Ur. 125 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Dienstag, j. Zuni 1926
Das Reichsehrenmal.
[ Don Reichs kunstwart Dr. Edwin Redslob.
lieber den gegenwärtigen Stand der Arbeiten für das Reichsehrenmal erklärte der Reichskunstwart unserem Berliner Vertreter folgendes: Die Frage des Reichsehrenmales ist im Laufe der letzten Monate fühlbar zu einer Angelegenheit des gesamten deutschen Volkes geworden. Vor allem, seitdem sich die deutschen Frontkämpserverbände im Hinblick auf die Verwirklichung des Planes zu einer Einheit zu- lammengeschlossen und dem Reichspräsidenten den Plan zur Errichtung eines Ehrenmales vorgetragen haben. Mit innerer Leidenschaft sucht man aller Orten dem Problem nahe zu kommen und überall tauchen Vorschläge auf, die doch stets zumindest das eine Gute haben, das) man sich auch in abgelegenen Gebieten das Problem an Hand eines greifbaren Beispieles klarlegt. Wenn ich mich bisher der Presse gegenüber über diese Frage noch nicht geäuhert habe, so liegt das daran, das) ich die Behandlung der Angelegenheit besonders im Hinblick auf die vielen Einzelvorschläge möglichst in Fluh halten wollte. Auch heute kann ich mich nicht über die Aussichten der Verwirklichung dieses oder ienes Pro- blemes äußern. Worüber ich aber Auskunft zu geben vermag, das ist der Grundgedanke, der zu Grunde gelegt werden soll. 3n dem Augenblick, als von der Leitung eines unserer großen Frontkämpferverbände der Gedanke eines Haines aufgestellt unö propagiert wurde, kam die Bewegung eigentlich erst in Fluß. Diese Bestrebungen gingen scheinbar gegen meinen ersten Vorschlag, der auf den Rhein zielte. Sie trugen jedoch sehr dazu bei, alle weiteren Vorbereitungen zu einer Angelegenheit des deutschen Volkes zu machen. Wenn ich daher auch meinerseits bei den während der letzten Monate erfolgten Verhandlungen bestimmte Vorschläge gemacht habe, so bin ich mir doch bewußt, damit nur nach einem Ausdruck für das gesucht zu haben, was viele bewegt.
Heber diesen Grundgedanken mich zu äußern, halte ich deshalb im gegenwärtigen Zeitpunkt für durchaus möglich, ob er nun angenommen wird oder den Ausgangspunkt zu neuen Heber - »n bildet. Der erste Gesichtspunkt ist, daß eichsehrenmal meßt das Gepräge eines Siegesdenkmals bekommt, wie es im neunzehnten Jahrhundert hier vielfach üblich war. Das Reichs- ehrenmal muß vielmehr eine überpersönliche, der Ratur verbundene Form erhalten. Wenn auch nicht der Sieg verherrlicht toerben kann, so soll doch das Reichsehrenmal ein Symbol der von dem deutschen Volke vollbrachten Leistung fein. Diese Leistung drückt sich für alle Welt greifbar dahin aus, daß die deutschen Gräben meist jenseits unserer Grenzen liegen. Darin liegt das größte Symbol der Leistung, das ein Volk überhaupt zu geben vermag. Darin liegt aber auch eine Mehrung unserer Trauer. Denn wir können nicht zu den Gräbern unserer Kameraden gehen und den Hinterbliebenen den Weg zu ihnen nicht so erleichtern, wie dies Frankreich möglich ist. Wir brauchen daher im Herzen Deutschlands eine Stätte, wo wir der Toten gedenken, zugleich uns aber in Liebe zum Vater- lande aufrichten können. Dies eigentliche Symbol nun, das vom Ehrenhain umschlossen wird, kann kein Gebild aus Menschenhand sein: Eine Flamme schlägt hier aus dem Boden, und sie brennt so lange, wie der letzte deutsche Mitkämpfer lebt. Ihn mag man dann, wenn unsere ©nfelgene- ration ähnlich denkt wie wir heute, an dieser Stelle versenken, auf daß er die Flamme lösche. Damit hat das deutsche Volk ein Symbol geschaffen, das dem großen Symbol des unbekannten Soldaten ebenbürtig ist, zugleich aber unserem Empfinden tiefer entspricht. So greift der Gedanke des Reichsehrenmales bis an das Ende unseres Jahrhunderts. Hnd schon daraus erteimt man, daß hier die Ratur und aus den Mitteln der Ratur gestaltet werden muß. Die Form ist also in gewisser Hinsicht aus der Form herauszufinden, die wir bei der Bestattung unserer Kameraden entwickelten.
Aufgabe der deutschen Künstler wird es sein, mit diesem Problem zu ringen, so daß e5 bei allem Ernst der Gestaltung ein Zeichen der Wiederaufrichtung wird. Meiner Meinung nach ist es sehr wohl möglich, dieses heilige Feuer in Verbindung mit ganz Deutschland zu bringen. Jedes begrenzte Heimatgebiet kann seinen Berg haben, auf dem am Vorabend des dem Gedächt- ms unserer Krieger gewidmeten Tages, ein Feuer entzündet wird. Dieser Tag darf dann freilich nicht tote jetzt im Winter liegen. Wir brauchen einen Tag im Sommer, etwa Anfang August, an dem überall in Deutschland das heilige Feuer entzündet toirb. Hnd zwar kann, im Anschluß
an einen schönen Gedanken des bisherigen Reichskanzlers Dr. Luther, die Flamme durch Stas- fetten unserer Jugend vom heiligen Feuer im Herzen Deutschlands geholt werden. Der Erfüllung der Idee gegenüber halte ich die Frage nach dem Zeitpunkt für durchaus berechtigt. Allen Schwierigkeiten zum Trotz müssen wir es fertig bringen, beim zwölfjährigen Gedenktag des Kriegsausbruchs die Stelle zu weihen, damit die gestaltende Arbeit beginnen kann. „Es ist mein Wunsch", schloß der Reichskunstwart, „daß diesmal Pfingsten, das Fest der heiligen Flamme, nicht vvrübergehe, ohne die Idee des Reichs- chrenmales durch Deutschland zu tragen.“
Die Haussuchungen in Preußen.
Der preußische Ministerpräsident Braun ist in der angenehmen Lage, den ersten Erfolg seiner großen „Hochverratsartion" buchen zu können. Es wird ihm gelingen, den deutschnationalen Bürgermeister von Lübeck wegzubeißen. In der Bürgerschaft hat der Lübecker Senat mitgeteilt, daß Herr Braun sich dem lübeckischen Gesandten gegenüber dafür entschuldigt hat, weil er die Veröffentlichung des Brieses des Bürgermeisters Reumann ohne vorherige Verständigung vornahm. Herr Braun selbst wehrt sich entrüstet dagegen, daß er sich entschuldigt haben könnte, Er will nur gesagt haben, daß er in Zukunft in einem ähnlichen Falle dem lübeckischen Gesandten rechtzeitigMitteilung machen wolle. Das ist natürlich der offene Hohn, wenn man nicht annehmen will, daß Herr Braun bereits einen neuen Giftpfeil im Köcher hat für den Fall, daß wieder ein Deutschnationaler Bürgermeister von Lübeck werden sollte.
Dieser bevorstehende Sturz Dr. Reumanns ist aber auch die einzige Freude, die der preußische Ministerpräsident in den letzten Wochen erlebt hat. Sonst hagelt es, von allen Seiten gegen ihn und die Regierung die schwersten Vorwürfe. gegen die er sich kaum verteidigen kann. Der Vorstand der Rheinische n Landwirtschaftskammer erläßt zum Schutze ihres beleidigten Vorsitzenden eine Kundgebung, die Herr Braun sich nicht hinter den Spiegel stecken wird. Jetzt hat der Oberreichsanwalt auch dem Generaldirektor Vogler die beschlagnahmten Schriftstücke zurückgeschickt, weil sie keine Bedeutung haben. Wie er über den Fall denkt, hat Herr Dr. Ebermeyer durch die eingestreute Zwischenbemerkung zu erkennen gegeben, daß die Haussuchung bei Dr. Vogler ohne eine vom Reichsanwall erteilte An Weisung erfolgt ist.
Bei den meisten Herren ist überhaupt nichts beschlagnahmt worden. Die beschlagnahmten Schriftstücke Dr. Vöglers und des Admirals von Schröder sind zurückgegeben. Was bleibt nun überhaupt noch übrig? Interessant ist in dem Schreiben des Oberreichsanwalts, daß er das Verfahren als „Strafsache gegen von Schröder und Genossen" bezeichnete. Admiral von Schröder, derselbe, der die beschlagnahmten Schriftstücke zurückbekommen hat, scheint also nach Ansicht der preußischen Regierung der Hauptsündenbock zu sein. Indessen, warten wir ab, was der Oberreichsanwalt jetzt mit einer Hoch- verratsanklage ohne Material anfängt...
Die „Südstaaten".
Don El. Vollbehr.
Louisiana, Mai 1926.
Die alten Zeiten des lustigen, frivolen, französischen Lebens in den Südstaaten sind vorüber. Rur die seltsamen verschnörkelten Bauten mit ihren filigrangeflochtenen Altanen, die langen französischen Sonnenläden, die europäischen Fenster, die lebhaften Geschäftsstraßen erinnern daran, daß ein anderer Geist als der puritanische hier kolonisierte, hier seine Wanderlustigen aus Westeuropa herüberwarf.
Ein Land mit drei Sprachen, ein Land mit zwei lateinischen Kulturen, die sich in den Zipfel eines Kontinents hineinsehten, das Englische säst auf die Seite drängten. So sind die Südstaaten am konservativsten von allen übrigen geblieben.
Sie haßten die Union, alle diese Föderativstaaten, sie können sich heute noch nicht mit der Regierungsform aussöhnen. Sie behandeln noch heute ihre Reger anders als die im Rorden, Westen und Osten. Ungeniert spricht man hier französisch, hat man französische Aufschriften.
Das Land kam von einer Hand in die andere, war bald französisch, bald spanisch, dann wieder französisch und wurde von Rapoleon für fünfzehn Millionen Dollar an die Union verkauft. Das nagt heute noch an den Süd
staatlern, daß sie dem großen Korsen nichts anderes waren als feile Ware! Und trotzdem, als dieser entthronte Große einsam auf St. Helena saß und fein Land ihn mit Schmähungen und Schande bedachte, da legten französische Südstaatler hier ihre Gelder zusammen, kauften ein noch heute zu sehendes Haus, möblierten es königlich aus und sandten zu dem gefesselten Löwen hinüber, um ihm in ihrer Mitte in Rew Orleans ein fürstliches Refugium zu geben. Der Tod Rapoleons vereitelte diesen Plan zu ihrem Leidwesen.
Ein eigenartiges geographisches Mißverständnis begleitet übrigens alle Eroberungszüge in Nordamerika. Als der Mississippi entdeckt wurde, hielt man ihn für die direkte Wasserstraße nach China, fo ungeheueren Irrtum schuf dieser gewaltige Fluß. Lasalle endlich, der Hnermüdliche, pflanzte an seinen Ufern 1682 das Banner Frankreichs auf, das Land südlich, östlich und westlich Frankreichs Krone (auf dem Haupte Ludwig XIV.) zu eigen machend. — So erhielt es nach ihm den 'Hamen Louisiana: heute heißt es scherzweise der „Pelikan-Staat". Der eigentliche Vater Louisinas war aber Bien- Ville, der die hier ansässigen Indianer durch vernünftiges Zugreifen nach und nach den Interessen des neuen Landes dienstbar machte, Handelswege nach Mexiko eröffnete, vor allem aber die Kontrolle über den Mississippi dadurch behielt, daß er das Land zu beiden Seiten und an der Mündung stark besiedelte. Es ist wohl der unüberlegteste Zug in Rapoleonischer Politik gewesen, dieses Land freiwillig aufzugeben und es für eine Krämersumme zu verschachern.
Welches ungeheuere, beispiellos in der Geschichte dastehende Kolonisationstalent das englische Element hier entwickelte, erhellt aus der Tatsache, daß es in verhältnismäßig kurzer Zeit einen ganzen Kontinent einschluckte. Kanada, das alte Reu-Frankreich des siebzehnten Jahrhunderts — englisch! Der ganze Osten bis zum Mittelwesten — englisch. Dann schiebt sich vom Golf von Mexiko bis hinauf nach Kanada, westlich an das spanische Kalifornien stoßend, der gewaltige Keil des französischen Lousiana dazwischen. Durch schlaue Verträge, künstlich entfachte Kriege, hineingeworfene Feuerbrände wird das Mutterland seines kostsvieligen Kindes müde — England-Amerika schluckt es ein, wie es Kalifornien auch einschluckt! Hier also auch in Amerika getrennte Staaten, getrennte Rassen, fremde Landessprachen! — Man wollte ja sogar, preisgegeben von Frankreich, dieses ungeheure französische Territorium zum Kaiserreich ausrufen. Alle diese Ideen haben hier gespukt, find nur vor der auf der Lauer liegenden britischen Wachsamkeit nicht zur Ausführung gekommen. Andererseits hätte sich hier ein zweiter weißer volitifch scharf in Einzelstaaten getrennter Kontinent entwickelt, dessen Lebensfähigkeit, vom alten Kontinent nickst unterstützt, sich gegenüber dem vom Mutterlande eifrigst mit Geld und Menschenmaterial versorgten britischen Element nicht hätte behaupten föimen.
Sehr streng sind die Standesunterschiede in den sog. ..Sklavenstaaten". Die „Daumwott- barone". deren Reichtum kein anderer in irgendeinem Staate gleichkam, sonderten sich als vornehme Kaste streng ab. Roch heute bilden die alten Kreolenfamilien die Blute des Landes, guasi die Adelskaste, die mit mitleidigem Hohn auf die Wallstreet, auf das ganze große Jn- ßuftrierittertum des Ostens, vom Westen ganz zu schweigen, herabsieht. — Fälschlicherweise verstehen wir unter Kreolen eine Mischung von Spaniern und Farbigen. Tatsächlich sind sie in in den Südstaaten die einzigen reinblütigen Abkömmlinge der ersten französischen und spani-chen Familien, denen heute auch noch die wenigen mit ihnen vermischten reichen deutschblütigen Familien zugezählt werden. Sie alle sprechen neben der Landessprache ein etwas dialekt^efärbtes Französisch und Spanisch, beherrschen auch durch den Verkehr mit ihren alten Regern vielfach deren seltsames Idiom, eine Mischung von Afrikanisch und Französisch.
Ganz iin Gegensatz zu dem übrigen Nordamerika ist hier viel von europäischer Seele zu finden. Der Dollar beherrscht zwar die Position des einzelnen, ist aber durch jahrhundert- langen Reichtum zu etwas Selbstverständlichem geworden. Durch ihn hegt und pflegt man Tradition, Liebe zur einstigen Blüte französischer Kultur. Man hat Kultur! Diese alten Pflanzerfamilien halten streng auf Form und Herkommen. Ihr Haus ist nicht jedem Fremden ohne weiteres offen. — Nur recht wenig vom „Pankee" hören! — Hnd so begrüßen sie mit Freude, Fremde vom alten Kontinent, besonders die
allspanischen Familien. Denn sie bringen ihnen alle Tradition in Wesen und Bildung, wissen ihre schonen alten Möbel und Gemälde zu schätzen, mit ihnen können sie plaudern.
Wacker machte man hier alle Phasen ungezügelten Deutschenhasses mit. Selbst die katholische Geistlichkeit (die Südstaaten sind hauptsächlich katholischer Konfession) wurde nicht verschont. chre deutschnamigen Priester unerbittlich verfolgt. — Die vor einigen Jahren so überaus heftige Jnsluenzaepidemie wurde auf das Schuldkonto Deutschlands gebucht, daß alle diese tödlichen Bazillen in — ‘Briefen herübergeschickt habe!! —
Offiziell zwar ist das Sklaventum 1865 abgeschafft. Tatsächlich fanden jedoch die meisten Freigelassenen nach der ersten Hnbändigkeit unerwarteter Freiheit sich wieder zurück zu ihren alten Ställen. Denn vorzüglich die älteren Neger waren hilflos in ihrer Hnselbständigkeit dem Verkommen und Verhungern preisgegeben. Noch immer beherrscht eine feste Hand die Stellung der Schwarzen. Die Lümmelei und Frechheit, die neuerdings im Norden und Osten der Union unter ihnen sich breit macht, ist hier in den Südstaaten nirgends zu finden. Denn der Neger weiß ganz genau, daß die weiße Zuchtrute recht locker fitzt. Christen sind sie ja zwar, doch ist ihr Christentum verquickt mit den alten heidnischen Stammeskullen. Noch besteht hier der gräßliche Vaudoux-Kult, dessen Fest alljährlich in der Johannisnacht mit den alten Zeremonien gefeiert wird, fürchterlich und grauenhaft, wie die wenigen versichern, die versteckt Zeuge davon sein konnten, denn fänden diese in verzückte Raserei versetzten Schwarzen einen Weißen, der sie belauschte, sie würden ihn in Stücke reißen. Früher war dieser Kult mit Menschenopfern verbunden. Früher?-----
Unglaublich abergläubisch sind die Schwarzen! Ueberall wittern sie den Teufel, überallhin verstecken sie ihre Amulette. Hier trifft man noch vereinzelt auf steinalte Neger und Negerinnen, die die Sklavenzeiten noch fühlbar miterlebt, die ein sonderbares Kauderwelsch von Afrikanisch und verstümmeltem Französisch sprechen, als Nachkömmlinge ersten Grades jener nach San Domingo von Afrika her transportierten Schwarzen. Ihre Physiognomie ist eine gänzlich verschiedene von der der Brüder in den „Staaten", sie haben noch die auffallend fliehende Stirn, das Raubtiergebiß, die langen Arme ihrer Voreltern, dabei den sanften tiefen Blick gezähmter Tiere — im Ruhe Zustande! Nur vor der weißen Faust haben sie Respekt, auch nur vor dem weißen Wissen. Es gibt schwarze Seminare, in denen Geistliche und Lehrer ausgebildet werden, aber nur ganz wenige sollen davon tauglich und verwendbar sein, der Neger selbst ist viel zu konzentrationsunfähig und zu spielerisch veranlagt, als daß gediegenes Material aus ihm gehämmert werden konnte. Streng ist die Scheidung zwischen Schwarz und Weiß, wo auch immer Verschiedenfarbige zu- fammenfommen. Wehe dem Neger, der sich an eine weiße Frau heranzumachen wagte, hier wird noch geteert und gefedert!
Die Industrialisierung schreitet immer weiter fort in den Südstaaten. Einerseits durch die im Lande selbst gezogenen Produkte, wie Baumwolle, Reis, Tabak, Zuckerrohr, andererseits durch die billigen schwarzen Arbeitskräfte. Das heiße, feuchte, fieberbringende Klima ist durchaus ungeeignet für weiße Arbeiter. Die schwarze billige Konturrenzlosigkeit ttjar by Grund des plantagenmäßigen Betriebes, der Ip^ier auf der anderen Seite die von Weißen betriebene Industrie im natürlichen Cowlge hatte. Bei Anbau und Ernte der Schwarze, bei maschinenmäßiger Verarbeitung der Weiße! - Viehzucht wird nur in kleinem Umfange betrieben, denn das Klima ist Rindern, Schafen, Schweinen feind. Dagegen ist die Aufzucht an Maultieren und Eseln in stetigem Steigen. Doch allein bestimmend für die Landwirtschaft der Südstaaten ist und bleibt die Baumwolle, die Herrscherin. Sie hat die Kiefernwälder gelichtet, sie hat die Sklaverei bedingt, sie hat die Arbeiterfragen geregelt. Der sog. Cotton-Bell, auf dein die ungeheuren Baumwollplantagen sich aus- dehnen, ist dreimal so groß wie das Deutsche Reich. Allerdings erreicht die Baumwollpflanze hier nicht die Kraft und baumstarke Höhe wie in ihrer Urheimat, sie muß alljährlich wieder von neuem mühevoll gepflanzt werden.
Galveston in Texas hat den früher ersten Welthafen in Baumwolle, New Orleans, schon weit überholt. Man baut übrigens zwei Arten von Baumwolle an, die seine hoch bezahlte Barbados-Baumwolle, langstapelig mit ihrer super- diffizilen Tochter, die rut in den Küstenstrichen
Barbarossa.
s Don Otto Mittler.
Wer kennt eine Puhjolle, auch Bootsmanns- gig geheißen? Es unterscheidet sich von dem schlanken, achtriemigen Kommandantengig dadurch, daß es weder schlank noch achttiemig ift, sondern plump und zweiriemig. Cs hat vorn und achter je einen Luftkasten, der es am Untersinken hindert, selbst wenn es mit Wasser gefüllt ist. Es hat im Boden einen Pfropfen, der herausgezogen werden kann. Wenn man es reinigen will, so läßt man es vollaufen, spundet dann wieder zu und schöpft das Wasser aus.
Wer kannte Barbarossa? Ich meine nicht den Kaiser Friedrich lobesam, sondern jenen Seemann, der den Spitznamen zwar 750 Jahre später, aber auch aus dem Munde des Krieger- volles bezog.
Als ich Barbarossa kennen lernte, stand er im besten Mannesalter. war aber seit seinem 21. Lebetrsjahre noch immer k. ii. k. Deckmatrose vierter Klasse. Es gab eine vierjährige Dienstpflicht und außerdem die Einrichtung, daß einer die Zeit, ine er im Gefängnis zubcachte, nachdienen mußte. Barbarossa Diente so lange wie Erzvater Jahb um Rahel plus Lea. Dabei war er keine Verbrechernatur. Gr zog sich die Strafen entweder in der Trunkenheit zu oder durch seinen Humor. Letzteres , etwa so:
An einem schonen Sommersonntag hatten totr in Pola morgens um 10 Uhr bereits 30 Grad im Schatten. Das Meer war blau wie ein Ma- trosenkragen und stank nach Hafen und faulem Seetang. Wir standen vorne auf Freideck zur Quartiervisite angetreten. Der Quartieriührer kommandierte: „Kappen ab! Hosen auf! Messer heraus?', Somit der herannahende Offizier sich
davon überzeugen könne, ob auch jeder sein Klappmesser, das an einer weißen Schnur um den Hals zu tragen war, besäße, ob die Haare vorschriftsmäßig geschnitten seien und die Unterbeinkleider gewaschen. Da nun, in dieser geheiligten Stunde, zu dem selbst die Ratten im Kielraum den Schwanz mit den Pfoten präsentierten. geschah es, daß die ganze Schiffsbemannung so laut lachte, daß der Admiral vom Flaggenschiff mit Handsignal die Frage her- überwinken ließ, ob wir alle mit Gottes Hilfe total verrückt geworden seien.
Barbarossa war eine Woche vorher wegen seiner vorschriftswidrigen Künstlermähne bestraft worden. Als heute nun das Kommando „Kappen ab!" erscholl, zeigte er seinen Desserungswitten dadurch, daß er sich eine Glatze rasiert hatte. Nicht etwa eine Tonsur, nein! Im Kranze kurzgeschnittener Haare leuchtete eine richtige Glatze, die in Ausmaß und Gestalt völlig der Glatze des ersten Offiziers glich, der ihm die Strafe dll- tiert hatte, und der eben auf Weißen Schuhen, den Säbel aus dem Hüftgelenk um die Deine schlenkernd, auf Freideck herauskam, um das Quartier zu visitieren.
Das war ein Gelächter! Oben auf der Drücke stand der Kommandant. Er hielt sich den Dauch und Tränen rannen in seinen ergrauende Barr. Er ließ Barbarossa zu sich rufen und verlieh ihm einen Liter Wein und zwec Monate Dordarrest mit je drei Tagen Dunkel als Einleitung und Abschluß.
Dies war Barbarossa. Ich sehe ihn noch heute nach vollen zwanzig Jahren, vor mir, als hätte ich ihn gestern gesehen, wie er, die Pfeife im Munde, in irgendeinem verborgenen Winkel hockte und leidenschaftlich mit einem Kameraden das an Bord verbotene Fingerspiel spielte. Ich höre noch die taktmäßigen Ausrufe
seiner stets heiser belegten Stimme: „Trel... Cinque!... Moral... Due!"
Dies war Barbarossa, stets mit grauer Oel- farbe beschmiert vom Kappenrand bis an die Stieselspihen. Denn er war Pfleger eines der wichtigsten Schiffsbestandteile: des Außenbordanstriches. Solange das Schiff in See war, schlief Barbarossa irgendwo unter Deck. Sobald aber die Ankerkette durch die Klüsen gedonnert war, strich er eilig't die Puhjolle, kletterte mit etlichen Farbtöpfen und Pinseln über die Back- spiere und gab sich seiner malerischen Tätigkeit hin. Einmal täglich rief ihn der Bootsmann an und ließ sich von ihm um Außenbord rudern, um zu sehen, an welchen Stellen der Farbpanzer noch eine Verdickung vertrüge. Sonst aber war Barbarossa nächst Gott allein Herr auf feinem Kahne. Er pinselte andächtig und langsam mit Breiten Strichen und ruderte ab und zu ein paar Schläge zurück, um die Fernwirkung zu studieren.
Leutnant Willi von der k. u. k. Festungsartillerie kam frisch aus der Kadettenschule zu den Vierern auf Fort Santa Maddalena. Seine Mutter war eine Tante unseres Navigationsoffiziers und hatte diesem geschrieben, er sollte sich des Jungen annehmen. Deshalb wurde er zu uns an Bord in die Offiziersmesse eingeladen. Er benahm sich — für einen Landsoldaten — recht manierlich. Er konnte Klavierfpielen, sodaß unser Schiffskurat einmal nicht den Fledermauswalzer vorzutragen brauchte, den er sonst allnächtlich in einem bestimmten Stadium der Alkoholisiertheit von sich zu geben pflegte. Leutnant Willi konnte sogar fingen, die anderen fangen mit, und bis ein Hhr nachts widerhallte das Achterschiff von dem damals neuesten Schlager: „Manndi, Manndi. sei doch net so Hartl"
Als Leutnant Willi sich gegen ein Hhr
nachts zum Ausbruch entichloß, stellte es sich heraus, daß niemand an eine Beförderungsmöglichkeit für ihn gedacht hatte. Die Dampfbarke lag mit abgebranntem Kessel an der Backspiere. Neun Mann Jollbootsbemannung zu wecken, was in solchen Fällen früher üblich gewesen war, hatte der ..Alte" verboten. So kam man auf die Idee, die Puhjolle in Dienst zu stellen. Da mußte nur Barbarossa geweckt werden, und der war für ein Viertel Wein noch zu ganz anderen Dingen zu haben, als einen Leutnant an Land zu rudern.
Also wurde Barbarossa ausgepurrt und holte sein Fahrzeug nach achter ans Steuerbordfallreep, das ob solch einer unwürdigen Berührung vor Scham errötete. Durch eine alte Bootsflagge wurde der Hintere Luftkasten der Puhjolle zum üppigen Sihe umgestaltet, der Wachunteroffizier flötete den Dootspfiff, Leunant Willi stieg ein, der Wachkadett rief „Abstoßen" und salutierte.
Alles wäre gut gegangen, wenn nicht Leutnant Willi sich, als sie etwa 100 Meter vom Schiff entfernt waren, plötzlich seiner jungen Offizierswürde erinnert und also gesprochen hätte:
„Sie! Warum haben's mich denn eigentlich nett ‘grüßt? Das rs mir aufg'faHen, Sie?
Barbarossa hätte mit Recht darauf Hinweisen können, daß er laut Dienstregelement als riemen- führende Dootsbemannung keine Einzelehrenbezeugung zu leisten habe. Wenn er wollte, so sprach er auch hinlänglich Deutsch, um diese Aufklärung zu geben. Da er aber nicht wollte, erteilte er in der wohlklingenden Sprache Dantes seinem Gegenüber den Rat, jener möge, wenn er lange Weile habe, sonstwas treiben, nicht aber einen alten Seemann behelligen.
Leutnant Willi wiederum verstand kein Wort italienisch. Er nahm die hastig hervorgestoßenen Worte als einen Enlschuldigungsversuch und äußerte überlegen:


