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Nr. 259 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GberlMn) Donnerstag, 4. November (926

Landtagsdämmerung.

Don Oberstudiendirektor Dr. Keller, M. d. L., Büdingen.

Der Landtag ist von seinem Präsidenten Adelung mit der Schlußbemerkung nach Hause geschickt wor­den, daß eine Festsetzung der nächsten Sitzung nicht in seinem Vermögen liege. Wird nun die Kammer in ihrer bisherigen Zusammensetzung noch einmal zusammentreten, oder wird sie durch den Volksent­scheid am 5. Dezember aufgelöst werden. Dor­läufig versichern Regierungsanhänger und Oppo­sition mit gleicher Entschiedenheit, daß ihnen der Sieg gewiß sei. Die ersteren fußen aus den sicheren Abstimmungszifsern und gelangen |o auf dem Papier zu einer großen Mehrheit für die alte Koalition: denn am 7. Dezember 1924 standen fast 354 000 Sozialdemokraten, Demokraten und Zentrumswählern nur rund 217 000 Stimmen des heutigen Wirtschafts- und Ordnungsblocks gegen­über. Aber in jener Mehrheitsziffer stecken neben treuen Parteigängern auch unsichere Mitläufer, das zeigte schon die Reichspräsidentenwahl mit über 274 000 Stimmen für Hindenburg in Hessen, die nur zum kleinsten Teil aus bisherigen Richtwahlerkreisen kamen. Eine Wahl nun, die lediglich wirtschaftliche Momente in den Vordergrund schiebt, kann über­raschende Ergebnisse zeitigen, und bereits uas Volksbegehren hat bewiesen, daß die Zentrums­bauern nicht die geringste Lust haben, den Wagen der Linken aus dem Sumpfe zu ziehen. Derartige Erwägungen sprechen stark zugunsten der Rechts­parteien, denen überdies beim nächsten Wahlgang, der ja nicht einer Neuwahl, sondern nur einer Land­tagsauflösung gilt, die Kommunisten sich gesellen werden. Schlagen wir diele nur zu 35 0Ö0 Stimmen an, was vermutlich eine Unterschätzung ist, und rech­nen wir vom Zentrum und dem kleinbürgerlichen Teil der Demokraten rund 50 000 .herüber, so ist be­reits ohne Reserven das Gleichgewicht hergestellt. Daß aber ähnliche Betrachtungen in der Stille auch im Schoße der Koalition angestellt werden, zeigt die dort von Tag zu Tag wachsende Nervosität, für die doch bet völliger Sicherheit keine Ursache vorhan­den wäre.

Fest steht unter diesen Umständen das eine, daß der Kampf heiß und erbittert sein wird. Und leider das kann man heute schon sagen wird er auch in seinen Formen unerfreulicher als je werden. Das haben schon die letzten Verhandlungen im Land­tage gezeigt: das künden die Fchdeartikel der Par­teipresse an; das hat nicht zum wenigsten auch die Denkschrift des Finanzministeriums merken lassen, die der Abg. Dr N i e p o t h an dieser Stelle jüngst mit Recht einWahlhandbuch der Koalition" ge­nannt hat. Man ist bei den hessischen Landboten an einen rauhen Ton gewöhnt, ober was in der Aus­sprache über das Volksbegehren an parlamentari­scherRhetorik" geleistet wurde, geht doch bedeutend über das übliche hinaus. Daß die Vertreter der Kammermehrheit, die ja immer schon auf die Rechte der Minderheit blutswemg Rücksicht genommen haben, dem Prüfungsausschuß für das Volksbe­gehren eine durchaus einseitige Zusammensetzung gaben, daß in diesem Ausschuß endlose Kleinigkeits­krämerei an die Stelle wahrhaft demokratischer Groß­zügigkeit trat, daß man kein Ende bei der Prüfunas- arbeit finden konnte, weil man immer noch hoffte, neue Ungültigkeitserklärungen heraustüfteln zu können, das alles ist ja zur Genüge bekannt. Nun galt es noch, die Unregelmäßigkeiten, die ein so form­loses Verfahren wie das hessische Volksbegehren mit Notwendigkeit mit sich bringt, gebührend als Volksbetrug" an den Pranger zu stellen, und ein halbes Dutzend Redner der Linken haben das um so gründlicher besorgt, weil sie wohl wußten, daß ihre Anklagen dann in ihren Parteiorganen aus­führlich (und ohne die Entgegnungen der Angegrif­fenen) der Wählerschaft vorgesetzt würden. Der Abg. Oberamtsrichter Schreiber hat von 75 000 Fälschungen" gesprochen, womit er in der Haupt­sache die Fälle meinte, in denen durch Strichelung statt Neuschreibung von Ortsnamen, durch Einträgen von Worten wieEhefrau" von fremder Hand, viel­leicht durch das Miteintragen von Familienange­hörigen durch den Hausvater, das doch sicher in fast allen Fällen mit deren Einwilligung geschah, Strei­chungen in den Listen veranlaßt waren. Andere Red­

ner riefen nach dem Staatsanwalt, um Bestrafung der Doppel- und Falscheintragungen herbeizuführen. Demgegenüber konnten die Venreter des Volksbe­gehrens feststellen, daß die nicht übermäßig zahl­reichen Namen dieser Art beinahe alle eine recht harmlose Aufklärung zulassen: sie waren auch^ in der Lage, nachzuweisen, daß die berühmtesteFäl­schung", die außer in allen möglichen Zeitungs­artikeln auch noch in der Rede des Abg. Kaul einen prachtvollen Stoff zu sittlicher Entrüstung lieferte, gor nicht existiert, bzw. nicht eine Fälschung des Eintragenden, sondern höchstens des Liftenglosfa- tors war. Da sollte nämlich einer eingetragen fein, der fast 30 Jahre tot ist, und so stehts tatsächlich von irgendeiner Hand neben dem ausgestrichenen Namen in der Liste. Der betreffendeTote" lebt aber, ist wahlmündig und -fähig, und wenn ihm der Bür­germeister oder sonst ein Schriftgelehrter seiner Hel­matgemeindeversehentlich" mit seinem toten Groß­vater verwechselt hat, so ist der Wähler selbst doch nicht der schuldige Teil. Der Fall ist aber in der Presse so oft und so liebevoll behandelt worden, daß er in den Kreisen, auf die er Eindruck machen sollte, sicherlich auch gewirkt hat, und ein Dementi pflegt man ja nur in den seltensten Fällen für nötig zu halten. .

Für die Art und Weise, wie man auf sozial­demokratischer Seite den Wahlkampf zu führen ge­denkt. scheint mir ein Leitartikel des Darmstädter Dolksfreund" vom 28. Oktober bezeichnend. Er trägt die ÜberschriftSparapostel Dingeldey" und behauptet ohne den Schatten eines Beweises, ja man kann wohl sagen im Gegensatz zu allem, was Dingeldey und die Deutsche Volkspartei tatsächlich vertreten haben, jener beabsichtige, eine Reduzie­rung der Beamtengehälter vorzunehmen, wenn ihn veränderte Mehrheitsverhältnisse dazu in den Stand setzten. Verdient aber schon diese Unterstel­lung eine Zurückweisung schärfster Art, so erst recht die weitere Behauptung, eine solche Reduzierung solle nur die unteren Beamten und Staats-

arbeiter, dagegen nicht die oberen Stellen treffen. Man fügt also zur erfundenen ersten These eine noch bösartigere zweite, die nicht wahrer ist, und glaubt eine Art von Wahrjchcinlichkeitsbeweis dafür in meinem letzten Antrag zu finden, der die Schaffung von 80 neuen planmäßigen Studienrats- fteUen verlangt. Oer Finanzsachverständige des Doiksfreundes" schätzt diesen Antrag ausdas niedliche Sümmchen von rund einer halben Mil­lion". Ich weiß nun nicht, ob das seine wirkliche Meinung ist, oder ob er sie nur seinem anspruchs­losen Wählerkreis weismachen will. Wer nicht nur meinen Antrag, sondern auch die kurze Begrün­dung gelesen hat, die ich ihm beigefügt habe, um von vornherein Räubergeschichten wie die skizzierte unmöglich zu machen (eine ausführlichere Begrün­dung behalte ich mir vor), der weiß ganz genau, daß die geforderte Maßregel nicht nur eine Not­wendigkeit ist, wenn Recht Recht bleiben soll: er ersieht auch, daß die finanzielle Auswirkung den Staat überhaupt nicht nennenswert belastet. Aber es gilt auch hier dasselbe wie bei denFälschungen" beim Volksbegehren: die Hauptsache ist nicht die Richtigkeit, sondern die Verbreitung einer Behaup­tung in der Wählerschaft.

Der Landtag hat in diesen Tagen noch einige Dutzend andere Punkte außer dem Volksbegehren behandelt. Neben unwichtigen waren auch recht be­deutsame dabei, wie z. B. die zahlreichen Meliora­tionsarbeiten im Lande und ihre Finanzierung, die ja neben dem Staate auch die Gemeinden trifft. Aber das Interesse an allem, was der ersten Rede­schlacht folgte, war gering: selbst als Sozialdemo­kraten und Kommunisten in wütendem Wortgefecht bei den Unterstützungsanträgen für die Arbeitslosen sich ihre gegenseitige Unzulänglichkeit vorwarfen, bewunderten die Kenner mehr die Leidenschaft der Pose als der Uebergeugung. Der Landtag war innerlich müde, und roenn's auch die Mehrheit nicht Wort haben will:Man sagt, er wollte sterben!"

Spanische (Einbrüche.

(Von unserem nach Spanien entsandtenVl/.-8.-Sonderberichterstatter)*).

Madrid, im Oktober.

Man ist immer geneigt, das gegenwärtige Re­gime Primo de Riveras mit dem gegen­wärtigen Regierungssystem in Italien zu verglei­chen, nicht ganz mit Unrecht, denn es find Aehnlich- keiten vorhanden, die eine Parallele rechtfertigen. So vor allem die in beiden lateinischen Ländern Se Verneinung eines alleinseligmachenden Par- itarismus, die gleiche überragende Stellung des Ministerpräsidenten, schließlich auch die Bil­dung der nationalen Bürgergarde in Spanien, die als eine abgeschwächte Nachahmung der faszistischen Miliz erscheint. Aber die Verschiedenheit des Na­tionalcharakters und der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der beiden Völker lassen andererseits diesen Vergleich nicht zu, im be­sonderen nicht eine Gegenüberstellung der beiden Diktatoren. Mussolini ist ein Kind der Revolu­tion, geformt in der Bluttaufe des Weltkrieges. Er hat auf feinem Weg vom verbannten Sozialisten bis zum gefeierten Nationalisten eine glänzende Entwicklung durchgemacht. Primo de Rivera, Marquis de Estelle, hingegen ist kein Volkstribun, er ist ganz Aristokrat und stammt aus einer alten spanischen Militärfamilie. Sein Onkel war Mar­schall von Spanien. Schon als junger Offizier er­hielt er auf den Schlachtfeldern von Afrika den höchsten militärischen Orden für seine Tapferkeit und Umsichtigkeit, Eigenschaften, die ihn durch fein ganzes Leben ausgezeichnet haben. Skrupellos räumte er am 13. September 1923 mit den verrotte­ten Cortes (Kammern) auf und schuf das Militär­direktorium aus Generälen, die kaum für ihr neues Amt vorbereitet waren, aber das Land aus dem Sumpf des parlamentarischen Regimes wieder zur Ordnung und Disziplin geführt haben.

Die neue Regierung begann mit einem großen Reformwerk. An erster Stelle sollte die F i n a n z-

*) Vgl. Nr. 235 und 240 desGießener An­zeigers" vom 7. bzw. 13. Oktober.

wirtschaft saniert und ein defizitfrües Budget aufgestellt werden. Das ist dem Diktator bisher nicht gelungen. Es kann ihm auch nicht gelingen, da der Marokko-Feldzug allzu große Mittel verschlingt.

Wir haben uns bereits mit der Sage der spa­nischen Landwirtschaft kurz besaßt. Nachstehend nun die letzten amtlichen Ziffern über die spanische In­ti u st r i e und die augenblickliche Sage. Im Jahre 1925 förderte Spanien 5 619 733 Tonnen Steinkohle (1924: 5 819 922), 305 396 Tonnen An- thrazit (371488 Tonnen), 674 026 Tonnen Koks (717 125 Tonnen), 4 462 400 Tonnen Eisenerz (4 612 817). Uebecall mith'n em bedenklicher Rim- gang. Nur die Förderung von Manganerzen stieg im Jahre 1925 um fast 16 000 Tonnen sowie die der Stahlproduktion um 40 000 Tonnen auf 580 102 Tonnen, während die Gußeisenerzeugung von 497 390 Tonnen auf 468 800 Tonnen sank.

Ter Notenumlauf in Spanien beläuft sich gegenwärtig auf rund 4,4 Milliarden Peseten bei dem hohen Goldbestände von rund 2,5 Mil­liarden. Der Diskontsatz beträgt gegenwärtig 5 Prozent.

Das Zentrum der spanischen Eisenindu­strie ist Bilbao, ein uralter Seehafen mit augenblicklich 142 000 Einwohnern. Große Hoff­nungen werden auf die kürzlich entdeckten Kali- Gruben bei Suria in Katalonien gesetzt. Die Lage der Kohlenbergwerke ist hingegen außerordentlich schlecht. Primo de Rivera hat zwar einen besonderen Kohlenrat aller Inter­essenten eingesetzt, um Abhilfe zu schaffen, aber dadurch ist bis jetzt nichts gebessert worden. Die natürlichen Ausbeutungsbedingungen der Gruben in Asturia sind ohnehin bedeuteird schlechter als in Deutschland und England. Den Eisenwerken geht es oftmals nicht viel besser, hauptsächlich wegen ihrer zum größten Teil stark veralteten Einrichtungen. Einige Werke, wie die Altos Hornos de Bizcaya S. A, die Societad Espanola

de Eonstruciün Aaval in Reinosa, u. a. verfügen hingegen bereits über ganz moderne Einrich­tungen.

In Burgos und ©antaubra wird Petro- leum, wenn auch in geringen Mengen, gesunden. Petroleum-Bohrungen in den Pyrenäen und Andalusien blieben bisher ergebnislos. 23 Pro­zent der Gesamt-Einfuhr im Werte von übet 700 Millionen Peseten entfallen allein auf In­dustriebedarf.

Im allgemeinen wird in Spanien gut und billig gearbeitet, dank hoher Schutzzölle. _ Der Staat gewährt neuerdings mancherlei Prämien der verschiedensten Art. In vielen Unternehmun­gen steckt viel deutsches und amerikanisches Kapi­tal. Neuerdings macht England die größten An­strengungen, Einfluß auf die spanische Industrie zu gewinnen.

Immer größere Bedeutung kommt der Weißen Kohle" zu. Der Bau bedeutender elektrischer Kraststationen und 11eoerland,entralen schreitet rüstig voran: namentlich m de.i Pyre­näen plant man die Anlaze von elektrischen Kraftstationen von insgesamt 1 Million P. S. Sie bilden einen Teil des von Primo de Niveva vorgeschlagenen allgemeinen grossen Wirtschasts- programms, das für 1927 bis 1937 eine Ausgabe von insgesamt 3,5 Milliarden Peseten vorsieht. 800 Millionen sollen verwandt werden für Ver­besserung der Straßen, 100 Millioncn für die Ausbeutung nalürliä.er Wasserkrä te, 203 Millio­nen für Hasenbauten, 100 Millionen für Auf­forstungen, fast 1 Milliarde für den Ausbau der gegenwärtig noch recht ungünstigen Eisen­bahnen usw. usw.

Die gegenwärtige Steuergesetzgebung in Spanien ist außerordentlich verwickelt und hauptsächlich deswegen teilweise so sehr ungerecht, weil zwischen den verschiedenen Arten des Ein­kommens keinerlei Unterschied gemacht wird.

Dem im Jahre 1933 eröffneten Institut für soziale Reformen sind bedeutende Fortschritte auf sozialem Gebiete zu ver­danken. Der Achtstundentag ist eingeführt, wenn­gleich das Washingtoner Abkommen bisher noch nicht ratifiziert wurde. Die Anerkennung des Streikrechts wurde ausdrücklich ausgesprochen. Für die Arbeitslosen wird nur in unzureichendem Maße gesorgt. Seit 1911 werden auch billige Arbeiterwohnungen errichtet. Der Staat v'raus- gable dafür bisher insgesamt über 8 Millionen Peseten, wofür etwa 5000 billige Arbeiterhäuser errichtet wurden. :

Die soziale Gesetzgebung bleibt noch weit hinter der deutschen zurück. Se't 1921 gibt es e ne staatliche Altersversorgung für alle Lohn­empfänger von 16 bis 65 Jahren, die b.s zu 4000 Peseten im Jahre verdienen. Staat und Arbeitgeber tragen d e Lallen dies'r Der'icherung allein. Die Beiträge der Arbeitnehmer sind frei­willig, sie dienen der Erhöhung der gesetzlicher Pensionen. Ende 1925 waren 2 M'llwnen Ar­beiter von dieser Versicherung erfaßt. Für sie zahlte der Staat 32 und die Arbe tgeber 97 Mil­lionen Peseten. 27 000 Arbeiter zahlten freiwillige Beiträge in einer Gesamthöhe von 500 000 Peseten.

Ziemlich arg bestellt ist efl noch mit dem Schulunterricht. Die allgemeine Schulpflicht ist zwar eingeführt, aber vorläufig nur auf dem Papier. Der Staat verausgabt für Volks­schulen nur sehr wenig, bedeutend weniger als andere Staaten, nämlich nur ein paar Hundert Millionen Peseten. Die Zahl der An­alphabeten beträgt daher augenblicklich noch 45 bis 46 Prozent der Gesamtbevölkerung von über sechs Jahren. In öffentlichen Volksschulen un­terrichten etwa 30 000 Lehrer 1,7 Millionen Kinder von 612 Jahren. Weitere 1,1 Millionen Kinder werd n in Privatschulen unterrichtet. Etwa 35 000 Knaben und Mädchen im Alter von 12 bis 18 Jahren werden in staatlichen Fort- bilduirgsschulen unterrichtet, 54 000 in Privat­schulen, die sämtlich von Geistlichen geleitet wer­den. 11 000 Studenten studieren Theologie in 60 ©emiicarten. Die staatlichen ilniberfitäten wer­den von 13 000 Studierenden besucht. Zusam- menfapfenb kann gesagt werden: die Hälfte den spanischen Jugend lernt weder lesen noch schrei-

Gießener Stadttheater.

Johann Strauß:Der lustige Krieg".

Wenn man den Wertmaßstab an Text und Musik dieser Operette anlegt, so ist festzustellen, daß der weitaus größte Teil des Wertes auf der musikalischen Seite liegt. Im erfreulichen Gegensatz zu der stark an der Oberfläche haften­den Dutzendware neuzeitlicher Operettenkompo­nisten hören wir in diesem 1881 zum erstenmal aufgeführten Werke die reife Tonsprache des genialen Meisters. Eine Fülle von Harmonien, immer in reizvollster, bilderreicher Gestaltung, das Walzermotiv stark betonend, daneben aber auch prächtig in musikalischer Situationsschilde­rung, nimmt den Zuhörer gegangen; sie läßt leicht über die vielen schwachen Stellen der Textdichtung Hinwegkommen. Für diese zeichnen F. Z e l l und Rich. Genee als Urheber. Was sie geschaffen, ist liebenswürdigste Operettenware, bei deren Verarbeitung der Geist nicht allzu stark strapa­ziert ist, nebenbei bemerkt auch der der Ver­fasser nicht!, nicht allzu reich an Situations­komik, frei von üblen, auf niedrige sinnliche In­stinkte spekulierenden Machenschaften, ohne die leider unsere modernen Operettenschreiber viel­fach nicht mehr auszukommen glauben, kurz ge­sagt, eine Handlung, die auch von der strengsten Mädchenpensionatsvorsteherin gutgeheißen wer­den kann. Dieser .Krieg zwischen der Republik Genua und dem Fürstentum Massa-Carrara ent­brennt um einer Tänzerin willen, die jede Partei für sich engagiert hat und die keiner dem andern gönnt. Diesen Krieg führen auf der carrarischen Seite nur Frauen an, täglich wird nur eine einzige Granate als Morgengruß undDanke schön" hinüber- und herübergeschossen, die Ober« befehlshaberin Carraras gerät auf dem Schleich­wege zur Stätte ihrer Tätigkeit in genuesische Gefangenschaft, die Geschichte endet natürlich mit der Verheiratung der beiden feindlichen Führer, der Kriegsgrund aber fällt fort, da die Tänzerin beiden Teilen ausreitzt. Damit istdieser lustige Krieg aus und man geht nach Haus".

Der Ausführung kann man ein gutes Zeugnis dusstellen. Dberfpielleiicr Curt Hampe hatte für eine befriedigende Darstellung und deren flotte Ab­wicklung trefflich gesorgt. Die musikalische Leitung lag bei Eugen Neff wieder in besten Händen, dem man samt feinem ausgezeichneten Orchester ein be­sonderes Lob auszusprechen hat. Heinz Stein­

brech e r als Umberto Spinola und Inge van Heer als Violetta waren gesanglich und darstelle­risch auf der Höhe und erfreuten in reichem Maße. Eine feine Verkörperung des schwatzhaften Marchese Filippo Sebastiani bot Curt H a m p e , dem man auch für seine gesangliche Leistung ein Kompliment machen muß. Nuschi Wiesner wurde der Rolle der touragierten Fürstin Artemisia Malaspina in ge­fälliger Weise gerecht. Den stilecht ausstaffierten holländischen Tulpenzüchter Balthasar Groot gab Ernst Tfchörner; wenn er auch die Komik dieser Figur hier und da etwas allzu reichlich betonte, so ist seine Gesamtleistung doch mit großer Anerken­nung zu bewerten. Else Simon als Groots Frau war in Gesang und Spiel gut, aber in der Kostüm­frage war sie etwas daneben geraten; wir und sicher­lich noch viele andere Zeitgenossen haben noch keine arme holländische Bäuerin" mit Seidenstrümpfen und Lackschuhen gesehen, Else Simon wollte uns diese Type aber glauben machen. Die kleinern Rol­len waren zufriedenstellend besetzt, die Chöre klapp­ten und waren stimmlich gut ausgeglichen. Lobende Erwähnung gebührt auch der Dekorationskunst Karl Löfflers (der aber das Wandbild im Fürsten­salon im 2. Akt schon vor dem Hochgehen des Vorhangs hätte gerade hängen lassen sollen) und der Beleuchtungstätigkeit Ludwig Keims. Als Ganzes beurteilt: eine Aufführung, die in hohem Maße befriedigte.

Zum Schluß noch ein Wort an die Theater­leitung: Es ist anerkennenswert, dqß man auch jetzt die gute, alte, klassische Operette hat zu Worte kom­men lassen. Und es wäre ein Verdienst, wenn die Theaterleitung im Laufe dieser Spielzeit noch öfter den Weg zum oftbewährten Alten in der Operette finden würde. Bn.

Vortragsabend Jakob Wassermann.

Jakob Wassermann, seit neuestem auch zum Mitgliede der erweiterten Dichter-Akadewie vorgeschlagen, hat 1897, als L4jähriger, zuerst von sich reden gemacht mit dem Roman von denJuden von Zirndorf". Die Stationen, aus die sich seine literarische Entwicklung und toeiter- toirfenbe Bedeutung gründet, aus denen seine künstlerische Persönlichkeit sich formen läßt, hei­ßen etwa so:Di? Gesuchte d-r jungen Renate Fuchs" (1900),Alexander in Babylon" (1905), Caspar Hauser" (1938),Die Masken Erwin Reiners" (1910),Das Gänsemännchen" (1915),

Christian Wahnschaffe" (1919) undDer Wende­kreis" (1. Dd. 1920).

Wassermann las drei Prosastücke. (Mit einer dunklen, etwas spröden und übrigens ganz leiden­schaftslosen Stimme, die oft fast eintönig klang: aber manchmal zog eine flüchtige, halb unbeteiligt wirkende Geste die Konturen des Redebildes mit überraschender Schärfe nach) Zuerst ein Kapitel aus demWendekreis"°RomanUlriEe Wohtech": die Charakteristik einer gealterten Frau, die ein seltsames Leben hinter sich hat. In geschmeidig fließenden, ineinander übergehenden Sähen eine ebenso fließende, auf bauende, ab rundende Der- lebendigung; ein psychologischer Aufriß von der fanatischen Eindringlichkeit der frühen Natura­listen, dennoch in der innern und äußeren Hal­tung himmelweit davon getrennt. Man ist be­troffen von der epischen Kunst, von der ge­steigerten und verfeinerten Technik in diesem ruhigen Fliehen, das so ganz leicht, unaufdring­lich und trotzdem nachdrücklich abgeteilt und ge­stuft wird. Was da gesagt wird, schillert gleich­sam in vielen Farben: abermals betroffen steht man vor der Rundheit und Restlosigkeit des Bildes, betroffen und im Innern beteiligt an einer ganz gelassenen, aber wesenvollen und sehr artistischen Schilderung. Was das Kapitel ent­hält sollen wir etwa sagen: Rückschau der altgewordenen Frau in das Gewesene eines über­aus bewegten Lebens, das erst im Nacherleben wiederkehrend wirklich wird das Gegenständ­lich-Inhaltliche ist nicht nachzuschreiben an dieser Stelle: es würde damit gar nicht getroffen wer­den, was den Wert ausmacht. Man muh das lesen ober hören; nach dem Hören lesen: in dieser Anregung, nach mehr zu greifen, ist ja der beste Sinn der Begegnung mit einem Dichter beschlossen.

Es folgte eine kleine Novelle,Die Kaunzin". Wieder dieser zwingende vorwärtstreibende Stil, der noch den kürzesten Sähen geheime Spannung verleiht. Manchs, was hier von einer stein- alten Bäuerin gesagt wird, berührt sich mit Zügen des Eingangskapitels, obwohl zwei ganz getrennte Lebenskreise beschrieben und aufge­schlossen worden sind. Das Ganze ist wie eine Federzeichnung, die aus vielen, sicher geführten und berechneten, (leinen und ganz winzigen Strichen als trollenbet gerundetes, greifbares Bildnis sich zusammenfügt. Dabei bleibt nichts an der Oberfläche: der Stil, den wir rühmten, die so selbstverständliche und fo kcmstvolle Form läßt nichts aus, sagt alles; alles so, wie es gefogt

werden soll und muh; nicht am Wesen vorbei. Die kleine Erzählung ist mehr Meisterwerk und Kunst-Stück, als mancher vielleicht geahnt hat.

Das Dritte war eine noch junge Arbeit,Die Heimkehr der Freifrau von Ehrenberg" (aus dem Aufruhr um den Junker Ernst"). Eine dritte Frauengestalt; ein Schicksal: und auch ein Ge­wesenes und zugleich funkelnd Gegenwärtiges, mit den Worten Wassermannswiederkehrende Wirklichkeit". Und gerade das, was man im einfachen Bericht so schwer vermitteln kann, ent­hält das Verbindende und Gemeinsame, das die drei Abschnitte des Abends in tieferen Zusam­menhängen nebeneinander stellt und als etwas Geschlossenes wirken lieh. Das merkwürdig Schwe­bende der an sich so nahen und deutlichen Ge­stalten, die in einem besonderen Sinnaußer sich" sind, neben den Dingen, zwischen den Zeiten, auf der unbestimmbaren Grenze von gestern und heute, von heute und morgen. Sagen kann man es nicht: gesagt ist es einmal und unwieder­holbar: in solcher Ursprünglichkeit und Fülle, in solcher Sprache, deren Worte schwer beladen sind mit Dildfracht und üollgefogen mit Farbglanz, muß man es hören, lesen, auf sich wirken, in sich ausllingen lassen. y

Die grüne Krankheit.

Das im Jahre 1814 von I. S. W. Sattler in Schonungen bei Schweinfurt erfundene Schwein­furter Grün wurde wegen seiner schönen leuchten­den Farbe schnell beliebt. Es besteht aus arsenik­saurem und effigfaurem Kupferoxyd und kommt in der Giftwirkung dem weihen Arsenik nahe. Da die Farbe besonders zu Tapeten verwendet wurde, traten eigenartige Erscheinungen auf, die nicht immer sofort als Vergiftungen erkannt wurden. So erzählt der Mediziner Klencke in feinen Selbstbekenntnissen von einer jungen Fran, die sich zur Hochzeit die Zimmer leuchtend grün tapezieren lieh. Ein halbes Jahr später stellten sich bei ihr Vergiftungserscheinungen ein. Da kein Mittel half, und da man den Grund der Er­krankung nicht erkannte, schickte man die Frau in ein Bad, von wo sie schnell gesundet zurückkam. Aber nach einem Vierteljahr war sie wiederum erkrankt. Ein zweiter Arzt erkannte die grünen Tapeten als älrsache der Erkrankung. Man bet­tete die Frau in ein anderes Zimmer, ließ die Tapeten abnehmen und verbrennen, und die Frau wurde unb blieb gesund.