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Handels- und Gewerbebank e.G.m b.H., Gießen.

3n der letzten Aufsichtsratssihung der Han­dels- und Gewerbebank e. G. m. b. H.. Gießen, gab die Verwaltung einen Heber- blick über die vorläufigen Abschluß- ziffern des vergangenen Jahres, die trotz der schweren Wirtschaftskrise befriedi­gend sind. Die Leitung erklärte, daß sich die Genossenschaft während und nach der Banken­krise gut behauptet habe. Eine ausreichende Zahlungsbereitschaft habe sie in die Lage ver­setzt, allen Anforderungen gerecht zu werden, ohne von den einschränkenden Bestim­mungen der ^Notverordnungen wesentlich Gebrauch machen zu müssen. Das Vertrauen der E i n l e g e r sei der Bank weitgehend erhalten geblieben, so daß der Einlagenbestand und da­mit auch die Bilanzsumme im Gegensatz zu vielen Geldinstituten nur eine geringfügige Verringerung erfahren habe.

Die Verwaltung betonte, dah das hohe Eigenkapital der Dank, das ein'chliehlich der Reserven fast 45 Prozent der fremden Gel­der betrage, eine ganz außerordentliche

Sicherheit für alle Einlagen bedeute.

Verpflichtungen bei anderen Danken, abgesehen von den normalen Giroverbindlichkeiten aus weiterdiskontierten Wechseln, bestünden nicht, die Bank habe sich auch in der Krisenzeit ihre Unabhängigkeit bewahrt. 3m Kredit­geschäft habe sie auch im vergangenen 3ahr das Kleinkreditgefchäft gepflegt. Großkredite, die gerade in der heutigen Zeit besondere Ri- fiten mit sich bringen, seien nicht vorhanden. Für Ausfälle, die durch die gegenwärtige Unter­bewertung von Sicherheiten entstehen konnten,

seien ausreichende Rückstellungen vorhanden. Die Umsatzziffern des vergangenen Jahres wei­sen mit 110 Millionen Mark nur einen Rückgang von 10 Prozent auf. Die Gewinnziffer bleibt hauptsächlich infolge von Abschreibungen auf den Cffektenbestand hinter dem Ergebnis des Vor­jahres zurück, gestattet aber trotzdem die Vertei­lung einer wenn auch kleineren Dividende. Ob­wohl sehr viele Geldinstitute für das vergangene Jahr mit Rücksicht auf die Unsicherheit der all­gemeinen Lage voraussichtlich ohne Dividende bleiben werden und auch der Deutsche Genossen­schaftsverband seinen Mitgliedern empfohlen hat, die Ueberschüsse in die Reserve zu stellen, glaubt die Verwaltung doch, eine Dividendenver­teilung verantworten zu können. Ueber die genaue Höhe der Dividende, die wahrschein­lich mit 4 5 Prozent vorgeschlagen wer­den wird, ist ein Beschluß noch nicht gefaßt worden. Wie die Verwaltung ausführte, liege

die Ausschüttung einer hohen Dividende in diesem Krisenjahr weit weniger im Interesse der Mitglieder, als die Erhöhung der Sicher­heit und Schlagfertigkeit.

Cs dürfe auch nicht vergessen werden, daß die Dividendenermähigung um so weniger ins Ge­wicht falle, als die Mitglieder ihre Geschäfts­anteile als vollwertig betrachten könnten, wäh­rend Bankaktien und selbst Goldpfandbriefe heute erheblich unter ihrem Rennwert liegen und nur mit größeren Verlusten verkauft werden könnten. Zum Schluß betonte der Vorstand, daß die Bank auch für die Zukunft gerüstet sei und der weiteren Entwicklung mit Ruhe entgegensetze.

Aos der provinzialbauptstovt

Gießen, den 30. Januar 1932.

Oie Kunst des Spazierengehens.

Alte Kupferstiche zeigen uns oft, wie man früher spazieren ging. Langsam und bedächtig, Schritt für Schritt, wandelten da Damen und Herren die Allee entlang. Ab und zu blieben sie wohl stehen, um sich einiges zu sagen, dann ging es wieder gemütlich weiter.

Diese romantischen Spaziergänge sind nicht mehr. Das ist schade. Gerade in unserem Zeit­alter der Technik mühten wir wieder nach etwas Romantik Verlangen haben.

Ein Spaziergang ist kein Wettlauf. Man darf ihn nicht abtun wollen, wie etwa eine Lektion, oder eine Arbeit. Es gibt aber heute Leute, die sagen sich, zu ihrer Lebensführung gehöre ein einstündiger Spaziergang, und diese eine Stunde wird dann »aufgearbeitet".

Gewiß ist der tägliche Spaziergang so nötig wie das Brot, besonders für Menschen, die bei ihrer Arbeit im Zimmer sitzen müssen. Aber man sollte beim Spcuierengehen doch ausspannen, der Kopf und auch der Körper sollen ausruhen können. Die Augen sollen etwas anderes sehen, als die Alltagsarbeit. Die Gedanken müssen ab­gelenkt werden. Dann erfüllt ein Spaziergang erst seinen Zweck. Wenn aber erst der Arzt be­fiehlt, jeden Tag eine gewisse Zeit in die freie Luft zu gehen, dann ist es mit dem Genuß schon vorbei. Man nimmt dann den Spaziergang etwa so ein, wie eine Arznei. Dem muß man vor­beugen.

Em Spaziergang sollte die freieste Betätigung eines freien Menschen sein. Man kann da keine Vorschriften machen, man kann da nichts organi­sieren. Wollte man das tun, dann gäbe es besten­falls Regeln für einen Wanderverein. Aber Mandern bedeutet etwas ganz anderes, als Spa­zierengehen.

Spazierengehen ist Sache des einzelnen, viel­leicht auch von zweien, aber nicht von großen Gesellschaften. Da fehlt das Beschauliche, das Ab­lenkende.

Aber wir erholen uns nicht nur, unser Geist ruht auch draußen nicht. Reue, manchmal ganz fremde Einfälle und Gedanken fliegen uns zu. Hnser Geist arbeitet, während wir, ohne körper­lich behindert zu sein, langsam dahinschreiten. Was ist schon all auf so einem Spaziergang ent­standen! Welche Menge von Gedichten, philo­sophischen Systemen usw. verdanken ihr Dasein einem Spaziergang.

Wenn die Arbeit nicht recht gedeihen will, wenn man irgendwie geistig gehemmt wird, wenn man verzweifeln möchte, dann muß es heißen: Schluß! Aufhören! und hinaus in die Ratur! Wie oft und wie schnell sieht man dann bei der Heimkehr die Fehler in der Arbeit, weil das ent­spannte Gehirn draußen im Freien neue Kraft und Klarheit geschöpft hat. Diele unserer größ­ten Geister sind große Spaziergänger gewesen, vor allem Goethe.

Ein rechter Spaziergänger fragt nicht nach dem Wetter. sei es denn, dah es in Strömen regnet. Aber im allgemeinen sieht sich das Wetter vom Zimmer aus viel schlimmer an, als es ist. Darum keine Luftangst! Wie schön ist es z. D., wenn der Sturm heult und er durch die Kleider fährt. Im Winter gäbe es nichts zu sehen, meinen viele. Das ist ein großer Irrtum. Es gibt im Winter herrliche Tage, auch wenn der Himmel grau und die Welt voller Rebel ist.

Wir empfinden in diesen Tagen schon den kom­menden Frühling. Jeder Sonnenstrahl hilft wei­ter, nimmt der Landschaft die Schärfe des Win­ters. Fast jeden Tag gibt es etwas Reues zu sehen. Wenn sich im Frühling die Ratur auf­richtet, wenn die Däche eifriger als sonst rauschen, wenn die Knospen schwellen und schließlich auf» brechen... All das kann man vom Fenster aus nicht so schon und nicht so nahe erleben, wie auf einem Spaziergang.

Deshalb: Hinaus in die frische Lust, wenn das Metter es nur einigermaßen zuläßt, und Leid und Sorge zuhause gelassen! Erneute Lebensfreude und starkes Kraftgefühl sind der Gewinn eines rechten Spazierganges. Bv.

Gießener Wochenmarktpreise.

G i eßen, 30. Jam Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten das Pfund: Kochbutter von 90 Pf. an; Butter 100 bis 110; Matte 25 bis 30; Käse (10 Stück) 50 bis 120; Wirsing 8 bis 12; Weiß­kraut 7 bis 8; Rotkraut 10 bis 12; gelbe Rüben 10 bis 12; rote Rüben 10 bis 12; Spinat 15 bis 20; Unter-Kohlrabi 5 bis 6; Grünkohl 8 bis 10; Rosenkohl 15 bis 20; Feldsalat 80 bis 100; To- maten 60 bis 70; Zwiebeln 12 bis 15; Meerrettich 30 bis 60; Schwarzwurzeln 25 bis 35; Kar­toffeln 4; Aepfel 8 bis 10; Dirnen 8 bis 10; Dörrobst 30 bis 35; Honig 40 bis 50; junge Hähne 80 bis 90; Suppenhühner 80 bis 90; Rüsse 35 bis 40; das Stück: Tauben 50 bis 60; Eier 9 bis 10; Blumenkohl 30 bis 70; Salat 20 bis 25; Endivien 10 bis 15; Ober-Kohlrabi 8 bis 10; Lauch 5 bis 10; Rettich 10 bis 15; Sellerie 10 bis 40 Pfennig; der Zentner: Kartoffeln 3 bis 3,50; Weißkraut 4 bis 5; Wirsing 7 bis 8; Rot­kraut 7 bis 8 Mark. (Der Butterpreis wurde am Donnerstag irrtümlich mit 1,20 Mark angegeben, betrug jedoch wie heute nur 1,10 Mark.)

Bornotizen.

Tageskalender für Samstag. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:York". Astoria-Licht- spiele Seltersweg:Der Schimmelreiter" undRiff und Raff als Revolverhelden".

Tageskalender für Sonntag. Stadt­theater,Wilhelm Tell", 15.45 bis 18 Uhr. Ober- hessischer Kunstverein, 11 bis 13 Uhr, Turmhaus am Brandplatz, Ausstellung. Goethe-Bund, Neue Aula der Universität, 15, 17 und 20 Uhr, Gastspiel des Kölner Hänneschen-Theaters. Gesangschule von Frau Dr. Meyer, im Saale der Krippe, 5-Uhr- Tee. Schule für höheres Klavierspiel von Minna Körner, 15.15 Uhr, im Saale der Schule, Westan- läge 48, Konzert. Verein für Sterbeunterstützung, 15 Uhr,Zum Postkeller", Generalversammlung. Eisenbahn-Verein, 14.30 Uhr, Restaurant Kobel, Ge­neralversammlung. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, 11.15 Uhr,Die Seeschlachten des Weltkrieges"; ab 14 Uhr: ,Hork". Aftoria-Lichtspiele, Seltersweg: Der Schimmelreiter" undRiff und Raff als Re­volverhelden".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Heute 15.45 Uhr als Volks» Vorstellung zu kleinen Preisen Wiederholung der

beiden Weihnachtsinszenierungen des Balletts Die Puppenfee" von Gaul und Haßreiter und das WeihnachtsmärchenDie Wunderlampe" von Werner Schmidt. Mitwirkende: das gesamte En­semble des Stadttheaters, ein großes Orchester und viele Kinder. Morgen. Sonntag. 31. Ja­nuar. 15.45 Hhr, letzte Wiä>erholung von Schil­lersWilhelm Teil" in der Inszenierung Peter Fassotts. Die Vorstellung findet als Schülervor­stellung zu kleinen Preisen statt. Um 19 Hhr Wiederholung des KriminalstückesKopf in der Schlinge". Abenteuer von John Bradley. Zwei Stunden Spannung; das Stück diskutiert ein aktueUes Thema, den Indizienbeweis. SpieUei- tung Wolfgang Kühne. Fremdenvorstellung, außer Abonnement. Beginn 19 Uhr, Ende 21 Uhr.

Dom Konzertverein wird un5 ge­schrieben: Als Solist für das nächste Konzert ist Günther Ramin verpflichtet worden, der Kon- zertvrganist der Thomaskirche in Leipzig und überragende Musiker. Es war eigentlich ein Cem­baloabend geplant, nachdem Günther Ramin sich gerade als Cembalospieler in den letzten Jahren einen besonders großen Ramen erworben hat. Indessen bestand in vielen Kreisen der lebhafte Wunsch, ihn noch einmal in feinem unvergleich­lichen Spiel an der Orgel zu Hörem So ist auch dieses Jahr wieder ein Orgelkonzert vor­gesehen worden, das am Donnerstag. 4. Februar, 20 Ähr in der Stadtkirche stattfinden wird. Das Programm beginnt mit der Toccata und Fuge in F-Dur von Joh. Seb. Dach. Es folgen Georg Böhm mit einer Choralpartita und Diederich Buxtehude mit einer Passacaglia. Rach einer Toccata von Pachelbel erscheint nochmals Bach mit einem Praeludium und einer Fuge (FI-Mvll). Den Beschluß bildet das Konzert Rr. 4 für Orgel und Orchester von Händel. Hier wirkt unter der Stabführung von Dr.TemeSvary das Der- ftärfte Collegium musicum der Universität mit. Hm möglichst vielen es zu ermöglichen, einem so besonderen Konzert beizuwohnen, sind die Ein­trittspreise so weit als irgend möglich herab­gesetzt worden. Rätzeres in den Anzeigen und bei Ernst Challier. Reuenweg 10.

Der Goethe-Bund' bittet unS, an dieser Stelle nochmals auf das Gastspiel des Köl­ner Hänneschen-TheaterS am morgigen Sonntag hinzuweisen.

Ich hab dir verzieh»! Roman von Llotilde von Etegmann«Stein. Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle.

30 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Wenige Tage später, nachdem der alte Sani- tätsrat Siewert seine Zustimmung gegeben, fuhren Birgit und Friedrich zusammen durch den tau- funkelnden Wald zu der kleinen Försterei, in der Hans Egon seiner Genesung entgegensah. Birgit war es, die die Hände der beiden DrÄöer in» einanderlegte, um dann leise hinauszugehen.

Lange blieben die beiden Männer in einem Gespräch zusammen, dessen Inhalt niemand er­fuhr. Aber es muhte wohl die letzte Bitterkeit, die letzten Schlacken aus der verworrenen Zeit Hans Egons hinweggeräumt haben, denn als Friedrich nach Stunden allein zurückkehrte nach Schloß Tannenaue, sagte er bewegt zu Birgit:

Run haben wir Brüder uns ausgesöhnt und auch das ist dein Werk, Birgit."

^Ind Birgit, deren sanftem Herzen nichts un­erträglicher war als Feindschaft und Mißver­stehen, hatte Tränen in ihren schönen Augen.

Ins Schloß hinüberzuziehen, lehnte Hans Egon immer noch freundlich, aber bestimmt ab.

3Ijr müßt mich verstehm", sagte er auf Birgits wiederholte Bitten,ich muß mit mir allein sein. lln& ehe ich nicht wieder vor mir selbst bestehen kann, ist mir Wohler in der Verborgenheit hier, wo böse Zungen nicht über die Rückkehr des ver­lorenen Sohnes klatschen können."

Birgit ahnte nicht, daß diese Begründung Hans Egons nur eine Ausrede war. Der Grund zu seiner Ablehnung lag tiefer, viel tiefer. Hans Egon hatte mit dem geschärften Blick, den Leid und Kummer einem Menschen verleihen, wohl gesehen, wie es um Birgits und Friedrichs Her­zen stand. Er fühlte sehr Wohl in Birgits liebe» P-tr001 ökeichmahigem Wesen die Veränderung, fühlte, daß er sich ihre Frauenliebe verscherzt und daß es nur schwesterliches Mitleid, heroisch ge» kagene Pflichterfüllung war, was sie an seiner Seite ausharren ließ.

Aber wenn er in Augenblicken, in denen Birgit und Friedrich sich unbeobachtet glaubten, die gramvollen Blicke sah, die von einem zum andern gingen, ahnte er klar die neue Tragödie, die sich hier zwischen diesen beiden geliebten, tapferen Menschen abspielte.

Diese Erkenntnis nagte an ihm wie ein schlei­

chendes Fieber und lieh ihn nicht zur Ruhe gelangen. Wohin er auch kam. immer und Über­allhin brachte er Kummer. Hnglück und Zer­störung! Wenn noch ein Funken von Ehre in ihm lebte, mußte er den Weg frei machen für ein neues Leben Birgits. Aber wie? Rie, das wußte er nun. würde Birgit freiwillig von ihm gehen, nie würde sie ihn freiwillig ziehen lassen. Tag und Rächt quälte ihn Kummer und Zweifel, Tag und Rächt schmiedete er neue Pläne, verwarf sie und kam zu keinem Resultat.

Rachts lag er wach da, und das geschwächte, gepeinigte Herz schlug schwer und mühsam unter der Last der Selbstvorwürfe. Selbst der Besuch der kleinen Rosemarie, die mit zärtlicher Liebe an ihm hing und ihm schon von weitem die Aermchen entgegenstreckte, vermochte ihn nicht zu befreien. Mit schmerzlicher Inbrunst drückte er das kleine Wesen an fein Herz und hatte doch immer dabei das verstärkte Gefühl des Unrechts, der Schuld.

Der alte Sanitätsrat Siewert war mit den Fortschritten feines Patienten recht unzufrieden.

Ich weiß nicht", sagte er eine- Tages zu Friedrich, nachdem er von einem Krankenbesuche in der Försterei für einen Augenblick im Arbeits­zimmer des Grafen Friedrich vorsprach,ich weiß nicht, es will mit Hans Egon nicht vorangehen. Zuerst war die Besserung ganz auffallend, aber nun macht mir sein Herz rechte Sorgen. Es ist sehr schwach, trotzdem ich mit allerlei Mitteln nachhelfe. Solange keine Aufregung kommt, mag es gehen, aber einer besonderen Anstrengung ist es meiner Ansicht nach nicht mehr gewachsen. Es sieht mir aus, als ob Hans Egon sich innerlich gleichsam verzehrt. Also Ruhe, Ruhe und noch­mals Ruhe, lieber Graf, sonst kann ich für nichts einstehen."

®raf Friedrich teilte Birgit schonend diese Warnung des alten Hausarztes mit. Und beide umgaben Hans Egon mit noch mehr Liebe, noch mehr Behutsamkeit und Fürsorge. Auch die Rach- richt, daß das Verfahren gegen Bankier Ericsen wieder ausgenommen, brachten sie dem Genesen­den nur schonend bei.

2TE><'t da die angestellten Ermittlungen günstig verliefen, war es eher eine Entlastung für Hans Egon als eine Erregung. Die verschiedenen Gut­haben die Ericsen bei mehreren Banken hatte, wurden in rascher Folge beschlagnahmt. Die Firma Lund erhielt infolge des günstigen Standes des Prozesses Kreditangebote, die sie zuerst zur Abdeckung der Verpflichtung an den Konsul Si­belius verwandte. So konnte auch das Haus Si­belius sich langsam wieder aufrichten.

Und der Konsul verzieh endlich seinem Schwie­gersöhne. der durch sein Eingreifen diese glück­liche Wendung nach allen Schicksalsschlägen her- beigeführt hatte.

Bankier Ericsen entzog sich dem irdischen Rich­ter kurz vor seiner Verhaftung in Buenos Aires durch Selbstmord. Wenige Tage nach feinem schrecklichen Ende fand man die Tänzerin Dolores del Fvnza in ihrem Schlafzimmer erdrosselt auf. Der Verdacht richtete sich gegen ihren Diener Paolo, der aber unauffindbar blieb.

Graf Friedrich hatte diese Rachrichten in der Zeitung gelesen, verbarg sie aber sorgfältig vor Harrs Egon. Mußte er doch fürchten, daß die Kunde von dem tragischen Tode der Tänzerin ihn treffen- und alte Schmerzen in ihm auf» rühren würde.

Aber feine Vorsicht kam zu spät. Seitdem Hans Egon von der Wiederaufnahme des Prozesses gegen Ericsen und Genossen erfahren, hatte er sich heimlich aus der Stadt ein Zeitungsabonne­ment bestellt und verfolgte mit leidenschaftlicher Erregung alle Rachrichten über den Fortgang der Hntersuchungen. Hnd eines Abends fiel ihm auf diese Weise auch die Rachricht von dem furcht­baren Ende der Tänzerin Dolores in die Hände.

Wieder und immer wieder lasen seine Augen die Zeilen, und ein Stöhnen rang sich aus seiner Brust. Das also war das Ende! Das war das Ende einer Frau, um derentwillen er Leben. Ehre, Glück und Heimat dahingegebenI Hm eines solchen Wesens willen hatte er all dies unend­liche Leid über Birgit, ihren Vater, über Fried­rich gebracht.

Hnd nun sollten sich zwei Menschen wie Birgit und Friedrich wieder und wieder opfern, nur um ihm ein Glück wiederzugeben, das er schamlos von sich gestoßen. Das war zuviel! Rie würde er wieder einen Augenblick des Friedens finden können, schuldbeladen wie er es in doppelter Hinsicht war.

Gleich mußte er mit Birgit sprechen, sie durfte nicht aus Mitleid mit ihm gegen sich selbst toüten.

Er mußte fort; irgendwo würde sich ein Plätz­chen finden, wo er unerkannt leben konnte.

Mit klopfendem Herzen stand er auf von seinem Lager, ergriff mit zitternden Händen, wie im Fieber, feinen Hut und stürmte hinaus. Er achtete nicht darauf, daß ein kalter Sommerregen her» niederging und ihn bald bis auf die Haut durch­näßte. Er achtete nicht darauf, daß der Wind der durch den Wald brauste, feucht und kalt in seine geschwächten Lungen hineinfuhr. Er eilte dahin, schneller und schneller, getrieben nut von dem

Die Seeschlachten des Weltkrie­ges, eine Grohsilm-Vorführung, wie sie in die­ser Zusammenfassung noch nicht geboten wurde, findet morgen, Sonntagvormittag 11.15 ilfrr, im Lichtspielhaus Bahnhofstraße statt. In diesem Film erlebt man die drei großen Seeschlachten des Weltkrieges: den deutschen Seesieg bei Coro­nel; das Heldengrab an den Falklandinseln, wo Graf Spee mit 200 Getreuen mit wehender Flagge in die Fluten sank; am Skagerrak entbrennt die größte und bedeutungsvollste aller Seeschlachten, hier wurden der englischen Flotte so empfindliche Verluste beigebracht, daß sie die deutsche See frei­geben muhte. Der Besuch dieser Vorführung kann bestens empfohlen werden. Besonders sei darauf hingewiesen, daß die Jugend Zutritt hat. Man beachte die Anzeigen.

Kaplan Fahsel, der bekannte katholische Geistliche und Redner, hält am Samstag, 13. Fe­bruar, 20 Hhr, im Katholischen Vereinshaus einen Vortrag über das ThemaKonnersreuth und das Wesen christlicher Mystik". (Räheres heutige Anzeige.)

Im Technischen Verein und der Orts­gruppe Gießen des Reichsoerbandes Deut­scher Baumei st er wird Stadtbaurat G r a Dort am Montag, 1. Februar, 20.15 Uhr, im Kunst­wissenschaftlichen Institut, Ludwigstraße 34, über ,T)ie älteste Stadtanlage und der Stadtbauplan von Gießen" (2. Teil seines Vortrages) sprechen. (Siehe heutige Anzeige.) "***

Die Museen und der Heidenturm fin&_ am Sonntag zwischen 11 und 13 Hhr bei gewöhnlichen Preisen geöffnet.

** Gine Neunzigjährige. Frau Do- mänenrat Auguste R i ck geb. Wallenfels, wohn­haft im Schwesternhaus Liebigstrahe, kann heute bei guter geistiger und körperlicher Frische ihren 90. Geburtstag begehen.

" Der Speisezettel in der Kinder­küche unserer Garnison. Die von den Soldaten unseres Bataillons mit Mittagessen versorgten hilfsbedürftigen Kinder werden in der nächsten Woche folgenden Speisezettel zu bewälti­gen haben: Montag Erbsensuppe mit Fleischwurst; Dienstag Reisbrei mit Kirschen; Mittwoch Rind­fleisch und deutsche Gemüsesuppe; Donnerstag Rindfleisch und Schweinefleisch mit Kartoffeln und Schnittbohnen; Freitag Rindfleisch mit Rudel- suppe; Samstag Bratwurst mit Kartoffelgemüse^ Oberbeff en.

Landkreis Gietzen.

)( Grohen-Linden, 30. Jan. Am mor­gigen Sonntag wird Frau Witwe Elisabethg Weber, geb. Pirr, 86 Jahre alt.

<h Grüningen, 27. Jan. Hm den hiesigen Arbeitslosen lohnende Beschäfti­gung zu geben, hat die Gemeindevertretung auf Anregung des Bürgermeisters Euler beschlos­sen, den Windmühlenweg chaussieren zu lassen. Heber 40 Landwirte haben sich bereit erklärt, die notwendigen Steine kosten» los an Ort und Stelle zu fahren. Die Steine werden von dem Steinbruchbesitzer Heinrich R i n- k e r ebenfalls kostenlos geliefert, so daß die Ge­meinde nur den Arbeitslohn zu tragen hat. Die Arbeiten sind bereits im Gange. In der hie­sigen Turnhalle fand die Holzversteige- rung aus dem Markwald von Grüningen und Dorfgill statt. Es wurden für Buchenscheitholz 20 bis 23 Mk., Kiefernrundscheiter 16 Mk., Eichen­rundscheiter 14 Mk., Duchenprügel 16 bis 20 Mk., Eichenprügel 10 Mk., Kiefernprügel 10 bis 12 Mk. und für Duchenstöcke 10 bis 12 Mk. je 2 Raum­meter bezahlt. Für Buchenreiser wurden 1,50 bis 1,70 Mk. und für Kiefemreiser 1 Mk. je Raum­meter erzielt.

Kreis Friedberg.

Kirchgöns, 29. Jan. Am Sonntag, 31. Ja­nuar, findet im Smale von Ludwig Müller die 14. lokale Geflügel- und Kaninchen- Ausstellung des Geflügel-, Vogel- und Ka­ninchenzuchtvereins Kirchgöns statt. Es gelang­ten 150 Rummern zur Anmeldung. Es steht vor­zügliches Material zur Schau. Die Ausstellung Dürfte geeignet sein, manche Anregung zu neuer Arbeit auf züchterischem Gebiet zu geben, dar­über hinaus aber auch den Laien interessieren.

einen Gedanken, mit Birgit zu sprechen, gutzu- machen, wenn er noch gutmachen konnte.

Aber bald mußte er den schnellen Schritt hem­men. Ein Husten, der tief aus seiner Brust herauf­kam, durchschüttelte ihn; in der Herzgrube fühlte er Stiche, stärker und stärker, daß er beim Gehen die Hand gegen die Brust stemmen mußte. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, toäprenZ) doch Frostschauer seine Glieder erzittern ließen.

Die Bäume rings um ihn her, der Himmel, der Erdboden begannen sich in einem wilden Wirbel um ihn zu drehen. Er ging noch ein paar taumelnde Schritte schon sah er die Lichter von Schloß Tannenaue aufleuchten, da schlug er schwer und bewußtlos auf den feuchten Boden nieder.

*

Am kommenden Tage bei Morgengrauen fand der alte Wächter Hans Egon besinnungslos und steif vor dem Tor des Schlosses liegen. Er klin­gelte Sturm und wenige Minuten später war der Schlotzherr von Tannenaue von den erschreckten Dienern hineingetragen worden.

Blaß und regungslos sah Birgit an dem Bett des Fiebernden, der in wilden Delirien und sinn­los aneinandergereihten Worten nun die ganzen Qualen der vergangenen Jahre noch einmal zu durchleben schien. Graf Friedrich stand neben ihr, hielt ihre Hand. Beide fühlten sie nichts mehr von ihrem eigenen Leide, in beider Herzen war nur ein Gedanke, ein Flehen: Genesung für diesen Menschen, der ihnen beiden teuer war, und der so hart gebüßt. Aber der Sanitätsrat Siewert, der so schnell wie möglich herbeigeeilt war, schüt­telte den Kopf.

Das Herz und die Lunge halten diesen neuen Ansturm nicht aus, meine gute Birgit", sagte er ernst.Wir müssen nur das eine wünschen, daß das Ende nicht zu schwer wird. Was in Menschenmacht steht, geschieht, darauf können Sie sich verlassen."

Birgit wich nicht von Hans CgonS Bett. Eine Schwester zu ihrer Entlastung kommen zu lassen, lehnte sie ab.

Er soll wissen, daß ich immer für ihn da bin", sagte sie unter Tränen.Allzulange waren wir getrennt, nun will ich auch nicht einen Augenblick versäumen, wenn er doch vielleicht aus den Fie­berphantasien erwacht."

Lassen Sie Birgit gewähren", sagte der Arzt gedämpft draußen zu dem Grafen Friedrich und dem Konsul.Es dauert nicht mehr lange gönnen wir diesen beiden den Trost."

(Schluß folgt)