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28.7.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Pwvinzialhauptstadt.

Gießen, den 28. 3uli 1932.

Oie Neuordnung des Paß-Wesens.

Seit dem 1. Juli 1932 find neue Paßvorschriften in Kraft. Hiernach ist bei den Reisepasfen zwl- schen Cinzelpäsfen und Familienpassen zu unter­scheiden Familienpäfse können Ehegatten sowie Eltern mit ihren Kindern unter 15 Jahren zu gemeinschaftlichen Reisen ausgestellt werden, und da Kinder gewöhnlich im Laufe von Jahren nach­folgen. ist ihre nachträgliche Aufnahme im Pah möglich Wichtig ist, daß Familienpässe auch ^u Einzelreisen benutzt werden können. Will je­mand trotz des Familienpasses durchaus einen Einzelpah haben, so braucht er nur 50 Prozent der üblichen Gebühren zu zahlen, wenn die Gel­tungsdauer dieses Cinzelpasies aus die Geltungs- dauer des Familienpasses beschränkt wird. Die all­gemeine Geltungsdauer eines Passes beträgt sünf Jahre und deshalb kann ein auf kürzere Zeit aus­gestellter Reisepah entsprechend verlängert werden.

Die Ausstellung von Reisepässen erfolgt, nach vorheriger Antragstellung bei dem zuständigen Polizeibezirk, lwrch die örtliche Pahbehörde (meist die Polizeiverwaltung), in deren Bezirk der An­tragsteller seinen Wohnsitz oder mangels eines Wohnsitzes seinen Aufenthalt hat. Das persönliche Erscheinen ist erforderlich, jedoch ge­nügt bei Familienpäsfen das persönliche Grschei. nen, der zur älnterschriftsleistung verpflichteten Personen (des Inhabers und seiner Ehefrau).

Minderjährigen mit Ausnahme von Ehefrauen dürfen Reisepässe nur auf Antrag oder mit Einwilligung des gesetzlichen Vertreters ausgestelit werden. Handelt es sich um eine Auswanderung, so wird außerdem bei Mädchen unter 18 Jahren die Genehmigung des Dormundschaftsqerichts ver­langt, foiueit diese nach § 9 ber Verordnung vom 14. 2. 24 erforderlich ist. Bemerkt sei ferner, daß der Reisepah einer weiblichen Person nach deren Eheschließung ungültig wird.

Die Ausstellung eines Passes muß versagt wer­den, wenn die innere oder äußere Sicherheit oder sonstige erhebliche Belange des Reiches ober eines deutschen Landes durch den Reisepaßinhaber ge­fährdet werden könnte. Auch dann, wenn der Paß benutzt werden soll, um sich einer Strafverfolgung oder Strafvollstreckung zu entziehen, oder steuer­lichen Pstichten, oder wenn Zollvorschriften über­treten oder umgangen werden sollen, kann die Aus­stellung des Reisepasses versagt werden, und end­lich dann, wenn jemand sich seiner Dienstverpflich­tung von der Reichswehr entziehen, oder in fremde Heeresdienste eintreten oder durch Abwanderung in das Ausland sich seinen gesetzlichen Unterhaltspflich- ten entziehen will. Die Pässe selbst werden nach unterschriftiicher Vollziehung mit dem Lichtbild des Paßinhabers aus neuerer Zeit versahen, andernfalls ist ber Paß ungültig. Für den gemeinschaftlichen

Grenz übertritt von Personengruppen können die Landeszentralbehörden (Staatsministerien)Sammel- Usten als Paßerfatz ausstellen. Besondere Bestim- mungen bleiben bestehen für den Grenz und Aus- ftugsoerkehr.

Daten für Donnerstag, 2H. Juli.

1742: der Friede zu Berlin beendet den ersten Schlesischen Krieg- 1750: Johann Sebastian Bach in Leipzig gestorben; 1794: Hinrichtung '.Hobes- picrres in Parts- 1804: der Philosoph Ludwig Feuerbach in Landshut geboren; 1824: der schriftsteller Alexander Dumas d. I. in Paris ge­boren. 1842: der Dichter Clemens Brentano in Aschaffenburg gestorben; 1914: Oesterreich erklärt Serbien den Krieg

Daten ȟr Freitag, 29. Juli

1718: der Quäler William Penn, Gründer des Staates Pennsylvanien in Ruslombe gestorben; 1856: der Komponist Robert Schumann in Endenich gestorben; 1883: der itolieische Ministerpräsident Benito Mussolini in Prodappio bei Forli (Romagna) Geboren; 1890: der Maler Dinzent van Gogh in Auvers-sur-Oise gestorben.

* Seinen schweren Verletzungen ist gestern abend in der Chirurgischen Klinik der Colo- motioheizer Schäfer aus Stockheim, der am Mon­tagfrüh auf dem Bahnhof in Stockheim von einer Rangierlokomotive überfahren wurde und dabei neben dem Verlust eines Fußes auch einen schweren Schädelbruch davongetragen hatte. Der bedauerns­werte Mann hinterläßt eine Frau und 5 Kinder.

* Kraft poft - Gesellschaftsfahrten veranstaltet das hiesige Postamt. Am 30. und 31. Juli findet eine zweitägige Fahrt nach der hohen Rhön statt, für den 7. August ist eine Burgenfahrt in den Kreis Wetzlar vorgesehen. Näheres ist aus der gestri­gen Anzeige ersichtlich.

"Postüberweisungsverkehrmitdem Saargebiet. Vom 1. August an sind im Post- Überweisungsverkehr mit dem Saargebiet telegra­phische Ueberrocifungen und Eilüberweisungen zuge- lassen. Die Gebühren sind die gleichen wie im inne­ren Verkehr.

Ryönsegelflugwettbcwerb auf der W a sserkupp« u n b Reichs tags- wahl. Jeder Besucher des Rhönsegelflugwett­bewerbs auf der Wasserkuppe hat am 31. Juli im Fliegerlager selbst Gelegenheit, sein Wahlrecht für den Reichstag auszuüben. Es ist für die Wasserkuppe ein besonderer Stimmbezirk mit Ab­stimmungsraum im Lager gebildet toorben. Die wahlberechtigten Besucher müssen sich rechtzeitig spätestens am 30. Juli bei der Behörde ihres Wohnortes einen Stimmschein ausstellen lassen. Außerdem wird dringend empfohlen, einen Ausweis über die Person bei sich zu führen (Reisepa-ß, Personalausweis, Führerschein oder dergleichen).

Alfred Rosenberg über die Ziele der ASDAP

mentaren Gesetzmäßigkeit war. Wir haben aber sofort energisch gegen die Rotverordnung von PapenS protestiert. Diese Rotverordnung hätten wir gleich nach ihrer Verkündung genau so ab­gelehnt, wie die Brüningschen Notverordnungen. Die Probe auf dieses Exempel wird noch geliefert werden. Wer hat die Notverordnung unter­zeichnet? Doch der Reichspräsident, der nicht von uns gewählt worden ist. Wenn die Deutschen damals Adolf Hitler gewählt hätten, wäre eine solche Notverordnung niemals erschienen. Beim Reichsinnenminister tritt das Zögern peinlich in Erscheinung, da die Herren dieses Ministeriums anscheinend nicht wissen, wohin sie steuern sollen. Cs fehlt der eiserne Wille, das angefangene Werk zu vollenden. Cs ist ein politischer Skandal, daß man sich wochenlang mit bayerischen Zentrums­separatisten herumschlägt, anstatt sie so zu be­handeln, wie es nötig ist. Wir können es uns nicht leisten, dah Länderregierungen die Rettung Deutschlands bedrohen. Wir verlangen einen Zu­stand, daß kein Separatist auch nur wagt, gegen eine nationale Reichspolitik zu opponieren, ohne gleichzeitig zu wissen, daß er bann ins Zuchthaus kommt."

Zur Runbsunkrebe bes Reichswehrministers von Schleicher erklärte der Redner u. a.: Wir finden, dah General v. Schleicher den richtigen Grundsatz hat. Wenn wir auch ge­wünscht hatten, daß der Ausnahmezustand etwas länger andauern würde, so glauben wir doch, dah das Problem klar erfaßt wurde. Es geht nicht an, daß eine kleine Schicht von Offizieren und Männern beim besten Willen mit Hilfe der Reichswehr eine Diktatur ausübt. Vielmehr muh überall das Empfinden vorhanden fein und grob werden, dah die Reichswehr, dah der Soldat nicht im Gegensatz zur Ration stehen darf, sondern eins Dom andern bedingt und abhängig sein muh. Wir müssen jetzt die Verbrüderung zwischen der deut- fd>en Reichswehr und der Braunen Armee anftre- bcn. Das ist die grobe innenpolitische Ausgabe, die die nationalsozialistische Bewegung zu lösen hat. Jetzt muh Schluß gemacht werden mit allen, die den deutschen Soldaten beschmutzt und be­spuckt haben. Diese Leute müssen von der Bühne verschwinden. Linser Volk must von einer kompro­mißlosen Führerschaft geführt werden, die auch nach auhen hin entfprechend auftritt."

Anlch.ießend besprach Der Redner die Außen- po.itik der jüngsten Zeit. Er führte u. a. aus: Hier haben wir in den letzten Wochen drei Niederlagen au verzeichnen. Die furchtbare Nieder­lage in Lausanne ist deshalb so peinlich, weil man sich in Berlin nicht genügend überlegt hatte, was man in Lausanne forderte. Wenn man die Beseitigung der Kriegsschuldlüge und der Rüstungsungleichheit fordern wollte, so hätte man sich zuvor auch die Konsequenzen überlegen müssen. Sobald man diese Forderung aber stellte, durfte man sie nicht wieder zurückziehen. Wir sehen ein Versagen des deutschen Außenministers darin daß er sich diese Konsequenz nicht richtig überlegt hat. Was sich in Lausanne abgespielt hat war ein Nachlassen des Widerstandes, ein Zusammenbruch des Charakters, wie wir ihn bei Rathenau und Stresemann erlebt haben. Sie» f«n Vorwurf muh man dem Außenminister von Neurath machen, vermutlich auch dem Reichs­kanzler von Papen. Die 3 Milliarden nach öem Lausanner Vertrag können wir auch nicht bezahlen wir sprechen aber dem Zentrum und der SPD. das Recht ab. Neurach und Popen zu kritisieren da diese Parteien noch viel höheren Milliardenlasten für daS deutsche Volk zuge- stimmt haben. Die zweite Niederlage ift die Knech­tung Oesterreichs, das für die Anleihe, von der es so gut wie nichts bekommt, für weitere zwar- zig Icchre auf den Anschluß an Deutschland ver-

3n der Turnhalle am OswaldsgarteL fand gestern abend eine öffentliche nationalsozialistische Wählerversammlung statt, die einen so starken Be­such hatte, daß die Turnhalle überfüllt war. Zu Be­ginn der Kundgebung gedachte der Versammlungs­leiter, Tierarzt Dr. Harth- Allendorf a. d. Lda der im Kampfe mit politischen Gegnern ums Leden gekommenen SA.-Kameraden, die die Versammelten durch Erheben non den Sitzen ehrten. Der Redner wandte sich gegen die politische Hetze und erklärte u. a., in Gießen gebe es einen riaupthetzer, der auch von Streichhölzern im politischen Kampfe spreche. Er solle einmal auf dem Londe die Stim­mung der Bauern hören!Bei den ersten Brenne- relcn könne cs passieren, daß er darin verbrannt werde." (Starker Beifall.) Hierauf sprach, mit an­haltendem Beifall empfangen,

Alfred Bosenberg, MdR.,

ber Chefredakteur desvölkischen Beobachter".

Der Redner führte u. a. aus:Wir sind jetzt an einem Wendepunkt der deutschen Politik angelangt. Es handelt sich nicht um eine gewöhnliche Ablösung von Ministern, sondern seit Mai hot sich bas Blatt der Geschichte gewandt. Mit Brüning stürzte eine jahrzehntelange Herrschaft in Deutschland, um niemals mehr wiederzukehren. Und jetzt mußten auch Severing und andere ihre Ministersessel verlojsen. Das bedeutet für uns den Anfang vom Ende der marxistischen Herrschaft in Deutschland. Das find die politischen Symptome dieses som­mers. Der marxistische Blutrausch machte cs er­forderlich, daß etwas geschah. Wir machen der Reichsregierung nicht zum Vorwurf, daß sie einen Reichskommissar in Preußen eingesetzt hat, sondern wir machen ihr zum Vorwurf, daß sie das nicht schon vier Wochen früher tat. Unsere SA. marschiert für die Freiheit, für die Ehre und für die Sauber­keit uflferes Volkes Dadurch fühlen sich aber nur die Feinde unseres Volkes und die Verbrecherwelt provoziert."

Der Redner machte für die bedauerliche Entwick­lung des politischen Kampfes in den letzten Wochen die Presse von der Art desBerliner Tageblatts und derGermania" verantwortlich und erklärte bann:Die SPD und KPD. würden schon längst am Boden liegen, wenn sich nicht immer dos Zen truni dazwischenstellte." Er betonte bann, die ^PD habe wiederholt ihre Symbole gewechselt, erst die rote Fahne, bann schwarz-rotgold, jetzt bie drei Pfeile, aus der SPD. sei das Reichsbanner und jetzt die Eiserne Front geworden. 3m Gegensatz da­zu marschiere die SA. unverändert unter dem alten Namen und dem gleichen Symbol. Er polemisierte hierauf kurz gegen das Zentrum, streifte den Kamps um den Daroes- und Poungplan, wies auf die längste Auseinandersetzung zwi^/en Dr. Schacht und Brüning an Hand des Brieses Schachts hin und kam dann auf den Kabinetts- wechsel im Reich zu sprechen. Er sagte u. a.:

D r ü n i n g war fast zwei Jahre unumschränk­ter Herrscher in Deutschland Gr wollte dann vom Ne chsp: äsidenten eine Blankovollmacht zur Re­ge.ung Deutschlands ohne Reichstag auf weitere zwei Jahre. Er hatte gerade die SA. aufgelöst, wollte die Versammlungen und die Presse der NSDAP, verbieten und bereitete die Auslösung unserer Partei vor. Da war es uns gleichgültig, wer ihn stürzte, die Hauptsache war, daß er wegkam. Die Herren nach ihm wurden nicht von uns eingesetzt, sondern durch das Vertrauen des Reichspräsidenten berufen Die Regierung von Papen hat erklärt, man solle sie nach ihren Taten bewerten. Dieser Forderung sind wir nach­gekommen. Wir haben die Regierung anfangs nicht angegriffen, als sie uns die Aufhebung des SA-Verbots zusagte, die aber keine Gnade, sondern nur die Wiederherstellung einer eie-

Sichten loll. Hier ist die Freiheit eines Bruder- staucmes um bares Geld verlaust worden von einer christ.cch.sozialen Regierung in Wien, der Bruderpartei des Zentrums. Die dritte Nieder­lage war, daß man in Gens nicht die Gleich­berechtigung Deutschlands als Voraussetzung für unser Erscheinen dort verlangt hat und dann auch nicht erreichte. Zn Genf und Lausanne hat der alte bürgerliche Nationalismus leine letzte Ehanee verloren, er hat versagt, weil hinter ihm feine Vo.lsmacht steht."

Hieraus forderte ber Redner eine grundsätzliche Revision ber geistig-seelischen Einstellung unseres Volkes. Er wies dabei auf die große Idee des deut­schen Bürgertums im Mittelalter hin, erinnerte an den Volksgemeinschaftsgeist in den damaligen Bür­gerschaften und forderte, nach diesem Vorbild eine neue deutsche Volkskultur zu schaffen. Auch das zweite Reich habe das Problem einer inneren deutschen Seelenkultur nicht lösen können. Deshalb müsse die große politische Bewegung von heute, die fast über­all nur von sog. kleinen Leuten ausgegangen sei, die Lösung dieses Problems in die Hand nehmen. Der Redner forderte insbesondere die akademische Weit, Professoren und Studenten, auf, sich dieser Aufgabe mit zu widmen, und betonte, was die kleinen Leute als Begründer der großen politischen Bewegung bis­her für die deutsche (Erneuerung geleistet hätten, bedeute viel mehr als das, was mancher Professor getan habe, der Bücher schrieb. Der Redner nahm sodann Stellung gegen die Ausbreitung der Bücher sog. Kasfeehausltteraten und bezeichnete es als einen Skandal, daß in unserer Stadt in Buchläden noch Bücher gegen Adolf Hitler ausgestellt seien. Die Lö­sung des ProblemsKultur und Macht" sei eine besondere Notwendigkeit der Gegenwart. Die große deutsche Volksbewegung, die allein dieses Problem lösen könne, stelle die Erfüllung einer fünfhundert- jährigen Sehnsucht der Deutschen dar, deren Frei- keitsdrang in der Revolution der Bauernkriege und seitdem bis heute stertengeblieben sei.

Es sei kein Zufall, bub die NSDAP, die stärkste Bauernbewegung barftelle, die Deutschland jemals gese-hen habe. Das sei barauf zurückzu führen, daß bie NSDAP, von vornherein die organischen Wur­zeln des beutschen Volkes, bas Bauerntum, berück­

sichtigt t»bc. Aber auch aus dem friede rizlanischen Preußen fchöpse bie NSDAP, ihre Kraft Nach diesem Preußen habe bie NSDAP, bie Substanz der deutschen Seele und die bcutj.be Ehre wieder in bas Zentrum ber deutschen Bewegung gestellt. Der Nationalsozialismus fei die Wieberherstelluna der allgcrmani|dKn dbaraltcrroertc und setze bie Ehre an die Spitze aller anderen Werte Darum sei ble NSDAP, auch bie stärkste Soidatenpartei Deutschlands geworden. Da sie aber auch die Le­bensrechte der Millionenschicht der deutschen Ar­beiterschaft wahre, habe sie gleichfalls ihre starken Wurzeln in dieser Volksschicht Das Ziel Adolf Hitlers sei nicht die Vernichtung ber deutschen Ar­beiterschaft, sondern bie Befreiung bes deutschen Arbeiters von seinen Parasiten und Betrügern. Darum sei bie neue Volksbewegung auch zur stärk­sten Handarbeitervewegung geworden. Aus diesen drei Gruppen roerbe einst die große deutsche Volks­gemeinschaft heroorgehen, die schon seit zehn fah­ren in der N-vDAP. verwirklicht sei. Wenn in die­ser Bewegung der Arbeiter neben dem Hohenzol- lernprinjen stehe, dann sei das der Ausdruck dafür, daß die Bewegung dem Arbeiter feine innere Gleichberechtigung roiebergegeben und ihm das un­ter den früheren Zuständen anerzogene Minder- wertigkeitsgefiihi genommen habe.

lieber bie Kämpfe des Tages hinweg schaue die NSDAP, in die Zukunft, und sie sehe heute schon dey lag, da die Braune Armee durch bas Bran­denburger Tor in Berlin marschieren roerbe und am Denkmal Friedrichs des Großen ihre Huldigung barbringe. Wenn Hitlers Fahne auf dem Berliner Schloß hochgezogen werde, bann wisse Deutschland, daß die fünfhundertjährige Sehnsucht ber Deutschen erfüllt sei in bem großen deutschen Nationalstaat. (Langanhaltender stürmischer Beifall, der auch ivährcnd der Rebe wiederholt zu hören roar.)

Der Versammlungsleiter, Tierarzt Dr. Harth, erklärte am Schlüsse der Shinbgcbung, am nächsten Sonntag werde die Entscheidung mit bem Stimm­zettel fallen. Der Sieg werbe so ober so der NSDAP, zusallen, die Eiserne Front werde ber SA. den Sieg nicht streitig machen können. (Stür- imschcr Beifall.) Mit dem Gesang des Horst Wessel- Liedes fand die Kundgebung ihren Abschluß.

Ein Kaffeekönig erobert die Lust.

Zum Tode des LustschiffkonstrutteurS SantosOumont.

Von Hans Ammer.

Oer Mann, der auf die Brief­marken kam.

Was ist Ruhm? Früher, im alten Griechenland, war Ruhm ber abstrakte Ausdruck für bie siegreiche Heimkehr eines bekränzten Athleten. Später roar es ein Ausdruck für bie Triumphzüge eines Gene­rals, eines Eroberers die Verleihung einer geist­lichen oder weltlichen Würde. Und wie ist es heute? Der ruhmreiche Mann kommt auf bi c Brief­marke seines Mutterlandes. Im Altertum hätte man einen Abenteurer, wie Santos-Dumont es gewesen ist, mit Lorbeer umwunden, vergoldet ins Grab gelegt und vielleicht angebetet. In heuti­gen Zeiten haben bie Brasilianer sein Bild hn Wert von einigen Reis unb Mil reis auf die Briefe ihres Landes geklebt.

Ntan hat bis zu feinem Tode, ber diesen merk­würdigen Mann im Alter von 59 Jahren ereilte, einen wahren Kult mit ihm getrieben. Für die Brasilianer roar er eine mythologische Persönlich­keit, er roar ber Mann, ber bem Menschen bas Fliegen beibringen wollte. Santos- Dumont hat diesen Ruhm auch insofern befestigt, als er eine Anekdote von sich selbst in Umlauf setzte, die auf seine früheste Kin-derzeit Aurürfging. Er erzählte, er habe im Alter von sechs Jahren mit seinen kleinen Freunden besonders gern jenes Kinderspiel gespielt, das sichalle Vögel fliegen" nennt. Man fitzt gemeinsam an einem großen Tisch. Die Hände liegen auf der Tischplatte. Plötz­lich hebt einer bie «ringer in die Luft unb lagt: Der Spatz fliegt." Prompt schallt es von seinem Gegenüber:Dao Huhn fliegt." So roebben alle Tiergattungen mit Flügeln im Wettbewerb cmfge- zählt, Papageien, Fasanen unb Schwäne, sogar fliegende Hunde unb fliegende Fische werden ein- bezogen. Der kleine Santos aber saß ernst und trotzig zwischen seinen Gespielen unb warf uner­wartet in die Debatte:Der Mensch fliegt!" Es gelang ben anwesenden Erwachsenen nicht, den kleinen Hitzkopf von seiner Ueberzeugung abzu­bringen, daß auch der Mensch als Bewohner ber Lust eine Rolle spielen könne. In ber Tat! Warum sollte ber Mensch eigentlich nicht fliegen?

Aber nicht nur seine primitive Liebe zur Luft roar ber Motor, der aus bi es em kleinen Mann einen 'Riloten und 'jlbentcurer machte. Irgend- etwas muß ihm auch im Blute gelegenmben. Seine Eltern waren seit Generationen bekannt als reiche, unternehmungslustige Leute. Sein Vater hatte als Großgrundbesitzer ben Reichtum seines Landes dadurch begründet, baß er meilenroeite Raffeepiantagen anlegte. Die Bewirtschaf­tung dieser Plantagen erfolgte mit allem Komfort ber Neuzeit. Traktoren unb Lokomobile zogen breite Furchen durch bie Felder, durch die Wege, die diese Felder verbanden. Im Alter von sieben Jahren saß schon der kleine Santos häufig auf einem die­ser Traktoren und roar stolz und glücklich, wenn seine winzigen Finger für einige Minuten das Steuer dieses Ungetüms umfassen konnten.

Gin Naturbursche in Paris

Gestützt auf fein väterliches Vermögen, siedelte in ben neunziger Jahren dieser glutäugig junge Mann mit bem schwarzen Wuschelhaar nach Paris über und etablierte sich dort als Sportsmann und Luftschiffpionier. Er hatte sich in der N...^ des Bois be Boulogne ein kleines Grundstück gekauft, eine harmlose Wiese, von einem Zaun umfriedet. Dort saß er tagelang, in völliger Einsamkeit, bastelte an kleinen Benzinmotoren, grübelte uüer Plänen unb Berechnungen. Allen Verlockungen ber großen Stabt wich er mannhaft aus. Im Iw 1898 roar er so weit, leint erste Konstruktion durch einen Probeflug der Oesfentlichkeit zu übergeben. Am 18. September dieses Jahres flieg er mit einem Luftschiff von 25 Meter Länge und 3,5 Meter Maximaldurchmesser von seiner Wiese aus auf. Halsbrecherisch roar dieser Apparat an,zusehen, mit seiner winzigen, freischweben den Gondel, an die unmittelbar ein Krafttvagenmotor im Taschenformat von einer Kapizität von 3 PS anmontiert roar. Dieser Flug nahm auch kein gutes Ende Son- tos Dumont landete wenige Minuten nach seinem Ausstieg in einem Boumwipsel, im letzten Moment konnte er unversehrt aus bem Durch-

einander von Stricken und Koibgeflecht heraus- kriechen unb sich an den Abstieg begeben Beim zweiten Flug, der unmittelbar darauf unternom­men wurde, zeigte sich ein zweiter Mißstand dieses Diel zu schmächtigen, viel zu dünnen Lustschifls. Mitten in der Luft klappte der Ballon in der Mitte zusammen, wie ein Taschenmesser, und sauste in bie liefe. Auch diesmal kam der jugendliche Konstrukteur mit dem Schrecken davon, aber nicht nur mit bem Schrecken, sondern auch mit vielen nützlichen Erfahrungen.

Knapp 26 Jahre war er alt, als die Pariser Feuerwehr ihn von einem ber höchsten Bäume des 'Pariser Botaniscken Gartens hcrunterholen mußte, wo er aus ähnliche Art, diesmal mit einem ftumpfe-

Santos-Dumont.

-M

ren Luftschiff, Schiffbruch erlitten hatte. So würbe er auf die Tatsache gestoßen, baß er größere Flug- zeuge erbauen müßte, um einen nennenswerten Erfolg zu erringen. Die Erfahnmg lehrte ihn, all- mählich zur Halbstarren Fonn des Luftschisses über- rugehen. Unter diesen Umständen aber bewegte sich sein Flugschiss bei gleick)b leidend geringer Motoren- stärke nur nut einer Stundcngeschwindig- kett von fünf dis sechs Kilometern vor­wärts. Es war ein grotesker Anblick, unterhalb einer solchen Riesenwurst einen kleinen Mann m i t Lackschuhen unb ft elfe in f) u t geduldig in den Lüsten baumeln zu sehen. Aber bie Lacher be­hielten Unrecht. Im Sommer 1901 war Santos- Dumont bei seinem sechsten Luftschiff angelangt. Diesmal handelte es sich um einenGiganten" mit einem 12-PS Motor und 630 Kubikmetern (Bas- in-halt. Mit diesem, immerhin doch sonderbaren Instrument gelang ihm schließlich ber Flug in bie Weltberühmtheit.

100000 Francs am Blitzableiter.

Seit ben ersten Versuchen bes Luftsportes ging ber besonbere Ehrgeiz ber Pariser dahin, ben Eiffelturm z u umfliegen. Keinem roar es bisher geglückt Dabei lockte außer den obligaten sportlichen Lorbeeren noch ein handgreifliches peku­niäres Ziel ber Petröleumindustriclle und Luft­sportmäzen Henry Deutsch de la Meurthe hatte eine Prämie von 100000 Francs für diesen Flug gestiftet Diese Prämie baumelte in Form eines Bons von der höchsten Spitze des Eiffelturmes, dem Blitzableiter, herab Es war ein äußerst waghalsiges Unterfangen, diesen Bon ab- zureißen. Santos-Dumont hatte schon wiederholt diesen Flug geplant unb roar hierbei ebenso von Pech roic auch von Glück verfolgt gewesen. Denn ein paarmal roar er nicht weit vom Eiffelturm ab- gestürzt, ohne sich jedoch je etwas Ernstliches zu tun. Einmal rettete ihn bloß sein Hasenträ- g e r, ber sich am Balkon eines Mietshauses im vierten Stock festklemmtc unb ihn so vor dem sicheren Absturz bewahrte. Am 19. Oktober 1902 jedoch schlug die große Stunde. Ohne Zwischenfall konnte der mutige Brasilianer sein Luftschiss von Saint-Cloud rings um ben Eiffelturm und wie­der zurück lenken. Als er, dort angekommen, den Bon des Mäzens vorwies, brach nicht endenwol­lender Jubel aus. Zum erstenmal hatte sich in Frankreich das Luftschiff als sicheres und brauch- bares Fahrzeug erwiesen...