Einzelbild herunterladen

Nr. 54 Zweites Blatt Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Freitag, 5. März 1926

nia»mmmmi

Der Volksentscheid.

Von D. Dr. Bredt,

0. Professor der Rechte an der Universität Marburg, M.d.R.

Der Volksentscheid über die Auseinandersetzung mit den Fürstenhäusern wird in den kommenden Wochen im Mittelpunkte des Interesses stehen. Es ist das erstemal, das tn Deutschland solche Abstimmung statfindet, die in der alten Reichsverfassung noch nicht vorgesehen war und erst durch die neue Reichs­verfassung ermöglicht wurde. Die Bestimmungen der neuen Reichsoerfassung sind aber keineswegs einfach: sie sind auch wohl nicht so, wie sie ursprünglich be­absichtigt gewesen sind

Es ist zunächst mit dem häufig anzutreffenden Mißverständnis aufzuräumen, daß die Regierung ein vom Reichstage abgelehntes Gesetz dem Volksentscheid unterbreiten könne. Solche Möglich­keit, die bei Gelegenheit des Dawesplanes vielfach erörtert wurde, ist in der Reichsverfassung nicht vorgesehen, obwohl dieser Fall eigentlich der wich­tigste gewesen wäre. Der Reichspräsident kann nur unter Gegenzeichnung eines Ministers! ein angenommenes Reichsgesetz dem Volksent­scheid unterbreiten, um seine Rechtsgültigkeit aufzu- fjaltcn.x Der Reichspräsident kann ferner bei einem Gegensätze von Reichstag imb Reichsrat über ein Gesetz den Volksentscheid herbeiführen. Man wird mit diesen Fällen aber in der Praxis wenig oder gar Nicht zu rechnen haben, da für solche Fälle regel­mäßig die Reichstagsauflösung in Frage kommen wird. Diese bedeutet kaum einen geringeren Auf­wand als der Volksentscheid: sie hat aber den Vor­teil, daß sie eine allgemeine Klärung bringt, und nicht nur die Entscheidung in einer einzelnen Frage.

Wird ein von der Reichsregierung oder einer Partei gewünschter Gesetzentwurf vom Reichstage nicht angenommen, so bleibt nur das Volksbegeh­ren, das von einer Partei angeregt werden kann, das aber nur dann in Fluß kommen kann, wenn ein Zehntel aller Stimmberechtigten, heute also etwa vier Millionen, das Verlangen stellen. Die hiermit verbundenen Kosten sind nicht gering: es kann also nur eine sehr starke politische Gruppe daran denken, diese gewaltige Maschinerie in Bewegung zu setzen.

Run ist aber der Erfolg solchen Volksbegehrens noch an weitere erschwerende Bedingungen geknüpft. Soll es sich um eine Verfassungsänderung handeln, so genügt es nicht, daß die Mehrheit der abgc- g e 6 e n c n Stimmen sich dafür ausspricht, sondern es muß die Mehrzahl der Stimmberechtig­ten mit Ja gestimmt haben. Um also eine Ver­fassungsänderung, bzw. ein verfassungsändcrndcs Gesetz heute durchzubringen, sind mindestens 20 Mil­lionen Stimmen notwendig. Sozialdemokraten und Kommunisten zusammen verfügen nicht an­nähernd über diese Stimmenzahl: sic müssen also schon starken Zulauf aus den bürgerlichen Parteien bekommen, wenn sie mit ihrem jetzigen Volksbegeh­ren Erfolg haben wollen.

Liegt kein oerfassungsänderndes, sondern ein ge­wöhnliches Reichsgesetz vor, bann muß nach der Verfassung angenommen werden, daß die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen genügt, um das Gesetz durchzubringen. Es kommt aber noch eine Er­schwerung hinzu. Artikel 75 be agt. nämlich, daß durch den Volksentscheid ein Be chluß des Reichs­tages nur dann außer Kraft ge etzt werden kann, wenn sich die Mehrheit der Stimmberechtigten an der Abstimmung beteiligt. Die Voraussetzung, daß nämlich ein Beschluß des Reichstags außer Kraft gesetzt werden soll, ist dabei regelmäßig automatisch gegeben. Dem Volksbegehren muß nämlich ein aus- qcar.beiteter Gesetzentwurf zugrunde liegen und die­ser wird zunächst dem Reichstage zur Beschluß­fassung vorgelegt. Stimmt der Reichstag zu, so ist das Volksbegehren inhaltlich erfüllt und die Ab­stimmung braucht gar nicht mehr stattzufinden. Lehnt aber der Reichstag ab, so muß dieser Be­schluß durch das Volksbegehren außer Kraft gesetzt werden und dazu ist es erforderlich, daß sich die Mehrzahl der Stimmberechtigten an der Abstim­mung beteiligt.

Praktisch kommt dabei heraus, daß die Frage, ob ein oerfassungsänderndes Gesetz vorliegt oder nicht, in diesem Zusammenhang keine große Bedeu­tung hat. Bei einem verfassungsändernden Gesetz bandeln die Gegner am klügsten, wenn sie über­haupt nicht stimmen', sondern abwarten, ob die Befürworter des Gesetzes die Mehrzahl der Stimmberechtigten mit Ja an die Urne bringen können. Jede Stimme, die nicht abgegeben wird, zählt als Rein: selbst die Stimme von Kranken, Ab­wesenden oder Gleichgültigen zählen in diesem Zu­sammenhänge als ablehnend mit.

Entlassen.

Von Hans Franck.

Man sollte es nicht für möglich halten, und doch ist dem so: es werden weit mehr Menschen wegen zu großer Tüchtigkeit als wegen zu großer Untüch- tigfeit entlassen. Es macht dabei nicht viel aus, ob einer in öffentlichen oder privaten Diensten stehl, ob er als Beamter auf Lebenszeit ober als Ange­stellter für abgegrenzte Vertragsdauer seinen Unter­halt erwirbt. Zum Wesen eines Vorgesetzten gehört es nun einmal, daß er seinen Untergebenen, wenn auch in der verfeinerten Form, Gehorsam abver- langt. So viel Freiheit den Niederen von den Höheren zugestanden wird irgendwo und irgend­wie ift er immer am Pflock der Gehorsamkeit ange-- bunoen, so daß jeder Untergebene dem Zicklein gleicht, das zwar die unbeschränkte Freiheit hat, überall in dem Kreise zu grasen, welcher ihm durch die Länge des Strickes an seinem Halse zugemessen ist, nur nicht und stände dort das saftigste Gras unmittelbar vor seiner Nase nur nicht ein Schrittchen außerhalb dieses Kreises. Nun hat aber der Untüchtige allzeit besser als der Tüchtige ver­standen, sich und der Welt seine begrenzte Freiheit als unbegrenzt einzureden und klugerweise nicht an dem Bis-hierher-Strick zu zerren. Was Wunder, also, daß der Untüchtige in der Regel seinen Vorge­setzten nicht nur williger, sondern begabter als der Tüchtige erschienen ist, der die Grenzen, hingerissen von seiner Kraft, nicht immer achten kann. Nirgends ist diese unnatürliche Umkehrung so oft sichtbar gewor­den wie in der kleinen Welt des Theaters, in der sich alle Dinge der großen Welt fratzenhaft verzerren: und in der Welt des Theaters wiederum nirgends so schreierisch wie an der Wiener Hofburg, diesem theaterhafteslen aller Theater. Hier hat denn auch einer der Tüchtigsten seines Standes ein Rucken an dem Untergebenen-Strick mit seinem Leden bezahlen müssen.

Als nämlich Joseph Schreyvogel, dem Titel nach Hossekretär, dem Amte nach als Dramaturg, dem

Handelt es sich um kein oerfassungsänderndes, sondern um ein gewöhnliches Gesetz, so tun die Geg­ner ebenfalls am klügsten, wenn sie zu Hause b l e i b e n. Es liegt sogar noch ein Grund mehr vor, hier nicht milzustimmen. Wenn nämlich zwar die Mehrzahl der Stimmen mit Ja abgegeben wird, aber die Mehrzahl der Stimmberechtigten nicht ge­stimmt hat, ist nach dem angeführten Artikel 75 das Volksbegehren nicht zustande gelommen. Diejenigen also, die mit Nein stimmen, erweisen ihren Gegnern unter Umständen den Dienst, daß sie die Voraus­setzung des Artikels 75 erfüllen helfen. Sie dienen also ihrer Sache am besten d adurch, daß sie z 11 Hause bleiben. Dann aber wiederum kann das Volksbegehren nur durchgehen, wenn die Mehrzahl der Stimmberechtigten mit Ja stimmt. Im Erfolge also macht es kaum einen Unterschied, ob es sich um oerfassungsänderndes Gesetz oder ein gewöhn- liches Gesetz handelt.

Daß dis Bestimmungen über den Volksentscheid und das Volksbegehren in der Reichsoerfassung sehr klar wären, kann man nicht behaupten. Man muß schon sehr genau zusehen, um die ganzen Untiefen herauszufinden. Das ausführende Gesetz über den Volksentscheid vom 27. Juni 1921 (RGBl., S. 790) bringt demgegenüber auch keine größere Klarheit: es behandelt nur die Vorbereitung, Auslegung der Listen usw., und die Art der Abstimmung selbst. Man hat eben in Weimar noch nicht recht über­setzen, welche Tragweite man dem Volksentscheid geben wollte und geben konnte. Nach den schließlich zustande gekommenen Bestimmungen wird der Volksentscheid in Deutschland niemals eine große Rolle spielen, weil die Voraussetzungen für den Er­folg zu schwere sind und weil vor allem die ff 0 ft e n des Verfahrens sich sehr hoch stellen müssen. Nur eine gewaltige einheitliche Volksbewegung wird hier wirklich zum Ziele gelangen können: ist eine solche aber vorhanden, bann wird der Reichstag >hr allemal Rechnung tragen und ein Volksbegehren wird kaum noch erforderlich fein.

Daß der Reichspräsident bzw. die Reichsregie­rung von dem Volksentscheide häufiger Gebrauch machen werden, ist auch nicht anzunehmen. Wenn sie sich in einem solchen Konflikte mit dem Reichs­tag befinden, daß der einzige Ausweg in c rem Appell an das Volk zu liegen scheint, dann werden sie regelmäßig den Weg der Reichstagsauflösung vorziehen.

Italien und Genf

Von unserem römischen E.=fforefponbcnten.

Rom, 4. März.

Der deutsche Botschafter in Rom ist in Berlin. Der italienische Botschafter in Paris, der italienische Botschafter in London beide sind in Rom. Nintschitsch reist, in Begleitung des italienischen Ge­sandten für Jugoslawien, nach Rom, nach Paris. Der griechische Außenminister ist unterwegs nach Rom. Polen hat seinen Gesandten in Rom, Rom den seinen in Berlin gewechselt. Die Diplomaten sind mehr auf Reisen, als zu Hause.

Auch Briand und Strcsemann wollen oder müs­sen reifen Auch Chamberlain und der ganze Kome­tenschweif, der die Welt mit dem Friedensleuten des Genfersees erfüllt. Hier aber schneiden sich scharf die Wege: die einen eilen in die Arme des Völkerbunds, die andern geflissentlich daran vorbei. Niemals seit der Abschaffung der Geheimdiplomatie ist die Di­plomatie der Kabinette so dunkel gewesen. Niemand traut mehr dem Draht und dem Chiffresystem, nie­mand mehr dem Kurier die Gesandten müssen persönlich kommen wie zur Eilkutschenzeit. Niemand traut mehr der Genfer Streusandfabrik für gläubige Augen, jeder fühlt sich auf einer Dynamitkiste sitzen. Es gibt Leute, die es nicht verwinden können, so­gar ein bißchen auf ihr herumzuhämmern.

Wenn der Völkerbund ein Fortschritt ist, so muß das neue römische Imperium das rückschrittlichste aller Reiche sein. In Mussolini hat die Genfer Liga ihren gefährlich st en Feind. Kein Blätt­chen im saszistischcn Papierwald, bas nicht täglich Hohn unb Spott flüstern würbe, bis ein allgemeines lustiges Rauschen baraus wirb.Das Genfer Wes­pennest flößt uns weder in feinen Zielen, noch in seinen praktischen Möglichkeiten Vertrauen ein. Wir glauben nicht, daß die Völkerkonflikte, die zwangs­läufig aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten ober völkischem Druck erstehen, von einem Konferenztisch aus gelöst werden können. Wer noch an solche Mög­lichkeiten glaubt, gehört zu den Leuten, die im prak­tischen Leben auf die platonische Liebe schwören. Entweder verleugnet der Völkerbund die Wilsonschen Grundsätze oder er wird eine Art Crusca (Floren­tiner Akademie) und damit werllos. Im ersteren Falle werden die Prinzipien einer abstrakten Ge-

111 ui 11 !!nminr* "Tf.-

redjtigfeit endgültig in die Rumpelkammer verwie- sen und der Dölkeround wird zu einer englischen Interessengemeinschaft, bei der Italien so lange mitmachen würde, als seine Interesicn mit denen Englands glcichlaufen. Der erstere Fall würde in dem Augenblick eintreten, wo der Eintritt Deutsch­lands in den Rat durch den Ei nt ritt Po­lens neutralifiert würde. Im anderen Falle, wenn es Deutschland gelingen sollte, Polen herauszudrän- gen, würde sich der ganze Block der deutschfeind­lichen Nationen von Genf lossagen und, England unb Deutschland als Gesellschaft von zwei Teil­habern zurücklassend, bas in Genf erschütterte Gleich­gewicht anberswo suchen."

So bie Meinung im Palazzo Chigi. Gleichgc - wicht! Da haben wir roieber das Kapitalstück der klassischen Diplomatie. Mussolini versprach etwas eminent Neues zu schaffen, im kritischen Augenblick aber greift er wie alle anderen zu den abgegriffenen Requisiten des diplomatischen Zeughauses. Das Steuer ist im deutschfeindlichen Sinn herumgcwor- fen, folglich heißt es, Stellung beziehen gegen Berlin und Genf. Wie macht man das? Mit Rüstungen und Bündnissen. Die Gene­räle haben das zweite, bie Abmiräle das dritte, der Finanzminister das vierte Wort. Das erste und ein­zige hat Mussolini als Minister für alles. Er ruft also auch die Auslanddiplomaten zusammen. Befehl an die Presse: Schluß mit Südtirol, größere Dinge stehen auf dem opiel; alle Mann gegen Deutschland!

Und es ergibt sich über Nacht, daß Italien ange­sichts der verdächtigen Genfer Manöver nach Osten Ausschau halten muß. Seid umschlungen, alle Balkanstaaten! Am Mittag ift man mit dem Adrianachbarn schon dick Freund und in der Abend- prcsse macht fcis frisch aus der diplomatischen Münze gekommene Schlagwort die Runde: Einkrei­sung Deutschlands unter italienischer Führung! Das italienische Volk versteht zwar von solchenwirt­schaftlichen Notwendigkeiten" und demunerträg­lichen völkischen Druck" nicht viel, aber die Einheits­presse fällt von einer Verzückung über bie staats­männische Weisheit besMythos" in bie anbcrc.

Nintschitsch ist zeit seines Lebens nicht so herzlich in bie Arme geschlossen worben, wie in die­sen Tagen von dem Erbfeind. Kam er als Sprecher der Kleinen Entente ober nur als serbischer Außen­minister? Die Einheitspresse machte sich nicht lange Skrupel barüber, ihr genügte die Versicherung, sämtliche Erben der Habsburger Doppelmonarchie seien gegen den Anschluß Oe st erreich s. Folglich gegen Deutschland unb Genf. Wie, Ungarn schwanke? Dann weg bamit! Gegen Deutschlanb und Genf! Wer nicht für den Schlacht ruf ist, ist gegen Rom. Feind. Ninder mit ihm. Stellen wir dem Locarno jener Herren ein Klein- locarno entgegen! Warum soll die Kleine En­tente nicht gegen die große aufgeboten werden können. Uebrigens: Frankreich bleibt uns ja immer. Ist ja alles nur Mache in Genf. In diesem Stile wurde die Einkreisung Deutschlands beschlossen, ge­tauft, gefeiert. Es muß freilich zugegeben werden, und einem Europäer konnte darüber bie Scham bis unter bie Haarwurzeln steigen, baß die zufälliger­weise gerade in Rom tagende Mandatskom­mission des Völkerbundes zum Uebermut herausforderte. Während die syrische Abordnung vergeblich antichambrierte, erstattete Frankreich drin­nen vor dem hohen Tribunal der Einseitigkeit Be­richt über feine Verwaltung. Bei der Bombardie­rung von Damaskus sei nur in die Luft geschossen worden, um die Häuser zu schonen, aber jetzt bereite Frankreich eine energische Kampfaktion vor.

Mussolini lächelte sein grimmigstes Lächeln, als er dies las. Einen Gegner wie Genf braucht er nicht zu fürchten. Hand an der Waffe, Mund in Genf eine solche Politik läßt sich hören. Wehe dem Völkerbundstribunen, der es wagen sollte, seine ffreife zu stören! Seine Gesandten in aller Welt haben Direktiven, die jeden Diplomaten des guten alten glatten Parketts bie Zähne aufstehen machen.

Die Ereignisse tiefer Draufgängerpolitik werden wir ja nun bald erleben. Rom ist gegen eine Gen­fer Erörterung der Südtiroler Frage, gegen den Anschluß Oesterreichs, gegen die Zulassung Deutschlands ohne Zulassung Polens, gegen den Minderheitenschutz, gegen eine weitherzige Aus­legung der Friedensverträge: für Autokratie, für vermehrte Rüstung zu Lande, zu Wasser und in bei Luft, f ü r Bünbnispolitik, f ü r das Selbstbe­stimmungsrecht der Großmächte, für bie schim- membe Wehr unb bie gepanzerte Faust. Mit Genug­tuung verzeichnet bie italienische Einheitspresse Tag für Tag die französischen Zustimmungen zu diesem Genfer Programm.

Es sieht dem anderen, bas von bem alten Europa aufgestellt worben war, zum Verwechseln ähnlich.

Geiste nach als überragenbe schöpferische Kraft so an bie breizehn Jahre bas Wiener Burgtheater geleitet hatte, bekam er wieder einmal einen neuen Vorge­setzten. Dieser, ein Graf Czernin, konnte weiter keinen Zusammenhang mit der Kunst nachweisen, als daß er in seinem einundzwanzigsten Jahr ein Bändchen miserabler Liebesgedichte auf eigene Kosten hatte drucken lassen. Denn bie Beziehungen, welche er nach unb nach zu einer Reihe von Bühnen- barstellerinnen unterhalten hatte, setzten eine anbere als bie künstlerische Potenz voraus. Dennoch be­gnügte ber neue Jntenbant sich nicht, wie seine Vorgänger, bamit, in bie Theaterkutsche einzustei­gen unb Schreyvogel, ber ben Weg mit all seinen Hindernissen und Abschüssigkeiten, mit all seinen Krümmungen und Schlüpfrigkeiten aufs genaueste kannte, wie bisher weiterfahren zu lassen. Nicht ein­mal daran tat er sich genug, daß er ihm sowohl die Ziele als auch die Zeit unb Stunde, wann sie zu erreichen wären, generalsmäßig bestimmte. Viel­mehr fiel er ihm, anmaßend unb unverständig wie er war, in einem fort in die Zügel. Eines Tages, als der gräfliche Intendant durch die Berroerfung einer Anordnung Schreyvogel- eine besonders große Dummheit machen wollte, sagte dieser ohne alle Erregung, aber mit jener Bestimmtheit, zu welcher ihm sein besseres Wissen ein Recht gab:Da­von verstehen Sie nichts, Exzellenz."

Joseph Schreyvogel hatte nichts als die Wabr- heit gesagt. Aber dieses eine wahre Sätzchen löste, wie ein unvorsichtig geworfenes Steinchen, bie La­wine, bie Schicksalsballung aus, welche ihn er­schlug. Noch am selben Tage, an bem Schreyvogel sich gegen bie Subordination vergangen hatte, schickte ihm Intendant Graf Czernin einen niebern Hofbeamten. ber ihm bas ff. ff. Reskript vorlas, durch welches er feines Postens enthoben unb aus feinem Amt entlassen würbe. Auf ber Stelle sollte er seine sämtlichen Amtsgeschäfte seinem bisherigen Untergebenen, bem neuernannten Hossekretär I. übergeben. Schreyvogel mehr burch bas, wie man an ihm hanbelte, als burch bas, was man ihn antat, erschüttert, sagte einmal über das andere: Ja

;a--ja---! Aber er vermochte nichts zu

tun, was dieses Ja einlöste. Als sein Nachfolger, ber, seit er bem Hofbeamten bas Reskript, welches seine Rangerhöhung enthielt, aus ber Hanb genom­men hatte, um minbeftens zehn Zoll körperlich ge­wachsen schien, Schreyvogel wegen ber Amtsüber­gabe bebrängte, bat dieser sich Frist bis zum näch­sten Morgen aus. Da sie ihm abgeschlagen wurde, legte Schreyvogel mit zitternder Hand die Schlüssel stumm in die hingehaltene Linke seines Nachfolgers unb ging wie ein abgeroiefener Supplikant aus bem Bureau hinaus, in bem er als ein allmäch­tiger Herrscher in seinem Reich Hunbertc von Supplikanten empfangen hatte.

Stufe um Stufe tappte Schreyvogel bie hohe Treppe hinunter, bie er tagaus, tagein hinaufge­schritten war, oft im Arbeitseifer eilenben Schrittes zwei, brei Stufen überfpringenb. Auf jeber meinte er, baß bis zur nächsten seine Kraft nicht ausreiche. Dennoch trugen ihn feine Füße ins Freie. Als ihm ber Regen es war an einem jener Märztage, beren Kälte einen nach der ooraufgegangenen Wärme doppelt heftig anfällt ins Gesicht schlug, gewahrte Schreyvogel, daß er ohne Hut unb ohne Mantel ge­gangen war. Er stapfte also Stufe um Stufe bie Treppe wieder hinauf. Als er die Tür zu seinem Arbeitszimmer, gewohnterweise ohne anzuklopfen, öffnete, saß sein Nachfolaer bereits auf seinem Amts- sessel. Und nachdem er ihm bedeutet hatte, daß künf­tig er, ber frühere Hofsekretär a. D. Schreyvogel, nicht mehr er, ber jetzige Dramaturg Hofsekretär I. beim Eintritt in biefes Zimmer anzuklopfen habe, entspann sich zwischen ben beiben bas nachfolgende, wortwörtlich überlieferte Gespräch:

X.: Was wünschen Sie, Herr Schreyvogel?

Schreyvogel: Meinen Schirm unb Ueberzieher.

I.: Die sollen Ihnen nachgeschickt werden, wenn sie sich finden sollten.

Schreyvogel: Drüben in der Ecke sind sie.

I.: Das kann ich glauben oder nicht.

Schrenoogel: Fragen Sie den Diener. Ich werde mich auf den Tod erkälten.

I.: Daran liegt uns nichts.

Deutsche Notstatistik.

Beim Etat des Reichsarbeitsminifteriums stand in diesen Tagen im Reichstagsplenum das Kapitel Veriorgungswesen zur Debatte, ein trüber Ausschnitt deutscher Not und deutschen Elends. Die Zahlen, bie ber Berichterstatter Roßmann gibt, sind erschütternd. Der allgemeine Pensionsfonds hat einen Ausgabetat von fast 1,5 Milliarden, das find 42 Prozent sämtlicher Reichsaus­gabe n. Deutschland hat 663 000 Kriegsbeschädigte, 372 000 Witwen, mehr als eine Million Waisen und 193 000 Eltern zu versorgen. Dazu kommen noch 41000 ehemalige Offiziere unb Militärbeamte. Don den Kriegsbeschäbigtcn sind 2732 blind, fast 40 000 tuberkulös, fast 5000 geisteskrank, über 66 000 Haden entweder ein Bein oder einen Arm, ober beibe Beine unb beibe Arme verloren. Was bas Reich für bie Unglücklichen tun kann, ist natürlich viel zu wenig, aber mehr als 1,5 Milliarden stehen auf un­serem Etat dazu nicht zur Verfügung. Das sehen auch die Parteien ein, obwohl sie alle ben Wunsch haben, über ben Rahmen bes Möglichen hinaus zu helfen. _________________________

Oberhessen.

Landkreis Gießen.

* Watzenborn-Steinberg, 4. März. Dieser Tage hielt die hiesige Spar- und Darlehnskasse e. G. m. b. H. in der Wirt­schaftZur Krone" in Steinberg ihre Gene- ralDerfammlung ab. Aus dem Geschäfts­bericht des Direktors P i y war zu entnehmen, daß die Genossenschaft im abgelaufenen Ge­schäftsjahr 1925 erfreuliche Fortschritte zu ver­zeichnen hatte. Die Mitgliederzahl, bie zu An­fang des Geschäftsjahres 285 betrug, zeigte Sude 1925 einen Stand von 329. Die Spareinlagen erreichten am Schluffe des Geschäfts) ahi-es einen Stand von 44 727 Mk.; ebenso bewegten sich die Zahlen im Kontokorrentverkehr von 33 695 Mk. auf 98 999 Mk. An Sparkartengelder gingen eilt 11 367 Mk. Einen sehr erfreulichen Aufschwung hat die feit dem 24. Februar 1925 bestehend« Schulsparkasse genommen, die bis Ende des Ge­schäftsjahres, einschließlich Zinsen, 2 104,89 Mk. zu verzeichnen hatte. Den Lehrern wurde für ihre waltung der Genossenschaft hat im Laufe des hingebende Tätigkeit bestens gedankt. Die Cßec- Geschäftsjahres auch den Scheck- und Wechsel­verkehr eingeführt.

y. Lollar, 3. März. Zur Berichtigung eines Druckfehlers: Vorsitzender des hiesigen ffrieger- vereinsLudwig zur Treue" ist nichtLehrer", sondern Finanzbeamter Taubert.

v. Londorf, 4. März. Bei der gestrigen Gemeindeholzversteigerung waren die Preise ziemlich hoch. Buch.mknüppel kosteten 25 bis 28 Mk., Buchenscheiter 30 bis 32 Mk., Duchen- stöcke bis zu 16 Mk. pro 2 Raummeter. Reiser kosteten 2 bis 4 Mk. pro Meter. Das Ruhholz, welches in Submission vergeben wurde, erhielt die Firma Himmelsbach und Zimmermeister Wihner von hier. Ein Teil war freihändig an die Dasaltsteinbrüche bei Kesselbach verkauft wor­den.

wn. Weickartshain, 3. März. Henle ist unser Altbürgermeister Karl K n ö ß I. nach länge­rem schwerem Leiden zu r letzten Ruhe bestattet worden. Er war 22 Jahre als Bürgermeister tätig und hat während dieser Zeit oft mehr als seine Pflicht getan. Die Beerdigung fand unter großer Beteiligung der Bewohner von hier unb auswärts statt. Am Grabe würben bem Entschlafenen von Pfarrer Diehl ein zu Herzen gehenber Nachruf ge- roibmet. Hierauf erfolgte bie Nieberlegung ber Kränze von ber Gemeinbe unb bem ffriegeroerein.

Kreis Friedberg.

sf. Friedberg, 4. Marz. 3n der heutigen Stadtverordnetensihung beschäftigte man sich mit der Inangriffnahme von R 0 t - ft anödarbeiten und der Vergebung der Ar­beiten und Lieferungen dafür. Geplant ist die Anlage einer Rieselfeldanlage in der Clach (einer Gemarkung in der Verlängerung der Langgasse) und die Herstellung des dazu benötig­ten Kanals von dem Kühlen Grunde bis dahin. Die Ausführung der Arbeiten erfordert einen Kostenaufwand von 68 000 Mk.: hierzu gewährt das Reich einen Zuschuß von 23 000 Mk., der nicht zurückbezahlt werden muß, der Staat Hessen einen Vorschuß von 14 000 Mk., der binnen 10 Jahren rückzahlbar ist und bis dahin verzinst werden muh, der Anteil der Stadt beträgt 14 000 Mark, da ein Teil der Arbeiten (Anlage eines Klärbrunnens) vorerst noch zurückgestellt wird.

Ohne Hut unb ohne Ueberzieher wankte Jo» seph Schreyvogel burch ben ftrömenben Regen heim. Nach zwei Tagen war er krank. Nach zwei Mo­naten war er tot.

Uraufführung in Darmstadt.

Hofrat Otto Stockhausen, ber mit schönem Erfolg ScribesGlas Wasser" neu bearbeitet und bamit bem beutschen Theater ein Spielstuck guter dramatischer Hanbwerkskunst toiebergegeben hat, bearbeitete auch bas LustspielDer Herr von Pourceaugnac" von M 0 1 i ö r e. Die Urauf­führung in biefer neuen Form hat jetzt im Kleinen Hause bes Lanbestheaters in Darmstabt ftattgefun» ben. Es war ein literarischer Versuch, von dem man nicht behaupten kann, baß er ganz geglückt ift. Das Lustspiel ist, vorn heutigen Stcmbpunkt aus gesehen, eine ©röteste; es schilbert bas vergebliche Liebeswerben eines Herrn von Pourceaugnac, bas sich mehr in Iraumbilbern unb Einbilbungen als in einer wirklichen Welt vollzieht. Die Regie von Karl ßötoenberg hat bie Groteske, vielleicht gegen ben Willen bes Bearbeiters, ganz nach Art eines Fastnachtsscherzes eingerichtet, unb Lothar Schenk von Trapp hat biefem Gebauten in Ausstattung unb Kostümen Rechnung getragen. Im Mittelpunkte ber Darstellung ftanb Generalinten­dant Legal als Pourceaugnac. Eigenartig war bis Wirkung bes literarischen Experiments auf bas Publikum. Währenb bec eine Teil an ben grotesken Vorgängen auf ber Bühne viele Freube hatte, ver­hielt sich der anbere (größere) Teil ablehnend und hatte etwa bas Empfinben ber Veralberung. Jeden­falls war vom Lanbescheater alles aufgeboten wor­ben, um biefes Moliöresche Lustspiel neu zu be­leben; es wirb wahrscheinlich nur ein kurzes Scheinleben bleiben. Die noch erhaltene Musik zu biefem Werk von Lully ist von bem Privat- bozenten für Musik, Dr. Friedrick N 0 a ck in Darm­stadt, erneuert worben; sie rouroe bei der Auffüh. rung leider stark in den Hintergrund gedrängt un> hatte so nur den Charakter einer Begleitmusik.