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Ur. 151 Zweites Blatt BaanEcmaniB iwii n n

Die deutsch-englischen Handelsbeziehungen.

Von Gilbert C. Layton, London.

3n verschiedenen Ländern Europas ist in letzter Zeit eine unauffällige, aber trotzdem sehr einflußreiche Bewegung entstanden, die einen Ab- bau der bisher bestehenden übermäßigen Zoll­schranken anstrebt. Man hat endlich erkannt, daß die ausgesprochene Hochschuhzollpolitik, die der Handelspolitik der meisten Länder nach dem Kriege ihren Stempel aufdrückt, den Wiederauf­bau Europas und damit die Gesundung der Weltwirtschaft in unverantwortlicher Weise ver­zögert und erschwert. Die Bewegung steht noch in ihrem Anfangsstadium: sie hat noch keineswegs genügend Stoßkraft, ja sie hat sich noch nicht einmal zu einem klaren Programm durchge­rungen. Immerhin bedeutet sie eine beachtens­werte Erscheinung unserer Tage. Man muh be- denken, daß viele große Ideen, die über die Welt hinweggingen und ihre wirtschaftliche Struk­tur von Grund auf veränderten, gleichfalls aus kleiner Keimzelle entstanden. Die Kreise, in denen Unterhandlungen bisher geführt werden, sind jedenfalls der Beachtung wert. Die wirtschaft­lichen Berater der deutschen Regierung zeigen Interesse, die Internationale Handelskammer hat kürzlich ein Komitee zur Antersuchung der euro­päischen Zollpolitik ins Leben gentfen. und im Völkerbund ist ein Gremium von Fachleuten am Werk, die den Grund für eine internationale Konferenz legen sollen, auf deren Programm auch diese Fragen mit an erster Stelle stehen.

Die Dringlichkeit eines Abbaues der Zoll­schranken liegt auf der Hand. Die außerordent­lich hohen Deschäftiaungslosigkeitsziffern der europäischen Industrieländer, vor allem Deutsch- lands und Englands, erhellen schlaglichtartig die kritische Lage der europäischen Wirtschaft, deren schleichende Depression direkt auf eine verfehlte Zollpolitik zurückführen läßt. Walter Leaf, der bekannte englische Finanzier, erklärte kürzlich: Bei fast allen europäischen Staaten finden wir dasselbe Streben nach einer Erschließung neuer Märkte, dasselbe Ringen nach einem Platz am Weltmärkte für den Absatz ihrer Fabrikate. Die Produktionsfähigkeit der meisten Länder ist der Vorkriegszeit gegenüber enorm gestiegen, aber die Produktion ist vielfach infolge der allgemeinen Verarmung, infolge des hohen Schutzzolles und der Einfuhrbeschränkungen unverkäuflich. Diese ungesunde Entwicklung erklärt die große Deschäf- tigunASlosigkeiten in vielen Industrieländern, sie macht die Depression der internationalen Industrie und die bedauerliche Verschwendung wichtiger menschlicher Lebensenergien verständlich. Der ge­samte Lebensstandard ist auf diese Weise durch eine künstliche Einschränkung der menschlichen Lei­stungsfähigkeit unnötigerweise herabgedrückt wor­ben. Schärfer können in der Tat die katastro­phalen Auswirkungen unserer heutigen verfehlten Zolltarispolitik nicht herausgearbeitet werden.

Die auffallende Blüte der Vereinigten Staa­ten hat den Wirtschaftsführern Deutschlands und Englands viel zu denken gegeben. Die deutschen Wirtschaftler stehen besonders unter dem Ein­druck der riesigen Ausdehnung des amerikani- schen Inlandmarktes, in dessen ungeheurem Ge­biet völliger Freihandel herrscht. Hierdurch wurde bei ihnen die Vorstellung erweckt, daß die Mög­lichkeit eines ähnlichen Systems durch eine Ab­machung unter den wichtigsten Rationen des europäischen Kontinents vielleicht gleich günstige Folgen zeitigen könnte. Der britische Wirtschaftler hat sich namentlich durch hie hochentwickelte Or­ganisation der amerikanischen Industrie an» regen lassen und dem Studium der Massenpro- duktwn und der Lohnfragen seine besondere Auf­merksamkeit gewidmet.

Die Erfahrungen des letzten Jahrhunderts lassen den Schluß zu, daß Deutschlands Entwick­lung die gesamte Weltwirtschaft in entscheidender Werse beeinftussen könne. Der erste Schritt in der Zusammenschweihiing verschiedener unabhängiger Staaten zu einem mächtigen Deutschen Reich wurde vor etwa einem Jahrhundert durch die Schaffung einer europäischen Zollunion errnög-

Die neuen Wege des russischen Theaters.

Von Dr. P e 1 r o f f.

Es gibt Wohl kaum ein Volk, das so theater- freundlich wäre, wie das russische. Vor dem Kriege suchte das rrissische Theaterpublikum in den Musentempeln Zerstreuung und älnterhal- tung, jetzt ist das Theater eine Stätte der Er­holung und der geistigen Anregung für den Bür­ger, der den Lebenslampf unter den immerhin nicht leichten Verhältnissen im Sowjetstaate aus- zustehen hat. Das Theater hat zur Zeit in Sowjetruhland sogar die amtlich vorgeschriebene Aufgabe,die Elemente der Schausvielkunst für die konkreten Produktionsaufgaben des Sowjet­staates unter der Losung des Materialismus zur Hebung des Zielbewußtseins und der Elastizität der Arbeiterschaft nutzbar zu machen". Am regsten ist das Theaterleben in Moskau. Die ehemals kaiserlichen Theater, die jetzt inStaatliche aka­demische Theater" umgetauft sind, haben sich der Vorrevolutionszeit gegenüber verhältnismäßig wenig geändert und stellen im Moskauer Theater­leben ein gewissermStzen konservatives Element dar. Tonangebend sind zwei überaus interessante und starke Persönlichkeiten, die dem Theater ein durchaus eigenes Gepräge geben Stanis­lawsky und Meyerhold, der sich gegen­wärtig in Deutschland aufhält, um eine Gastspiel­reise des von ihm geleiteten Theaters vorzu­bereiten.

Stanislawsky ist der Gründer und der lang­jährige Leiter des weltberühmten Moskauer Künstlertheaters. Die Revolution hat aber den Stil dieses Theaters, das vor 21/ä Jahrzehnten in der Theatergeschichte bahnbrechend wirkte, tief verändert. Die Dramen Tschechows, deren Inszenierungen dem Künstlertheater einen Welt­ruhm errangen, werden allmählich vom Spiel­plan abgesetzt. Mit fiebernder Hast wird nach Steuern in jeder Beziehung gesucht. Die alten Traditionen sind zwar noch nicht vergessen, aber es wird in täglichen Experimenten ein neuer Stil gesucht, And dennoch muß das Künstlertheater im Vergleich mit den Experimenten Meyerholds noch als sehr konservativ gelten. Die große Arbeit Stanislawskys verläuft in seinen zahlreichen Studien", Trotz seiner 6d Jahre ist dieserAtt-

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

licht. Ein Deutscher schenkte der Welt den soge­nanntenwissenschaftlichen Zolltarif" und deutsche Zollpolitik leitete die Wiedergeburt kontinental- europäischer Schuhzolltendenzen in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ein. Von Deutschland können wir daher auch vielleicht die ersten Schritte für den Abbau der unwirtschaft­lichen Zollschranken, die heute noch den Wieder­aufbau Europas erschweren, erwarten. Deutsch­lands Industriewirtschast stand noch in den An­fangsstadien. als Großbritannien schon über eine stark entwickelte Industrie verfügte, so daß Eng­land zu einer Zeit der Vorkämpfer für die Freihandelsbeweaung wurde, in der Deutschland noch auf Grund seiner jungen und wenig lebens­kräftigen Industrie gezwungen war. ein protek­tionistisches Zollsystem zu pflegen. Heute ist die Lage von Grund auf verändert. Deutschland be­sitzt eine stark entwickelte Industrie, die zum Absatz ihrer hochqualifizierten Erzeugnisse not- wendigerweise stark aufnahmefähiger Ausland- märtte bedarf. Es kann also durch einen Abbau der internationalen Zollschranken nur gewinnen.

In einer Hinsicht aber scheint mir die deutsche Haltung in dieser ganzen Frage unrichtig oder ungerecht zu sein. Man hat vorgeschlagen ob­wohl nur im Wege einer Anregung daß die praktische Durchführung einer europäischen Zoll­union auf zwei verschiedenen obwohl neben­einander herlaufenden Wegen durchgeführt werden solle. Zunächst sollen Abmachungen unter den Vertretern gewisser Industrien der betref­fenden Staaten stattfinden und fernerhin sollen neue Handelsverträge zwischen den verschiedenen Regierungen geschlossen werden. In den Be­sprechungen erster Art erwartet man von den englischen Industrieführern weitgehende Unter­stützung. Die Lrzliche Wiederaufrichtung des internationalen StcHlschienen-Shndikats wird als ein Beweis dafür angesehen und man vermutet, daß die Eisen- und Stahlindustrie, der Bergbau und die Werftindustrie sich besonders für eine Zusammenarbeit auf Grundlage der angegebenen Richtlinien eignen. Eine Ausdehnung der euro­päischen Zollunion auf Groß-Britannien wird andererseits von mancher Seite als für unzweck­mäßig dargestellt. Die Auffassung, daß eine der­artige Union Groß-Britannien als den Haupt­vertreter des Freihandels in den letzten 80 Jahren ausschließen sollte, scheint vom Stand­punkt eines Engländers zum mindesten eigen­artig. Ausschlußgrund soll sein, daß die eng­lische Wirtschaftspolitik mehr und mehr schuh­zollähnlichen Charakter annimmt und sich mehr im Sinne des Britischen Empires als der euro­päischen Gemeinschaft orientiert. Man hat erklärt, Groß-BritaTmien und seine britischen Dominions bilden eine wirtschaftliche Einheit, vergleichbar mit der Einheit der amerikanischen Union oder mit der angestrebten europäischen Zollunion.

Eine derartige Auffassung ist vollkommen irrig. Sie ist nur daraus zu erklären, daß die Angaben gewisser englischer Staatsmänner von vielen Leuten für bare Münze genommen wer­den. Das britische Reich ist keineswegs eine wirtschaftliche Einheit. Die einzelnen Dominions erschweren die Einfuhr englischer Waren durch teilweise sehr hohe Zollschranken: sie suchen ihre eigenen Industrien auf jede mögliche Weise, selbst durch Hochschuhzölle zu schützen. Die Idee der Empire Preference ist heute noch rein gefühls­mäßig als stolze Pose einzuschätzen. Der Durch­schnittsengländer liebt es, die Fahne zu schwen­ken und von seinen Kolonien und Dominions als seinemFleisch und Blut" zu sprechen. Trotzdem ist derartiger imperialistischer Enthu­siasmus ein Ding für sich und seine wirtschaft­liche Rentabilität in nüchternen Zahlen au^ gedrückt, etwas anderes. Die Handelspolitik beS letzten Jahres zeigt, daß, obwohl 39 Prozent der britischen Gesamtausfuhr in das britische Empire wandern, doch noch 32 Prozent von Eu­ropa ausgenommen wurden. Die Maßnahmen schuhzöllnerischen Charakters, die in der letzten Zeit von der englischen Regierung durchgeführt wurden, stellen so wenig staatsmännisch sie vom Standpunkte des Ausländers sein mögen nicht einmal den Anfang eines allgemeinen Schutz­zollsystems dar. Für jede europäische Zollunion

meister der russischen Schauspielkunst", wie er genannt wird, noch voll von einer jugendlichen Energie und einem flammenden Enthusiasmus. Jeden Montag werden' in dem Studio Stanis­lawskys sogenanntePrüfungsvorstellungen" ab­gehalten. Montag ist nämlich in Moskau ein Tag, an dem gewöhnlich sämtliche Theater geschlossen sind, so daß diese Vorstellungen des Studio sich stets eines Massenbesuchs erfreuen. Sie sind zwar nur für Mitglieder desDramatischen Klubs" bestimmt. Da aber die Mitgliedsgebühr nur 1 Rubel (2 Mark) im Monat beträgt, so ist die Zahl der Mitglieder sehr groß und umfaßt das ganze Theaterpublikum der Hauptstadt. In den Pausen setzen sich die Schauspieler, die soeben noch auf der Bühne agiert haben, an Tische, die im Foyer dem Publikum reserviert sind. Beim gemütlichen Seetrinten rund um den unentbehr­lichen Samowar beginnt eine eifrige Debatte zwischen den Schauspielern und den Zuschauern über das soeben auf der Bühne Dargestellte. Stanislawsky selbst wandert von Tisch zu Tisch und nimmt an den Unterredungen eifrig Teil. Sobald er anfängt zu reden, wird alles still. Er wird überall angebetet er ist der König in seinem Theaterreiche. Seine hohe Gestalt, die feinen Züge seines rassigen Gesichtes verleihen seinem interessanten Aeußeren in der Tat etwas von königlicher Würde.

Unter den letzten Inszenierungen Stanis­lawskys hatte das DramaPugatschoff" (der Held der Dauernrevolte zur Zeit Katharinas der Großen) mit dem genialen Schauspieler Moftwin einen sehr starken Erfolg. Unter den Schau­spielern des jungen Nachwuchses erfreut sich Tschechow, ein Neffe des Schriftstellers, einer un­geheuren Popularität. Er ist ein Schallspieler von unglaublichem Temperament und vollendeter Charakterisierungskunst. Zur Zeit feiert er Triumphe in der Rolle des historisch gewordenen Oberanwalls des heiligen Synods Pobjedonostzeff im SchauspielhausPetersburg" von Andrej Bjely. Auch sein Hamlet wird unvergeßlich bleiben.

Stanislawsky ist bemüht, einen dem modernen Gefühl entsprechenden neuen Aufführungsstil für die Oper, dieses Kompromißprodukt zweier Kunstarten, zu finden. Zur Zeit studiert er seinen Schülern die wenig bekannte Oper Leoncavallos Zaza" ein. Stanislawsky vertritt die Ansicht, daß man die Bewegungen in der Oper vollständig

muß daher der Einschluß Groß-Britanniens als eine conditio sine qua non angesehen werden.

Rom und Gens.

(Von unserem römischen E.-Korrespondenten.) Rom, Ende Juni.

Die Beziehungen zwischen Bern und Rom find, wie die Diplomaten versichern,ausge­zeichnet", aber ausgezeichnet durch die verschie­dene Ausfassung über die nachbarlichen Rechte und Pflichten.

Vor dem Kriege kannten wir nur eine Rei­bungsfläche: die trennende Wand, den Gotthard. Während des Krieges erfreuten sich die in Italien gebliebenen Schweizer einer besonders peinlichen Aufmerksamkeit. Dann kam als neuer Stein des Anstoßes Genf hinzu und nach Aus­richtung des autokratischen Fascioreiches als natürliche und dritte Klippe der Gegensatz zur individuell freiheitlichen Demokratie der Eid­genossenschaft, in die sich die italienischen Emi­granten flüchteten, in der sie Tribünen errichteten, um wenigstens fern der Heimat ihre Meinung sagen zu können. Aber der Fascio war ihnen bereits mit der Einrichtung seiner politischen Wachstuben im Ausland, seinen schweizerischen Sektionen zuvorgekommen. Die drei Reibungs­flächen tun seither, was man von solchen Mecha­nismen der politischen Technik erwarten konnte, die Funken sprühen, und die Anschürer auf der einen Seite bemühen sich redlich, sie anzufachen, die von Berufs wegen kühlen Staatsmänner auf der anderen Seite stehen mit dem Wassereimer bereit. In der Öffentlichkeit erscheint die Wir­kung in Form einer endlosen Kette von Zwischen­fällen. Der Südwind weht Worte über den großen Zaun, die der nördliche Nachbar bereits als undiplomatisch empfindet.

In einem Teil der deutschen Presse wurde dieser Tage mit einer Besetzung schweizerischen Territoriums gedroht. Warum? Weil sich einige Schweizer italienischer Zunge, es mögen auch Reichsitaliener darunter getoefen sein, Villen gekauft haben, in Zürich und in der Boden- seegegend. Eine ungeheure Entrüstung über diese beispiellose Anmaßung bemächtigte sich natür- der Welt, der bedrohten Schweiz flogen die Sympathien aller Gutgesinnten zu, der Völker­bund trat sofort zusammen, um aber nein, Verzeihung, es handelt sich um eine kleine Ver­wechslung. Nicht die deutsche Presse drohte, sondern die ttalienische. Warum? Weil sich einige Schweizer deutscher Zunge, es mögen auch Reichsdeutsche darunter gewesen fein, Villen ge­kauft haben, in Bellinzona und im Tessin weiter­hin. Kein Grund also für eine Entrüstung, kein Anlaß für den Völkerbund, seine angegrif­fene Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Die Welt ist der Anstrengung enthoben, sich auszumalen, was geschehen würde, wenn nicht Italien, sondern etwa Deutschland solche Forderungen an die Schweiz stellen würde, von der näherliegenden Umkehrung des direkten Falles ganz zu schweigen.

Das römischeImpero" verlangt also allen Ernstes vom schweizerischen Bundesrat, er solle mit sofortiger Wirkung den Eidgenossen deutscher Zunge Grundstückskäufe im Tessin verbieten: die Integrität des Schweizer Territoriums könne nur solange geachtet werden, als der Kanton Tessin von italienischer Rasse bewohnt fei. Das war vor 14 Sagen. Um. sich aber nicht der Meinung auszusetzen, vorschnell gewesen zu sein oder gar unüberlegt, wiederholt dasImpero" in seiner Ausgabe vom 24. Juni seine Drohung, dies­mal in Fettdruck: Italien kann gegenüber der drohenden Verdeutschung des Kantons Tessin nicht untätig bleiben. Besonders pikant dabei ist, daß diese Ausfälle nun etwas unklar mit demEcho de Paris" und demDemocrate" ver­knüpft werden.

Cs ist nicht gut, angesichts solcher Dinge den Kopf in den Sand zu stecken: man braucht sie aber zunächst auch nicht tragisch zu nehmen. Der bei aller Wehrfreudigkeit doch überaus friedliebende Eidgenosse hat zwar das Recht, sich zu wundern, wenn er vor die Sore Doms tritt und eine große Allee in die Neustadt sich öffnen sieht, eine Allee, deren Flügel sin-

abschaffen muß.Man muß es soweit bringen," sagte er,alles mit der Stimme und der Mimik auszudrücken". Bei den Studienvorstellungen ver­wendet er mit großem Erfolg ein interessantes Prinzip, die Rollenbesetzung zu wechseln. Heute spielt der Schüler den Helden, am andern Sage feinen Gegner oder sogar eine kleine Nebenrolle.

Eine gam> andere Personlichkeft ist Meyer- h o l d. Er verfolgt nicht nur künstlerisch-refor­matorische Ziele, sondern ist außerdem bemüht, das Theater als Apparat einer rücksichtslosen sowjetistischen Propaganda auszubeuten. Er steht an der Spitze des Sheaters, das seinen Namen trägt und beinahe ausschließlich von einem partei-kommunistischen Publikum und von Ar­beitern besucht wird. Der große Schlager seines Sheaters ist der phantastische SketchD.E.", nach Motiven des RomansSturm auf Europa" von Ilja Ehrenburg, unter Hinzunahme von Szenen aus Kellermarms RomanDer Tunnel". Die Handlung dieses Propagandastückes fei hier in Kürze wiedergegeben: Die amerikanischen Kapi­talisten wollen Europa vernichten und organi­sieren zu diesem Zwecke einen TrustD. E." Dem Trust gelingt es, ganz Europa mir Aus­nahme Rußlands zu zerstören. Rußland organi­siert unter dem Deckmantel eines Radiokonzerns den Dau eines Unterfeetunnete zwischen Lenin­grad und Neuhork. Die Rote Armee durch­schreitet im geheimen den Tunnel, vereinigt sich mit dem aufftändischen amerikanischen Proletariat und ruft in Neuhork die Sowjetrepublik aus. In einer Reihe buntbewegter Bilder wird das moderne Leben in Europa und Amerika geschil­dert. Man sieht amerikanische Milliardäre auf einem Aeberseedampfer, ein Berliner Nachtlokal, Faszisten und Kommunisten wobei die Szenen je nach den Ereignissen der Weltpolitik geändert werden. Dabei wird der Film als Hilfsmittel verwendet. Meyerhold benutzt hier gleichzeittg drei Projektionsflächen. Auf der mittleren er­scheinen die Szenenbezeichnungen und Erläute- nmgen zur Handlung, während die beiden (Seiten- flächen die Telegramme der kämpfenden Trusts sowie geographische Karten bringen. Das alles wird mit einer ohrenbetäubenden Musik auf Zieh­harmonikas, Haarkämmen, Messingplatten be­gleitet.

Ein anderer Schlager Meyerholds ist das StückBrülle, Chinas", das unter Verwendung echt chinesischer Inszenierungs- und Spielmethv-

Donnerstag, 1. Juli 1926

nigerweise Brenner und Gotthard getauft tour* den. Es bestehen, wie man sieht freilich nur sieht, wenn man Italien und seine Politik wirk­lich kennt eben doch engere Zusammenhänge zwischen dem Schicksal der Südtiroler und dem der Schweizer, als sich mancher träumen läßt. Daß schweizerisches Territorium auf den irre» dentistischcn Landkarten zu Italien geschlagen wurde, das konnte man, wie Üblich, mit dem südlichen Temperament entschuldigen, (Straßen- bezeichnungen aber sind bereits eine Angelegen­heit des Gouvernats Rom, also eine staatliche Sache. Andererseits muß anerkannt werden, daß die faszistische Regierung ihr Möglichstes tut, um die guten Beziehungen zur Schweiz tatsächlich zu erhalten, zunächst wenigstens. Schon vor Mussolini gab es überall in Italien nach Nizza und Korsika benannte Straßen, es ist noch in allgemeiner Erinnerung, wie Mussolini persön­lich einen der allzustürmischen Vorreiter in Mai­land, der in die Annektierungstrompete schmet­terte, zurückpfiff, und im offenen Gegensatz zu dem selbstherrlichenImpero" gibt es immer­hin einen Freundschastsvertrag mit der Schweiz, der alle Streitfälle ohne Ausnahme vor ein Schiedsgericht verweist. Freilich hat Mussolini diesen Vertrag in erster Linie aus strategischen Gründen entworfen und durchgeführt, das an* bert aber nichts an der Tatsache, daß er der Schweiz auf eine Reche von Jahren hinaus eine unbedingte Sicherheit verbürgt.

Bedenklicher in dieser Hinsicht steht es nun aber mit der anderen Reibungsfläche, die durch die Genfer Akademie entstanden ist. Mussolini hat aus seiner Verachtung des Völkerbundes noch nie ein Hehl gemacht und die Angriffe auf die Schweiz, die durch die Genfer Zwischenfälle hervorgerufen wurden, sind gewiß nicht bloß in den römischen Redaktionsstuben redigiert wor­den. In Rom waren die ausländischen Korre­spondenten schon von dem Schritt des italieni­schen Gesandten in Bern unterrichtet, als die Diplomatie es für zweckmäßig hielt, ihn zu ver­schweigen oder gar a priori zu dementieren. Nun hat Motta ftir die Eidgenossenschaft geantwortet und, wie Anbefangene zu urteilen wagen, die Schuld an dem Genfer Fasristenkrawall sein abgewogen und gerecht auf beide Teile verteilte Aber darin liegt bereits eine Kritik und eine Kritik kann der Faszismus nicht mehr vertragen. Früher zeichnete sich Mussolini dadurch aus, und das war eine Auszeichnung für ihn, daß er seinen Gegnern die Zunge lieh, eine Opposition als notwendig bezeichnete und Mahnungen feiner Freunde nicht in den Wind schlug. Jetzt dürfen nicht einmal mehr seine Freunde soviel Salz bei» steuern, als es braucht, um eine Suppe schmack­haft zu machen. Er kann nicht mehr die geringste Krittk vertragen, seine Auslandbehörden über­antworten jeden harmlosen Zeitungsartikel der Inquisitton, die Verurteilungen wegenbeleidi­gender Aeußerungen", seien sie auch nur im Wirtshaus gefallen, greifen rapid um sich. So konnte es nicht ausbleiben, daß zwar dieloyalen und freundschaftlichen Erklärungen Mottas" mit Befriedigung zur Kenntnis genommen, seine leisen Beanstandungen aber scharf zurückgewiesen wurden. Die italienische Einheitspreise steht voll­kommen auf dem Boden der von den Hunderts saszistischen Vereinigungen der Schweiz angenom­menen Tagesordnung, die sich mit der Haltung jener Genfer Faszisten, denen die Schweizer Re­gierung eine unzulässige Einmischung in die Be­stimmungen des Gastlandes vorwirst, einver­standen erfiärt. Das gemäßigtste Blatt Roms, derMessaggero", erklärt zu der Kritik M-ottas, jene Genfer Faszisten hätten gehandelt, wie sie handeln mußten; wenn sie auch zum Teil Funk­tionäre des Völkerbundes waren, so blieben sie dabei doch immer Italiener, und gegenüber Provokationen dürfen Faszisten nicht gleichgültig bleiben und werden es nicht.

Damit ist ein reiner Tisch geschaffen: der Faszismus in den Völkerbund eingedrungen, die Genfer Wachtstube mit der Bewachung der Liga beauftragt. Es wäre töricht, anzunehmen, daß Italien von diesem Standpunkt zurückweichen würde. Weitere Zwischenfälle sind also unaus­bleiblich.

den dieblutdürstige Kolonisierungspvlitrk Eng­lands" geißelt.

Meyerhold hat die Dekorationen und die Kulissen gänzlich verbannt. Die Rampe ist ab­geschafft, die ganze Bühnentiefe füllt ein gewal­tiger Aufbau. Das Bühnenbild verzichtet auf die realistische Wiedergabe irgendeiner konkreten Umgebung, man sieht eine gänzlich irreale Kon­struktion, bestehend aus Terrassen, Treppen, Lifts und sich drehenden Rädern, die die Dynamik der Handlung verstärken sollen. Das Spiel bet! Darsteller wird auf dem Prinzip derDio- mechanik" aufgebaut. Es ist ein System von Dühnenbewegungen, das auf einer Folge ein­facher, schematischer und höchst eindrucksvoller Gesten beruht, ein Gegensatz zu den natürlichen, aber unorganisierten Bewegungen. Es entsteht eine Art Geometrisierung der Bewegungen. Außerdem muß ein Schauspieler nicht nur in diesem Sinne zugleich Akrobat, sondern auch Transformationskünstler fein, da Meyerhold einen Darsteller oft mehrere Rollen in einen einzigen Szene verkörpern läßt.

Da, wo bei Aktschluß der Vorhang nor­malerweise fallen müßte, läßt Meyerhold, wie er sagt,das Stimmungsmornent im Bewußtsein der Zuschauer festhalten". In einem Stück z. B. endet ein Akt mit dem Ausruf eines über- raschten Kavaliers, dessen Worte als Heirats­antrag mißverstanden wurden:Ich bin rein- gefallen." Auf der Bühne ist eine Gleitbahn auf gebaut Der Freier gerät auf diese Dahn, muß stolpern und sich winden, um das Gleich­gewicht zu behalten und dabei die unmöglichsten Verrenkungen im Shimmy-Schritt machen, um denReinfall" plastisch zu gestalten.

So führt Meyerhold in seinen Inszenie­rungen auch die Idee des Zirkus und des Da- rietss durch.

Abgesehen von den Theatern Stanislawskys und Meyerholds erfreut sich dasStaatliche Jü­dische Theater" Moskaus eines sehr starken Er­folges. Moskau besitzt außerdem noch eine Reihe von Theatern der sogenanntenNationalen Min­derheiten", in denen in Sprachen der verschie­denen in Rußland ansässigen Nationalitäten ge­spielt wird. Es wäre hier noch zu erwähnen, daß sogarHamlet" in baschkirischer Sprache, für di« eigens ein Alphabet vor kurzem erfunden wurde, da sie ein solches bisher nicht kannte, auf* geführt wird. , . >