Nr. 53 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen) Donnerstag, 4. März 1926
Vie neuen Lehrpläne für die- höheren Anabenschulen helfens.
Non Oberstudiendirektor Dr. Otto Keller, M. d. L., Büdingen.
Die bisherige Gliederung der höheren Schulen Hessens dürfte als bekannt vorausgesetzt werden. Trotzdem fei ganz kurz an den geschichtlichen Werde- gang erinnert, wie zuerst nur das Gymnasium als Erbe der alten Gelehrtenschule in Betracht kam, wie erst allmählich neben diesem und lange zur Aschenbrödelrolle verurteilt, höhere Schulen „reale- rcn" Charakters sich entwickelten, wie sie dann im Zeitalter imperialistischen Ausstiegs und technischer Höchstleistungen der älteren Schwester den Rang abzulausen drohten und schließlich dieselben Berechtigungen boten, jene aber an Schülerzahl weit übertrafen*). Wer heute als Abiturient die Oberrealschule oder das Realgymnasium verläßt, steht — abgesehen von gewissen Spe^ialberufen — in allen Stucken dem gymnasialen Altersgenossen gleich, ja, er bringt vielleicht für technische Studien oder für einen Aufenthalt jenseits der deutschen Sprachgrenze wertvolle Kenntnisse mit, die dem andern abgehen. Jedenfalls zwingen äußere Rücksichten schon lange keinen Vater mehr, sein Kind dem Gymnasium zurzusühren, wie das vor hundert und auch noch vor fünfzig Jahren der Fall war.
Trotzdem machen sich gegen alle Erwartungen deutliche Anzeichen für ein Wtedererstarken humanistischer Neigungen bemerkbar, so Hot im lausenden Jahre zum erstenmal seit lange in Hessen die ^ahl der Gymnasiasten zu-, die der Insassen der übrigen höheren Schulen etwas abgenommen. Mancher wird diese Tatfache aus die eifrige Tätigkeit der „Vereine für das humanistische Gymnasium" zurücksühren; man soll aber nicht vergessen, daß das Entstehen und Aufblühen solcher Vereine, in denen sich Angehörige der verschidensten Berufe (und nicht zum wenigsten der technischen) zusammenfinden, an sich schon beweiskräftig ist, so gut wie die auffallende Parteinahme der Technischen Hochschulen. Man ist sich eben darüber klar geworden, daß klassische Bildung so wenig u n d e u t s ch ist, wie reale deutsch, ja, daß mehr Brücken van der griechischen Kultur zur germanischen führen als von der französischen, ganz zu schweigen von Mathematik und Naturwissenschaft, die übernational in jeder Beziehung sind. Man kann auch, ohne unehrlich zu fein, den beliebten Vorwurf nicht mehr aufrechterhalten, das Gymnasium bilde weltfremde Träumer heran, die im Lebenskämpfe zu- rückblieben: man wird vielmehr zugestehen müssen, daß die älteste Schulart sich so wenig wie die jüngeren den Forderungen des Tages verschlossen habe, ohne freilich jene Werte aufzugeben, deren Unzerstörbarkeit jjroei Jahrtausende bargetan haben. Und schließlich fei der Hinweis erlaubt, daß gerade die Erkenntnisse der Kriegs- und Schieberzeit weite Kreise an den Segnungen „exakter" Nerstandesbil- dung irre gemacht haben und sie (ehr viel freundlicher über Dinge denken lassen, die ihnen sonst als tot und abgetan galten.
Wenn ich mir diese scheinbare Abschweifung erlaubt habe, so tat ich es oeshalb, weil unsere yessi- schen Schulgewaltigen noch vor genau zweieinhalb Jahren (gleich einzelnen anderen deutschen Ländern) bereit und willens waren, dem „Gymnasium alten Stils" das Lebenslicht auszublasen zugunsten eines „Reformgymnasiums" mit bedenklich verkürztem altsprachlichem Unterricht, und weil dieselben Männer — es hat kein Personenwechsel stattgefunden! — heute in ihren neuen Lehrplanentwürfen dem Gymnasium weniger Veränderungen ansinnen als sämtlichen übrigen Schultypen, ja, der Zurückbilbunb des einzigen hessischen Re- formgymnasiums (Büdingen) zur Normalform zugestimmt haben.
Wenden wir uns nun der Betrachtung der Entwürfe selber zu und beschränken wir ihren Ver- aleicy mit der preußischen Neuordnung auf die Festellung der Tatsache, daß grundsätzliche Verschiedenheiten kaum, solche in Einzelheiten freilich in Menge vorhanden sind**), so haben wir für Hessen einander gegenüberzustellen: 1. die bisher geltenden Pläne: 2. die nach den „Stundentafeln" von 1923 für die Einführung von der Regierung in Aussicht genommenen und 3. die neuerdings vor- rgten, und wir haben alsdann zu betrachten:
die Schulgattungen: 2. deren Gestaltung und 3. die Art und Weife, wie die Durchführung geschehen soll. Nehmen wir das letzte voraus, so ergibt sich, daß man im alten Staate Änderungen raum ohne Anhörung besonders tüchtiger Fachoertreter traf, daß man im neuen noch 1923 die amt=
•) 1925 Schüler im hessischen Gymnasien und Progymnasien 2529, in Realgymnasien 1763, in Oberrealschulen und Realschulen 9103.
** ) In Preußen z. B. weniger Wochenstunden, keine Staatsbürgerkunde, kein allgemein verbind- llcher Unterricht in philosophischer Propädeutik.
Schaufeln.
Don Fritz Müller (tßartenfird>en).
Meine Nachbarin, die alte Leitnerin, ist gestorben.
Wenn tn der Stadt mein Nachbar stirbt, was geht's mich an? Mag sein, er wohnt auf dem gleichen Flur mit mir. Mag sein, er hatte auf der andern Seite einer Wand, an der mein Bett steht, siebzehn Jahre lang mit mir geatmet, Zug um Zug. Mag sein, er hat da drüben gestern morgen seinen letzten müden Atemzug getan, als ich herüben meinen ersten frischen eines arbeitsreichen Tages tat. Mag alles sein — was geht's mich an?
Die alte Leitnerin hat nicht Wand an Wand mit mir gewohnt. Hundert Meter waren zwischen ihr und mir. Hundert -wischen mir und einem Menschen tn der Stadt — ein Wesen auf dem Sirius, durch ein Fernrohr hergeschraubt, ist näher. Aber hundert Meter auf dem Land — ich mache mich als Nachbar auf.
Da liegt sie aufgebahrt, die Alte. Zweiund- achtzig Jahre ist sie. Stumm zeigt ihr Sohn, der Leitnerbauer, auf ein Spinnrad in der. Ecke, t Nichtig, gestern sah ich noch durchs Fenster, wie sie spann. Was Fabriken und was Schafe in Australien! Seit sechzig Jahren überschnurrte sie dteS Rad.
,3n die letzte Heuernt" ist sie noch hinauä- gegangen," sagt der Leitnerbauer. (Mir fallt ein, er soU ein Ausnüherischer sein.) „Dableibst d', Muatter, hach i gesagt — da Hütt st mir fast 's Gsicht derkraht. Unb krank war st keine Stund im ganzen Leben. In der letzten Woch' hat st gsagt: Mit mir is 's aus. — Dummes Zeug, sag i,
liche Auffassung vertrat, sämtliche Lehrerräle und mehrere andere Instanzen (z. B. die Hochschulen) müßten eingehend gehört und berücksichtigt werden, daß man dagegen nunmehr d i e ausführlich erläuterten Lehrpläne mit Dem Befehle sofortiger Einführung den Schulen hingelegt hat. Man hat sich auf den Standpunkt gestellt: „Der Worte sind genug gewechselt!" und will nun seitens der Philologen diejenigen Taten sehn, die man behördlicherseits bis ins einzelne vorgeschrieben hat. Wer das als nicht ganz mit demokratischen Grundsätzen verträglich ansieht, wird vielleicht die Begründung unseres Landesamtes für das Bildungswesen für aus- reichend erachten, man habe ja vor zweieinhalb Jahren in zahllosen Kritiken die Ansid t oller Beteiligten zur Genüge tennengelernt und beabsichtige überdies nur eine vorläufige Einführung der neuen Organisation, die also vor der Umwandlung in eine endgültige je nach den Erfahrungen berichtigt werden könnte. Dazu wäre allerdings zu sagen, daß die Werturteile über die Stundentafeln von 1923 ohne jede Bedeutung für die jetzigen sein dürsten, weil beide so grundverschieden sind, daß jeder Faden zwischen ihnen zerrissen scheint, und daß weiter nach den grundstürzenden Aenderungen von 1926 eine nochmalige im Jahre 1928 oder 1929 für jeden ernsthaften Erzieher außer Erörterung steht: man bedenke nur die Wirkung einer derartigen doppelten Eifenbartkur auf die gleiche Schülergeneration! Höchstens damit wird eine autokratisch-demokratische Verwaltung ihren Standpunkt stützen können, daß sie nicht ganz ohne Berechtigung behauptet, die Ausstellungen an ihren wohlerwogenen Vorschlägen, die von Alt- und Neusprachlern, Mathematikern und Naturwissenschaftlern, von pädagogischen Reaktionären, Reformern und Revolutionären gekommen feien, hätten sich gegenseitig aufgehoben. In der Tat ein beachtenswertes Beweismittel, da unstreitig die Pädagogik auf den Namen einer exakten Wissenschaft keinen Anspruch erheben darf; ob es aber ausreicht zur Begründung der beabsichtigten Zwangsmaß- regel, ist eine Frage, die hier unbeantwortet bleiben mag.
Ich komme zur Betrachtung der Schulgat- tungen und ihrer bisherigen und künftigen Gestaltung. Außer Betracht lasse ich die mir persönlich sehr sympathische „Deutsche Oberschule", zu deren Bereich die „Aufbauschule" gehört: weil für sie ein Lehrplanentwurf ebenso wie für die höheren Mädchenschulen noch aussteht. Jeder Löser weiß, daß wir bisher 3 Arten von Vollanstalten hatten: Gymnasium, Realgymnasium und Oberrealschule, daneben standen die in jene einmündenden 5—Massigen Bürger- und Realschulen. Die Stundentafeln von 1923 wollten das „Gymnasium alten Stiles" nur in Einzelfällen weiter gestatten, die Mehrzahl der humanistischen Anstalten dagegen in Reform- schulen umwandeln, die zwar „Altsprachliche Gymnasien" hießen, ihrem Namen aber nur sehr wenig entsprachen. Daneben sollten zwei ganz verschiedenartige „Neus^rachliche Gymnasien" bestehen, von denen eins mit dem derzeitigen Realgymnasium, das andere mit der Oberrealschule entfernte Familienähnlichkeit zeigte, die anderseits auch wieder das „Mathematisch - naturwissenschaftliche Gymnasium" mit der Oberrealschule verband. Daß nun der neueste Entwurf andere Namen für die verschiedenen Schulen zeigt, ist gewiß nebensächlich, daß er da gegen, obwohl gleicher Vaterschaft wie der frühere entsprossen, sich im Wesen meilenweit von jenem entfernt ist, mindestens ein Beweis für die geistige Anpassungsfähigkeit seiner Schöpfer. Zwei Gesichtspunkte waren 1923 für den ganzen Aufbau bestimmend, und eine Aussprache über sie war dann bezeichnenderweise auch ausgeschlossen: Der gemeinsame Unterbau von Sexta bis Quarta und der gleichzeitige Betrieb nur zweier Fremdsprachen. Der erste raubte (freilich nach dem Dorbilde des preußischen Reform- gymnvsiums) den humanistischen Sonberbebürfniffen Licht unb Luft, ber zweite führte zu ber pädagogischen Ungeheuerlichkeit, daß der von Sexta an mit Nachdruck betriebene französische Unterricht von Untersekunda ab in zwei Schulgattunyen als Pflichtfach verschwand, was für die Praxis in den meisten Fällen den Verzicht auf ein dem 'Aufwande entsprechendes Ergebnis bedeutet hätte. Nunmehr hat man gerade das preisgegeben, was vor kurzer Zeit noch als derart unantastbar galt, daß nicht einmal an (einer Notwendigkeit gezweifelt werden durfte; denn sämtliche Gymnasien und Realgymnasien beginnen wieder — im Gegensätze zum „Reform real gymnasium" und zur Oberrealschule — mit Latein, und drei Schulgattungen pflegen drei Fremdsprachen gleichzeitig: das Gymnasium von Untertertia, das Realgymnasium von Obertertia und das Ne- formrealgymnafium von Untersekunda ab aufwärts.
Im ganzen scheint als leitender Grundgedanke an die Stelle des oben gewürdigten heute ber von
bei , t,. i i d) m ä b i g e n Herausstellung der K e riifäche r" getreten zu fein (b. h. Religion, philosophische Propädeutik, Deutsch, Geschichte, Staatsbürgerkunde und Erdkunde) und der andere (aber nicht folgerichtig durchgeführte), zwei Haupttypen zu schaffen, in denen Geschichte hier, Natur dort die Brennpunkte bilden. Demnach sind nur Gymnasium und Dberrcah schule als reine, Realgymnasium und Resormreal- gymasium dagegen als" Kompromißformen anzusehen. Ich möchte jedoch behaupten, baß ber großen Masse ber Elternschaft letztere sehr viel wünschenswerter sein werben als bas, was künftig den Namen Oberrealschule führen soll, mit ber alten aber wenig mehr zu tun hat Denn biese pflegte zwar (wie auch künftig) Mathematik und Naturwissenschaft in erster Linie, vermittelte aber auch eine gediegene Kenntnis ber französischen und englischen Sprache, die mit 42, bzw. 23 Wochenstunden im ganzen bedacht waren. Künftig sollen es je fünf weniger sein, und bas wird um (o mehr ins Gewicht (allen, als das ganze Weniger die Oberklassen trifft, die mit je 3 Stunden Französisch unb 2 Stunben Englisch von Ila bis la in Sprache, Literatur unb Gesamtkultur zweier Weltvölker einbringen sollen. Demgegenüber steht bie Mathematik in alter Stärke, die Naturwissenschaft mit vermehrter Stundenzahl. Es handelt sich also um eine Schulgattung, die vor allem geeignet ist, für mathematisch besonder^ be- anlagte Naturen, und die sind noch meinen Erfahrungen bei der männlichen Jugend nicht häufig, bei der weiblichen sogar Ausnahmen. Nun vergegenwärtige man sich, daß die Mehrzahl ber Realanstalten, zu benen ihrem Lehrpläne nach auch bie höheren Bürgerschulen gehören, sich in den Land- ft ä b t d) e n befinoen, wo sie bie einzige höhere S ch u l e sind. Man beachte ferner, baß sie von zahlreichen Mädchen mangels anberer Anstalten mit« besucht werden, z. Z. von etwa 1200. Ueberaü müßte nun hier eine höchst einseitige Ausbildung einfetzen, und Detlev v. Liliencrons Klage über die „Mathematik, diese Schleifmühle des Kopfes", würde tausendfältig, besonders von den Eltern der meist sprachlich viel besser begabten Mädchen, zum Himmel steigen. Sehr sachverständig hat sich über diesen Punkt Studienrat Dr. Molz im „Oberhessischen Anzeiger" vom 16. Januar geäußert, ich wollte ihn hier vor allem mit Rücksicht auf die Gemeinschaftserziehung erwähnen.
Von dieser Frage abgesehen, läßt (ich behaupten, daß die diesmaligen Entwürfe im großen und ganzen viel weniger radikale Aenderungen bringen als die von 1923; die Prinzipien der ersten Zeit der neuen Aera sind allmählich müde geritten. So ist dem Gymnasium das Fach, mit dem es steht und fällt, in voller Stärke belassen: bas Griechische (36 Stunben); so sind dem Realgymnasium von 55 Wochenstunden Latein 42 geblieben statt der 30, die bas „Neusprachliche Gymnasium (Typ I)" haben sollte. Daß ber Deutschunterricht eine mäßige Stunbenvermehrung erfahren hat (bie Ausnahme bei ber Oberrealschule ist nur scheinbar), wirb ganz allgemein begrüßt werben; Gleiches gilt für den Geschichtsunterricht, wo aber das Gymnasium mit einer Verkürzung von 20 auf 17 Stunden leider ein Minus hat, über das die 4 Stunden „S t a a t s b ü r g e r! u n b t“, bie überall verbindlich sind, nicht Hinwegtrösten können. Die Notwendigkeit dieses Faches ist stark bestritten, und zwar nicht, wie gelegentlich behauptet wird, aus politischen Beweggründen. So gut man den Satz aufstellen kann: ,Heber gute Unterricht in Deutschland muß gleichzeitig Deutschunterricht fein", kann man den andern vertreten, daß jeder gute Unterricht im Dienste staatsbürgerlicher Erziehung stehen müsse, ber deutsche wie ber fremdsprachliche, ber geographische wie ber geschichtliche. Aus Kleists „Prinz von Homburg" läßt sich mehr Staatsgesinnung schöpfen als aus bem Werke von Preuß zur deutschen Verfassung. Wenn jedoch die Anforderungen des Lehrplanes, die manchem Doktoranden der Nationalökonomie als Grundlage dienen könnten, verwirklicht werden sollen, so wird viel Arbeit von Lehrer und Schüler nötig sein, unb an Langeweile wirb es babei nicht fehlen, weil bie ganze abstrakte Weisheit für sich steht, statt aus bem gesamten Lehrstoff ber Schule herauszuwachsen. Aehnliches gilt für bie philosophische Propäbeutik, über beibe Fächer hat sich sehr richtig Dberftubienbirettor Altenborf im „Darmstadter Tagblatt" (3. Februar) ausgesprochen.
Der körperlichen Ertüchtigung sollen künftig neben 2 Turn stunden 2 weitere für Bewegungsspiele dienen. An sich schön und gut, aber ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Möglichkeiten am grünen Tische dekretiert. Wo sind bie nötigen Spielplätze, wo bleibt bie Zeit, befonbers in ben Lanbschulen, bie bie Hälfte, ja Dreiviertel ihrer Schüler nachmittags nicht mehr erreichen können? Wo bleiben die Turnlehrer in einem Staate der den einzigen „Turnrat" (früher Inspektor) 4n derselben Zeit beseitigt hat, in ber bie Notwenbigkeit des Turnens und des Sportes bis zum Ueberdruß betont wird? Man
warum sollt 's bei dir aus sei? — I gspür mi, sagt s' — woaßt. an’ extra Krankheit braucht's bei uns net. Wenn sich einer iirnerwendig gspürt, dann hat's halt geschnackelt."
Den vorgeschriebenen Spritzer mit geweihtem Wasser gebe ich der Alten, dann reiche ich zum Beileid ifjrem Sohn die Hand. Der Leitnerbauer ist verlegen. Das mit der Hand ist nicht der Brauch. Er schaut meine Schrtibhand an: „Hm", sagt er. „extra leicht wird's dir net werdn."
„Was wird mir nicht leicht werden?"
„s' Schaufeln."
„Was soll ich denn schaufeln?"
Er sieht mich grrch an. Wie kann ein Mensch im Angesicht des toten Nachbars nur so fragen, denkt er. „Was d' schaufeln sollst? — ihr Grab halt, als der nächste Nachbar, was. denn sinscht."
Da fällt's mir ein. Dies Dorf ist tausend Jahre alt. Hundert Häuser hat es heute, wie vor taufend Jahren. Hundertheim hat es geheißen, Hundham heißt es heute. Ein Bayernherzog hat das Land für eine Kriegszugs Hilfe hundert Dauern hingegeben. Hm Karl den Großen herum war es. Die Grundmauern vom Seit en bauern- Haus sind tausend Jahre alt. Die von meinem auch. Tausend Jahre hat der Nachbar seinen toten Nachbar eingegraben, und der erste zugezogene Stadtmensch will (ich davon drücken?
„Wennst d' mir bei Schaufel leihn kunnst, Leitenbauer?"
„Hast du fei' Schaufel, Brüaler?
Er nennt mich Brüaler. Brüaler hat der Mann geheißen, der mein Haus vor tausend Jahren ur.term großen Karl gebaut hat. Brüaler heißt ein jeder, der drauf stht. Ins Wesenlose schwinden alle Zufallsnamen der Nachfahren auf
dem Hause. Auch der meine. Ich bin der Drüa-- ler. In die Dorfgemeinschaft bin ich ausgenommen. ..Erweis dich ihrer würdig", heißt es, „schaufle deiner Nachbarin das Grab. Schäm dich, wenn du's mit geliehner Schaufel tust."
Nein, ich finde auf der Tenne eine Brüaler- bauernschaufel. Ich stapfe mit ihr durch den Schnee. Da ist der Kirchhof, da ist das Brüaler- bauerngrab, das meine Hausvorsahren ausgenommen hat feit tausend Jahren. Daneben ist das ßeitnerbauerngrab. Ich fasse fest nach meiner Schaufel. Ich habe noch nie eine Schaufel in der Hand gehabt. Es ist nicht leicht. Gut, daß die Erde nicht gefroren ist. Nun, dafür hätte der Brüaler eine Hacke gehabt. Ich schaufle hastig.
„Zeit lassen!" mahnt mich über die Kirch- hofsmauer ein vorüberfahrender Holzer, „Zeit lassen, sonst derkrafst d' es net.“
Ich lasse mir Zeit. Ich derkrafte drei Schuh tief. Ich erschrecke. Wenn ich auf den letzten hier Begrabenen stieße. Ich stoße nicht darauf. Auf den Leichenstein ein Blick besagt, den letzten haben sie vor dreißig Jahren hier begraben. In dreißig Jahren sinkt man tief. In dreißig Jahren wird man Erde.
Ich habe vier Schuh derkraftet. Ich schnaufe schwer. Bei fünf Fuß hämmert mir das Blut im Hirn. Ich habe nie in meinem Geben so geschuftet. Unb gilt doch hier als eine kleine Müh, einem, der da ausgeschuftet, eine Ruhestatt zu graben. Den vorgeschriebenen sechsten werd ich nicht mehr leisten können. Fincken sprühn mir aus den Augen. Und beim Scheine dieser Funken sehe ich die tausend harten Dauernfäuste, die dies Land gerodet unb betreut Dom Kopfe fällt der
schaffe Uusbübungs- unb Beiätigungsmöglichkeiten, unb bann verlange man, baß Tüchtiges gelehrt unb geleistet wird; statt dessen baut man noch 1926 den Gießener Turnassistenten an der Universität ab!
Damit sei unsere Betrachtung ^geschlossen. Es ist nicht zu leugnen, baß die neuen .Stundentafeln, wie ihre Erläuterungen manches Erfreuliche enthalten, besonders die allgemeinen Richtlinien bringen zum Teil Vortreffliches, das au di, über die eingestreuten Gemeinplätze hinweghilft. (Selbst das „werktätige Volk" marschiert einmal auf.) Trotzdem teile ich die Meinung, die in den Eingaben der beiden Hochschulen (warum sind sie nicht veröffentlicht morden?,, einer Aeußerimg des Darmstädter Oberbürgermeisters, den Bemerkungen zahtreidier Fachmänner und in einem Anträge der Deutschen Dolks- partei zum Ausdruck kommt, daß mau nach so langer Vorbereitungszeit auch jetzt noch hätte abwarten sollen, bis die beteiligten Instanzen gesprochen hätten, ehe man der höheren Schule einen Rock anzieht, über dessen Kleidsamkeit und Güte noch so große Zweifel bestehen.
Amerikanische Iugendrepubttken
Im Republikanischen Lehrerbund sprad; Univer- sitätsprofesfor Dr. K o f f k a über amerikanische Jugendrepubliken, über die Schülerselbstverwaltung nach dem System von Mr. W. 21. George, wie er sie als Austauschprofessor an einer U. S. A.-Univer- sität kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Redner ging von den Grundfragen aus, was diese Institute für die Jugend, und was sie für den Staat leisten. Der Staat braudje Bürger. Die drei gegebenen Faktoren der Erziehung zum Bürger seien Familie, Kirche und Schule. Hiervon komme aber wiederum ernstlich nur die Schule in Betracht. Die Schule, als Autokratie, erziehe in erster Linie zum Gehör- sam. Dies aber sei nicht die primäre Forderung des (demokratischen) Staates. Die Erziehung zum demokratischen Bürger solle gleichwohl schon in der Schule liegen. Redner kommt dann auf allgemein- pädagogische Probleme zu sprechen und streift die sog. Anlage- und Milieutheorie. Georges System beruhe nun darauf, die zu erziehenden Menschen in einer Gruppe zusammenzubringen. (Der soziologische Begriff der Gruppe wird an einer Reihe von tierpsychologischen Parallelerscheinungen demonstriert.) Prof. Koffka schilderte anschließend den Weroegang und die langwierigen, mühseligen Versuche des'Mr. George, die endlich zur Gründung einer Jugendrepublik führten, wie sie der Vortragende drüben selbst in Augenschein genommen hat. George, so führte er aus, habe mit den verwahrlosten Reuyorker Gassenjungen angefangen.- Nach vielen Fehlschlägen sei dennoch die Gründung eines kleinen Clubs für Jugendliche gelungen, der die Keimzelle der heute seit Jahren bestehenden, vervoll- tommneten Jugendrepublik bildete; diese Republik, deren Bürger im Alter von 16—21 Jahren stehen, sei ganz ähnlich organisiert, wie der große amerikanische Staat. Erst im 3. Jahre sei es gelungen, die Jugendlichen aus eigenem Antrieb zur Arbeit zu bringen. Redner schilderte, wie nach und nach alles erarbeitet werden muß in dieser Gemeinschaft, in der Republik „von, für und durch Kinder', die ein getreues Abbild der großen Republik sein soll, im Zusammenleben, in der Tätigkeit und Lebensweise Des einzelnen, tn ihren Gesetzen und ihren Gerichten unb einer Verfassung, die sich die Jugendlichen selber geschaffen haben. Die Institution bestehe bis heute, und man müsse bedenken, aus welchen Kreisen die Bürgerschaft ber Jugendrepublik sich lange Zeit rekrutiert habe. Erst später fei der Kreis erweitert unb auch Kinber wohlhabenber Eltern ausgenommen worben. Die einzige Voraussetzung für bie Aufnahme fei körperliche unb geistige Gesundheit. Die soziale Lage des einzelnen Mitgliedes richte sich nach der von ihm geleisteten Arbeit. Es gebe in der Jugendrepublik Schulen (deren Besuch, wie jede andere Arbeit, bemerkenswerterweise bezahlt wird), es gebe Handwerk, Banken, auch Landwirtschaft. Im ganzen aber lebe bie Gemeinschaft aus Stiftungen. Regiert werbe sie burch selbstgewählte Präsibenten unb Derwaltungsbeamte; Richter unb Geschworene verwalten bie Gesetze, bie selbstgewählten unb bie Neuyorker, bie eo ipso gelten. Es seien, wie betont würbe, sehr angesehene Bürger aus ber Institution hervorgegangen, man habe unbere berartige Republiken gegrünbet unb ihre Prinzipien auch — mit guten Ergebnissen — auf gewöhnliche Schulen übertragen. In einer zu- sammensasfenben Schlußbetrachtung trat der Vortragende für ben Versuch einer Einführung ber $e« fdjilberten Institute auch bei uns in Deutschlanb ein.
ec^e Sodener
Pastillen gegen
Jp Husten, Heiserkeit Verschleimung
Hut. Es ist meine Reverenz vor diesen tausend Dauernsäusten. Es ist mein Eingeständnis: „Nicht einmal dazu, deinen Nachbar zu begraben, langt's bei dir."
„Dscht." Der ©tiefer steht vor mir. Der ©tiefer hat die meisten Tagwerk' weit und breit Der ©tiefer ist mein Nachbar auf der andren Seite. Der ©tiefer schaut sich um. Nein, es ist niemand da. „Muß i dir helfen, Brüaler?"
„Du?"
„No ja, einmal trifft'8 mi do, wenn — wenn'- di trifft."
Ich schau' ihm starr in das Gesicht.
..älnd wenn d' di schaamst, da wißt i aa a Mittel — kimmst beit abend zu mit, na’ zeig t dir's - gib bei Schaufel her — wia, laß deine Händ anschaun — (aubernc Schwiel'n hast schv, Respekt . .
Mit den Schwielen bin ich abends zum ©riefet- hinübergegangen. Er sah am Tisch, die Feder in der Hand, etwa so wie ich die Schaufel. Bor ihm ein Steuerformular. Bermogensauf- nahme, Besitz an Vieh usw. Er schnaufte schwer. Fünf Fragen hatte er derkraftet. Bei der sechsten aber, jener mit den r>tc!?n Nebensätzen, hatte ihm das Blut im Hirn gehämmert. Er hatte nie in seinem Leben so geschuftet. Er sah mich hilflos an: „Moanst net. i streich alles wieder durchs?"
„Unb dann?"
And schreibet oafach drüber: Peter Streicher, des gleiche Rindvieh wie im vorigen Jahr — was moanst?"
„Es hilft dich nichts, die sechs Antworten sind Vorschrift. wie die sechs Fuß fürs C.ab — gib dei Schaufel her — dein' Federhalter hab i sagn wvlln. .


