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Nr. 257 Zweites Blatt

Dienstag, 2. November 1926

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Fafzismus und Heer in der Tschechoslowakei.

Don unserem militärpolitischen K.-Korrespondenten.

Bekanntlich veranstaltete unlängst der tschecho- slowakisch« Sokolderband, der fämtlrche nationalen Turnvereine mit insgesamt 6oO OOO aktiven und passiven Mitgliedern umfaßt, m der tschechischen Landeshauptstadt seinen ^oreslon- grest. Dabei siel dem unparteiischer: Beobachter neben den hervorragenden Leistungen ber den turnerischen Wettkämpfen und den prächtigen Massenvorführungen von Leibesübungen die militärische Form des Aufmarsches, des An­zuges und der ganzen Organisation der beteuig- ten Verbände auf. Es erschien daher fast als selbstverständlich, als auch das tschechoslowakische Heer mit einer wirkungsvollen Parade und zahl­reichen Darbietungen aus dem Gebiet moderner Gr'echtsausbildung auf den Plan trat. Das weile Stadion hallte wider vonMaschinengewehr- gelnatter und Kampfwagengedröhne, in der Luft spielten sich die spannendsten Fliegerkampsszenen ab Die Begeisterung der Massen war grenzen- los Zum Schluß hab der Präsident der Republik in einer Ansprache die Bedeutung der Wahr­haftigkeit hervor und der Beifall aus 100 000 Kehlen wollte nicht enden, als er von der natio­nalen Ausgabe der Sokols und des Heeres sprach, die sich gegenseitig ergänzen und in der Vaterlandsliebe übertrumpfen sollten. Das ganze Fest war mit einer ungeheuren Spannung vorn tschechischen Teil der Bevölkerung erwartet wor­den; es sollte den öffentlichen Beweis für_ die Macht erbringen, die die faszistischen Verbände und in ihrem Gefolge die Sokols im Staate be­sitzen und ihre Verbrüderung mit dem Heere, dessen Ches des Generalstabes der faszistischen Bewegung nicht fern stehen soll, öffentlich doku­mentieren. Weniger skeptische Beurteiler der Lage erhofften an diesem Tage sogar die Aus­rufung der nationalen Diktatur, die von den Sokols und Faszisten schon wochenlang zuvor ganz offen gefordert worden war; der geeignete Zeitpunkt schien den Drahtziehern der Bewegung aber offenbar noch nicht gekommen.

Da der Faszismus stets auch außerpolitische weitreichende Ziele hat, ist es zweckmäßig, sich über die für Durchführung außenpolitischer Ziele zur Verfügung stehende Macht Rechenschaft zu geben. Die Bevölkerung der Tschechoslowakei be­steht bekanntlich aus fünf Rationen, von denen die Tschechen nicht einmal 50 Prozent ausmachen. Deutsche. Slowaken, Magyaren und Ruthenen treffen sich in scharf abgegrenzter Eigenart im Heere zwangsweise zusammen, für das sie von sich aus wenig Interesse haben. Die Dienstzeit wurde daher von Jahr zu Jahr verkürzt und be­trägt zur Zeit 18, ab 1. Oktober 1926 nur 14 Monate. Die allgemeine Wehrpflicht beginnt mit dem 20. und dauert bis zum 50. Lebensjahr, sie fordert von jedem Staatsangehörigen Waffen- oder Arbeitsdienst. Das aktive Heer besteht aus etwa 150 000 Köpfen. Es ist gegliedert in vier Militärbezirke, 12 Infanteriedivisionen mit 52 Infanterieregimentern, 3 Kavalleriebrigaden mit ürsgesamt 12 Regimentern, 2 Gebirgsartillerie-, 16 leichte, 14 grobe, 5 schwere, 3 Flakartillerie- reginienter, 5 Pionierregimenter, 1 Kampfwagen­bataillon, eine Airzahl Flieger-, Eisenbahn-, Rachrichten- Fahr- und Kraftfahrverbände.

Den Oberbefehl führt nominell der Staats­präsident und in seiner Stellvertretung das Ge­samtministerium, in Wirtlichkeit der Landesver- teidigungsminister. der sie seinerseits wieder un­eingeschränkt dem Generalstabschef übertragen hat. Dieser führt im Krieg allein und ausschließlich das Oberkommando über das Feldheer. Das Feld­heer wird sogleich nach Mobilmachung auf eine Stärke von 90 000 Mann gebracht werden kön­nen. Durch Rachmusterung und durch Aushebung der 18- bis 19jährigen lassen sich in kurzer Zeit weitere 50 000 Mann gewinnen, deren Ausbil- bildung iJahr nach Kriegsbeginn abgeschlossen sein wird. Durch umfangreiche Einziehung von Reservisten zu längeren Sommerübungen werden die alleren Jahrgänge auf der Höhe ihrer Aus- blldung gehalten. Die Reservemannschaften sind insgesamt zu 14 Wochen, die Reserveoffiziere zu 20 Wochen Reserveübungen verpflichtet. Bei einer Einwohnerzahl von 13,6 Millionen fällt es der

Darinnen liegt begraben...

Das alte Lied, das die Buben vor dem Krieg auf den grünen Festungswällen um Straß­burg fangen, wenn sie mit Säbeln, Helmen und fliegenden Fähnchen Soldaten spielten, ist wie­der wahr geworden. Zu Tausenden liegen sie in der kühlen, herbstnassen Erde gebettet, Freund und Feind, im Tod vereint, die in blühender Kraft auszogen und ihr junges Leben lassen mußten. Andere kamen dazu, Landwehrmänner, die ganze Familien zurückließen und nie wieder in ben ernsten Rorden oder in die Sonne des Südens zu Frau und Kindern heimkehrten. Schwer und grau lastet der Himmel über den Wasgauhöhen. An den Bäumen hängen wie Fahnen auf Halbmast und Trauerflore lange, wallende Rebelstreifen. Trostlos müde verkrie- chen sich die Täler in den Schuh der eng aus­einander hockenden Berge. Heber die Felder, in denen der goldene Weizen reifte, durch die Rebstöcke, die voll purpurner Trauben standen, fährt ein eisiger Rovemberwind, der die letzte Erinnerung an den hellen, warmen Sommer ausbläst und demfußen Elifaz",dem luftigen Garten voll Weizen und Wein" das schimmernde Kleid aus Kupfer und Rot vom Leibe reißt Wie eine Schar wundgeschossener Vögel, herren­los und heimatlos, taumeln die Blätter zur Erde. Welkes Laub deckt den Boden, der vor einem Jahrzehnt vom Donnern der Geschütze erbebte. Gespenstisch, drohend ragt in das graue Richts des Allerseelenmorgens das furchtbare Heer der verstümmelten Bäume. Recken und Könige, durch deren Kronen das Licht der Sonne rieselte, in deren Schatten Amseln nisteten, Kinder spielten, und von denen nichts mehr geblieben ist, als ein nadter verkohlter Körper, ein armseliger Stumps mit einem zu ewiger Anklage erhobenen Arm.

Allerseelen! Wie ein endlos weiter Fried­hof erscheint plötzlich das Land, das sich blühend und reich gesegnet aus den lockenden Tiefen des Rheins zu den grünen Vogesengivseln hinauf­schmiegt. Die Luft ist noch erfüllt von dem Stöhnen und Wehklagen der Verwundeten und Sterbenden, die mit ihrem Blut den braunen, Duftenden Waldbvden getränkt haben. Dort, wo

Republik nicht schwer, jährlich 140 000 taugliche Waffendienstpflichtige zu stellen, von denen nut 60 000 in das Heer eingegliedert werden können.

Die Bewaffnung und Ausrüstung hat sich im Laufe der Iayre erheblich gebessert, die Ver­einheitlichung hat große Fortschritte gemacht. Das Heer verfügt über etwa 4000 leichte und über 1000 schwere Maschinengewehre gegenüber 1100 leichten und 80 schweren Deutschlands, ferner über 1204 großenteils schwere Geschütze gegen­über 280 leichten Geschützen Deutschlands. Für den Mobilmachungsfall sind darüber hinaus noch bedeutende Waffen- und Munitionsvorräte nie­dergelegt. für deren Vermehrung offenbar ganz bedeutende Mittel in den Etat eingestellt sind.

Das Osfizierkorps besteht aus über 10 000 Offizieren, von denen rund 32 Prozent ehemalige aktive Offiziere und rund 20 Prozent ehemalige Reserveoffiziere der österreichisch - ungarischen Armee sind. Wie die Tschechisierung des Heeres sortschreitet, das beweist ein Blick auf die Mit­gliederliste der Militärakademie in Weißkirchen, wo unter 281 Ramen 258 tschechische, 19 slowa- kische und 4 deutsche zu finden sind. Die Weiter­bildung des Offizierskorps wird mit großer Sorg­falt betrieben, in zahlreichen Kursen werden selbst Generale und Regimentskommandeure noch ge° schult.

Sell Jahren geht im tschechischen Parla­ment der Kampf um die pflicht mäßige militärische Iugendvorbereitung. Die Regierungsvorlage will alle körperlich und geistig tauglichen Staatsbürger vom 18. Lebens­jahre ab bis zum Eintritt in das Heer zur Iugevdausblldung verpflichten. Die Ausbildung soll den fiinftigen Rekruten soviel Dorkenntnisse bei ihrem Eintritt ins Heer mitgeben, daß dort nur noch die taktische Schulung und die Ausbil­dung an den Spezialwaffen zu leisten bleibt. Jährlich soll die Ausbildung an 24 Samstagnach­mittagen und 12 Sonntagvormittagen durch Offi­ziere oder von einer Prüfungskommission als be­fähigt erklärte andere Persönlichkeiten betrieben werden. Roch hat die Regierung ihre Vorlage nicht durchgedrückt, aber auch so schon wird die Jugend zu einem großen Teil militärisch vor- gebildet in den Sokols, denen der Staat seit

1920 Waffen zu Ausbildungszwecken zur Ver­fügung gestellt hat. Die Sokols pflegen ebenso sehr wie das Turnen die angewandten Leibes­übungen wie Fechten, Schießen, Kartenlesen, Ge­ländeübungen. Alle Dedvlkerungsschichten sind in den Sotols Bereinigt, der nationale junge Ar­beiter ebenso wie der Student, der Beamte wie der Kaufmann oder Handwerker. Man kann die Macht der Sokols sich erst richttg vorstellen, wenn man weiß, daß sie in 2400 Ortsgruppen 380 000 aktive Mitglieder zählen. Sie bilden ein zweites Heer im Staat.

Die Heeresausgaben für 1926 wurden zwar um 200 Millionen tschechische Kronen gekürzt, sie sie betragen aber immer noch Ve der Gesamt­ausgaben gegenüber l/ro in Deutschland. Auch darf dabei nicht übersehen werden, daß auf die Dauer von 11 Jahren der Jahres betrag von 315 Millionen tschechische Kronen lediglich für Materialbeschaffung eingestellt ist, der für die laufenden Ausgaben nicht herangezogen werden darf. Arts diesem Sonderfonds wird die Armee, die schon bisher über eine außergewöhnlich starke Artillerie (etwa 400 Batterien) verfügte, weiter­hin in beträchtlichem M^ß mit lriegsentscheiden- dem Material versorgt werden können. Die sehr leistungssähige tschechische Rüstungsindustrie, besonders die Slodawerke in Pilsen und die Wassenfabrik in Brünn, sind auf Jahre hinaus mit großen Aufträgen persehen.

So können die Franzosen getrost nunmehr ihren Bundesgenossen, der die Belehrungen und die unmittelbare Einwirkung der französischen Militärmission allmählich als bedrückend und un­würdig empfindet, sich selber überlassen. Der tschechoflowalische Staat hat die französt'chen Lehren willig in sich au genommen und wird allein langsam aber stetig seinen Weg zu einer achtunggebietenden Macht fortsetzen. Geist und Stimmung im Heer sind gut, die Rationalitäten sind entsprechend dem Bevöllerungsprozentsatz innerhalb der Einheiten verwicht und kommen bemerkenswert gut miteinander aus. Die Rach- teile der Rationalitätenmischung werden zu einem großen Teil» durch die vorzügliche technische Aus­stattung des Heeres aufgehoben.

eltfriedens

jt

können, daß Polen, das zuerst etwas ftörnsch war, sich nun auch zu friedlicher Arbeit niedergesetzt hat. Wir brauchen uns nicht darüber zu sorgen, daß S p a n i e n und B r a s i l i e n zur Zeit dem Bölker- bunde fernbleibcn. Ich habe die Drohungen Spaniens im Jahre 1924 schon mit ziemlicher Ruhe ausge­nommen, und ich habe damit gerechnet, daß es mit der Zeit einsehen würde, daß es einen Fehler gemacht habe. Es ist bedauerlich, daß Großbritannien sich über diese Vorgänge aufgeregt hat und versucht hat, Spanien zu besänftigen. Dieses Land in den Völker­bund sozusagen hineinzukaufen, wie wir das zwei­fellos in einer Zeit mal versuchten, würde meines Erachtens nach für den Weltfrieden gefährlicher fein, als das zeitweiilge Fernbleiben Spaniens aus dem Völkerbund.

Ich habe nie großen Wert auf Schieds- gerichtsverträge zwischen einzelnen Staaten gelegt, weil ich der Ucberzeugung bin, daß, wenn ein Krieg droht und die Nationalgefühle sich erhitzen, diese Verträge keinerlei Wert besitzen. Die Abfassung von solchen Verträgen ist indessen geeignet, die friedlichen Gefühle zu wecken und durch diL^dabei notwendigen Erörterungen den friedfertigen Ten­denzen eine Gelegenheit zu geben, sich zu betätigen. Einige dieser Verträge sind mit Klauseln versehen, die von gegenseitiger militärischer Hilfe sprechen. Sie sind daher in Wirklichkeit nur eine mo­derne Form der militärischen Allian­zen, die stets gegen einen gewissen Feind gerichtet sind. Solche Verträge sind natürlich wenig erfreu­lich. Trotzdem muß man zugeben, daß manche Schiedsgerichtsverträge immerhin einen Fortschritt bedeuten, und wir müssen versuchen, diese Fort­schritte zu erweitern und zu vertiefen. Auf diese Weise können wir allmählich zum Ziel gelangen.

Wir dürfen andererseits nicht die gefährliche Flut übersehen, die aus der entgegengesetzten Richtung 1 auf uns einbringt, wir müssen vielmehr versuchen,

Hindernisse des *

Von The Right Honourable R am sah M a c d o n a l d, ehemaligem englischen Premierminister.

Es ist kein Wunder, daß bei vielen Per­sonen heute über die Möglichkeit dauernden Weltfriedens große 3toei.el bestehen. Der po­litische Horizont ist keineswegs frei von drohen­den Wolken, und auch der Völkerbund, auf den wir so viel Hoffnungen gesetzt haben, ist noch lange nicht die wirksame Organisatton, für die wir ihn hielten. Hm uns ein klares Bild der wirklicher: Lage zu machen, müssen wir genau die in der Weltpolitik tätigen Kräfte abwägen, wir müssen die Fortschritte, die in der Sicherung des Weltfriedens gemacht sind, uns vor Augen halten, und die nach der entgegengesetzten Seite hin tendie­renden Kräfte richtig einschätzen. Eitelkeit, Herrsch­sucht, diplomatische Jntriguen und all die anderen menschlichen Fehler, die den Weltkrieg hervor­brachten, lassen sich nicht von einem zum anderen Tage ausrotten, wir müssen unseren Weg gleichsam aus einem Urwalddickicht aus einer ungesunden Gefühlswelt bahnen. Das ist eine schwierige Auf­gabe; wir dürfen dabei nicht ermüden. Ich glaube in­dessen, daß, wenn wir das Für und Wider in Rech­nung stellen und eine Bilanz ziehen, immerhin ein Gewinn herauskommt.

Es ist für den Weltfrieden ein außerordentlich wichtiger Vorgang gewesen, daß Frankreich und D e u t s ch l a n d sich die Hände gereicht haben und in der idyllischen Zurückgezogenheit von Thoiry gemeinsam frühstückten. Und es ist ferner außer­ordentlich wichtig, daß das neue Deutschland nicht so sehr eine Politik der Allianzen als eine Politik der Zusammenarbeit zur Sicherung des Weltfrie­dens erstrebt. Es ist auch hochbedeutsam, daß die führenden Staatsmänner beider Rationen, sowohl Poincars wie Dr. Stresemann, Reden gehalten haben, die bewußt die Zeit von 1914 zu vergessen suchten. Es ist endlich sehr wichtig, daß die Schwie­rigkeiten der Abrüstung nunmehr in ernster Weise studiert werden. Es ist erfreulich, feststellen zu

sie zurückzudrücken. So bildet jede Diktatur ein Gesahrmomenl. Diktatoren mögen eine Zeitlang geeignet fein, die nationale Energie ihrer Staaten aufzufrifchen, wenn sie nämlich brutal genug sind, ihre Gegner ermorden zu lasten oder sie in die 93er bannung zu schicken. Sie mögen selbst geeignet fein, eine veraltete Demokratie künstlich zu festigen. Der Charakter wirklich erfolgreicher Diktatoren ist jedoch napoleonisch und Napoleons sind internatio­nale, nicht nationale Krastzentten.

Italiens Politik erregt aus den oben an- gedeuteten Gründen ein gewisses Gefühl des Hnbehagens und des Mißtrauens in Europa. Mag sein, daß feine Politik rein ist wie das Tageslicht, doch ist sie ganz dazu angetan, seine Rachbarn zu beunruhigen. Das ist besonders des­halb der Fall, tveil Italien so nahe dem ge­fährlichen Brandherd des Balkans liegt und um es mild auszudrücken Versuchungen gegenüber, die in der Ratur dieses Materials liegen, nicht ganz widerstandsfähig ist. Obwohl Italiens Beziehungen zu Frankreich sich nicht nach den Leitartikeln, die in beiden Ländern ver­öffentlicht werden, noch nach dem Geschrei der Menge beurteilen lassen, möchte man wünschen, daß sie besser wären.

Der Beitritt Deutschlands zu in Völkerbunde nimmt diesen wenig erfreu­lichen Betrachtungen zwar ihren Stachel, doch kann man nicht umhin, festzustellen, daß die Verhandlungen in Gens sich unglücklicherweise immer mehr nach dem Vorbilde der alten Diplo­matie entwickeln und daß viele Vertreter nicht mit dem internationalen Geist dorthingehen, der die allgemeinen Weltinteressen an die erste Stelle seht. Vielmehr gehen viele dieser Männer dort­hin mit einem rein nationalen Geist, der die Augenblicksinteressen ihrer Staaten in den Vor­dergrund stellt. Weltinteresse und nationaler Vorteil sind weder in sich selbst antagonistisch noch schließen sie sich gegenseitig aus, trotz der Tatsache, daß viele Leute dies nicht in ihren Kops bekommen. Aber die Ziele einer Politik, die von einem Mann getrieben wird, der sich selbst als Schützer des internationalen Rechtes fühlt, während er zu gleicher Zeit auf feine nationalen Wünsche achtet und versucht, sie in das viel weitere System der internationalen Interessen einzugliedern, ist völlig verschieden von der Politik eines Mannes, der die Welt­politik durch die Verfolgung seiner eigenen natio­nalen Ansprüche formen möchte. Der erstere er­ringt wirklich nationale Vorteile, da er sie in einer befriedeten Welt verankert, während der letztere durch die Gegenzüge feiner Mitspieler auf dem internationalen Schachbrett von Schach­feld zu Schachfeld getrieben wird. Es ist viel­leicht sehr schwer, die grundsätzlich« Verschieden­heit der beiden diplomatischen Methoden auf dem Papier klarzumachen, doch jeder, der hieran teilnahm, wird wissen, wie wichtig diese Heber­legungen sind. Genf scheint mir leider Zeichen zu zeigen, die darauf hindeuten, daß es von der Auffassung einer lebendigen und organischen Verbindung der Völker im Völlerbunde abrückt und sich nach der Richtung eines Bündels von lose zusammenhängenden Staa- t e n entwickelt, das nicht besser ist als ein Haufen Steine.

Wir müssen uns ferner vor Augen halte::, daß Rußland noch kein friedlicher Staat ist. Seine Energien sind augenblicklich auf fein« innere Entwicklung konzentriert. Solange wir aber di« falsch« Politik einer Isolation Rußlands treiben, muß dieses Land später einmal eine Quelle der Hnruhen werden. Ich wünschte, daß unsere Staatsmänner genauer die Geschichte der fran­zösischen Revolution studieren würden, denn bann würden sie sehen, wie durch kurzsichtige Leiden­schaften anderer Rationen Revolutionen ent­fesselt werden, di« den Weltfrieden gefährden können.

Das sind einige von den dunklen Wolken, die ich augenblicklich am politischen Horizont er­blicke. Sie mögen noch in großer Höhe sein, aber sie sind jedenfalls vorhandem Hm diese Wolken gruppieren sich viele kleine Wölkchen von minderer Gefahr. Hierzu gehören noch nicht geregelte Grenzen, Minderheitsunterdrückungen, Diktaturen, das österreichische Problem und die Cigenbewegung von wachsenden Völkern, die auf ihre Grenzen drücken. Es muß sicherlich noch

die Kämpfe am heißesten tobten, wo wochenlang unter sengender Hitze, in der Kälte des Winters zwischen Felsen und Gestrüpp um einen Graben gekämpft wurde, sind die Dergfriedhöfe entstan­den, um die der Sommer einen Hellen, blühen­den Reisen von Ginster u:ü> blauen Glocken­blumen schließt. Hier ruhen die Toten in der unheimlich kühlen Stllle des Rovembertages. Ein Kreuz ragt neben dem andern wohl an die hundert werden es fein nur mit kurzer Inschrift versehen und doch bedeutet jeder Raine, jede Zahl ein tragisches Menschenschicksal, ein Stück des furchtbaren Leides, das heute noch feine schwarzen Fittiche über Millionen von Menschen­herzen ausbreitet. In Massengräbern sind die Hnbekannten, die zu einem formlosen Richts zer­schossenen armenInconnus untergebracht, die von keiner trauernden Frau, von keiner vom Schmerz gebeugten Mutter je besucht werden können.

Der Tag der Toten ist mächtiger als alle Schranken, die von den in Zank und Haß Lebenden aufgestellt wurden. Er vereint die Völker. An den Gräbern der Gefallenen finden sich die Hände, falten sich ineinander zu wort­losem Gebet. Die französische Regierung hat Er­leichterungen geschaffen. Die Deutschen, die im Elsaß ein Grab haben, können ohne Visum über die Grenze geben. Straßburg, die wunderschöne Stadt, in der heute wieder so viele tapfere Soldatei: begraben liegen, birgt, wie einstens, Deutsche aus allen Teilen des Reiches, die eine große, durch gemeinsames Leid verbundene Trauergemeind« bilden. Scharen schwarzgekleide­ter Menschen gehen durch die Friedhöfe St. Urban und Kronenburg zu den Gräbern ihrer Angehörigen. Frische Kränze aus Chrys­anthemen und wehmüttg blassen Herbstastern be­decken die sttllen Ruhestätten. Kleine Lichter flackern gleich unruhigen Seelen. Wie eine ein­zige mächtige, den Lärm des Alltags übertönende Totenweise klingt es von den Kirchhöfen über die Gassen und traulichen Winkel, hinauf zum Mün­ster. Losgelöst von aller Erdenschwere, unbe­rührt von der Leidenschaft der Jahrhunderte ragt Erwins Bau als hehres Wahrzeichen des Unvergänglichen hoch über Leben und Tod in den grauen Allerseelenhimmel hinein...

Die neuentstehende We8L".

Von Dr. Olga oon Ungern-Sternberg.

Es ist das Einfachste und leichtest Verständliche, was Keyserling*) bisher geschrieben hat, und zugleich die Darstellung eines völlig neuen Gesichts­punktes, der aus die unmittelbare Bestimmung der Brennpunkte menschlichen Lebens selbst ausgeht. Und zwar in diesem Fall jener, die für die Möglich­keit schöpferischer Wirksamkeit in Frage kommen.

Es sind zwei Momente, die das Charakteristische dieser Schrift ausmachen, zwei Momente, die per- önlichster Einstellung entsprechen, dennoch oder zerade deshalb Allgemeingültiges darstellen und rurch alle Ebenen menschlichen Seins hindurch wirk- am sind. Beide bedeuten innerhalb des in tausend­jährigen Perspektiven aufgerollten Weltbildes, das den Inhalt dieser Schrift bildet, ein doppeltes: näm­lich für den auf Tat gerichteten Geist den Ansatz­punkt, wo Weltgeschehen und menschliches Wesen keimhaft Zusammenhängen, für den auf Erkenntnis gerichteten Die Zentren, welche die Grundtatsachen des Lebens in eine doppelpolige Bedeutung zuein­ander setzen,

Zusamniengefaßtester Ausdruck des einen dieser charakteristischen Momente sind die Worte des Ver­fassers selbst in dem ersten Abschnitt seiner Einfüh­rung, nämlich daß diese Schrift mehr bedeute als den Niederschlag persönlichen Denkens, daß sie Teilausdruck einer uberperfönlichen Geistesbewe­gung" sei. Dies ein Bekenntnis zur Solidarität mit dem organisch Erwachsenden. Diesem entsprechend wirkt sich als Grundton dieses Buches oon Anfang bis Ende eine Haltung des Geistes aus, die sich un­bedingt zu all dem bekennt, welches für die Ge­samtheit über das Gegenwärtige hinausweist. Für den Leser erzwingt diese geistige Einstellung durch die Beschwörung der unendlich mannigfaltigen Bil­der organischen Wachstums in einem unerhörten Zugleich und Miteinander und voneinander Ab­hängigsein alles dessen, was dem lebendigen Men­schengeist Fatum bedeutet, die unbedingte Anerken­nung der Mächte des realen Lebens, der bindenden Bedingungen der in lebendiger Umbildung beftnd-

*) Graf Hermann Keyserling:Die neuent- stehend» Welt", Verlag Reichl, Darmstadt.

ließen Wirklichkeit. Aus diesem erwächst, an kon­kreten Gegebenheiten aller ßebcnsgeoiete faßbar dargestellt, die Basis für menschliches Tun.

Hier nun greift das zweite für das Wesen die­ser Schrift bedeutsame Moment ein allein der Sphäre menschlichen Wollens zugehörig, welches von dem im letzten Kapitel zitierten Kongfutsewort im Kern getroffen ist:Wenn ich jemandem eine Ecke zeige und er kann es nicht auf die drei an­deren übertragen, dann wiederhole ich nicht." Dies die unerbittliche Forderung zur Selbsttütigkeit des Geistes, die sich je und je im Einzelleben und in der Geschichte gestellt hat und in aller Zukunft stellen wird; das Bekenntnis zur Ausschließlichkeit, zur Aussonderung der Qualität, das Mehr oder Weniger, welcyes einzig vor dem Geist entscheidet und Macht gibt über das Leben: Aufruf zur Verantwortung im Letzten.

So vom Menschen aus gesehen und auf ihn, nur auf den Menschen bezogen, werden die Mächte des Lebens dem geistigen Gesichtspunkt im Verhältnis zu feiner Ueberblickskraft wachsend zugänglich. Da­durch erschließt sich ihm eine neue Wirklichkeit. Diese nun wird zur Basis für neues Tun. Zugleich ge­winnen von dort yer die bindenden Fakten, welche vom Leben her anzuerkennen sind, für den Men­schen erneute Bedeutung als vom Geist aus umzu- bildendes Material, welche Umbildung durch die Fähigkeit zur Integration und zum Transpo­nieren vor sich geht.

Wie aus dem Zueinander und Gegeneinander dieser beiden der unter- und übertriebßaften Sphäre menschlichen Wesens zugehörigen Pole und aus der mit allen Mitteln des Intellekts, des Ausdrucks und der Nuance aufgerollten Schau historischen Ge­schehens die eigentliche Frucht dieser Schrift erwächst, nämlich die Bestimmung des Ansatzpunktes für schöpferisches Menschentum, darauf kann hier nicht eingegangen werden. Denn sachlich ist darüber nichts auszusagen, weil es kürzer als in der Schrift selbst nicht zu fassen ist und auch dort vor allem aus dem persönlichen Ausdruck, dem persönlichen Ton heraus klar wird eben weil nur dieser überzeugt, daß die als Ausgangspunkt für schöpferisches Wirken ge­forderte Identität von Sein und Wissen dem hier Gesagten in der Tat zugrunde liegt.