Nr. 54 Erster Blatt
176. Jahrgang
Zrettag, 5. März 1926
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
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vostschecNoalo:
Sranffnrt am mäht 11686.
Deutschlands wirtschaftlicher Wiederaufbau.
Line innerpolitische Rede des Reichskanzlers vor der deutschen Presse.
B^e r l i n, 4. März. 3n der Wandelhalle des Preußischen Landtages veranstalteten heute abend die im Berliner Verband der auswärtigen Presse zusammengeschlossenen Zeitungen im Reich einen Empfangsabend, der außerordentlich stark besucht war. Das Reichs- tabtnett war unter Führung des Reichskanzler- Dr. Luther fast vollzählig erschienen. Ebenso waren fast alle preußischen Minister, die Gesandten der Länder, die Präsidenten des Reichstages und des Landtages mit vielen Abgeordneten aller Parteien anwesend. Außerdem sah man Vertreter der hohen Beamtenschaft, der Großbanken, von Handel und Industrie, der Wissenschaft, der Kunst und der Berliner Presse. 3m Ramen der Zeitungen, von denen diele Verleger und Ehefredakteure eigens nach Berlin gekommen waren, begrüßte zunächst Dr. Frankfurter, der Vorsitzende des Verbandes, die Gäste mit einer kurzen Ansprache, in der er die kulturelle und politische Bedeutung der Presse im Reich unterstrich. Darauf hielt
Reichskanzler Dr. Luther
eine Rede, in der er im wesentlichen auf die zur Zeit schwebenden innenpolitischen Fragen zu sprechen kam. Er begann mit einem Rückblick auf die deutsche Politik der letzten 3ahre und entnahm die Hauptleitschnur seiner Darstellungen aus dein Entwicklungsgang der öffentlichen F i n a n z e n, um dabei aber auch aufzuzeigen, daß eine gerade außenpolitische Linie durch die Ereignisse der lohten 3ahre hindurchführe. Es gäbe kein politisches Geschehen, das nicht von den Finanzzuständen entscheidend mitbestimmt wäre, mitsamt den Wäh- rungs- und Kreditverhältnissen, für die heute ja in der Hauptsache die Reichsbank zuständig sei. An der Entwicklung der Llmsahsteuer, in der sich am deutlichsten der Weg der Reichs- sinanzen spiegele, zeigte der Reichskanzler eine zusammenhängende Entwicklung auf, bei der die jeweiligen Stufen selbstverständlich den sich verändernden Verhältnissen angepaht seien. In dem Zeitraum seit Oktober 1923 seien drei Abschnitte deutlich au unterscheiden: der erste bis zur Annahme der DaweSgesehe, der zweite bis zum Abschluß der großen finanz- und wirtschaftspolitischen Gesetzgebung des Sommers 1925 oder bis zur Erreichung der internationalen Gesamtlage im Zeichen von Locarno. Zur Zeit stehen wir am Anfang und vor den Ausgaben des dritten Abschntttes. Der außenpolitische Entwicklungsgang des ersten 'Abschnittes werde nur verständlich, wenn man seinen tragenden Pfeiler erkennt. Das ist
die finanzielle Selbslreltung des deutschen Volkes.
Auch im zweiten Abschnitt, der im Herbst 1924 beginnt, stehen innen- und außenpolitische Vorgänge mit gleichem Schwergewicht nebeneinander. Auf wirtschaftlichem Gebiet führten die hereinströmenden Kredite im Zusammenhang mit dem damaligen beträchtlichen Warenmangel zu einem Zustand, der sich äußerlich fast als eine Hochkonjunktur darstellte, tatsächlich aber in erneuter Verschleppung der notwendigen Reinigungskrise nichts anderes war, als die letzte Erscheinung der an sich schon überwundenen Inflation. Die Ausgabe der Reichsregierung bestand in diesem Abschnitt besonders darin, der Wirtschaft feste Vorausfehun- fleit einer sorgfältigen Berechnung der Preise wieder zu verschaffen. Selbstverständlich' bestand auch schon damals der Wille zu einer tunlichsten Senkung der Steuern und so seien z. D. die beiden Ilmsahsteuersenkungen auf 2 und 1,5 Proz. auf Grunv des Artikels 48 in Abwesenheit des Reichstages durchgesührt worden. Die durchgreifendste Maßnahme aber war die gesamte Steuergesetzgebung des vorigen Sommers. Außenpolitisch ist der zweite Abschnitt völlig durch das Bestreben beherrscht, zu der auf repa- rationspolittschem Gebiet gefundenen Regelung die Grundlage einer allgemeinen politischen Verständigung zu fügen.
Wird das Werk von Locarno in die Wirklichkeit überführt, so soll es der Ausgangspunkt werden, von dem aus Deutschland im Dienst der Gesaml- cntmicklung der wett jene Stellung roieber- gewinnt, die ihm als natürliche Eigenschaft seiner Gröhe und Bedeutung zukommt.
Hieran unablässig zu arbeiten wird die eigentliche außenpolitische Aufgabe des vor uns liegenden Zeitraumes fein. Jnnerpolitifch muß dieser dritte Abschnitt völlig beherrscht werden von dem Entschluß, zielbewußte Wirtschaftspolitik zu treiben. Dcr Kanzler erinnerte an die Preissenkungsaktion, die keineswegs erfolglos gewesen sei. Selbst- Dcrftänblid) bleibt noch viel zu tun übrig. Besonders ist die Entfaltung unseres Wirtschaftslebens immer noch beeinträchtigt durch eine U e b e r - Preisspanne zwischen dem, was der Erzeuger bekommt und dem, was der letzte Verbraucher bezahlt. Die Erreichung einer normalen Preisbildung wird die Reichsregierung in dem durch die Belange dec Gesamtwirtschaft gezogenen Rahmen fördern. Wir stehen jetzt aber an'jener Wegwende, wo schlechterdings alles daran gesetzt werden muß, um der Wirtschaft mit wirksamen Maßnahmen unmittelbar zur Neubelebung zu verhelfen. Die Krise ist zum Teil nicht Ausdruck eines Gesiin- dungsvorganges, sondern beruht auf ausländischen Vorgängen, wie besonders auf k ii n st l i ch e r K o h - lenverbilligung und Inflationspreis
verhältnissen im Auslande. Angesichts des Tatbestandes erscheinen zunächst weitere Steuersenkungen als unerläßlich. Freilich kommen die Lasten nicht allein von den Steuern, namentlich ist das Z i n s g e w i ch t, das die Wirtschaft mitzuschleppen hat, noch außerordentlich hoch. Diese Zinsverhältnisse sind Gegenstand ununterbrochener Sorge der Reichsregierung.
Eine wirklich soziale Politik ist nur möglich, wenn die wirtschaft gesund ist. Auf dcr andern Seite dürfen wir nicht vergessen, dah rin unter so schwerem Druck liegendes Volk wie das deutsche ohne durchgebildete Sozialpolitik weder in wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, noch in politischer Ruhe zu erhallen ist.
Die Steuersenkungen sollen nicht nur die Lasten der Wirtschaft vermindern, vielmehr ist es ebenso wichtig, das Trugbild einer immer wieder zu neuen Ausgaben anreizenden angeblichen Leistungsfähigkeit der öffentlichen Verbände zu beseitigen. Es wäre im höchsten Grade erwünscht, wenn vorzugsweise die Real steuern der Länder und Gemeinden abgebaut würden. Der gesamte Ausbau unseres Reiches läßt aber ein schnelles Handeln in dieser Richtung nicht zu. So kommen Umsatzsteuer und Luxus- stcuer in den Vordergrund. Der große Steuer- senkungsplan der Regierung setzt mit Bewußtsein auf die Karte eine Besserung unserer! Wirtschaft.
Es nützt uns gar nichts, zunächst noch gut gefüllte öffentliche Kassen zu haben, wenn dabei die Wirtschaft immer weiter zurückgeht. Richt der Staat trägt die Wirtschaft, sondern die Wirtschaft den Staat. Ich bin mir wohl bewußt, daß das Wagnis besonders auch deshalb groß ist, weil wir trotz Besserungsansähen auf diesem Gebiet noch immer un ter einer völlig unmöglichen Handelsbilanz leiden, die auch durch keine Zahlungsbilcrnzverhältnisse, die man als dauernd ansehen konnte, ausgeglichen wer- oen. Weiter erhöhen sich unsere Schwierigkeiten dadurch, baß wir mit den Handelsvertragsver- handluNgen durchaus noch nicht soweit voran- gekonnnen sind, wie dies für die Erhöhung der deutschen Wirtschaft notwendig ist. Die ungemeine Ausdehnung der Erwerbslvsenfürsvrge einschließlich der zeitweilig nicht vermeidbaren Kurzarbeiterfürsorge ist ferner, so notwendig sie aus sozialen Gründen ist, auf dem Wege der baldigen Wirtschaftserholung weit eher ein Hemmnis als eine Stütze. Dies gilt um so mehr, als in äußerst bedenklicher Weise eine innere Umstellung an recht vielen Stellen dahin zu wirken scheint, dah sorgfältig überlegt, und abgewogen wird, wie man unter Benutzung der Vorschriften und Lücken der Erwerbslosengesetzgebung einen Teil der Arbeiterschaft prattisch aus öffentlichen Mitteln bezahlen läßt. Ich fürchte, daß dieser Umstand, dessen Feststellung nicht jedem lieblich in die Ohren klingen mag, der Reichsregierung und den Län- derregierungen noch mehr ernste Sorgen bereiten wird. Aber wie dem auch sei,
In den Grenzen, die mit einer sachlichen Betrachtung der Vesserungsmöglichkeiten nur irgend vereinbar sind, muß jetzt die Steuersenkung gewahrt werden, damit das Eigenleben der Wirtschaft in neuen Schwung kommt. Es wäre eine große Stütze für die Reichsregierung, wenn die öffentliche Meinung, die doch in fast allen Lagern entschlossen und geschlossen so laut nach klarer Führung ruft, sich hinter diesen Standpunkt der Reichsregierung stellen würde, der durchaus kein leichtfertiger Optimismus ist, aber freilich getragen wird von einem Glauben an die Kraft, ohne dm füglich deutsche Politik überhaupt nicht gemacht werdm kann.
Die Reichsregierung begnügt sich nun aber nicht mit Stellersenkungsmaßnahmen, sondern hat sich auch zu Schritten positiver Wirtschaftsförderung entschlossen. Im Vordergrund steht hier alles, was zur Belebung der Ausfuhr dient.
Zu den Maßnahmen dieser Art gehören z. B. die Verhandlungen über den sogenannten Russenkredit, sowie die Bestrebungen zur Wiedergewinnung unseres natürlichen Kohlen- absahgebietes. Ein anderer Gesichtspunkt, der eine Hilfe der Reichsregierung erfordert, ergibt sich daraus, daß der G^eldmangel der Eisenbahn, der zur Zurückhaltung von Bestellungen geführt hat, nicht allein auf wirtschaftlichen Gründen beruht, sondern auf der politischen Belastung durch das Daves-Abkommen. Auch hier Hilst die Regierung durch Kreditgewährung. Unter dem Gesichtspunkt der produktiven Erwerbslosensürsorge, die freilich bei größerer Ausdehnung nicht unerheblich« volkswirtschaftliche Gefahren in sich schließt, sollen auch weiterhin einige Sondergebiele bevorzugt behandelt werden, die für das politisch» Gesamtleben Deutschlands besonders wesentlich find. Dazu gehören die Handelsschiffahrt und Werften. Ferner soll die ländliche Siedlung stärker betrieben werden. Aus sozialpolitischen Gründen muß dann weiter dem Wohnungsbau eine besondere Fürsorge zugewendet werden, wobei freilich im Falle einer Anspanmmg über die natürliche Leistungsfähigkeit hinaus der beabsichtigte Rutzen in einen schweren volkswirtschaftlichen Schaden umschlagen würde. 3m Vor-
dergmmd steht dabei die Erleichterung der Aufnahme eines langfristigen Hypothekenkredits.
Don größter Bedeutung sind endlich die Maßnahmen zugunsten der Landwirtschaft.
Der Kredit der Golddiskontbank ist hier wegweisend vorangegangen. Der für die Steigerung der Ertragsfähigkeit der Landwirtschaft so netto enbige Düngemittelbezug ist auch durch weitere Maßnahmen gefördert worden. Die unerläßliche Beeinflussung der Roggenpreise ist in Vorbereitung. Gerade der Landwirtschaft gegenüber darf keinen Augenblick vergessen werden, daß ihr Verfall eine weitere schwere Belastung der deutschen Volkswirtschaft durch Einfuhr bedeutet, während ihr Blühen am alter» wirkungsvollsten jene Stärkung des inne - ren Marktes barftellt, ohne die das deutsche
London, 4. März. Die Diplomatenloge des Hinterhauses war in Erwartung der heutigen Rede Chamberlains dicht besetzt. Die Botschafter Belgiens, der Türkei, Japans, Portugals, der Schweizer Gesandte und von der deutschen Botschaft Geheimrat Simon waren anwesend. Chamberlain führte in seiner Rede u. a. aus, die bevorstehende 'Verhandlung des Völkerbundes in Genf habe viel Interesse und Sorge erregt, sodaß die englische Regierung es für richtig gefunden habe, eine Erklärung ihrerseits abzugebeir, ehe ihre Vertreter zur Teilnahme an der Völkerbundstagung abreisten, und gleichzeitig dem LlnterhauS eine Gelegenheit zur Erörterung dieser Erklärung zu geben. Ich kann nur für mich Persönlich erklären: ich bin mir der Schwierigkeit der Aufgabe bewußt und hoffe, dah es mir gelingen möge, das Hinterhaus zu befriedigen, ohne die Schwierigkeiten zu vermehren. Ich muß gestehen, dah ich nicht ohne grohe Sorge die internationale Kontroverse verfolgt habe. Ich bin der Meinung, dah die Argumente für oder gegen eine bestimmte Proposition sehr ost völlig falsch angewendet wurde und dah diese Argumente sehr häufig den Geist und das Wesen des Völkerbundes ins Herz trafen.
Die Stärkung der einen ober anderen Partei im Völkerbund erscheint mir als eine mißverständliche Auffassung von der Verfassung des Völkerbundes und seines Geistes, als eine Gefahr für seine dauernde Existenz.
Wenn der Völkerbund an Einfluß und Macht zunehmen soll, und ich glaube, daß der Völkerbund gerade in der letzten Zeit in dieser Hinsicht Fortschritte gemacht hat, dann dürfen die Mitglieder nicht ihre eigene nationale Sprache sprechen, sondern wie Briand formuliert fjaöe, auch die Sprache Europas, ja der Welt. Es scheint mir, daß man gerade diesem Gesichtspunkt zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Wenn man die Reden Luthers oder B r i a n d s oder der Außenminister Belgiens oder Polens liest, so findet man allerseits dieselbe Berücksichtigung der Schwierigkeiten der Lage, Beweise der gleichen Mäßigung, des gleichen Wunsches, zu einem Liebereinkommen, das alle annehmen könnten, zu kommen. Ich selber und die Regierung sind uns einig in dem Bedauern, daß eine so große Frage wie die der Zusammensetzung des Dölkerbnnds- r a t s in diesem Augenblick auf die Tagesordnung gekommen ist. Die Regierung hat diese Erörterung nicht angeregt und wird niemals dazu ermutigen, diese ganze Frage aufzurühren. Cs ist allerdings natürlich, daß die Rationen, die sich Hoffnung auf eine Vertretung im Völker- bundörat gemacht haben, in dem Augenblick ihre Ansprüche erneuern, wo der Eintritt eines neuen Landes in den Rat vorgeschlagen wird. Die Regierung ist nicht ein für allemal gegen jeden Wechsel im Rat oder gegen eine Vermehrung des Rats. Aber
es ist eine gewisse Ueberraschung ausgetreten insofern, als die Erörterung dieser Jrage nunmehr das Ergebnis von Locarno gesährden tann. Außerdem besteht ein Gefühl, eine Empfindung, daß etwas in der Luft liegt, was nicht als fair play bezeichnet werden kann, ein Etwas, das eine der beteiligten Mächte mit Recht als Grund dcr Beschwerde änsehen kann, und das nicht vereinbar ist mit dem Geiste, in dem England in der hohen Politik zu spielen gewohnt ist.
Es muh das leitende Prinzip der Regierungsvertreter sein, bei den Erörterungen in Gen? nicht irgend etwas zu fördern, das den Erfolg von Locamo schädigen kann, und das esDeutsch- land int letzten Augenblick unmöglich machen würde, in den Völkerbund einzutreten. Es war eine wesentlich Vorbeding ung für Englands Zustimmung zum Vertrag von Locamo, daß Deutschland in den Völkerbund eintritt Die englische Regierung betrachtet es als sehr bedeutungsvoll, daß nichts getan wird, um Deutschland an der Ausführung dieser Absicht zu hindern. Was ist denn der Sinn einer Mehrheit im Rat? Wenn man einmal der Meinung ist, dah der Völkerbund durch Mehrheit entscheiden soll, dann muß es in der Tat das
Volk ben wirtschaftlichen Aufstieg nicht erreichen toitb. Alle die vorstehend genannten Maßnahmen, deren Aufzählung nicht erschöpfend ist, kosten Geld. Sie find deshalb neben der Steuersenkung nur im begrenzten Umfange möglich. Die große Verantwortung der Reichsorgane liegt, darin, auf der einen Seite das Notwendige zu tun, und aus der anderen Seile nicht durch Einzelmaßnahmen die Selbsterholung der gefunden Teile unserer Wirtschast zu gefährden. Richt wechselnde Auffassungen der gleichen oder verschiedener leitender Persönlichkeiten bestimmen den Ablauf des Geschehens, sondern es sind innere Gründe die uns von einer Politik, die in der Hauptsache auf den Schutz der Währung gerichtet sein mußte, nunmehr in den jetzigen Zustand der Dinge geführt haben, in dem die Erhaltung und Belebung der Wirtschaft unser politisches Handeln bestimmen. Unveränderlich aber bleibt immer, daß alle unsere Arbeit nichts anderes bedeutet als Dienst am deutschen Staat und an der deutschen Kultur zum Ruhen von Vaterland und Volk.
Ziel jeder beteiligten Ration werden, die Mehrheit für sich zu sichern. Cs ist daher meiner Meinung nach sehr wesentlich, daß die Einstimmigkeit erhalten bleibt und fei es auch zu keinem anderen Zweck als solche Intrigen zu verhindern. Unter gar keinen älmständen wird England den Versuch dulden, verschiedene Lager sich gegenseitig bekäinpfender Kräfte im Völkerbund zu bilden. Ich bezweifle, dah es irgend jemand gibt, der bereit wäre, zu sagens, daß der Rat in der ursprünglichen Form so bleiben müsse, und daß es keinerlei Aenderungen gebe. England habe nicht den Standpunkt vertreten, daß es keinerlei Vermehrung der ständigen Sitze außer der Zuwahl Deutschlands, der Vereinigten Staaten oder Rußlands geben soll.
Wenn der Rat einstimmig für die Linker- stützung eines besonderen Anspruchs ist, so darf die englische Regierung nicht von vornherein erklären, daß ein solcher Anspruch unter gar keinen Umstanden zur Erörterung zugelassen werden darf, ülnd wenn sich nach gemeinsamer Beratung aller Ratsmitglieder ein llebercinfommen im Sinne einer bestirnten Zulassung ergibt, dann wird man sicherlich diese Zuweisung nicht mit der Begründung abweisen, daß die Erörterung dieser Frage im September stattsinden sott. Ich wünsche für mich eine gewisse Ellenbogenfreiheit und bitte das Haus dringend, um Ku einer Entscheidung zu kommen, der englischen Delegation Freiheit für die Entscheidung im Interesse der gemeinsamen Sache zu lassen.
Rach Chamberlain sprach Mcrcdvnald unter dem Beifall der Arbeiterpartei sein Bedauern aus, dah es unmöglich sei, der Rede Chamberlains zuzustimmen. Er hübe nie in seinem Leben ein Problem gesehen, in dem sich die Ration so einig gewesen sei, wie in der augenblicklich erörterten Frage der Erweiterung dos Völkerbundsrates.
Auch Llohd George äußerte sich scharf ablehnend gegen die Rede Chamberlains.
Hierauf betonte
Premierminister Balbroin, zwischen Chamberlain unb Öen übrigen Mitgliedern der Regierung bestehe keine MeinungsverichiedeN' heit. Wenn Chamberlain und Lord Cecil nach Genf gingen, hätten sie in allererster Linie ihre Ausmerki famfeit daraus zu richten, daß Deutschland Mitglied des Völkerbundes mit einem Sitz im Rate werde. Dies sei ihre Hauptaufgabe. Großbritannien wünschte den freien und bedingungslosen Zutritt Deutschlands in den Völkerbundsrat. Was Spanien betreffe, so habe Großbritannien die Zusage einer Unter stützung Spaniens erneuert, die von Lloyd Georges Regierung vor einigen Jahren gegeben wurde. Daran fei feine Bedingung mit Bezug auf Zeit und Gelegenheit geknüpft. Großbritannien habe, abgesehen davon, kein Versprechen irgendeiner Art gegeben und sei keine Verpslich- tungen irgendwelcher Art eingegangen gegenüber irgendwelchen Ländern. Einen Einschüchlerungsver- such gegenüber Deutschland werde es nicht geben, soweit Großbritannien irgendwelche Macht habe, es zu verhindern. Die Regierung entsende Chamberlain und Lord Cecil in der Üeberzeugung, daß sie das Vertrauen des Landes nicht weniger verdienen als das Vertrauen der Regierung. Er fei überzeugt, daß bei der Rückkehr der Delegation aus Gens die Mitglieder des Unterhauses die ersten sein würden, die von neuem anerkennen, daß sie die Ehre ihres Landes hochhietten und einen weiteren Stein in den Friedenstempel von Europa einfügten.
Liberale Kritik an Chamberlain
London, 5. Mär;. (WTB - Funkspruch.) ^Westminster Gazette" schreibt, das einzige Ergebnis der langen Kabinettserörierungrn sei, dah dos Kabinett jetzt zum Entschluh gelangt sei, Deutschland die Verantwortlichkeit aufzubürden. Das sei der Kern der nichts» sagenden und keinerlei Aufttärung bietenden Rede Chamberlains. Es sei selbst klar, dah im gegenwärtigen Zeitpunkt sich die Hoffnung einer kleineren Macht, wie Schweden, zuwenden muh. Möge Schweden von neuem fest bleiben in dem Dewuhtsein, dah es nicht nur die Stimme seines eigenen Landes, sondern auch diejenige Englands vertrete, ebenso wie zahl-
Eine neue Rede Chamberlains.
England und die Ratssitze.


