deutschen Reiches die bis dahin unbekannten „Meininger" auf und erzielten „fast plötzlich und mit Kräften, die bis vor dem Eintritt in ihren Verband meist nur mittelmäßig waren, mit Stücken, welche selbst auf unseren ersten Bühnen nur noch ausnahmsweise eine größere Anziehungskraft auf das Publikum ausübten, die Leistunaen dieser letzteren, wenn auch nicht im einzelnen, so doch in der Ge- samtwirkuna zum Teil in den Schatten stellend, beispiellose Erfolge". So schildert ein Zeitgenosse, Rob. P r ö l ß, den machtvollen, durch das Erscheinen der Meininger ausgelösten Eindruck. Er war der Auftakt eines jubelnden Triumphzuaes, zu dem sich die durch 16 Jahre wiederholten Gastspielreisen über die deutschen und ausländischen Bühnen gestalteten. In mehr als 2000 Vorstellungen haben die Meininger die neue Kunst hinausgetragen in die Lande, haben reiche Ehren, aber auch manche absprechende Kritik geerntet, die dort, wo sie sich nur an Aeußer- lichkeiten und einzelne Uebertrcibungen klammerte, das böse Wort von der „Meiningerei" geprägt hat.
Wenn Prölß mit Recht die erzielte Gesamtwirkung gegenüber den weniger bedeutsamen Einzelleistungen heroorhob, so war diese hinreißende Gesamtschöpfung nur hier erreichbar, wo ein alles überragender Wille, der Wille des Künstlerherzogs, das Ganze beherrschte. Hier war kein Raum für Virtuosentum und Rollenmonopol. Eine jede, auch die kleinste Rolle galt für ebenso wichtig wie die des ersten Heldendarstellers und ward mit der gleichen Sorgfalt einstudiert, wie auch die ersten Schauspieler zur Mitwirkung in der Komparserie verpflichtet waren. In der „Beseelung der Massen", diesem uns heute so geläufigen Schlagwort, lag eine der großen Neuerungen der Meininger, die in unendlich vielen, lang ausgedehnten, vom Herzog selbst geleiteten Proben zur höchsten Wirksamkeit gesteigert wurde. Und wie der einzelne Schauspieler sich als ein Glied ins Ensemble einfügen mußte, so war jedes Dekorationsstück, jedes Requisit, jedes Kostüm abgestimmt auf die Wirkung im ganzen. Die Pracht und die Stilechtheit der Meininger Aufführungen, dieses äußere Kennzeichen ihrer Kunst, empfing seinen höheren Sinn durch diese Einordnung in das Gesamtwert und war in letzter Linie ebenfalls ein Ausfluß ihres obersten Kunstprinzips: der Pietät vor der Schöpfung des Dichters. Ein Wiedererwecker unserer klassischen Dichtungen wie auch der Werke Shakespeares, ober auch ein Wegbereiter für viele moderne Dramen ist Herzog Georg gewesen. Hatte
er doch, sehr im Widerstreit mit den Bewohnern feiner Residenz, die einen förmlichen Thxaterbefuch- Streik inszenieren wollten und nur durch die unwiderstehliche Lockung eines Freitheaters bezwungen wurden, Ibsens „Gespenster" zur ersten öffentlichen Ausführung in Deutschland gebracht.
Wie kühn das Unternehmen des Herzogs war, mit einer aus dem Dunkel der Unbekanntheit empor« tauchenden Truppe den Eroberungszug über Deutschlands erste Bühnen zu wagen, das beweist die Tatsache, daß in den Scharen der an einem Erfolg zweifelnden Teilnehmer selbst fast eine Rebellion ausgebrochen wäre, und daß sie sich schließlich nur in dem Bewußtsein auf die Gastspielreise begaben, daß, wenn man sich blamierte — und man würde sich sicherlich blamieren — diese ja im Namen und auf Rechnung des Herzogs geschähe. Nur zwei Menschen waren es, die neben Georg II. unerschütterlich den Glauben und die Zuversicht aus einen Endsieg aufrecht hielten: Cronegk, der Weiniger Theaterintendant und spätere Direktor, der in selbstloser Hingabe den Triumphzug seiner Schauspieler vorbereitet und geleitet hat, und sie, die im Leben wie in der Kunst des Herzogs getreueste, verständnisvollste Gefährtin gewesen — Ellen Franz, die Freifrau von Heldburg. Mit heller Klarheit strahlt das Bild dieser seltenen, wahrhaft vornehmen Frau, die sich der Herzog von seinem geliebten Theater als gleichgestimmte Genossin seines allem Schönen und Hohen gewidmeten Lebens geholt hat, aus ihren Briefen hervor, wie sie sich uns in der Sammlung „50 Jahre Glück und Leid" darbieten. Wie Frau von Heldburg mit ihrem sicheren Urteil und feinen Geschmack an allen Plänen, Proben und Versuchen teilgenommen, wie sie mit den Schauspielern die Rollen einstudiert und als feinsinniger Dramaturg die eingehenden Stücke geprüft und eingerichtet hat, eine nimmer müde Helferin des Herzogs, fo war sie, die stets taktvoll in den Schatten Zurücktretende, sich nur als „ein Stück von ihm" Fühlende, in Wahrheit der gute Genius dieses Daseins.
Denn glückerfüllt war dieses der Verwirklichung hoher Ziele geweihte Leben Herzog Georgs, glück- gesegnet, auch weil es sich zu Ende neigte, kurz ehe der Kriegssturm, der so viele seiner Ideale zertrümmerte, über Deutschland dohinbrauste. Aber seine gläubige, hingebungsvolle Arbeit im Tempeldienst der Knust leuchtet über den Wandel der Zeiten, über den Wandel der Kunstrichtungen fort als Vollgewinn dieses reichen Lebens.
Dienstag, 6. April 1926
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Ikr. Z9 Zweites Blatt
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498—503 Mill. Mk.,
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wesens für das ladcnen Gästen Dr. Bredow die Bedeutung einen längeren
maßen aus:
Ermäßigung der Umsatzsteuer Beseitigung der Luxussteuer Nichterhöhung der Biersteuer Aufhebung der Weinsteuer Senkung der Vermögenssteuer zusammen
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Schließlich hatte sich aus den bisherigen Beratungen des Steuerausschusses auch ergeben, daß irgend etwas auf dem Gebiete der direkten Steuern geschehen mußte, und daraus entstand dann fast zwangsläufig dieAenderung des ganzen Programms.
An der Beseitigung der Luxussteuer und der Ermäßigung der Fusionssteuer wurde allerdings fest- gehalten; aber die Regierungsparteien waren sich on= gksichts der vorerwähnten Umstände klar, daß man mit der Senkung der allgemeinen Umsatzsteuer nicht mehr bis aus 0,6 Prozent heruntergehen könne. Man entschloß sich, die Ermäßigung'der Umsatzsteuer auf 0,75 Prozent zu begrenzen. Dies war nm fo notwendiger, als mit der Aufhebung der Weinsteuer die Hinausschiebung der zum 1. April vorgesehenen Erhöhung der Biersteuer verbunden war, was einen weiten Ausfall von 45 Millionen Mark bedeutete. Die Verbundenheit der beiden Steuern war natürlich keine wirtschaftliche, sondern eine rein politische und findet ihre Erklärung in der schlichtenTatsache, daß zur Regierungskoalition auch die Bayerische Volkspartei gehört. Hierzu kam die notwendige Erleichterung beiden direkten Steuern, und zwar in der Form, daß man den Steuersatz bei den unteren Stufen der Vermögenssteuer ermäßigte.
Das Gefamtprogramm sah hiernach folgender-
Ausfall von 276 Mill. Mk.
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WSR. Mainz, 5. April. Die Mainzer Rundfunk ausstellung, die vom 4. bis 12. April hier stattfindet, wurde gestern früh durch den Oberbürgernreister Dr. Külb mit einer Ansprache, in der er die Bedeutung des Funk- ' besetzte Gebiet würdigte, vor ge- eröffnet, worauf Staatssekretär vom Reichspostministerium über
Steuerreform.
Von Dr. E. Hoff, M. b. R.
Es hat wohl kaum eine Steuerberatung gegeben, leien Verlauf in der breiten Oeffentlichkeit so wenig h-iftanben worden ist, wie die Verhandlungen, die -tzi im Reichstag über den „Gesetzentwurf über cieuermilberungen zur Erleichtern g der Wirtschaftslage" gepflogen wor- en sind. Die Regierung hatte einen Entwurf oor- cl'gt, der zunächst von verblüffender Einfachheit zu .h chien. Er enthielt die Beseitigung der Luxus- cier. die Ermäßigung der Fusionssteuer und die cvabminberung der Umsatzsteuer von 1 Proz. auf f Proz, Das bedeutet einen Ausfall von 550 9)1 ib iowen Mark. Einige Bestimmungen über Einkorn ian= und Vermögenssteuer, die noch in dem Ent- unirf enthalten waren, spielten materiell feine Rolle. :id)on bei den Debatten der ersten Lesung im Plenum des Reichstages ergab sich, baß uneingeschränkt centlid) nur die Demokratische Partei der Vorlage !hnes Ministers zustimmte. Von den Opposilionspar- ci m wurde der Entwurf heftig bekämpft. Aber auch
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des Funkwesens im allgemeinen Vortrag hielt. Die Groffnnngs- reden sowie der musiklüische Teil der Feier wurden durch Lautsprecherübertragung auch einem weiteren Publikum mitgeteilt. Die Ausstellung, die im großen Stadthallensaal und dessen Reben- räumen stattfindet, bietet in übersichtlicher Form durch Ausstellungen der bekanntesten Rundsunk- sirmen den Bewohnern des besetzten Gebietes einen tiefen Einblick in die heutige Technik des Rundfunkwesens. Großes Interesse fand vor allem ein Plan der Rauener Grohfunkstation. Auch ein eigener Senderaum ist hergerichtet worden, in dent alltäglich bis zum 12. April Vorführungen stattfinden. Auch eine vom Mainzer Radioklub veranstaltete Bastlerstube erregt große Aufmerksamkeit. Am ersten Tage der Ausstellung, die um 12 Ähr mittags dem allgemeinen Publikumsbesuch zugänglich war, wurde diese von ungefähr 1500, am zweiten Tage von rund 2500 Personen besucht.
Dölkergedanken, jenen Kulturentdeckungen, die bestimmte Völker und Dölkergruppen in eigen- tümlicher Weise machten und fortbildeten, überall in der Darstellung fruchtbar geworden. Aber auch die Lehren feines mehr historisch eingestellten Gegenpols Friedrich Ratzel fanden weitgehende Berücksichtigung, wie es den modernen Anschauungen entspricht, daß sie aus Bastians und Ratzels Meinungen die mittellose Linie zieht. Ratzels Kulturkreislehre wirkt sich gerade in den letzten beiden stark aus, und es ist ein besonderer Vorzug von Duschans Völkerkunde, daß sie die geschichtlichen Seiten der Kulturentwicklung, die Altertümer und die Vorgeschichte, stark heranzieht, um das Heute zu erklären. In erster Linie gilt das von Europa.
Vichts konnte den hundertsten Geburtstag Oscar Peschels besser feiern, als das Erscheinen dieses Standwerkes „Die Illustrierte Volker- künde" von Georg Duschan, die einzig in ihrer Art im verarmten Deutschland, und die auch in -em reicheren und daher mit viel größeren Kulturmöglichkeiten begabten Auslande ihresgleichen nicht Hut, wie die zahlreichen in die Wege geleiteten Äebersehungen in die anderen Kultursprachen beweisen. Dr. v. D.
Die LahnkanaNsation.
WER. L i m b u r g, 5. April. Die Bemühungen des Lahn-Kanalvereins haben nunmehr insofern zu einem greifbaren Erfolge geführt, als das Reichsverkehrsministe- rium die Wirtschaftlichkeit der Pläne des Vereins und die Votwendigkeit der Ausführung derselben anerkannte. Sie gehen bekanntlich dahin, die Lahn vorläufig als erste Etappe von der Mündung bis Limburg so auszubauen, daß sie mit Lasttähnen und Motorschiffen bis zu 200 Tonnen befahren werden kann. Die Strecke ist 66 Kilometer lang. Die Mittel zur Ausführung dieser Arbeiten, die nach dem Anträge des Reichs- ausschusses für Derkehrsangelegenheiten tunlichst zu beschleunigen sind, sollen nach der Absicht der Regierung zum größten Teil aus Mitteln der Erwerbslosenfürsorg^ beschafst werden. Falls jedoch diese Mittel nicht in der geforderten Höhe von dem Reichsarbeits- und dem preußischen Wohlfahrtsministerium zu erlangen seien, käme ihre Beschaffung durch den weiteren Ausbau der Lahnwasserkräfte in Betracht, die dann wohl von der Lahn-Kraftwerke- A.-G. auf ihre Kosten bewerkstelligt würde. Es ist im höchsten Grade erfreulich, daß diese für das ganze Lahntal und die angrenzenden Gebiete so wichtige Angelegenheit endlich, dank dem ziel- bewußten Arbeiten des Lcchn-Kanalvereins, aus dein Stadium der Verhandlungen zu dem des Handelns übergegangen ist.
Mainzer Rundfunkausstellung.
reichen Schaffenslust dieses Herrschers am ehesten gerecht wird. Denn neben einer bedeutenden zeichnerischen Peranlagung, die ihn befähigte, die Kostüm- und Bühnenbilder bei feinen Theaterinszenierungen selbst entwerfen, neben seinem von tiefem Verständnis getragenen Interesse für die Architektur, von dem manches durch feine Anregung und nach seinen Plänen entstandene Meininger Baudenkmal Kunde gibt, war es vor allem seine eifrige Pflege der Musik, die Meiningen auch als Musik- stadt einen ehrenvollen Platz sicherte. Wohl hatte der Herzog, um seine Kräfte ganz in e i n e m Brennpunkt sammeln zu können, die Oper auflösen müssen. Aber die Meininger Hofkapelle, die unter feiner xrstandnisvollen Förderung neben dem Hof- thcaler wetteifernd emporblühte, sah Männer rote Hans ».Bülow, Richard Strauß, Max Reger c.n ihrer Spitze und ward neben dem Theater ein Mehrer des Ruhmes der neuen Kunststadt.
Doch die eigentliche künstlerische Lebensaufgabe Herzogs Georgs, an deren Lösung er seit den Tagen seines Regierungsantritts unermüdlich arbeitete, galt der Schaffung einer Musterbühne, von der die Wiedergeburt der deutschen Schauspielkunst ihren Ausgangspunkt nehmen sollte. Eine einheitliche, stimmungsvolle Darstellung bedeutender Dramen in voller Lebenswahrheit und -echtheit zu erzielen, bei der die Dichtung selber immer das oberste, alles bestimmende Gebot blieb, das war das hohe Streben, war die große Tat der Meininger, die ihnen in ihren besten Schöpfungen gelungen ist. Die ersten ■ "Anregungen zu diesem bühnenresormatorischen Wirken hat der Herzog schon frühzeitig auf feinen Auslandsreisen empfangen, vor allem als ihm in London die bis in die kleinsten Einzelheiten der Dekorationen und Kostüme ftilgetreuen, vom künstlerischen Witten Seans einheitlich geleiteten Verkörperungen Shakespearescher Dramen entgegentraten. Wie anders der Geist, der damals die deutschen Bühnen beherrschte! Prunkendes, den Rahmen des Ganzen sprengendes Pirtuosentum, dem die dumpfe, unbefeelte Masse der anderen Mitspieler gegenüberstand; selbstherrliches Schalten mit den Schöpfungen der Dichter; eine verwilderte Stil- und Regellosigkeit — das waren die Zustände, von denen sich nur wenige, nur die besten Bühnen Deutschlands freizuhalten vermochten. Und da nun, wenige Jahre nachdem Georg II. die Zügel feines Theaters mit fester Hand als fein eigener Regisseur ergriffen hatte, tauchten 1874 in der Hauptstadt des neuen
ein Einnahmcaussall also, der sich auf rund 500 Millionen Mark belief, gegenüber einem Ausfall nach dem ursprünglichen Regierungsentwurf von 550 Millionen Warf’ Die Differenz mar als Reserve für die Zwecke der Arbeitslosenunterstützung gedacht.
Dabei ist es im wesentlichen aud) geblieben. Die Verhandlungen mit der Sozialdemokratie führten noch zu einigen Aenderungen, so zur Aushebung der S a l 3 ft e u ’e r und zur Beibehaltung der Sekt- st e u e r, welch letztere aber auch von den Regierungsparteien schon in Erwägung gezogen war. Auch hier'war maßgebend nicht das wirtschaftliche, sondern das politische'Motiv. Von Bedeutung war dagegen das Zugeständnis, das man der Sozialdemokratie machen mußte, und das darin bestand, daß die M i e- t e n bis zum 31. März 1 9 2 7 die F r i c = densmieten nicht überschreiten dürfen. Der Deutschen Volkspaktei ist die Zustimmung hierzu recht fd)roer gefallen. Sie widerspricht durd-aus ihrer grundsätzlichen Einstellung, die dahin geht, daß man zwar nicht mit einem Schlage, aber doch i n beschleunigtem Tempo aus der unglückseligen Zwangswirtschaft auf dem Gebiete der Woh- nungswirtschaft herauskommen muh. Die Zustimmung war indessen unvermeidlich, da man die Unterstützung der Sozialdemokratie braudjte, um eine feste Mehrheit für das Steuerprogramm zu schaffen.
An und für sich hätte man diese Unterstützung auch von der Rechten erwarten können. Die Deutschnationalen lehnten eine Mitwirkung an der Vorlage auch nicht grundsätzlid; ab. Aber sie trieben die Politik der unmöglichen Bedingungen. So verlangten sie beispielsweise die Senkung der Realsteuern und eine starke Herabsetzung der Hauszinssteuer in dem Augenblick, wo diese Forderungen, deren Berechtigung bis weit in die Reihen der bürgerlichen Linken hinein von niemand bestritten wird, praktisch nicht durchführbar war. Denn zur Durchführung gehörte dieAenderung des Finanzausgleichs, und das ist für jeden Kenner der Verhältnisse eine Aufgabe, die vielleicht in Monaten, aber nicht in Tagen und jedenfalls nicht in dem Zeitpunkt gelöst werden kann, in dem die Länder ihre Etats bereits auf den vorhandenen Grundlagen aufgebaut und, teilweise mit großen Schwierigkeiten, unter Dach und Fach gebracht hatten. Wäre man jetzt daran gegangen, diese Grundlagen plötzlich und überraschend zu ändern, so wäre in den Finanzen der Länder und Gemeinden eine Verwirrung entstanden, für die niemand die Verantwortung hätte übernehmen können.
So blieb es denn schließlich bei dem Programm,' nach dem an die Stelle einer Senkung der Umsatzsteuer um 441 Millionen Mark nur eine solche um
276 Millionen Mark trat. Der auf diesem Wege ersparte Betrag wurde benutzt, um die Erleichterungen auf dem Gebiete der Weinsteuer, der Biersteuer und der Salzsteuer sowie die Senkung der Vermögenssteuer in den unteren Stufen durchzuführen.
Das ist in kurzen Worten das Ergebnis der Verhandlungen, die über den Entwurf der Reichsregierung geführt worden find. W i r t f dj a f 11 i di stellt dieses Ergebnis insofern eine Verbesserung des Re- gierungscntwurfs dar, als ein kleiner Ausgleich wenigstens auf dem Gebiete der direkten Steuern erzielt worden ist. Dazu kommen nod) gewiße Erleichterungen für die Kleinbetriebe in der Landwirtschaft durch eine Revision der Pauschsäi.e, nach denen diese Betriebe besteuert werden. Im übrigen aber ist ein wesentlicher Teil der Steuererleichterungen, der unsprünglich der Gesamtwirtschaft auf dem Wege über eine stärkere Ermäßigung der Umsatzsteuer zugedacht war, nunmehr aus einzelne Zweige der Wirtschaft verteilt worden. Das und aus welchen Gründen dies geschehen mußte, dem Verständnis weiterer Kreise näherzubringen, war der Zweck dieser Darlegungen. Die Gründe waren im wesentlichen politischer Natur. Wenn darüber Klagen aus der Wirtsd)aft kommen sollten, so möge die Wirtschaft daran denken — und sich zur Mahnung dienen lassen —, daß Politik auch in diesen Fragen sozusagen unser Schicksal ist.
Völkerkunde.
Oscar P e s ch e l, der große Leipziger Geograph, der vor 100 Jahren in Dresden geboren wurde, hatte, als ihn im August 1875 allzufrüh der Tod aus feinem Wirkungskreise riß, gerade ein Werk vollendet, daß mehr noch als seine früheren Arbeiten dazu berufen war, seinen Vamen in weiteste Kreise zu tragen. In seinem Todesjahr erschien seine „Völkerkunde", ein bahnbrechendes Buch über dieses Wissensgebiet, das. damals im Werden begriffen, in Deutschland von Adolf Bastian, F. Ratzel und Oscar Peschel eigentlich geschaffen wurde. Gerade in der Zeit, als Peschrls „Völkerkunde" an die Oeffentlichkeit trat, war seine Lösung des Problems eine Tat, denn „die Völkerkunde lief damals wie heute Gefahr, zu einem Kampfplatz geistiger Anarchie zu verwildern, indem von beiden Grenzen her hier philosophische Flüchtlinge, dort Aufrührer der Vaturwissenschaften, eine Partei verband, in ihr Gebiet einzudringen versuchten".
Vor 50 Jahren war das Material der Ethnologie aber noch so gering, daß selbst eine eingehende erschöpfende Darstellung, wie sie Peschel mit seinem Buche leistete, in einem Bande von etwa 400 Seiten Genüge finden konnte. Es ist nun nicht ohne Reiz, hiermit das heutige Standwerk der Völkerkunde zu vergleichen, wie es uns Dr. Georg Busch an, im Verein mit einer Anzahl anderer Gelehrter, in seiner dreibändigen „Illustrierten Völkerkunde" bietet (Strecker & Schröder, Stuttgart). In diesen 50 Jahren ist eine ungeheure Menge von Einzelheiten gesammelt, große unb moderne Spezialmuseen gegründet worden, vor allem ist dies ethnologische Forschungsgebiet aus dem Wirr- sal tastender Versuche das festgefügte Gebäude einer Wissenschaft geworden, die zwar im einzelnen noch ausgestaltet und umgebaut werden kann, in den großen Grund- und Aufrissen aber feste Gestalt angenommen hat. Schon allein die Tatsache, daß man vor 50 Jahren ein solches Buch ohne Illustrationen herausbrachte, erscheint uns verwunderlich. Die drei neuen Bände der Völkerkunde von Duschan, die ihren ungeheuren Wissensstoff auf 3000 Seiten mftteilen, geben etwa anderthalbtausend Abbildungen und haben außerdem noch 112 Sammeltafeln. And, so wertvoll das Wort ist, erst aus per Abbildung ergibt sich die lebendige, haftende Anschauung. Die verschiedenen Bearbeiter, unter denen Georg Buschan selbst, die Professoren 21. und M. Haberland, W. Volz und W. Krickeberg genannt seien, haben in glücklichster Weise die Schwierigkeiten gemeinsamer Arbeit überwunden. Ohne sich auf die Grundanschauungen des ethnologischen Bahnbrechers Adolf Bastian einseitig festzulegen, sind dessen zwei Lehrsätze von den Elementargedanken ■ im Völkerleben, jenen Kulturgütern, die der Mensch unter allen Umständen und in jeder .Umgebung kommen muß, und den sogenannten
Der Künftlerherzog und seine „Meininger".
Zum 100. Geburtstag Georgs II. von Sachsen- Meiningen.
Von Dr. Hedwig F i s ch m a n n.
„Schade, daß er ein kleiner Fürst und nicht ein großer Künstler wird!" Wenn Wilhelm von Kaul- bad) mit diesen ihm zugeschriebenen Worten den 9-egenfah zwischen dem künftigen Lebensweg und her künstleriscyen Begabung des Erbprinzen von ÜTleiningen hatte betonen wollen, so hatte er eines bebei außer acht gelassen: daß die jahrhundertalte Erabition thüringischer Fürstenhöfe, Pflege- und Heimstätte der Kunst zu fein, hier die trennende Schranke zwischen Herrscher und Künstler aufge- I l)-i’bcn hatte. Wie einst ßanbgraf Hermann von Z Thüringen seinen Namen unlöslich mit des Helden- iiiii) Minnesangs stolzesten Trägern verknüpfte und ö<r Wartburg Hallen von den lieblichsten Weisen uRittelalterlicher Dichtung widerhallten, wie Jahrhunderte später das Bild des kleinen Weimar plötzlich aus dem Dunkel der Unbekanntheit hell hervorleuchtet im unvergänglichen Widerstrahl der Dicht- iunst, der fein Herrscher hier eine gastliche Stätte bereitet hatte: so hat Georg II. von Sachsen- Meiningen in eigenem, tatkräftigem Schaffen dos kaum genannte Thüringer Resibenzstädtchen ÄUtn Tempel einer neuen Bühnenkunst gemacht, von beffen Schwelle die Scharen der Tempelritter hin- üuszogen in die Lande, das neue Evangelium der Sunft verkündend.
Heute, da uns die grundlegenden Forderungen ber Meininger Bühnenkunst, ihres Wesens Kern, nidjt ihre vergänglichen Äußerlichkeiten, etwas durchaus Selbstverständliches und Natürliches geworden, während -fie einst als eine gleichermaßen unftritiene wie umjubelte, neue Offenbarung empfunden wurden, sind wir nur allzu leicht geneigt, ihre Bedeutung zu unterschätzen. Aber gerade daß Ü6 diese unbedingte Selbstverständlichkeit erlangt haben, ist der höchste Ruhmestitel, den die richtende 3dt dem Meininger Künstlerherzog und seinen Getreuen zu spenden vermochte.
Der Künstlerherzog, nicht der Theaterherzog, wie inan Georg II. so oft genannt hat, sich nur an die sichtbarste Seite seines Wirkens klammernd, das ist bos Wort, das der reichen Begabung und ber ebenso
■eii den Regierungsparteien traten gewisse Bedenken ' iewor, und zwar einmal nach der Richtung, ob j möglich sei, bei einem Ausfall von derartiger ;She den Etat in diesem und namentlich im sol- icibe Jahre insGleichgetdicht zubringen, irnn auch infbfern, als man erklärte, baß es mit iner gefunben Steuerpolitik nicht gut zu verein* ij ren sei, wenn Abbau der Steuern lediglich nach icn Seite ber indirekten Steuern vorge- locnmen würde.
Die Verhandlungen im S t e u e r a u s f ch u ß des «wchstages stellten sid; zunächst als eine Fortsetzung icn Aussprache im Plenum dar. Auch im Ausschuß ib-irroog die Kritik, die naturgemäß am stärksten bei !cb Oppositionsparteien zum Ausdruck kam. Kenn- ,'ichnend dafür war ein deutschnationaler Antrag, h ich den die Regierung aufgefordert wurde, eine Denkschrift vorzulegen mit neuen Vorschlägen, die inbere Steuersenkungen bringen sollten, wobei nit besonderen die Einkommen st euer, die KLr per schasts steuer, die Vermög ens- i, e u e r, ferner die Realsteuern und die 6«uszinssteuer hervorgehoben wurden. Daß morn solchen Anträge praktisch keine Folge gegeben nerben konnte, ergab sich schon baraus, daß es in iielem Falle überhaupt unmöglich gewesen wäre, un- :cr den Parteien bis zum 1. April eine Verstän- y.gung herbeizuführen. Mangels einer solchen Ver- länbigung aber hätte auf jede Steuersenkung bis auf weiteres verzichtet werden müssen. Auch ohne Rücket auf derartige Anträge war es recht schwer, zu itier Uebereinstimmung ber Meinungen im Steuer nisschuß zu gelangen. Denn jebe Partei entwickelte ju nächst ihre eigenen Jbeen, und bie Wirkung war, daß ber Kreis ber Erörterungen immer weiter gelogen wurde, wobei man sich dann, wie das in derartigen Fällen zu gehen pflegt, auch sachlich immer weiter auseinanderredete.
Der Anstoß zu praktischer Arbeit kam von außen her. Zunächst wurde im Winzer-Ausschuß des Reichstages die A u f h e b u n g d e r W e , n st e u e r ke schlossen. Man kann sowohl aus wirtschaftlichen, als namentlich auch aus finanziellen Erwägungen heraus geteilter Meiung darüber fein, ob dieser Beschluß richtig war. Politisch aber stellte er eine Tat- iodje dar, mit der man sich abfinden mußte. Die inanziette Wirkung war ein weiterer Ausfall bei heu Reichseinnahmen in Höhe von 50 Millionen Mark. Dazu kam dann die Erkenntnis, daß gewisie Hoffnungen, die man vor zwei Monaten noch auf hip Besserung der Wirtschaftslage fetzen konnte, sich nicht in b*n erwarteten Maße erfüllen würden. Die 3al)( der Arbeitslosen stieg zwar nicht mehr, ncr sie blieb konstant, und das bedeutete, daß die 3al)( derjenigen Arbeitslosen, deren Unter» siDtzungsdauer abgelaufen war, nicht ihrerseits konstant blieb, sondern tagtäglich wuchs. ?icfe letzteren Arbeitslosen, die Ausgesteuerten, wie mon sie nennt, aber fallen ber gemeinblichen Fürsorge zur Last, unb es war offenbar, daß hie Gemeinden auf die Dauer diese Last ohne finanzielle Hilfe des Reiches nicht würden tragen können, iklcichviel, ob man sich dazu entschloß, aus diesem jimlaß einen besonderen Fonds zu bilden oder die ilRiterstützungsdauer zu verlängern, die Folge war in ietem Falle, daß Mittel des Reiches für diese Zwecke .■ iit höherem Maße beansprucht wurden als bisher.
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