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giatkirche und darum so groß gebaut ist. Auch die Größe des Kirchhofs wurde erklärt, da im Mittel- alter die Toten aller zu Großen-Linden gehörigen Filiale bei dieser Kirche, die allein das jus sepe- liendi hatte, beerdigt wurden. Am meisten aber hiell den Hüttenberg bis 1703, wo er zwischen Hes>
und 1651 nach Langgöns versetz sammensetzung des Gerichts, das , .
Bauern war und von den Zentgrafen der Kondo- minialherren geleitet wurde, und seine Gewalt wurden erläutert und auch über die Appellationen
sen und Nassau geteilt wurde, das Hültenberger Gericht zusammen, das, vermutlich nach dem bei Nieder-Kleen gelegenen Hüttenberg geheißen, 1396 oder bald nachher nach Großen-Linden übertragen und 1651 nach Langgöns versetzt wurde. Die Zusammensetzung des Gerichts, das ein Gericht freier
Oberhessischer Geschichtöverein.
Am ersten Vortragsabend dieses Winters, den der Verein genjeinsam mit der H e s s i s ch e n V e r - einigung für Volkskunde veranstaltete, sprach Herr Pfarrer Schulte - Großen-Linden über den Hüttenberg und führte etwa Folgendes aus:
Mit dem Namen .Hüttenberg" bezeichnet» der Sprachgebrauch des Volkes eine südlich von Gießen gelegene Landschaft, die die Talgebiete des zwischen Allendorf (Lahn) und Dutenhofen in die Lahn einmündenden Cleebach und seiner Nebenbäche ausfüllt und darüber hinaus noch einige Dorfgemarkungen im Südwesten und Südosten umfaßt. Dadurch, daß 1396 der Hüttenberg zwischen Cleeberg einerseits und dem späteren Kondominium Hessen- Nassau. Saarbrücken anderseits geteilt wurde, ereignete es sich, daß das Kondominium feinem Anteil (28 Orten) den Namen .Hüttenberg" gab, während die verbleibenden 3 Orte nun „die Herrschaft Cleeberg" hieß. Der Hüttenberg in seiner ursprünglichen Bedeutung umfaßte die Orte: Dutenhofen, Allendorf (Lahn), Lützellinden, Großen-Linden, Hörnsheim, Hochelheim, Dornholzhausen, Niederkleen, Oberkleen, Kleeberg, Leihgestern, Hausen, Langgöns, Kirchgöns, Pohlgöns, Ebersgöns, Groß-Rechtenbach, Klein-Rechtenbach, Weidenhausen, Volpertshausen, Vollnkirchen Reiskirchen, Niederwetz (rechter Dorfteil), Annerod und Albach (zusammen 23 Orte).
Was den Hüttenberg vor den umliegenden Gebieten heute noch auszeichnet, ist einmal die allerdings in starkem Schwinden begriffene Tracht, die durch ihren Seiden-, Sammet- und Spitzenschmuck eine der reichsten unseres Vaterlandes ist. In Lichtbildern wurde die Kirchgangs-, die Trauer-, die Abendmahls- und die Braut-Tracht gezeigt und dabei darauf hingewiesen, daß selbst die Tracht der Veränderung in der Zeit unterworfen ist. Zum andern ist dem Hüttenberg eine bestimmte Hofanlage eigen, in die man von keiner Seite hinein- schauen kann und die in dem ziegelbedeckten großen Einfahrtstor ihr äußeres Hauptmerkmal hat. Diese Hofanlage mit dem Einfahrtstor ist auch heute noch, wo die Orte überall von auswärts Zuwachs von Fremden mit andern Hilfen erhalten haben, das Kennzeichen des Althüttenberger Hauses. Zum dritten wurden gewisse Charaktereigenschaften genannt, die den Hüttenberger vor andern auszeichnen', sein Selbstbewußtsein, seine Verschlossenheit, Ehrlichkeit, Arbeitssamkeit und Mäßigkeit. Dafür wurden aus der Geschichte des Hüttenbergs einzelne Beispiele beigebracyt.
Der Vortragende suchte darauf zu zeigen, wie diese Zusammengehörigkeit geschichtlich begründet ist. In die allerersten Anfänge, die im frühesten Mittel- alter liegen, führt freilich die Geschichte nicht ein. Nur das steht fest, daß die Orte der Grafschaft Cleeberg, trotzdem der HUttenberg 1396 geteilt wurde und die genannten Orte nebenbei fielen, sich noch heute in Tracht, Bauart und Charakter zum Hüllenberg bekennen. Für die gebliebenen Dörfer hat sicher- lich das Kondominium Hessen-Nassau 1396 bis 1703 einiges zum Zusammenhalt beigetragen, aber nicht weniger der Umstand, daß die Kirche Großen-Linden, Die im Mittelalter, wenn sie auch kein Dekanat war, so doch eine gewisse hervorragende Stellung unter den katholischen Kirchen besaß. Sie war eine uralte Sendekirche, von der aus die Kirchen des gesamten Hüttenbergs gegründet wurden, aber auch darüber hinaus ihre Arme ausgestreckt hatte (Heuchelheim, Wieseck, Launsbach u. a.). Dabei wurde gezeigt, daß das im 15. Jahrhundert erbaute älteste Pfarrhaus Oberhessens das Pfarrhaus einer Kolle-
gesprochen.
Sowohl einzelne Bauten des Hüttenberges, als auch manche feiner Kirchen wurden noch im Lichtbild gezeigt. Der Vortrag, den Pfarrer Schulte des von ihm gefundenen reichen Materials halber nur .jufammengebrängt halten konnte und der in einigen Einzelarbeiten noch feine Ergänzung finden soll, schloß mit dem Wunsche, daß die Heimatliebe und die Eigenart des Hüttenbergers noch lange erhalten bleiben machten.
Nach dem Dank des Vorsitzenden, Prof. Dr. E b e l, an den Vortragenden fragte Prof. B ü r k e r in der Diskussion nach der Universitäts-Mühle bei Großen- Linden, worauf Pfarrer Schulte kurz antwortete. Prof. Ebel ging dann noch kurz auf die oft erörterte Frage ein, warum gerade in Großen-Linden eine so mächtige Kirche erbaut worden sei das hängt einfach damit zusammen, daß Großen-Linden der Hauptort der Mark Linden und seine Kirche die Mutterkirche von 23 Filialen war, nämlich aller zum Hüttenberg gehörigen Dörfer.
In der anschließenden Hauptversammlung des Oberhessischen Geschichtsvereins erstattete der Vorsitzende den Geschäftsbericht unter Hinweis auf den soeben fertiggestellten 30. Band der „Mitteilungen". Nach der Wiederwahl des Vorstandes für weitere drei Jahre richtete Prof. Ebel einen Appell an die Mitglieder, dem Verein treu zu bleiben und ihm neue Mitglieder zuzuführen. Die Arbeit des Vereins ist Dienst an der Heimat und damit am Vaterland, dessen Kulturgüter es zu erhalten gilt. Von allen Regierungsstellen wird die Wichtigkeit dieser Aufgabe betont, und oft gesagt, daß „die Substanz der Kulturgüter nicht angegriffen werden" dürfe, in Wirklichkeit aber ist sie schon angegriffen und wird immer mehr angegriffen. Dem gilt es entgeqenzuarbeiten. Der Vorstand ist bereit, fein Letztes für diesen Dienst herzugeben. aber er muß die Unterstützung aller, die die Heimat lieben, erwarten und verlangen.
notigen.
— Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: In neuer Inszenierung als 8. Vorstellung des Mittwoch-Abonnements zum ersten Male in dieser Spielzeit Grillparzers Lustspiel: „Weh' dein, der lügt". Spielleiter: Karl Heuser. Mitwirkende: Damen: Wielander: Herren: Bruck, Dietcn, Förderer, Geiger, Hamel, Hauer, Heyser, Kühne, Michel, Volck, Wilhelmy. Spieldauer von 20 bis 22.15 Uhr. Gewöhnliche Preise. — Freitag, 2. Dezember, als 9. Vorstellung im Freitag-Abonnement Wiederholung der Schlageroperette „Peppina" in der Besetzung der Erstaufführung. — Zum letztenmal gelangt der köstliche Schwank: „Der Raub der Sabinerinnen" von Schönthan unter Karl Volcks Spielleitung am Sonntag, 4. Dezember, als Fremdenvorstellung zur Aufführung. Ermäßigte Preise. Anfang: 18.30 Uhr, Ende: 21 Uhr. — In
„Staat und Jugend."
Aufgaben der Studenten um die Nation. — Ein Vortrag.
Der Allgemeine Studentenausschuß der Universität Gießen hatte für Montagabend zu einer Studentenversammlung in die Neue Aula eingeladen.
Zunächst sprach Edler von Graeve über die geistige Haltung der Studentenschaft in der Gegenwart. Die deutsche Studentenschaft sei aufs innigste berührt von allem, was die deutsche Nation angehe. Der Student müsse sich mitten hineinstellen in den Kampf um die Erhaltung und den Bestand der Nation. Die Studentenschaft müsse belebende Kraft innerhalb des Vaterlandes darstellen. Können und Wissen, an den ilni- versitaten erworben, müssen in den Dienst des Vaterlandes gestellt werden. Mit allen Erscheinungen unseres nationalen Lebens gelte es in Verbindung zu treten. Die Studentenschaft müsse beispielgebend wirten, und in der Verkörperung der Macht, die sie darstelle, durchdrücken, was für den Bestand der Nation notwendig erscheine.
Sodann sprach der 2. Vorsitzende der Deutschen Studentenschaft, Klaus Schickert. Den Studenten werde manchmal der Vorwurf der Staatsfeindlichkeit gemacht. Die Jugend habe aber doch nur eine neue Form verlangt. Sie bejahe den Staat. Eine neue Form zu wünschen, genüge heu- fig schon, um „ illegal“ zu erscheinen. Durch eine derartige geistige Haltung der Staatssührungen der jüngsten Vergangenheit den Studenten gegenüber seien nur immer neue Spannungen geschaffen worden. Das Wirken der Deutschen Studentenschaft sei darauf gerichtet gewesen, die bestehende Ordnung zugunsten einer neuen zu ändern. Es sei eine Kluft aus demT^nverständnis der Jugend gegenüber erwachsen. Die studentische Jugend sei gegen ein wohnliches Einrichten in dem Raum, den das System von Versailles gestatte. Die deutsHen Studenten könnten sich damit nicht einverstö"den erklären, wenn dem Volke der Lebensraum genommen werde. Die Studentenschaft könne daran nicht vorübergehen, denn sie sei im Grunde auch eine politische Bewegung. Man habe den Begriff der Partei mit der Studentenschaft verquickt, dabei aber vergessen, daß das reine Gefühl der Jugend, trotz gelegentlicher Mißgriffe, das Entscheidende sein müsse. Die Studentenschaft habe immer ,den Staat, den autoritären Staat, bejaht, den Parteienstaat aber abgelehnt. Cs sei davon gesprochen worden, daß die Jugend dem Staate die Gefolgschaft nicht versagen dürfe. Das aber setze Führerschaft vorausI Die Zusammenfassung der Jugend im Wehrsport könne für kurze Zeit «eine Einigkeit schaffen, Etaatsverbundenheit auf die Dauer aber nicht, auch dann nicht, wenn jede Parteipolitik fern- gehalten bleibe. Die führende Schicht müsse der Jugend einen Weg zeigen. Man habe viel von der Einführung eines studcntsichen Werkjahres gesprochen, Entscheidendes sei noch nicht geschehen. Von feiten der Negierung gelte es, in dieser Hin
sicht endlich Klarheit zu schassen. Der Idee selbst dürfe sich die Bureaukratie nicht bemächtigen. Der Gedanke sei gut. Heber die redende Bureaukratie hinweg müsse der Plan in Angriff genommen werden. Durch das Werkjahr wolle man in der Studentenschaft soziale Gesinnung fördern, andererseits aber auch den Zustrom zur Universität eindämmen. Ob das letztere allerdings möglich sei, erscheine fraglich. Wer zur Hochschule wolle, habe sich lange vorbereiten müssen und werde sich dann aus den Anregungen, die ihm das Werkjahr bieten und ihn zur Ergreifung eines handwerklichen Berufes eventuell bestimmen könne, kaum verleiten lassen, dem Studium zu entsagen. Um dieses Ziel zu erreichen, sei eine gründliche Schul-.und Hochschulreform die Voraussetzung. Hochschulreform müsse aber aus klarer, nationalpolitischer Zielstrebung erwachsen. Durch ein Jahr Arbeitsdienst könne der angehende Akademiker dem Volke und dem Vaterlande nahegebracht werden. Aus der Arbeit müsse aber praktischer Sinn sprechen. Ein neuer Staat müsse idealer gestaltet sein, auch wenn er zunächst utopisch erscheine. Die Deutsche Jugend wolle das 'Reich als eine äußere Form des Staates, ein Reich, das als solches anerkannt werde, außenpolitische Missionen zu erfüllen habe, nicht aus dem mehrheitsbegrifflichen, sondern als Einheit im Interesse aller wirke. Man solle die Jugend an der neuen Form mitarbeiten lassen. Für die Jugend handle es sich nicht um das Problem „Kommando und Gehorsam", sondern um „ Führer und Gefolgschaft". Es handle sich um freiwillige Bejahung dessen, was sein müsse. Wenn sich der Staat die Kräfte, die aus der Jugend kommen, zu eigen mache, dann könne das nur nützlich fein, weil aus der Jugend und aus der Studentenschaft die gestaltenden Gesetze für die Zukunft kommen müßten.
Edler von Graeve gab davon Kenntnis, daß die Gießener Studentenschaft demnächst mit der Eröffnung eines Arbeitslagers praktisch zu den Problemen Stellung nehme. Arbeitsdienst und Wehrsport setzen Idealismus voraus. Der Arbeitsdienst habe sich da, wo er in seinen Grundgedanken verstanden wurde, als eine durchaus wertvolle, brauchbare, in die Zukunft führende Idee erwiesen. In Oberhessen sei der Arbeitsdienst, dank der verständnisvollen Arbeit des Leiters des Arbeitsamtes Gießen, führend geworden. Es müsse aber verhindert werden, daß Zersplitterung Platz greife. Konzentration auf das Gemeinsame sei Notwendigkeit. Es gelte, das Ziel klar zu machen. Die Studentenschaft müsse als maßgebender Rückhalt auf den Plan treten. Der Sinn der Alnioerfität dürfe für den Studenten nicht nur darin liegen, sich allein Fachwissen anzueignen, sondern aus den Universitäten heraus müsse auch die neue Gemeinschaft angebahnt werden.
Vorbereitung ist das Schauspiel: „D-r Dieb" von Henry Bernstein, bas am Dienstag, ß. Dezember, im Nahmen der Abonnements • Vorstellung zum erstenmal zur Ausführung kommt.
*• Wahlen bei der Industrie- und Handelskammer Gießen. Bei der im Wahlbezirk Gießen-Stadt durchgeführten Wahl der 3nt)uftr;e- und Handelskammer Gießen wurden bei reger Beteiligung die Herren Josef Sauer, August Noll, Leopold Mayer als Mitglieder für die Dauer von sechs Jahren, und Herr Jakob Maternus als Ersahmitglied für die Dauer von vier Jahren gewählt. Im Bezirk Lich-Hungen wurde Herr Hans I h r i n g - Lich wiedergewählt.
** Der Obst - und Gartenbauoerein Gießen begann seine Vortragsreihe für bas Winterhalbjahr am Sonntag mit einer sehr zahlreich besuchten Mitgliederversammlung im Kaufmännischen Dereinshause. Nachdem der Vorsitzende in einem Rückblick die Ergebnisse der Gartenbefichti- gungunb der Ausstellung geschildert hatte, erfolgte die Verteilung der Gutscheine auf Obstbäume, Rosen usw. an die prämiierten Aussteller. Von der Gelegenheit zum verbilligten Bezüge von Obstbäumen, namentlich Pfirsich, Beerensträuchern und Weinreben wurde Gebrauch gemacht. Sodann sprach, nach Erledigung einiger weiterer Angelegenheiten, Gartenarchitekt Schwarz (Gießen) über „Alte und neue Gärten". Wie zur Zeit der Römer und während des Mittelalters in den stillen Räumen der Klöster sollte auch heute, mehr als ehedem, der Garten als die erweiterte Wohnung angesehen und gehalten werden. Die Zeiten der Gartenschäpfungen, wie sie unter französischem Einfluß zur Zeit der Renaissance und des Barock entstanden, sind vorüber. Es ist aber erfreulich, daß Anlagen aus jener Zeit, wie in Wilhelmshöhe bei Kassel, in Sans- souci, Schwetzingen, Nymphenburg und an vielen anderen Orten bis zur Gegenwart erhalten geblie
ben sind und Zeugnis davon geben, tn welch großzügiger Weise die Fürstengeschlechter und Adeligen die Gartenkunst gefördert haben. Mit der Mahnung, den Garten als Stätte der Erholung zu betrachten und ihn Darum gerade in Zeiten wirtschaftlicher Rot als eine Quelle reinster Freude zu pflegen und zu hegen, schloß der beifällig aufgenommene Vortrag. Nach einer anregenden Aussprache wurde die übl che Verlosung von Rosen, Blumenzwiebeln und Stauben oorgenommen. Die für jeden Teilnehmer einen Gewinn brachte.
Briefkasten der Redaktion.
(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung)
DJ. E. in B. Die betr. Kaffen unterliegen der staatlichen Aufsicht. Einer ganzen Anzahl von ihnen wurde bereits der Geschäftsbetrieb wegen Unzuverlässigkeit untersagt. Aus grundsätzlichen Erwägungen können wir kein bestimmtes Unternehmen empfehlen. Wir empfehlen Ihnen aber, sich einmal bei der Be- zirkssparkasse Gießen zu erkundigen.
St. G. Im allgemeinen gilt das erste Obergeschoß dem Erdgeschoß gegenüber bei sonst gleichen Raumverhältnissen usw. als die wertvollere Wohnung. In Ihrem Falle handelt es sich um eine Wohnung in einem Neubau. Hier ist es sehr wohl möglich, daß ein staatlicher Beamter eine höhere Miete bezahlen muß, als der Wohnungsgeldzuschuß beträgt. Versuchen Sie, mit Hilfe Ihrer vorgesetzten Dienstbehörde ober evtl, des Ministeriums, das dem Hauseigentümer den staatlichen Baukostenzuschuß gegeben hat, eine Herabsetzung Ihrer Miete zu erreichen.
Sprechstunden der Redaktion.
11.30 bis 12.30 Uhr, 16 bis 17 Uhr. Samstag nachmittag geschlossen.
Anzeigenaufträge sind lediglich an die Geschäftsstelle zu richten.
Der Weg ins Leben.
Bericht vom Kinderelend in der Krim.
Von unserem Cb.-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Odessa, im November 1932.
In Deutschland lief vor einiger Zeit ein Russenfilm: „Der W eg ins Leben". Er sollte beweisen, baß es den Sowjets gelungen sei, Dem KInder e l e n b im roten Rußland ein Ende zu setzen. Es gäbe, so hieß es, in der Sowjetunion keine verwahrlosten Kinder mehr. Sie alle seien im ordnungsmäßigen Produktionsprozeß untergebracht, hätten den Weg zum Leben des Ordnungs- und Arbeitsmenschen zurückgefunden. Und in Wirklichkeit?
Südlich von Kiew, Den Dnjeprfluß abwärts, wenn man nach tagelanger Fahrt durch die ponkische Stoppe Dem Schwarzen Meer sich nähert, erreicht man ODessa, malerisch auf einem von Schluchten Durchzogenen hohen Plateau am RanDe Der Steppen und Der Wasser gelegen. Diese Stadt, einst im 14. Jahrhundert von Litauern gegründet, ist heute Der beDeutenDfte Hafenplatz Der Sowjetunion am Schwarzen Meer. Die rechtwinklig sich schneidenden, überwiegend.„russisch gut" gepflasterten Straßen geben Der Stabt einen angenehmen modernen Anstrich, der jedoch von der Unzahl verwüsteter und verdreckter Häuser beeinträchtigt wird. Die Armut wohnt in jedem Haufe. Groß ist die Plage Der Bjesprisornies, Der verwahrlosten, ihrem Schicksal (elbft^überlaffenen Kin- Der. Auch RußlanD steht erst an der Schwelle des Winters, aber mehr denn je scheint die Plage Des jugendlichen Verbrechertums nicht nur in Odessa, sondern auch erheblich in Moskau angewachsen zu fein. Gleich am Bahnhof starren sie Den Fremden an. Ihre Namen sind immer wieder Dieselben: Grischa, Wanka, Kolcha, Micha.
Einer liegt in einem Kasten im Wartesaal Des Bahnhofs von Odessq. Seine KleiDung besteht aus löcherigen Lumpen, Die durch die Fetzen einer zaristischen Militärjacke (vielleicht Der Generalz- uniform seines Vaters!) zusammengehalten werden Ein Fuß steckt in einem alten Strumpf, auch der andere ist ausnahmsweise bekleidet, und zwar mit einem Sack. Der ganze Körper des Jungen ist schwarz und verlaust. Er schläft nicht, er paßt auf wie ein Luchs, sieht jeden Koffer und jeden Batten, der hier im Warteraum liegt. Wehe Dem, Der sein Gepäck nicht beachtet. Schneller als Der Blitz würDe sich seine Hand Des Koffers bemächtigen, er würde
sich Durch Die Menge schlängeln und trotz aller Flüche und Schüsse in Der Nacht verschwinden.
Wovon sie leben? — Es gibt Abfallhaufen, Kartoffelschalen und Kohlstrünke. Manbettelt und stiehlt. „Daitje Kopjeku!" („Geben Sie einen Kopeken"). — Und wehe dem, der nichts gibt. Sie werfen dem Fremden, Der jie abschlägt, eine Streichholzschachtel voll Läuse ins Gesicht ober kratzen und beißen. Davor haben alle Angst, den kaum einer von jenen ist nicht verseucht. Sie schlafen in Kellern und im Rinnstein. Die unglaubliche Unübersichtlichkeit russischen Städtebaus läßt sie fast ausnahmslos dem C9nff Der Miliz entkommen, wenn sie überhaupt noch in Gewahrsam genommen werden.
In Den Apotheken sitzen sie, speien ins Zimmer und werfen Die Läuse in die Medikamente, wenn man ihnen nichts gibt. Auf Den Straßen sieht man sie jetzt wieder sehr oft. Sie kauern beieinander und lassen ihre Läuse um die Wette laufen. Es wirb um ein paar gestohlene ober erpreßte Kopeken gespielt. Die Laus, bie gewonnen hat, nimmt Der glückliche Besitzer wieder in seine Obhut, sie wird besonders gut versteckt, sott sie doch noch mehrmals jämmerliche Kopeken gewinnen. Ein sinniges und feines Gesellschaftsspiel — aber wir sind ja nicht in Europa, auch nicht in Asien, sondern wir befinden uns im Lande Des roten Aufbaus!
Ich habe eine Weile dem Spiel zugesehen, neben mir stehen Drei Russen, sie schimpfen, zwei von ihnen haben schon seit drei Monaten, der andere seit sechs Wochen keine Löhnung mehr erhalten. Und dabei sind wir in Odessa, an der südlichen Pforte der russischen Abgeschlossenheit, wo das Leben noch etwas leichter ist als im Inneren des Landes.
Selten sind die Bjesprisornies allein. Sie erscheinen in Banden, haben ihren Führer, der Autorität besitzt, der sie nie vergißt, der den Sinn für seine Verantwortung trägt. Die Mannen seiner zerlumpten Garde haben oft kein Bein, oft keinen Arm: Die liegen irgenDroo auf Der Strecke zwischen Wladiwostok unD ßeningraD, Moskau und Baku, Astrachan und Taschkent, Samara und Odessa, wenn man sich zwischen Die Radachsen oder die Gestelle der Waggons anklammerte und irgendeine unvor- ffchtige Bewegung während der tagelangen Fahrt machte ...
Buntes
Ein Kleid der Marie Antoinette.
Das Britische Museum in London hat ein reich gesticktes Kleid aus dem 18. Jahrhundert erworben, das Eigentum der unglücklichen Königin Marie Antoinette gewesen sein sott. Die Familie Besnards, von der das Museum jetzt das Kleid erworben hat, sind Nachkommen Des ehemaligen Garderobenmeisters der Königin Marie Antoinette. Das Kleid, das noch von ihr in Auftrag gegeben, aber nicht mehr getragen worden war, nahm er nach ihrer Hinrichtung an sich. Er selbst wanderte nach England aus.
Das schönste Kinderbuch.
Die Nachfrage nach Kinderbüchern ist in der Weihnachtszeit am größten, und die richtige Auswahl ist durchaus nicht leicht, besonders wenn man bedenkt, welchen gewaltigen Einfluß das Buch auf die Phantasie und die Entwicklung der Jugendlichen gewinnen kann. Nun gibt es heutzutage eine nicht kleine Literatur moderner Jugendbücher, die den Kindern eine gute Geistesnahrung vermitteln wollen. Daß trotzdem die alten Lieblinge der Kinderstube noch immer ihren Platz behaupten, zeigt wieder einmal eine Umfrage, die die französische pädagogische Zeitschrift „Toute l’edition“ an eine Reihe hervorragender Persönlichkeiten des französischen Geisteslebens gerichtet hat. Eie wurden gebeten, diejenigen Bücher aus ihrer Kindheit aufzuführen, deren Lektüre in ihnen den stärksten und dauerndsten Eindruck hinterlassen hat. Die überraschendste Antwort gibt Henri Beraub, indem er schreibt: „Die Fibel". Freilich wird man das Buch, durch das man lesen lernte, nicht so leicht vergessen, aber ob es das ideale Kinderbuch ist, erscheint fraglich. Unter den andern Antworten steht der „R o b i n f o n Crusoe" an der Spitze. 3n der Tat dürfte De- foes unsterbliches Meistertverk auch heute noch auf di« Kinder eine starke Anziehungskraft aus-
Allerlei.
üben. An zweiter Stelle steht in dieser Umfrage eine andere Hauptschöpfung der Weltliteratur, der „Don Quichote". Dann folgen Bücher von Jules Verne und Märchen, in Frankreich begreiflicherweise die von Perrault, die dort etwa die Stelle unserer Grimmschen Märchen vertreten.
Das Museum in der Kiste.
Das Berliner Dölkerbundsmuseum, das die umfangreichste und wertvollste Sammlung asiatischer Kultur besitzt, hat eine derartige Anhäufung des Materials zu verzeichnen, daß nur ein Sechstel der Bestände öffentlich ausgestellt werden können. Die Hauptmasse liegt in einem vielstöckigen Magazin aufgespeichert, und auch dort so zusam- mengedrängt, daß selbst Fachleute nur mit Mühe die einzelnen Gegenstände übersehen können. Im Keller des Museums liegen in langer Reihe über hundert Kisten ungeöffnet: der Rest von 433, die kurz vor Kriegsausbruch aus Ost-Turkestan nach Berlin gebracht wurden. Seit mehr als 20 Jahren bemüht sich ein Expeditionsmitglied um die Ordnung des wertvollen Kisteninhalts. Mancher Museumsneubau könnte mit den magazinierten Beständen der Berliner Museen gefüllt werden, aber an einen Neubau ist jetzt nicht zu denken, und so werden die Schätz«, die oft Millionen wert sind, weiter „eingeweckt' und nur für Studienzwecke zugänglich gemacht. Don den 20 000 Keilschrift-Tontafeln des vorderasiatischen Kulturkreises sind nur etwa 20 bis 30 ausgestellt worden und auch von den ägyptischen Funden werden nur die schönsten und bezeichnendsten Stücke ausgestellt. Sind die Studiensammlungen geordnet aufgehoben, bilden sie ein unerläßliches Hilfsmittel der Forscher: sobald aber die Bestände aus Zeit- und Raummangel ungesichtet in Speicher und Keller übereinandergeschichtet werden müssen, dauert es jahre- und jahrzehntelang, ehe sie geordnet und verarbeitet werden.


