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Dienstag, 5. Januar 1926

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

Nr. 3 Zweiter Blatt

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Der Kampf um die Bagdadbahn.

Aus den diplomatischen Akten. Winston Churchills Sondierung beim Botschafter von Marschall.

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Während über dieie (wirtschaftlichen) Fragen mit der Pforte verhandelt wurde, führte die eng-

*)Die Große Politik der Europäischen Ka­binette 18711914." Sammlung der Diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes. Im Auftrage des Auswärtigen Amtes herausgegeben von Johannes Lepsins, Albrecht Mendelssohn Bartholdy, Friedrich Thimme. <5. Reihe. Erste Abteilung:Weltpolitische Komplikationen". Band 2629 (6 Teile). Im Ver­jage der Dentsä)en Verlaasgejellfchaft für Politik inw Geschichte in Berlin W. 8.

Betätigung nicht genügen. Es handelt sich um die Frage, ob die heutige Menschheit den nicht abzu- . streitenden Wahrheitsgehalt der sozialistischen Be­wegung zu assimilieren vermag, oder ob der letzte Rest unserer Kultur einer endgültigen Auflösung entgegensinkt.

Indem Gurten so mitten in die heutige Um­wälzungen hineingreist und den Zeitproblemen mutig zu Leibe geht, wird er doch nie Partei und dadurch einseitig, sondern er zeigt in all den Ge­gensätzen eine über ihnen liegende Möglichkeit eines geiftig=tulturellen Ausgleichs auf einer höheren Stufe der Geistigkeit, auf die der Mensch ohne Wahrheilsstreben und Arbeit an sich und der Um­welk nicht gelangen kann.

Und wie dadurch, so auch durch seine Scheidung des rein Historischen von demewigen Wahrheits­gehalt der Religion" hat Gurten mitten in das Sehnen der heutigen Zeit getroffen und Tausenden einen festen Halt in dem Fluß der tragisch-verwor­renen Gegenwart geboten.

Das richtete sich, wenn es auch zunächst sich an das eigene Volk wandte, durchausan alle", und das verstanden alle nach einem Ausgleich und einer Ueberwindung der Gegensätze strebenden Geister von Schweden, das ihm schon 1908 den Nobelpreis verlieh, bis nach Japan, Amerika, Australien und China. Und weil Gurten zugleich guter Deutscher und guter Weltbürger im Geiste ist, und seine Darlegungen sicl) nie auf ein besonderes Volkstum etnengten, sondern immer dasGanze des Lebens" im Auge haben, desbalb wurde er ein wirklicher Erzieher der Menschheit" und ein unermüdlicher Verfechter ihrer geistigen Pflichten und Rechte.

So grüßt auch heute Gurten nicht nur Deutsch­land, weit über die akademischen Kreise hinaus der Gurfenbunb beweist es, sondern auch zu- amit ihm als einen seltenen und begnadeten

Inder von der unüberwindlichen Macht eine» wahren Idealismus die ganze gebildete und noch Klärrmg dürstende Well.

Rudolf Gucken.

Zum SO. Geburtstag am 5.3anuar.

Von Paul Friedrich.

Rudolf Gurten, der Senior der deutschen Phi­losophen und der berühmteste von ihnen, ist einer der wenigen Menschen in unserer Zeit, dem ein glückliches, zugleich beschauliches, tätiges und an Erfolgen reiches Leben beschieden ist.

Schon vor fünf Jahren kam er voll Dankbarkeit gegen ein gütiges Schicksal am Schlüsse seinerLe° benseriimeningen" zu diesem Fazit und heule, wo er auch das achte Lebensjahrzehnt beschlossen hat, kann er in voller körperlicher Rüstigkeit und Frische seinen reichen Werkaufgaben obliegen, darunter auch einemBriefwechsel mit der halben Welt".

Gerade das letztere ist besonders merkwürdig. Gewiß, ein reiner, trockener Fachgelehrter war Gurten weder als Schullehrer, noch als Katheder- Philosoph in Basel, wo er ein Kollege Nietzsches mar, noch in Jena, in dessen idyllischen Mauern er nun schon über em halbes Jahrhundert lebt.

lischt Regierung zum ersten Male amtlich und öffcntlid) einen Schlag gegen unsere Bagdadbahn. Die Pforte halte von den Mächten die Genehmi­gung erbeten. ihre Eiugangszölle von 11 auf 15 Prozent zu erhöhen. D: stellte das Londoner Ka­binett die conditio sine qua non, daß von den M e h r c i n n a h m en nichts zugunsten der Bagdadbahn verwendet werde. Eine seltsame Zumutung, die darauf hinauslief, daß die Pforte einen fest geschlossenen Vertrag nicht halte. Die Mehreinnahmen ans den Zöllen waren, soweit sie der Pforte zufließen, d e r B a h n verpfände t. Wir haben den Schlag, der uns treffen sollte, als­bald pariert. Derselbe ist dann auf die Engländer zurückgefallen. Denn die Türken haben sich erstmals ernstlich nacl) den Gründen gefragt, denen die eng­lische Gegnerschaft gegen eine die Hauptstadt mit Mesopotamien und dem Wilajet Bagdad verbin­dende le-istungssähige Bahn entspringt. England will jene Gegenden der Kultur und dem Fortschritt er­schließen. Wie stimmt dazu die Feindschaft gegen eine Bahn, die dasselbe Ziel verfolgt? Zum wirk­samen Schlitze der neu zu schaffenden wirtschaftlichen Interessen bedarf es angefid)ts der dortigen un­sicheren Zustände einer Stärkung der türkischen Staatsauturität in jenen Provinzen. Die Bagdad­bahn bient diesem Zwecke, indem sie rasche Trup- oentransporte ermöglicht. Da erinnerte man sich, daß die wirtschaftlichen Interessen, die England sich in fremden Landern schafft, regelmäßig naci) einiger Zeit durch Unruhen bedroht werden, und dann die englische Macky, ivenn der einheimische Stat feinen Schutz gewährt, z u r S e l b st h i l f e schreitet. So ist es in A den gewesen. Aus einem kleinen Kohlendepot ist dort in wenigen Jahr­zehnten ein englisches Territorium von 30 000 Qua-

heute mit ihren geistigen Problemen umstarrt, mit offenen, durch keine Gelehrtenbrille verengten Sin­nen; feiner außer- und oberhalb der Zeitströmun­gen auf dem festen Grund einer wahren idealen, aber die realen Faktoren richtig einschätzenden Weltanschauung ruhenden Geistigkeit liegt alles einseitig Formelhafte ebenso fern wie alles Agita­torische. Gr wägt mit einer streng kritischen Sach­lichkeit die einzelnen Strömungen ab aus dem Zentrum der ewig in Fluß befindlichen Bewegung, dem von ihm umfassend formuliertenLeben" her.

Sein Pantheismus unterscheidet sicl) von dem der nachkantischen Philosophen dadurch, daß es ihm um die letzthin unmögliche Erforschung desTranszen­denten" nicht zu tun ist.

Der Geist ist für ihn in der Form desLedens" bereits angelegt. Des Menschen Ausgabe besteht darin, sich aus dem bloßen Dasein naturhafter Bedingtheit in die geistige Welt emporzuringen, sie tätig,aktivistisch" auf eine besonnene Formung desDaseins" anzuwenden, so also eine Kultur- weit zu errichten, und sich bis zu der Erkenntnis von der überragenden Weltmacht des Geisteslebens zu erheben, ohne die weder Freiheit noch Religion möglich sind. Es handelt sich also um eine Innere Besitzergreifung des Lebens in feiner Totalität, und Wahryeit ist das Streben des Lebens zu sich selbst.

Aller Naturalismus bleibt zu eng an die reine Naturgesetzlichkeit des bloßen Daseins gebunden und vermag sich nicht selbsttätig über sie zu er­heben. Der Spiritualismus wieder geht zu ein­seitig von seinen Denkgesetzen aus und wird da­durch, daß er das Mrgedachte für das Allein­seiende hält, dem Wesen des wirklichen Lebens, dessen Grundlagen er falsch einschäht, nie gerecht.

Einen ähnlichen Gegensatz zeigt das tätige Leben des Geistes. Auch dies hat sich in zwei Arten ge­spalten: einmal eineRealkultur" und zweitens eineJdealkultur". Beide Formen des menschlichen Tätigkeitsdranges verfehlen das eigenlliche Ziel. Der große Delltsche Jean Paul hat diese beiden

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Seiten des deutschen Lebens in seinenFlegel­jahren" in den ungleichen Brüdern Valt und Vielt gezeichnet. Der Ablauf des vorigen Jahrhunderts zeigt deutlich, einmal bis gegen 1850 ein lieber: wiegen einer reinen Jdealkultur, die sich in ro­mantische Träume einspann ober in kühnen phi­losophischen Jdeenspekulationen die Wirklichkeit überflog. Während in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine reine Realkultur herrschte, die zwar in Technik und Naturerkenntnis Unge­heures leistete, geistig aber bis zum ödesten, platte ften Materialismus und künstlerisch bis zum reinen Naturalismus herabsank.

Guckens HauptwerkMensch und Welt" legt in eindringlichen geschichtlichen und philosophischen Betrachtungen diesen fundamentalen Spannungs­gegensatz des modernen Lebens dar.

Gurtens Aufenthalt in Amerika, wo er vor dem Weltkrieg als Austauschprofessor wirkte, hat ihm die Gefahr einer einseitigenArbeitskultur" ver­schärft vor Augen geführt. Eine reine Massenar­beit, die nur die Formen der Arbeitsmethoden kompliziert, ohne auch dem Geistes- und dem Seelenleben eine Befriedigung feiner Sehnsucht zu schaffen, vermag den Menschen niemals zu er­füllen. In seiner vielgelesenen SchriftZur Samm­lung der Geister" trat er energisch für eine not­wendige Geisteskultur als Ergänzung em und er unterstrich das Wort NietzschesNur das Volk lebt, das seine Erlebnisse in Ewigkeitswerten aus- brürtt". In dem Fehlen dieser geistigen Ewigkeits­werte in dem Deutschland vor dem Kriege erkannte er die große Gefahr, die ja sich auch bann in bem, was folgte, aufs schwerste offenbart hat

Drei großeSnntagincn' ober Lebenszusam­menhänge zeitigte bte abendländische Welt: die An­tike der Lebensgestaltung, die christlist-religiöse der Seelenvertiefung, die moderne der Kraftentfaltung. Der moderne Mensch schwankt haltlos zwischen ihnen hin und her. Es fehlt ihm einmal eine innere Einheit, ein vollesBeisichselbstfein" und ander­seits kann ihm das Leben m einer rein äußeren

c) bei der Land. 'e Krankenkasse bes

und die gewissenhafte Achtung wohlerworbener Rechte anderer Staaten, weldic unentwegt die Rich­tung der deutschen Politik bilde, schlössen bei vor- urteilslosen Menschen die Möglichkeil eines Ver­dachts, daß Deutschland zum Friedensstörer werden könne, vollkommen aus. Mr. Winston Churchill gab dies zu, bemerkte aber, daß es and) in England Streife gäbe, welche ernstlich befürchteten, daß Deutschland seine Flotte vermehrt, um eines Tages England zu überfallen und daraus eine deutsche Provinz ztt mad)en. Id) beschränke mich auf die Be­merkung, daß es aud) in Deutschland Leute mit absurden polnischen Ideen gäbe, dieselben aber bei uns in ernsten Kreisen keinerlei Beachtung fänden.

Mr. Winston Churchill ging dann noch weiter und sagte mir, sein lebhafter Wunsch sei, daß zivi- fd)en Deutschland und England eineCoopera­tion in verschiedenen Ländern der Erde eintrete. Id) erwiderte, daß mir der Gedanke an die sym­pathisch sei, er mir aber nicht Übelnehmen möge, wenn ich offen sage, daß speziell in der Türkei, wo mir die^Wahrung der deutschen Interessen ob­läge, eine Spur von Betätigung dieses Wunsches bisher nicht zu erblicken gewesen sei. Daraus wurde mein Besucher lebhaft und begann alsbald von Me­sopotamien und der Bagdadbahn zu sprechen. Es sei ein Irrtum, so führte er aus, zu glauben, daß England ein Gegner der Bagdadbahn sei. Das sei nicht der Fall. Im Gegenteil. Gr betrachte diese Bahn als ein großes und nützlichesKulturwerk" er gebrauchte dieses delltsche Wort, während un­sere Unterredung in englischer Sprache geführt wurde. Gegen den Bahnbau bis Bagdad durch die Deutschen unter den vereinbarten Bedingungen bestände in England fein Widerspruch. Man wünsche nur, daß die vornehmlich kommerziellen eng­lischen Interessen in Mesopotamien und am Persi­schen Golf gewahrt würden, und daß sei nur mög­lich, wenn England bezüglich derG o l f l i n i e , das beißt der Linie von Bagdad bis Kostma, b e - sondere Rechteei n geräumt würden. Ich wandte hier ein, daß der BegriffGolflinie" im Laufe der Zeit vielfad) gewechselt und dabei fort während an geographischer Ausdehnung gewonnen habe. Urfprünglid) habe man darun­ter die letzten 200 Kilometer bis zum Golf verstan­den, dann die Linie von Basra, später von Bag­dad aus, und kürzlich sei sogar der Versuch gemacht worden, dieselbe schon von Helif aus beginnen zu lassen, obgleich dieser Punkt zirka 1500 Kilometer vom Golfe entfernt sei. Mr, Churchill fuhr fort: England habe in Mesopotamien so große Inter­essen, daß es schon von Bagdad aus beson­dere Rechte an der Bahn beanspruchen müsse. Ich wies daraus hin, daß in den Verhandlungen zwischen der Deutschen Bank und Sir Ernest Cassel eng- lid)erfeits nurabsolute control über die erwähnte Golflinie als annehmbar bezeichnet worden sei. Scherzend fügte ich hinzu, daß, wenn jemand sich mit Mühe und Kosten ein Bett hergestellt habe, es eine sthwere Zumutung darstellt, dasselbe wieder zu raumen und einen anderen darin schlafen zu lassen. Mr. W. Churchill lachte und bemerkte, wir könnten ja beide in dem Bette schlafen ae man and wHe, worauf ich replizierte, daß ich diesen Vergleich nicht ablehnte, daß aber in guten Ehen die Benustung des gemeinsamen Ehe­bettes auf dem Prinzip der gleichen Rechte sich vollziehe, während uns die englischen Finanziers diese nickst einräurfien wollten. Churchill suchte dies mit der Bemerkung zu bestreiten, daß nicyt absolute but effective control verlangt werde, konnte aber wenig erwidern, als ich ihm nachwies, daß praktisch dies nur verschiedene Worte für ein und dieselbe Sache seien ...

Das ist der wesentlichste Inhalt meiner Unter­redung mit Mr. Winston Churchill. Ich habe in ihm einen klugen, geistig überaus lebhaften Staats­mann gefunden. Ob seine deutschfreundlichen Ge­sinnungen aufrichtig sind, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen. Da derselbe in den letzten Tagen nicht nur mit meinem englischen, sondern auch mit meinem französischen Kollegen sowie mit den her­vorragenden türkischen Staatsmännern, wie Dscha- wid Bey und Taalat Bey konferiert und dabei zwei­fellos überall Informationen über die Bagdadbahn­frage eingeholt hak, so habe ich mich verpflichtet ge­halten, ihm, als er dieses Thema mir gegenüber berührte, Rede und Antwort zu stehen. Irgendein Ausweichen meinerseits würde zur Folge gehabt hohen, daß er mit falschen Eindrücken die hiesige Hauptstadt verlassen hätte. Daß ich bei dieser Ge­legenheit, wie man englisch sagt,to the point ge­sprochen habe, entspringt meiner Erfahrung, daß man nur auf diese Weise bei ernsten englischen Staatsmännern ich will nicht sagen Vertrauen erwecken, aber jedenfalls Mißtrauen und falsche Schlußfolgerungen vermeiden kann.

Marschall.

Aegypten. Die englische Regierung hatte die Suezkanalaktien gekauft. Da brock) der Aufstand Arabis aus, der angeblich den Kanal bedrohte. Die türkische Regierung war machtlos einzuschreiten. Darum ist Aegypten heute englischer Besitz. Man dachte an Kueit, auf das England die Hand ge­legt hot, weil der dortige Scheid) durch unruhige Araberstämme bedroht war. Bestehen ähnliche Pläne für dos Hinterland des Persischen Golfes? Bekämpft man den Schienenstrang zwischen der tür= kischen Machtzentrale und Bagdad etwa deshalb, weil man dort unten nach Guwünken schalten und walten will? Aus allen diesen Fragen und Er­wägungen ist eine Wirkung eruftanben, die sicher­lich von den Engländern nicht erwartet wurde, nämlich der feste Entschluß der Türken, unsere Bag­dadbahn um jeden Preis d u r ch z u f ü h re n.

Es ist lehrreich, festzustellen, wie der heute durch den M o s s ii l - S t r e i t erneut akut gewordene englisch-türkische Gegensatz eine genaue Fortsetzung der englischen Bestrebungen aus der Vorkriegszeit darstellt, im Stromgebiet von Euphrat und Tigris keine fremde Macht Fuß fassen zu lassen.

Auf welcher Grundlage England eine Verstän­digung erwünscht erschien, entnehmen mir, ebenfalls als Vorabdruck aus dem 27. Bande, dem folgenden Bericht des Botschafters in Konstantinopel F r e i - Herrn von Marschall an den Reichskanzler von Bethmann Hollweg.

Theropio, den 15. September 1910.

Mit einem Einführungsschreiben Sir Ernest Cassels ausgerüstet, hat mir der englische Minister Mr. Winston Churchill, der sich seit einigen Tagen auf einer Jacht hier aufhält, einen längeren Besuch gemocht. Der Zweck dieses Besuchs, mit mir über Politik und speziell die Bagdadbahn zu spre­chen, trat alsbald zutage. Er begann das Gespräch mit dem Ausdruck des Wunsches, daß bald die alten freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und England wiederhergestellt sein möchten. Der einzige Differenzpunkt, der zwischen beiden Ländern bestehe, sei die F1 o t t e n f r a g e. Die fortwährende Zunahme der deutschen Flotte errege in weiten eng­lischen Volkskreisen Besorgnisse und zwinge die Re­gierung zu immer stärkeren Ausgaben, während die großen sozialpolitischen Pläne der Arbeiterversiche rung, die er nach dem bewunderungswürdigen deut­schen Beispiel entworfen habe, in den Hintergrund gedrängt würden. Ich habe erwidert, daß mir zur Besprechung dieser Angelegenheit jede Kompetenz fehle. Die Friedensliebe Seiner Majestät des Kai­sers, die vom gesamten deutschen Volke geteilt werde, die ruhige, maßvolle Haltung, welche das Deutsche Reich seit seiner Gründung eingenommen,

Paraguay und seine Siedlungsmöglichkeiten

Bon Dr. C. Fiebrig-Gertz,

Direktor des Botanischen Gartens, Paraguay.

Südamerika ist der Kontinent der riesenhaften Abmessungen. Südamerika bildet mit dem größten Strom, den größten Gebirgsmassen die 7000 Kilometer lange Andenkette und dem ausgiebig­sten Waldgebiet der Erde im Tiefland des Ama­zonas, während diesem Kontinent auf der andern Seite die Wüsten fehlen, eine Sahara Afrikas, die riesigen Tundren und Hod;wiisten Jnnerasiens und das wasserlose Zentrum Australiens, den von der

Natur vielleicht am reichsten gesegneten Erdteil, mit größten Zukunstsmöglichkeiien.

Innerhalb dieser riesenhaften Abmessungen dieses Erdteils liegt wie eine Enklave in feinem Innern, verbunden mit dem Meere durch den Paranastrom. die Republik Paraguay, die gewissermaßen all die spezifisch südamerikanischen Eigenschaften in kleinem Maßstabe zeigt. Niedrige Gebirgszüge, dichte Wäl­der und ein reich verzweigtes Stromgebiet; dazu ausgedehnte Kämpe, die im kleinen das wiederholen, was man unter der argentinischen Pampa versteht.

Im wesentlichen bietet sich als bas natürliche Landschaftsbild dar als eine Abwechslung zwischen Wald und Kamp, durck)zogen von vielen Bächen und Flüssen, und man kann im allgemeinen diese Vegetationsformation als parkähnlich be­zeichnen. Wald und Kämpe hängen im wesentlichen ab von den Bodenverhältnissen, so zwar, daß der Wald die höher gelegenen Plätze entnimmt, die sich durch einen roten Boden auszeichnen, während sich die Kämpe mehr in den Niederungen ausbreiten, ivo der Bode» häufig schwarz und undurchlässig ober bann mehr sandig ist. Dieser rote Waldboden zeichnet sich burd) seinen Tongehalt aus und im allgemeinen große Tiefe, Eigenschaften, die für die Kultur sehr günstig sind. Der Paraguayer pflegt infolgedessen sich lieber der Mühe des Schlagens der Bäume zu unterziehen, um auf diese Weise brauchbares Kulturland zu gewinnen (gerade so wie der Siidbrasilianer, wo ähnliche Verhältnisse sind). Der rote Sandboden ist in der Tat sehr fruchtbar und geeignet, alle in Betracht Fornrndn- den Kulturpflanzen heroorzubringen.

Weld)e wirtschaftlichen Kulturen in Paraguay möglich wären, konnte man dahin beantworten, daß so ziemlich alle tropischen und subtropischen Pflan­zen gedeihen, so z. B. fid)erlid) die rein tropischen Bananen, Kaffee und Ananas. Nicht gedeihen durfte Kakao, da bei uns die Temperaturen alle Jahre unter 4 Grad plus zu fallen pflegen. Daher die Tatsache, daß im allgemeinen für Kakaokultur in erster Linie Küstengebiete in Frage kommen, und überhaupt Gegenden mit einem großen Feuchtig­keitsgrad der Luft, die aber für den Menschen weniger gesund ist, wie überhaupt eine Parallele be­stehen dürfte zwischen hohen Temperaturminimen und hoher Luftfeuchtigkeit auf der einen Seite und hygienisch ungünstigen Faktoren für den Menschen auf der anderen. Diejenigen Kulturen, die jeder Ein­geborene zunächst mal produziert, sind Mandiok und Mais, die Standardnahrungsmittel für alle tropi­schen Bewohner. Ebenso dienen im allgemeinen als Nahrungsmittel Bataten ober süße Kartoffeln und Porotos oder kleine Staudenbohnen. Von wei­teren Kulturen wäre in erster Linie der Tee ober Matte ober diePerba", wie sie im Lande selbst genannt wird, zu erwähnen, eine in Paraguay wildwachsende Plauze, daher ihr wissenschafllicher Name, Ilex paraguariensis, die letzt allgemein kulti­viert wird und aerobe für den Kolonisten heut­zutage von besonderer Wichtigkeit ist. Ich möchte mir erlauben, auch hier wieder eine interessante Tatsache zu erörtern, nämlich daß diekünstliche" Aufzucht und insbesondere die Kulturmöglichkeit der Ilex paraguariensis, die bis dahin unmöglich er­schienen war, durch deutsche Kolonisten, und zwar einen gewissen Herrn Neumann, vor etwa 30 Jahren in Paraguay gezeigt worden ist. Sehr alt ist in Paraguay die Tadakkulttir, aber auch sehr verbesserungsbedürftig. Zweifellos würde burd) eine Fermentationsbehanblung bes an sich guten Pro­duktes eine wesentlich bessere, dem nordischen Ge­schmack in höherem Grade entsprechende Qualität zu erzielen sein. In neuerer Zeit wird der Baum­wollkultur besondere Beachtung geschenkt, und es kann kein Zweifel bestehen, daß gerade diese Pflanze, die schon seit Jahrhunderten für den Haus­gebrauch gezogen wurde, ein sehr wichtiges Aus­fuhrprodukt barstellt, da für diese Kultur in Para­guay besonders günstige Faktoren vorhanden sind.

Es sei hier auf die interessante Tatsache hin­gewiesen, daß Paraguay von Natur aus drei für den Export hochwichtige Pflanzenarten sein eigen

Aber cs ist doch interessant, daß ein ausgesprochen deutscher Denker wie Gurten, von Geburt ein Ost- iriefe, eine solche Ausstrahlung seines Geistes zeugen konnte, daß seine Hauptwerke, wie

säst alle modernen Kultursprachen, darunter sogar das Chinesische, übersetzt sind.

Gewiß hat Gurten der Verkehr als Lehrer mit Studenten der verschiedensten Nationen das Hin­ausbringen in bas Ausland erleichtert, aber das Ausland war schon stark für Guckens Ideen ge- töonnen, als in Deutschland sich die werten Kol­legen noch einer fühlbaren Zurückhaltung befiel» Wen.

In Guckens geistigem Wesen liegt wohl des Rätsels Lösung. Rudolf Gurten ist eine selten har­monische Natter. Gr erfaßt die Welt, die uns

Zu den Hauptmotiven der deutsch-englischen Entfremdung- im Jahrzehnt vor dem Weltkrieg hat neben der Flottensrage zweifellos die wach­sende Rivalität der beiden germanischen Groß­mächte auf dem Staatsgebiet der astatischen Türkei gehört. Diese Rivalität verschärfte sich, je mehr sich mit dem fortschreitenden Bau der Bagdad b ei h n die unter deutschem Einfluß stehenden Wirtschaftszonen dem Stromgebiet des Euphrat und Tigris näherten. In Mesopotamien, bas nach ben bekannten Forderungen Lord Gur- zons zu dem Glacis Indiens gerechnet

würbe, burfte sich nach allgemeiner englischer Uederzeugung keine fremde Großmacht aud) nur wirtschaftlich nieberlatfen,. und selbst eine stärkere Betonung der türkischen Staatgewalt suchte man von London aus mit allen Mitteln zu hintertrei­ben. Das unter englischen Kanonen gelegene halb- souveräne Sultanat Kueit am Persischen Golf stellte einen Vorposten englischen Imperialismus dar.

Für die Sicherung der englischen Ansprüche in Mesopotamien gab es zwei Wege: Kampf um den herrschenden Einfluß in Konstantinopel und Ver­ständigung in Berlin. Beide Möglichkeiten hat man in London in Erwägung gezogen.

Was die Möglichkeit einer Verständigung nut Deutschland anging, so mar man in Berlin dazu im Prinzip gern bereit. Ja, man hielt dort gerade ein Zusammengehen mit England in der wirtschaftlichen Erschließung der Türkei fürim höchsten Grabe wünschenswert". In einer Aufzeichnung des Aus­wärtigen Amtes für ben neu ernannten Reichs­kanzler von Bethmann-Hollweg vom 17. Juli 1909 hieß es darüber:

Daß wir bei diesen wirtschaftlichen Unterneh­mungen Hand in Hand mit England gehen, wäre aus politischen Gründen im höchsten Brade wünschenswert. Es würde hierdurch ,licht bloß zur Erstarkung und Konsolidierung der Türkei beigetragen, an der wir mit unserem öster­reichisch-ungarischen Bundesgenossen zusammen das größte Interesse haben, sondern es würde dadurch auch die Kluft zwischen England und Rußland vertieft, das seiner alten Politik getreu auf möglichste Schwächung der Türkei hin- urbeitet. Und hat fick) In England das Vertrauen in die Dauerhaftigkeit des gegenwärtigen Systems in der Türkei befestigt, so steht zu erwarten, daß dieses durch weitere wirtschaftliche und finanzielle Betätigung an der Erschließung der Türkei Mit­wirken, und durch diese Gemeinschaftlichkeit der Interessen, die uns dort bereits mit Frankreich verbinden, uns nähergebracht werden dürfte."

Man sieht auch hieraus, wie sehr der deutschen Regierung an einer Verständigung mit England gelegen gewesen ist. Aber auch auf diesem Gebiet trat der Erfolg der Bemühungen erst ein, als es zu spät geworden mar. Der 1914 paraphierte Vertrag über die Bagdadbahn, der England die gewünschte Sicherung seiner meso­potamischen Interessen brachte und ein wichtiges Entspannungsmoment der internationalen Lage bilden mußte, vecsank im Strudel des Weltkrieges.

Den deuftchen Einfluß am Goldenen Horn end­gültig bei Seite zu schieben, hoffte England, als nach der jungtürkischen Revolution von 1908 in Stambul die Wogen der Begeisterung für ben west­lichen Liberalismus hoch gingen. Englische Unge- schicklichkeiten und die türkische Erkenntnis von der relativ großen Uneigennützigkeit der deutschen Freundschaft änderten dieses Bild jedoch bald gänzlich.

Hierüber entnehmen wir aus bem tn Kürze erscheinenden 27. Bande der Großen Aktenpubli- fation des Auswärtigen Amtes*) aus einem Brief des Botschafters in Konstantinopel Freiherrn von Marschall an ben Reichskanzler von Bethmann Hollweg folgenden Bericht-.

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