essen Frankreichs entsprochen hätte, und die auf die Begünstigung des Separatismus hinauslaufe. Die wirtschaftlichen Beziehungen mit dem rheinischen Volke müßten aufgebaut werden. In Köln solle beispielsweise eine große rheinländische Handelskammer eingerichtet werden. Im S a arge b i e t seien die Versuche der französischen In- dustriellen, mit den Saarindustriellen und dem Mittelstand zusammenzuarbeiten, völlig fehlgeschlagen. Wen es heute zu einer Volksabstimmung im Saargebiet käme, würde 'sie sicherlich gegen Frankreich ausgehen. Der Redner gab der Hoffnung Ausdruck, daß es Briand zu dieser Volks- abstimmung überhaupt nicht mehr kommen lassen werde.
Ministerpräsident Briand.
erklärte, man habe in der Initiative Frankreichs hinsichtlich der Ernennung neuer Mitglieder des Völkerbundsrates etwas gegen Deutschland Gerichtetes erblicken wollen, in dem Augenblick, in dem es in den Völkerbund eintritt. In Wirklichkeit handle es sich hier um eine alte Frage. In Locarno seien tatsächlich keinerlei Verpflichtungen nach dieser Seite übernommen worden. Die Völker, die einen ständigen Sitz im Völkerbundsrat haben wollten, hätten den demnächstigen Zusammentritt des Völkerbundes dazu benutzt, um ihre Forderung zu stellen. Das fei nur natürlich. Die franz. Regierung stehe einer Erweiterung des Völkerbundsrates zu stimmend gegenüber, und zwar wegen der Ausdehnung der Geschäfte, die er zu behandeln habe. Gr hoffe, daß Deutschland begreifen werde, daß das sein eigenes Interesse bedeute. Auf der Seite Frankreichs sei jedenfalls der gute Dille vorhanden. „Wenn wir 1914 die Garantie Englands und Italiens und die Sicherheit des Beistandes der Tschecho- slvvxckei und Polens gehabt hätten, glauben Sie, daß Deutschland den Kriea erklärt hätte?" Man könne nicht zu gleicher Zeit eine Jsolie- rungspolitik treiben und gleichzeitig Allianzen suchen. Frankreich habe in Locarno den Beweis erbracht, daß es einen neuen Krieg verhindern wolle. WaS wollen Sie denn an die Stelle Locarnos setzen? — Allianzen? Mit wem denn? Em von England und Italien unterzeichnetes Abkommen, das aus dem Rheinland eine internationalisierte Grenze mache, biete für Frankreich eine ernsthafte Garantie. Wer den Frieden haben wolle, müsse ihn wollen. Er glaube, seinem Vaterlande dadurch einen Dienst erwiesen zu haben, daß er ihm die Wege zum Frieden geöffnet habe.
Hieraus wird die A b st i m m u n g vorgenommen und die Ratifizierung der Abkommen von Locarno mit 413 gegen 71 Stimmen genehmigt.
Die Friedensmiete.
Der Beschluß des Reichstags.
Berlin, 2. März. Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratung des sozialdemokratischen Antrages auf Aenderung des Finanzausgleichs in den Bestimmungen über die Wohnungsmi ete. Nach diesem Antrag soll der Zeitpunkt für dre Erhebung der vollen Friedensmiete vom 1. April 1926 auf den 1. April 1927 verlegt werden. Der Ausschuß beantragt dagegen die Verlegung aus den 1. Juli 192 6.
Abg. Höll ein (Komm.) begründet unter scharfen Angriffen auf die Regierung einen 'Antrag, der öle Forderung des ursprünglichen fozialdemokra- tlschen Antrags wieder aufnimmt. — Der kommu- nWsche Antrag, für den auch die Sozialdemokraten stimmen, wird ab gelehnt und der Ausschny- antrag in zweiter und dritter Lesung angenommen.
Das Haus beschäftigt sich dann mit der iWeiterberatung des Haushalts des Reichs- arbeitsministeriums. wobei die Redner aller Parteien zahlreiche Wünsche und Anregungen an den Minister richten, namentlich hinsichtlich des Schutzes der Jugendlichen-, Arbeitsminister Dr. Brauns erklärt, daß das Jugendschuhgesetz demnächst das Kabinett beschäftigen werde. Im Bergbau dürften Jugendliche unter 18 Jahren nicht unter Tage beschäftigt werden. Der Etat des Ministers wird angenommen, woraus sich das Haus der Be- rahmg des Haushalts des Reichswehr- ministeriums zuwendet, nachdem Anträge der Völkischen, Deutschnationalen und Kommunisten, vorher den Auswärtigen Etat zu beraten, um dem Hause die Möglichkeit einer Stellungnahme zum Eintritt Deutschlands in den Völlerbund zu geben, abgelehnt worden waren. Rach Erstattung des Ausschuhberichtes durch den Abg. Stücklen (Soz.), in dem dieser mitteilte, daß zahlreiche Abstriche am Etat gemacht worden sind, vertagt sich das Haus auf Mittwoch.
Das Zentrum gegen das Volksbegehren.
Die Zentrumsftaktion des Reichstages erläßt eine Kundgebung, in der es u. a. heißt: Die ver-- mögensrechtlich« Auseinandersetzung nut den Fürstenhäusern eignet sich nicht für ernen Volksentscheid. Das im Volksbegehren geforderte Gesetz steht zu den Grundsätzen der Reichsverfassung in unlösbarem Widerspruch. Zur Herbeiführung einer gerechten Lösung soll von Reichs wegen ein Sondergericht gebildet werden. In diesem Gerichtshof werden auch Laien in ausreichender Zahl mitzuwirken haben. Die Krmdgebung schließt mit der Aufforderung an die Zentrumswähler, ihre Ramen nicht in die Liste für das Volks- begehren einzutragen
Preußischer Landtag.
Berlin, 2. März. Rach Erledigung kleinerer Vorlagen wurden die vorliegenden Anträge des Zentrums, der Deutschnationalen, Kommunisten und Wirtschaftlichen Vereinigung über die Rotlage der Winzer beraten. Gefordert werden darin u. a. Aufhebung der Weinsteuer, großzügige Maßnahmen zur Hebung des Msatzes deutscher Weine, Erlaß der Staatssteuern, Erhöhung der Zollsätze für Ausland- weine usw. Von den Rednern wird betont, daß die Staatsregierung angesichts der Vorgänge in Bernkastel die Pflicht habe, den Ursachen, die dazu geführt haben, nachzugehen und entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Sämtliche Anträge werden schließlich dem Hauptausschuß überwiesen. Das Haus wandte sich dann wieder der Beratung des Haushalts des Innenministeriums zu, wobei Minister Seve- ring auf verschiedene Angriffe erwiderte und il <l betonte, daß die preußische Regierung stark genug fei, jeden Versuch der Kommunisten, die öffentliche Ordnung zu stören, im Keime zu ersticken.
Hilfe für die Landerumverfität.
Der Ainanzausschnsi in Gießen.
L. 11. Gießen, 3. Mär;. Am Samstag traf kur; nach 8 Uhr morgens der Finanzausschuß des Landtags unter Führung des Abg. Delp uno begleitet von Präsident Adelung, ferner als Vertreter der Regierung die Herren Ministerialdirektor U r st a d t und Ministerialrat Dr. L ö h l e i n hier ein, um eine Reihe von Unioersitätsinstituten und -einrichtungen ;u besichtigen. Die Landesunioersitat hatte im Anschluß an ihre Eingabe an den Landtag, bett, unerledigte Anträge, den Wunsch geäußert, es möchte sich der Ausschuß von der Dringlichkeit der Anträge an Ort und Stelle überzeugen; dies ist nun dankenswerterweise sehr rasch und gründlich geschehen. Der Rektor, die Dekane der Fakultäten, mehrere andere Herren der Landesuniversität und ein Vertreter des Hochbauamtes erwarteten den Ausschuß am Vahnhos und fuhren dann mit ihm in einem Pofiauto zunächst zum früheren Garnisonlazarett, wo das Forst- und Geologische Institut unter- gebracht werden sollen; das Agrikulturchemische Institut befindet sich schon dort. Rach Vorträgen der Jnstitutsvorsiände und des Vertreters des Hochbauamtes fuhr man zur Universitätsbibliothek, von da zum Universitätssekreta- riat, kunstwissenschaftlichen 3 n ff i f u t und zum Vorlesungsgebäude, wo die drangvoll sürchkerliche Enge im Geologischen und Mineralogischen Institut besonderen Eindruck machte. Dann wurde die Ohren klinik besichtigt und darauf an der Einweihungsfeier des Erweiterungsbaues der Luvusheiistätte teilgenommen. Daran reihte sich die Besichtigung der Psychiatrischen Klinik, des neuen Tierseuchen- und Roflauf-Zmpsinstifuts, des Maschinenhauses der Kliniken, der Kinderklinik und des Reubaues des Physiologischen Instituts.
Ein einfaches Mittagesien vereinigte schließlich alle Teilnehmer im Egeheim auf der Schönen Aussicht, dessen Einrichtung später von dem Protektor erklärt und von den Gästen in Augenschein genommen wurde. In Rede und Gegenrede kam zum Ausdruck, daß der Staat auch in finanziell schlechten Zeiten seine höchsten Kulturgüter, llnioer- sitäf und Technische Hochschule, um so mehr ft ü (; e n muß, als diese berufen sind, neue Werte zu schaffen und damit gerade dem finanziellen Eimd zu steuern. Der Vorsitzende des Finanzausschusses dankte für die dem Ausschuß gewährte Aufklärung, muhte zugeben, daß Abhilfe dringend notwendig sei; der Ausschuß werde alles tun, um im Rahmen des Möglichen die Un'iversitäfseinrichtungen zu vervollkommnen. Bei dieser Gelegenheit wurde auch den wilden, von einer ganzen Reihe von Zeitungen lueifergegebenen Gerüchten, als ob die Aufhebung dec Universität Gießen bevorstehe, mit allem Nachdruck entgegengefrefen und sie als völlig unbegründet erklärt.
Hessischer Landtag.
Darmstadt, 2. März. Präsident Adelung eröffnet um 101 Ähr die Sitzung und teilt mit, daß heute die gedruckt vorliegende Tagesordnung erledigt wird: morgen soll Mit der Beratung des Voranschlags für 1926 begonnen werden. Abg. Schott richtet eine Kleine Anfrage an die Regierung, die sich auf die Erhebung des Stempels bei der Steuer für den bebauten Grundbesitz bezieht. Ministerialdirektor Dr. Schwartz teilt mit, daß der Stempel für die beanstandeten Fälle nicht mehr erhoben wird.
Hierauf wird in die Tagesordnung eingetreten und eine Regierungvorlage über die einstweilige Zurverfügungstellung der im Staatsvoranschlag für 192b vorgesehenen Daukredite ohne Debatte angenommen.
Zu einem Antrag der Abgeordneten Dr. Werner und Gen. wegen Aufhebung des Verbots politischer Parteien, des deutsch-völkischen Schuh- und Trutzbundes, des Jungdeutschen Ordens usw., beantragt der Ausschuß Ablehnung mit 8 gegen 3 Stimmen, in der Form, daß der Antrag durch eine Regierungsantwort für erledigt erwart wird.
Abg. Dr. Werner (Dntl.) erklärt, daß das Landesamt für das Dildungswefen den Orden gegenüber einen anderen Standpunkt einnimmt als das Ministerium des Innern in seiner Antwort.
Das Haus stimmt gegen die Rechtsparteien dem Antrag des Ausschusses zu.
Ein kommunistischer Antrag, der eine Beihilfe für die Ost em die Schule verlassenden Kinder will, wird nach längerer Debatte abgelehnt.
Ein dem Hause vorliegender Antrag der Abgeordneten Heinstadt, Weckler und Gen. zur Landgemeindeordnung will, daß Gemeinden über 2000 Einwohner, die einen Berufsbürger- meister wählen wollen, diese Wahl durch die Gesamtgemeinde und nicht durch den Gemeinderat vornehmen. Wie Abgeordneter Dr. Riepoth als Berichterstatter mitteilt, erklärt die Regierung diese Angelegenheit wohl als grundsätzlich bedeutungsvoU, doch nicht als vordringlich. Der Ausschuß beantragt die lieber- weisung des Antrages an die Regierung als Material zur allgemeinen Verwaltungsreform. Das Haus stimmt dem Antrag zu.
Ein Antrag der Abgeordneten Leuschner, Stork und Gen. zum Reichsgesetz übet die Schutzpolizei wurde durch eine Regierungsantwort für erledigt erklärt.
Zu einem Antrag der Abgeordneten Galm und Gen. wegen Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zur Feststellung der Vorgänge bei der
Internierung deS Ingenieurs Plaueln ln Offenbach
macht Abg. Galm lKomm.l längere Ausftch- nmgen, die in starken Vor würfen gegen das Ministerium für Arbeit und Wirtschaft bestehen. Er ftihrt a. u. aus, Plaueln fei nicht geisteskrank, tote behauptet werde; er sei nur den Behörden unbequem, weil er gegen Unzulässigkeiten bei der Herstellung von Bleiweitz durch eine Firma vorgegangen fei. Hierbei wäre daS Leben von Arbeitern bedroht gewesen, aber die Gewerbe- aufticht sei nicht eingeschritten xmb das Ministerium habe sie gedeckt Später habe dann daS Ministerimn, auf Ersuchen der Reichsregierung das beanstandete Verfahren verboten. Dem Ingenieur Plaueln wolle man überdies die Früchte einer Erfindung zur Dleitoeißherstellung entziehen. Längere Ausführungen macht der Redner über die Festnahme und die Internierung des Ingenieurs in Gießen. 3m Zusammenhang mit dieser Affäre spricht Abg. Galm von einem ..Schwindel" des Regierungsvertreters dem Mi
nister Raab wird auch sein früherer Beruf als Zigarrenarbeiter vvrgeworfen, wogegen der Präsident Einspruch erhebt. Abg. Galm meint, der Minister müsse sich, um sich von den gegen ihn erhobenen Vorwürfen rein zu waschen, einem Disziplinarverfahren unterwerfen, das er selbst beantragen solle. Während der Rede haben sowohl der Minister Raab wie die Sozialdemokraten in der Mehrzahl den Saal verlassen. Von der Regierung wird keine Antwort erteilt.
Abg. Dr. Büchner (5>em.) erklärt, es seien hier so schwere Vorwürfe erhoben worden, daß unbedingt eine Untersuchung stattsinden müsse. Das Haus nimmt dann einen Antrag Dr. Werner an, die Angelegenheit an den Ausschuß zurückzuverweisen. Der Airsschuß soll bestimmen, ob die Einsetzung eines besonderen Ausschusses zur ilnterfucfhing des Falles notwendig sei.
Ein Antrag des Abgeordneten Hattemer wegen Ruhegehalt- und Hinterbliebenenversorgung der Hess. Rotariatsangestellten wird durch eine Regierungsantwort für erledigt erklärt. Darin wird ausgeführt, daß die Geldmittel hierfür fehlen.
Ein Antrag der Abgeordneten von Helmolt und Gen. will, daß die Regierung beauftragt wird, im Reichs rat gegen den Entwurf eines A r- beitslosenversicherungsgefetzes zu stimmen und insbesondere die Einbeziehung der landwirtschaftlichen Arbeitnehmer unter den Der- sicherungszwang abzulehnen. Der Ausschuß beantragt einstimmig Ablehnung dieses Antrages.
Rach längerer Debatte, in der die Abgeordneten Dr. Müller, Engelmann, Felder und Weckler das Wort ergriffen hatten, erklärt Minister Raab, die Regierung rönne dem Antrag nicht entsprechen. Sv tote die Arbeitslosenfrage jetzt liege, sei sie halb als Versicherung, halb als Fürsorge anzusehen. So fömte der Zustand nicht bleiben, denn er wäre auch ungerecht. Die hessische Regierung werde sich dafür einsetzen, daß eine Arbeitslosenversicherung geschaffen wird. Die hessische Regierung werde aber auch gegen jede Ausnahme von der Versicherung fein. Weiter sprechen noch hierzu die Abgeordneten Rechthien, Glaser, Dr. Äiepolh, Blank, Roß, Lux, Schott, Dr. Müller, Mann und Felder. Der Ausschuß beantragt, den Antrag Dr. v. Helmolt durch die Regierungsanttoort für erledigt zu erklären. Der Antrag findet eine starke Mehrheit im Hause.
Em Antrag des Abgeordneten. Dr. Werner über eine Aeiröerung des Strafgesetzbuches in bezug auf gewisse Geisteskranke und Verbrecher wird gemäß dem Ausschuhantrag angenommen.
Es werden hieraus noch mehrere Punkte der Tagesordnung beraten und in Uebereinftim- mung mit den Ausschußbeschlüssen erledigt.
Nächste Sitzung Mittwoch 9 älhr.
Aus dem haushaltsausschuh des Reichstages.
Berlin, 2. März. Der HaushaltungSaus- schutz des Reichstages setzte heute die allgemeine Aussprache zum Etat des Innenministeriums fort.
Abg. v. Gu6r ard (Z.): Wir teilen die Auffassung des Ministers, daß der Beamte die gegenwärtige Staatsform bejahen muß, und zwar in und außer dem Amte. Die deutschnationale Auffassung in dieser Frage, wie sie gestern zum Ausdruck gebracht wurde, lehnen wir ab. An der Verhältniswahl halten wir grundsätzlich fest. Die Ausführungen des Ministers über das Reichsschulgesetz liehen die Anerkennung des Elternrechts vermissen.
Abg. D. Mumm (Dntl.) fordert baldige Verabschiedung des Gesetzentwurfes zum Schutze verkirchlichen Feiertage, der im Rechts- ausschuh liege. Er fordert weiter ein Einschreiten von Reichs-- und Landesregierung gegen die schweinischen Stücke auf gewissen Schaubühnen.
Ein Antrag Dr. Schreibers (Zentr.) fordert für das Deutsche Artsland-Institut in (Stuttgart 150 000 Mark, zur Behebung des Rot- standes der deutschen Kunst 200 000 Mark, für die physikalisch-technische Reichsanstalt 200 000 Mark und zur Wiederherstellung des Kölner Domes 200 000 Mark.
Abg. Dryan der (Dtschnat.): Von den beamtenpolitischen Grundsätzen des Ministers bejahen wir restlos die Forderung innerer Gebundenheit mit dem Staate. Es kommt kein Mensch in Deutschland daran herum, daß die Hälfte des deutschen Volkes' die monarchistische Staatsform für geeignet hält. Wir verlangen ein geschlossenes unpolitisches sachlich arbeitendes und gut vorgebildetes Beamtentum.
Abg. Mo ra th (Dtsch. Dp.) wünscht eine Abänderung des Erlasses über die Einsichtnahme in die eigenen Personalakten der Beamten.
Reichsinnenminister Dr. Külz
erklärte, ein Ausbau der Verfassung auf der Grundlage des Werkes von Weimar könne nur willkommen , fein. Die sofortige Abschaffung des Staats- gerichtshofes sei verfrüht. Zu den Klagen über die Sabotage des Volksbegehrens bemerkte der Minister, daß keine Behörde dem Volksbegehren irgendwelche Schwierigkeiten in den Weg legen wurde. Er bedauert, daß in Deutschland der Einheits - Voltstrauertag nicht durchgeführt werden könnte. Das Reichstheatergesetz sei in Arbeit. Die G e s u n d h e i t s w o ch e sei nicht als eine vorübergehende Erscheinung gedacht, sondern als wirksamer Auftakt zur Durchführung einer allgemeinen Dolkshygiene. Nochmals die Beamten- Politik berührend, erklärte Dr. Külz, er denke nicht daran, seine frühere monarchische Gesinnung zu leugnen und sich ihrer zu schämen. Er verlange das auch nicht von den Beamten. Wer sich aber in den Tagen der deutschen Katastrophe in den Dienst des Vaterlandes gestellt habe, müsse darin charakterfest bleiben. Weder Ebert noch Hindenburg hätten auch nur einen Augenblick ihre Vergangenheit geleugnet, aber jeder von ihnen fei eine volle Verkörperung von Pflichtgefühl gegenüber dem Staate. Die allgemeine Aussprache ist damit beendet. Die Einzelberatung wird heute in einer Nachtsitzung vorgenommen.
Südtirol ohne deutsche geitung.
Innsbruck, 3. März. Rachdem die »Me» raner Zeitung" am 28. Februar nach mehr als öOjährigem Bestehen unter hem Zwang der Verhältnisse ihr Erscheinen eingestellt hat, ist gestern zum erstenmal die „Alpenzei- t un g", ein deutsch geschriebenes, aber italienisch orientiertes Blatt, erschienen. Da° mit ist die letzte täglich erscheinende deutsche Zeitung in Südtirol verschwunden.
Aus aller Welt.
Eiu deutsches Riesenflugzeug.
Im Rahmen der akademischen Kurse hielt gestern Dr. Eckener im Düsseldorfer Stadttheater vor-einer zahlreichen Zuhörerschaft einen Vortrag über den modernen Luftschiffvertehr. Eckener machte u. a. die interessante Mitteilung, daß die Dornier werke in Friedrichshafen das Projekt eines neuartigen Flugzeuges in Bearbeitung haben, dessen.Ausmaße alle bisherigen Konstruktionen übertreffen werde. Dieser Riefenvogel soll eine Flügelspannweite von 70 Meter besitzen und mit Motoren von über 3000 PS. ausgerüstet werden. Eine Vorstellung von der ungeheuren Ausdehnung dieser Flug- maschine ergibt ein Vergleich mit dem berühmten Amerika-Zeppelin ^Z. R. Jil“, dessen Motorc nur 1500 PS. entwickeln konnten.
Argentinienflug
des spanischen Königspaares.
Wie der Pariser Korrespondent der Madrider Zeitung .Diario Universal" dem „Journal" mitteilt, sollen König Alfons u»d die Königin Viktoria beabsichttgen, sich mit einem Flugzeuggeschwader unter Führung Frankos nach Argenttnien zu begeben. Die Regierung werde sofort nach RücKehr der spanischen Flieger aus Argentinien den Bau von zehn Wasserflugzeugen anvrdnen. Primo de Rivera und mehrere Generale würden das Königspaar begleiten.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 3. März 1926.
Dom Arbeitsmarkt im nördlichen Oberhessen.
Der Stand der Erwerbslosigkeit Ende Februar.
Die Arbeitsmarktlage im Bereiche des Arbeitsamtes für das nördliche Ober- Hessen (Stadt und Kreis Gießen und die Kreise Alsfeld, Lauterbach und Schotten) hat sich im Laufe des Monats Februar, mit Ausnahme des Kreises Lauterbach, wo eine geringe Besierung eingetreten ist, weiter verschlechtert. Es wurden gezählt: Stadt Gießen: Ende Februar 487 £)aupt= Unterstützungsempfänger, 672 Zufchlagsempfänger (1. Februar 425 bzw. 624); KreisGießen. Ende Februar 1689 bzw. 2189 (1. Februar 1270 bzw. 1646); Kreis Alsfeld: Ende Februar 587 bzw. 977 (1. Februar 526 bzw. 901); Kreis Lauterbach: Ende Februar 204 bzw. 352 (1. Februar 294 bzw. 396); Kreis Schotten: Ende Februar 319 bzw. 634 (1. Februar 283 bzw. 591). Insgesamt also
Ende Februar 3286 hauptunterstühungsempsänger und 4824 Zufchlagsempfänger, gegen 2798 bzw.
4158 am 1. Februar.
Man glaubt an kompetenter Stelle, daß nunmehr der Tiefftand der Erwerbslosigkeit auch in unserem Bezirk erreicht ist und daß in den nächsten Wochen eine Besierung der Verhältnisse eintreten wird. Hoffentlich verwirklicht sich diese Erwartung.
Die Zahl der Arbeitsuchenden in der Stadt Gießen belief sich am 28. Februar aus 587. In dieser Zahl sind alle erwerbslosen Leute, soweit sie den Arbeitsnachweis in Anspruch nehmen, enthalten.
Bornotizen.
— Tageskalender für Mittwoch. Stadttheater: 7.30 Uhr, „Minna von Barnhelm" (Ende 10 Uhr). — Radklub Germania: Monats- versammluna bei Gaub. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Schmetterlingsschlacht".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Nachdem die erste Hälfte dec Spielzeit eine Uraufführung heiterer Att in dem Lustspiel „Der Teufel durch Beelzebub" gebracht hatte, wird jetzt am Mittwoch, 10. März, ein Werk ernsten Charakters, und zwar das Schauspiel „Die letzte Nacht" von Heinz Muller vorn Borne gegeben werden, und zwar gleichfalls als Uraufführung". Der Verfasser ist ein Verwandter von Friedrich Badenstedt und dem rheinischen Dichter Müllcr-Königs- winter; er wird der ersten Aufführung seines Werkes am 10. März beiwohnen.
— Deutscher Bund für christlich, evangelische Erziehung. Donnerstag abend im Johannessaal Familienabend. (Siehe Anzeige.)
— „Unser Gefängniswesen" ist der Titel des dritten öffentlichen Vortrags, den die Volkshochschule in diesem Winter Veranstalter. Nur wenige Staatsbürger wissen von dem Leben hinter den Mauern, die Tausende von Menschen umschließen. Nur ab und zu beschäftigt uns eine Kunde von dorther, im allgemeinen geht man gleichgültig an den Gefängnissen vorüber, lieber das Leben in ihnen wird Geheimrat Prof. Dr. Mittcrmaier am Samstag, 6. März, im Hörsaal 44 der Universität sprechen. Näheres in der gestrigen Anzeige.
Wettervoraussage.
Wechselnde Bewölkung, westliche Winde, Temperaturen wenig geändert, Niederschlagsneigung, vielfach Nebelbildung.
Der neue, mit feinem Kern südlich von Island liegende Wirbel treibt mit seinen Ausläufen, stark nach Süden und dürfte in den nächsten Tagen neue Niederschläge in Mitteleuropa bewirken. Die Tief- druckkette erscheint noch nicht abgeschlossen und neue Störungen sind für die Tage wahrscheinlich.
Gestrige Tagestemperaturen: Maximum. 7,6 Grad Celsius. Minimum: 5,5 Grad Celsius. Niederschläge 4,3 Millimeter. Heutige Morgentemperatur 7,1 Grad Celsius.
** Eine wichtige öffentliche Stadt- verordnetenfitzung ist auf morgen, Donnerstag, nachmittags 5 Uhr, in den Stadtverord- netsn-Sitzungssaal im Stadthaus, Bergstraße, ein- berufen worden. Einziger Punkt der Tagesordnung ist eine Vorlage der Stadtverwaltung bett. Errich- tung einer Wohnhausgruppe am Kugelberg.
** Die Postautolinie Gießen- Krofdorf—Fellingshausen ist seit ihrem Bestehen in ständig steigendem Maße benutzt worden. Die Jnanspruchimhme hat sich nun so gesteigert, daß die Postverwaltung sich gezwungen sah, zur Befriedigung der Ansprüche vom 1. März ab noch einen zweiten Wagen laufen zn lassen. Der Fahrplan ist den gesteigerten Anforderungen entsprechend erheblich ertoei- dert worden. Statt der zwölf Fahrten täglich zu Anfang des Betriebes werden jetzt 23 täglich hin und zurück geleistet. Die Wagen sind nreift vollständig besetzt, besonders ist die Inanspruchnahme der Wochenkarten, ihrer Billigkeit halber, durch Arbeiter und Schülerinnen sehr stark.


