Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Ur. 25( Drittes Blatt
Samstag, 2. Moder 1926
Die römische Frage.
Don unserem römischen ^.-Korrespondenten.
Rom, Ende September.
Alljährlich zweimal, um Ostern herum und gegen Weihnachten zu, erwacht im Tiber die römische Seeschlange und sucht einen Teil der Weltpresse heim. Man liest dann, daß „der Gefangene im Vatikan" die apostolischen. Paläste verlassen und „italienischen Voden betreten" werde, womit „die römische Frage gelöst", die „Aussöhnung zwischen Quirinal und Vat.kan verwirklicht" sei. Ausdrucksschablonen, die seit einem halben Jahrhundert in der öffentlichen Meinung herumgehen und trotz ihres wertlosen und irrigen Gehaltes wie bare Münze hingenommen werden. In vielen Köpfen spukt infolgedessen die grundfalsche Vorstellung, der Papst, einmal gekrönt, L ü r f e den Vatikan nicht mehr verlassen, während andere, etwas verständiger, meinen, er wolle ihn, das letzte Stück des Kirchenstaates, nicht verlassen.
In Wirklichkeit besteht aber vom Kirchenstaat, den die am 20. September 1870 durch die Porta Pia einrückenden Truppen zertrümmerten — eine Lat, die ihnen nur der deutsche Sieg bei Sedan erlaubte, dem die Aufrichtung des geeinigten Königreiches mit der Hauptstadt Rom zu ver- danken ist — kein Quadratmeter mehr. Derrn auch die Peterskirche mit den apostolischen Palästen herum gehört nicht dem Vatikan, und gerade deshalb oder hauptsächlich deswegen verliehen seit 1870 die Päpste zum Zeichen des Protestes gegen das niemals von ihnen aner- lärmte Garantiegeseh das Zentrum der Leostadt nicht mehr. Wohl spricht das Garantiegesetz vom 13. Mai 1871 dem Statthalter Christi die Stellung eines unabhängigen Souveräns^ zu, gibt ihm aber keine territoriale Möglichkeit, von souveränen Rechten Gebrauch zu machen. Die Jahresrente von 3 225 000 Franken, die es ihm aussetzt, hat der hohe Gast jenseits des Tibers bisher ausgeschlagen. Man schlug zwar moderne Brücken nach dem vatikanischen Viertel hinüber, aber noch führt keine zurück ins Herz von Rom. Der Pap st grollt, heute wie vor 56 Jahren.
Vor vier Jahren, als der jetzige Papst Pius XI. gewählt wurde, schien sich eine Wendung in dem unglückseligen Streit anzubahnen. Während noch der Kriegspavst Benedikt an der starren Tradition unversöhnlich festaehalten hatte, lieh — ein unvergehliches Bild für alle Zuschauer — sein Rachfolger nach der Wahl und nach der Krönung plötzlich die Türen zur ä u h e - ren Loggia der Peterskirche öffnen und erteilte, zum erstenmal wieder nach genau einem halben Jahrhundert, nicht mehr bloß wie bisher zu den Gläubigen im Innern der Kirche gewandt, frei und stolz, den Blick gegen Italien gerichtet, den grohen Segen urbis et orbis, über Stadt und Erdkreis. Eine symbolische Handlung, mit der, nach der ersten begreiflichen Auffassung, Pius XL aus dem Schmollwinkel herausgetreten war. Und doch war die Bedeutung der Stunde gerade umgekehrt. Gewth hatte nun „der Papst den ersten Schritt getan", aber durchaus nicht in dem Sinne, dah er sich mit den nun einmal bestehenden Verhältnissen abgefunden habe, sondern, wie ich schon damals ausführte, zum Zeichen, dah er gewillt sei. die weltliche Macht der Kirche wieder herzu stellen. In neuer Pracht und Herrlichkeit sollte sie auferstehen, das war sein Gelöbnis, freien Boden wollte der Pontifex wieder unter seinen Fühen wissen, wenigstens ein Stück des Kirchenstaates zurück haben.
Cs war die Zeit, als sich gerade der Faszis- mus anschickte, dem liberalen Staat, dem Todfeinde der Kirche, die entscheidende Schlacht zu liefern. Und noch im Oktober des gleichen Jahres gelang Mussolini der grohe Schlag. Diesmal rückten die Schwarzhemden in Rom ein, die Hauptstadt wurde zum zweitenmal von Italienern gegen Italiener erobert. Kaum zur Macht gelangt, strebte der Diktator mit dem ihm eigenen Scharfblick fü'r die Auswahl geeigneter Sekundanten eine Annäherung an die Weltmacht der katholischen Kirche an, und es wäre wahrlich sein Meisterstreich, wenn es ihm nun auch noch gelänge, die römische Frage aus der Welt zu schaffen. Schritt für Schritt bahnte er sich den Weg zum Herzen der Kurie, er führte das von den Liberalen verbannte Kruzifix wieder in die Schule ein, er nagelte die Freimaurerei ans Kreuz, er warf den kirchenfeindl'chen Komnnrnismus zu Boden. Wohl dachte er dabei in erster Linie an sich, aber in der Leostadt war man*8 auch zufrieden. Darm kamen freilich Rückschläge. Die radikalen Faszisten fingen an, sich mit der gleichen Entschiedenheit, wie bisher gegen die Roten, gegen die Schwarzen zu wenden, Priester wurden verfolgt, kirchliche Zirkel zertrümmert, geweihte
Sturm in Schmalebeck
Roman von Sophie Kloerss.
Copyright 1926 by Aug. Scherl G. m. b. H., Berlin.
(Schluß.)
Am vierzehnten April sollte die Hochzeit sein. Am zwölften kamen schwere, unheimliche Gerüchte von einem Gefecht bei Flensburg, hart bei dem Dörfchen Bau, wo die dänischen Schiffsgeschütze von der Föhrde aus und die dänischen Kanonen aus Feldern und Holzungen her die leichtbewaffneten Schleswig-Holsteiner niedergemäh» hatten, wie die Sense des Landmanns wehrloses Korn.
..Gefallen sollen sie sein, verwundet und gefangen. Die sich vor der Stadt in die Mühlen und Fabriken und hinter die Hecken geworfen, sind von der dänischen Uebermacht zusammengeschossen worden. Dreihundert Studenten ollen unter den Toten fein."
In Schmalebeck ging die Kunde von Haus zu Haus, trübe Gesichter waren auf der Gasse, lachende Kinder wurden zur Ruhe gescheucht, wo Menschen zusammenstanden, flüsterten sie halblaut mit sorgenvollen Gesichtern. Am dreizehnten gegen Abend kam Georg Grützmann von Rendsburg herüber zur stillen Hochzeit. Dort hatte man schon die Bestätigung der bösen Nachricht.
Sechs Schmalebecker Jungen waren dabei gewesen, ohne Fiete Eggers und den alten Kantor. Was war aus ihnen geworden?
Es gab keinen Polterabend, still saß man bei Rottmanns an diesem Abend beisammen, nur bemüht, der Braut, die in eine sorgenvolle Zukunft Hineinging, so viel Liebe wie möglich zu erzeigen.
Das neue Kaiserbuch.
Aus den Iugenderinnerungen Wilhelms II.: Die Großeltern. - Bei Tisch und im Theater. Das historische Eckfenster. - Die Jugendliebe des alten Kaisers. - Defiliercouren.
Augusta von Sachsen-Weimar.
Alle Rechte Vorbehalten.
Es ist uns unter erheblichem Aufwand abermals gelungen, einen besonders interessanten Abschnitt des neuen Kaiserbuches „Aus meinem Leben" zum Vorabdruck im „Gießener Anzeiger" zu erwerben. Wir bringen heute ein intimes Memoirenkapitel, das fesselnde Einblicke in das Privatleben am ehemaligen deutschen Kaiserhofe vermittelt. —
Mein Verhältnis zu der ehrwürdigen Gestalt des ersten deutschen Kaisers, zu meinem Großvater, ist überaus innig gewesen, von den Kindertagen bis zu dem ergreifenden Auaenblick, da er die Augen für immer schloß. Ich habe mit Ehrfurcht zu ihm emporgeblickt und mit inniger Liebe an ihm gehangen. Er hinwiederum ist in Güte und Freundlichkeit mir ein liebevoller Großvater gewesen, und in diesem Geiste hat sein Auge auf der ganzen Entwicklung meiner Jugendzeit geruht: vornehmlich in meiner militärischen Laufbahn verdanke ich ihm alles. Sein Vertrauen zu mir ist immer groß gewesen: mancherlei Episoden dieser Jugenderinnerungen, vor allem meine beiden Sendungen nach Rußland, werden das belegen. Von meinen Reisen pflegte ich ihm stets Berichte über das, was mir in politischer oder militärischer Beziehung bemerkenswert erschien, zu erstatten, und er hat sich, wie er oft betonte, sehr über diese Aufmerksamkeit gefreut.
Das Jahr nahm im Leben meines Großvaters meist folgenden Verlauf: ijn Frühjahr oder Frühsommer ging er zur Kur nach Ems, dann nach Gastein, im Herbst hielt er sich in Babelsberg auf, nach den Manövern in Baden- Baden, den Winter verbrachte er in Berlin.
Oft, wenn meine Eltern auf Reisen waren, auch seine Tochter, Großherzogin Luise, nicht zum Besuch bei ihm weilte, wurde ich zu meinem Großvater allein zum Essen in sein Palais Unter den Linden bestellt. Diese Stunden des intimen Zusammenseins sind mir ewig unvergeßlich, die ganze Liebe eines Großvaters zu seinem Enkelsohn kam dann zum Ausdruck. Das Essen fand in solchen Fällen immer in dem Salon vor seinem Schreibzimmer statt, an einem kleinen grünen Whisttisch, der sehr wacklig war und eine überaus vorsichtige Behandlung verlangte. Zum Braten wurde eine Flasche Sekt auf den Tisch gestellt, die der Kaiser selbst entkorkte und aus der er eigenhändig sich und mir je zwei Glas einschenkle. Rach dem zwe.ten Glas pflegte er die Flasche gegen das Licht zu halten und in der Höhe des Inhalts einen Bleistiftstrich auf dem Etikett zu machen: damit wollte er, sparsam wie er war, kontrollieren, ob die Diener die Flasche aufhoben oder etwa seinem Befehl entgegen ihm am nächsten Sage eine frische vorseyten. Geraucht wurde nach Tisch
Häuser verwüstet. Der Papst stand dagegen auf mit harten Worten, und Mussolini hatte einen schweren Stand. Aber man fand sich wieder auf einer mittleren Linie, insbesondere, als der Vatikan einen der grimmigsten Gegner Mussolinis, den von einer weihen Internationale träumenden Führer der Popolari Don S t u r z v, fallen lieh und allen Priestern die Einmischung in die Politik verbot. Das war natürlich das Ende der klerikal-antifaszistischen Presse.
Man konnte von neuem an die Sisyphusarbeit gehen, die römische Frage über den Berg zu bringen. Alljährlich zweimal bringen das, wie gesagt, hurtige Berichterstatter zuwege. Und alljährlich zweimal sieht sich der Vatikan in der Lage, erklären zu müssen, dah man leider so weit sei. wie zuvor. Ja, anläßlich des heiligen Jahres und der Assisifeiern verdammte sogar der Papst mit der ganzen Gewalt des Wortes, das ihm zur Verfügung steht, die unwürdigen Bedingungen, unter denen er, schlimmer als der einfachste Pilger, leben müsse. Und nun, diesmal besonders deutlich, ein drittes Mal.
Eine journalistelnde Dame hatte es kürzlich sogar fertiggebracht, die römische Frage zu lösen, indem sie den Vatikan zum Freihafen ausbaute. Der Papst, so meldete sie, hat eine Besitzung am Meer gekauft, ergo liegen die apostolischen Paläste jetzt am Meere, frei kann der Souverän der Kirche mit Vertretern aus aller Welt verkehren! Leider stellte sich heraus, daß jener Gutsbesitz auf einem der römischen Hügel lag, von der angeknüpften irrsinnigen Logik ganz zu
Thomas Raben war noch nicht da, er konnte erst am anderen Tage mit der Morgenpost eintreffen.
In der nächsten Frühe bekam Hanse einen traurigen Besuch. Melanie Rosen, ganz in Schwarz gekleidet, stand in ihrem Zimmer und sagte sanft: „Ich habe die letzten Grüße eines geliebten Men- schen zu überbringen. Mein Verlobter ist schwer verwundet im Flensburger Lazarett seinen Wunden erlegen."
„Liebes Fräulein Rosen."
„Gestern abend kam vom dortigen Pfarrer ein Brief an mich, der brachte die Nachricht. Und er hat mich grüßen lassen. Mich und alle, die er lieb gehabt hat. Und ich sollte nicht zu traurig sein, daß ich nun nicht auf dem Friedhof einmal neben ihm ruhen dürfe, die Erde sei überall des Herrn—" Sie strich über die Hand der jungen Frau. „Sie können, meinen, Liebe. Ich nicht. Ich gehe noch wie in einem dunklen Traum. Aber vielleicht, wenn ich aus diesem Traum erwache, ist alles hell, und er ist wieder bei mir, und wir sind vereint, ohne uns je wieder trennen zu müssen. Aber bis dahin--
daß ich nie wieder sein Glockenspiel hören soll —
„Ja, ich habe Ihnen noch etwas zu sagen, er hat es auch dem Pfarrer aufgetragen. Sie haben da eine Ziegelei verteidigt, als die Dänen in die Stadt drangen. Da ist Fiete Eggers neben ihm erschossen worden. Er hat nichts gelitten, sich einmal aufgebäumt und war hinüber."
Sie sprach mit ihrer stillen, sanften Stimme, als seien Mord und Tod nichts Grausiges mehr für sie.
„Wollen Sie es der Mutter sagen? — Sie und Ihr Haus haben die kleine Frau doch immer beschützt und unterstützt." _ w
„Ich will es ihr sagen, Fräulein Rosen.
nicht, wie der Kaiser überhaupt nicht zu rauchen pflegte: besuchte er ein Offizierkasino, so zündete er sich wohl eine Zigarette an, um das Zeichen zum Rauchen zu geben, nahm aber nur wenige Züge.
Bei diesem kleinen Essen zu zweien pflegte mein Großvater mit feinen Gedanken oft in die Vergangenheit zu schwellen und Episoden und Anekdoten aus verklungenen Zeiten zu erzählen.
Roch lieber gingen die Gedanken meines Großvaters in die Zeit der Befreiungskriege zurück, die er als junger Leutnant mitcemacht hatte, und er erzählte au» jenen Tagen gern Episoden, von seiner Feuertaufe bei Bar-sur- Aube, dem Einzug in Paris, den drei Monarchen usw. Man sah es ihm an, wie fein Herz aufging. wenn er diese Erinnerungen wieder wach- rief.
Rach dem Essen fuhr mein Großvater gewöhnlich mit mir in das Theater. Er saß dort in einer Ecke seiner Loge aus einem erhöhten Stuhl, so daß ihn das Publikum nicht sehen konnte. Es geschah dann wohl, daß er, wenn die Stunde vorrückte und die Ereignisse auf der Bühne nicht übermäßig aufregend waren, ein kleines Rickerchen machte. Ich saß nicht mit in der Kaiserloge, sondern in der meiner Familie. Waren mehrere Mitglieder unserer Familie dort, so kam mein Großvater öfter in den Pausen zu Besuch. Streng hielt er darauf, daß wir Jüngeren unbedingt Front zum Publikum nahmen. Er wies dann immer auf die Erfahrungen hin, die er in seiner Jugend 1815 in Paris gemacht hatte, wo das Publikum bei Vorkommen des Gegenteils den Fürstlichkeiten zuzurufen pflegte: „Face au publique!“
Auch am Historischen Eckfenster habe ich einmal mit meinem Großvater gestanden, als die Wache aufzog und das Publikum ihn begrüßte. Als ich meiner Freude über die Liebe Ausdruck gab, die aus dem Jubel des Volkes sprach, gab das mein Großvater wohl zu, gedachte aber aud) dec Tatsache, daß er einst vor denselben Berlinern hatte flüchten müssen. Er sagte das ohne Bitterkeit, ganz mit der abgeklärten Weisheit des Alters, das die Vergänglichkeit und Veränderlichkeit alles Irdischen in den tiefsten Tiefen erkannt hat.
Mehr als einmal bin ich gefragt worden, ob mein Großvater je zu mir von Prinzeß Elisa Radziwill, seiner Jugendliebe, gesprochen hat. Das ist nicht der Fall gewesen, und ich kann mich nicht entsinnen, überhaupt je zu seinen Lebzeiten von dieser Herzensangelegenheit gehört zu haben. Ich bin daran erst vor kurzem durch eine Reliquie erinnert worden, die mir meine Tante, Großherzogin Luise von Baden, vermacht hat. Es handelt sich um ein Reues Testament, das der Prinzessin gehört hat, nach ihrem Tode von ihrer Mutter, Fürstin Luise, meinem
Großvater geschenkt wurde, aus dessen Rachlah es an die Großherzogin kam. Aus dem Büchlein, das 1818 im Leipziger Verlage Karl Tauchnitz erschienen ist, ist ein kleines Kruzifix aus Lapis Lazuli befestigt: an den vier Kreuzenden ist je eine kleine Kugel aus Türkis angebracht, die ihrerseits wiederum mit einem kleinen Edelstein beseht ist. Wie aus den Eintragungen hervorgeht, hat Fürstin Luise das Büchlein ihrer Tochter zur Konfirmation am 28. März 1820 geschenkt, das Kruzifix ist ein Geschenk des damaligen Prinzen Wilhelm gewesen! Eine eigenhändige Eintragung meines Großvaters auf der zweiten Seite des Vorsatzpapieres zeigt folgenden vielsagenden Wortlaut:
„Am 28. Oktober 1834 von der Tante erhalten, die Elisa dies Reue Testament, welches sie am Confirmations-Tage in Händen hielt, mit dem Kruzisir zieren ließ, welches ich ihr geschenkt hatte: — und das mir nun s o zurückkommt, nachdem ihr wohl ist!"
In dem Buche selbst, in dem noch gepreßte Blumen und Blätter als zarte Erinnerungen eines leidvollen Herzensbundes liegen, sind zahlreiche Stellen, offenbar von Elisa, mit roter Tinte angestrichen, und bei dem Kapitel Cbräer 11 findet sich her Vermerk von der Hand der Fürstin:
„Am Sonntag den 21. September vorgelesen an Elisa."
Es war das sechs Tage vor deren Tode.
Mit tiefer Rührung hielt ich dies schlichte und doch so beredte Zeugnis einer ergreifenden Episode aus der Jugend meines Großvaters in Händen. Verklungene und nun längst versunlene Zeiten steigen aus den vergilbten Blättern wieder auf und künden von der tiefen Liebe zweier Fürstenkinder und ihrem schmerzvollen Entsagen. Ich bewahre das Büchlein als ein teures Heiligtum.
Das schönste Verhältnis, das man sich zwischen Großmutter und Enkel nur Vörstetten kann, hat mich mit Kaiserin Augusta verbunden: es war, möchte ich sagen, so innig, wie man es in Romanen liest. Die Kaiserin, die im allgemeinen einen zeremoniösen Eindruck machte, oft sogar vor Menschen etwas Formelles, ja Steiner,res an sich hatte, war in kleinem Kreise und nun gar unter vier Augen warm und herzlich und iiebevoll besorgt. Richt nur, daß sie mich außerordentlich verzogen und vorgezogen hat, wie das die richtigen alten Großmütter so gern tun. hat sie sich auch um meine geistige Entwicklung in der gütigsten Weise bekümmert. Wenn Profes or Werder zum Literaturunterricht da war und ein Drama mit verteilten Rotten gelesen wurde, kam sie immer ins Schulzimmer und hörte voller Interesse zu: die weimarische Prinzessin, die Goethe noch persönlich gekannt hat und auch
schweigen. Andere wollten dann wissen, der Papst lasse durch heimliche M ttelsmänner das Land bis zur Tibermündung aufkaufen, um sich so durch privates Recht einen eigenen Staat zu errichten. Auch das geht aber nicht, denn das Tiberdelta, die Jsola facra, gehört bereits den Frontkämpfern, die sie der Malar'a abjagten, und die benachbarten Strandbäder sind sogar siäliisch,Eigentum des Gouvernats Rom. Run hieß es, Mussolini habe dem Vatikan einen eigenen Bahnhof cm- geboten, die apostolischen Paläste geschenkt usw.
Darauf antwortet jetzt das Blatt des Papstes, der „Osservatore Romano", der gerade einen mächtigen Ausbau erfährt, so dah er zum Moniteur der ganzen katholischen Großmacht werden wird:
„Das Problem, das der Liberalismus vor einigen Jahren für immer gelöst glaubte: die Lage, in die der Heilige Stuhl vor 56 Jahren verseht wurde, ist unverändert geblieben. So besteht zum Beispiel — ohne auf die fundamentalen Grundsätze und Rechtssähe einzugehen, die immer gegen das Garantiegeseh ins Feld geführt wurden — die Tatsache, daß der Pontifex die apostolischen Paläste lediglich zur Rutz- nießung hat, die noch dazu mit der Verantwortlichkeit für die wissenschaftlichen und Kunst- schähe darinnen balastet ist, so daß der Statthalter Christt, das erhabene Haupt einer göttlichen, vollkommenen und folglich souveränen Gesellschaft, die seit zwei Jahrtausenden Hunderte von Millionen Mitgliedern des Geistes in der ganzen Welt zählt, nicht einmal das Eigen
tum srecht über die eigene Wohnung besitzt, wo er auch empfängt und beherbergt die Vertreter aller Staaten, Pilger aller Völker, In deren Augen er juristisch nur a l s ein Geduldeter im Rom des Petrus erscheint. Es genügt, daran zu erinnern, daß die ihm „gewährten" Privilegien und die älnverletzlichkeit seiner Person unter den Rechten rangieren, welche die bei ihm akkreditierten Mitglieder des d'plo- matischen Korps genießen, von denen jedes nicht nur unter dem internationalen Schuh lebt und handeln kann, sondern auch, wenn es will, Herr im eigenen Hause ist und fein kann. Das ist eine unleugbare Tatsache, die — obwohl sie kaum einen Teil' des ganzen Komplexes einer unerträglichen Lage kennzeichnet — mit einer allgemein verständlichen Deredtsamkeit die nicht nur juristische, sondern auch praktische Unfall- barfeit dieser Zu stände für jeden gesunden sittlichen und politischen Sinn beweist. Wir beschränken uns darauf, zu verlangen, dah man objektiv und ehrlich über so selbstverständliche Betrachtungen nachdenke. Dann wird man, dessen sind wir sicher, zu dem Schlüsse kommen, daß der augenbliclliche Zustand der Frage nicht der rechtlichen und würdevollen Unabhängigkeit entspricht, auf welche die universale geistige Mission des Pontifexes einen Anspruch hat."
Wie man sieht, der Papst spricht zwar von „Betrachtungen", meint aber damit Forderungen. And Mussolini wird sie entweder erfüllen oder die römische Frage ungelöst lassen müssen.
„Dann will ich wieder gelten." Sie sah sich langsam im Zimmer um. „Ja, dort am Klavier — wenn Ihre Ilse fang, wie oft sah er dort. Er hatte so viel Freude an Ilses Stimme. Er konnte sich immer so freuen. Mein Leben war hell durch ihn. Und nie ist ein hartes und ungeduldiges Wort zwischen uns gefallen. — Nun bin ich doch reckst froh, daß wir noch zusammen reiften, was tue Menschen auch sagten. — Ja, ja, man soll einem lieben Menschen alles zu Willen tun, was man tun kann, eh' die große Trennung kommt."
Gefaßt und tränenlos ging sie aus dem Hause. Hanse, die ihr nachsah, empfand es mit jäher Gewißheit: Die Trennung zwischen diesen zwei Menschen würde nicht lange währen.
Nun sollte sie selber gehen und der armen beraubten Mutter die furchtbare Nachricht bringen. Nahm ihr keiner den Gang ab? — Aber wer? — Ilse? — Die war zu jung, die wußte noch, nicht, was es hieß, einen geliebten Menschen an den Tod zu geben. — Ihr Mann? — Er hätte es für sie getan, aber er hatte eine herbe Art, und Trostworte dem Unabänderlichen gegenüber lagen ihm nicht. — Der Schwiegervater? — Ach, der alte Herr mußte in diesen Wochen schon immer von Haus au Haus gehen und Hoffnung geben und Trost bringen —, nein, sie packte ihm nicht noch mehr auf. Da ging sie schon selber hinüber über den Markt.
Tischler Rübesam stand vor der Haustür im frischen Wind und sagte, als sie herankam: „Wenn Sie zu Mam Eggers wollen, Frau Doktor — die is nu ganz komisch. Seit Fiete weg is, geht sie nicht mehr raus. Sitzt und red't vor sich hin und lacht und giriert, und gestern abend haft' sie so'n roten Stopf, als sollt' sie verbrennen. Wenn Frau
Doktor nicht heut gekommen mär’, haft' meine Frau nachher Herrn Doktor rüber 'holt."
Madam Eggers saß wie immer an ihrem Putztisch und hatte Hausen von Tüll und Band und allerlei Seidenstückchen vor fick) liegen, fuhr mit den Fingern darin herum und sah nicht auf, als Hanse zu ihr trat.
„Guten Morgen, Madam (Eggers! Rübesam sagt, es geht Ihnen nicht gut. Soll mein Mann einmal kommen?"
Ein flackernder Blick ging über sie hin. „So, als ich? — Oha, gut, sehr gut! Will mir grab die Hochzeitshaube nähen. Daß mein Fiete doch — und muß sich nicht genieren um seine Mutter, wo er — und hat nu so ’ne feine Braut!"
Ein langer, schüttelnder Husten. — Wie hager sie war, wie die Knochen an den Schultern durch die armselige Kleidung stachen! Sie sab aus, als hätte sie feit Fietes Fortgang nicht mehr gegessen und kaum mehr geschlafen. Der warmherzigen Hanse tat bas Herz weh vor so viel Jammer. Und sie mußte ihn noch erhöhen.
„Es geht Ihrem Fiete gut, Madam Eggers. So gut, wie es einem armen Menschenkind gehen kann."
„Das sagen Sie man, Fräulein Moorwood. Das weiß ich ganz allein. Vorhin war er erft hier bei mir. Mutter, sagt er, nu wird es doch so, wie du Immer gesagt hast, nu heirat' ich Else Rottmann. Denk' mal an, sagt er, sieben seidene Kleider kriegt sie, und ick bekomm' en feinen Schniepel, der Doktor läßt inn mir machen. In'n Wagen fahren wir nach der Kirche. Der Kantor muß spielen. Und ich werd' hier Pastor, steh' alle Sonntag auf der Kanzel und sing' und predig'." Ihre heisere, gebrochene Stimme Hub an: „Christe, du Lamm Gottes, das du trägst die Sünde der Welt, erbarm’ dich unser."


