Ausgabe 
4.9.1926
 
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Nr. 207 Zweites Blatt

Optimismus und Poincarismus in Gens.

Von Dr. Paul Rohrbach.

Bemerkenswerterweise sind sowohl die infot« n,irrten deutschen als auch die offiziösen englischen Stellen darin einig, daß die Frage des deutschen Ratssitzes und der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund sich diesmal glatt u nb rasch er­ledigen wird. Man kann daraus folgern, daß auf englischer Seite im Gegensatz zum letzten Früh­jahr der Wille vorhanden ist, Intriguen abzu- jchneiden. Eine andere Frage ist es, ob der noch fn gute englische Wille auch dazu ausreichen wird. Eine Probe in entgegengesetztem Sinn haben wir jetzt eben dadurch erhalten, daß die geschickt und glücklich eingeleitete Verständigung mit Belgien über die Rückgabe des Gebiets von (Lupen und Malmedy durch die feindselige Einmischung Frankreichs zunichte gemacht worden ist. Es ist nicht nötig, hier an die Einzelheiten der frivolen Komödie zu erinnern, durch die Eupen und Malrnedy unter dem Schein einerAbstimmung" von Deutschland losaerissen wurden. Die Belgier haben an dem unrechten Besitz wenig Freude ge­habt, und sie wären es zufrieden gewesen, gegen gewisse noch näher zu bestimmende deutsche Leistun­gen, ihn mit Gewinn an uns zurückgeben zu können.

Herr B r i a n d hat vor ein paar Wochen ge­sagt. in dem Kabinett PoincarL werde nach wie vor r r selbst die auswärtige Politik machen. Dem­nach hätte er auch die Verantwortung für das an Belgien ergangene Verbot, sich wegen Eupen-Mal- medy mit Deutschland zu verständigen. Im übrigen Ist es gleichgültig, ob diese üble Einmischung die DriginalmarfcBriand" ober bic MarkePoin- carL-Briand" trägt. Beibes ist praktisch bic- selbe Marke, unb sic heißt: Versailles. Was man aus diesem Vorfall sieht, ist der Geist, in dem von der französischen Seite überall dort Po­litik gegen Deutschland gemacht wird, wo man freie Hand zu haben glaubt. Das wird sich auch im Völkerbund wiederholen, und wenn die Dinge jetzt bei der Entscheidung über die Ratsfrage wirk­lich anders laufen, so würde das nur bedeuten, daß die französische Politik durch zwingende Rücksichten gebunden ist.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, kurz nachdem der Prinzregent Louis Napoleon als Na- polcon III. zum Kaiser ausgerufen worden war, schrieb Guizot über Frankreich:

Unser Land ist die Beute zweier einander ent­gegengesetzter Begierden: der Sucht nach Ruhe und der Sucht nach neuen und starken Erregungen. Es will seine Interessen gesichert, gleichzeitig aber auch seine Einbildungskraft befriedigt sehen."

Das heißt: der Franzose will besitzen und er will eine Rolle spielen. Jede französische Regierung ist nach dem ausgesprochenen oder un­ausgesprochenen Bolksempfinden dazu da, um dies doppelte Bedürfnis zu beliebigen, unb biejenigen Politiker, die es am besten verstehen und am ener­gischsten verfolgen, werden in Frankreich immer die erfolgreichsten sein. Für die französische öffent­liche Meinung ist es einfach eine Genugtuung, es verhindert zu haben, daß Eupen und Malmedy wieder an Deutschland herausgegeben werden. Für die französische öffentliche Meinung wird es aber auch zukünftig eine Genugtuung sein,Erfolge" Deutschlands zu verhindern. Wenn Deutschland sich erholt, so werden dadurch, um mit Guizot zu reden: die französischen Interessen und die französische Einbildungskraft" beunruhigt.

Poincarismus und europäischer Optimismus sind Gegensätze. Der Optimismus ist immer nur soweit berechtigt, wie er Gegenkräfte aufbieten kann, um den Poincarismus zurückzudrängen. Der Abgeord­nete Jules Uhry hat kürzlich in derEre Nouvelle" einen Artikel veröffentlicht mit der Überschrift: Wie die Offiziere Locarno sabotieren." Darin heißt es:Es steht außer Zweifel, daß die französische Rheinarmee für die bedauerlichen Ereignisse (in Ger­mersheim!) an und für sich nicht verantwortlich gemacht werden kann. Das 171 Infanterieregiment hat sich in wenig ritterlicher Weise benommen, weil es vom Ruhrgebiet kommt und die schlechten Ge­wohnheiten behalten hat, die dort gewisse Truppen- ührer sich einpflanzen ließen. Ich mache dabei cdoch alle Vorbehalte für die Soldaten, die nur »er geistigen Einste11ung ihrer Offi­ziere folgte n."

Der Deputierte Uhry ist sicher kein Deutschen­freund. Er ist aber auf seine Art ein ehrlicher Mann unb sagt es runb heraus: die Offiziere wollen die Politik von Locarno sabotieren. Natürlich meint er nicht die Leutnants, sondern die Generale, die den Geist des Osfizierkorps bestimmen. Die Generale aber haben heute in Frankreich das politische Mit- regiment, und Poincarismus und Militarismus sind Verbündete. Weder Briand noch PoincarL könnten, selbst wenn sie wollten Poincare zum mindesten will es bestimmt nicht ihre Politik von den Ein­flüssen der französischen Generalität frei machen. Das Komödienspiel bei den Besprechungen über die sogenannte Abrüstung, die jetzt von der Mehr­heit der Teilnehmer selbst nur noch als eine Farce empfunden werden, zeigt das deutlich.

Wie festgefahren in ihren Bahnen die franzö­sische Politik ist, das hat auch derblutige Sonntag" am 22. August in Kolmar im Elsaß gezeigt. An dem Tage errangen die französischen nationalisti­schen Verbände mit Revolver und Knüppeln einen großenSieg" über die unbewaffneten Mitglieder des elsaß-lvthrinaischen j)eimatbunbes. Darauf ant­wortet jetzt die ZabernerZukunft" mit dem Aus­ruf an die elsaß-lothringische Jugend, sie möge aus sich heraus eine Heimatschutztruppe schaffen:Wir werden der Gewalt Gewalt entgegensetzen! Wir werden uns bewaffnen wie die Gegner! Wir wer­den rücksichtslos unser Bürgerrecht erkämpfen!"

Die Behörden in Kolmar hatten den bewaffne- ten Ueberfaü auf die Heimatbündler ruhig geschehen lassen. Der Poincarismus versteht das nicht anders. Wo er seiner Natur folgen kann, übt er Gewalt. In Kolmar ober Germersheim glaubt er diese Methode unbesorgt befolgen zu können. Wir möchten nicht so weit gehen, daß wir sagen: der Poincarismus ist Frankreich! Was wir aber nicht vermeiden können zu sagen, ist dies, daß heute noch der Poincarismus der stärkste psychologische Faktor in der franzö­sischen Politik ist. Der Poincarismus ist der unge­sehene Gast auf jeder europäischen Konferenz, an der Vertreter Frankreichs unb französischer Vasallen­staaten teilnehmen. Wir glauben, baß diesmal bic optimistischen deutsch-englischen Stimmen für Gens recht behalten werben. Wir glauben aber nicht, baß es ohne Quertreibereien, ohne versteckte Erpres- sungsversuche unb ähilliche Überraschungen abgehen wird. Aus diesem Grunde ist es auch besonders zu begrüßen, daß unser Minister des Auswärtigen

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Die Anzeige.

Don Herbert Maser.

hervorzutreten. (Ein besonderes Aus

3m Vorjahr hatte der Gießener Anzeiger die Ausstattung unb Wirkung ber Anzeigen in seiner Jubiläumsausgabe dem Urteil der Leserschaft unterstellt. 3eht soll eine Wertung in ähnlichem Sinne stattfinden für die Anzeigen, die während der Ausstellungszeit vom 11. bis 19. September von der Geschäftswelt er­lassen werden. So wird allen Beteiligten Ge­legenheit geboten fein, mit wirksamen, in Text und

wird die Beteiligung der Zcitungsle er an der Begutachtung der Anzeigen wesentlich teigern und damit auch den (Erfolg der Empfehlungen selbst.

Sahausstattung forgfältig durchgeführten Anzeigen 'chreiben

der modernen Anzeigenreklame aller Länder maß­gebend beeinfluht und in ganz neue Bahnen ge­drängt wurde. Die Zeiten sind vorüber, in denen der Inserent sich damit begnügen konnte, in seinen Anzeigen lediglich au sagen:Ich habe das und das zu verkaufen". Auch die Superlative haben abgewirtschaftet:t>ie beste Ware, prima Qualität, konkurreirzlos." Diese Schlagworte ziehen heute nicht mehr: auch das Publikum hat gelernt. Es wehrt sich mit Recht gegen solche langweilige, sehr oft unwahre und übertriebene Behauptungen. Es verlangt die Wahrheit, es fordert Beweise. Es will mit allen Mitteln umworben werden. Es will fühlen, welchen gro­ßen Wert der Kaufmann auf jeden einzelnen Käufer legt.

Diejenige Anzeige ist deshalb die beste unb darum auch die ersolgreichslc, die es versteht, im Publikum dieses Gefühl des Umworben­seins, der Wertschätzung auszulösen, und der es gelingt, die Käufer von der unbedingten TtotroenbigfeiL ja Unentbehrlichkeit einer be­stimmten Ware zu überzeugen.

Die Anzeige gleicht einem kostbaren Instru­ment. Der Meister, der es zu spielen versteht, beherrscht das Publikum, er hält es in seinem Bann, es ist ihm untertan. Die Menge folgt ihm, sie ist willenlos in seinen Händen.

Die Ausdrucksmittel sind außerordentlich viel­gestaltig. Humor, Satire, Witz, ein Appell an das immer rege Sensations- und Aktualitäts­bedürfnis des Publikums, ebenso wie sachliche Beweisgründe, die in ihrer Schlichtheit über­zeugend wirken, können geeignet fein, das ge­wollte Ziel zu erreichen. Wenn man kritisch den augenblicklichen Stand der deutschen Reklame betrachtet, muß man feststellen, daß in den letzten Jahren ein ganz bedeutender Fortschritt zu ver­zeichnen ist. Ihre künstlerische unb werbepshcho- logische Gestaltung hat erheblich an Qualität ge­wonnen. Die führenden Industrie- und Marken­artikel-Firmen, vor allem auch die großen Waren­häuser, gehen mit gutem Beispiel voran. Nach­dem man in Deutschland einmal den Wert der Reklame im gairzen Umfange erkannte und die Reklame selbst den Kinderschuhen entwachsen ist und sich die Anerkennung als selbständiges Wissensgebiet errungen hat, hat man auch durch Erfahrungen und Versuche die nötige llrteils- fähigkeit gewonnen, um zwischen guter und schlechter Reklame zu entscheiden und zu unterscheiden. Man bleibt heute nicht mehr an der Oberfläche, sondern spürt mit wissenschaftlicher Exaktheit den Wegen nach, die die Reklame gehen muß, um erfolgreich und damit produktiv zu fein.

Im Rahmen dieses Artikels interessiert be­sonders die Entwicklung der deutschen Anzeigen­reklame. Man ist auch hier mit der Zeit ge­gangen und hat sich einer fortschrittlichen Ent­wicklung nicht verschlossen. Den besten Maßstab bietet wohl ein Vergleich des Anzeigenteils einer heutigen Zeitung mit dem einer Ausgabe aus den Vorkriegsjahren oder aus der Kriegszeit. Ins Auge springend ist die Vielgestaltigkeit der heutigen Anzeigen. Sie haben das Schablonen­hafte in ihrer Ausstattung vollständig abgestreist. Man legt den größten Wert auf einen vollendeten Satz der Anzeige und auf moderne, schöne Druck­schrift. Ihre Bebilderung hat, vom ästhetischen Standpunkt gesehen, erheblich gewonnen. Man bemüht sich auch zwischen Bild und Text der Anzeige einen möglichst finnigen Zusammenhang herzustellen. Die textliche Behandlung der An­zeigen läßt allerdings noch viele Wünsche offen und bedarf der sorgfältigsten Pflege. Es fehlt uns noch an eigentlichen Reklamefchriftstellem, die das Wort meistem und es in den Dienst der Werbung stellen. Von den Amerikanern können wir in dieser Hinsicht noch recht viel lernen. Es ist geradezu erstaunlich, in welch ungezwungener und doch formvollendeter Weise die Amerikaner durch ihre Inserate zu ihrem Publikum zu sprechen verstehen.

Ein dankbares Tätigkeitsfeld bietet die An­zeigenreklame der kleinen Geschäftsleute, die nur in bescheidenem Umfange inserieren können. Es ist durchaus möglich, auch Heine Anzeigen in würdiger Weise auszustatten.

Den nachstehenden Aussatz eines Fachman­nes geben wir auszugsweise aus demZei­tungs-Verlag" wieder, um dem Kunden wer­benden Geschäftsmann behilflich zu fein bei der Wahl und Anwendung feiner Empfeh­lungsmittel, sowie bei der Ausgestaltung sei­ner Anzeigen. 'Bei der Unmenge wilder Re- klamegelegenheiten, die mehr oder minder die einzige Wirkung haben, dem Geschäfts­mann Geld aus der Tasche zu ziehen, dürfte die Geschäftswelt gerade in der gegenwär­tigen Zeit der erhöhten Werbetätigkeit anläßlich der Gießener Ausstellungsver- anftaltungen Nutzen aus den flaren Dar­legungen ziehen.

Menschen und Anzeigen haben das eine ge­meinsam: Sind sie Dutzenderscheinungen, gehen sie in der Masse unter. Sie sind deshalb keines­falls wertlos, sie erfüllen schlecht und recht die ihnen zugewiesenen Aufgaben, aber es ist ihnen nicht beschieden, sich eine überragende Beachtung zu erzwingen. Ihnen fehlt die Individualität, der innere Gehalt. Machen Sie die Probe! Durchblättern Sie den Anzeigenteil einer gut geleiteten Tageszeitung. Befassen Sie sich nicht mit Einzelheiten, lassen Sie den Gesamteindruck einer Anzeigenfeite auf sich wirken. Ihr Blick schweift gleichgültig über die Spalten, plötzlich stutzen Sie, eine Anzeige fesselt Ihre Auf­merksamkeit, regt Ihre Neugierde an. Sie können nicht bestimmt sagen, wodurch Ihnen das An- zeigenblld so anziehend erscheint. Vielleicht ist es eine geschickte Zeichnung, ein aktuelles Bild, eine geschmackvolle Sahanordnung, ein auffallen­der Schwarz-Weiß-Kontrast, der die Anzeige aus ihrer Umgebung deutlich heraushebt. Es ist durchaus nicht gesagt, daß alle anderen Men­schen genau wie Sie auf diese Anzeige reagieren müssen, es ist sogar höchst unwahrscheinlich. Der einfache Mensch wird eine Anzeige, die sich seinem Ideenkreis nicht anzupassen versteht, über­sehen, während der Gebildete sich von einer Anzeige abgestvßen fühlen wird, die an die Instinkte der urteilslosen Masse appelliert. Dieser Tatsache muh man sich immer voll bewußt sein, wenn man eine erfolgreiche Werbung durch die Anzeige betreiben will. Mit welchen Mitteln es gelingt, bestimmend auf die Kaufentschlüsse des Publikums einzuwirken, ist an und für sich gleichgültig. Immerhin gilt es auch hierbei, nicht gegen die allerdings ungeschriebenen Ge­setze des guten Geschmacks zu verstoßen, deren Verletzung das große Publikum sich auf die Dauer ebensowenig gefallen läßt, toit Anzüglich­keiten und persönliche Anrempelungen im Text­teil der Zeitungen.

Anzeigen, geschickt verstreut über bas zu be­arbeitende Gebiet, verteilt auf die maßgeben­den Tageszeitungen sind, zumal im Hinblick auf ihre vielgestaltige Auswertungsmöglichkeif, das idealste Werbemittel. Sie bringen in alle Berufskreise unb in die Homilie ein. Sie find taktvoll und belästigen das Publikum nicht, wenn es keine Zeit hat und mit anderen

Dingen beschäftigt ist.

Für den modernen Menschen, gleichgültig welchen Geschlechts und welcher Denkungsart, ist die Lektüre einer guten Tageszeitung unentbehr­lich. Sie bedeutet ihm eine Entspannung und eine Erholung von der Tagesarbeit. Dieser psychische Zustand der Ruhe bedingt nun eine hervor­ragende Aufnahmefähigkeit der Leser gegenüber den Einwirkungen der Anzeigen, und hierin liegt das ganze Geheimnis ihres überragenden Er­folges.

Die Aufgabe der Zeitung ist int wesentlichen damit gelöst, dem Leser die Anzeigen in einem Augenblick zu Gesicht zu bringen, in dem er in der Stimmung ist, sich mit dem Werbeinhalt der Anzeigen zu befassen, und auch die Muße hat, darüber nachzudenken. Alles weitere liegt in erster Linie bei dem Inserenten selbst. Das Zünglein an der Wage schwantt, jetzt fällt die Entscheidung über den Erfolg oder Mißerfolg einer Anzeige. Ist der Insereict oder sein Werbe­berater ein feinfühliger Psychologe, der es ver­steht, den Regungen der Seele des Publikums nachzuspüren und seine Anzeigen dement­sprechend zu gestalten, dann muß jetzt die Anzeige ihren Beschauer in ihren suggestiven Bann zwin­gen. Je öfter eine Anzeige erscheint und auf den gleichen Kreis von Lesern einwirkt, um so mehr prägt sich der Inhalt der Anzeige dem Leser ein. Er läßt sich durch sie seine Handlungen vor- fchreiben und kauft die Ware, deren Besitz ihm mit so überzeugenden und eindringlichen Worten und Beweisgründen als unentbehrlich hingestellt wird.

Die Wortwirkung in der Anzeigenreklame ist zuerst systematisch von amerikanischen Werbe- sachleuten angewandt worden, und zwar mit einem derartigen Erfolge, daß die Entwicklung

nicht eher nach Genf geht, als bis dort bas Terrain von allen Fallgruben unb Fußangeln gesäu­bert ist.

Vie franzöfischen Generalräte.

(Von unserem Pariser W. S.-Korresponbenten.)

Poris, September 1926.

Gegenwärtig tagen in Paris weber Kammer noch Senat, bafür ist bas parlamentarische Leben in den Departements aber umso reger. In zahl­reichen Departements-Hauptstäbten (nicht in allen) tagen gegenwärtig bie Generalräte. Da über biese Einrichtung sowie über bie Bedeutung ber fran­zösischen Generalräte in Deutschlanb im allgemeinen wenig bekannt ist, sei nachstehenb bas Wichtigste barüber kurz zusammengefaßt, beim bie Bebeutung dieser Tagungen ist recht groß.

Man kann bie französischen Generalräte am besten vergleichen mit unseren Provinzial- Uanbtagen. Nur hat ber ältere Parlamentaris­mus in Frankreich ben Generalräten einen viel größeren politischen Einfluß gesichert, als ihn unsere Provinzial-Lanbtagc kennen. Die Generalräte haben hauptsächlich bas vom Präfekten ausgearbeitete 'Bubget der Departements zu begutachten, also Straßen- unb Forstoerwaltung, Lokaleisen­bahnen, Bubget ber Präfekten, ber Unterpräfekten, ber öffentlichen Anstallen ber Departements, ber Sanatorien, Heilanstalten usw. Sie haben zu be­

schließen über bie Verteilung des bepartementalen Suboentionsfonbs an Vereine unb Gesellschaften, schließlich Haven sie bie Steueraufschläge für bie De­partements festzusetzen unb bie Gehälter für bie Departementsbcamten zu bestimmen.

Die Generalräte gehen, wie bie Deputierten­kammer, aus allaemeinen, birekten unb geheimen Wahlen hervor. Da die Zuständigkeit der General­räte nur auf die Departements-Verwaltung be­schränkt bleibt, so wird den Departementswahlen, die alle 4 Jahre stattfinden, im allgemeinen kein allzu großes Interesse der Wählerschaft entgegenge­bracht. Die Beteiligung an den Departementswahlen überschreitet durchschnittlich kaum 60 bis 70 Prozent der Wählerschaft. In ganz Frankreich herrscht übri­gens im allgemeinen eine sehr große Unkenntnis über diesen departementalen Parlamentarismus. Dies wirkt sich besonders augenfällig aus, denn sonderbarerweise sind die meisten Generalräte in Frankreich auch heute noch stark reaktionär. Die Mitglieder der Generalräte gehören meistens den Notabeln an, dem alleingesessenen Agraradel, führenden Industriellen und Kommerziellen, Bür­germeistern der wichtigsten Ortschaften usw. So bilden diese Generalräte zum nicht geringen Teil wahre Heimstätten des französischen Nationalismus, so wie er von den eingesessenen Notabeln im Lande von jeher stark kullioiert wurde. Auch äußerlich bieten diese Generalratssitzungen meist das Bild eines ausgesprochenen reaktionären Patriarchalis- mus. Die ständigen Sitzungslokale sind die Prüfet-

Samstag, 4. September 1926

nirgcbäubc der Departemenlshauptstäd.e. Diese Ge- bäube sinb bekanntlich durchweg im altsranAöfiscben vornehmen Stil gehalten und ihre Sitzungssäle fast klubmößig ausgestattet. Dort vereinigen sich die alten Herren und beratschlagen über das --chicksal ihres Departements.

Die zweimal im Jahre stattfindenden Sitzungs­perioden, die übrigens nur je 4 bis 5 Tage dauern, werden regelmäßig durch eine Eröffnungsrede des Generalratspräsidenten eingeleitet. In dieser Rede bringt ber Präsident bie Wünsche ber Versammlung an bic Regierung unb die Parlamente <jum Aus­druck. In diesen Wünschen pflegt man in Frankreich vielfach den wirklichen Ausdruck des Willens des ganzen Landes zu erblicken. Die von ben General- röten angenommenen Anträge finben in Kammer unb Senat im allgemeinen eine um so stärkere Be­achtung, als bic meisten Parlamentarier gleichzeitig Mitglieber der Generalräte sind und weil Sena­toren und Abgeordnete in den Generalräten einen starken Einfluß ausüben. Die Reden des General- ratspräsidenten umschreiben durchweg bie Forde­rungen des allgemeinen Landesinteresses. Meist nimmt ber Generalrat in feiner Schlußsitzung eine Tagesorbnung an, in ber biese Forderungen in präziser Weise ausgedrückt werden.

Für die gegenwärtige Sitzungsperiode ber Gc- heralrätc ist es befonbers bezeichnenb, baß alle Präfibentcnreben unb Tagesordnungen ausklingen in der Forderung nacheiner Politik ber na­tionalen Einigung zur finanziellen und wirtschaftlichen Wiederaufrichtung des Landes". Der gegenwärtige Innenminister, Albert Sarraut, hat in seiner Eigenschaft als Generalratspräsident ein Pro­gramm für die Hebung der nationalen und kolo­nialen Produktion angekündigt und damit gewißer maßen den übrigen Generalräten das Stichwort gegeben.

Reifeeindrücke aus Anatolien.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. *

Von einem gelegentlichen Berichterstatter. \ Konstantinopel, August 1926.

Nach mehrmonatigem Aufenthalte in dem euro­päischen Teile ber Türkei verließen wir Stambul, um eine ausgebehntere Reise in das Innere Sinn- tollens, den Kern der heutigen Türkei, anzutreten. Erwartungsvoll sahen wir den kommenden Wochen entgegen, bie uns tiefere Eindrücke vom Werben ber so viel besprochenen jungen türkischen Republik gewähren sollten. Unb unsere Erwartungen würben nicht enttäuscht, ba bas Gesehene uns so viel des Neuen unb Interessanten bot, wie roir .es niemals gehofft hatten.

Zunächst führte uns unsere Reise in mehrstün- biger Fahrt an bem Golf Ismid entlang bis zum Sabandschahsee. Don hier aus unternahmen wir einen Abstecher längs bes Sakariatales nach Adabasar, bem bebeutenbften Startoffelgebiete ber Türkei. Die Bewohner dieses Gebietes zeigten das lebhafteste Interesse für alle Fragen des Kar­toffelbaus, jedoch erwies eine nähere Besichtigung, daß die Einführung neuer Kartoffelsorten notwen­dig ist, weil die vorhandenen in den meisten Fällen bereits abgebaut sind. Insgesamt hatten mir von dem Stand und der Ausdehnung der landwirtschaft­lichen Kulturen den besten Eindruck unb die land­wirtschaftlichen Schönheiten der Gegend überrasch­ten uns aus das angenehmste.

Erst nach E s k i s ch e h i r setzte die öde, eintönige Landschaft ein, die für große Gebiete Anatoliens so bezeichnend ist. Kurz vor Angora beobachtete man wieder größere Anbauflächen, die auf den starken Einfluß ber Hauptstadt als Sitz der fortschrittlichen kemattstischen Regierung zurückzuführen sind.

Angora s e l b st bot uns ein Bild eifrigster Tätigkeit. Ueberall verspürt man ben Einfluß der öorroärtsftrebenben fRcgierungsorgane. Besvnbere Beachtung schenkt man bem Schulwesen. Sv ist Angora heute Sitz einer landwirtschaftlichen Schule, der eine Maschinistenschule angeschlossen ist, ferner mehrerer Volksschulen und seit einigen Mo­naten auch einer neugegründeten Rechtsschule. Ebenso sind Institute für meteorologische, chemische unb bakteriologische Untersuchungen neu angelegt worben. Auch Ansätze zu in- buftrieUer Betätigung unb bic Anfänge landwirt­schaftlicher Großvetriebe sind in Angora anzu­treffen. Neben dem vor einem Jahr gegründeten, vollkommen modern und großzügig angelegten Gute des Präsidenten der türkischen Republik hat bie Hauptstabi eine Eisfabrik unb eine Tuchfabrik auf- ziiweisen.

Sobann führte uns unser Weg nach ber vor einem Jahre gegrünbeten Saatzuchtanstalt in Eskischehir, bie trotz erheblicher finanzieller Schwierigkeiten eine Sammlung aller einheimischen Getreibesorten durchführte und nun bestrebt ist, aus dem vorhandenen Material das günstigste Saatgut zu züchten. Einige Stationen von diesem Orte ent­fernt trafen wir das erste und zur Zeit einzige modern angelegte Sägewerk ber Türkei an, bas von einer deutschen Firma erbaut wurde unb seit etwa zehn Monaten in Betrieb ist. Das Säge- werk produziert in erster Linie Bauholz, das fn Angora abgesetzt wird. Jedoch muß man trotz der Schönheit ber Anlage bie Existenz dieser Fabrik bis zu einem gewissen Grade bedauern, da sie genau so Raubbau an ben Walbbestänben Ana­toliens treibt, wie bas sonst überall in der Türkei der Fall ist.

Der landwirtschaftliche Großbe­trieb, den man in Anatolien fast noch gar nicht kennt, wird neben bem bereits erwähnten Gute Mustapha Kemals noch burch ein ungarisches Gut vertreten, das von ber ungarischen Maschinen­fabrik Hasser unb Schrantz für acht Jahre gepachtet worben ist. Die Gutsleitung paßte sich ben schwie­rigen Verhältnisse bei Akschehir sehr geschickt an und hat es vermieden, den Betrieb allzusehr zu mechani- fieren. Eine besondere Verbindung von Maschine und Arbeitstier macht diesen Betrieb zum erfolg­reichsten landwirtschaftlichen Großbetrieb Ana­toliens.

Weiter bot sich uns Gelegenheit, das bekannte Bewäsferungsroerk bei Konto zu be- sichtigen. Die für die dortigen Gebiete so wichtigen Bewässerungsanlagen sind heute leider vielfach ver­wachsen und versumpft, so daß einige der dort ge­legenen Dörfer, wie z. B. Tschumra, sich zu ge­fährlichen Malariabrutstätten entwickelt haben. Die Regierung hat sich bisher darauf be­schränkt, eine Aerztckommission zur Bekämpfung der Malaria dorthin zu entsenden so daß bem Hauptübel nicht in seiner Urjad: gciteuert wirb.

Nachbem kamen wir in die beiben wichtigsten wirtschaftlichen Gebiete ber Türkei: Adana und Smyrna. Beide Wilajets sind durch ihre natürliche Fruchtbarkeit vor den anderen Gegenden der Türkei begünstigt und eine fortgeschrittener^