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Nr. 10' Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Samstag, 50. April (932

Patriot Macdonald.

Don Karl Silex.

In dielen Tagen, in denen sich die Welt zur großen entscheidenden ReparallonS- konserenz in Lausanne rüstet, rückt bie Ge­stalt des englischen Premier in ein be­sonderes Licht Es ist darum zu begrüben, dab in den nächsten Tagen ein Werk von Karl Silex, dem Londoner Vertreter derDAZ", erscheint, das dem Leben und der politischen Wirksamkeit des englischen Premier gewidmet ist:Patriot Mac­donald Hanseatische Dcrlagsanstalt. Hamburg). Wir sind schon jetzt in der Lage, einen der interessantesten Abschnitte des Buche- zu veröffentlichen.

Richt, dab James Rarnsay Macdonald etwa erst seit dem August 1931 ein Patriot sei! Er war Pa zis ist gewesen und halte den Ein­tritt Englands in den Weltkrieg bekämpft, weil er seine verderblichen Folgen für sein Vaterland nur allzu genau ahnte und voraussagte. In Einzelheiten voraussagte, an die andere kaum dachten. Auch die Rückwirkung aus Indien hat er im zweiten Kriegsjahr in seiner kleinen Schrist War in the Par East vorausgesagt. Er war alS Sozialist kein internationaler Marxist ge­worden, sondern ein britischer Sozialist geblieben. Er hatte den Kommunismus be- Lämpst, weil er in ihm das Verderben sür die britische Arbeiterschaft sah. Er hatte als Diplo­mat die britischen Interessen nicht schlecht ver­waltet, als Staatsmann der britischen Zukunft ein neues Fundament gegeben. Was er im August 1931 tat. war d i c logische Vollen­dung. Auch in seinen früheren Amtsperioden hatte er sich gern nicht als das Haupt einer Parteiregierung gefühlt. Dab er es nicht tat. ist ihm von manchem Genossen verübelt worden und hat schließlich den tragischen Konslikt zu- spitzen helfen. Seine Regierungen waren Minder­heitsregierungen gewesen. Diese Tatsache, so hinderlich sie in anderer Hinsicht ost war. muhte ihm die Vetonung deS äleberportei- lichcn erleichtern, ihn schon rein gefühlsmäßig den nationalen Weg führen. Bei seiner Ankunst aus amerikanischem Voden im Herbst 1929 hatte er nicht- eiligeres zu tun. als dem Bürgermeister von Reuyork beim Empfang in der Eity Hall zu versichern, dab er nicht als der Peprälcntant' einer Klasse, als das Haupt einer Arbeiterregie­rung gekommen sei, sondern als derRepräsen­tant der britischen Ration und ihres Königs Georg".

Macdonald hat geirrt, wie pnbcrc auch. Davon haben wir schon gehört. Entscheidend ist für ihn alS Patrioten seine Haltung in der Stunde der Rot. Es wird in London gern erzählt, daß alles aus Befehl des Königs geschehen sei, dab in den Augusttagen von 1931 König Georg nicht nur der formelle, sondern der wirkliche Herrscher aller Briten gewesen sei. In den Klubs erzählt man sich die Ge­schichte so: An jenem Montagmargen hatte der König die drei Parteiführer Macdonald. Bald­win und Samuel freundlich begrübt. Dann hätte er seine Uhr auf den Tisch gelegt und ihnen ge­sagt. er wurde sich in das Rebenzimmer zurück­ziehen. In zehn Minuten wurde er wieder da sein und einen Wahlkampf könne England in dieser kritischen Stunde natürlich nicht vertragen: also bitte, meine Herren! Heber die Rolle die der König gespielt hat. herrscht fein Zweifel. Ohne den König wäre diese Losung nicht zustande gekommen Aber eben: ohne einen Macdonald auch nicht, und - setzen wir hinzu - ohne einen Baldwin schlieblich auch nicht. Ost hat man den Eindruck, dab die beiden Patrioten sich gern ein wenig übereinander lustig machen. Eins aber ist sicher. Sie haben sich gerne. Ist doch Mr. Stanley Baldwin fast mit unserem Helden verwandt. Seine Mutter stammt

auS dem Elan Macdonald. Als die Stadt In- vemeb die Macdonalds ehren wollte, da lud sie den Labourpremier und den konservativen Füh­rer der Opposition zusammen ein und verlieh ihnen gemeinsam daS Ehrenbürgerrecht.

Wenn die Männer im Buckinghaitz Palace sich in einer Zwangslage befanden, so war eS nicht die der Etikette oder gar des Gehorsams, sondern die der Ps licht, die sie mit ihrem König teilten. Das ist alles, was über diesen kurzen Snd groben Vorgang der Bildung der Rational­regierung Menschliches zu sagen ist.

Die Zwangslage der Pslicht war einsach genug. Als die Labourpartei Macdonald die Treue auf­gesagt hatte, hat auch der neue Führer der Opposition. Arthur Henderson, im Parlament zugegeben, bbb eine kritische Zwangslage exi­stierte. Es ist nicht meine Ausgabe, hier die Geschichte der englischen Krisis zu schreiben. Was England erlebte, war nicht nur der Abschlag der WeltkrisiS, daS liebergreifen der deutschen Krisis auf die Eith. die Zuspitzung der eigenen, spezifisch englischen Krisis. England erlebte mit dem Fron­talangriff der französischen Finanzherrschast eine bittere und erniedrigende Demütigung Roch wenige Wochen vorher hatte Montague Hor­mon sich in feiner ganzen Anständigkeit zum letztenmal ausgebäumt. Als die Franzosen mit einer lächerlichen, für Oesterreich aber lebens­notwendigen Summe Geldes Wien die politische Pistole aus die Brust setzten, durchkreuzte der Gouverneur der Bank von England die Erpresser­pläne und stellte die kleine Anleihe in zwölfter Stunde selbst zur Dersügung. Es war die letzte selbständige Regung des einst so sinanzgewaltigen Landes, eine Regung, die die Franzosen Mon­tague Rorman nie vergessen haben (und nie vergessen werden). Als dann Deutschland zu­sammenbrach, war England nicht mehr in oct Lage, einzuspringen. Als Ungarn eine Anleihe brauchte, schied der Londoner Geldmarkt zum erstenmal in seiner Finanzgeschichte bei einer solchen Transaktion aus Als England selbst Geld brauchte, muhte es den Franzosen einen Teil seines Goldbestandes verpfänden und sein Bankgouverneur, dessen Rücktritt die Franzosen zu fordern sich erfrecht hatten, muhte nach Kanada auf Urlaub gehen. Als England zum zweitenmal Geld brauchte, drangen die ausländischen Geld­geber mit ihren Bedingungen bis in die Einzel­heiten des britischen Budgets vor.

Roch bestand in England in keiner Weise ein Zweisel daran, dah der Goldstandard ge­rettet werden müje Die in Opposition gehende Labourpartei hielt genau wie Macdonald. wie jeder Engländer, die Aufrechterhaltung des Gold­standards für unbedingt nötig. Die Vorteile, die sich später nach der zwangsmähigen Opfe­rung des Goldpfundes ergaben, standen noch mit keinem Wort zur Debatte. Dah es besser ge­wesen wäre, schon damals den Goldstandard auf­zugeben, statt den Franzosen die Möglichkeit zu geben, ihre Sterling-Guthaben zu pari zurück- zuziehen, dah ein schlechteres Pfund die Kon­kurrenzfähigkeit der britischen Industrie verbessere, alles das und ähnliches hat man in England erst post festum gehört und entdeckt. Mit keinem Wort haben die Gegner Macdonalds in der Labourpartei etwa diese Alternative ange­deutet. Cs steht heute fest, dah sie überhaupt keine Alternative wuhten oder anboten. Sie hatten mit dem Gedanken gespielt, die eng­lischen Auslandguthaben zu mobilisieren, wie dies im Kriege mit grohzügiger Hilfe der Versiche­rungsgesellschaften geschehen war. Diese Gut­haben aber waren, eingefroren in einer Welt von Moratorien und Beschränkungen des Devisenverkehrs. Rur mit ungeheuren Opfern wäre bei den niedrigen Kursständen der Welt- krifis Auslandkapital zu realisieren gewesen, so­weit es überhaupt mobilisierbar war. Die Geg­ner Macdonalds in der Labourpartei haben keinen Ausweg gezeigt, sie sind das Snowden- wort bleibt bestehen weggerannt

Liljecronas letztes Konzert.

Don Selma Lagerlöf.

Menschen, die lange miteinander gelebt haben, pflegen eine gewisse Zähigkeit zu haben, gegenseitig ihre Gedanken zu lesen. Das merkt man alle Tage, und meistens erregt es gar kein Staunen, wie eigen, lagt man nur, weiht bu, dah ich gerade an ganz dasselbe dachte, wovon du jetzt sprichst?

Manchmal erklärt man die Sache so, dah jemand, der dasselbe Leben lebt und dieselben Erfahrungen macht, auch leicht auf dieselben Gedanken kommt, oder man meint auch, dah der andere unsere An­sichten und unser Temperament kennt und so daraus schliehen kann, was wir denken.

Das eine oder andere Mal merkt man aber doch, daß diese Erklärungsgründe nicht zureichen, so dah man sich fragen muhte, ob nicht jenes wunderliche Etwas, das man Gedankenübertragung nennt, hier im Spiele gewesen ist. Bon allen Menschern die mir begegnet sind, hatte niemand eine solche Zähigkeit, meine Gedanken zu lesen, wie meine alte Mutter. In den letzten zwanzig Jahren ihres Lebens, in denen sie mein Heim zuerst in Landskrona, dann in Falun und schließlich in Marbacka teilte, überraschte sic mich zu wiederholten Malen dadurch, dah sie Dinge sagte, die verrieten, dah sie wußte, woran ich dachte, wenn ich so einherging. Aber es gelang mir immer irgendeine natürliche Erklärung zu finden, und die meisten dieser kleinen Erlebnisse sind jetzt in Vergessenheit geraten. Ich kann aber ein kleines Beispiel dieser Artdrahtloser Telegraphie- an. führen, das mir so merkwürdig vorkam, dah es in der Erinnerung bewahrt blieb.

Im Jahre 1895 kündigte ich meine Stellung in her Schule in Landskrona, und es stand mir also frei, mich niederzulasfen, wo es mir beliebte, aber ich blieb noch ein paar Jahre dort wohnen, weil ich mich in der schönen Stadt am «und wohlfühlte und eigentlich nicht recht wußte, wo ich mich sonst an­sässig machen sollte. Im Frühling 1897 mar meine Mutter fortgefahren, um meine Schwester zu be­suchen, die in Falun wohnte, und ich ging allein in Landskrona herum. Da geschah es eines Nach- mittags, daß ich zu überlegen begann, ob ich nicht nach Falun ziehen sollte. Da hatte ich meine Schwester und meinen Schwager und deren Kinder. Es war das Einfachste und Natürlichste, dah ich mich in der Nähe dieser meiner Angehörigen nieder- lieh. Es würde nicht nur für mich gut (ein, sondern vor allem auch für meine alte Mutter.

Ich erwog lange die Grunde für und wider, doch ehe der Tag zur Neige gegangen war, war mein Entschluß gefaßt. Am selben Abend setzte ich mich

hin und schrieb an meine Mutter, um ihr meinen Vorschlag auseinanderzusetzen. Dies alles war durch aus nichts Bemerkenswertes. Aber das Wunderliche war ein Brief, den ich zwei Tage später aus Falun bekam. Mein Schreiben mar noch nicht angelangt, als dieser Brief abging, trotzdem bekam ich bereits Antwort auf das, was ich geschrieben hatte. Der Brief meiner Mutter begann nämlich so:

Wir haben heute abend dagesessen, Gerda und ich, und darüber gesprochen, wie hübsch es wäre, wenn du hierher nach Falun ziehen wolltest ..." Sie schrieb dann noch Seite um Seite weiter, um mich zu überzeugen, daß ich nichts Besseres tun konnte, als nach dieser Stabt zu übersiedeln.

Ich konnte mir ausrechnen, daß meine Mutter und meine Schwester zur gleichen Zeit beisammen- gesessen und von meinem Umzug nach Falun ge­sprochen hatten, in der ich an dieselbe Sache gedacht hatte, und daß unsere Briefe am gleichen Abend geschrieben worden waren.

Es ist ja immerhin möglich, dah das alles ein gewöhnliches, zufälliges Zusammentreffen gewesen jein kann, aber man muh doch zugeben, dah es etwas recht Seltsames war, dieser gleichzeitig auf­getauchte Gedanke und die zwei Briefe

Hier noch ein Beispiel. Der Fall trug sich um vieles später zu, im Herbst 1911, als wir schon nach Marbacka gezogen waren. Meine Mutter war da schon hoch in den Achtzigern, ganz gesund, aber na- türlich waren ihre Körper- und Geisteskräfte in sicht- licher Abnahme begriff*. Diesen Herbst war ich im Begriff, einen Roman zu Ende zu führen, der den TitelLiljecronas Heimat" bekam: aber ihr etwas von dem Inhalt des Buches mitzuteilen, verbot sich von selbst. Es wäre zu anstrengend für sie gewesen, einer so langen Darstellung zu folgen. Dah ich Tag und Nacht an einem Buch arbeitete, wühle sie in- betten sehr gut. Sie fragte mich täglich, ob ich halb fertig sei, unb bebauerte mich, baß ich in einer solchen Hetzjagb leben muhte.

Eines Nachmittags war ich jeboch zum letzten Ka­pitel gekommen. Ich schrieb, roje Liljecrona vor bem Zensier seiner Geliebten Geige spielte, unb schloh bas Ganze mit Verlobung unb Versöhnung ab. Gleich nachbem ich bie Feber von mir geworfen hatte, ging ich zu meiner Mutter hinein. Ich muß ihr doch sagen, dah das Buch fertig ist, dachte ich. Das wird sie freuen.

Sie freute sich auch über die Neuigkeit unb be­glückwünschte mich, aber sie hatte mir auch etwas zu erzählen.

Es ist so hübsch heute abenb", sagte sie.Ein Spielmann hat hier vor dem Fenster gestanden unb hat so schön gefpielt."

DaS ist die hcroilche Tat des Patrioten Mac­donald. Er trotzt der Diktatur der Gewerk­schaften. schlägt einen Kurs ein. der den Fall feiner Partei bringen muh, bricht mit alten Freunden und Kampfgenossen, riskiert feine po- littsche Zukunft und w.rll fein persönliches Schick­sal hinterher. Alles dies, um seinem Lande über die große KrisiS hinwcgzuhelfen. Er mußte wissen, dah nach der Durchführung dieser Aus­

gabe der schwerste Kamps erst beginnt, der Kampf um die nationale Rehabilitierung der Partei, deren Vater er fich nennen dar! und die ihn in der Stunde der Rot im Stich gelassen bat. DaS ist Macdonalds Sturz unb Sieg. Die Be­deutung dieser höchst persönlichen Tat kann man nur mit einem Lobgclang würdigen, und man möchte wünichen. daß unsere nüchie.ne und schwere Zeit für solche Dinge mehr Verständnis hat-

Brasilien: Kaffee und Politik.

Von unserem 5.-Berichterstatter.

(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Ri v de Janeiro, April 1932.

Im Laufe der letzten zwei Jahre hat sich die Weltwirtschaftskrise auch m Brasilien zur Kata­strophe ausgewachsen. Die Finanzen find er­schüttert. der Milreis hat einen nie geahnten Tiefstand erreicht und die LandeSprodukte finden keinen Absatz. Durch die Kaffceübervalorisation der letzten Regierung befindet sich die Volks- wirtschast in einer Sackgasse, ans der sich kein Ausweg findet. Um eine Rettung zu finden, hatte man daran gedacht, das Dalorifationsunter- nehmen gänzlich aufzugeben. Das wäre eine radikale Maßnahme gewesen, die den Kaffee­markt der Welt in Aufruhr versetzt hätte, und die vielleicht für den Augenblick einige Erleichterung gebracht hätte, aber sie ließ sich in dieser radikalen Form nicht durchführen, weil die Regierung bei der Ausnahme der Balorisa- tionsanleihen Bindungen mit den aus­ländischen Geldgebern eingegangen war, die sich nicht durch einen Federstrich lösen ließen Auch wäre daS inländische Bankwesen dadurch in Unordnung geraten. So wählte man denn einen Mittelweg und beschloß, die zukünftigen Ernten von allen Beschränkungen zu befreien. Aber wie alle Kompromißlösungen, so hat auch diese niemand befriedigt und hat nur Wenigen Ruhen gebracht.

Im Laufe der letzten Jahre haben sich in Bra­silien rund 18 Millionen Sack Kaffee- vorräte angefammelt, davon sind etwa 3 Millionen für den Schuldendienst der letzten Anleihe reserviert, so daß die Regierung über 15 Millionen Sack Kaffee verfügt. Wenn auch ein großer Teil dieser enormen Kasfeevorräte von der Staatsbank und von anderen Danken belieben worden war, so blieb doch noch eine ge­nügend große Menge, die in bar bezahlt werden muh. Eine Anleihe konnte weder im Inlande noch im Auslande ausgenommen werden, so daß man sich schließlich dazu entschloß, neue Tien­gen von Papiergeld auszugeben, das durch den überschüssigen Kaffee ge­deckt sein, und das nach Maßgabe des Ver­kaufes wieder aus dem Verkehr ge­zogen werden sollte. Aber aus Furcht vor einem endgültigen Zusammenbruch der Währung sah man von b$r Durchführung dieses Projektes ab. und so blieb denn alles beim alten. Die Lage der Pflanzer ist eine verzweifelte, die Bankerotte mehren sich, und so taucht denn die Forderung auf. bie gesamten Kaffee- Vorräte, mit Ausnahme von 6 Millionen Sack der besten Sorten, zu verbrennen. Wenn dieser herostratifche Plan wirklich durchgeführt werden würde, so würde vielleicht ein weiterer Preissturz vermieden werden, da aber der jähr­liche Kaffeeverbrauch der Welt nur 24 Millionen Sack beträgt, aber jetzt schon 30 Millionen Sack produziert werden, so würde Brasilien in wenigen Jahren genau ebenso weit wie heute stehen. Wenn Brasilien hingegen feinen Kaffee bil.lig hergeben wollte, ohne sich darauf zu versteifen, die Preise künstlich zu halten, so würde es in der Lage sein, die Konkurrenz anderer Kaffee­länder auszuschalten und die Folgen der Valori­sationen zu überwinden.

Sie sah wirklich ganz angeregt aus, hatte ein bißchen Farbc auf den Wangen und Leben im Blick.

Ein Spielmann ist hier gewesen?" fragte ich. Ja, gewiß", sagte sie, gleichsam erstaunt, daß ich nichts gehört hatte.Er stand gerade hier am Fenster. lange Zeit. Weißt du, es war wirklich schön." Ich war unbeschreiblich erstaunt. In aller Eile lief ich die Treppe zur Küche hinunter, um die Dienstleute zu fragen, ob ein Spielmann an diesem Nachmittag das Haus besucht hatte. Aber nein, nie­mand war dagewesen. Es war nur etwas, was die alte Frau sich einbildete. War sie in ihrem Stuhl eingeschlummert und hatte geträumt, oder war es der Spielmann in meinem Buch, der große Geiger Liljecrona, der sich in ihr Bewußtsein geschlichen und so zum letzten Male vor seinem alten Lövdala ein Konzert gegeben hatte ?

Italienische Reitkunst.

Eine Reitstunde für Damen und Herren erteilt Graf D a u d i s s i n im Maiheft von Delhagen K Klasings Monatsheften, indem er der bisherigen germanischen Dressurarbeit die verblüffend erfolgreiche römische Reiterei gegen­überstellt und an der Hand von spannenden Bild- aufnahmen erklärt. In unserem Reitunterricht lernten wir das Pferd .versammeln", indem wir die Hinterbeine des Pferdes unter den Schwer­punkt brachten und den Kopf beizäumten. Das Gegenteil verlangt die neue italienische Schule. Der Reiter neigt außer im Schritt den Ober­körper nach vorn, trabt immer nur leicht (deut­schen Trab gibt es nicht mehr), im Galopp wird nicht der Sattel ausgewischt, sondern das Gesäß aus dem Sattel gehoven. Im Gegensatz zum ger­manischen System, das vor dem Galopp das Pferd versammelt und das Tempo verkürzt, wird das Angaloppieren durch starkes Vortreioen im Trabe erzielt, indem das Pferd schließlich einfach von selbst in die höhere Gangart fallen muß. .Kur­zer Galopp" wird überhaupt nicht mehr geritten. Rach italienischer Ansicht ist das Pferd dann fer­tig. wenn es. durch das Gewicht des Reiters in der Freiheit seiner Bewegungen ungestört, sich frei im Gleichgewicht wie das rohe Pferd auf der Weide in allen Gangarten betont. Das wird durch tägliches imö dauerndes Heben des Sprin­gens über Hindernisse erreicht. Das Passieren von (teilen Anhöhen hinauf und hinunter und das Abrutschen fast senkrechter Hange ist typisch für die italienische Methode, ilnfcrc alten Kaval- leriewachtmei ft er werden sich über sie entsetzen aber viele Reitschüler werden dem bequemen lln- terricht des Grafen Daudissin beiwohnen wollen.

Reben dem Hauptprodukt Brasiliens, dem Kaffee, unterliegen auch Zucker Kautschuk und Baumwolle der Krise, auf deren Anbau man so große Hoffnungen gesetzt hatte Die übrigen Dellmark tprodukte aber lHäutc. Tabak. Paranüsse und Mate) geben der Wirtschaft keine feste Stütze. Zu der allgemeinen Kalamität kommt noch hinzu, daß in den nördlichen und nordöst­lichen Provinzen deS RiesenreicheS eine be­ängstigende Dürre eingetreten ist. die von einer Hungersnot begleitet wird Tausende von Hungrigen flüchten aus dem Gebiet, durchziehen die Städte und nehmen die Wohltätigkeit in An­spruch. Die Regierung hat 3000 Kontos für Rotarbeiten ausgeworsen. eine Summe, die na­türlich viel zu klein ist. uv,: dem Elend erfolgreich zu steuern. Man will versuchen. Straßenbauten und die Anlage von Staubecken in den Hunger­gebieten durchzuführen, um die Flüchtenden zu beschäftigen und den Ausbruch von Unruhen zu verhindern.

In unserem sonst recht abwechslungsreichen und unruhigen politischen Leben ist eine Atempause eingetreten. Riemand scheint sich mit dem Gedanken zu tragen, wieder eine Revolution anzuzetteln, obwohl man ja in einem Lande wie Brasilien, das nicht, wie die übrigen südame- rikanischen Staaten, eine streng zentralisierte Der- Wallung besitzt, niemals für den morgigen Tag garantieren kann. Die Ausdehnung ist enorm und die Derbindungsmöglichkeiten zwischen den einzel­nen Bundesstaaten, von denen jeder feinen eige­nen Präsidenten und seine Kammer besitzt, man­geln in den meisten Fällen. In Brasilien be­steht die Rivalität gewisser Oligar­ch ie n. Die Sao-Paulistaner-Clique z. B. ver­trägt sich nicht mit der der Südstaaten. Der durch eine Revolution gestürzte Präsident Washina- ton Luiz und sein gewählter Rachfolger Dr. Julio Prestes stammten aus Sao-Paulo, d. d. aus der Gegend der großen Kasfeeplanta- gen. Ihnen ist die Einführung der Kaffeevalori- fation zu verdanken. Bei den Wahlen wurde der Gegenkandidat, das jetzige Staatsoberhaupt G e - tulio Dargas und sein Anhang förmlich nie­dergeknüppelt. Vargas war Präsident im Staate Rio Grande und als solcher ein erbitterter Geg­ner der Sao-Paulistaner Eine blutige Revolu­tion brach aus, in den Straßen von Rio de Ja­neiro wurde gekämpft, bis es fchließlich Dr Se- tulio Vargas gelang, feinen Gegner gewaltsam aus dem Präsidentensessel zu verdrängen und als provisorischer Bundespräsident die Leitung der Etaatsgeschäfte zu übernehmen.

Bald nach der Hebernahme der Staatsgewalt verkündete die neue Regierung ihre Absicht. daS herrschende Wahlgesetz grundsätzlich zu ändern. Die bisherigen Wahlen hatten zu unglaublichen Mißbräuchen geführt, Fälschung von Wahllisten der Raub von Urnen, und allerlei Gewallarte waren gewohnte Erscheinungen, so dah eine Re­form zum dringenden Bedürfnis geworden war. Das neue Wahlgesetz ist nun veröffentlicht. ES wird den Wahlberechtigten unter Androhung von Strafe darin zur Pflicht gemacht, sich selbst in die Wahllisten einzutragen. Den Behörden liegt nur die Verpflichtung der Kontrolle ob. nachzu­prüfen, ob die Wähler auch ihrer Eintragspflicht

Oer Adler mit dem pelz.

Ein merkwürdiges Erlebnis hatte eine Dame zu Dreuil in der Rähe von Rizza. Sie hatte zum Skiläufen ihren schweren Pelz abgeworfen und auf der Erde liegen lassen, als plötzlich ein hoch in den Lüften kreisender Adler herabstieß, den Pelz mit seinem Schnabel packte und zur großen äleberraschung aller, die es sahen, mit dieser Last sich hoch emporhob. Als die erschreckte Eigen­tümerin der seltsamen Deute und ihre Gefährten zu schreien anfingen, lieh der Vogel den Pelz wieder fallen, wahrscheinlich, weil er bemerkt hatte, dah das merkwürdige Ding, das wie ein Tier aussah. nicht genießbar fein würde...

Hochschulnachnchten.

Der berühmte Berliner Hygieniker Geheimer Obermedizinalrat Professor Dr. Max R u b n e r ist nach längerer Krankheit kurz vor Vollendung seines 78. Lebensjahres gestorben. Er war im Jahre 1891 als Nachfolger von Robert Koch nach Berlin gekommen und hotte 1909 das Ordinariat für Phy- fiologie an der Berliner Universität übernommen. Seine Hauptbedeutung liegt auf dem Gebiet der Er­nährungslehre. Seine Forschungen haben uns wöh. rend des Krieges die größten Dienste zur Ueberwin- düng der Ernahrungsschwierigkeiten geleistet. Die moderne Ausgestaltung der Ernährungslehre und die Einführung der Berechnung nach Kalorien sind hauptsächlich fein Werk.

Prof. Dr. Hans Stille, Ordinarius für Geolo­gie und Paläontologie an der Universität Göttin- gen, Hot den an ihn ergangenen Ruf an die Uni­versität Berlin als Nachfolger von Prof. Dr. Pompecki angenommen.

Der Ordinarius für Kirchengeschichte an der theo­logischen Fakultät der Universität Breslau, Prof. D. Dr. E. H. Leube, hat den an ihn ergangenen Ruf an die theologische Fakultät in Erlangen ab = gelehnt.

Professor Dr. Arthur Simon von der Techni- fchen Hochschule in Stuttgart hat den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl der anorganischen und orgonisch-technischen Ehemie an der Technischen Hochschule in Dresden als Nachfolger von Pro­fessor Dr. F. Förster angenommen.

Der Direktor der landwirtschaftlichen Versuchsan­stalt in Harleshausen Professor Dr. Hans Wießmonn, hot einen Ruf auf den Lehrstuhl für Agrikulturchemie an der thüringischen Londes- Universität Jena als Nachfolger von Profeffor Dr. Immendorf zum 1. Oktober d. I. angenommen.

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