ZurLröffnung derwinterspielzeit
Thakespeares„KaufmannvonVenedig"
Die Wahl der Eröffnungsvorstellung einer neuen Spielzeit hat schon manchem Bühnenleiter sorgenvolle Stunden bereitet. Hängt doch oft viel von einer glücklichen Eröffnung ab. Die erste Aufführung soll in jedem Falle einen verheißungsvollen Auftakt für das Kommende bedeuten, sie wird gerne als Symbol der zu er- warteirden Darbietungen gewertet. Das gewählte Stück soll womöglich einen gewissen festlichen Charakter tragen, und es soll Gelegenheit bieten, neue Kräfte in dankbaren Aufgaben beim Publikum einzuführen.
Das für die diesjährige Eröffnungsvorstellung gewählte Werk, Shakespeares „Kaufmann von Venedig" dürfte in weitgehendem Maße den oben gestellten Anforderungen entsprechen und sich gut für eine Bühne eignen, die in erster Linie das Schauspiel im weiteren Sinne zu pflegen zur Aufgabe hat.
Die Phantasie des genialen Briten gibt im „Kaufmann" dem Spielleiter gute Gelegenheit, durch reiche Bühnenbilder, durch farbige, buntbewegte Szenen der Vorstellung den Charakter d^s Festlichen auszudrücken, die Möglichkeit einer sehr glücllichen Rollenbesetzung eröffnet die Aussicht auf künstlerischen Erfolg, und in den Rollen der Porzia (Frl. Baumann), des Graziano (Herr Lenau) und des Lanzelot (Herr Eisig) können die neuen ersten Kräfte ihre darstellerischen Mittel entfalten. So ist, alles in allem genommen, die Wahl der Shakespearischen Dichtung zur Eröffnung wohl begründet.
Richt ohne Absicht ist soeben zur Bezeichnung des „Kaufmanns von Venedig" der allgemeine Ausdruck „Dichtung", d. h. natürlich dramatische Dichtung, gebraucht worden. Dieses Werk nämlich läßt sich schwer einer bestimmten Gattung dramatischer Ausdrucksformen zuteilen:
es hat Züge, die an die Tragödie, andere, die an die Posse gemahnen und märchen- und komödienhafte Motive spielen auch hinein. 3n der Schlegelschen Liebersetzung wird der Titel „Lustspiel" gebraucht: nun, ein Lustspiel im heutigen Sinne des Wortes ist der „Kaufmann von Venedig" gewiß nicht. Wir können nur feststellen, daß wir das Werk einer genialen, überquellenden Phantasie vor uns haben, das sich in keine bestimmte Kategorie einordnen läßt. Sehr wahrscheinlich ist, daß für Shakespeare die possenhaften Momente von größerer Bedeutung waren als dem heutigen Geschmack zusagt, und daß man der Absicht des Dichters ziemlich nahekäme, wenn man dem Stück den Untertitel gäbe „Der geprellte Wucherer": ganz sicher aber ist, daß sich eine Tradition herausgebildet hat, namentlich in Deutschland, den Shylock gewissermaßen als Märtyrer seines Stammes darzustellcn, und es ist nicht zu leugnen, daß bei Betonung dieses ernsten Motives sich die poetischen und heiteren Szenen um so leuchtender, wie von einem dunklen Hintergründe abheben.
Die übermäßig vielen Verwandlungen, die manche ganz kurze, zum Teil unwesentliche Auftritte trennen, fordern unbedingt zu einer Bearbeitung heraus.
Diese ist nun auch für die hiesige Bühne geschaffen worden, und die Vorstellung am 5. Oktober wird sich in acht Bilder gliedern, die nur nach dem dritten und dem siebenten Bilde (der großen Gerichtsszene) durch etwas längere Pausen unterbrochen werden: die übrigen Verwandlungen sollen rasch und bei verdunkeltem Zuschauerraum vor sich gehen, so daß eine Spieldauer von etwa 23/i Stunden nicht überschritten werden dürfte. Die notwendigen Striche und Zusammenziehungen tun aber dem Wesen des Werkes keine Gewalt an, und der Spielleiter ist weit von tem Gedanken entfernt, dem Beispiel mancher seiner Berufskollegen in Großstädten zu folgen, die um jeden Preis etwas Reues, etwas Sensationelles bringen wollen, unbekümmert
Nr. 232 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Montag, 4. Oktober 1926
Senser Denkwürdigkeiten.
Von Dr. Paul Wahl.
Genf, Ende September 1926.
(Rachdruck, auch mit Quellenagabe, verboten!)
Es gibt viel Merkwürdiges in der Welt, ganz besonders aber in deren neuer Hauptstadt Genf. Zum Merkwürdigsten gehört, daß srch alle Geschehnisse dort klar und doppelt wlederspre- geln. Ob ersteres bei den pollttschen Ereignissen immer der Fall ist, mag mit Fug bezweifelt werden. Gerade politisch erscheint alles Genferische manchmal zu überschattet, zu zerfließend, zu nuanciert und hintergründig. Doch die Ereignisse der politischen Bühne sind oft nur gliedernde Zäsuren der Geschichte, in deiren die Entwicklung niesend und atemschnaufend stillsteht. Ihre gestaltenden Kräfte sind die ununterbrochen über die Erde wallenden Menschen und ihre sozialen Verhältnisse: Iugend und Alter, Lebensstil und Klassen, Feudalität und Dürgertum, Bürgertum und Proletariat. Diese Verhältnisse gehören zu ten wirklichen Denkwürdigkeiten von Genf, und sind dort eben, wenn auch von wortreichen „Ereignissen" überschattet, besonders seltsam.
Schon deutlich unterscheiden sich im Völkerbund die Rationalitäten. Der Engländer schweigsamer skepttsch-witziger Solitär, nonchalant, aber überzeugt und unerschütterlich arbeitend. Begeisterung und ideelle Hingabe an die Völkerbundsidee wird nur von wenigen gezeigt. Der englische Beamte erledigt korrekt dre ihm zugewiesenen Aufgaben, nicht mehr und nicht weniger, ob im Irak oder in Indien, ob in Reuseeland oder im Völkerbund. Wenn aber seine hohen politischen Chefs inbrünstig pastoral an innere Wahrhaftigkeit und Seelenharmonie appellieren, dann lauscht er reserviert ergeben, und der höflich-energisch nach außen gerichtete Skeptiker protokolliert in der prickelnden Emotion jener ergreifenden Worte die Ausbalancierung seines inneren Wertes.
Ganz anders der f r a n z ö s i s ch e Dölker- bundsfunkttonär: ein früherer Deputc von der Loire beginnt zu sprechen: vorher mittelgroß, wohlmeinend, gutgenährt, entgegenkommend, federnd und nervös, macht ihn das tönende Wort zum liebestoll trompetenden majestätischen Elefanten. Jeder Satz inhaltslos und klar geschliffen, aber durch das Spitzenneh der sonoren Rede schmettert immer wieder: ,;la pcttx" und „l'avenir des nations!". Seine Landsleute sitzen schmunzelnd, stolz erfreut und amüsiert. Nachher jedoch zuckt der wieder klein gewordene Depute nachlässig die Achsel und im charmantesten Alltagston meint er mit liebenswürdig entschuldigend ausgebreiteten Armen: ah, il faut que je dise quelquechose. Im Dienst ist jener französische Deamtenstab schnell, höflich, exakt und sehr zurückhaltend. Eine Art friedliches Exerzierreglement, das man in guter Form abhaspelt und das wirkliche Leben beginnt jeder für sich erst nachher.
Diese beiden Typen bestimmen den nationalen Charakter des Völkerbundes. Um sie gravitiert alles andere. Gemeinsam aber ist den Völkerbundsbeamten eins: sie fliehen einander: sie leben auf einer Insel im exklusiven Genf, denn die Genfer bleiben zurückgezogen unter f i ch, sie sind einer der stärksten Pole jener großen geifrigen Strömung des anschauenden Irrationalismus der gtahnte, die von Pascal bis zu Andrä Gide und Paul Valärh und bis zu ihrem eigenen in Deutschland noch viel zu wenig beachteten Dichterphilosophen Amiel immer wieder Frankreich und vor allen das evangelische Frankreich bewegte. Es gibt viele geistvolle Genfer, die Abend für Abend den goldenen Sonnendunst hinter dem Iura bewundern. Fragt man aber, ob sie schon einmal von jener blauen Kette in die fernen französischen Ebenen hinab- geblickt hätten, so erhält man eine verwundert verneinende Antwort. Republique et Canton de Geneve, ein ©arten mit einer heroischen Geschichte. Die Gärtner träumend, fröhlich versonnen, fast sorgenlos die Horizonte betrachtend und nur mit den großen allgemeinen Ideen der Menschheit beschäftigt: ihre geistige Haltung als unveränderlich ewig substituierend. Der notwendige S"ce Völkerbunds beamte, dessen Ge- e jenseitiger, dessen persönliches Dasein dieser ist, gilt als willkommener, freundlich beobachteter Fremder. Seit mehr als 100 Jahren lustwandeln die Fremden an den Ufern des Sees. Jede Bonne herzt ihr Kleines auf eng
lisch. und schon Rapoleon marschierte nicht über Genf, „weil ihm der englische Dialekt an den Rhonebrücken zu fremdartig sei".
Das ist das Milieu, soweit es gut bürgerlich nah ist. Die Funktionäre des Völkerbundes reagieren ganz verschieden auf ihre Umgebung. Zwei Generationen gibt es. Die ältere tut ihre Arbeit wie auf einer ständigen Diplomstenkonserenz. H 0 etzsch sprach vom wiederauferstandenen Wienerkongretz, Empfang von Diplomatenfräcken mit Sternen und viel Friedensöl und Konfitürenpathos. Die jüngeren sitzen in der Heimat weniger fest im Sattel, spüren, daß sie vorerst einmal Völkerbundsbeamte sind und arbeiten sachlich im kompetenzeifrigen Amtsbetrieb und ohne Konfereirzgetuschel. Diese internationalen Verwaltungsbeamten beachtet man nicht genug Alles klagt über die Verdrängung der Dölkerbundsversammlung durch den Rat Zu Unrecht! Die grotzen Redner und Politiker, die offiziellen Prunkstücke hat man der Versammlung genommen, die Kommissionsarbeit aber hat man ihr gelassen, und in den Kommissionen ist die eigentliche Verwaltung konzentriert. Ganz nebenbei heißt es in einem der letzten Berichte der zweiten Kommission, daß durch Dölkerbundsorgane bisher etwa P/2 Millionen flüchtiger Smyrnagriechen neu angefiedelt und unterstützt toerden konnten. Hier liegt das Schwergewicht des Völkerbundes, hier berührt er sich mit dem „esprit de Genöve", dem Roten Kreuz, dem Genfer Kreuz.
Aber es gibt noch mehr Berührungspunkte zwischen der Dölkerbundsinsel und Genf. Jeder siebente Genfer besitzt gewiß ein Auto und ein Völkerbundsbeamter ohne Auto ist eine Seltenheit. Selbst die Gewerlschaftssekretäre im Internattonalen Arbeitsamt sind Selbstfahrer geworden. Der redegewaltige Arbeitsamts-Direktor Herr Thomas I, früher Munitionsminister und Sozialist Par excellence, verbindet den Klassenkampf mit feiner Verwaltungsarbeit in einem kostbaren, spiegelgeschmückten Empiresalon, der im Bauplan des Amtsgebäudes direktoriales Arbeitszimmer heitzt. Gleichzeitig aber ist das Genf der irrationalen humanitären Geistigkeit einer der größten Kun st Handelsplätze der Welt, und hinter der weltfernen kontemplativen Wasserstadt mit Autos und Gartenhäusern liegen schmutzige Massenquarttere und viele mittlere Industriebetriebe unmodernster und unhygienischster Art. Während die Internationale Arbeitsorganisation von den lauschigen Parkufern des Sees aus den Regierungen der Welt eine Achtstundenarbeits-Konvention zur Rattfikatton vorlegt und in Genf selbst kaum unter 10 Stunden gearbeitet wird, verdienen ungelernte Arbeiterinnen in dieser Beamtenstadt monatlich (obwohl das Existenzminimum 200 Franken de tragt) 80 bis 100 Franken. In einem 4 Meter langen, 31/’ Meter breiten, und 2V» Meter hohen Bureau sitzen in brütender Hitze vier Menschen zehn Stunden lang beieinander, und die Gewerbeaufsicht ist eine theoretische Angelegenheit. Armut duldet man nicht. Wer arm ist, wird ausgewiejen. Auch das ist ein Relief des Völkerbundes, eine traurige Denkwürdigkeit, über die zu wenig nachgedacht wird. Die Deuttchen in Genf hatten ein unvergängliches Verdienst, wenn sie mit den anderen gemeinsam den kontemplativen Geist von Genf aus den Wolken rationalistisch auf die Erde holen würden.
Poincarss Sparpolitik.
Von unserem Pariser W. S.-Berichterstatter.
Paris, Ende September.
Wer in den letzten Wochen und Monaten, seit Einzug des Herrn Poincare in das schöne, in der Rue de Rivoli gelegene Finanzministerium, die von der französischen Regierung getroffenen Ersparnismahnahmen aufmerksam verfolgt hat, gerät in Versuchung, eine Satire zu schreiben. Trotz tropischer Hitze folgte fast ununterbrochen eine Kabinettssitzung der anderen, die Zeitungen besprachen fast täglich in spaltenlangen Artikeln die Finanzkrisis und die erforderlichen Einschränkungen, Wirtschaftler und Politiker wurden über diese Themata befragt, um der breiten Öffentlichkeit die Ansichten von Fachleuten wiederzugeben, — und das Ergebnis?
Abgesehen von einigen Abstrichen in der Justiz- und inneren Verwaltung, die vorläufig nur auf dem Papier stehen und nach maßgebender Meinung dem Budget jährlich höchstens 50 Millionen Papierfranken einbringen können,
sind die Kernstücke Poincarescher Finanzreform, mit der die französische Bevölkerung beglückt wird: die sogenannte Brotreform und die Einschränkung in den Restaurations- betrieben. Beide Dekrete sollen dazu beitragen „große Mengen von Lebensmitteln der ärmeren Bevölkerung zuzuführen und im Interesse der französischen Handelsbilanz die Einfuhr von Brotgetreide und anderen RahrungSmitteln wesentlich einzuschränken". Während von der ersten Verordnung — wenigstens in Paris — überhaucht noch nichts zu spüren ist, bedeutet, selbst nach Ansicht französischer Blätter, die Restaurationsverordnung nichts weiter als eine Farce. Der mittlere und auch gut bezahlte Franzose kann sich nämlich, in Anbetracht der Teuerung und der niedrigen Papiergehälter, kaum eins von den erlaubten zwei Hauptgerichten gestatten, und bann bietet, infolge der vielen Dor- und Rachspeisen, Käse, Salate usw.. die nicht unter die Einschränkungen fallen, die französische Speisekarte selbst für den stärksten Appetit noch ein reiches Betätigungsfeld. Das einzige, positive Ergebnis dieser „Sparmaßnahme" wird, wie eine französische Zeitung sehr richtig bemerkt, die Schaffung eines neuen Beamtenheeres fein, das mit der angenehmen Aufgabe betraut ist, die Speisekarten zu kontrollieren.
Auf den Gebieten, wo wirkliche, große Ersparnisse möglich wären, in der Heeres-, Marine- und Kolonialverwaltung, vor allem aber in der völlig unproduktiven Rheinlandbesatzung hat die Poincaresche Finanzreform bisher genau so versagt, wie beispielsweise im Kampfe gegen die Teuerung ober in den Fragen der Einführung einer gefunden Währung und der Konsolidierung der Schulden. Der Kriegsminister hat sich bisher lediglich entschlossen, „eine Anzahl militärischer Gebäude, die nicht mehr benutzt werden, zu verkaufen ober ber Privatbevölkerung zu überlassen". Die militärische Macht Frankreichs aber nur um einen Mann herabzusetzen, ober mit bem Abbau ber vielen unnötigen Kontroll- unb sonstigen Missionen zu beginnen, bazu können sich Weber Painleve noch Poincare entschließen — trotz ber heiklen Finanzlage. Im Gegenteil. Die systematische Hetzpropaganda, bie in ben Zeitungen fast täglich Schauergeschichten über Deutschlands Rüstung unb Kriegbereitschaft veröffentlichen, läßt es zum minbeften als wahrscheinlich Hingen, baß man in Frankreich etwaigen Wünschen nach Einschränkungen auf militärischem Gebiete von vornherein bie Spitze abbrechen will. Sogar gemäßigte Blätter der Linken, wie z. B. bie Herriot nahestehende „Ere nouvelle" stimmen in ben Chor ber militärischen Märchenerzähler ein, bie halb von beutschen Geschützen mit einer Tragkraft von 250 Kilometer, halb von einer riesigen chemischen Inbustrie, bie ber Herstellung von Giftgasen bient, zu berichten wissen. In bem zitierten Blatte bedauert ber militärische Sach- üerftändige, baß Frankreich bie Herabsetzung ber Rheinarmee von 200 000 Mann (1918) auf 50 000 Mann vorgenommen habe unb gibt feinen Lesern ein büsteres Bilb, wie biefe Armee im Kriegsfälle von Deutschlanb, bas ohne weiteres sechs Millionen Mann mobil machen könne, über ben Hausen gerannt wirb.
Bis tief in bie Reihen ber Linken herrscht auch heute noch, nach Locarno unb Thoiry, ein Geist, ber nach „Garantien" unb „Sicherheiten" verlangt, verbunden mit ber Angst vor bem wirtschaftlich erstarkenden Deutschland. Man wagt nicht durchzugreisen. Lieber geht man den alten Weg: Pumpwirtschaft, wie bie neue, im Oktober aufzulegenbe Anleihe beweist, unb Papiersteuern, bie nur verteuern!» wirken, sich baburch von selbst aufheben unb bie Devisenpolitik ernstlich be- brohen. Wenn bie Löhne unb Preise, wie es ber Fall ist, trotz bes Devisensturzes seit Abgang Herriots immer weiter fr eigen, so beweist bas, baß bie Entwertung bes Franken immer weiter geht. Schon heute ist bas inländische Getreide in Frankreich — nach französischen Angaben — teurer als in Ländern mit Goldwährung. Daraus folgert, baß enttoeber bei einem künstlichen Riebrighalten ber Devisen Frankreichs Wirtschaft burch eine Lieberteuerung lahmgelegt wirb, ober, bah bie künstliche Devisengestaltung aufgegeben werben muh, um ein Gleichgewicht zwischen Weltmarkt- unb innerer Preisbildung herzustellen. Mit anberen Worten, die Devisen steigen wieder unb bie Inflation geht weiter.
Selten ist ein Finanzminister mit berartigen Hoffnungen unb Erwartungen begrüßt worben,
wie Poincare. Was bisher von ihm in der Spar- samkeits- unb sonstigen Finanzpolitik geleistet wurde, charakterisiert vielleicht am bester der klassische Vers: „Ein großer Berg beginnt zu kreisen unb bas Ergebnis: eine winzige Maus."
Vie kulturellen Ausgaben der nächsten Reichstagstagung.
Don Geh. Rat Dr. Runkel, M. b. R.
Zwei Faktoren bestimmen b".e kulturellen Aufgaben bes Reichstages. Rach brr sachlichen Seite hin sind es bie praktischen Kulturbebürsnisse, unseres Volkes unb nach bet formellen Seite hin bie einschlägigen Bestimmungen ber Reichsverfassung. Während letztere bie gesetzgeberischen Aufgaben bes Reichstages umreihen, erwächst die innere Ausgestaltung der Gesetze aus den praktischen unb seelischen Kulturbedürfnissen ber Gegenwart. Lind gerade bie burch bie politische Llmge- ftaltung beeinflußten Kulturbebürsnisse der Gegenwart erfordern bringend bie Erledigung einer Reihe gesetzgeberischer Aufgaben durch ben Reichstag. Bislang aber bat noch jede Reichstagstagung auf bem Gebiete ber kulturellen Gesetzgebung versagt. Die Grünbe sinb bekannt. Sie liegen nicht zum wenigsten beim Innenministerium selbst: seine Kulturabteilung versagte, muhte versagen, weil bie Leitung fehlte, bie in überparteilicher Einstellung nun auch überparteilicher Führer in ber kulturellen Gesetzgebung sein wollte unb sein konnte. Parteipolitisch gebunben unb weltanschaulich einer Min- berheit zugehörig, fehlte ihr bie für eine aktive Gesetzgebung nottoenbige Autorität unb Initiative, was besonbers in ben Ausschnßverhand» lungen hemmenb fühlbar war. So blieben bie meisten unb hauptsächlichsten kulturellen Aufgaben ber Reichsverfassung noch ungelöst.
Soweit nun bie winterliche Reichstagsarbeit übersehen werden kann, werben wohl brei größere Kulttrrgesetze unter Dach unb Fach kommen. In Ausführung bes Artikels 128, Abs. 2 „bas Gesetz zur Bewahrung ber Iugenb vor Schunb- unb Schmähschriften" unb „bas Gesetz über ben Schutz ber 3u genb bei 2u fr barfeite n“. Ferner in Ausführung bes Artikels 146, Abs. 1 unb 2 bas Reichsschul- geseh. Die beiden ersten Gesetze sinb in ben Ausschüssen soweit burchberaten, daß sie schon halb nach Zusammentritt bes Reichstages vor das Plenum kommen können. Das Reichsschulgesetz ist von bem Reichsminister bes Innern als Gesetzesentwurf fertiggestellt unb wird wohl demnächst bem Reichstage als Vorlage zugehen.
Ohne weiteren Kampf im Plenum werden auch bie beiben erstgenannten Gesetze nicht ver- abschiebet werben. Der im Ausschuß für Dil- bungswesen (12. Ausschuß) in zwei Lesungen fertiggefrelltc Entwurf eines Gesetzes zur Bewahrung der IugenddorSchunb - und Schmuhschriften findet in der Öffentlichkeit teils Zustimmung, teils Ablehnung. Ablehnung auch in Kreisen der deutschen Buch- unb Zeitschriftenhändler, bie burch das Gesetz eine Schädigung ihrer berechtigten Interessen befürchten. Bei dem Fehlen einer Definitton sei eine Vieldeutigkeit in der Ausleg ung möglich. Diese Befürchtung ist ohne Grund. Im Laufe bet Iahte wird man auch ohne Definition schon bald zu einem festen Kriterium für eine eindeutige Deutteilung ber Schriften kommen, währenb eine allgemein verbindliche Definitton doch zu leicht zu einer Schematisierung unb Mechanisierung in ber Handhabung des Gesetzes führen könnte, was vor allem vermieden werden muh. Die Möglichkeit eines politischen Mißbrauchs des Gesetzes wurde dadurch abgestellt, dah ein volksparteilicher Antrag, wonach eine Schrift wegen ihrer politischen, sozialen, religiösen, ethischen und weltanschaulichen Tendenz als solche nicht auf die Liste gesetzt werden darf, gesetzliche Fassung erhielt. Der „geistigen Bevormundung ber Erwachsenen" wurde durch bie Beschränkung beS Schuhes ber Jugend bis zum 18. Lebensjahr vorgebeugt. Auch eine „Knebelung bes freien Schrifttums" ist burch bas Gesetz nicht zu be- fürchten, ba nur eine Einschränkung des Vertriebs anerkannter Schunb- unb Schmutzschriften, die in unlauterem W ettbewerb vertrieben wurden, im Gesetz vorgesehen ist. Auch schützt bie sachliche Zusammensetzung ber Prüfungsstelle unb bie Einglieberung ber Oberprüfstelle vor einer einseitigen unb willkürlichen Hanbhabung bes Gesetzes. Eine Liste verbotener ober empfohlener
um bie Absichten bes Dichters. Hier will ber Spielleiter nur ber Interpret bes Dichters sein.
Im übrigen ist es selbstverständlich, bah bie ntobern ausgebauten technischen Hilfsmittel unserer Bühne verwanbt werben, so bah sich bem Zuschauer sehenswerte Bühnenbilder zeigen werden. Diese, die kurzen Verwandlungen, eine günstige Besetzung sowie ein wohlvorbereitetes Zusammenspiel können Wohl als Bürgschaft für eine interessante Darbietung gelten, unb so dürfen wir hoffen, baß bie erste Vorstellung als günstige Vorbedeutung für bie fommenbe Spielzeit gewertet werben barf. H. St.
Geheimschriften.
Die Kunst, geheim zu fchreiben, ist Wohl mindestens ebenso all wie bie Kunst bes Schreibens überhaupt, Ist hoch Wohl bie Kunst bes Schreibens erst aus der Geheimschrift hervorgegangen, deren sich anfangs nur wenige Eingeweihte bedienten. Diese Fähigkeit war zunächst in den Händen der Priester und Häuptlinge, bis sie dann allmählich ins Volk drang. Diejenigen aber, bie ursprünglich alleinige Kenner ber Schrift gewesen waren, sahen sich nun gezwungen, immer neue Schriften zu erfinden, die der Maste unbekannt waren, unb so entstauben zahlreiche Geheimschriften bis in bie neueste Zeit hinein. Eine Libersicht über bie Arten biefer lange Zeit mit Zauber und Magie verknüpften Wissenschaft bietet Lothar Philipp in „Reklams Llniversum“. Bei- fpiele ber Geheimfchreibekunst gibt es feit bem frühesten Altertum bei allen Völkern. Bei ben alten Germanen bestauben die verschiedenen ©tabrunen- Geheimschrifteu, bie noch bis ins Mittelalter von ben Klerikern mit Vorliebe gebraucht würben. Je mehrWunberglaube unb Zauberkünste um sich griffen, befto eifriger beschäftigte man sich auch mit biefen „Kryptogrammen", unb Jahrhunderte hindurch hat man in den ägyptischen Hieroglyphen eine Geheimschrift gesehen, in ber bie tiefsten Rätsel ber Menschheit gelost sein sollten. Aus bem 16., 17. unb 18. Jahrhundert gibt es eine Anzahl bidleibiger Folianten, bie sich ausschließlich mit dieser Kunst als
einem Teil ber „schwarzen Magie" beschäftigen. Die Staatsmänner schufen stch ihre eigenen Chiffrier- Systeme , bie bis in die Gegenwart in der Diplomatie eine große Rolle spielen. Die Arten ber mo- b erneu Geheimschriften find Legion; sie werden ebenso gut von Diplomaten und Kaufleuten wie von Verbrechern und Revolutionären benutzt. Philipp teilt diese Liuzahl in drei große Gruppen ein: nämlich in die Buchstaben- unb Zeichenchiffren, bie technischen unb bie chemischen Geheimschriften. In bie erste Klasse gehören vor allem die Gaunerzinken, bie heute nur noch bei Vagabunden unb Verbrechern der Landstraße, nie mehr bei den Kriminellen bet Großstadt zu finden sind. Die Kenntnis dieser Gaunerzinken hat der Polizei schon häufig bei der Aufdeckung von Verbrechen nützliche Dienste geleistet. Es gibt Tausende von Chiffren, die überaus schwierig aussehen und doch einfach zu losen sind. An sich ist jede Chiffre lösbar, denn was ein Meuscheuhiru verknüpft, kann auch ein Menschenhim losen. Aber manchmal ist die Lösung außerordentlich langwierig und zeittau- benb. Technische Geheimschriften sinb solche, bie burch rein technische Maßnahmen gelöst werben können, wenn also z. B. bie beiben Korrespondenten ein „Reh" haben, d. h. ein Stück Papier mit Ausschnitten. 3n jeden dieser Ausschnitte wird ein Wort der Mitteilung gesetzt unb ber freie Raum beliebig aus- gefüllt. Die chemischen Geheimschriften werden mit Tinten hergestellt; die unsichtbare Schrift wird erst durch eine bestimmte Maßnahme, meist durch Erwärmen des Blattes, lesbar. Diese Art Krypto- gramme sind besonders in Liebesangelegenheiten häufig. Man hat ber Losung von Geheimschriften einen hohen Wert für bie Schärfung bes Derstanbes zugefchrieben, und der amerikanische Dichter Edgar Allan Poe schlug vor, sie in den Lehrplan der Hochschulen aufzunehmen, „um der wichtigsten aller Geisteskräfte Spielraum zur Entfaltung zu geben.“ Das Lefen dieser Schriften dürfte aber wohl mehr eine besondere Begabung sein, die nicht gelehrt werden kann. Eine Lehre zur Dechiffrierung von Geheimschriften ist daher auch noch nie ausgestellt worden.


