Nr. 255 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)Samstag, 29. Moder 1952
Araberreiche im mittleren Osten.
Das Irak wird selbständig aber die Engländer bleiben die Herren.
Don unserem ?. ^.--Korrespondenten. Bagdad, Oktohxr 1932.
Fünf Uhr nachmittags, drei Uhr mitteleuropäische Zeit: Ta, ein Kanonenschlag, noch einer, die Dvnner kommen in rascher Folge, fünfzig, hundert — die Nachricht ist da: Irak ist von nun an ein selbständigerStaat! Eine Stunde später prangt Bagdad im Flaggenschmuck, und arabische und englische Ektrablätter verkünden: „Ter Außenminister Exzellenz Dschafar Pascha hat ein Telegramm erhalten vom Generalsekretär des Völkerbundes,, daß die Bundesversammlung soeben Irak mit'Wirkung von heute in die volle Mitgliedschaft ausgenommen hat. Der Präsident der Versammlung hat seiner Majestät König Feisal seinen Glückwunsch geschickt!"
Merkwürdig, daß ich nach 32 Jahren gerade an dem Lag wieder in Bagdad bin, wo diese Nachricht aus ©enf ankommt! Sie wurde erwartet, die Fahnen und Fähnchen und die hundert Schuh Salutmunition waren in Vorbereitung, und auch die Verkündigung für die Behörde ist schon heraus: Drei Tage dienstfrei! Formal ist die Aufnahme in den Völkerbund jedenfalls ein starker Erfolg für König Feisal, und es lohnt, sich etwas mit dieser feinen, klugen und sehr aristokratischen Persönlichkeit zu beschäftigen. Feisal ist ein Haschemite, d. h. er entstammt des ältesten arabischen Hochadel. Sein Vater Hussein war Scherif, geistlicher Herr in Mekka, als der Weltkrieg ausbrach. Er fiel von seinem Oberherrn, dem Sultan von Konstantinopel, ab. weil die Engländer ihm Hoffnung machten, er könne König eines arabischen Großreichs vom Mittelmeer bis zum Indischen Ozean werden. Der groharabische Gedanke ist auf diesem ganzen Raum lebendig. Ich erinnere mich an zwei Llnterhaltungen: eine mit einem vornehmen Araber aus Aleppo, der mit einem geradezu wütenden Haß von den Fran- zosen sprach, die Syrien unterjocht hielten, und an eine andere im Wüstenautobus, mit einem Beamten der Jrakregierung: „Small minded men“ (Schwachköpfe also) meinte er, „sprechen so, als ob Syrien, Arabien, Aegypten und Irak Länder sind, wie England, Deutschland und Frankreich: sie sind aber allesamt arabische Länder und einmal werden sie auch ein arabisches Reich sein."
Hussein nahm den Konigstitel an, die Engländer gaben ihm reichlich Geld, und dazu einen Ratgeber, der auch die unabhängigen Wüstenstämme gewann, in dem genialen Abenteurer Wallace. Damit rüstete Hussein ein bewafs- netes arabisches Heer aus, und diese Truppen taten das Meiste, um schließlich die hungernde und mit allem Nötigen schlecht versorgte türkisch-deutsche Palästinafront unter General Kreß v. Kressenstein zum Weichen zu bringen. Englands Dank war, daß Syrien nach lange vorher getroffenen Abmachungen den Franzosen preisgegeben wurde. Hussein — er war schon ein alter Mann — kam nach Chpern in die Verbannung. Von feinen Söh
nen versuchte Feisal, sich auf eigene Faust in Damaskus zu behaupten, wurde aber von den Franzosen mit Waffengewalt vertrieben. A l i konnte sich in Mekka nicht gegen den Waha- bitenfürsten Ibn Saud halten, dem jetzt fast ganz Arabien gehorcht, und Abdallah wurde EmirvonTransjordanien von Englands Gnaden. Er sitzt noch in seiner Hauptstadt Amman
Auf der Flucht von Damaskus kam Feisal nach Bagdad. Dort fand er seine Königsmacherin, Miß Getrude Bell. Sie war Engländerin, eine ungewöhnliche Frau, ursprünglich Archäologin, aber durch langjährige Arbeit im Irak so mit allen Verhältnissen und namentlich mit dem arabischen Wesen vertraut, daß die englischen Militärs, mit denen sie nach Bagdad zurückkehrte, ihrem Rat in allen Dingen folgten. Sie erkannte Feisals große politische Begabung, und ihr hatte er es zu verdanken, daß er als „King Feisal" zunächst englischer Va- sallenfürst für das Mandatsgebiet des Irak wurde.
Gertrude Bell ist nicht mehr am Leben, sonst hätte sie ihre Freude an den 100 Kanonenschüssen gehabt, die heute die „Souveränität" des Irak verkündeten. Sie hat ihren Landsleuten immer geraten, ihre neue arabische Interessensphäre sich möglichst durch sich selb st regieren zu lassen. Es kommt dazu, daß der englische Imperialismus nicht mehr die großen Schwingen hat, mit denen er vor 30, und noch vor 20 Jahren den „mittleren Osten" nicht nur politisch überschatten, sondern auch zu einem neuen Leben unter englischer Führung fortreißen wollte.
Dem heutigen, durch den Weltkrieg müde gewordenen England ist es ziemlich gleichgültig, wie sich das Irakgebiet, Transjordanien, Palästina entwickeln. Cs werden nur noch zwei Ziele verfolgt: die sichere Landverbindung zum Persischen ® o If; und damit auch nach Indien, und das Petroleum von Mos- s u l. Dazu muh England das Dreieck Haifa—Mos- sul—Bagdad mit seiner südöstlichen Verlängerung bis Basra beherrschen. Es hat der irakischen „Selbständigkeit" zugestimmt, um hier Geld zu sparen und um die öfters unbequeme Verantwortlichkeit für das Mandat loszuwerden. Don den drei großen F l i e g e 11 a g e r n., die das Land militärisch absolut beherrschen, werden zwei, die von Bagdad und M o s s u l, nach Ramadi am Euphrat, und nach Erbil, nahe den Petroleum« guellen, verlegt, um der Oeffentlichkeit nicht so unter den Augen zu sein: das dritte, das von Basra, bleibt an Ort und Stelle. Sachlich ändert sich nichts daran, daß die Engländer in dem nunmehr verbündeten Irak d i e Herren sind. Die im Bau begriffene Petroleum-Leitung Haifa— Mossul, und die kommende Dahn Haifa—Bagdad werden zwei englische Adern fein, die das Land durchziehen, und die groharabische Idee wird im Stillen weiterwachsen, bis sich eines Tages für England (und auch für Frankreich in Syrien) eine ähnliche Konfliktslage ergeben wird, wie heute in Indien
Aus der proviuzialhauptstadt.
G i e h e n, den 29. Oktober 1932.
Heimat.
„Wo dir Gottes Sonne zuerst schien, wo dir die Sterne des Himmels zuerst leuchteten, wo seine Blitze dir zuerst seine Allmacht offenbarten, und seine Sturmwinde dir mit heiligen Schrecken durch die Seele brauseten: da ist deine Liebe, da ist dein Daterland, deine Heimat!" (M. Amdt.)
Kein Wort hat so vertrauten Klang und besitzt solchen Wohllaut, wie das Wort Heimat. In unzähl'gen Gedichten und Erzählungen wird uns die ßiebe zur Heimat, die Sehnsucht nach ihr geschildert. In alten Tagen gilt die Erinnerung der verlorenen Heimat.
Wir träumt, ich ruhte wieder vor meines Vaters Haus und schaute fröhlich nieder ins alte Tal hinaus, die Luft mit lindem Spielen ging durch das Frühlingslaub, und Blütenflocken fielen mir über Brust und Haupt.
(Eichendorff.)
Wie fest saugt sich das Bild der Heimat in unser Herz, wenn wir Abschied nehmen müssen. Als vor Jahren unsere Krieger hinaus in den Kampf zogen, standen am Abend vorher viele noch einmal still auf einsamer Höhe und überblickten das schmale Tal, den von Wiesen ein- gerahmten Bach, die Bäume und Büsche ringsum. Hnb dieses Bild von der Heimat nahmen sie mit hinaus in den Krieg, es gab ihnen Mut und Ausdauer. Wenn die Bäume in Feindesland blühten, wellten ihre Gedanken in der Heimat, wenn die Frucht reifte, sahen sie im Geiste die heimatlichen Fluren, und wenn Sturmwinde über das Land fuhren, wenn Eis und Schnee die Erde bedeckten, dann stand immer wieder das Bild der Heimat vor ihnen.
ilnö wie mag den Auswanderern die Erinnerung an die Heimat in der Fremde geholfen haben! Sehnsucht nach ihr erfüllte ihre Herzen, mit zusammengebissenen Zähnen erarbeiteten und schafften sie sich eine neue Heimat, ober unverrückbar und unaustilgbar stand die alte vor ihren Augen.
Dieses enge Verbundensein mit der Heimat gibt unferm Dasein! erst den rechten Inhalt.- Und jeder Mensch ha>. — oft versteckt im innersten ^nen — eine Sehnsucht nach seiner Heimat, auch in dem Lärm der Stadt, im Hasten und aufregendem Treiben der Arbeit. Das Heimatgefühl schlummert nur, aber eines Tages kommt das Erwachen. Die Erinnerung an die Kindheit weckt unwillkürlich auch die Sehnsucht nach der alten Heimat: Selbst wenn es nur eine freundliche Ecke im Hofe eines Mietshauses war, oder ein alter Apfelbaum an der Straße, oder ein kleines Gärtchen hinter dem Hause. Es ist doch die Heimat. „Der Jugend Zauber für und für, ruht lächelnd doch auf dir. auf dir!"
Und so sehen wir jetzt — im Gegensatz zu den letzten Jahrzehnten — ein langsames Abwandern aus den Städten nach dem flachen Lande. Die Liebe zur Scholle ist wieder neu erwacht. Man träumt wieder von einem eigenen Garten, von einem Haus draußen im Grünen. Nichts hat mich mehr gerührt als die Mitteilung eines Bekannten, der in der Stadt angestellt ist, sich aber nun in seinem Heimatdorf eine Wiese gekauft hat. „Da kann ich in meinen Ferien drauf liegen, da kann ich Purzelbäume schlagen, und kein Mensch hat mir da etwas zu sagen." Es ist kein Garten, kein Bauplatz, nur ein Stück Grünes. Aber er will es besitzen. Seine Sparpfennige hat er zusammengekratzt, um sich diese Freude zu machen.
Im ewigen Wechsel der Erscheinungen, in dem fast alle Stände aus ihren ursprünglichen Kreisen herausgetreten sind, hat sich nur der Bauernstand nicht verändert. Er ist geblieben, wie er war. Er sitzt auf seiner Scholle, er hat seine Heimat. Er allein weiß eigentlich nur, was das Wort Heimat umschließt. Sein Haus, umgeben von Gärten und Wiesen, überschattet von hohen Bäumen, ist seine Burg. Hier, wo schon Vater und Großvater und alle Vorfahren wirkten und schafften, Leid und Freud trugen, hier ist seine Heimat, seine Welt.
Erst wenn wir unsere Heimat verloren haben, kommt uns zu Bewußtsein, was sie uns bedeutete, und glücklich ist der zu preisen, der nach langer Lebenswanderung einen Rückweg zu seiner alten Heimat findet, der von sich sogen kann: „Ich bin wieder zu Hause!" P.
$rau Minna Naumann t-
Nach langem Leiden ist am Mittwoch die frühere Stadtverordnete und langjährige eifrige Vorkämpferin der Frauenbewegung in Gießen Frau Minna Naumann im Alter von 79 Jahren verstorben. Mit dem Heimgang der Entschlafenen hat unsere Gießener Frauenwelt eine Führerin verloren, die stets in allen Fragen des Frauentums im öffentlichen Leben ausgezeichnet zu wirken verstand.
Die Verewigte war an der Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins in Gießen beteiligt. Von 1911 bis zum November 1929 stand sie als Vorsitzende an der Spitze dieses Vereins, für dessen Ziele sie immer in aufopferungsvoller und vorbildlicher Weise tätig war. Die hohe Geltung der Frauenorganisationen und ihrer Arbeit in unserer Stadt ist in besonderer Weise ein Verdienst der Entschlafenen, deren Arbeitskraft und Interesse für die Sache der Frauen schier unerschöpflich war.
Das Vertrauen der Mitbürger übertrug Frau Naumann im Jahre 1919 ein Mandat in der Stadtverordnetenversammlung, der sie als Mitglied der Deutschen Dolkspartei von 1919 bis 1929 angehörte. In dem zehnjährigen Wirken im ehrenamtlichen Kommun al dienst hat sie ihre Arbeitskraft und ihr Wissen, aber auch ihr alle- zeit frauliches Empfinden in ausgezeichneter Weise
Z»mlS.lahreM der bolschewisiischen Revolution
4
L
Am 7. November neuen Stils begeht Sowjetrußland die Erinnerung an den gewaltigen Umsturz, der vor nun 15 Jahren die Bolschewisten in die Macht einsetzte. — Unsere Bilder zeigen oben links: Lenin, den Führer der Revolution von 1917, der bis zu seinem Tode im Jahre 1924 die Geschicke der Sowjetunion leitete; unten rechts: Stalin, den heutigen Diktator Sowjetrußlands: oben rechts: Zar Nikolaus II., neben ihm Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, Oberbefehlshaber der russischen Truppen im Weltkrieg, deren Niederlage das Kaiserreich ins Wanken brachte und die Revolution heraufbeschwor; unten links: Ein Panzerauto mit Anhängern der siegreichen Bolschewisten in den Umsturztagen vor dem Smolny-Jnstitut in Petersburg, damals der Sitz des Zentralausschusses der roten Arbeiter- und Soldatenräte.
Straßenbahn Gießen—Wieseck.
Günstiger Stand der Verhandlungen zwischen Wieseck und Gießen.— Oie Einigung auf dem Marsche.
In den letzten Tagen haben zwischen Vertretern der Gemeinde Wieseck und Vertretern der Stadt Gießen Verhandlungen über den Bau des S t r a ß e n b a h n n e tz e s nach Wieseck hinein stattgefunden. Die Verhandlungen sind nach unserer Kenntnis der Dinge gestern soweit gediehen, daß man den gegenwärtigen Stand der Angelegenheit als günstig für eine gedeihliche L ö - s u n g der Frage bezeichnen kann.'
ID fr glauben nicht zuviel zu sagen, wenn wir mitteilen, daß die Einigung zwischen den beiden Gemeinden auf dem Marsche ist.
Hoffentlich werden nicht etwa noch in letzter Minute neue Hindernisse in die Angelegenheit hinein- getragen, die den endgültigen Abschluß in Frage stellen würden. Wie die Verhältnisse liegen, ist die Möglichkeit für Wieseck, die elektrische Straßenbahnverbindung in den Ort hineinzubekommen und dadurch jedem Einwohner die Fahrmög- lichkeit nach Gießen aus dem Orte heraus sicherzu st eklen, gegenwärtig so günstig, wie noch nie zuvor. Man muß beachten, daß die Bauarbeiten unter Heranziehung von Fürsorgearbeitern vorgenommen werden, wodurch natürlich die Anlage des Straßenbahnnetzes außerordentlich verbilligt wird, ein Vorteil für beide Gemeinden, der sich — wenn jetzt noch Schwierigkeiten gemacht würden — in Zukunft wohl kaum noch einmal bieten dürfte.
Es gilt jetzt, die günstige Ehance, den Straßen- bahnbau so billig wie möglich herzustellen und dabei auch für erwerbslose Leute Arbeit zu schaffen, unter ollen Umstünden zu nützen.
Wir würden es begrüßen, wenn wir bereits in den nächsten Tagen nach der Zustimmung der maßgeben, den Stellen von Wieseck den endgültigen Abschluß und damit den Beginn des Straßenbahn- baues nach Wieseck hinein zur Kenntnis unserer Leser bringen könnten.
Berkehröverein, Bahnhofstraße und Straßenbahn.
Der Vorstand und Ausschuß des Verkehrs- und Derschönerungsoereins beschäftigten sich gestern abend in einer Sitzung u. a. auch mit der Eingabe des Bahnhofsstraßenviertels an die Stadtverwaltung zwecks Wiederaufnahme des Straßen- bahnverkehrs durch die Bahnhofstraße. Nach längerer Aussprache, in der man sich auch mit Genugtuung über den Straßenbahnbau nach Wieseck äußerte, wurde einstimmig beschlossen, zur Unterstützung der Anwohner der Bahnhofstraße und der benachbarten Straßen bei der Stadtverwaltung dahin vorstellig zu werden, daß baldmöglichst der Straßenbahnverkehr durch die Bahnhofstraße in der früher betriebenen Welse wieder aufgenom- 'men wird.
dem Dienste für das Gemeinwohl -zur Verfügung gestellt. Vom Plenum des Stadtrats in die Ausschüsse für Lebensmittel- und Kohlenversorgung, für das Marktwesen, in die Theaterdeputation, den sozialpolitischen Ausschuß, den Wohlfahrtsausschuß und die Wohlfahrtsdeputation, den Schulvorstand und das Kuratorium der Höheren Mädchenschule entsandt, hat Frau Naumann immer durch opferfreudige Mitarbeit beigetragen zur Lösung schwerwiegender Aufgaben und zur Ausgestaltung bedeutender städtischer Einrichtungen. Im Plenum des Stadtrats trat sie weniger hervor, da sie das Schwergewicht ihrer ganzen kommunalpolitischen Tätigkeit auf die Arbeit in den Ausschüssen verlegte, in denen ja auch in der Hauptsache alles wesentliche zu leisten ist.
Durch ihr liebenswürdiges Wesen, ihre außer-- ordentliche persönliche Bescheidenheit, ihr warmes mütterliches Mitgefühl für alle Bedrängten und Hilfsbedürftigen, aber auch durch die eindringliche Kraft ihres Werbens für die als richtig erkannte Sache hat sich die Heimgegangene nicht nur im Gießener Stadtrat, sondern weit darüber hinaus in der Bürgerschaft ein hohes Maß von Anerkennung und Wertschätzung erworben. Das Andenken an diese vorbildliche Frau wird hier immer in Ehren sortbestehen.
Grenzlandaben- im OHL.
Im Rahmen der Winterbildungsveranstaltungen der Ortsgruppe Gießen im Deutschnationalen Hand- lungsgehllfen-Verband sprach am Donnerstag im Derbandsheim Studienrat Dr. König (Gießen) über: „Das Saargebiet im Rahmen de r deutschen West fragen". Der Redner behandelte zunächst die geographisch-politische Lage des Saargebiets. Schon zweimal sei Frankreich an der Saar gewesen. Das Saargebiet bilde für Frankreich das Ausfalltor nach dem Nordosten, nur über das Saargebiet könne der Weg zum Rhein gehen. Deshalb rede der Franzose auch von der Saar als vom „kleinen Rhein" und, obwohl das Saargebiet Dölkerbundsland sein soll, ist es in Wirklichkeit so, daß Frankreich heute den maßgebenden und entscheidenden Einfluß auf das Saargebiet ausübt. Mit kaum zu überbietender Geschicklichkeit verstehe es Frankreich, einen moralischen unb rechtlichen Anspruch auf das Saargebiet vorzutäuschen, obwohl
die Bevölkerung stets deutsch war und schon 1815 in zahlreichen Petitionen den Anschluß an Preußen forderte, was damals auch durch den zweiten Pariser Frieden geschah. Frankreich hat bei Abschluß des Versailler Vertrages die Einverleibung des Saargebiets in die französische Republik gefordert. Poincare brachte damals 150 000 Unterschriften von Saarländern bei, die den Anschluß an Frankreich forderten. Diese Unterschriften konnten aber als Fälschung entlarvt werden, denn sie stammten von der lothringischen Saar, nicht vom Saargebiet. Dieser Vorgang sei bezeichnend für die Methoden, deren sich Frankreich bediene. Frankreichs Wunsch wurde in Versailles nicht restlos erfüllt. 1935 wird die Saarbevölkerung vor drei Fragen gestellt: 1 Jb die Saarbevölkerung zu Frankreich will, 2. ob die Saarbevölkerung, falls sie nicht zu Frankreich will, den gegenwärtigen Zustand beizubehalten wünscht, und 3. ob sie wieder mit dem Mutterland Deutschland vereinigt werden will. Das Saargebiet stehe heute völlig in wirtschaftlicher Abhängigkeit von Frankreich, denn Frankreich seien die Kohlengruben als Reparationsleistung ausgeliefert, sie stehen heute unter französischer Regie. Frankreich führe ferner im Saargebiet das Zollregime, und die französische Währung gelte. Es bestände kein Zweifel, daß die Saarländer, die auch heute treu zu Deutschland stehen, sich im Jahre 1935 für Deutschland entscheiden werden. Das habe selbst Frankreich eingesehen, das seine Propaganda für einen Anschluß an Frankreich eingestellt habe. Auch die gegenwärtige Propaganda für ein autonomes Saargebiet werde fruchtlos fein.
Der Redner legte überzeugend dar, daß man das Saarproblem in Deutschland nicht etwa als gelöst betrachten dürfte. Man müsse die diesbezüglichen Bestimmungen des Versailler Diktats und des sog. Saarstatuts auf sich wirken lassen, um zu erkennen, daß Frankreich eine Menge Möglichkeiten habe, die Wiedervereinigung des Saorgebiets mit Deutsch- land zu erschweren. Der Redner machte die Zuhörer an Hand der einschlägigen Bestimmungen aus dem Versailler Diktat und dem Saarftatut mit den Schwierigkeiten bekannt und begründete seine Behauptung. Die der Saarbevölkerung gegebenen Bestimmungsrechte seien gleich Null. Trotzdem habe die Saarbevölkerung von ihrem Wahlreck)! Gebrauch gemacht uub durch den Landesrat wiederholt die


