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Q-blnoS au entwerfen Infolge der unruhigen Derhältnifse ist die Arbeit der Konferenz in akademischen Erörterungen stecken geblieben.

Die Leiden Tirols.

Innsbruck, 1. Ian. (Privattelegramm.) In ganz Südtirol wird gegenwärtig nach Waffen gesucht. Zahlreiche Haussuchungen wurden in den letzten Wochen borgenommen. Die Ge­richtsbehörden sind angewiesen, mit größter Strenge vorzugehen. Ein Bauer von Lajen wurde vor einigen Tagen von dem Tribunal in Bozen wegen Besitzes eines WafsenlagerS, bestehend auS einem Gewehr und einem Bajonett, zu nicht weniger alS 13 Monaten Kerkerö ver­urteilt. Am 14. 'November wurden in Gries bei Bozen dreißig junge Leute verhaftet, die in einem Weinlokal zusammensasten und deutsche Lieder sangen. Gegen sie wurde nuil Anzeige w e g e n Hochverrats er­stattet. Der Staatsanwalt wohnte persönlich den Vernehmungen bei. Mussolini selbst wird über den Prozeß auf dem Laufenden gehalten. Der grüßte Teil der Angeklagten ist jedoch heute noch nicht vernommen, obwohl gesetzlich die Bernchmung innerhalb von drei Tagen nach der Einlieferung zu erfolgen hätte. Dine für die Familien der Berhaftctcn ver­anstaltete Dannnlung wurde von den Karabinieri sofort verboten und befohlen, das Geld den Spendern zurück u^e en. widrigenfalls die Samm­ler eingesperrt würden.

Wiederbeginn der parlamentarischen Arbeiten.

Berlin. 2. Ian. (WTD.) Der Auswär­tige Ausschuß des Reichstages wird sich am 9. Januar mit der in der Öffentlichkeit viel erwähnten Völkerbundsangelegenheit beschäftigen. Ferner steht auf bev Tagesordnung die Affäre des Pros. S t r a t i l - S a u e r, der eine Forschungsreise nach Afghani st an unter­nommen hatte. Dort wurde er von einer Bande überfallen. In der Rotwehr tötete er einen Afghanen, woraus er verhaftet wurde. Davor einiger Zeit bereits einmal ein italienischer Staatsangehöriger aus einem ähnlichen Anlaß zum Tode verurteilt und h i n g e r i ch t e t wurde, wird die deutsche Regierung vermutlich wegen des Pros. Stratil-Sauer diplomatische Schritte hei der asghanischen Regierung unternehmen. Der Auswärtige Ausschuß wird sich schließlich mit der Frage der Auswirkung der Locarnoverträge beschäftigen. - Der Preußische Landtag tritt am Dienstag, 12. Januar: zusammen. Das Plenum wird sich u. a. mit der 2. und 3. Be­ratung des Gesetzentwurfs über die ülnterbrin- gung der Schulleiter und Lehrer (Leiterinnen und Lehrerinnen) sowie mit einer volksparteilichen Anfrage über die Entschädigung der durch die rechtswidrige Besetzung des Ruhrgebiets betroffe­nen Gemeinden beschäftigen. Der Reichs­tag, der gleichfalls am 12. Januar zufammen- tritt. hat noch keine festsormulierte Tagesordnung vvrgelegt.

Der Dank des Reichspräsidenten.

Berlin, 2.Ian. (TU.) Dem Herrn Reichs­präsidenten sind anläßlich. des Weihnachtv- festes und des Jahreswechsels aus allen Gebieten des Reiches und von vielen Deutschen jenseits der Grenze Glückwünsche in großer Fülle $u« gegangen. Es ist leider dem Hern, Reichspräsi­denten nicht möglich, alle diese Zuschriften einzeln z>i beantworten. Er muß daher den vielen, die seiner gedacht haben, seinen besten Dank für die freundlichen Wünsche, die er auf das herzlichste er. widere, auf diesem Wege übermitteln.

Kunst und Wissenschaft.

Vergleich im Schillings.

Berlin, 2. Ian. (WTB.) Durch Vermittlung des Oberbürgermeisters B o e ß ist ein Vergleich im Schillingkonflikt zustandegekommcit. der durch einen gleichzeitig veröffentlichten Briefwechsel dokumen­tiert wird. In dem Brief des preußischen Kultus- Ministers Becker an Prof. Schillings er­klärt der Minister, daß von Schillings beim Hol- landgaftspiel und beim Kempvcrtrag in gutem Glauben gehandelt hat, und daß weder Schil­lings noch Frau Barbara Kemp ein Dorwurf nicht ehrenhaften Handelns zu machen ist. Mit dieser Erklärung glaube er, die Bahn frei zu haben für eine Verständigung, wonach das Ausscheiden von Schillings als auf Grund gütlicher Ver­einbarung zuftandegekommen betrachten sei. Gleichzeitig bietet er von Schillings eine Mei- stertlaffe für Musik an der Akademie der Künste ober die Auszahlung der ble­be r i g e n Bezüge bis zum Ende der Vertrags- zeit an unter der Voraussetzung, baß von Schillings auf einen gerichtlichen Auc-trag ber bestehenben Differenzen verzichtet. In seinem Antwortschreiben nimmt von Schillings das Angebot an, wo­nach sein Vertrag mit dem Staate als auf Grund gütlicher Vereinbarung gelöst zu betrachten ist. Er verzichtet auf gerichtliche Erledigung der Angele­genheit. Die Entschließung über die weiteren Vor­schläge behält er sich bis Mitte Januar vor.

Eine geographische Hundertjahrfeier.

Ein gutes Buch von einem schlechten zu unterfcheiben, gehört cum grano falls zum deut­schen Bllbungsgut: die flute Karte dagegen aus mindern zu kennen, Ist bei nicht ganz unter deck Durchschnitt stehenden Erzeugnissen selbst für die meisten Gebildeten eine schwierige Ausgabe. Es ist ein Glück, daß Deutschland auch auf dem Gebiete der Kartographie Führerruhm besitzt: der Wert der durchschnittlichen deutschen Kartenproduktion überragt da- ausländische Riveau. Ein AtlaS von der Bedeutung desStiele r" konnte nur auf breitester Grundlage entstehen. Justus PertheS' Geographische Aust alt bot sie ihm. Die hielt lebendigste Verbindung mit allem, waS an neuen Forschungsergebnissen aus­wertbar war. Sven HedlnS grundlegende For­schungen, Emin Paschas Fahrten, deS Freiherrn von Richthosen Reisen im fernen Osten, sie alle fanden hier ihre erste Durcharbeitung und karto­graphische Auswertung. Die wissenschaftlichen Er­kenntnisse find dann von ben Kartographen in reproduktionSsähigen Vorlagen n eoerzulegen. Zur Zeichnung einer Karte benötigt ein guter Kartograph etwa zwei Jahre: er gebrauchte also, twynn er allein alle 108 Karten neu zu zeichnen hätte. 216 Jahre. Zahlen geben auch bem Laien eindrucksvolle Bilder von der technischen Riesen­arbeit, die zu bewältigen ist. Die 4 Grundplatten (Gerippe, Flüsse, Berge, Schrift) feder Karte

Das Hochwasser.

Fallen des Rheins.

Düsseldorf, 3. 3an. (WB) Der Rhein fällt langsam weiter. Heute mittag war der Stand nur noch 8,75 Meter. Das Wasser ist somit seit gtftcrn nachmittag etwa 30 Zentimeter zurückge- gangen, und eine Ueberschwemmungsgefahr für die Altstadt besteht nicht mehr. Der Kaiser-Wilhelm- Park steht dagegen nach völlig unter Wasser. Im linksrheinischen Stadtteil O b e r k a s s e l ist das Grundwasscr in die Häuser eingedrungen. Im neuen Hafcngebiet und im dortigen Industrieviertel ist durch Dammbruch erheblicher Schaden angerichtet worden. Die Fluten habe» das viele Kilometer große H a m m f e l d überspült. Die Bewohner mußten sich und ihre Habe in Sicherheit bringen. Viel gelitten haben auch die südlich von Düsseldorf gelegenen Ortschasten, wie Hamm, Himmelgeist, Vil- merswerth unb Urdenbach. In dem besonders mit­genommenen Zone stehen über 200 Häuser I m Wasser. Auch das nördlich von hier gelegene Kaiserswerth ist teilweise überschwemmt, so daß der Verkehr mit Kähnen und Flößen aufrecht- erhalten werden muß.

Der Kölner Pegel zeigte am Sonntagabend 9 Uhr einen Wasserstand von 8,77 Meter gegen 8,90 Meter um 4 Uhr nachmittags. Dao Wasser ä 111 weiter um drei Zentimeter stündlich. In einigen Straßen, die wieder von Wasser frei sind, ist man bereits eifrig mit den Aufräumungs­arbeiten und mit dem Auspumpen des Wassers aus den Kellern beschäftigt. In den Stra­fen und den unteren Stockwerken der Häuser am Rheinufer steht da» Master immer noch 2 Meter hoch. Auf der Hohenzollern- und der f)ängcbrürfe drängte sich den ganzen Tag über Kopf an Kovk um das von hier aus besonders imposante Bild des entfesselten Stromes zu betrachten. Rach den vor- liegenden Meldungen vom Oberrhein und den Nebenflüssen ist damit zu rechnen, daß der Rückgang des Wassers am Montag schneller vonstatten geht.

Der bedrohte Kreis Kleve.

Kleve, 4. Ian. (WTB.) Das Elend am Rieberrhein, befonberd in dem zur Hälfte übzr- chwemmten Kreise Kleve, ist außerordentlich. Eine große Gefahr bildet der mittags crufgekom- menc W est st ur m, der das Wasser mit furcht­barer Wucht gegen die Dämme treibt. In der vergangenen Rocht ist in Erlekum bei Rym- wegen ein Dam mbruch erfolgt. Dadurch ist der Kreis Kleve auch von Holland her sehr stark bedroht. Das Wasser steht be­reits am großen Grenz - und Querdanun. Das Hochwasser selbst ist zwar gestern nach­mittag zum Stillstand gefommen. Rian hofft, die gefährdeten Deiche von Till-Moyland und Huis- oergen retten zu können. Man versucht, Vieh und Menschen auf Kähnen in8 Trockene zu bringen. Die Schäden im Kreise Kleve sind unermeßlich. Der Regierungspräsident von Düfseldorf hat für Montag feinen Besuch im hiesigen Hochwafser- gebiet angesagt.

Einberufung des Hochwaffer- entschädigungsausschusies.

3t Ö Ina. Rh. 3. Ian. (TU.) Der Hochwasser- entschädiguingSauSschuh ist für Montag nachmittag einberufen worden. Gr wird, wie bei den früheven Hochwassern, alle eingeheirben Anträge auf Entschädigung prüfen. Rach den ministe­riellen Richtlinien kommen Entschädigungen nur für den Fall der Bedürftigkeit in Frage. Bei dem letzten Hochwasser 1924, daS den Umfang des jetzigen bei weitem nicht erreichte, wurden ins- gesamt 5456 Schadenersatzansprüche gestellt und 2 290 430 Mark, von denen au» öffentlichen und

privaten Mitteln insgesamt 1 104 541 Marl er­setzt wurden, als Entschädigung ausge­zahlt.

Vie Hochwasserkatastrophe in Holland.

A in ff e r b a m , 4. 3an. (DIB. Funkspruch.) Rach den letzten hier eingetragenen Berichten hat das Hochwasser in Holland einen bisher beispiel­losen Umfang angenommen, ber die Ueberfchwem- mungen des Jahres 1880 bei weitem übertrifft. Die ganze Westseite ber Provinz Limburg sowie ein großer leit ber Provinz (öetberlanb unb Jtorbbrabant flnb vom Hochwasser ber Waas unb bes Waat überschwemmt. Die Waas hatte in bet Rocht jum Sonntag bei Maastricht einen um 12 Zentimeter höheren Stand als 1880 erreicht. In­zwischen ist allerdings ein beträchtliches Jollen des Wassers eingetreten. Durch verschiedene Deichbrüche ist das ganze Land zwischen der Maas und dem Waal ein einziges großes wasser geworden. Allein ans der kurzen Strecke zwischen Maastricht und Roermond sind 10 Dörfer unter Wasser. Tausende von Menschen sind gezwungen, auf den Böden und Dächern der Häuser zu kam­pieren. Die Militärbehörden haben alle auf Urlaub befindlichen Mannschaften, soweit sie sich nicht schon im hochwassergebiet befinden, zurückberusen. In ber Röhe von Beugen, 20 km. sübwesil. Kleve, stehen an vielen Stellen b 1 e Häuser b i s über öle Dächer im Wasser. Militärische Abteilun­gen mit Maaskähnen, Motorbooten und Pontons sind in die bedrohte Gegend entsandt worden. Dammbrüche werden aus Booksmeer und Beugen gemeldet. Die hochgelegene Eisenbahnstation ist ein­gestürzt unb im Wasser versunken. Bei ber Station haps ereignete sich ein Elsenbahnunfall. Lin von der Station MU kommender Zug ist infolge Ein­sturzes des Dammes entgleist. Menschenleben sind nicht zu beklagen. Die Königin und der Prinzgemahl haben die überschwemmten Gegenden besucht.

Die Hochwasserschäden in Frankreich.

Paris, 4. Ian. ($11.) Die durch die HeberfchtMmmunaen der letzten Tage verursach­ten Schäden lassen sich kaum übersehen. Rach den vorläufigen Angaben beläuft sich der Scha­den für ganz Frankreich auf mehrere h u n * dort Millionen Frank. Die Stadt Säen hat allein 20 Millionen Franl Schaden er­litten. Zu den Rettungsarbeilen wurden mehr­fach Marinebataillone und Landtruppen heran- gezvgen. Besonders bedrohlich ist die Lage in Soifsons. Die Aisne ist im Steigen be­griffen. Die meisten Straßen stehen unter Wasser und die Bevölkerung kann nur durch Boote zu den Häusern gelangen. Aus Belgien wird gemeldet, daß zahlreiche Fabriken wegen des Hochwassers ihren Betrieb einstetten muhten. Der König von Belgien trifft am Diens­tag vormittag in Ramur zur Besichtigung der Schäden ein. Besonders schwer hat die Stadt Mecheln gelitten.

Ueberschwemmungen auch in England.

London, 4. Jan. (WTD. Funkspruch.) Die Blätter melden Ueberschwemmungen im Süden und Westen Englands. Die Themse und der Severn mit seinen Rebenflülle Whe und Avon sind über die Ufer getreten. Mehrere Personen sind ertl-unken, Hunderte von Famillen mußten ihre Heimstätten verlassen.

im ganzen 432 werden beim Stleler in der edelsten aller Reproduktionstechniken im Kupferstich herg.'stellt: ein Kupf.rstecher müßte 200 Jahre arbeiten. Damit nicht genug: nur die Grundplatten werden im Kupferstich gefertigt; die verschiedenen Farbenplatten, die zur Dar­stellung der politischen Grenzen, der Meerestiefen usw. dienen, sind lithographisch: Arbeit. Durch­schnittlich 11 Farben kommen auf jedem Stleler- blait zur Darstellung, mit bem Rückseiten druck (Titel) sind also 12 Druckgänge für jede Karte notwendig. Bei einer Auflage von 100 000 Exem­plaren und einer Steindruckpresse wäre die Arbeit so zu berechnen: 1 200 000 Drucke bei jeder Karte, das sind für alle Karten 130 Millionen Drucke. Eine Tagesleistung von 3000 Drucken bedingt unter günstigen Verhältnissen eine Drrckdauer von 43 000 Tagen «= fast 150 Jahre! Es ist eine stille Arbeit, die hier geleistet wird und die dafür Sorge getragen hat, daß alle Vorzüge hundertjährigen Strebens auch in der jetzt heraus- aegebenen Jubiläumsausgabe wieder erscheinen. An wissenschaftlicher Güte, an Plastik der Dar­stellung, an vollend'ter Reproduktion: mit alle­dem an GebrauchSsäh'.gkeit für jedermann erreicht schwerlich ein anderes Kartenwerk unseren Stielen".

Deutsches Gtudentenheim in den Schweiz.

Die Wirtschaftshilfe der deutschen Studentenschaft, die schon seit Jahren eine plan­mäßige Fürsorge für tuberkulosekranke Studsnten durchführt, hat in Arosa in der Schweiz in einem zunächst auf zwei Jahre gepachteten Sana­torium eine deutsche Studsntonheilstätte einge­richtet, die unter dem Protektorat des deutschen Gesandten in der Schweiz, Dr. 2ld. Müller, steht.

Sin Aestor der deutschen Wissenschaft gestorben.

In Göttingen ist am Silvesternachmittag Geh. Reg.-Rnl R. Ehlers im eben vollendeten 90. Lebensjahre verstorben. Der Heimgegangene hat auf dem Gebiete der Zoologie her deutschen Wissenschaft bedeutende wissenschaftliche Ar­beiten geliefert, die in der Hauptsache den Rleder- schlag wissenschaftlicher Forschungsreisen bilden, die her Gelehrte saft nach allen Weltteilen unter­nahm. Er tvar auch Herausgeber der Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie.

Aus aller Welt.

Vereinigung zum Schutz des Laacher SeeS.

Sine Anzahl der an der Erhaltung des ßaa- cher SeeS interessierten össentlichen unb privaten Körperschaften und Personen haben sich zu einer (Bereinigung zusamrnengeschlossen, die sich den Schutz oeS Laacher Sees zur Aufgabe machen wird. Die Geschäfte der Vereinigung führt der Vorstand des naturhistorischen Vereins der preu­ßischen Rheinlande und Westfalen.

Erdstöße bei Denthen.

Am Rachmittag heS 31. Dez. ereigneten sich in Diskrrpitz bei Beuthen starke Erdstöße, die bis Beuthen hin fühlbar waren. Das Beben ist wahilcheinlich auf Erdverschiebungen in­folge des Abbaues der in der Rahe von Diskupltz befindlicheir Gruben zurückzuführen. In verschiedenen Häusern stürzten Bilder von den Wänden. In der Hindenburgst raße brach ein Schornstein zusammen und stürzte aus die Straße, jedoch ohne Passanten zu verletzen. Die Kirche in Diskupitz trug erhebliche Beschädigun­gen davon. Rach den bisherigen Feststellungen haben sich in dem Gemäuer der Kirche Risse gebildet, die wahrscheinlich zu einer vorläufigen polizeilichen Sperrung der Kirche führen werden.

Schwere Silvester-AuSschreitungen in Posen.

Wie erst jetzt aus Posen berichtet wird, haben dort in ber Silvesternacht erhebliche Ar­beitslosendemonstrationen stattgefun­den, die sich angeblich gegen galizische und kong reßpolnis che Beamte ge­richtet hätten. Bei der Machllosigkeit der Polizei gelang es den Massen, im Geschäftsviertel über 100 große Schaufensterscheiben zu zertrümmern und die Auslagen zu plündern. Das alar­mierte Militär wurde erst nach der erfolgten Plünderung eingesetzt. 15 Schutzleute sollen ver­wundet und gegen 100 Personen verhaftet wor­den sein.

Explosions-Unglück

<n einer amerikanischen Fabrik.

Durch die Explosion eines schadhaften De°> stillterapparates ist das Gebäude der Rewport Harz- und Terpentingesellschaft in Pensacola (Florida) in furchtbarer Weise verwüstet wor­den. Zur Löschung des auSgebrochenen Brandes mußte die ganze Feuerwehr herangezogen wer­den. Bis jetzt sind 12 Tote und 8 Verwun­dete aus den Trümmern geborgen tooröen. 10 bis 15 Personen werden noch vermißt.

Zuchthausstrafe für einen Drlefkastenmarder.

Das Schöffengericht Berlin-Schöneberg ver­urteilte den Qnbeitcr Gentscharrek, der längere Zeit hindurch Berliner Briefkästen ihreö Inhaltes beraubt hatte, zu zwei 3a breit neun Monaten Zuchthaus.

WettcrvaranHsagc.

Meist bedeckt, westliche Winde, etwas kühler, noch Regenfälle.

Dem Störungsgebiet, das heute vor der fkandinavischen Westküste liegt, dürste ein neuer Wirbel folgen. Inzwischen erfolgt vorübergehend Einströmen nördlicher Winde und Sinken der Temperaturen, später unter Zunahme der Rteder- fchläge und erneuter Bewölkung wieder westliche Luftströmung.

Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 8,4, Minimum 4 Grab Celsius. Riederschläge: 4,8 Millimeter. Heutige Morgentemperatur.' 5,1 Grad Celsius.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 4. Januar 1926. ,

Kulturelle Tagung in Gießen.

Erster nnb zweiter Tag.

Der Hessische Vaterland.sche Block, DezirkS- verband 'Gießen, veranstaltet in diesen Tagen eine Vortragsreihe bedeutender Wissenschaftler, die sich mit der kulturellen unb politischen Er­ziehung des putschen Balkes befaßt. Dorträge, getragen von großen Gesichtspunkten und tiefen Gedanlcn, unb natürlich deshalb schlecht besucht. Das ist außerorbentlid) bedauerlich.

Am ersten Abend sprach

Pros. Dr. Wundt über Wissenschaft unb Politik. 3cber Staat, von mächtigen Einzelpersönlichkeilen! gcschafsen, wird anfangs getragen in seinem Da- lein unb feinen Ideen von den blutsverwandten Erben ber führenden Geschlechter. Insofern ist jeder Staat am Anfang aristokratischer Ratur. beruhend auf frfter Familisnüberlieserung. Dann aber kommt, historisch bedingt, der Bruch, meist geistig lange vorbereitet, verschieden in seiner geschichtlichen Erscheinung. Die Famülsnüberliefe- rung einzelner Geschlechter ist nicht mehr maß­gebend, der Staat steht in seiner gefährlichsten . ,1 "^ec Ziele .müssen ihm aus seiner Ge­schichte und aus seinem Doltstum-^zegeben wer­den. Fremdländische Gedanken können mitspielen, dürfen aber nicht die Oberhand gewinnen. Hier ruht die Aufgabe, die die Wissenschaft dem Staat zu leisten hat. An Stelle der Gemeinschaft des Blutes tritt dann die Gemeinschaft der Bildung. Zuerst getragen von Einzelnen, muh sie das ge­samte Volk durchdringen. Diese Krise, durch die somit jedes Staatswesen hin durchgehen muß, ist gleichzeitig meist ein Höhepunkt geistiger Entwick­lung. In Deutschland jedoch war das 1918 anders: Die Revolution wird als Höhepunkt ange­sehen werden. DaS ist aber darauf zurückufühnen, daß sie nicht deutschen, sondern dem Deutschen wesensfremden Ideen den Sieg brachte. Die deut­schen Ideen toaren bereits im Laufe bes 19. Jahrhundert verloren gegangen. Bismarcks Ver­fassung ist ein letztes Zurückbiegen zu deut­schen Gedanken, dann aber versinkt das deutsche Volk in der undeutschen Gedankenwelt des DemokratiSmus und Sozialismus. Aus dieser Welt den Deutschen der Gedankenwelt seiner eigenen Staatsmänner und Denker zuruckzuge-, Winnen, ist die Aufgabe der Zukunft.

Mit den

Quellen deutscher DUdung beschäftigte sich der zweite Vortrag Professor Wund ts. Heute fehlt dem Deutschen eine eigene Bildung: die großen Geister seiner Ratton kennt er kaum. Fremden Einflüssen ausgesetzt, ist er diesen unterlegen. Doch nicht jeder fremde Ein­fluß ist schädlich. Ist doch auch die echte deutsche Bildung erst entstanden durch den Einfluß des Geistes antiken Griechentums und Christentums, die sich mit deutscher Art verbanden. Bis heute sind die wahren Quellen deutscher Bildung: deutsches Heldentum, christliche Liebe und grie­chischer (Seift. Schädlichen Einfluß dagegen übte die aus dem Sumpf der fpätanttken Welt her- vorgewachsene Idee des Materialismus. Skep­tizismus und egoistischen Individualismus'. Auf- aegriffen von den romanischen Böllern des We­stens, wurden sie *on Ncfcn schnell verarbeitet und führten sie auf eine glanzende, wenn auch nicht tiefgründige Höhe, die den Deutschen blen­dete und den tieferen und schwereren Gedanken seiner eigenen großen Landsleute ablenkte. Zu diesen aber muß dev Deutsche sich wieder zurück- finden, wenn sein Bolkstum gesunden soll.

Als nächster Redner sprach

Geh. Rat Dr. Runkel über Deutsch« Kultur und DolkStum.

Deutsches Volkstum bedeutet Wesen und Art deö deutschen Volkes. Deutsche Kultur ist die QhiStoirhmg des deutschen Volkstums. Hervor­stechende Züge dieses Volkstums sind einerseits der unermüdliche Forscherdrang, mit der der Deutsche jedes Ding bis inL Kleinste zu ergrün­den sucht, andererseits aber auch das Streben, die Synthese zu ftnden, die Weltanschauung, die alles umfaßt. Ferner hat der Deutsche ein strenges Pflicht- und Derantwortungsgcftchl. Die Pflicht treibt ihn zur Arbeit um der Arbeit willen, die Verantwortung zur Arbeit um feiner Mitmenschen willen. Tiefes Raturerleben und ozialeS Empfinden sind in der Welt des Ge­fühls Grundzüge des deutschen Charakters. Alle diese Züge des deutschen DolkstumS drohen heute zugrunde zu gehen. Dies darf nicht sein. ES muß alles deutscher Art Fremde entfernt wer­den. Aus diesem Grunde ist die Sozialisierung abzulehnen. Drei Imperative sind es, die unS den Weg zu uns selbst finden lassen: Mebr Raturempfinden statt zersetzender Großstadtluft: mehr sozial sein, nicht die Welt auf sich, sondern sich auf die Welt beziehen und sich für seine Mitmenschen verantwortlich fühlen, Und zuletzt mehr nationales Erleben, nicht äußerliches De- kennen, sondern tief im Herzen liegendes Emp­finden für das Vaterland.

Als letzter Rednei- des Sonntags sprach

Pros. Dr. Hornesser über Staat unb Disziplin.

Volksleben ist nur aus dem DolkScharakter her­aus verständlich. Der Hauptcharakterzug des Eu­ropäers und vor allem des Deutschen ist ein überschwenglicher Individualismus. Gr ist einer­seits die Ouellkraft europäischer Kultur. Der Individualismus ist aber auch andererseits eine staatsfeindliche Macht. So haben denn die meisten großen Denker Deutschlands dem Staat feind­lich gegenüber gestanden und die großen deut­schen Grenzstämme haben sich losgesehnt von einem allesb Herrschenden Staat. Die kantonale StaatSforrn ber Schweiz und nicht der große Machtstaat ist die ursprüngliche, deutsche Staats- form. Erst in höchster Rot, als das 'Deutsch­tum bereits unterzugehen drohte, schuf ber preu­ßische Staat die Disziplin. Im harten Kampf der Ostmark entstanden und nicht vom Ausland ein- geführt verbreitete sie sich unter Preußens Füh­rung über ganz Deutschland und vereinte sich mit dem Individualismus für freie Gesetzlichkeit und gesetzliche Freiheit. Denn in derselben Zeit, wo der preußische Staat die Disziplin schuf, die ber Welt zum Muster getoot^en ist, führte er die religiöse, oic sittliche Freiheit ein, die Freiheit von Dichten unb Denken. Unb gleichzeitig mit der Entwicklung des Großstaats Preußens nahm auch die geistige Entwicklung 'Deutschlands einen neuen Aufschwung. Erst als man nnfing, die Disziplin zugunsten einer falten Gesetzlichkeit zu vergöttern und der freien Persönlichkeit keinen Platz mehr ließ, verknöcherte unser Staatswesen unb wurde es möglich, das Wunderwerk echter 1 Disziplin in einem unseligen Augenblick fortt