Nr. 102 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Montag, 5. Nai 1926
Rumänien unter Averescu.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Don unserem Dr. M.-Derichterstattcr.
B u k a r e st, Ende April 1926.
Don lag zu Tag schält sich mit zunehmender Deullichkeit der wahre Kern der neuen Regierung Averescu heraus. Es war schon beim Abtritte der liberalen Partei kein Geheimnis mehr, daß B r a - t i a n u beim rumänischen Könige darauf hinwies, er holte die Betrauung einer Persönlichkeit für notwendig, die das von den Liberalen begonnene Werk der Gesetzgebung fortführte. Bratianu wünschte die Nachfolge des Generals Averescu, und ihn wollte er bei der Bildung feiner Regierung und seines Parlamentes unterstützen. Die Entscheidung des Königs ist im Sinne des Rates gefallen, der ihm von der scheidenden Regierung empfohlen worden war. In dieser Entwicklung der Dinge liegt das Programm der neuen Regierung Averescu. Unter Aufrechterhaltung der von der Regierung Bratianu ge- schaffenen Gesetze wird sie deren gesetzgeberische und politische Tätigkeit in gleicher Richtung fortsetzen, der Schatten Bratianus steht hinter Ave- rescu, der als Statthalter der Liberalen in absehbarer Zeit das Ruder des Staates dem in die Händc zurücklegen wird, der es ihm anvertraute.
Neun gewesene Minister und ein einstiger Ministerpräsident befinden sich unter den Männern- von Aoerescus Kabinett, was jedoch lange nicht eine Gewähr dafür bietet, daß sie in sachlicher Beziehung dazu befähigt sind, die Staatsgeschäfte zu Nutz und Frommen des gesamten Rumäniens ohne Unterschied der Partei, Religion und ganz besonders Volkszugehörigkeit zu führen. Gestützt auf dieses Kabinett, wird nun General Averescu am 25. Mai in die Wahlen gehen. Auf die Dolkspartei, die einstigen Marghilomanisten und den siebenbürgi- schen Anhang der beiden Gruppen Goga und Gol- dis gestützt und sicherlich bei wohlwollender Haltung der Liberalen wird General Averescu in den Wahlen eine Mehrheit zu erringen trachten. Ob ihm dies gelingen wird, ist rin schwieriges Exempel, dessen Resultat niemand auch nur annähernd richtig auszurechnen in der Lage ist. Zwar sichert das neue rumänische Wahlgesetz der Liste, die 40 Prozent der abgegebenen Stimmen erreicht, 70 Prozent der gesamten Mandate zu, eine Zahl, auf Grund deren die stärkste Partei über eine tragfähige Mehrheit verfiigt.
Eine sichere Beurteilung der neuen Regierung ist nicht leicht, da von seiner früheren Regierungszeit her Averescu als ein Mann von hartem Sinne bekannt ist, der den Verhältnissen des Landes gegenüber den Standpunkt einnimmt, die Dinge müßten so sein, wie Averescu sie voraussetzt und wünscht. Dazu steht der General auf dem gleichen Standpunkte wie das Magyarentum auf dem Sieben* bürgischen Landtage vom Jahre 1848 „Union oder lob!" Averescu hat jede Vereinbarung mit anderen Parteien abgelehnt, die nicht bereit waren, den bedingungslosen Anschluß an seine Partei und das bedingungslose Aufgehen in ihr zu erklären. Ob diese Einstellung des Jahres 1920 noch heute die Basis des Herrn Averescu ist, muß naturgemäß abgewartet werden. Gegenüber seinem damaligen Kabinett weist jedoch die heutige Regierung eine sehr bemerkenswerte Note auf, nämlich die fünf Siebenbürger, die bedeutungsvolle Posten in der Regierung einnehmen. Trotz des starren Standpunktes seines Parteiführers hat Oc- taoian Goga doch in Ciucea mit den Führern des Magyarentums den Pakt abgeschlossen, dessen einzelne Bestimmungen zwar nicht bekannt sind, von dem es aber hieß, daß er Zugeständnisse an das Magyarentum enthalte. Der zweite siebenbürgische Vertreter der Volkspartei ist Peter Groza, der durch seine gründliche Kenntnis namentlich des siebenbürgischen Verwaltungslebens und durch die offenherzige Kritik, die er seinerzeit an den Fehlern der alten Politik Averescus übte, bekannt ist. Zu diesen beiden aber treten nun die drei neuen Männer der Partei, Vasile G o l d i s, Jon L a p e - d a t u und Ion Lupos. Der erste, Vasile Golbis, ist der Verfasser der Karlsburger Beschlüsse, der sich auch später wiederholt mit starkem Nachdruck zu seinem Werke bekannt hat: Ion Lapedatu hat in seiner weit ausgreifenden Beschäftigung mit den Wirtschaftsfragen und als gewiegter Politiker sowohl in Rumänien als auch im Auslande einen guten Namen, unb bei Ion Lupos verbürgt feine gründliche Geschichtskenntnis eine gerechte Würbi- gung ber Verhältnisse.
Nicht uninteressant ist ein Blick auf das R e - gicrungsprogramm, das sich Averescu und fein Kabinett. gesteckt haben. Die Regierung will der Verbesserung ber wirtschaftlichen Verhältnisse Rumäniens ihr besonberes Augenmerk zuwenben. Zwar finb bic Meinungen über ben rechten Weg noch recht geteilt. Das eine System hat ber gewesene Finanzminister Dintila Bratianu vier Jahre hinburch angewandt. Die Oeffentlichkeit Rumäniens hat fein System scharf verurteilt. Seine Wirtschaftspolitik war darauf eingestellt, zur Werterhaltung der rumänischen Landeswährung den Notenumlauf möglichst niedrig zu halten unb zu diesem Zwecke
Georg Friedrich Händel.
Von Johannes Heinrich Braach.
Im Arbeitszimmer des Herzogs Johann Adolf auf Schloß Neu-Augustusburg zu Weißenfels meldet der diensttuende Offizier:
„Der Herr Leibchirurgus und Geheime Kammerdiener Georg Händel."
lieber die Schwelle treten: Eine wallende Lockenperücke, ein blaues, breitausladendes Staatsgewand, ein weißer, verschwenderischer Spitzenkragen, und ein Paar riesiger Schnallenschuhe mit roten Absätzen. Drei Schritte vor der Tür bleiben die Schuhe stehen, dos andere verbeugt sich tief.
„Komm Er her, Chirurgus, das Knixen steht Ihm nicht, Er ist zu lange im Felde gewesen, nehm' Er Platz."
Perücke und Staatsrock setzen sich entrüstet. Sie bildeten sich ein, weltgewandt zu sein.
„Er hat einen Sohn, Händel, der ist ein Teufelskerl von einem Musikanten. Spielt da gestern nach der Kirche das Postlubium, als habe ihn der Herrgott auf die Finger geklopft."
Die Perücke, schüchtern: „Schlecht?
,Lch finde keine Worte dafür. Die allen Hofdamen weinten, daß ihre geschminkten Gesichter aussahen wie Schwarzwurzeln, die aus bem Wasserbade gezogen werden. Händel, laß Er den Jungen Musiker werden." tin. n_
Der Staatsrock spreizt sich erschrocken: „Wie?
Der Herzog: „Was?"
Der Staatsrock beleidigt unb giftig: „Niemals. Ich will ihm guten Unterricht geben losten, aber
für einen möglichst tiefen Stanb aller Inlanbpreise Sorge zu tragen. Deshalb hat Herr Bratianu bie Ausfuhr burch alle möglichen Einschränkungen unb burd) bie hohen Ausfuhrtaxen nahezu unmöglich gemacht, jo daß bie Erzeugnisse ber rumänischen lanbwirtscyastlichen Probuktion zu billigen Preisen im Inlande abgesetzt werben mußten. Die Einschränkung bes Notenumlaufs hat Hanbel unb In- buftrie in eine außerorbentlich schwere Kreditkrise gebracht unb hat eine fast unerträglich scheinende Geldknappheit herbeigeführt. Dagegen hat Dintila Bratianu es erreicht, daß die rumänische Währung vier Jahre hindurch verhältnismäßig stabil geblieben ist, daß die rumänischen Schulden im Auslands einer gewissen Regelung zugesührt wurden, und daß heute ein geregelter Haushaltsplan einen Ueberblick über Soll und Haben des rumänischen Staates bietet.
Nun will die neue Regierung Averescu in bewußtem Gegensatz zur Finanzpolitik Dintila Bratianus ihre besondere Förderung der Landwirtschaft und dem Bauern- ft a n b e zugute kommen lasten. Die Freigabe ber
M- Aufbewahrung Vezugs-Quittungen wird dringend empfohlen, weil sie im Verkehr mit Ser ag und Schlst- leiluni erforderlich sind. Auskünfte zum Nutz n der Leier (Secntivortung von Fragen in der »Schelle" u. f. f.) können nur gegen Sorlage der letzten Sczuge-Qu ttungen erie.lt werden.
Verlag des Gießener Anzeigers.
Ausfuhr soll der bisherigen Preisdrosselung landwirtschaftlicher Erzeugnisse ein Ende bereiten, ynd der Ausbau des landwirtschaftlichen Kreditwesens soll den Landwirtschaft treibenden Kreisen die Geldmittel zugänglich machen, deren sie benötigen. Es ist selbstverständlich abzuwarten, ob die in Aussicht gestellte Freigabe der Ausfuhr wirklich jo ernst gemeint ist, oder ob an die Stelle der bisherigen Hemmungen nur eine andere Methode treten soll. Ader auch dann werden selbst bei völliger Freigabe der Ausfuhr Hinbernisse zu überwinden sein. Rumänien hat eben schon die vor dem Kriege bestandenen ausländischen Absatzplätze für seine Erzeugnisse fast völlig verloren, und es wird emsigster Arbeit bedürfen, diese Gebiete wieder zu'gewinnen, die jetzt Jugoslawien, Ungarn, Polen und die Tschechoslowakei fest in Händen hatten. Zudem hot die Unbeständigkeit der rumänischen Wirtschaftspolitik dem Auslande jedes Vertrauen zu den Beziehungen mit Rumänien, und jede Lust, mit ihm Geschäfte zu machen, genommen. Auch dieses Vertrauen kann nur allmählich wieder zurückgewonnen werden. Will also Rumänien mit dem Auslande gute Beziehungen Herstellen, so muß in erster Reihe für die Reinigung des inneren Lebens Rumäniens Sorge getragen werden. Dieser Erkenntnis hat sich bisher keine rumänische Regierung verschlossen, aber keine hat die Tat dafür gefunden. Einen Weg dazu will nun General Averescu beschreiten, indem er die Erhöhung ber Beomtengehälter ins Auge saßt. Zweifellos leidet das öffentliche Leben Rumäniens unter dem Umstande, daß ber Beamte von seinem Gehalte nicht leben konnte, unb daß es als selbstverständlich hingenommen wird, wenn er auf unrechtmäßigem Wege sein Einkommen steigert.
Ausführlich werben in dem Regierungspro- gromm bie Maßnahmen zur kulturellen Hebung ber Bevölkerung behonbelt, unb ber gleiche Abschnitt ist auch ber Kennzeichnung bes Regie- rungsstanbpunktes in ber Frage der Minderheiten gewidmet. Auch hier ist es grundsätzlich zu begrüßen, daß die Regierung dem kulturellen Ausstieg ihres eigenen Volkstums besondere Sorgfalt zu- wenden will, denn der Satz des Manifestes ist richtig, daß die Kultur immer ein Feld für die Verbrüderung war, und daß sie stets, die seelische Annäherung gefördert hat. Dieses Werk der Verbrüderung und der seelischen Annäherung wird aber nicht gefördert, wenn im gleichen Atemzuge verkündet' wird, es werde „für das Uebergewicht des rumänischen Elementes im Lande Sorge getragen werden". Ein solches Uebergewicht ist in gerechten Schranken schon dadurch gewährleistet, daß dos staatsführende Volk auf die gesamte Gesetzgebung unb bas gesamte öffentliche Leben ben maßgebenden Einfluß ausübt. Ueber diese naturgemäße Be- oorrechtung hinaus darf eine Staatsregierung auf nicht mehr. Wenn er die Verzücktheit besäße unb Musiker werden wollte, würde ich ihn zur Ader lassen, daß ihm der Schaum aus dem Munde bräche."
Der Herzog darauf: „Mach Er, daß Er hinauskommt. Wenn der Junge Seinen Trotz geerbt hat, wird er Ihm noch einmal zum Tanze geigen, daß Er Strümpfe und Schuhe verliert."
Perücke, Staotsrock und Schnallenschuhe verlassen fluchtartig das Zimmer.
*
Die Gondelführer in Venedig sind fastnachtsverrückt. Sie haben bunte Mützen auf, brüllen mit den narrentollen und kostümierten Insassen ihrer Kähne ausgelassene Lieder. Prinz Karneval hat dem Volke Lustbolzen ins Gehirn geschossen, und das entschuldigt oiel.
Auf einem Feste der vornehmen Wett benimmt man sich gesitteter. Der Hauptspaß besteht darin, bei auftretenden maskierten Künstlern den Namen zu erraten. Die Aufgabe ist leicht, denn dos Können der einzelnen ist genau so bekannt wie die Art ihrer Gewohnheiten. Nur SoreUo hat einen so unergründlichen Boß, nur die Contessi kann ihre Nachbarn in eine so unerträgliche Duftwolke von Lavendelöl und Kamillentee setzen.
Einen Vortragenden aber erkennt man nicht. Er muß erst kürzlich noch Venedig gekommen sein. Seine Gestatt ist fremd, und fremd die Art seines Klavierspiels. Es ist nicht so graziös wie das der italienischen Meister, bezwingt aber durch die Gewalt einer unvergleichlichen Erfindung und durch die stürmische Glut des Vortrags.
keinen Fall gehen, denn ihre Pflicht ist es, für die Wohlfahrt oller Bürger des Landes Sorge zu tragen, die im Sinne der Staats Verfassung untereinander vollkommen gleichberechtigi sind. Es widerspricht diesem Grundsatz ber Gleichderechti. gung, wenn die Regierung verkündet, daß sie für das nationale Uebergewicht des Rumänentums einteilig Sorae tragen wolle. Und wenn in diesem Zusammenhang festgestellt wird, es sollten die Unterrichtstore vor den Elementen der Minderheiten nicht verschlossen werden, so ist ein an sich richtiger Gedanke in eine recht dürftige Form gebracht, in die altbekannte Form Bratianus, des ewigen Schot- tens Generals Aoerescus.
Die Mandschurei.
Von Professor P. Freye.
Die Erreichung des offenen Wettmeeres war schon seit Peter des Großen Zeiten ein Grundzug in der Politik Rußlands. Die Rotwendigkrit, geeignete Aus- und Eingangshäfen für den dauernd wachsenden Handel des riesigen Landes zu finden, führte zu Peters Feldzügen mit Karl XU. von Schweden, führte schließlich zu den immer neu entbrennenden Kriegen mit der Türkei, und war stets ein Leitmotiv in der Dallan- politik des zaristischen Reiches. Doch der Drang nach Westen brachte nicht die restlose Erfüllung der russischen Pläne. Die Ostseehäfen lagen an einem Binnenmeer, dessen Zugang von der starken deutschen Flotte und bei einem Konflikt mit England auch von der britischen Marine geschlossen werden konnte. Die Eroberung Konstantinopels und damit die Kontrolle der Meeresstraßen zum Mtttelmeer wurde nie verwirklicht.
So reifte besonders seit Beginn der 90er Jahre der Plan eines Ausgangs zum Weltmeer im fernen Osten. Die transsibirische Bahn wurde gebaut. Da jedoch der Endpunkt, Wladiwostok, während der Wintermonate fein eisfreier Hasen war, so führte naturgemäß der russische Druck zum Chinesischen Meer. Dahin aber ging der Weg durch die Mandschurei. Mit dem Bau einer russischen Dahn bis zur Halbinsel Liaotung am Busen von Tschili. wo Rußland sogleich die mächtige Festung Port Arthur und den Handelshafen 5) a Int) anlegte, mit den noch weiter zielenden Plänen der zaristischen Regierung auf eine Eroberung oder doch Unterwerfung des damals noch selbständigen Korea begann der japanisch-russische Antagonismus, begannen Schwierigkeiten mit China und nicht zuletzt mit Großbritannien und den U. E. QI., die dieser raschen Entwicklung Rußlands zur Großhandels- und Großflottenmacht genau wie Japan mit wachsender Beunruhigung zuschauten.
Das junge, mitttärisch stark gewordene Japan warf bann, unterstützt durch englisch-amerikanische Finanzmittel, in dem glänzenden Feldzüge der Jahre 1904/05 die Heere der russischen Eindringlinge in den Kontinent zurück. Im Frieden von Vortsmuth wurde die Wandschurri in eine nördliche, russische, und in eine südliche, japanische Interessensphäre eingeteilt. Die Zivilverwaltung verblieb wenigstens nominell den Chinesen.
Dieser Zustand hat sich in den Grundzügen bis heute erhalten. In ber Rordmanbschurei steht bie Chinesische Ostbahn als Schluß- glieb ber transsibirischen Bahn auf der Strecke von der russischen Grenzstation Mandschuli über Kharbin in südöstlicher Richtung bis zum Hafen von Wladiwostock unter s o w j e t ru s s i s ch e r Kontrolle, während Japan bie Süd - man dschurische Bohn von den Häfen Dalnh unb Port Arthur am Busen von Tschili in nörb» lieber Richtung über bie mandschurische Hauptstadt Mulden, die Stadt Tschangtschun bis Kharbin sowie die Zweigstrecke Tschangtschun— Kirin verwaltet. Mukden und Peking sind über Taku und Tientsin durch eine Hauptbahnstrecke verbunden, bie somit den Anschluß an das gesamte chinesische Bahnneh vermittelt.
In dem vorjährigen russisch-japanischen Vertrage, ber ja überhaupt von weitgehendster Bedeutung für die Entwicklung ber Dinge im Fernen Osten ist, haben sich die Regierungen von Moskau und Tokio diese Teilung der gegenfeitigep Interessen garantiert.
Chinesischer Militärgouvemeur ber Mand- schurei ist nun schon feit mehreren Jahren der Marschall T s a n g t s o l i n. Eigentlich ist er, wenigstens mit Bezug auf China, völltg selbständiger Herrscher ber Manbschurei, denn er kümmert sich herzlich wenig um gelegentliche Instruktionen der jeweiligen Regierung in Peking. Dennoch benutzt er hin und wieder die Dienste der chinesischen Gesandtschaften im Ausland für seine Zwecke. So hat er z. D. jetzt wieder durch den chinesischen Geschäftsträger in Moskau die Sowjetregierung aufgeforbert, ben russischen Botschafter Kharachan in Peking abzurufen, da dieser durch Verhetzung, besonders der Studenten, ben russisch-chinesischen Vertrag verletzt habe.
Tschangtsolin wird von Japan gestützt urck) beeinflußt. Sein soeben beendeter Feldzug in
loser Zusammenarbeit mit bem in Zentralchina buvch britische Hilfe stark getoorbenen Marschall Wupeifu gegen die von Sowjetrußland gestützten unb bisher unter General Fengyu - hsiangs Leitung kämpfenden Truppen ber chinesischen Volksarmee (Kuomingtschüni batte lediglich zum Ziel, einen maßgebenden Einfluß über bie chinesische Zentralregierung zu erlangen. Durch die Eroberung Pekings Hal Tschangtsolin seine Pläne wenigstens bis auf weiteres burd)- gesetzt. Der ihm ergebene Staatspräsident Tuan- t s ch i y u i bat nach kurzem Fluchtaufenthalte im Griandtschnftsvicricl die Leitung ber Regierung wieder übernommen. Roch nie zuvor war Tschangtsolins Macht so stark wie beute. Dennoch muh man, wie ja stets in chinesischen Dingen mit einer gewissen Skepsis bic weitere Entwicklung abwarten. Japan unb Rußland haben allerdings den oben erwähnten Vertrag abgeschlossen. Unb doch stehen sich ihre Schützlinge im Kampfe gegenüber. Der von Japan gestützte Tschangtsolin rückte gegen die Fengyuhsiangs Leitung unterstehende unb von Sowjetrußland unterstützte Äuomingtfdiün (Volksarmee) ins Feld. Unb als brittcr Faktor kommt der stark von England beeinflußte Marschall Wuveisu in Betracht. Tschangtsolin mit seinen Unterführern sowie Wupeifu sollen jetzt bic Zusammensetzung ber neuen Regierung in Peking bestimmen. Von Rordwesten aber, von Kalgan unb Urga droht auch weiterhin bie sowjetrussische Wolle, droht ein immer wieder mögliches Vorgehen der sowjetistisch ringeiteH en Kuomingtschün Truppen.
Von allen heute in China maßgebenden Potenzen hat aber Marschall Tschangtsolin mit der reichen Mandschurei als Basis die bei weitem stärksten Machtmittel in Händen.
Roch um die Jahrhundertwende, als Rußland nach Annektterung der Halbinsel Liaotung sich in Port Arthur und Dalny festsetzte, zahlte die Mandschurei bei einer Dodensläche von nicht weniger als 930 000 Quadratkilometer nur 3 Millionen Einwohner. Zum Dau der Dahn auf der Strecke Kharbin nach Port Arthur zogen die Russen chinesische Kulis heran. Es war kräftiger, nordchinesischer Menschenschlag, unb zumeist kamen diese Arbeiter aus Schnn- tung. Ihnen folgten seither Tausende von Chinesen, die sich in den fast unberührten, teils nur von Rvmaden bewohnten, aber be^rnoch außerordentlich fruchtbaren Lande als Qlderbauer unb in ben Städten als Handelsleute und Handwerker niederließen. Jetzt beträgt die jährliche Einwanderung etwa 200 000 Chinesen. Russen und Japaner gibt es in der Mandschurei etwa 400 000, erstere besonders im nördlichen Teil längs der ostchinesischen Dahn und letztere im südlichen Teile. Die japanische Einwanderung nimmt neuerdings stärker zu.
Bemerkt mag hier werden, das) die Gesamtzahl der in China lebenden Deutschen heute schon wieder die Dorkriegszahl übertrifft, und daß auch unser Handel, mit China fast wieder den Vorkriegsstand erreicht hat. In ber Mandschurei bietet sich dem deutschen Handel ebenfalls mit Bezug auf Import und Export ein günstiges Feld. In der verhältnismäßig kurzen Z it seit der Erschließung durch die Dahn ist die Einwohnerzahl der Mandschurei auf 25 Millionen gestiegen. Raum ist aber auf diesem von der Ratur reich gesegneten Boden für mindestens 100 Millionen Menschen. Weizen, Gerste, Roggen und andere Feldfrü<^e gedeihen vorzüglich. Don allergrößter Bedeutung ist in der Landwirtschaft ganz besonders die oobabo^ne, bic ein wertvolles Hauptausfuhrprvdukt bilbet. 1924 wurden an Soyabohnen und Sohabohnen- produkten für 500 Millionen Mark Wert exportiert. HauptauSsuhr- und Einfuhrhafen ist das japanische Dalnh, und in zweiter Linie kommt erst das russische Wladiwostock.
Im Bergbau hat die Mandschurei eine große Zukunft. Allein die Hälfte der enormen Eisenerzlager Chinas liegen in der Mandschurei. Daneben sind andere Erze und in besonders reichem Maße Kohlenvorkommen vorhanden. Trotz eigenen Verbrauchs, vornehmlich durch die Eisenbahnen wurden im Jahre 1925 nicht weniger als 3 Millionen Tonnen Kohlen exportiert. Stark interessiert am Bergbau sind bislang besonders die Japaner.
Der Aufschwung des Landes zeigt sich in bem raschen Ottttvachs der Städte, darunter ber Hauptstadt Mukden sowie Kharbin und Kirin. Das japanische Dalnh im Süden hat sich zu einem Welthafen mit modernsten Einrichtungen entwickelt. Im vorigen Jahre betrugen bie Bruttoeinnahmen der gesamten unter russischer unb javanischer Leitung stehenden Dahnen der Mandschurei etwa 220 Millionen Goldmark, also mehr als die Gesamteinnahmen der übrigen Bahnlinien Chinas.
Seit der chinesischen Revolution im Jahre 1911 hat sich bie Manbschurei meist einer besseren Verwaltung als bie übrigen Teile Chinas erfreuen können. Das war der günstigen Entwicklung natürlich sehr dienlich. Die Rachkriegsjahre
Niemand wagt ein Wort, und beklommenes Schweigen herrscht, bis Scarlatti in den Saal ruft:
„Das ist entweder der berühmte Sachse oder der Teufel."
Und eine frohe Stimme antwortet vom Flügel: „Beides, Maestro, beides."
*
In der Throckmortonftrahe zu London bietet ein Kohlenhändler durch Schellen und Rufen feine Ware feil.
Aus einem Gemüseladen heraus wird ihm eine Bestellung. Schnell hält der Mann seinen Karren an, schultert einen Sack und will damit die Treppe zum Keller hinab. Da ereignet sich das Unglück, daß ein Herr gegen ihn rennt und ihn samt seiner Last zu Boden wirft.
„Donnerwetter, Mensch, daß euch der Satan hole." Der Kohlenhändler springt auf und nimmt zum Schlage aus, wird aber von einem Dazwischentretenden aufgehalten.
„Halt, Meister Britton, halt."
„Ah, Herr Babell, welche Freude. Nun ja — wenn der gefeiertste Klavierspieler Englands für jemand bittet, dann mag der laufen, wohin er will."
Lachend darauf Babell: „Er hätte Euch Gleiches mit Gleichem vergolten. Dafür ist er bekannt. Wißt Ihr denn nicht, wen Ihr anrempeln wolltet?" Und er nennt dem Händler einen Nomen, der ihn fosiungslos erschreck!.
.Herr, entschuldigt mich, wenn ich geahnt hätte--" stotterte er erregt.
,Lhr müßt mir verzeihen, denn ich bin der
Schuldige. Doch sagt mir, was ich für den Sack Kohlen bezahlen soll?"
„Bezahlen, Herr, bezahlen? Begnadet mich mit einem Besuche, und ich bin reicher entschädigt, als wenn Ihr mir hundert Guineen schenktet."
,Vch bringe ihn, Britton", spricht der Klavierspieler und zieht den anderen fort.
Die Wohnung des Kohlenhändlers liegt in einem Hause, das sich weder an Baufälligkeit noch an Schmutz von den umliegenden auszeichnet. Es ist ein ehemaliger Stall mit darüber liegenden Heu. hoben. Der Stall ist Kohlenlager geworden, der Heuboden Wohnung, zu der eine schmale und bedenklich wackelige Leitertreppe führt. Als Hauptzimmer bient ein nichtiger Mufiksctton, die Wände getüncht, die Möbel alt und zusammengesteigert, die Instrumente ausgezeichnet.
Hier empfängt der seltsame Kohlenhändler jeden Donnerstag die Ersten der musikliebenden Wett Londons. Als Babell den Fremden mitbringt, erhält dieser den Ehrenplatz neben der Herzogin von Queensberry. Britton ist begeistert und versichert immer wieder, daß dies der ehrenvollste Tag seines Lebens fei. *
Eine alle gelähmte unb blinde Frau fitzt unter Kissen in einem rotfamtenen Ohrensessel vergraben unb lauscht hinaus auf bie Straße, über ber ein warmer Sommerabenb liegt. Jedes Pferdegetrappel und Wagengerassel läßt sie aufzucken, jedes noch so ferne Geräusch steigert ihre Ungeduld.
Freunde und Bekannte sind heute in großer Anzahl bei ihr gewesen unb haben verschwenderischer


