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Mittwoch. 5. Mai 1926
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. Zweites Blatt
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gemacht hat, ergaben, daß der Gelang keine angeborene Eigenschaft ist, sondern zum Teil erst durch Beispiel erlernt wird. Wohl singen solche isoliert aufgejvgenen Vögel. aber die Melodie klingt nur stümperhaft, zum Teil sogar ganz anders als bei den Artaenosien in der Sceiheft. Ich besitze zurzeit einen Stieglitz, den ich zum Studium des Vogel- ge'angs noch im Dunenkleid aus dem Nest nahm und ausiutterte. Dieser Vogel bringt durchaus nicht den charakteristsichen Stieglihgesang, sondern läßt einen ganz entarteten Gelang hören, der an Ammerge- zirpe erinnert. Sogar nicht einmal der Lockton, daS hübsche .stieglit', ist ihm eigen, und man sollte doch eigentlich meinen, daß die festgele^ten Locktöne durch eine jahrtausendlange Gewohnheit zur erblichen Eigenschaft geworden seien. Durch meine Versuche konnte ich seststellen, daß die jungen Vögel draußen in der Freiheit die Melodie des Gesangs sich nicht erst, wenn sie flügge gewoiden sind und selbst zu singen beginnen, aneignen, sondern bisweilen schon im Nest. Sie lauschen dann dem Vortrag des Vaters und nehmen bereits besten Melodie auf. ES ist allo ein großer Unterschied, ob man einen jungen Singvogel erst kurz vor dem Nusfliegen aus dem Nest nimmt, oder bereits in den ersten Lebenslagen. Im letzteren Falle wird der Artgesang verstümpert, im ersteren Falle dagegen nicht oder weniger. Freilich gibt es aizchVogelarien, denen der charakteristische Nrtgesang angeboren ist. Dies ist z. V. bei der Heidelerche der Fall, die, ganz jung aus dem Nest geraubt, später genau ebenso singt wie der in der Freiheit aufgewachsene Vogel. Der Gesang der Heidelerche besteht nur aus wenigen Tönen, die trillernd und flötend vorgetragen werden- So ein* förmig der Gesang auch «st, so klingt er doch ungemein lieblich, wie zartes Glockengeläut. Wenn man bedenkt, daß der Stieglitz seinen auch nur einfachen Gesang erlernen muß, die Heidelerche ihn aber als Erbstück mit auf den Lebensweg bekommt, so ist dieser Unterschied eine sehr auffällige Erscheinung die sich nicht ohne weiteres erklären läßt- Wir sehen also, daß die Biologie unserer heimischen Vögel manches Rätsel birgt, besten Lösung der Forschung noch Vorbehalten ift“
Wie lernt der Vogel sein L ed?
Nuf diese wie auf manche andere Frage gib: der berühmte Ornitho'oge Friedrich von Lucanus im Maiheft von Velhagen & Klas ngS Monatsheften Antwort. Es heißt da: .Versuche, die man neuerdings mit jung d?rn Nest entnommenen und in isolierter Gefangenschaft aufgezogenen Singvögeln
sind der Schmuck einer jeden Dame, haben aber den Hach teil, dass sie leicht Schmutz anneh- men. Sie werden wieder strahlend weiss, wenn sie mit
des damaligen Prinzen, Präsidenten in Compiegne Herbst 1852, die verwegenste und traumhaft schöne Reiterin hinter der Meute, von überlegter Zurückhaltung gegen den zukünftigen Kaiser, dessen sonstige Verbindungen erst gelöst werden mußten, ehe Eugenie ihre Pläne reifen lassen konnte. Dann jene unvergeßliche Abendgesellschaft in den Tuilerien im Januar 1853, als sich die Flügeltüren öffneten, und Eugenic von Montijo mit ihrer Mutter erschien, über und über mit Veilchen geschmückt, dem äußeren Zeichen des Jawortes. Drei Tage später wurden am schwarzen Brett der Mai^e l.'zu Paris aufgeboten: S. M. Napoleon III. mit Fräulein Eugenie von Montijo. Unö dann die filmartige Abwechslung der Hos- bilder, Eugenie als gekrönte Kaiserin, Eugenie als junge Mutter, ©ugenie als Regentin, als Vertreterin ihres Gemahls bei der Eröffnung des Suezkanals. Eugenie als Mitverschworene Oliviers und Palikaos, die .ihren Krieg" in Gang bringen muhten, Eugenie in der MietS- kalesche aus Paris ans Meer fliehend, Eugenie am Sarge ihres Gatten und schließlich, eine verhärmte aber aufrechte Frau, die im fernen Zulu- lande in Südafrika die Stätte besucht, wo ihra einzige letzte Hoffnung, ihr Sohn Louis, zwecklos sein Leben verblutet hatte, eine Frau mit Augenlidern, die vom Weinen schwer und starr geworden waren.
lind als Sonnenblick, der aber nicht mehr wärmte, jenes für uns so schmähliche Gegenstück zu dem ihr tätlich verhaßten 18. Januar 1871. der Vertrag von Versailles 1919. Etwa ein Jahr nachher starb tve Vierundneunzigjährige in der Hauptstadt ihres Vaterlandes, in Madrid
Eugenie von Montijo.
(Zu ihrem 100. Geburtstag.)
Don F. A. Fahlen.
Das Schicksal der Kaiserin Eugenie hat die Wucht einer Tragödie des Aeschylos, oder besser gesagt, eines Dramas von Shakespeare. Denn, während dem Trauerspiel des ersten attischen Tragikers der Humor ganz, aber auch gänzlich fehlt, hatte das Leben der ehemaligen Franzosen- failerin seine Falstafsperioden, es spielte sich, wenigstens auf seiner Höhe, auf dem grotesk- lomiichen Hintergründe der Spekulationen und Affaircn des dritten Napoleon ab, der z. B. mit seinem Gefolge den Bauplan einer P rächt- (kraße erst festlegen lieh, wenn der bekannte Strohmann, Monsieur Legrand, alle in Betracht kommenden Grundstücke, die ein paar Monate später jedes eine halbe Million brachten, für sünfzehn'.ausend Franken oder noch weniger an sich gebrach, hatte, lieber diesem Dschungel von Politik, Gerissenheit, Verderbtheit. Entartung und naiver Geldmaci ecei blühte sie wie eine unerhörte tropische Blume.
Schon ihr Name war eine spanische Romanze, in Verse gebracht von den beflissenen Hos- heraldikern des letz en Napoleomden: er lautete Marie Eugenie Guzman y Palafox Fernandez de Cordoba Leyva y la Cerda Gräfin von Teba, von Vanos, von Mo a, von Santa Cruz, von der Sierra. Markgräsin von Mya de Ardales de Orsera, Dizegrä' n de la Calzada ufir.
In der Mitie der vierziger Jahre machte im Pyrenäcnbade Bagneres eine ^Gräfin Mon- tifo mit einer berückend feoönen Tochter großes Aufsehen, die Ebenerblühte war bekannt wegen ihrer Mildtätigkeit. Besonders hatte sie eine verhutzelte alte Frau in ihr Herz geschlossen, die vor dem Gasthause Streichhölzer feilbot-, beim Abschied erhielt sie sogar ein Goldstück. Da bat die 2llte um die Hand Cagenies, um ihr zu weissagen. Sie brach in Rufe des Erstaunens aus: .Was sehe ich, größtes Glück steht Ihnen
Pariser Brief.
Paris, 2. Mai 1926.
Das französische Parlament hat nunmehr endlich das Budget über das Jahr 1926 verabschiedet. Es schließt mit einem regelrechten Ueberschuß von 160 Millionen Franken. Trotzdem hat der Franken Don- nestag in London und Neuyork seinen bisher niedrigsten Stand erreicht. In der darauffolgenden Nacht ist in Paris die Nachricht eingetroffen, daß es dem französischen Botschafter in Washington dadurch, daß er über das Angebot Caillaux hinaus- ging, gelungen fei, mit dem Kongreß ein Abkommen über die Regelung der französischen Schulden mit den Bereinigten Staate n zu schließen. Diesem Abkommen wird nunmehr im Laufe der kommenden Woche das A b k o m m e n mit Großbritannien auf dem Fuße folgen.
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bevor. Sie werden die erste Dame Europas werden!" Als Eugenie Kaiserin geworden war. empfing der Vorsteher von Bagneres aus dem kaiserlichen Kabinett tausend Franken für die alte Gelähmte.
Hm die Werbung des Kaisers hat sich ein Schwarm von amüsanten, boshaften und gut erfundenen Geschichtchen gebildet. Die einfache Wahrheit ist wohl, daß der überlegen kluge Politiker, als alle Versuche, sich mit alten legitimen Fürstenhäusern zu verbinden, gründlich fehlgeschlagen waren, kurzerhand die Schönste zu seiner Gemahlin wählte, die ihm auf seinen Festen und Abendgesellfchaften begegnet war. Hnb wenn man die Darstellungen des damaligen Fürstenmalers Taver Franz Winterhaller betrachtet, muß man sagen, daß sich, wenn man nicht gerade auf edle Rassenreinheit Wert legt, etwas Schöneres nicht denken läßt. In Eugenie hatte sich spanisches, französisches und schottisches Blut vereinigt, ihr Vater ein spanischer Grande, ihre Mutter, der die Geschwätzigkeit, wohl mit mehr Recht als bei der Kaiserin Eugenie, ein ungebundenes Leben nachsagle, die Tochter eines in Melage lebenden, schottischen Kaufmannes Kirk- patrick und einer Französin. Unser Woltke, der als Adjutant des Kronprinzen 1856 Paris besuchte, schrieb über sie: „Die Kaiserin Eugenie ist eine überraschende Erscheinung Sie ist schön und elegant. Hals und Arme sind von unübertrefflicher Schönheit, die Gestalt schlank, die Kleidung ausgesucht, geschmackvoll und reich, ohne überladen zu fein. Sie spricht viel und lebhaft und zeigt dabei mehr Lebendigkeic, als man an so hoher Stelle gewohnt ist." In demselben Jahre hatte die Kallerin ihrem Gemahl den Thronerben geboren, jenen Prinzen Luft», den wir von unsren Soldatenspottliedern her kennen, und den ein blindes Schicksal durch die Höhen kaiserlichen Glanzes und durch die Abstürze der englischen Verbannung in die Lanzen schweifender Zulus führte.
Das waren die Stufen dieses in alle Sonnen und alle Schatten getauchten Dasein: die blühende sünfundzwanzigjährige Gräfin Montijo, als Gast
Denn zweifellos wird sich Finanzminister Psret, des Kampfes um das Budget ledig, in den nächsten Tagen nach London begeben, um die englisch-französische Schuldenregelung nunmehr endgültig zu erledigen. Wird es nach dem vorerst doch nur rein theoretischen Abschluß gelingen, in Amerika eine größere Anleihe aufzunehmen, so daß die schwere Belastung des Budgets dadurch zum mindesten für das laufende Budgetjahr ausgeglichen werden kann? Denn in diesem Etatsjahre find an die Bereinigten Staaten von Amerika 30 Millionen Dollar, an Großbritannien 4 Millionen Pfund Sterling zu zahlen. Wenn nun auch angenommen werden kann, daß ein Teil davon durch die Erträge des Dawes- planes gedeckt werden kann, fo bleibt doch eine Rest- summe übrig, die weder durch den Budgetüberfchuh, noch durch die Mchrerträge, die die Steuerhöhungen cinbringen sollen, gedeckt werden kann. Mit dieser Unsicherheit tritt der französische Finanzminister an die schwere Ausgabe der finanziellen Sanierung Frankreichs heran, die er um fo rascher wird durch- führen müßen, je mehr er sich bemühen will, in den Bereinigten Staaten eine Anleihe unterzubringen. Das Beispiel Belgiens aber dürfte hinreichend be- weisen, daß derartige Abschlüsse im jetzigen Augenblick schwierig geworden sind, und daß die amerikanischen Geldleiher nicht geneigt sind, derartige Transaktionen bei der jetzigen Wirtschaftslage in Europa ohne Garantie durchzuführen. Jedenfalls wird das französische Parlament, das am 28. Mai wieder zusammentritt, in den Monaten Juni und Juli sich mit sehr ernsten und für die Zukunft Frankreichs sehr bedeutungsvollen Problemen zu beschäftigen haben. Die Grundlage für die Schuldenregelung und für eine, auch nur in geringem Ausmaße durchzuführende Amortisierung der schwebenden Schulden aber bleibt die Stabilisierung des französischen Franken.
Die Friedensoerhandlungen in Marokko sind, so erklärt man sogar in maßgebenden Kreisen, sehr schlecht eingeleitct worden. Die Vertreter der Rifkabylen haben es abgelehnt, über das militärische Sicherheitsprogramm, das von Frankreich und Spanien aufgestellt worden war, getrennt von dem politischen Programm zu verhandeln. Um nicht in den ersten Tagen einen Bruch herbeizuführen, mußten die euroväischen Unterhändler nach- geben, und mit diesem Minus sind sie in die eigentlichen Verhandlungen eingetreten, fo daß bis jetzt kein Gefangener zurückbefördert werden konnte. Im Gegenteil, man rechnet in Paris mit derMöglich- teit eines Abbruchs im Augenblick, wo dies geschrieben wird. Einige radikale Blätter jedoch erklären im voraus, daß sie einen derartig frühzeitigen Abbruch der Verhandlungen für nicht opportun halten, besonders, wenn die wiederholt angekündigte große Offensive auf dem Fuße folgen sollte. Wenn nichts Unerwartetes eintritt, wird also das Marokkoproblem durch das Verhalten der Rifkabylen aufs neue zu einem außerordentlich e r n ft e n werden, denn die islamische Welt verfolgt die Verhand
lungen mit großer Aufmerksamkeit, seitdem die Spanier und die Franzosen die Bedingung gestellt haben, einen von den Rifstämmen selbst gewählten Führer zwangsweise feines Amtes zu entheben und aus feinem Heimatgebiet zu entfernen. Frankreich und Spanien schaffen wieder für die islamische Welt einen Märtyrer, der von außen her vielleicht viel schädlicher wirken kann, als wenn man ihm unter seinen Stammesgenoffen, wenn auch -nur eine scheinbar herrschende Stellung belasten würde.
Dem geringen Erfolg in Marokko steht cm militärischer Erfolg in Syrien gegenüber. 11000 Franzosen Haven 6000 Syrier besiegt, Sueida ift entsetzt und die Drusen haben eine schwere Niederlage erlitten. Ob diese Niederlage ihre Kampfeslust gebrochen hat, steht allerdings dahin.
Die letzte Woche hat die Derössentlichung des deutsch-rufsischen Vertrages gebracht. Er ist zu Beginn von der französischen Proste ziemlich ruhig, von einem Teil der Blätter sogar gleichgültig ausgenommen worden. Allmählich aber wird die Kritik lebhaft, und es wagen sich Kommentare hervor, die jedoch sicher nicht amtlich veeinslußt sind. Wären sie cs, bann würde die überwiegende Mehrheit der französischen Prcste sicher nicht Urteile fällen, aus denen man schließen muß, daß sie sich nicht einmal die Mühe genommen hat, den 93er- tragstext und die Noten des Reichsaußenministers Stresemann eingehend zu studieren.
Es ift nicht ausgeschlossen, daß die französische Regierung unter dem Druck gewisser mitteleuropäischer Staatsmänner, die in der Kleinen Entente einr Rolle spielen, eine Art Fragebogen an die Reichsregierung richten wird, um durch eine Interpretierung die Empsindsamkeit der Feinde und der lauen Freunde der Locarnopolitik zu beschwichtigen. Aber den grundsätzlichen Verneinern einer auf dem Völkerbund aufgebauten Verständigungspolitik mit Deutschland muß man doch im jetzigen Augenblick von Paris aus erklären, daß s i e es gewesen sind, die in Osteuropa durch diePolen gegenüber betriebene Politik den jetzigen Zustand geschossen haben, für den sie Deutschland und Rußland allein verantwortlich machen wollen. Wenn diese Kritiker kein schwaches Gedächtnis hätten, müßten sie sich daran erinnern, daß es Elemenceau gewesen ist, der schon kurz nach Friedensschluh das Wort vom „Cordon sanitaire“ geprägt hat, den man um Rußland legen müsse, was ja in Wirklichkeit nichts anderes bedeutet, als jene wirtschaftliche und finanzielle Abschnürung in Friedenszeiten, gegen die sich der Berliner Vertrag mit Recht wendet. Auch in der Politik — und das müßte man gerade in Frankreich erkennen — kann man das Kausalgesetz von Ursache und Wirkung nicht verneinen, denn die Dinge nehmen schließlich einen natürlichen Verlauf: fo, wie er heute vorliegt, hat ihn übrigens ein alliierter Staatsmann, und zwar N i t t i, schon 1920 vorausgesagt, allerdings unter dem Gelächter der Anhänger der Versailler Politik. Nitti hat schon damals erklärt: „Europa kann erst
Römischer Brief.
von unserem römischen ^-Korrespondenten.
„Der Mann mit den vier Nasenlöchern", wie ihn iie roten Herrschasten nennen, für die ein Rechts- iwrber ein Verbrecher unb ein Linksmörder ein Held ift, pfeift auf bie Vorschußepiloge. Strafifchiare, zanz unb gar barauf pfeifen, ift fein Lieblingswort. Cr hat das rofa Heftpflaster, bas ihm in allen illu» fixierten Zeitschriften dieser Tage ein so grimmiges Aussehen verlieh, abgelegt, ist nach Mailand ge = -fahren und hat wieder einmal zu dem Schwarz- Tjembenfee, der den Domplatz füllte, gesprochen. Wenig unb nichts Neues. Als er abgetreten war, fiel hm plötzlich, wie das auch bei Sterblichen vor- lommt, ein Treppenwitz ein. Anstatt sich aber über die verpaßte Gelegenh.it zu ärgern, packte er sie >om Schopfe und schrie noch einmal in bie Menge: „Di e Kugeln gehen, Mussolini bleibt!" )iun hatten sie ihr Schlagwort und er seine Befriedigung. 4
Mussolini bleibt — es hegt ein tieferer omn darin. Es liegt die Selbstsicherheit eines Danton darin, der auf alle Zukuschelungen, man stelle auch hm nach, nur erwiderte: „Sie werden es nicht nagen!" Bis ihn Robespierre doch auf die Guillo- ine einlud. Für den Robespierre der fasziftischön Reoolution hält sich Farinacci. Von blindem Ehrgeiz besessen, kann er es ebensowenig wie Rossi, der nun im Auslande mit Enthüllungen •«egen Mussolini arbeitet, dem Diktator vergessen, gerade auf der Höhe feiner schnellen Laufbahn gekürzt worden zu sein — durchschaut worden zu -jein. Er, der vorher jeden ächten ließ, der eine Kritik am Duce übte, der als oberstes Gebot für leben Faszisten die bedingungslose Unterroer- ■fung unter den Willen des Diktators verlangte, er weniger als still geworden in feinen Huldigungen für den allmächtigen Gönner. Weniger als stiller leiht zum mindesten den ■hsperati und disperatissimi, denen Mussolini viel au zahm ist, sein Ohr. Der Tag ist wohl nicht mehr fern, wo Mussolini erkennen oder vielmehr sagen loirb, er habe eine Schlange an feinem Dusen genährt. Farinacci verfügt über einen großen Anhang, vor allem in „feiner" Provinz Cremona, der früheren Hochburg bes Kommunismus, wo er unumschränkter Herrscher ift. In ben letzten Tagen ift es nach bisher unroiberfprodjen gebliebenen Nachrichten unb Gerüchten bereits zu schweren Zusammenstößen zwischen Musfolinianern und 5rarinaccianern gekommen, wobei die Parole „Gegen Turati'" in ein — für Italien wunderliches — «mtisemitisches Mäntelchen gehüllt wurde. Die Partei muß von den Juden gesäubert werden, hieß es, doch -war mit dem Plural lediglich der Singular gemeint: lurati, der Nachfolger Forinaccis, der musso- linifdje neue Parteisekretär. Eine semitische Frage gibt es gar nicht für Italien, denn im ganzen Lande zählt man nur etwa siebzigtausend Juden — auf vierzig Millionen Einwohner! Und diese sind zum !roßen Teil Fremde und zum andern Teil mischen ie sich, von wenigen Einzelfällen abgesehen — man enke etwa an den seinerzeitigen Bürgermeister von Dom, Nathan, oder einige Finanzgrößen — nicht in iie Politik ein. Im Ghetto führt das kleine Volk ein zwar ärmliches, aber musterhaft moralisches Leben. (Einen generellen Unterschied in der Anständigkeit zwischen Juden und Christen zu machen, das wäre für Italien noch dümmer als anderswo.
Mussolini unb Farinacci sinb über bie Frage, wer nun von beiden der Stärkere, wer Danton und wer Robespierre fei, geteilter Meinung, daher haben iie Gegensätze innerhalb der Partei, mögen sie sich auch bereits zugespitzt haben, nichts zu sagen, fo- lange die Macht uneingeschränkt in den Händen des Diktators lieot. Ja, Mussolinis Stellung kann durch iie Schismatiker nur gefestigt werden, denn das Heer, immer noch die Grundfäule des Staates, wird nötigenfalls natürlich lieber dem gemäßigten Lager teifpringen, als den Radikalen, die es zu einer Dolizeitruppe der Partei degradieren möchten.
Die Wolken im Innern sind also vorläufig nicht fo unheilfchwanger wie die über dem Mittelmeer, oem Mare nostrum. Es find aufblitzende und schnell »ergehende Schrapnellwölkchen gegen die Düsternis «iner Durchbruchsvorbereitung. Aber auch auf diesem fern von Gens liegenden Terrain ist es noch lange »icht so weit, wie es der sensationell tuende, aber schlecht unterrichtete G r e n z j o u r n a I i s m u s »orgibt. Hier soll einmal eingeschaltet werden, daß Äie vielfach im Ausland verbreitete Meinung, die Zensur in Italien unterbinde eine objektive Bericht- Erstattung der römischen Zeitungskorrefpondenten, nicht zutrifft. Es ist wahr, wir sitzen auf einer
Dynamitkiste, oder, um es weniger dramatisch zu sagen, aus gepackten Koffern, aber von einer systematischen Verhinderung unserer Arbeit kann keine Rede sein, geschweige denn von einer geflissentlich korrigierenden Telegramm- und Brief- zcnsur. Gelegentlich haben mir Anstände mit den Behörden, auch schwerer Art, aber doch erst im Gefolge eines Telegramms, eines politischen Ar litels. Mir ift in den vier Jahren fafzistischer Herrfchast noch kein Fall einer vergewaltigenden Vorzensur bekannt geworden. Wir haben feit einiger Zeit auch auf ausdrücklichen Wunsch Mussolinis Gelegenheit, uns in regelmäßigen Zusammenkünsten mit seinem Staatssekretär Grandi frei auszusprechen, wobei gewisse Mißstände schon mit großer Offenheit aufgedeckt wurden. Man darf sagen, die römi- ichen Korrespondenten sind — dank auch ihrem innigen Kontakt mit der Regierungspreste — ausaezeich- net und stets im Augenblick der Geschehnisse und Vorbereitungen unterrichtet, so daß sie es nicht nötig haben, sich Sensationen aus den Fingern zu fangen roie gewiße italienische (Emigranten und — Verzeihung! — Kollegen, die an der Grenze sitzen. In hundert von hundert Fällen fiel bisher die Schuld an den fetten Zeitungsenten dem Grenzjournalismus zur Last, der ja zwangsläufig auf unkontrollierbare Gerüchte angewiesen ist.
Ein Musterbeispiel: Der unmittelbar bevor- stehende Krieg zwischen Italien und der Türkei, unter Teilnahme Griechenlands als englischem Soldaten. In Strömen hat die aufgeregte Weltpresse ihr Tintenblut vergossen und doch ift an der Sensation kein guter Faden. Nicht einmal der Schein der Wahrscheinlichkeit. Italien, das allerdings rüstet, hat keine Zeit für anaiolische Abenteuer, bei denen nicht mehr Lorbeeren zu holen wären als in Syrien für die Fran- zofen: Italien kann sich den kriegerischen Luxus im nahen Orient gerade deshalb nicht gestatten, weil es rüstet — gegen andere. Für ein europäisches Gleichgewicht, ein besseres als das gegenwärtige, von dem ein römisches Mittagsblatt schrieb, es sei absurd und unmoralisch, wie nie eines zuvor. In Rom haben sie das Gefühl, als bahne sich eine neue Mächtegruppierung an, die — un> vorherzusehende Schachzuge vorbehalten — Zwei kontinentale Blocke einander entgegenstelle: Frankreich und England auf der einen, Rußland und Deutschland auf der anderen Seite. Welche Stellung soll nun Italien dazu einnehmen? Das ist die Frage.
Augenblicklich ist der Bug des Flaggschiffes gegen Frankreich gerichtet, in der Meinung, England werde im kritischen Augenblick Neutralität bewahren. Wie aber nun, wenn Chamberlain umschwenkt, weil ihm Stresemann in dem Augenblick, wo er dem Russen die Hand reicht, auf die Zehen tritt? Der deutsch-russische Vertrag kann unter Umständen alle Berechnungen umwerfen. Man hält daher in Rom mit der Beurteilung zurück. Führende Blätter, die gestern noch ziemlich begeistert waren, weil sie nach Deutschland nun in Rußland den zweiten Sekundanten für den Wasfengang mit Frankreich witterten, legen heute den Finger an die Nase: Was soll Chamberlains Freundschaftsoerfiche- rung an Frankreich? Andere glauben den schwarz- weiß-roten Dreibund — das faszistische Italien, das blütenweiß demokratische Deutschland und die Sowjetrepubliken brüderlich vereint! — stark genug, um den französisch-englischen Zusammenschluß zu neutralisieren.
Am schlechtesten kommt bei den hochpolitischen Gesprächen der Völkerbund weg. Jede Woche neue Verträge, Bündnisse, Allianzen und alle gegen Genf! Wann wird ein Mussolini erstehen diesem Bunde?
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