Nr. 257 Erster Blatt
176. Jahrgang
Dienstag, 2. November 1926
(gr|d)«tnt täglich,außer Sonntage und Feiertag».
Beilagen:
Vieh euer Familienblütter Heimat im Bild Die Scholle
Monat,'Lezngexrei»:
8 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Träger» lohn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernfprechanfchlüsse: 51, 54 und 112.
Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Stehen. Postscheckkonto:
Krankfnrl am Main 11686.
GietzeimAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: vrühl'sche UmversilStr-Bllch. unö Stetaöruderti R. Lange in Gießen. Zchristleitung und Geschäftsstelle: Schulstreche l.
Annahme von Anzeigen für die lagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für 1 mm YShe für Anzeigen von 27 mm Brette örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Reklameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20*;„ mehr.
Chefredakteur.
Dr. Friedr. Wich. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wich. Lange; für Feuilleton Dr. H.Thyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den Anzeigenteil i.Dertr. H. Deck, sämtlich in Gießen.
Dresden, 1. Nov. (Wolfs.) Nach dem von der sächsischen Staatskanzlei ermittelten amtlichen Wahlergebnis ist eine Aenderung gegenüber den bereits witoetcilten Ergebnissen nicht zu verzeichnen. Es erhalten also: Alte Sozialistische Partei Sachsens 4 Mandate, Deutschnationale 14, Deutsche Volkspartei 12. S. V. D. 31, Kommunisten 14, Demokraten 5. Wirtschaftspartei 10, Nationalsozialistische Arbeiterpartei 2, Aufwertungspartei 4 Sitze.
Die sächsische Presse beschäftigt sich allgemein mit dein Wahlergebnis, ohne zu einem Resultat in der Fraae der wahrscheinlichen Regierungsbildung zu kommen. Fakt übereinstimmend wird festgestellt, daß feste Mehrheiten im Landtag unmöglich sein werden und daß Koalitionsoerhandlungen sowohl nach der linken wie nach der rechten Seite hin unmöglich sein werden. Besonders kennzeichnend für die Lage ist die Ansicht der linkssozialistischen „Dresdener Dolkszeitun g", die am Schluß einer längeren Betrachtung schreibt: Es kann leicht sein, daß dieser Landtag weil in ihm eine Grundlage für eine arbeitsfähige Regierung kaum zu finden sein wird, keine allzu lange Lebensdauer hat.
Die Berliner Presse kommenti-rrt ben Wahlaus'all sehr lebhaft. Die „9 213“ verbucht einen Erfolz der Radikalen. Für die bürgerlichen Parteien sei das Ergebnis an sich günstig. Es müsse jedoch weacn der Vielheit der Frak- tionen verpuffen. 5>:e „Kreuzzeit u n g" sieht als Eroebnis der Wahlen Zustande voraus, die denen ähneln würden, die die Reichsregierung seinerzeit veranlaßten, Truppen in Sachsen einmarschieren zu lassen, unb unterstreicht den Erfolg der Wirtschaftspartei und der Aufwertungspartei. Die „Deutsche Zeitung" sieht in dem Ergebnis der Landtagswahl in erster Linie eine Art neuerlichen Volksentscheids gegen den Parlamentarismus und tarophezcit für Sachsen ein parlamentarische- Chaos. Die „Deutsche Tageszeitung" schreibt, man könne sich des Gefühls tiefsten Bedauerns darüber nicht erwehren, daß große Möglichkeiten zur Erringung eines Sieges der staatsbürgerlichen Kreise an den unseligen Zersplitterungen in kleine und kleinste Onteressenkreise glatt gescheitert seien. Zn der »Täglichen Rundschau" heißt es: Die Landtagswahl hat eine geradezu erschreckende ^Zersplitterung zutage gefördert. Es zeigt sich, wie
Der Wirrwarr in Sachsen
Die sächsischen Landtagswahlen sind ein Schul- beispiel dafür, wie ein Wahlkampf nicht geführt wer- den soll. Gerade in Sachsen, wo die äußerste Linke immer dicht an die absolute Mehrheit herankam, wäre es notwendia gewesen, die bürgerlichen Parteien zu einer Einheitsliste zu bekommen. Das war vor vier Jahren schon zum Teil gelungen. Diesmal find die Bürgerlichen mit nicht weniger als neun Listen aufmarschiert, was unausbleiblich zu einer sehr starken Zersplitterung der Stimmen führte. Es hat aber weiter zur Folge gehabt, daß diese kleinen Splitter ausgefallen sind in einer Gesamtzahl, die sonst vielleicht für weitere bürgerliche Kandidaten ausgereicht und damit die kommunistische Mehrheit, die auch jetzt wieder vorhanden Ist, beseitigt hätte. Es hat aber weiter zur Folge gehabt, daß eine praktische Möglichkeit zur Regierungsbildung kaum noch zu sehen ist. Die alte Koalition, die aus der Deutschen Volksparti, den Demokraten und den Mehrheitssozialdemokraten bestand, verfügte über 49 Stimmen, also gerade die Halste. Was von ihr übrig bleibt, ist nicht allzuviel; die alte Sozialdemokratie hat von ihren 23 Mandaten 19 verloren, die Deutsche Volkspartei verliert 6 und die Demokraten 3. Diese Gruppe ist also als Trägerin einer Regierung nicht stark genug, selbst wenn man die Wirtschaftspartei hinzuzählt, die mit zehn Mandaten in den Landtag einzieht, wie zu erwarten war, also eine außerordentlich starke Werbekraft an den Tag gelegt hat. Das Auftreten der Wirtschaftspartei und der Aufwertungspartei, die ganz überraschend 4 Mandate erhält, bedeutet eine vollkom- mene Umgruppierung der bürgerlichen Stimmen. Man kann also nicht sagen, daß die Deuschnationalen oder die Deutsche Dolkspartei starke Einbußen erlitten haben, man kann nur sagen, daß ein Teil ihrer Wähler zu diesen neuen Parteien abmarschiert ist, die bisher nicht in den Wettbewerb eingegriffen hatten. Wie diese Frakttonen sich aber parlamen- tarifefc gruppieren werden, ist nicht zu übersehen. Die Wittschastevartei ist jetzt so stark aeworden, daß sie sich der Regierungsverantwortlicykeit kaum mehr wird entziehen können. Eine Kombination ohne sie ist nicht denkbar, aber auch die Deutschnationalen werden vermutlich herangeholt werden müssen, wenn praktische Arbeit geleistet werden soll. Der Ministerpräsident wird durch den Landtag gewählt. Dis offiziellen Sozialdemokraten mit ihren 31 Mandaten und die Kommunisten mit ihren 14 Mandaten werden sich vermutlich sehr rasch auf einen gemeinsamen Kandidaten verständigen, der nicht gerade Zeig- n e r zu heißen braucht, aber doch eine Art Zeigner sein wird. Sie haben also sicher 45 Stimmen für sich, und es wird nicht ganz einfach sein, alle übrigen auf einen anderen Namen zu vereinigen. Die alte Sozialdemokratie mit ihren 4 Mandaten kann das Zünglein an der Wage fein. Daß sie überhaupt noch so viel Stimm", bekommen hat, wo der gesamte Parteiapparat gegen sie arbeitete, ist, relativ gesehen, ein Erfolg, der möglicherweise schon genügt, um die radikale Sozialdemokratie nachdenklich zu stimmen und sie zu veranlassen, den Bogen nicht au Überspannen. Sonst marschieren wir bei der Zersplitterung der bürgerlichen Parteien in Sachsen in eine neue Aera Zeigner hinein, und das wäre weder den Sachsen noch dem Deutschen Reiche zu wünschen.
Weitere Verschärfung in Italien.
Italiens Diktator ist aufs neue mit knapper Rot einem mörderischen Anschlag entgangen. Es hat in der Tat nicht viel gefehlt, unt> der Duce wäre heute nicht mehr am Leben. So bedauerlich dieser Vorfall ist, so muß doch immer wieder festgestellt werden, daß Gewalt nur Gewalt a u s l ö st , daß ein Diktator, wie Mussolini, von Feinden ohne Zahl umringt ist, und stündlich mit dem rechnen muh, was in Bologna für ihn noch einmal glücklich abgelaufen ist. Die sich häufende Zahl von Mordanschlägen ist kein gutes Zeichen für den Faszismus selbst, der besser daran täte, i n n e r p o li t i s ch einen anderen Kurs einzuschlagen, statt durch das fortgesetzte Betonen feiner herrschenden Stelluml nur Verbitterung und Haß heranzuzüchten. Ganz ähnlich liegen ja heute auch die Dinge in Sowjet-Ruß- land. Dort sind die kommunistischen Würdenträger ebenso von Gefahren für ihr Leben umgeben, wie das bei Mussolini der Fall ist, toerm auch in Italien die gegenrevolutionäre Bewegung noch nicht die Kraft besitzt, wie in Rußland. Die Auseinandersetzungen innerhalb des FaszismuS lassen es aber möglich erscheinen, bafi eines Tages die faszistische Opposition anfängt, mit den gleichen Mitteln zu arbeiten, wie es die kommunistische in Ruhland bereits tut. Tritt dieser Fall ein, dann wächst für Mussolini die Gefahr, durch Mörderhand zu fallen, ins Ungeheure, zumal sie jetzt schon, wie die Ereignisse der Vergangenheit zeigen, riesengroß ist.
Der Attentäter festgestellt.
Genf, l.Rov. (TU.) Rach einem soeben hier eingetroffenen Telegramm aus Bologna ist nunmehr die Leiche des Attentäters auf Mussolini identifiziert worden. Es handelt sich um einen Knaben von 15 Jahren namens Antonio Z a m b o n i, Sohn eines bekannten Bologneser Buchdruckers. Der Vater hatte dem Knaben verboten, sich nach 5 Uhr nachmittags auf der Straße aufzuhalten. Da der Knabe am Sonntagnachmittag nicht nach Hause zurückgekehrt war, begab sich der Vater im Vorgefühl, daß ein Unglück passiert sei, zur Polizei, wo er die Leiche des Attentäters als seinen Sohn identifizieren tonnte. „Lavoro d'Italia" teilt mit, daß Antonio Zamboni niemals eine antisafzi- stische Gesinnung bekundet habe. Man vermute, daß er nicht aus eigenem Antrieb gehandelt habe, und stelle daher Rachforschungen nach den Hintermännern des Attentats an. Der Attentäter, der seit längerem einer faszistischen Jugendorganisation angehörte, war in der letzten Zeit dieser Organisation ferngeblieben. Sein Vater war früher Anarchist gewe'en. Seit vielen Jahren aber entwickelte er anscheinend keine umstürzlerische Tätigkeit mehr. Die eingeleitete Untersuchung soll eventuell weitere Zusammenhänge aufdecken.
Rach einer Meldung aus Bologna wurden die Eltern des Mussolini-Attentäters Zamboni verhaftet. Desgleichen nahm man zwei Brüder des Knaben und eine feiner Schwägerinnen, sowie zwei Bewohner des Hauses fest, in dem die Familie wohnt. Ein dritter Bruder, der als Soldat in einem Infanterieregiment in Mailand dient, ist von diesen Maßnahmen nicht betroffen worden.
Dem „Reuhork Herald" wird aus Bologna gemeldet, daß der Mann, der gestern ein Attentat aus Mussolini verübte, bevor er den Schuß abgab, gerufen habe: „Es lebe die Freiheit!"
Rom macht mobil.
Rom, 1. Rod. (TU.) Roch während der Rächt ist die gesamteMiliz Roms mobilisiert worden. Durch Mauerschläge, Auto- staffetten werden Mvlizsoldaten und Milizoffiziere aufgefordert, sich urrverzüglich in ihren Kasernen eftJusinden. Das Gebäude des oppositionellen „Mondo" und einige Botschaften sind durch starke Militärkordons geschützt. Die Behörden fordern zur Ruhe auf, doch ist die Erregung hochgradig.
Faszistische Ausschreitungen gegen die Opposition.
Rom, 1. Rov. (WB.) Erst letzt toirb bekannt, daß gestern in Bologna außer gegen die Redaktion und Druckerei des „Mondo" und des „Voce Republicana" auch andere Ausschreitungen vor gekommen sind. So wurden u. a_ die Wohnung des Leiters des „Mondo" und die Parteilo^tte der Maximalisten, der Uni- tariner und Republikaner verwüstet. In Mailand wurde die Druckerei des „Avanti" und der „Unita' zerstört, sowie em Redakteur verprügelt. Die faszistischen Führer erließen sofort einen Aufruf, welcher jede Gewalttat verbietet und für den Fall von Ausschreitungen mit dem Ausschluß aus der Partei und gerichtliche Verfolgung bedroht.
Wie verlautet, ist dem Ehesredakteur des „M o n d o" die Erlaubnis, seine T ä 11 g t e i t* auszuüben, entzogen worden. Gleiche Maßnahmen sollen in anderen Städten getroffen werden.
Faszistische Kundgebungen gegen Frankreich.
Paris, 2. Nov. (WTB. Funkspruch.) Wie Haoas aus Nizza meldet, wird dem „Eclaireur de Nice" aus Ventimiglia berichtet, daß die Faszisten anläßlich des jüngsten Attentats gegen Musiottni dort ein» Kundgebung veranstaltet hätten. Ein französischer Eisenbahner habe in dem Augenblick, als die Faszistische Bünde gespielt wurde, mcht sofort seine Kopfbedeckung ab- genommen, worauf die Manifestanten gegen ihn und mehrere seiner Kameraden gewaltsam vorge- aangen seien. Die Faszisten hätten dann vor dem französischen Konsulat eine Kundgebung veranstaltet. Einige seien gewaltsam in das Konsulat eingedrungen, und einer von ihnen habe vom Balkon eine gegen Frankreich gerichtete Ansprache gehalten.
Kundgebung für Mussolini.
R o m, 2. Rov. (WTB.) Gestern abend fand auf der Piazza Colonna eine große faszistische Kundgebung statt, bei der Mussolini lang anhaltende Ovationen dargebracht wurden. Der Generalsekretär der faszistischen Partei, Tu- r a t i, hielt von dem Balkon des Hauses der Pressevereinigung eine Rede, in der er erklärte: „Die Faszisten wollen die Todesstrafe nicht nur für den, der das letzte Attentat verübt hat, sondern auch für die, die ihn dazu verleitet haben." Turati fügte hinzu, er werde im Großen faszistischen Rat fordern, daß die Todesstrafe auch sofort auf Zaniboni, Cape llo und L u r e 11 i Anwendung finde. Die Faszisten nähmen alle Gesetze und jeden Richter an, unter der Bedingung, daß der Urteilsspruch auf
sehr die Bevölkerung von dem Gedanken beherrscht ist, vor allem ihre wirtschastlichen Interessen vertreten zu sehen. Man darf daraus weiter den Schluß ziehen, daß dies auch bei anderen Wahlen im Reich immer ffcärfer hervortreten wird.
Rach der „Germania", die es bedauert, daß es der Zentrumspartei trotz großer Anstrengungen nicht gelungen ist, wenigstens em Mandat zu erringen, sind die wirtschaftlichen Sorgen, die Arbeitslos gkeit, die Aufwertungshosfnungen usw. die Ursache dafür, daß große Mengen von Wählern sich zu Gruppen geflüchtet haben, die wahrscheinlich nicht berufener und befähigter als die großen pol.tischen Parteien seien, die Röte und Sorgen des Alltages zu bannen und zu milbern. Die Atomisierung des politischen Lebens, so heißt es in der „03 off. Z t g.", bedeutet die ernsteste Gefahr für einen demokratischen Aufbau des Staatswesens überhaupt. Das „Berliner Tageblatt" faßt fein Urteil in die Worte zufammen: Das rote Sachfen ist noch roter geworden. Für den Reichsvorstand der sozialdemokratischen Partei bedeutet dieses Ergebnis einen Fingerzeig dafür, daß seine unkonsequente Haltung in der sächsischen Frage den Porten nter- effen schweren Abbruch getan hat. Der „Vorwärts" sagt: Alles in allem ein trübes Ergebnis, das im Zeichen der wirtschaftlichen Depression steht, die sowohl die Entwicklung des Verhältnisses der bürgerlichen Parteien untereinander to:e auch die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Sozialdemokratie und Kommunisten erflärt.
Slresemann wieder gesund.
Reichsaußenminister Dr. S t r e f e m a n n, der die beiden letzten Wochen durch einen Grippeanfall an das Haus gefesselt war, ist vollständig wieder her gestellt.
Die Konferenz der KnanzmiMer
Berlin, 2. Rov. (TU.) Aus Anlaß der heute beginnenden Konferenz der Finanzmini st er der Länder im Reichs- sinanzminifterium fand gestern abend bei dem preußischen Finanzminister ein Bierabend statt, zu dem fast alle deutschen Länderfinanzminister erschienen waren. Im Laufe des Vor- und Rachmittags sanden mehrere Vorbesprechungen über den Inhalt der heutigen Konferenz statt, bei denen die heute zur Debatte kommenden Fragen eingehend besprochen wurden. In der Frage der ®arantiekiftung des Reichs für das Auskommen der (Stn- kommen-, Körperschafts- und Umsatzsteuer toeröen sich voraussichtlich die Länder dazu bereitfinden lassen, auf die Garantie des Einkommensteueraufkommens in Höhe von 2,1 Milliarden Mark pro Jahr (gleich 76 Prozent des Gesamtaufcommerrs der Reichseinkommensteuer) zu verzichten. Dagegen muh die Garantie für das Auftommen der Umsatzsteuer in Höhe von 450 Millionen Mark jährlich (rund 30 Prozent eines fiktiven Aufkommens von 1500 Millionen der Umsatzsteuer) unter allen Umständen aufrechterhalten werden, da diese Ga° rantte seinerzeit gegen die Bereitwilligkeit, statt 90 Prozent nur noch 75 Prozent der Einkommensteuer zu erhalten, eingetauscht worden ist. Zur weiteren Stärkung der Gemeindefinanzen wurde gefordert, daß Städte und Gemeinden auch nach dem 1. April 1927 die städtische Getränke st euer füllten erheben dürfen.
Rach der bisher bekannt gewordenen Haltung des Reichsfinanzministeriums glaubt man bei den Ländern darauf rechnen zu können, daß das Reich auch in Zukunft die Beiträge zu den Polizeilasten der Länder im bisherigen Umfang übernehmen wird. Die Länder
Todesstrafe laute. Zum Schluß erklärte Turati, daß die Faszisten dem Duce erklären würden, daß sie bereit seien, ihm heute wie gestern zu gehorchen, unter der Bedingung, daß er nicht vergesse, daß in seinem Leben die Größe, ©e» rechtigkeit und Macht der Ratton vereint sei.
(Einberufung des großen faszistischen Rates.
Rom, 1. Nov. (WB.) Der Generalsekretär der Faszistischen Partei ist heute nach Rom zurück- gekehrt und hatte mit dem Innenminister eine längere Unterredung. Für den 5. November wird der große Rat einberufen.
Mussolini telegraphiert.
Berlin, 2. Rov. Wie die Berliner Mor- genblätter aus Rom melden, sandte M u s s o - lini an den Führer der Faszisten in Bologna ein längeres Telegramm, in dem er fein Lob für die Kundgebungen in Bologna noch einmal ausdrückt. Der verbrecherische Zwischenfall in der letzten Minute habe den Glanz dieses wunderbaren Tages nicht verdunkelt. Weiter teilte er ihm mit, daß er ihm das vom Geschoß zerrissene Band des Mauritus-Ordens zusende, um es unter den anderen Andenken des Bologneser Faszismus aufzubewahren. Das Tel-gramm schließt: „Ich danke durch dich dem Volke Bolognas unb der Emilianischen Provinz und will ein Wort von absoluter Gewißheit den Kameraden ganz Italiens sagen: „Richts kann mir geschehen, ehe ich nicht meine Aufgabe erfüllt habe."
London in einiger Sorge.
London, 2. Nov. (TU.) In amtlichen englischen Kreisen hat man die Mitteilung über das neue Attentat auf Mussolini mit einiger Sorge entgegengenommen, und beglückwünscht Italien dazu, oaß auch dieser fünfte Anschlag gegen den Diktator fehlgeschlagen ist. Don der Abendpresse nimmt nur der „E v e n i n g Standard^ in einem kurzen Kommentar zu dem Anschlag Stellung. Er betont, daß
IHuffolini für feine Diktatur durch die Attentate bezahlt
werde, da seine Diktatur immer wieder Personen anziehe, die glaubten, daß mit feinem Tode auch das System vernichtet werden könne. Neue Attentate würden Mussolinis Popularität unter pinen abergläubischen Anhängern, die jetzt schon sicher glaubten, daß er unverletzlich sei, nur noch erhöhen. Man übersehe, daß Attentäter selten gute Schützen seien. Scharfe Maßnahmen könnten auch in Zukunft derartige Attentatsoersuche nicht verhindern.
Glückwunsch Briands an MustoNni.
Paris, 1. Rov. (WB.) Außenminister Briand hat an Mussolini anläßlich des Mißlingens des gegen ihn gerichteten Attentates ein Glückwunschtelegramm gerichtet.
Der Papst an Mussolini.
Rom, l.Rov. (Wolff.) Der Papst hat gestern abend sofort nachdem er die Rachricht von dem Anschlag auf Mussolini erhallen hatte, diesem sein Bedauern über das Attentat und seine Glückwünsche für die Errettung 1 aus der Gefahr übermitteln lassen.
Minister wollen außerdem vom R ich die Heber- nähme der Lasten der unt.r stützenden Er- werbslofensürsorge ab sofort verlangen, da die hieraus entstehenden Ausgab n weit über die Leistungsfähigkeit der Länder hinausgehen. Die wichtigste Frage der heutigen Debatte wird sich um den Paragraphen 35 des Reichssinanz- ausgleichsgesehes drehen, der festlegt, daß er« tragsschwachen Ländern mindestens 80 Prozent des Reichsdurchschnitts der Einkommensteuer pro Kopf der Bevölkerung garantiert werden sollen. Im Reichssinanzministerium plant man diese Garantie für die ertragsschwachen Länder fallen zu lassen, da das Reich nicht gesonnen ist, außer den 75 Prozent der Einkommensteuer noch weitere Abgaben an die 2än» der zuzugestehen. Diese Beseitigung der Ausfallsgarantie hat bet den anwesenden Länderministern größte Ueberraschung hervorgerusen. Man ist in den Kr'isen der Län- derfinanzminister darüber Har, daß der Wegfall dieser Ausfallsgarantie
für die erkragsschwachen Länder praktisch bas Ende ihrer Selbständigkeit
bedeuten kann, eine Möglichkeit, der sich alle Länderfinanzminister mit Ausnahme von Preußen auf das energischste Widers eh en werden. Bei den Ländern betont man, daß hier eine Form von kühl rechnendem Unitarismus vorliege, die in unmittelbarem Widerspruch mit dem Artikel 8 der Reichsverfassung steht, der ausdrücklich besttmmt, daß bei der finanziellen Reichsgesehgebung auf die Erhaltung der Lebensfähigkeit der Länder Rücksicht genommen werden muß. Zur allgemeinen Lleberraschung tourbe bekannt, daß das preuhifche Staatsmini- st er ium beschlossen bat, den Standpunkt des Reichsfinanz Ministers zu unterstützen, woraus der Schluß gezogen wurde, daß Preußen an der Erhaltung der


