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Nr. 101 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Samstag, I. Mai 1926

Außenpolitische Umschau.

Bon Prof. Dr. Otto H o e tz s ch, M. d. R.

Nun hat endlich das Rätselraten und der Wirr­warr in bezug aus die deutsch-russischen Verhand­lungen ein Ende. Der Vertrag ist am 24. April unterzeichnet und danach in den Beratungen des I Auswärtigen Ausschusses von allen Parteien ohne I Unterschied gut geheißen worden. Ueberall war, wenn auch die Voraussetzungen natürlich und die Gründe verschieden waren, die Ueberzeugung vor­handen, daß die Regierung auf dem richtigen Wege war, als sie diese Verhandlungen endlich zum Av- schluß brachte.

Sie haben sich ja lange genug hingezogen. 3m | Dezember 1924 hat sie Rußland angeregt, dann kamen die Verhandlungen nach Westen dazwischen, die nach Locarno führten und ohne Zweifel eine Spannung mit Rußland erzeugt haben, auch in * Deutschland als ein Abbiegen von der Rapallo-Linie empfunden wurden. Auch der Anhänger des Lo­carno-Systems mußte zugeben, daß durch diese Bin­dung Deutschlands nach dem Westen ein Verschie­ben der Gleichgewichtslage für Deutschland einge- treten war, das sehr gefährlich werden konnte und das schon logisch nur durch einen derartigen Vertrag mit Rußland ausgeglichen werden konnte.

Er ist nicht eine Option für den Osten gegen den Westen, was weder den realen Möglichkeiten unserer Lage noch der Notwendigkeit entspricht. Es ist weder ein Bündnisvertrag noch auch schlechthin ein Neutralitätsvertraa. So wie er gefaßt ist, ist er iwar durchaus unabhängig vom Völkerbund und Uocamo zu denken. 3m Vertrag selbst wird darauf nicht Bezuy genommen, aber der Notenwechsel, der ihm angehängt Ist, zeigt die deutsche Absicht, ihn al« Ergänzung d e s Locarno-Systems abzuschließen, die Verbindung mit Rußland den Verpflichtungen gegen den Völkerbundanzu- paffen". Und Rußland erkennt das an und nimmt , es an. Man versteht, warum darüber so lange ver­handelt werden mußte, ehe eine Fassung herauskam, bie den deutsch-russischen Beziehungen in Vertiefung iunb Erweiterung des Rapallo-Vertrages gerecht wurde und andererseits den Verpflichtungen nicht entgegen fein sollte, die Deutschland in Locarno übernommen hatte und weiterhin in Genf über­nehmen will. Naturgemäß sind dadurch und durch biese Anlage auch Verklausulierungen entstanden, Ibie, wenn Deutschland wirklich die Bewegungsfrei­heit im vollem Maße hätte, nicht ausgenommen zu werden brauchten.

Die Verstimmung oder Verwunderung, mit der ' diese deutsche Aktion bei den Westmächten aufge­nommen worden ist, ist eigentlich nicht recht ver- Itändlich. 3st es denn Deutschlands Schuld, daß dieser Abschluß für Deutschland jetzt, was wir be­grüßen, möglich war, noch frei von Gens und daß Deutschland in die Lage kommt, seine Auffas­sung von Artikel 16 gleich in einem prakti­schen Falle zur Nutzanwendung zu bringen, damit nochmals fe st zulegen und bei neu entstehen­der Diskussion durchzusetzen? Hat man in Paris und in London ein Recht, sich darüber zu wundern, daß Deutschland, dem man den Fehlschlag von Genf be­reitet hatte, nun nicht Monate einfach seine Be^ Ziehungen zu Rußland schlevpen ließ, auf die Ge- sahr hin, daß Rußland anderweit sich orientierte, nie seine aktive Außenpolitik nach ollen Seiten ja zeigt? Soll sich allein Deutschland nicht die Frage Irorlegen, die auch in England und Frankreich er­hoben wird, was würde, wenn im September die Giniqung auch nicht gelingt? Erwirbt sich nicht Deutschland eigentlich geradezu ein Verdienst um den Völkerbund, daß es, ohne selbst drin zu sein, Nußland fo gewissermaßen an den Völkerbund heranfuhrt. Rußland zu dem bemerkenswerten ' Schritt gebracht hat, den Schiedsgerichtsgedanken onzuerkennen.

Die anderen sollen vor ihrer eigenen Tür kehren, namentlich die englische Politik, die Schuld Daran ist, wenn dieser Wirrwarr eingetreten ist, nenn durch die Ehamberlainsche Haltung der Abschluß in Genf eben nicht erreicht wurde. Wir begrüßen die­sen deutsch-russischen Vertrag, der schon längst hätte unter 2)ad) gebracht werden müssen. Wir wollen diese Rückversicherung dagegen, daß Deutschland in Lölkerbundskonflikte mit Rußland hereingezogen würde. Die zentrale Lage Deutschlands erforderte Sebieterisch und von vornherein eine Ergänzung des ocarno-Werkes nach Osten, die eben gleich auch

Ein Fahr deutsche Atlantik-Forschung.

Don Dr. Werner Kühn.

I Es war am 16. April vorigen Jahres, als Das DermessungsschiffMeteor" unter der Füh­rung des Fregattenkapitäns Spieß den beut- scheu Heimathafen verließ, um eine auf zwei Jahre berechnete Forschungsreise nach dem süd­lichen Atlantischen Ozean anzutreten. Die Dor­erbeiten zu dieser Fahrt, mit der unsere Reichs- marine noch langen Jahren wieder die Dahn Dissenschastlicher Forschungsarbeit betrat, be­gannen bereits im Jahre 1919, wurden aber durch die Inflation unterbrochen und konnten erst 1924 . Dieder ausgenommen werden. Der wissenschaft­liche Aufgabenkreis der Expedition wurde von dem Direktor des Berliner Instituts für Weeres- lunde, Professor Dr. Merz (der bekanntlich auf der Fahrt, und zwar im Sommer vorigen Jahres, n Buenos Aires vom Tod dahingerafft wurde), mtworfen und ist bisher in systematischer Arbeit mit größtem Erfolg durchgeführt worden. Diese Aufgaben bestanden darin, den Südatlantischen | Ozean, der in seinen Grundzügen schon bekannt rar, nunmehr intensiv zu erforschen und beson­ders das Problem der Meeresströmungen i -auf einem Gebiet von 20 Grad nördlicher Breite dis zur antarktischen Eiszone auszuklären. Das Arbeitsprogramm sah ferner vor, daß eine Reihe von Querprofilen (insgesamt 14) zwischen der Ostküste Südamerikas und der Westküste Afrikas abgefahren werden sollten. Aus den einzelnen rer 350 Beobachtungsstationen, die sich vuf eine Fahrstrecke von 65 OOO Seemeilen ver- -leilen, sollten hydrographische Vermessungen an- gestellt und Wasser- und Grundbodenproben ge­kommen werden, wobei noch besonders bemerkt lei, daß auf jeder Beobachtungsstation etwa dreißig Einzelfeststellungen (Tiefe. Temperatur, «Salzgehalt usw.) zu machen sind. Ein Stab von belehrten, bestehend aus vier Hydrographen, tinem Biologen, einem Chemiker, einem Geologen And Meteorologen, nahm an der Fahrt bes -Meteor" teil.

Das erste Jahr bet Forschungsreise des .Meteor" hat bereits äußerst wertvolle Er-

von vornherein hätte angelegt werden sollen. Und im ganzen begrüßen wir es, daß trotz manches Schwankens und mancher Abneigung in bestimmten deutschen Kreisen die Russenpolitik so geführt war- den ist, vom Oktoberoertrag des vorigen Jahres zu diesem Vertrag und den Verhandlungen über den 300 Millionen Kredit.

Was nun mit dem Völkerbund wird, ist nicht unsere Sache. Die deutsche Sozialdemokratie tut sich viel darauf zugute, daß ihre Politik durch- geführt worden sei, nämlich die Vereinbarkeit des Locarnowerkes mit guten und engen Beziehungen zu Rußland. Sie schiebt dabei in den Hintergrund, daß ja das Locarnowerk als solches streng juristisch genommen immer noch in der Luft hängt und daß vor allem seine Verbindung mit dem Völ­kerbund recht fraglich geworden ist. Denn weiß je­mand, ob und was aus der Studienkommis- sivn, die am 10. Mai beginnt, herauskommt? Weder ein Arbeitsprogramm noch gewisse Vorstel­lungen, was man der Vollversammlung Vorschlägen soll, sind erkennbar. Deshalb ist die Rolle des deut- jchen Vertreters, als welcher unser Botschafter in Paris bestellt ist, außerordentlich schwierig, erfordert sie ungemeinen Takt, Uebersicht und Zurückhaltung, damit Deutschland nicht in unklare und gefährliche Lagen verwickelt wird. **

Ob weiter die Weltwirtschaftskonfe- r c n j, bie in dieser Woche begonnen hat, etwas bringt, ist nicht zu übersehen. Für uns ist wichtiger, daß durch die Dölkerbundserörterung hindurch die eigentlichen A l l i a n z beziehungen der Mächte wie- der lebendiger und stärker geworden sind. Wir sehen, daß im Osten lebhaft hin und her verhandelt wird, von Rußland mit den Randstaaten, von Polen mit Rumänien, die beide ihren Vertrag von 1921 jetzt erneuert haben. Wir sehen, daß man im Süd - offen gleichfalls überlegt, ob man nicht irgendwie so sich Aufammenfinben könne. Wir sehen, daß im englisch - französisch - italienischen Verhältnis mancherlei sich verschiebt, vollständig unberechenbar, weil der Anstoß dazu, die Politik Mussolinis durchaus unberechenbar ist: eng­lisch-italienische Verhandlungen über Afrika, italie­nische Bemühungen um Kolonien, französischer Arg- wohn und französische Bindung durch die eigene Fi­nanzkrise, sowie die marokkanische und syrische Schwierigkeit.

Alles das ergibt für diesen Sommer reichlich diplomatische Arbeit in Europa, bei der Deutschland nicht gerade im Vordergrund steht und bei der Deutschlands Lage gar nicht so ungünstig ist. Und es sieht wieder so aus, als wenn abermals die euro­päische Politik in ihrem Blick auf Nordamerika davon ausgehen wird, daß eben wieder Wahlen dort in Aussicht sind. In den Jahren mit einer geraden Schlußzahl sind ja die interessanteren Wahlen, dieses Mal zwar nicht die.Präsidentenwahl, wohl aber die Neuwahlen des Kongresses. Man erkennt deutlich, daß die Hauptfragen der großen Politik Nordameri­kas: Haager Gerichtshof, Abrüstung, Schuldenab- kommen namentlich mit Frankreich und dergleichen, immer stärker in die innere Politik und die Wahl­vorbereitung hereingezogen werden. Unb leiber ist das auch der Fall mit Verhandlungen, die mit der großen Politik direkt nichts zu tun haben, nämlich der Auseinandersetzung über die Freigabe des deutschen Eigentums, die mit der Mills- Bill schon hart vor dem endlichen Abschluß zu stehen schien und durch den demokratischen Angriff auf Mellon und Mills wohl vereitelt worden ist.

Es scheint nicht, als würde in dieser Sommer- session die Sache zum Abschluß kommen. Beide Parteien wollen bas ist bas merkwürbige bie Freigabe bes deutschen Eigentums. Sie wollen ihren Wählern zeigen, daß sie für die Unverletz­lichkeit des Privateigentums im Kriege sind, und daher wieder gut machen wollen, was auch von nordamerikanifcher Seite dagegen verstoßen worden ist. Well aber beide Parteien einander diesen Er­folg nicht gönnen, sucht die Angreifende, die Demo­kratische, die in diesen Wahlen die in Besitz befind­lichen Republikaner zu schwächen hofft, bie Sache a l s Wahlparole auszunutzen. Unb darunter leiden die deutschen Eigentümer, leidet die deutsche Volkswirtschaft, der die Annahme dieser Bill rund eine Milliarde Goldmark wieder zuführen würbe, eine Summe übrigens, die der amerikanischen Wirt­schaft gar nicht entzogen würde, weil sie zu einem ganzen Teil entweder schon dort festliegt, ober zum Ankauf von Rohstoffen verwendet würbe.

Nicht nur das bebauern wir, sonbern man muß

gebnisse geheiligt. Aus einet Abhandlung, die man im Äachlah der verstorbenen Leiters

der Expedition, Professor Dr. Merz, fand, geht hervor, daß die Beobachtungen über die Wasser­bewegung im Atlantischen Ozean (die schon auf früheren Forschungsfahrten durchzeführt wurden) ihre Bestätigung erhielten. Es handelt sich dabei um das Vorhandensein eines ant­arktischen Zwischen st romes, der bis zum 32. Grad nördlicher Breite verfolgt werden konnte, eines nordatlantischen Tiefen­stromes, der bis in den Wedellsee reicht, sowie eines antarktischen Boden st ro­mes. Diese Strömungen werden allerdings durch die Gestaltung des Meeresbodens erheblich beeinflußt, sodaß sich gewisse Wirbel bilden müssen, was an dem bogenförmigen Auslauf der Strömungen deutlich erkennbar ist. Es konnte fest gestellt werden, daß aus dem nördlichen At- lantif warmes Wasser in großer Tiefe bis zu 2000 Seemeilen südlich des Aequators strömt, wo es wieder an die Oberfläche tritt. In einer anderen Strömung, die vom südlichen Polargebiet nordwärts geht, befinden sich die Weideplätze der Walfische und vieler Fischarten, da diese Strömung reich an Rahrung ist.

Die Tiefenforschungen ergaben, daß nirgendwo im südlichen Atlantik Meerestiefen von mehr als 6000 Meter festgestellt werden konnten. Dagegen wurde in etwa 48 Grad süd­licher Breite und, 8 Grad östlicher Länge eine Bank am Meeresboden bemerkt, deren geringste Tiefe 560 Meter beträgt, während die Seekarten bisher rund 4500 Meter angaben. Die felsige Beschaffenheit des Meeresbodens an dieser Stelle läßt den Schluß zu, daß diese Dank nicht vul­kanischen Ursprungs ist. Auch sonst hat man durch genaue Messungen Tiefen festgestellt, bie wesentlich von den Angaben der Seekarten ab­weichen. Zwischen den Süd-Shetlands-Inseln und Südgeorgien konnte eine Rinne von mehr als 8000 Metern Tiefe ausgemessen werden.

Die Tiefenmessungen werden mit Hilfe des Behm-Echo-Lots ausgeführt, und zwar wie folgt: An der einen Dordsäte des Schiffes wird unter der Wasserlinie durch Explosion einer Patrone ein Knallsignal gelöst. Der Schall breitet

überhaupt bebauern, baß bie beginnenben Wohl- kämpfe wieder das Tempo der amerikanischen Europapolitik unb Außenpolitik verlangsamen. Es ist überhaupt reichlich langsam, war in den letzten Jahren langsam unb war nur allmählich etwas schneller unb energischer geworben: in ber Dawes- Politik, in der Abrustungspoltik, in bem Zusammen­hang zwilchen Abrüstung unb Schulden unb bergt. Man sieht nicht recht, wie bie großen finanziellen und wirtschaftlichen Probleme Europas in diesem Sommer, worunter wir in erster Linie das Schul­denabkommen zwischen Frankreich und Arne- rika und die Revision des Dawes-Planes für uns verstehen, oorankommen sollen, wenn bie norbamerifanifdje Politik nicht mit Energie und Nachdruck dahinter fein kann. Ohne Zweifel hält Präsident C o o l i d g e an seiner Europapolitik er- freulicherweise fest und er bleibt ja noch einige Zeit im Amt. Aber bie Arbeit wirb ihm schon jetzt burch bieUnversöhnlichen" im Senat unter ber Leitung von Borah erschwert und kann ihm noch mehr erschwert werden, wenn die Kongreßwahlen eine demokratische Mehrheit bringen sollten.

Um so notwendiger ist, daß in den oben bezeich- neten europäischen Problemen auch wirklich von den Staatsmännern Europas europäische Politik gemacht wird. Man kann durchaus sagen, daß das im deutfch-rufsilchen Vertrag geschehen ist. Nun muß die andere Seite, die Völkerbundsseite unb ber Ein­fluß Frankreichs unb Englanbs barauf zeigen, daß auch sie europäische Politik zu machen gewillt ist, eine wirkliche Friedenspolitik, die Europa endlich etwas Ruhe unb Möglichkeit aufzuatmen bringt

Vor Verdun.

Don Oberst Immanuel.

Ende April unb Anfang Mai 1916 ftanb bie Kam pflöge vor Verdun auf dem Höhepunkt der Entscheidung unb auf ber Stufe aufregender Span­nung. Die Franzosen hatten sich nach bem ersten Schrecken empfindlicher Ueberraschung erholt und waren entschlossen, den Platz unter dem Einsatz der größten Opfer zu halten. Iosf re hatte den Befehl erlassen, daß jeder Führer, der an die Räumung von Verdun auch nur mit einem Worte rührte, sofort abgesetzt unb vor bas Kriegsgericht gestellt würde. Sie hatten allerdings Schritt nach Schritt an Boden verloren. Auf dem Westufer ber Maas hatte die deutsche Angriffsfront, 2t Armeekorps unter dem General v. Francois, im März die beherrschende Höhe desToten Mann" und den Wald von Avocourt genommen, auch bie Trümmer bes Dorfes Eumi^res mit bem Nabenwalb besetzt unb sich nahe an bie so blutig umkämpfte Kuppe 304 bei Esnes herangearbeitet. Allein noch waren die Franzosen im unbestrittenen Besitz ber Höhenstel­lungen von Marre, die sich wie ein Riegel um die Kernfestung legte. Auf dem Ostufer der Maas hatten die drei Armeekorps des Generals o. Lochow zwar die von unseren 42-ZenfimeterHaubitzen zer­schlagene Panzerieste Douaumont gleich bei Beginn des Angriffs gestürmt, auch denPseffer-Rücken", die Werke von Thiaumont und die Waldschluchten beim Dorfe Daux gewonnen, allein noch lagen die überaus starken Werke auf ber HochflächeKalte Erde", bie Panzerfesten Souville und Daux un­bezwungen da und sperrten den Zugang zur Innen- feftuna. Ebenso hatten bie beiben Armeekorps der Kampfgruppe v. S t r a n h, bie durch das Flachland ber Woewre-Ebene siegreich vorgedrungen waren, zwar hier unb dort die Steilwand der Maas-Höhen, bie sogenannten cotes lorraines, erklommen, waren aber doch nicht imstande, auf den Höhen selbst durch das Gewirre von Gestrüppwald, Drahtverhau, Fel­senschluchten nennenswerten Boden zu gewinnen. Der Kampf um Verdun hatte sich um diesen Zeit- punkt zu höchster Erbitterung gestaltet. Beiderseits warf man Woche um Woche frische Kräfte in die brodelnde, alles Leben fressende Glut. Die Franzosen nannten siedie Mühle von Derdun", weil ihre Truppen von unserem Angriff stark zermahlen mür­ben, aber auch unsere Leute trafen das Rechte, wenn sie von derHölle von Derdun" sprachen, die unsere Kampfkräfte erheblich, vielleicht nicht minder als bie ber Franzosen, lichtete.

Zwei Ansichten standen sich aus deutscher Seite gegenüber, deren jede ihre Berechtigung, aber auch ihre Bedenken hatte, ©enveral v. Falken- hayn. seit der Marneschlacht 1914 GeneralstabS- chef des Feldheeres und sonnt der tatsächlich

sich erfahrungsgemäß im Wasser nach allen Sei­ten hin (und zwar mit einer Geschwindigkeit von 1500 Metern in der Sekunde) aus. Derjenige Schallstrahl, der den Meeresboden trifft, wird (ähnlich wie in der freien Luft) zurückgewvrsen, und mit einem Empfangsmikrvphon wird daS Echo vom Meeresgrund registriert. Aus der Zeitdifferenz zwischen Signalschuß und Rückkehr des Echos kann die Tiefe deS Me.res mit Sicher­heit und auf höchst einfache Weise bestimntt wer­den. Bisher hat der .Meteor" auf diese Weise 35000 Lotungen vorgenommen.

Zu diesen Forschungsresultaten kommen noch wertvolle Beobachtungen der Gezeiten (Ebbe und Flut) im südlichen Atlantik, chemische Unter» suchunqen des Meereswassers auf Salz-, Gold- und Eisengehalt, Messungen der Lusttemveratur, des Luftdrucks und der Feuchtigkeit (zum Teil mit Hilfe von Pilotballonaufstiegen), sowie der Luft­strömungen.

Inter'ssant ist noch die Mitteilung des Fre­gattenkapitäns Spieß, daß die in den Seekarten verzeichnete Tho mason-Insel (nördlich der Dvuvets-Insel) vyn der Meeresoberfläche ver­schwunden ist und nirgendwo aufgefunden werden konnte, obgleichMeteor" tagelang an jener Meeresstelle kreuzte und nach diesem MeereSeiland Ausschau hielt.

Das Vermessungsschiff .Meteor" übrigen» ein Schiff von nur 1000 Tonnen Größe hat vor einigen Wochen zum zweitenmal Kapstadt angelaufen (nachdem es schon im Juni vorigen Jahres dort zu kurzem Besuch Anker warf und festlich begrüßt wurde) und befindet sich gegen­wärtig wieder auf einer neuen Kreuzfahrt nach der südamerikanischen Küste. Welche Beachtung diese deutsche Expedition zur Meeresforschung auch in weiten Kreisen der wissenschaftlichen Welt im Ausland findet, geht au8 einem Urteil des Professors Ekman von der Universität Lund (Schweden) hervor, der erklärte, .daß eine so intensive physikalische Durchforschung noch nie­mals einem Weltmeer auch nur annähernd so zutell geworden ist, wie bei diesem großen Unter­nehmen, dem umfangreichsten, daS die deutsche Wissenschaft zur Zeit im Ausland unternimmt"

So dürfen wir am Beginn des zweiten Jahres hoffen, daß der .Meteor" auch in der

Lcitcr.de d.r Gesamtkr.egshandlung. war der Ur­heber d-.s Angriffsunlerne.menZ gegen Verdun. ES ist als durchaus unwahr erwiesen. dah per­sönliche oder ehrgeizige Pläne ihn zum EnSschkrfi des Angriffes aekwach: haßen sollen. Vielmehr sind reinpraktische DeweIgriinbe maf'rofrctfh gewesen, die das UntenK^mv.' gegen Verdun als ausreichend begründet erschttnen ließen Ruß- laich war vorläufig geschlagen, lecher allerdings nicht friedenswillig gemacht worden. Oesterreich- Ungarn leistete gepe i die Itatiener erfolgreichen Widerstand, die Türken kämpften mit Vorteil, Serbien war erobert Bulgarien stand auf unserer Seite, Rumänien schien neutral bleiben zu wollen. Sv tag der Schwerpunkt auf der Westfront. Die Franzosen schienen noch den furch-llnrren Opfern des KriegSjahres 1915 stark auSgebkuter. ihr .farbiges" Heer war noch nidxt da. Das von Kitchencr gebildete englische Msilionenheer konnte unter voller Auswertung der allgemeinen WHr- pslicht kaum vor Ende 1916 auf französischem Boden eingreifen. So war eS gant richtig ge­rechnet, daß sich Falkenhahn entschloß: .Jetzt e i n großer Sregesschlag gegen die Franzosen und der Krieg wendet sich zu unseren Gunsten!" Ver­dun war keine falsch? AngriftSwahl. Hatte man den Platz genommen oder ihn wcnigsteirS kNrrch die Gewinnung der Hauptwerke für die Franzosen entwertet, so war oie AngrifsSmögliwke't ves Feindbundes gegen daS für uns mrentbehrliche Eisen gebiet von Loeawy'Briet) Diedenhvfen auSgeschaltet, dazu noch ein moralischer Erfolg von vielleicht größter Tragweite errungen.

Rach glänzenden Anfangserfolgen lief sich unser Angriff Ende April und Anfang llllai fest. Den Derbsidigern von Verdun standen alle Vor­teile der ständigen Bcfeftigunat tun ft und des Geländes, des RachschudcS und der technischen Mittel in geradezu unbegrenztem Maße zur Ver­fügung. während wir unS mit geringen Kräften und mit Behelfen, mit dem Einsatz der morallfchen Triebmittel begnügen mußten.

So kam ei, daß jetzt die andere deutsche Ansicht hervorzutreten begann, die vom Annee- oberkommando 5, also vom deutschen Kron­prinzen, vertreten wurde, nämlich dem Eingriff mit den erreichten Zielen Halt zu gebieten. Die Oberste Heeresleitung tonnte sich dazu nicht entschließen, da sie im Abbrüchen des Angrisses eine moralische Minderung erblickte, auch davon überzeugt war, daß die noch vorhandene Zeit doch noch zur Bezwingung, mindestens zur Mbmung VerdunS auSreichen würde. Diese Rechnung hat sich, wie allbekannt, nicht alS zutreffend er­wiesen. Zwar wurden in der Fvlgszelt Höhe 304, Panzerfeste Vaux, sogar Dors Fleury genom­men, dann aber stockte der Angriff und wurde eingestellt, worauf später die planmäßige Zu­rücknahme der Stellungen eintrat. Rur unrich­tige Einschätzung der bewegenden Ursachen in der Kriegführung kann die Behauptung ver­treten:®er Angriff auf Verdun war ein Fehler, die Opfer fielen vergebens, Derdun trägt die Hauptschuld am Verlust deS Krieges!" O nein, fo ist es doch nicht! Daß der Angriff nicht Ö, beweist noch nicht, daß er auf irrigem beruht hat. Moltte, der Sieget 1866 und 1870/71, hat als bester Kennet der Menschen unb Dinar un Kriege gesagt:Ueber den Ruf eines Feldhervn entschcndet der Erfolg, unb an der Gewalt der Verhältnisse schmiert selbst der beste Mann." Hierin Regt die unwägbare Tragik unseres Angriffes auf Her bim, Mc mit der Tragik deS DefamtkrlegSauSgangeS verschlungen bleibt. Der Angriff war nicht unter oberfläch­licher Beurteilung angesetzt, sondern völlig be­gründet. Wit neigen urt-3 vor dem Schatten ber deutschen Helden, die in den Wäldern, fei den Schluchten, in den Werken vor Derdun gefallen sind. Ehre unb Dankbarkeit ihrem Argedenken 1

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zweiten Hälfte seiner Forschunarreise vom Glück begünstigt bleibt unb im nächsten Frühjahr mit reicher Fracht den deutschen Heimathafen er­reicht, nachdem er ber deutschen Wissenschaft nach langer Wartefrist auf dem Gebiet der MreteS- fvrschung die alte Deegeltung zurückervbett hat.

Mongolen und Kamele.

Rach dem vielen Interesianten, das unS der berühmte rusiische Forschungsr<rllende Prze- watsky erzählt über die echten Mongolen und ihre vierbeinigen Lcurdgenosien, dir Kamele, haben beide überrascheirde Digentümlichkriten ge­meinsam. Der Mongole besitzt eine unglaubliche Wasserscheu. Richt ein einziges Mal in seinem ganzen Leben wascht er feinen Körper, unb nur ganz ausnahmsweise feine HLndr. Um keinen Preis geht er auch nur durch die kleinste Wafser- lache und schlägt seine Jurte auch niemals in der Röhe irgendeines Gewässers auf. Dirselbei Wasserscheu zeigt auch daS Kamel in seiner Heimat. Ist eS einmal für kurze Zeit in einen Dumps geraten, dann bedeutet daS unfehlbar fein Verderben: es magert schnell ab unb siocht dahin. Wählerisch in beZug auf ihre Rahrung sind sie beide nicht - Mongolen wie Kamele. Dabei sind aber beide wahre Vielfraße. Die Mon­golen essen alles, was ihnen an Speisem über­haupt vorgesetzt wird. Wie PrzewatsÜ) versichert hat, finden sich einige GourinanbS unter ihnen, welche während eines Tages einen ganzen Ham­mel verspeisen. Sie sind aber auch imstande, mehrere Tage ohne jegliche Rahrung selbst an­gestrengte Reisen zu machen. Genau so verhält es sich bekanntlich mit dem :nongolischen Kamel, welches vor seiner Benutzung zu langen Reisen durch die Wüste Gobi bis zu 17 Sagen ohne Futter gelassen wird, (damit, wie seine Besitzer sagen, sein Bauch vcrichwinde und das g sammelt« Fett fester werde), bei der nächsten Fütterung^ dann aber wie man zu sagen pflegtfür sieben frißt". Sin hungrige» Kamel verzehrt alles, selbst gebleichte Knochen, sowie Mc iym ausgepacktan, mit Stroh ausgestopsten Sättel, Riemen, Felle usw., ja, sogar zuwellen Fleisch und Fische, wie PrzewatSkh selbst geseben hat. Unser Hrrp« gvtt hat jedenfalls an den Mongolen tmb Äa* * melen höchst sonderbare Kostgänger.