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Dienstag, 1. Juni 1926

176. Jahrgang

Br. 125 Erstes Blatt

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wiederum bei den Rationaldemokraten

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Die Genfer Arbertskonfekenz.

Genf, 31. Mai. (TL.) Die heutige Doll­fi tz u n g der int er nationalen Arbeits­konferenz. auf deren Tagesordnung die Be­ratung des Berichtes des Direktors des inter­nationalen Arbeitsamtes steht, wurde vor­mittags um 10.30 Lhr eröffnet. Zu Beginn teilte der Vorsitzende mit, daß Albert Thomas vor der Diskussion das Wort nicht ergreifen werde. Darauf gab der belgische Arbeiterführer Mar-

vor der pariser KamwröeMtte

Paris. 1. Juni. (WTB. Funkspruch.) Die Morgenpresse erwartet, daß heute in der Kammer eine wichtige Debatte über die allgemeine Politik der Regierung stattfinden werde. Rach dem .Oeuvre" nimmt man an, daß Briand nach einem Exposö über die politische und finanzielle Lage ein klares Vertrauens- votum fordern wird. Im Laufe des für heute vormittag angesetzten Ministerrates wird der Inhalt der Erklärung des Ministerpräsidenten festgelegt wer­den, zu denen die Parteien alsbald Stellung nehmen wollen. Besondere Bedeutung wird dem Beschluß der Radikalen beigelegt, die letzten Donnerstag zu fast gleichen Teilen für und gegen das K a - binett stimmten, besonders auch, weil Briand gestern nachmittag eine längere Unterredung mit Maloy hatte, der den Auftrag haben soll, die radikale Kammerfraktion von den Absichten des Ministerpräsi­denten in Kenntnis zu setzen.

Annahme von Anzeigen für di« Tagesnummer vir zum Nachmittag vorher.

pretr für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re- klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20'/. mehr.

Chefredakteur:

Dr. Friede. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An­zeigenteil Hans Iüstel, sämtlich in Gießen.

Die Ablehnung Pilsudskis

Persönliche und politische Gründe.

den ehemaligen österreichischen Statthalter von Galizien Dr. Dobrzhnski Stimmung, der auf

Widerstand stößt. Die äußerste Rechte trägt sich mit der Absicht, den Wilnaer ä.lu.versitätspro- fessor Zdziechowski, einen rechtsstehenden Monarchisten, der aber zu Pilsudsli ausgezeich­nete Beziehungen unterhält, vorzuschlagen.

Die letzten Meldungen besagen: Am Montag fanden den ganzen Tag über Beratungen der Sejmfr attionen statt, in denen man versuchte, einen Ausweg aus der schwierigen Lage zu finden. Die Piasten-Partei wandte sich an den Sejmmarschall mit der Bitte, er möge am Dienstag kandidieren. Rataj lehnte je­doch mit der Erklärung ab, daß es sein einziger Wunsch sei, daß am Dienstag alle Parteien einstimmig den Kandidaten Pils udskis, Professor Moscicki, wählen mögen, der in Polen großes Ansehen genieße. Wie von gut unterrichteter Seile verlautet, haben dieRechts- parteien beschlossen, am Dienstag wieder für ihren Kandidaten Bninski zu stimmen. Die Linksparteien werden einstimmig für Professor Moscicki stimmen. Die Juden haben be­schlossen, am Dienstag ihren eigenen Kandidaten aufzustellen, nämlich Professor de Bourtenet, der als Verteidiger der nationalen Minderheiten bekannt ist.

Kundgebungen.

Warschau, 31. Mai. (WTB.) Heute nachmittag veranstalteten die Sozialdemokraten große Umzüge zu Ehren Pilsudskis, an denen sich etwa 10 000 Personen beteiligten. Die Losung wurde zu einer Zeit ausgegeben, als von einem Verzicht Pilsudskis noch nichts bekannt war. Die meisten Demonstranten brachten Hochrufe auf den Präsidenten Pilsudski aus. Aber auch die durch massenhaft verbreitete Extrablätter von Pilsudskis Verzicht unterrichteten Demonstranten stimmten begeistert in diese Rufe ein.

noch entschließen werde, die Wahl anzu­nehmen, aber dann müsse als Voraussetzung zuerst der 8 1 der polnischen Verfassung durch die Rationalversammlung geändert werden. Die Begeisterung für Pilsudski bei den Linken ist so groß, daß eine Reihe Abgeordneter mit Koscialkowski (Whzwolenie) an der Spitze eine Demonstration vor dem Sejmgebäude veran­laßt hat. Koscialkowski hat dabei ausgerufen, daß die Abgeordneten zu Pilsudski gehen und ihn einfach zwingen werden, die Wahl an­zunehmen.

Die Lage in Warschau.

Warschau, 31. Mai. (WTB.) Durch den Verzicht Pils udskis ist die Lage sover­worren wie nur möglich. Die Kandidatur dem vom Marschall Pilsudski vorgeschlagenen Präsidentschaftskandidaten Moscickh, einer in politischen Kreisen sehr wenig bekannten Per­sönlichkeit, findet auch bei der Linken nur sehr geringe Zustimmung. Für die Rechte ist er unannehmbar, und auch die Minderheiten, welche heute vormittag fast durchweg ihre Stim­men für Pilsudski abgegeben haben, machten gegen Moscicky verschiedene Einwendungen geltend. 3n den Kreisen der Mittelparteien macht man für

tens eine Erklärung ab, in der er feststellts, daß die auf den bisherigen Arbeitskonferenzen stets mit großer Mehrheit angenommenen Kon­ventionen nur zu einem sehr geringen Teil von den Regierungen bisher ratifiziert worden seien. Er forderte darauf im Rainen der Gruppe der Arbeiterdelegierten die Regierungsvertreter auf, dem bisherigen Brauche folgend, auch auf dieser Konferenz Erklärungen darüber abzugeben, welche Maßnahmen sie zur Ratifizier ung des Washingtoner Abkommens bisher ge­troffen hätten. 3m Rainen der belgischen Re­gierung erklärte hierauf der belgische Vertreter, daß die belgische Regierung auf Grund der Er­gebnisse der Londoner Arbeitsministerkonferenz der Kammer bereits einen Gesetzentwurf zur be­schleunigten Ratifikation des Washingtoner Ab­kommens eingereicht habe und daß bereits in diesen Tagen der Gesetzentwurf in der Kammer behandelt werden würde. Der polnische Ver­treter erklärte, Polen habe bisher dreizehn Kon­ventionen ratifiziert und stehe an erster Stelle unter den Staaten, die ihre Verpflichtungen gegenüber dem Internationalen Arbeitsamt voll erfiillt hätten. Sokal beschäftigte sich dann eingehend mit dem zweiten Teil des Berichtes des Direktors des Internationalen Arbeits­amtes, der die wirtschaftliche Lage im Jahre 1925 schildert. In dem Bericht werden drei große Probleme in den Vordergrund gerückt: 1. Die Frage der Arbeitslos igke i t. 2. Die Frage der Arbeitszeit. 3. Die Auswande- r u n g. Sokal wies darauf in längeren theo­retischen Darlegungen auf die große wissenschaft­liche Bedeutung der Arbeit des Internationalen Arbeitsamtes hin und erklärte, er werde der Konferenz den Vorschlag einer wissenschaftlichen Organisation der Arbeit vorlegen.

Im weiteren Verlauf der Sitzung wiesen die Arbeitervertreter von Canada und Jugo­slawien mit Rachdruck auf Forderungen von Mertens hin und betonten die Rorwendigkeit der wissenschaftlichen Organisierung der Arbeit. Der kanadische Arbeitervertreter hob hervor, daß

Die unblutige Revolution in Portugal.

Portugal hat wieder einmal seine Revo­lution. Man hat dort zu Lande schon reichlich Erfahrung und Hebung darin, denn seit Be­stehen der Republik, seit 1910 ist dies der zwanzigste bewaffnete Aufstand. Und in diesem Jahre ist es bereits der zweite Militäraufstand. Während bei dem letzten Aufstand im Februar, der wie alle diese Aufstände ziemlich rasch niedergeschlagen wurde und vollständig unblutig verlief, die Regierung das Heft fest in der Hand behielt, mußte sie sich diesmal den For­derungen der aufständischen Truppen füge« und zurücktreten. Der Präsident der Republik ist mit den Aufständischen in Unterhandlungen getreten und hat sie beauftragt, eine neue Regierung zu bilden. Bei den Aufständen hat es sich eigent­lich immer um nichtige Anlässe gehandelt, so auch diesmal, wo die Unzufriedenheit mit dem Verhalten der Regierung in der Frage des Tabakmonopols zwei Divisionen veranlaßte, ge­gen Lissabon zu marschieren und den Rücktritt der Regierung zu fordern. Unterstützt wurden die aufständischen Truppen durch die Eisenbahner, die das Eingreifen der regierungstreuen Truppen verhinderten.

So ist auch dieser Putsch vollständig unblutig verlaufen. Der tiefere Grund für die dauernde Beunruhigung des Landes durch Aufstände ist in der politischen Zerrissenheit des Landes zu su­chen, das sich etwa ebenso viel Parteien leistet wie Frankreich, und daß diese Parteien wieder in mehrere Gruppen gespalten sind, die sich gegenseitig aufs heftigste bekämpfen. Und be­sonders die Tatsache, dah die Armee vollkom­men politisiert ist. läßt das Land niemals zur Ruhe kommen. Jeder General, der mit irgend­einer Handlung des Ministeriums nicht zufrieden ist, läßt seine Truppen marschieren. Jeder ehr­geizige Politiker, der mit dem Ministerpräsiden­ten oder einem anderen Minister unzufrieden ist, steckt sich hinter einen General und veranlaßt einen bewaffneten Auf st and, um auf diese Weise an die Regierung zu kommen. Rur so ist es auch zu erklären, daß Portugal in den letzten fünf­zehn Jahren nicht toengier als vierzig Regierun­gen gehabt hat, die es aber alle nicht wagten, die Führer solcher Aufstandsbewegungen ener­gisch zu bestrafen. So ist es natürlich nicht ver­wunderlich, daß sich die Aufstände derartig meh­ren. und dah es schließlich auch die Minister selbst gar nicht wagen, irgendwelche durchgreifen­den Reformen durchzuführen, sondern sich darauf zu beschränken, ihre nicht unerheblichen Gehälter so lange wie möglich zu beziehen.

Als Führer und Organisator des letzten Auf­standes wird der Kommandeur der Division von Braga, der General Gomez Gösta, bezeichnet. In der Proklamation, die der Revolutionsaus­schuh veröffentlicht hat, wird festgestellt, dah die Bewegung rein republikanisch sei und keinen militärischen Charakter trage. Es scheint sich also auch diesmal nicht darum zu handeln, dem Lande endlich eine energische Führung zu geben, die sich durchgreifende Reformen leisten kann, und etwa nach dem Vorbilde Primo de Riveras oder der Generäle in Athen und Bukarest endlich einmal der unheilvollen Parteiwirtschaft ein Ziel zu sehen. Der geringfügige Anlaß scheint eher daraufhin zu deuten, dah auch diesmal wieder ein ehrgeiziger Politiker dahintersteckt, der die parteipolitische Zerrissenheit ausnuhen will, um sich selbst ans Ruder zu bringen. So wird man auch damit rechnen können, daß das nicht die letzte unblutige Revolution in Portugal war, solange nicht, bis auch Portugal seinen Primo de Rivera gefunden hat, der der Parteiwirtschaft ein Ende macht.

Die Lage in Lissabon.

Paris, 31. Mai. (WTB.) Haoas meldet, daß General Eabreadas das Ministerpräsi­dium und das Innenministerium über­nommen habe. General Costa, der heute mit sei­ner Division in Lissabon erwartet werde, werde wahrscheinlich die Leitung des Kriegsmini st e- riums und General Gamora das Marine- minifterium übernehmen. Der Postverkehr steht unter Aussicht der Militärbehörden. Die erste Regierungsmaßnahme wird in der Auflösung des Parlaments und in der Abschaffung aller Gesetze bestehen, die als den Interessen des Landes schädlich angesehen werden. Es wird erklärt, daß Lissabon von den Aufständischen ohne einen Gewehrschuß eingenommen wurde. Die Bewegung hat im ganzen Lande Zustimmung gefunden.

bie ^ÄiXE °lle Anerlennung. eUen Teils würbe getanjf ®. M für die M. ;eJn^,eU<btigung ^henswurdigleiien üti- ö. der WalpurMrhe ® Führung von Nit. TeschichtS- und Alieu Brauerei Wallach -wer Besichtigung ihm uberralu't: bie Besucher Frühschoppen und einem lumcn. Gleichzeitig sand gs die Eröffnung der lung des Gesamt- Haus" unter zahlreicher lern fast oller Vereine csitzenden Dr. Bruch- statt. Bach einleitenden Borsihenden, der ins- : der Regierung, Kreis- ier, und denBetitelet er Dr. Bilsing, den Borsihenden des Qkr- Aekurgs- und Wandet- or Kisslngrr, Dann- den des Ähönklub? und , Iusttzrat Dr. Psei- en'chtsrat Heußner, in die Tagesordnung lattete der Bvrichende n aMrßchen Bericht desonüdereins. aus dem die Mgliederzahl im s abgemmnen hat. W- hmigung der Rechnung msjahr, und die Borlage M6, der ohne Änderung 1927 wurde der an den nbe Jahresbeitrag der M. auf L50 ®l. gegen erhöht. Einstimmig de- der Herchenhainer aendherberge nach mb unermüdliche Fön "r-Heim" zu benot- wurde mit stackem Sei* Sraa des Zweigvetems die Hauptveckammümg Kund in 1928 in MJj ' wurde Mmal ouf - w* enmniameS SW

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tn seinem Lande durch technische Sachverständige die wirksamsten organisatorischen Methoden ge­prüft werden, um alle, die an dem Produktions­prozeß teilnehmen, auch an ihrem Ertrag betei­ligen zu können. Der südslawische Arbeiter­vertreter stimmte den Ausführungen Sokals zu und forderte weitgehende Entwicklungsmöglich­keiten für die internationale Arbeitsorganisatio- neu. Der Vertreter der Arbeiterschaft Austra­liens erklärte, die australische Arbeiterschaft habe die Initiative zur Abhaltung einer Ar­beiterkonferenz in Honolulu ergriffen, weil sie der Meinung sei, dah der nächste Krieg an den Küsten des pazifischen Meeres ausgefochten werden würde. Der argentinische Vertreter der Anternehmergruppe erklärte den Umstand, daß Argentinien die Arbeitskonvention nicht ratifizierte, damit, daß die Arbeitsbedin­gungen in seinem Lande ohne gesetzliche Rege­lung in vieler Hinsicht günstiger seien, als die von den Arbeitskonferenzen aufgestellten Regeln.

Die englische Kohlennot.

London, 1. Juni. (TU.) Aus Regie­rungskreisen verlautet, dah die englischen Kohlen­importfirmen grohe Mengen ausländi­scher Kohlen an der Hand hätten, die sie unter Beihilfe der Regierung einführen könnten, sobald das notwendig sein sollte. Diese Kohlen sollen von der Saar, von Schlesien und von Frankreich kommen. Auch mit den Koh­lengruben in den Vereinigten Staaten sind Ver­handlungen gepflogen worden, die vor dem Ab­schluß stehen. Die englische Regierung ist fest überzeugt, dah bei der Kohleneinfuhr aus dem Ausland die englischen Eisenbahner ihre Mithilfe nicht versagen werden. Da die Gültigkeit des Regierungsangebots auf weitere finanzielle Tlnterstützung in Höhe von 3 Millionen Pfund abgelausen ist, besteht die Möglichkeit, dah der Premierminister mit den Vertretern der Bergarbeiter und der Gruben­besitzer heute abend zusammentrifit. ~ -

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Pilsudski hat, wie bereits gestern gemeldet wurde, nachdem er mit absoluter Stimmenmebrheit als Sieger aus dem Präsidentschaftswahlkamps her- vorgegangen war, die Wahl abgelehnt. Die amtliche Meldung hierüber lautet:

Warschau, 31. Mai. (TU.) Pilsudski hat taf- sächlich die Wahl jum S t a a t s p r ä s i d e n l e n abgelehnl. Es handelt sich, wie jetzt klar wird, keineswegs um eine grundsätzliche Ab­lehnung. Pilsudski will einen Druck auf die Natio­nalversammlung ausüben, ihm die Verfas­sungsänderungen zu gestatten, die es ihm möglich machen, den Eid auf die Verfassung abzu­legen.

Die unmittelbar nach der Wahl mit der Sejm- Icitung aufgenommenen Verhandlungen über diesen Punkt haben Pilsudski nicht die Sicherheit geben können, seine Wünsche in ähnlich überzeugender Form durchdrücken zu können und er wählte daher den Weg taktischer Demonstration, um durch Ab­lehnung und durch Vorschlag neuer Kandi­daten die Nationalversammlung in Verlegenheit zu bringen. Wenn seine Macht tatsächlich dem Ab­stimmungsverhältnis der heutigen Wahl entspricht, dann wird man Pilsudski in einem dritten Wahlgang nochmals wählen müssen, nachdem er sich zuvor die von ihm gewünschten Verfassungs­änderungen gesichert hat. Als Kandidaten hat Pilsudski vorgeschlagen: Professor Moscicki, Do­zent der Chemie an der Universität Lemberg, Ver­fasser zahlreicher Schriften, ferner Professor Marjan Zdziechowski, Professor der Geschichte und der Philosophie in Wilna und ebenfalls Verfasser ver­schiedener soziologischer Schriften. Er ist bekannt als Ungarfreund und Russenfeind, ist konservativ und katholisch und Anhänger der mystischen Philosophie. Die Gründe für die Ablehnung.

Warschau, 31. Mai. (SIL) Das Schrei­ben, in dem Marschall Pilsudski dem Sejm­marschall Rataj seinen Entschluß mitteilte, die Wahl zum Staatspräsidenten nicht anzunehmen, besagt u. a., seine, Pilsudskis, Ablehnung begründe sich zunächst damit, dah er n i cht einst i m m i g, wie seinerzeit im Februar 1921, gewählt worden sei. Er sei dankbar für die Ehre, die ihm zweifel­los in Anerkennung seiner für das Vaterland er­worbenen Verdienste durch die Wahl zum Staats­präsidenten zuteil geworden sei, er könne aber nicht mit geteiltem Vertrauen regie­ren. Er verweise auf das Schicksal des ehe­maligen Präsidenten Rarutowicz, der ermordet wurde. Außerdem habe ihn das am 28. Oktober auf seine unmündigen Kinder verübte A t te n t a t außerordentlich erschüttert und ihn in seinem Entschluß zu verzichten, bestärkt. Schließlich sei er auch der Lleberzeugung, daß er als Staatspräsident nicht diejeni­gen Möglichkeiten haben würde, so zu arbeiten, wie er beabsichtige.

Von gut unterrichteter polnischer Seite hören wir, daß in den Rachmittagsstunden eine Reihe von Besprechungen zwischen den Führern der Linksparteien und Pilsudski stattgefunden haben. Man versuche um jeden Preis, Pilsudski doch noch dazu zu bewegen, daß er seine Er­klärung, die Wahl nicht anzunehmen, zu- rückziehe. Wie weiter verlautet, soll Pil­sudski einem politischen Freunde gegenüber er­klärt haben, daß er sich vielleicht doch

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MM General-Anzeiger für Oberhessen

richten: Anzeiger Sieben.

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Das Rätsel Pilsudski.

Fast macht es den Eindruck, als ob Herr Pil­sudski etwas Theater mit seinem eigenen Volke ge­spielt hätte. Erst hat er Revolution gemacht, dann hat er sich nach langem Weigern bereit erklärt, die Präsidentschaftskandidatur anzunehmen und, nach­dem er nun glücklich gewählt ist, verzichtet er plötz­lich auf die Wahl. Was hat das zu bedeuten? Zwei Möglichkeiten sind gegeben: entweder er will unter der gegenwärtigen Verfassung das Amt eines Prä­sidenten lucht führen, sondern sich zum Diktator machen lassen, ober er zieht es auch künftig vor, hinter den Kulissen zu bleiben und neben einem Schattenpräsidenten den allmächtigen Oeneraliffmus zu spielen. Beides ist für einen Mann seiner Ver­gangenheit und seiner Persönlichkeit vielleicht gleich reizvoll, denn seine Neigungen liegen doch offenbar stark auf militärischem Gebiet. Er will deshalb nicht nur den zivilen Staatschef spielen, er will auch das Heer in feiner Hand behalten, nicht nur um ge­sichert zu fein gegen Experimente wie das, welches tr soeben selbst vollbracht hat, sondern auch, weil er Den militärischen Lorbeer noch nicht entbehren möchte. Und er hat ja auch alle Trümpfe in der Hand, so daß er sich die Stellung aussuchen kann, die ihm an schmackhaftesten erscheint. Was er ge­macht hat, ist nun doch einmal eine Revolution, so sehr er selbst sich auch bemüht hat, nachdem er die alte Regierung vertrieb, sich im Rahmen der ver­fassungsmäßigen Grenzen zu halten. Seine Freunde außerhalb der polnischen Grenze sind sehr viel un- oorfidjtiger, auch die deutschen Sozialdemokraten prechen ja ganz offen von der Revolution Pil- udskis und halten es für selbstverständlich, daß er laraus alle ihm zweckmäßig erscheinenden Folge­rungen zieht.

Pilsudsli ist, wenn auch vielleicht nicht mehr dem Mitgliedsbuch nach, doch in seiner geistigen Einstellung ein gut Stück Sozialdemokrat. Don der sozialistischen Partei hat er seinen Ausgang genommen, er hat den typischen Weg des russi­schen Verschwörers auch über Sibirien gemacht und auch als er die Geschicke des neu gegründeten polnischen Staates in der Hand hatte, die Ver­bindung nach links aufrecht erhalten. Erst, als der Kurs immer mehr nach rechts gedreht wurde, trat er grollend zurück und wartete auf den Augenblick, der ihn von selbst wieder in den Vor­dergrund schieben würde. Denn Pilsudski kennt seine Landsleute, er weiß, daß sie zwar den Munch sehr voll zu nehmen verstehen, daß aber im übrigen ihre staatsbildenden und staatserhal­tenden Talente nur sehr gering sind. In der Beziehung haben sie durch ihre hundertjährige Leidensgeschichte nichts gelernt. Vielleicht wird man sogar sagen dürfen, daß Pilsudski heute der einzige ist, der den polnischen Staat überhaupt noch zu retten vermag. Kam er nicht, dann war der wirtschaftliche und finanzielle Bankerott Po­lens im Laufe des Sommers eine unausbleibliche Rotwendigkeit. Ob er den Augiasstall noch zu reinigen vermag, ob ihm die wirtschaftliche Sa­nierung gelingt, die mit einem rücksichtslosen Durchgreifen in der im wahren Sinne polnischen Wirtschaft anfangen muß, ist eine Frage, auf die nur die Zukunft die richtige Antwort zu geben vermag. Auch er hat aber gemerkt, daß die innere Amalgamierung der ehemals russi­schen, preußischen und österreichischen Teile des jungen Staates noch keineswegs gelungen ist, dah also selbst er Widerstände findet, die jetzt möglicher Weise schon zu groß geworden sind, als daß sie sich überhaupt noch überwinden ließen.

Pilsudski ist auch das gehört zu seinem Bilde ausgesprochen antirussisch orientiert. Er ist in der Gegend von Wilna geboren, und das ist für seine innere Einstellung auch heute noch entscheidend. Er mag es bedauern, daß durch die auswärtige Politik, die Polen getrieben hat, Feinde ringsum entstanden sind, während er sich mit Recht sagt, dah die größte Gefahr für den Bestand des Reiches von Osten her, von den Russen kommt, und daß das Reich sich nur halten kann, wenn es im Innern geschlossen ist, wenn es zudem den alten Iagellonentraum wenig­stens insoweit durchführt, als es mit Litauen verbunden wird. Deshalb möchte er den Ex­pansionsdrang der Polen vom Westen, also vom deutschen Gebiet ab auf Litauen lenken, ja es gibt sogar kluge Politiker, die behaupten, wenn einmal Pilsudski fest im Sattel säße, dann würde sich mit ihm über die Rückgabe des Korridors an Deutschland reden lassen, unter der Voraus­setzung, dah er dafür Litauen einstecken kann. Das mag etwas zu viel gesagt sein, immerhin haben die Deutschen in Polen nicht umsonst ihn gewählt, sie wissen, dah er der Antipode der polnischen Chauvinisten ist, dah er zum min­desten für eine menschenwürdige Behandlung der Deutschen sich einsehen wird. Und das ist we­nigstens schon etwas. Jedenfalls aber zeigt die Stellung, die er gegenüber der Wahl zum Präsi­denten eingenommen hat, daß er selbst die innere Revolution Polens noch nicht für beendet hält, sondern sich stark machen will, um den zweiten entscheidenden Schlag gegen seine Gegner, die sich um die Persönlichkeit des Generals Haller gruppieren, führen zu können.