Nr. 29 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Donnerstag, 4.8ebruar 1926
Oberhessen.
Landkreis Gießen.
f. Klein-Linden, 3. Febr. Unser n e u - qewähltes G e m e i n d e p a r l a m e n t trat am Montag zur ersten Sitzung zusammen. Eine große Menge Zuhörer hatte sich zu der Neue,nfuhrung des größten Teiles der Gemeinderate eingefunden. Vom alten Gemeinderat nehmen nur noch fünf an der Vertretung teil. Vor der Verpflichtung der neugewählten Gemeinderäte richtete der Bürgermeister Worte für gedeihliches Zusammenarbeiten und Sachlichkeit an den Gesamtgemeinderat. Besonders unsere Gemeinde sei infolge ihrer überaus schlechten Einnahmequellen sehr schwierig zu verwalten. Es bedürfe der größten Sparsamkeit, um den Ge- ineindehaushalt im Gleichgewicht zu halten. Das schließe aber nicht aus, daß in dringenden Fallen die Gemeinde doch für die Einwohner sorgen müsse auf allen Gebieten. Da unsere Gemeinde zu 35 Pro- zent aus Bahnbediensteten bestehe, habe er sich an die betreffende Behörde um Zuschüsse der Bahnver- waltung zugunsten der Gemeindeverwaltung gewandt. Hierauf erfolgte die Verpflichtung durch Handschlag. Als Kontrolleur wurde Phil. WeigelXXII. gewählt. Die Bildung weiterer Kommissionen wurde vorerst nicht ins Auge gefaßt. Ein Antrag auf Tanzerlaubnis am Faschingsdienstag wurde, der jetzigen gesetzlichen Vorschrift entsprechend, dem Gemeinderat zur Beschlußfassung vorgelegt. Damit verbunden wurde ein Antrag auf Einschränkung der Lustbarkeiten im allgemeinen, sowie Erhöhung der Vergnügungssteuer. Die Anträge lösten eine längere Debatte aus. Es wurde schließlich beschlossen: Mit Rücksicht aus den Faschingsdienstag wird die Tanzerlaubnis ausgesprochen. Die V e r g n ü gu n g s st e u e r wird aus den doppelten Satz erhöht (gemäß dem Dorschlaa des Bürgermeisters unter entsprechender Abänderung des bestehenden Ortsstatuts). Einem Gesuch verschiedener Einwohner um Pachtnachlaß für Gemeindeäcker wurde insofern nähergetreten, als eine dreigliedrige Kommission gewählt wurde, welche die ungefähre außergewöhnliche Belastung durch vorzunehmende Kulturarbeiten feststellen soll. Gleichgelagerte Fälle aus dem Jahre 1925 sollen dabei revidiert werden, um evtl. Unrecht vorzubeugen. Die Anschaffung einer kompletten Küchen- und Kocheinrichtung für die dritte Klasse der Madchenfortbildungs. chule wurde abgelehnt mit der Begründung, daß ne herrschende Geldnot und der für solche Zwecke ehlende Raum zur Zeit nicht zulasse, diese Forderung der Regierung in die Tat umzusetzen. Als Schätzer für gefallenes Vieh wurden gewähtt Weigel und Langsdorf, als Stellvertreter Rinn und Fr. Langsdorf. Die Besetzung der Gemeinderechnerstelle macht keine Fortschritte. Es sollen beim Kreisamt Schritte unternommen werden, damit diese Angelegenheit möglichst bald erledigt wird. Seit über Jahresfrist schwebt nun schon die Neubesetzung der Rechnerstelle.
v. Londorf, 3. Febr. Bei der gestrigen Verpachtung der hiesigen Gemeindeiagd erhielt Los 1, Feld- und Waldjagd umfassend, Möbelfabrikant Louis Köhler- Isenburg für 505 Mk., Los 2, nur Feldjagd, Rittmeister v. Röder-Kesselbach für 550 Mk. o ,
... Watzenborn-Steinberg, 3. Febr. Aus der jüngsten Gemeinderatssitzung ist folgendes zu berichten: Da der im Rj. 1925 als Zuschlag zu den Einkommens- und Körperschafts, steuer zu entrichtende Teil der Gewerbe st euer nach Ablauf des reichsgesetzlichen Fälligkeitstermins noch nicht voll eingegangen war, konnte mit ministerieller Ermächtigung die Gewerbesteuer für das Rj. 1925 für die von ihr noch nicht erfaßten Umsätze in Nachtragszielen erhoben werden. Zu dieser Erhebung nahm der Gemeinderat einen ablehnenden Standpunkt ein. Hinsichtlich der Verfügung betr. die Einschränkung voii Festlichkeiten beschloß der Gemeinderat einstimmig, den noch rückständigen Vereinen die Abhaltung ihres Stiftungsfestes an einem Abend zu genehmigen. Dem Wiesen- vorftand wurde Georg Häuser XVI. zugewählt. Einstimmige Bewilligung fand nachträglich die E r- werbslosenbei Hilfe für die verspätet gemeldeten Holzhauer. Da für Einrichtung des Haus- wirtschafts- und K o ch u n t e r r i ch t s der Mädchenfortbildungsschule in der hiesigen Schule kein genügender Platz vorhanden ist, nahm man hierzu auf Vorschlag des Bürgermeisters das Haus des Karl Philipp II. in Aussicht. Man ging hierbei von der Voraussetzung aus, daß sich noch eine kleinere Nachbargemeinde hierbei beteiligt. Die Kosten für diese Einrichtung wurden einstimmig
genehmigt, jedoch behält sich der Gemeinderat vor, daß er über die jeweiligen Anschaffungen vorerst nochmals gehört wird. Der Antrag des Zigarrenfabrikanten G. Stork auf Ueberlaffung eines Ge- ländeftreifens neben seinem Fabrikgebäude wurde zurückgestellt bis zum Abschluß der Feldbereinigung, jedoch ist der Gemeinderat der Ansicht, daß der Fabrikationsbetrieb durch etwaige Neubauten nicht störend beeinträchtigt werden dürfe. Hinsichtlich der Neufestsetzung der Jagdpacht beschloß der Gemeinderat einstimmig, die Friedenspacht von 900 Mk. zu fordern. Hinsichtlich der Schließung der Nebenwerk st ätte in Gießen wurde eingehend Stellung genommen. Sollte eine Schließung wider Erwarten erfolgen, so hieße dies für unsere Gemeinde eine ganze Anzahl Familienväter brotlos machen und der öffentlichen Fürsorge überliefern. Die Gemeindeverwaltung muß daher auch an ihrem Teil dazu beitragen, daß dies, wenn irgend möglich, vermieden wird; sie soll zu diesem Zweck an maßgebender Stelle vorstellig werden. Unsere Gemeinde hat augenblicklich 93 Erwerbslose und 63 Kurzarbeiter (Tabakarbeiter). — Wie verlautbart, beabsichtigt die Eisenbahndirektion, elektrische Beleuchtung auf der Station Schisfenberg einzuführen. Einem lang bestehenden Bedürfnisse trüge man dadurch Rechnung. Die Beleuchtung, besonders des schmalen, langen Bahnsteigs, ist jetzt derartig mangelhaft, daß es bei dem hier immerhin starken Verkehr und bei herrschender Dunkelheit verwunderlich ist, wenn Unfälle bisher nicht vorkamen. Wenn man berücksichtigt, daß die Station die Bahnhaltestelle der Gemeinden Grüningen, Hausen und Watzenborn-Steinberg ist, die an verkehrsreichen Tagen rund 500 Fahrkarten nach Gießen verabfolgt, und täglich einige hundert Personen hier einsteigen, so erweist sich eine einwandfreie Beleuchtung des Bahnsteigs als dringend erforderlich. Auch entspricht die Wartehalle schon längst nicht mehr den bestellenden Bedürfnissen. Die Kosten der Zuleitung der Lichtleitung sollen sich auf 1600 Mk. belaufen. Bei Ausführung der Zuleitung wäre auch gleichzeitig Gelegenheit geboten, den Weg nach der Station von hier aus zu beleuchten. Mit nur einigen Richtungslampen würde der Zweck erreicht.
t. Burkhardsfelden, 3. Febr. Die Bachbargemeinden Hattenrod und Oppenrod haben schon vor dem Krieg die Feld- Bereinigung durchgeführt, und auch in unterer Gemeinde sieht man die Notwendigkeit ein, daß in der Gemarkung manches geschehen muß, um die Bodenerträge zu steigern. Da unsere Gemeinde keinerlei Waldbesitz hat. kann sie in dieser Zeit der Geldknappheit die Kosten zu einer Feldbereinigung nicht aufbringen. Trotzdem will man versuchen, umfangreiche Doden- verbesserungen durchzuführen. Zu diesem Zweck hat sich int vergangenen Jahr eine Wasfer- genossenschaft gebildet, die sich zum Ziel gesetzt hat, einzelne Fluren zu entwässern. Zunächst soll der Gemarkungsteil nördlich des Licher Waldes, der „Mankestrauch", in Angriff genommen werden. Nachdem die Pläne die Genehmigung der Behörde gefunden haben, sollen in diesen Tagen die Arbeiten vergeben werden. Die Entwässerung des Mankestrauch soll zunächst einen Versuch darstellen, wie weit der Bodenertrag gesteigert werden kann und wie sich damit das angelegte Kapital verdient macht. Nacb und nach sollen dann weitere Gemarkungsteile in Angriff genommen werden. Sobald es die Witterung zulätzt, will man mit den Arbeiten beginnen. Bei der Durchführung des Planes wird auch ein Teil der Arbeitslosen Beschäftigung finden.
t. Hattenrod, 3. Febr. Unser G e meinde- r a t hat den Beschluß gefaßt, eine eigene Koch- schule einzurichten. Ein geeigneter Raum ist im Rachaus vorhanden, die Kocheinrichtungen sollen angeschafft werden. Da eine geeignete Lehrerin vorhanden ist, kann mit dem hauswirtschaftlichen Unterricht nach Ostern begonnen werden.
ri. Lich, 2. Febr. Die Kirchenge - meindevertretung beriet eingehend über den Voranschlag der evangelischen Kirche für das neue Jahr. Der durch örtliche Kirchensteuer aufzubringende Fehlbetrag beläuft sich auf 5000 Mark. Auf den Kopf 'der evangelischen Bevölkerung kommen somit für das ganze Jahr im Durchschnitt 2 Mark kirchliche Lasten, ein verhältnismäßig recht geringer Betrag. Die Kirchengemeindevertretung war, wie auch der Kirchenvorstand, einstimmig der Ansicht, daß die vorgesehenen Ausgaben gerade nur für die notwendigsten Bedürfnisse der Ge-
meinbe ausreichen. Es wird von feiten der i Kirche gespart an allen Enden; selbst, notwendige Ausgaben werden zurückgestellt. Eine besonders hohe Belastung hat die Kirchenkasse erhalten durch den Beitrag zu dem großen Fehlbetrag der gesamten Landeskirche, für den die einzelnen Gemeinden mit auskommen müssen. Dieser Fehlbetrag beträgt gerade so viel, wie vor dem Krieg die Zinsen der Pfarreikapitalien betragen haben, die dem Staat anheimgefallen sind und unter denen sich viel Kriegsanleihe besindet, bei deren Zeichmtng einst gerade auch die Pfarreien mit guten Beispiel voran gingen. Eine längere Debatte entstand über die Kirchensteuer. Es wurde sestgestellt, daß die Kirche in keiner Weise Schuld trägt an der ungleichmäßigen Verteilung der Steuer, und es wurde allseitig beklagt, daß der Staat keinen Weg sucht, für die gerechtere Verteilung der Kirchensteuern, für deren Erhebung er übrigens einen bestimmten Prozentsatz bezieht, zu sorgen. Aus dem Jahresbericht des Kirchenvorstandes, den der Vorsitzende Stiftsdechant Lenz vor der Gemeindevertretung erstattete, sei u. a. als bemerkenswert hervvrgehoben die Reparatur des Daches der Marienstiftskirche und die stilvolle Herstellung der Front des alten Pfarrhauses auf dem Liebfrauenberg. Beklagt wurde die Sonntagsentheiligung durch die vielen Feste und der besonders unter der Jugend zunehmende Alkoholmißbrauch. Wit Bedauern wurde es zur Kenntnis genommen, daß zwei kirchliche Vereine, der Kirchengesangverein und die Mädchenver- emigung, aus Mangel an äußerer und innerer Beteiligung ihre Tätigkeit einstellen mußten. Aus der Landeskirche ausgetreten sind im vergangenen Jahr drei Familien, die sich einer Sekte anschlossen, und drei Personen, die konsessessions- los wurden.
Kreis Kriedberg.
Friedberg, 3. Febr. (WSN.) Am Samstagabend wurden an der Landstraße Dorheim- Friedberg zahlreiche junge Ob st bäume abgeschlagen und anderen die Krone beschädigt. Die zurückgelassenen Fußspuren wurden von der Gendarmerie in Gips festgehalten. Mit Hilfe derselben gelang es, den Täter bald zu ermitteln. Er ift geständig.
: : Pohl-G öns, 3. Febr. Ein Familiendrama hat sich hier zugetragen. Ein sehr fleißiger, nüchterner Arbeiter, der in den unglücklichsten Familienverhältnissen lebte, kam abends müde nach Hause. Die Zustände, die er antraf, müssen den sonst so stillen, freundlichen Mann so außerordentlich erregt haben, daß er wie rasend auf seine Frau e i n s ch l u g. Als diese zusammen brach, ging er flüchtig. Heute wurde er aufgesunden — er hatte sich von der Dahn überfahren lassen. Das Schicksal des Mannes, der sich großer Beliebtheit erfreute, wird allgemein bebauert. Die Frau wurde in das Krankenhaus nach Nieder-Weisel gebracht; sie ist außer Lebensgefahr.
Kreis Schotten.
□ ßaubatft, 3. Febr. Gestern fand m „Gasthof zur Traube" die H o l z v e r st e i g e r u n a des gräflichen Försterbezirks Freienseen statt (Distrikte: Eichelgarten, Herrenzipfen, Wei- oenau, Heinzeberg, Trankbach, Ziegenberg, Läße- wüldchen, Kreuzseenerberg, Steinbiegel). Es galten der Raummeter Buchenscheit 12 bis 14 Mk.; Buchenknüppel 8 bis 9,50 Mk.; Buchenstöcke 8 bis 9 Mk.; Reiferknüppel 4 bis 5 Mk. — Die Rehböcke haben in den hiesigen Waldungen gut aufgesetzt, zum Teil schon vereckt. Wenn nicKs dazwischen kommt, wird die Hasenjagd gut werden. Einzelne Häsinnen haben schon gesetzt.
lg. Gedern, 3. Febr. Der Vogelsberger Sängerbund hielt am Sonntagnachmittag im Gasthause Reichert dahier seinen diesjährigen Bundesdelegiertentag ab, der recht gut besucht war. Der Bundespräsident, Lehrer ©troffInger (Oberlais) begrüßte die Vertreter der Vereine, wobei er besonders hinwies auf den kürzlich hier statt- gehabten Delegiertentag und die hierbei empfangenen Anregungen, den Vereinen zur praktischen Durchführung empfahl. Hierauf erstattete der Schriftführer, Lehrer L e h m e r - Glashütten, den Bericht über die im abgelaufenen Vereinsjahr geleistete Arbeit. Der Rechner, A. Hoffmann- Gedern, erstattete die Rechnungsablage, die erfreulicherweise mit einem ansehnlichen Betrag als Ueberfchuß abschließt. Nach Prüfung der Rechnung wurde dem Rechner Entlastung erteilt. Zwei Vereine wurden neu in den Bund ausgenommen. Am 9. Mai soll in
Volkartshain ein Wertungssingen stattfinden. Zum Wertungsrichter soll Kantor Samper- Darmstadt bestellt werden. Der Arbeiter- gesangoerein „Vorwarts"-Gcdem übernimmt die Vorbereitung des diesjährigen B u n d e s f e st e s. Als Termin wurde der zweite Sonntag nach dem Prämiierungsmarkt in Aussicht genommen. Bei den V o r ft a n d s w a h l c n wurde allseitig der Wunsch laut, daß Herr S t r ö s s i n g e r das Amt bis zu feinem Wegzuge behalien möchte, womit er sich einverstanden erklärte. Als 'Nachfolger im 'Amte des Bundespräsidenten wurde Lehrer Müller - Voltartshain gewählt. Die übrigen Vorstandsmitglieder wurden wiedergewählt. Damit war die arbeitsreiche Tagung zu ihrem Abschlüsse gelangt. In seinem Schtußwort gab der Bundespräsident dem Wunsche Ausdruck, daß auch das neue Vereinsjahr ein Jahr des Aufstiegs für den Bund fein möge. — Der Gesangverein „L i ederkranz" veranstaltete am Sonntagnachmittag ein Konzert, zu dem die Einlaßkarten schon tagelang vorher vergriffen waren. Der Verein hat, um es vorweg zu sagen, die hochgespannten Erwartungen der Besucher voll und ganz erfüllt. Mit einer stattlichen Reihe von Chören bewies er feine hervorragende Schulung. Herr Karl Schäfer- Frankfurt (Bariton) als Solist hatte besonderen Erfolg (der zum Teil auch dem so zeitgemäßen Inhalt galt) mit den beiden Rheinliedern „Der Rhein, deutsch muß er sein" und „Am Rhein, da bin ich zu Hause", so daß er sich zu einer Zugabe verstehen mußte. Den übrigen Teil des umfangreichen Programms bestritten die Herren W.Zinß und Spahn- Frankfurt a. M. durch mehrere Violinvorträge mit Klavierbegleitung. An den gesanglichen Teil schloß sich die Aufführung eines Singspiels. Die Darsteller ernteten reichen Beifall. Die Veranstaltung schloß mit Tanz.
Kreis Alsfeld.
&-$> Alsfeld, 3. Febr. Aus der S t a b t o o r* standsfitzung. Ein von der Feldbereinigung bei der Stadt gemachter Vorschlag zum Ankauf eines Wassergrund st ückes wurde nach dem Vorschlag der landwirtschaftlichen Kommission abgelehnt, da das Grundstück für die Stadt keinen besonderen Wert hat, ein Erwerb sich bei den heutigen geringen Pachtpreisen nicht rentieren würde und der Acker als Baugelände nicht in Frage kommt. — Prämienmarkt 1 926: Hierüber hat bereits eine Vorbesprechung mit den beteiligten maßgebenden landwirtschaftlichen Kreisen stattgefunden, in welcher die Grundzüge für die diesjährige Marktoeranstaltung festgelegt wurden. Es wurde demgemäß vom Stadtvorstand beschlossen, der Prämienmarkt 1926 soll in der seither üblichen Weise am Montag, 5. Juli 1 926 abgehalten werden. Die sportlichen Veranstaltungen (Pferderennen, Reitturnier und Fahrkonkurrenzen) sollen an demselben Tage stattfinden. Die Kosten des Prämienmarktes sollen vorlagsweise von der Stadt übernommen werden. Gleichzeitig wird wieder eine Lotterie mit Sachgewinnen veranstaltet, welche dem Lotterieeinnehmer C. C. Waldeck in Alsfeld auf Grund des vorgelegten Vertrages übertragen wurde. — Einführung der neuen Lehrpläne f ü r öie Ober-Realschule: Nach einer Verfügung des Landesamtes für das Bildungswesen sollen die neuen Lehrpläne bereits am 1. April d. I. zur Durchführung kommen. Darin sind verschiedene neue Unterrichtsfächer vorgesehen: Werkunterricht, Schülerübungen in Bioloaie, Physik, Chemie, Verstärkung des Unterrichts Tn Latein und Stenographie, sowie Einführung eines zweistündigen Spielnachmittags. Nach einem Voranschlag der Direktion der Ober-Realschule sind zur 2mschaffung der hierfür erforderlichen Werktische, Werkzeuge, Apparate, Mikroskope usw. sowie für Einrichtung der neuen Räume etwa 10 000 Mk. erforderlich, welche die Stadt zu tragen hätte. Auch wird durch die Vermehrung der Unterrichtsstunden die Einstellung zweier neuer Lehrkräfte erforderlich. Das Landesamt für das Bildungswesen hat nun verfügt, daß die finanziellen Verhältnisse des Landes eine Vermehrung der Zahl der Lehrkräfte nicht gestatten, die neuen Aufgabe sollen im Rahmen des Möglichen mit den vorhandenen Lehrkräften gelöst werden. Auch bei den sachlichen Mehrkosten soll den bestehenden Verhältnissen Rechnung getragen werden. Die Finanzkommission schlug hiernach vor, zur Einführung der biologischen, physikalischen und chemischen Hebungen in den drei obersten Klassen der Oberrealschule für das Rechnungsjahr 1926 einen Betrag von 2500 Mk. zur Einrichtung und Beschaffung von Unterrichtsmitteln zu bewilligen. Der Werkunterricht soll vorläufig zurückgestellt werden. Die erforderlichen Einrichtungen sollen auf
Gießener Stadtthealer.
Sutton Bane: „Ueberfahrt".
Als vor nicht ganz einem Jahre das dreiaktige Schauspiel „Outward bound“ des Engländers Sutton Vane (übertragen von Karl K l e- ment) seine deutsche Uraufführung — in Berlin — erlebte, entsann sich wohl nremand, je zuvor den Namen des Autors gehört zu haben. Nur ging diesem rätselhaften Stück (von dem niemand wußte, worum es sich eigentlich handle) der Auf voraus, daß es im Auslande eine bedeutende Aufführungsserie erzielt habe. Das kann erfahrungsgemäß kein kritischer Maßstab für uns fein —; sicher ist, daß diese „lieber- fahrt" einen starken, obschon nicht unbestrittenen Premiörenerfolg hatte und seitdem, wohl mit dem gleichen Ergebnis, auch über zahlreiche andere deutsche Bühnen gegangen ist, ohne daß man übrigens von dem Dichter inzwischen mehr als vorher gehört hätte. Sicher ist auch: man geht nachdenklich von diesem Stück nach Hause. Wenn auch nicht vollkommen befriedigt.
Wenn der Vorhang aufgeht, befindet man sich auf einem Schiff, auf einem Ueberseedampfer, kurz vor der Slusreife, im Rauchsalon. Hinter der Bar steht der würdige Steward und mixt; die Passagiere kommen und gehen, lernen sich kennen, plaudern und treiben allerhand Späße. Also ein Gesellschafts- stück wie hundert andere, mit einer kleinen Liebesgeschichte vielleicht auf hoher See zwischen Deutschland und Amerika? Am Ende ein „Verlobungsschiff"? Nichts von alledem. Es kommt ganz anders.
Dieses Schift hier ist von besonderer Art, ein merkwürdiges Schiff, von einer unbekannten Reederei. Es ist nicht geheuer, es wird unheimlich. (Und plötzlich fällt uns ein, daß wir diesem Fahrzeug schon einmal begegnet fein könnten, vielleicht bei Edgar Allan Poe). Als man schon unterwegs ist, stellt sich heraus, daß die Reisegesellschaft nur aus sieben Leuten besteht. Ein junger Mensch, eine Aristokratin, ein Geistlicher, ein Kaufmann, eine „Frau
aus dem Volke" und ein Liebespaar. Sonst niemand; nur der mixende Steward mit dem unerschütterlichen Gesicht. Kein Steuerman, keine Mannschaft, kein Kapitän. Und diese sieben zusammengewürfelten Passagiere merken so nach und nach, daß sie innerlich nicht mehr recht intakt sind. Alles wird so sonderbar: ihre Sinne sind ein wenig verwirrt, sie können sich gar nicht mehr deutlich besinnen, warum sie eigenüid) auf dem Schiff sind, wo sie Herkommen, wo sie hinwollen, was sie eigentlich vorhaben. Sieben Personen fahren ins Blaue hinein, suchen ein Reiseziel, schwimmen im Ungewissen, irgendwoher, irgendwohin. Erst werden sie stutzig, dann unruhig. Aber allmählich fällt Lähmung und Entsetzen über die Passagiere, als sie gewahr werden, daß ihr Schiff ohne Lichter durch die Nacht fährt, töte der „Fliegende Holländer", und als der Steward unversehens oben im Tauwerk erblickt wird, wie der Klabautermann. Sieben Menschen fahren zwischen Leben und Tod, sieben arme Seelen sind verdammt, ein unsinnig-übersinnliches Abenteuer zu erleben. Der Steward aber, ein moderner Charon, ist auf einmal wieder da und jagt ihnen, die nicht wissen, ob sie wachen oder träumen, daß sie gestorben sind. Und die Ueberfahrt — wohin? Fimmel oder Hölle, je nachdem; in ein Land jedenfalls, wo Rechenschaft abgelegt werden muß.
Man kann an manche Motive bei Pircrudello denken, oder an den armen Juckenack, um den niemand weinte. Noch mehr, im zweiten Akt, wo das Stück sich innerlich spannt und steigert, wird man an die Dramatik des Mittelalters erinnert, an die Totentänze und Weltgerichtsspiele der Gotik. Es gibt eine starke Szene (nächst jener ersten, wo die unheimliche Erkenntnis, Stück für Stück, anschleicht und unter den blinden Passagieren ausbricht) —: die große Demaskierung zwischen Tod und Leben, vor dem Ungewissen, vor dem Schicksalsspruch und der Abrechnung, die auf die Sieben wartet, in der Vorbereitung auf den Totenrichter, den „Prüfer", wie der Steward und Seelenfährmann ihn nennt. Da knickt die Haltung ein, Hüllen und Masken fallen ab, armselige Menschlichkeit kommt ans ungewisse Licht. Der
Kaufmann will noch handeln, der Geistliche wird kleinmütig und fällt aus der Nolle, die reiche Frau ist gar nicht mehr vornehm, die arme gottergeben, alle von Angst geschüttelt, verzweifelt, unzulänglich, klein und gering.
Dies ist das Beste, was das Stück hergibt. Spannung springt über, wie es ausgeht, was das Ende fein wird, in welchem Hafen man anlegt. Manches zuvor schon schwantt (bis zuletzt eigentlich) auf der Grenze zwischen Scherz und Ernst; satirische Lichter brechen sich im szenischen Gefüge, Tendenz wird leise fühlbar, Groteske blitzt auf (und wird allzu übermächttg) schon in der Szene, wo die Sieben ein Palaver abhalten und abstimmen untereinander, ob sie tot oder lebendig sind. Groteske überwuchert leider audj die Schlußszene, wo man auf Entladungen gefaßt war.
Ein bannender Moment, toenn die Sirene tont, und das Schiff plötzlich stoppt, zum Zeichen, daß die seelische Zollrevision beginne. Aber dann: der „Prüfer" ist gar nicht unheimlich, kaum irgendwie übermächtiges Wesen, sondern ein ganz irdischer, jovialer Herr in reiferen Jahren, eher wie ein guter Hausarzt anzu- schauen, etwas geistlich betont. Manches, titele» sogar ist verschwommen, bleibt ungelöst im letzten Gericht, die „Schicksale" nach der Landung schweben im Ungewissen. Das Stück hat keine Lösung, kann auch vielleicht, oder will feine baben. ilnb der Dichter steht am Ende vor verschloßenen Türen; man weiß, unbefriedigt, nicht eigentlich, worauf es ihm ankam: auf Hieb und Spott, oder Ernst und Zweifel, oder einen barocken Spaß der Unendlichkeit. Immerhin: dichterisch ist das überraschende Motiv, daß Mutter und Sohn sich sinden vor dem Richter (Me Frau aus dem Volk und der junge Mensch) und daß zuletzt das Schiff wieder zurück fährt mit dem zeitlosen Fährmann und dem Liebespaar. Die beiden find nicht reif für den „Prüfer" und für die fremde Küste, die nicht Amerika heißt; sie fahren zurück zu dem Land, das auch nicht Deutschland ist, oder England. Denn sie sind „Halbwegige"
hatten keinen Mut zum Leben, haben Selbstmord begangen. Müssen umkehren ins Ungewisse ... Viele Fragen bleiben unbeantwortet, vieles verläuft im Sande. Aber ein paar Mal springen doch Funken über aus diesem Schauspiel, liegt ein Hauch vom großen Geheimnis über der Szene.
Die Aussühruna (Adolf Teleky), im ganzen, war gut und bemühte sich, das Abenteuer an den Grenzen der Dinge miterleben zu lassen. Doch wurde manches, besonders zuletzt, im Tempo verschleppt, anderes auch, weiter vorn, zu leicht und zu sehr vom Komischen her gespielt. (Die Unentschiedenheit des Dichters sollte hier möglichst ausgeglichen werden.) Daß der Höhepunkt allzu weit vor dem letzten Vorhang lag, kommt natürlich nicht auf die Rechnung der Regie. In der Besetzung gefielen vor allem A. M a r ck s (Mrs. Cliveden-Bcmks), die furchtbar vornehme und andauernd schockierte Lady, die selbst im Jenseits noch etepetete sein wird: L. Jüngling, rührend, ahnungslos und gottergeben: die arme kleine Scheuerfrau, die zuletzt ihren Jungen wiederfindet; sehr überlegen und fein K. Vol ck, der Steward Scrubby. Basis (Tom Prior, der verlorene Sohn) hate ein paar ehrliche, starke Ausbrüche, griff doch manches zu nonchalant und überspielte einige tiefere Uebergänge, die in seiner nicht leichten Rolle liegen. Auch Teleky schien etwas zu schroff und unvermittelt zwischen drastischer Groteske und unheimlichem Gepacktwerden; in der Maske ein bißchen altväterisch. Hanke als Pastor war am geschlossensten zu Anfang in einer liebenswürdigen Sprechszene. Das verstörte, unglückliche, selbstmörderische Einmaleins der Liebe: Krahmer-Wehrl. Fr. Geffers endlich fand sich mit Bonhommie in die undankbare Prüferrolle. — Das Bühnenbild Löfflerswar nicht schlecht. Doch hätte das Ganze im abgeschlossenen Jnnenraum, ohne die fmnfälliäe Markierung des nautischen Schauplatzes, vielleicht eindringlicher gewirkt. — Das nicht allzu zahlreiche Auditorium schien sich im wesentlichen an tue fetteren Momente zu halten, nahm aber die Neuiakeit am Ende beifällig auf. vr. To.


