frankreich er­lassen will, um seinen Anspruch mit der nun einmal nicht zu umgehenden Quasifreiheit der Rifleute zu versöhnen, jene internationalen Re­gelungen und Bestimmungen über Marokko. Und wesentlichste Interessen zwingen geradezu Eng­land wie Italien, sich bei der Regelung der Frage nicht ausschalten zu lassen Damit wird die Marokkofrage von einem französisch-spani­schen Kolonialkrieg wieder #u einer internatio­nalen Frage ersten Ranges.

Schon bei dieser flüchtigen Betrachtung aber zeigt sich, wie sehr da die Interessen gegenein­ander gehen. Bereits die von Spanien und Frankreich sind nicht leicht zu vereinigen. Roch schwieriger ist es mit den englischen und am schwersten mit den italienischen, weil ja niemand recht weiß, wo Mussolini nun eigentlich diese Interessen wirklich sucht. Es liegt auf der Hand, daß die damit wieder einsetzende Erörterung aus die Kräfteverteilung im westlichen Mittelmeer und auf das Verhältnis der beteiligten Mächte sehr stark zurückwirken muß, und daß sich daraus ganz von selbst Schlußfolgerungen ergeben für die Stellung dieser Mächte im europäischen Kon­zern überhaupt. Und da liegt eben das Interesse an dieser Frage für das übrige Europa, in­sonderheit auch für uns.

Darüber hinaus sind keine deutschen Inter­essen vorhanden. Am 1. Juli sind es 15 Jahre, daß derPanther" in die Ducht von Agadir ein- fuhr und damit wird die Erinnerung an die deutsche Marokkopolitik vor dem Kriege wieder wach, die fast durchgängig für uns wenig erfreu­lich ist. Der Kriegsausgang hat Deutschland auch aus dieser Frage, aus den Abmachungen von Madrid und Algeciras, aus Marokko herausge- schleudert. Heute, da die Marokkofrage wieder akut wird, wollen wir geradezu froh fein, daß wir daran nicht beteiligt sind. Wir werden aufs schärfste nach diesem Rordwestwinkel Afri­kas weiterhin sehen, um zu verfolgen, wie die Auseinandersetzungen dort, wie auf die Stel­lung der Mächte Europas überhaupt zurück- toirren, aber direkt beteiligt und interessiert sind wir an all diesen Fragen heute nicht.

Sie können indes noch weitere Kreise ziehen. Denn ausgeschlossen ist es nicht, daß Mussolini an der Marokkofrage die afrikanische Kolo­nial f r a g e überhaupt aufrollt. Ob er in dieser Beziehung bestimmte Vorstellungen oder Ab­sichten hat, weiß niemand, weih vermutlich er selbst auch noch nicht. Aber er hat die Welt schon laut genug darauf aufmerksam gemacht, daß Italien koloniale Ziele verfolge. Und so wäre durchaus möglich, daß die Auseinander^hung um die Marokkofrage sich verschlänge mit einer Aus­einandersetzung über die afrikanischen Kolonial- manöate. Träfe das zusammen mit dem Ein­tritt Deutschlands in den Völkerbund, so er­öffnen sich ganz von selbst auch für die deutsche Politik Aussichten und Qlufgaben, auf die man sich heute schon in genauer Verfolgung dieser nordafrikanischen Vorgänge einstellen soll.

Der Refervemann.

In Genf ist ein für die allgemeine Abrüstung bedeutungsvoller Beschluß zustande gekommen, der geeignet ist, die später einzuberufende Abrüstungs­konferenz in eine ganz andere als die ursprünglich beabsichtigte Richtung zu drängen, nämlich in die der Vorbereitung eines neuen und vielleicht noch intensiveren Wettrüstens als bisher. Die Unter­kommission A hat gegen den Widerstand der Ver­einigten Staaten von Amerika, England, Deutsch­lands und Bulgariens beschlossen, aus dem Begriff der Friedensrüstung die gesamten militärischen Reserven eines Landes, also Kriegsmaterial, Schiffe und Reservemannschaften herauszulassen. Für diesen Beschluß stimmten in erster Linie Frankreich, Ita­lien und Japan. Alle drei Staaten verfügen heute

Llbgesprengt von diesem großen weiten Mit­telpunkt von Paris ist einzig der berühmte Stadt­teil Montmartre, dieses seltsame Gemisch aus einem Viertel der Künstler und Abenteurer, des Glanzes und des Elends, der erregten Rächte und der verträumten, lyrischen Verlassenheit über Tag. Jedesmal, wenn wir, in der Reihe von Automobilen, nebeneinandergedrängt, einen Au­genblick abwarten, um in den zur Rachtzeit tote ein Meer bewegten Hauptboulevard dieses Vier­tels einzubiegen, überfällt einen ein seltsames Mitschwingen und Erschauern. Die in elektrischem Licht strahlenden, roten Mühlenflügel des welt­berühmten Moulin Rouge, drehen sich unauf­hörlich. Wir kommen nur schrittweise vorwärts, so sehr ist die Straße mit Automobilen verstopft. Es ist der Platz, wo allnächtlich der ganze Frem­denverkehr zusammenströmt. Hier besucht man die riesige Singspielhalle, mit ihren trotz der Inflation für den Ausländer teuren Plätzen und sieht dem Siegeszug der englischen Tanz­girls zu, die sich auch das sonst so konservative Paris erobert haben. An den Hauptfaal schließt sich ein glanzvoller Komplex von Rebenräumen, in denen während der ganzen Vorstellung ein unaufhörliches Menschengewoge herrscht und die vom eigentlichen Zuschauerraum abgetrermt sind. Man beginnt um J/21O ilfrr zu spielen und hört gegen '/°1 Ahr nachts auf. Dann geht man essen und erst hinterher, etwa zwischen zwei und drei Ahr morgens, erreicht das Leben auf dem Montmartre feinen Höhepunkt. Stiller ist es nur dem Moulin Rouge gegenüber in dem alten Zirkus Medrano, in Sem sich einst der Sammel­punkt vieler Habitues befand, und in welchem man nunmehr rückwärtig jener Zeit gedenkt, die Hermann Dang in seinen Erzählungen vom Leben des fahrenden Volkes mit so charakteristischer Färbung und Luft für immer eingefangen und verewigt hat.

©infam und abgelegen wie ein winterliches Strandbad erscheint der Montmartre in den Vormittagsstunden. Von der Plattform der Kirche Sacr£ Coeur fällt dieser Berg, an vielen Stellen noch unbepflanzt, mit festgetretenem Sand und verbrochenen Bretterzäunen, durch welche Kin­der hindurch kriechen, überall nach Paris ab. Er stürzt hinab in das Meer dieser großen Stadt, die von allen Seiten um ihn gelagert ist. Es

über die bedeutendsten mllitärischen Reserven, die so gewaltig sind, daß allein schon ihre gänzliche Beseitigung viel werwoller als die Beschränkung der Friedensrüstung ist. Em paar Ziffern erklären am besten, welche Gefahr der Rcseroemann nicht nur für den europäischen, sondern für den Welt­frieden überhaupt barftelü. Frankreich, das die größte Friedensstärke mit 738 000 Mann aufweist, besitzt nicht weniger als 3,5 Millionen Mann an Reserven. Ebenso groß ist die Zahl der italienischen Reservisten. Roch höher die der japanischen, die auf vier Millionen errechnet wird, während der Vasall Frankreichs, Polen, 2,4 Millionen Mann an Re­serven im Kriegsfall mobil machen und ins Feld schicken kann. Die Friedensstärken sind angesichts dieser Reservearmeen verhältnismäßig gering. Dar­um wirft das Verhalten Frankreichs, Italiens und Japans ein bezeichnendes Licht auch auf die Frie­densliebe dieser Staaten, die sich auf das energischste gegen die Antastung ihrer Reservebestände ver­wahrt haben.

Da gleichzeitig auch das Reseroekriegsmaterial auf der Abrüstungskonferenz nicht zur Debatte ge­stellt werden soll, erscheint es überhaupt zwecklos, eine Konferenz zur Beschränkung der Rüstungen einzuberufen. Welchen Zweck hat es, die Zahl der aktiven französischen Flugzeuge von 1700 wesentlich herabzusetzen, wenn die 3500 Reserveflugzeuge nicht angetastet werden dürfen, vielmehr noch .um die Zahl der verminderten aktiven Kampfapparate er­höht werden können. Schließlich kann doch jede Kriegsgefahr nur dann wirkungsvoll bekämpft werden, wenn auch die Rüstung wie die Zahl der Reservisten vermindert wird. Die Unterkommission in Genf ist aber in ihrer überwiegenden Mehrheit anderer Meinung gewesen und hat auch dement­sprechend beschlossen. Immerhin ist Deutschland nicht allein in der Opposition geblieben, sondern auch Amerika und England. Und das will doch schon etwas heißen, zumal die Engländer und Ameri­kaner bei den bisher stattgehabten Kriegsschulden­regelungen feftftellen mußten, welche phantastischen Summen sie an Frankreich und dessen Vasallen ver­loren haben, die von diesen zur Modernisierung und zum Ausbau ihres Rüstungsapparates ver­wendet worden sind, mit dem sie wiederum jetzt den europäischen Frieden bedrohen. Die Amerikaner und Engländer sind aber auch heute noch die Welt­bankiers, die in Zukunft Staaten wie Frankreich und Italien geaeniiber, die nur darauf sinnen, wie sie durch neue Kriege die politische und wirtschaftliche Ordnung Europas stören können, eine etwas grö­ßere Zurückhaltung als bisher, an den Tag legen werden.

Der Platz der Revolutionen.

Don unserem ks.-Derichterstatter.

(Rachdruck. auch mit Quellenangabe, verboten.)

Lissabon, Ende Mai 1926.

Weit in die azurne Bläue des Atlantic sendet der Tajo seine schlammig gelbbraunen Fluten hin­aus. Wie durch einen scharfen Strich werden die Wasser des Flusses vom Ozean geschieben, und ehe noch das Auge die breite Tajvmündung zu unterscheiden vermag, umspielen schon Süßtoasser den Kiel des Schiffes, bas sich ber portugiesischen Küste nähert. Wer bie berühmten Einfahrten von Reapel. von Konstantinopel und selbst von Rio kennt, wird die Fahrt über dieRada de Lisboa" keineswegs an letzter Stelle nennen, wenn er ihre Schönheiten aufzählt. Schon von ferne über bas Flachland ber Mündung hinweg sieht man die weihen Zinnen der auf Hügeln erbauten Stadt umkränzt von einem saftigen Grün, das doppelt grün und doppelt saftig wirkt angesichts der baumlosen und verbrannten Hochebene, bie hinter der Küste aufsteigt. Wenn der Mensch ein Produkt seines Milieus wäre, so müßten hier glückliche und vor allem zufriedene Menschen wohnen...

Da sagt hinter mir der Engländer zum Kapi­tän, der gerade vorbeigeht, um den Lotsen zu empfangen:Werden wir diesmal wieder Revo- lution in Lissabon haben?"

Der zuckt die Achseln:Februar und August sind eigentlich die Monate, in denen Revolutton in Lissabon sozusagen programmäßig ist. Diese Termine kann man ruhig in den Reiseführer auf- nehmen, denn ich fahre m>ch längst keine zwanzig

ist schön, aus der Licht- und Sonnenfülle dieses Blickes in die Basilika, die sich hinter einem be­findet, zurückzutreten, in welcher ganz leise, in einer entfernten Ecke ihres großen Raumes, das verlorene Gemurmel von Detern tönt. Mit träumerischen Gedanken betritt man von hier aus den in der Rahe gelegenen großen Friedhof Montmartre, eine eigene Stadt der Toten, mit­ten in ber Stadt der Lebenden. Heinrich Heines Grabstein liegt hier, ferner die Denkmäler un­endlich vieler Herzoginnen, deren Hamen man aus französischen Romanen kennt, zahlloser Dich­ter und Künstler mit wohlvertrautem Klang, und vieler Erscheinungen der französischen Ge­schichte.

Man begegnet in der ganzen Stadt histori­schen Dingen, wohin man tritt. Der Deutsche, als Sohn eines Volkes, dessen Kultur in siebzig, ja hundert Kanälen und Städten sich einzeln bewahrt hat, kann nur einen (Begriff von der ganz gewaltigen, geschichtlichen Anhäufung in Paris bekommen, wenn er sich vorstellt, daß die­se Kanäle und Städte seines eigenen Landes, daß Weimar und Rürnberg. Rheinland und Preußen. Hansa und Bayern, Hans Sachs. Goethe. Dach und Friedrich der Große in ihren Wirkungen ebenfalls auf nur einem Punkte Deutschlands zusammengekommen wären und dort ihr Dasein gelebt hätten. Man hört noch heute das Geläut der Glocken der Kirche von Saint- Germain-PAuxerrois. ber Pfarrkirche der Könige, die 1572 bas Zeichen zur Bartholomäusnacht gab. Man macht seine Einkäufe unter Arkaben. welche die Kavaliechäufer des Hofadels um­ziehen. ber zu Ludwigs XIII. Zeit aus dem Elsaß und der Provence hier zummenströmte. Man durchstreift die Gänge des Palais Royal, wo Richelieu und die Herzöge von Orleans hausten. Eben noch ist man in Franz I. Zeit, und wieder auf dem Place de la Concorde, wo während der großen Revolution die Köpfe von 3000 Personen Nelen. Hundertfach stößt man auf Bonapartes Romen. Weniger auf den dritten Rapvleon. ob­wohl dessen Seinepräsekt Haußmann zum ersten­mal Weltstädtisches für Paris leistete.

Drei Dinge fallen einem bei diesen Stabt» Wanderungen als besondere Kennzeichen auf: Zu­nächst, daß der reiche und vornehme Pariser von heule noch immer die alten Gebäude und

Jahre diesen Kurs und habe doch schon mein gutes Duyend portugiesischer Revolutionen mit er­lebt!

So unrecht hat der gute alte Kapitän nicht, denn lailääüich vergeht faum ein Jahr, be­sonders feit jenem 1. Februar 1906. an dem der König Carlos 1 und fein erftgeborener Sohn einem Dombenattentat auf dem Praco do Commercio zum Opfer fielen, in dem ittcht neue Aufstände, die sich fast vorwiegend in ber Haupt- stabt abspielen. das Land erschüttern.

Dieser Praca do Commercio ist in ber Tat ber Platz ber Revolutionen, und babei boch einer ber schönsten Plätze, bie man irgendwo in der Welt findet. Vorn öffnet er sich mit breiter Seetreppe zur Reede hin. auf ber bie großen Dampfer gewöhnlich liegen bleiben, weil ber Fluh an ben Quais mehr und mehr ver- fanbet. Rechts unb links rahmen ihn lang­gestreckte, mit Vorhallen gefchmückte Gebäude ein, bie überall Schießspuren zeigen, unb so von den blutigen Kämpfen zwilchen den je­weiligen Ausständischen unb den jeweiligen Re­gierungstruppen erzählen. Das ist nämlich das Charakteristikum ber politischen Lage in Por­tugal, baß alles nur jeweilig ist. Die Re­gierung ist nur jeweilig an ber Macht, und zwar solange, wie es ihr gelingt, und Ihr ge­nügend Truppen folgen, bie jeweilige Oppo­sition, bie, wenn die gesährlichen Monate kom­men. schon traditionell den bewaffneten Auf­stand anzettelt, von ber Macht fernzuhalten

Obwohl manche biefer Aufstände auf bas Kasernenviertel beschränkt bleiben, scheinen beibe Parteien von bem Ehrgeiz beherrscht zu fein, sich auf ber historischen Stätte jenes Atten­tates wenigstens eine Demonstrattonsschlacht zu liefern, die dann vom Tajo aus gesehen wie auf einer gut gestellten Bühne, die im Hintergrund von einem Triumphbogen überwölbt wirb, vor sich geht. And so haben denn auch alle diese portugiesischen Revolutionen äußerlich etwas durchaus Spielerisches, gewiß aber etwas Insze­niertes an sich, und tatsächlich find es auch keine Aufstände, die aus der Leidenschaft einer politisch erregten Volksmasse erwachsen, sondern Putsch" bei denen irgendein GeschäftSpolittker auf den Alarmknvpf drückt, weil er ber Mei­nung ist, daß nun jetzt seine Zeit gekommen ist.

Das portugiesische Volk selbst ist reichlich unpolittsch. Besteht es doch heute noch zum erschreckend großen Teil aus Analphabeten, die bei einer Wahl oder auch bei einer Revolution kritiklose Opfer irgenbe'ner demagogischen Parole sind, oder die, was meistens der Fall ist. sich für ein Stück Brot und einen Fisch bestechen und. wenn es nottut. in einen blutigen Kamps führen lassen. Einmal hat Portugal eine Zeit gehabt, wo es schien, als ob es sich wieder zu einem Staate im europäischen Sarne entwickeln könnte Das war anfangs der neunziger Jahre, da de> damals noch junge König Carlos versuchte, auf den großen Kolonialbesitz gestützt, das Land ber drückenden Vormundschaft Englands zu entziehen. Aber Eirgland war wachsam und gebot dem portugiesischen Vormarsch in Afrika, der ben Zweck hatte, die portugiesischen Kolonien zu ver­binden und zusammenzufassen, ein brutales Halt Von diesem Schlag, der die ohnedies zerrütteten finanziert en Verhältnisse einer Katastrophe nabe brachte, hat sich Portugal niemals wieder erholt, unb König Carlos hat von seinem eigenen Volke eine blutige Quittung für sein großes nationales Wollen erhalten. Ist es nicht bezeichnend, daß das monarchische England zwar den fliehenden Rachfolger des König Carlos, Manuel 11., aus­nahm, aber doch die Rutznießer dieses Königs- mordes, die republikan schen Führer, und unter ihnen den ersten Präsidenten, Theophilo Braga, ohne weiteres anerkannte und das sogenannte Bündnis mit ihnen fortsetzte. Wer weiß, in wie vielen dieser sich termingemäß wiederholenden Aufstande England seine Hand im Spiele hat? Wenn es auch in Portugal leicht ist. eine Revo­lutton zu machen man braucht nur das durch Parteipvlitik zerrissene Heer in die Hand zu nehmen und die eine Grupve gegen die andere auszuspielen. so gehört doch in jedem Falle zu einem solchen Unternehmen etwas Geld. Por­tugal selbst ist arm und die Herren Geschäfts- Politiker treiben die Politik ja auch nur. um

berühmten Boulevards wirklich bewohnt. Sein Leben vollzieht sich in der Stabt, er bleibt wirk­lich Pariser. Die von England gekommene Mode, draußen in Villenvororten zu wohnen und die City nur als Wirlungsseld für die geschäftlichen Anternehmungen zu betrachten, ist ihm voll­kommen fremd. (Der Festungsgürtel mag dazu beigetragen haben, und der abseits vom Ma- fchincnzeitalter laufende Geist der Stadt über­haupt). Sodann nimmt einen wunder, mit welchem objektiv geschichtlichen Sinn Paris das ganze Geschehen seines Landes feit 1270 in seinen Mauern aufgehäuft hat. Der Pariser vernichtete keine historische Tatsache: er wollte vor dem Auge der Geschichte keinem Ereignis den Garaus machen. So kommt es, daß das gleiche Monument friedlich nebeneinander Ereignisse der verschie­den en Revolutionen beherbergt und daneben eine Darstellung der jedesmal einsehenden Restaura- tion. Die Kämpfe bet Communards mit ber Ra- ttonalgarde, während ber Belagerung von 1870, sinb in der öffentlichen Plastik ebensowenig ver­schwiegen wie bie verschiedenen Beschießungen unb Derennungen, ja RiÄrerlagen der Stadt überhaupt. Das Drftte, was ausfällt, ist der glückliche Grift, mit bem ber Franzose leeren und pomphaften Gebäuden früherer Zeiten nach­träglich ihren eigentlichen Sinn unterlegte, unb ihre ehrfürchtige Bedeutung erschuf. So war der große Dom, den Ludwig XIV. für feine In­validen gebaut hatte, ein belangloses Prunk­stück geworden. Jetzt ist er die Kuppel, die ben Sarg Rapoleons I. überwölbt und bekrönt. So war einst der in antikem Stil gebaute Triumph­bogen wohl ein geschichtliches Dokument, aber doch nur eine Nachahmung des Titusbogens in Rom. Heute hat er seine eigentliche Aufgabe er­halten, indem er dos Gebäude wurde, unter dem die Gebeine des unbekannten Soldaten beigeseht wurden.

So fährt man, als Deutscher doppelt merk­würdig bewegt von Vergangenheit und Gegen­wart. durch die Straßen von Paris und über die großen Plätze ber Stadt, die tote ein ungeheurer Zierat rings in der Ruick>e um einen gebreitet liegen, im Mittagslicht des noch kühlen, aber doch schon Hellen und farbig belebten Pariser Früh­lings.