Donnerstag, 28. Juli 1932
aufnahm, als er cs als fein Hauptziel hinftellte, den drohnenhaften Einfluß der „Internationalen" zu bekämpfen und „die Vereinigten Staaten feinen Be» wohnern zurückzugeben".
Die Strömung gegen den Internationalismus und der Beginn einer nationalen Reaktion ist auch in den USA. deutlich zu spüren. Die Präsidentenwahl im November wird ein guter Maßstab für ihre Stärke sein.
KrJZ5 Zweites Blatt
siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)
Roosevelt oder Hoover?
Hinter amerikanischen Wahlkuliffen.
Bon unserem H. W. v. V.-Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangebe, verboten!) Neuyork, Juli 1932.
Die beiden großen amerikanischen Parteikon- v e n t e sind vorüber, und "als ihr Ergebnis stehen sich Hoover-Curtis auf der republikanischen und Roosevelt-Garner auf der demokratischen Seite zum Entscheidungskampf im November gegenüber. Ebenso grundsätzlich wie sich die beiden Parteien politisch unterscheiden, ebenso grundverschieden sind ihre Parteitagungen verlaufen: die republikanische stimmte in aller Ruhe und in Ermangelung eines hoch unpopuläreren Kandidaten bereits im ersten Abstimmungsgang für Hoover, wogege-n 14 Tage später Roosevelt auf der d e - m o k r a t i s ch e n erst am fünften Tage und beim vierten Wahlgang die erforderliche Zweidrittelmehrheit von 770 Stimmen erzielen konnte. Die vierte und letzte Abstimmung entbehrte nicht einer gewissen Tragik. Bier Tage lang hatten die Rooseoeltgegner ihre Gegenkandidaten bis zum äußersten verteidigt; der Osten mit der mächtigen Neuyorker Parteiorgani- sation „Tammany Hall“ hielt bis zum Schluß zäh zu „Al" Smith (Roosevelts Vorgänger als Gouverneur des Staates Neuyork); Texas, Kalifornien und der übrige Westen stimmten für den Sprecher des Repräsentantenhauses, Garner; Maryland für feinen Gouverneur Ritchie; Alabama für seinen Gouverneur „Alsalfa Bill" M u r r a y und einige weitere Stimmen entfielen auf solche Outsider wie Newton D. Baker (Kriegsminister im Wilsonkabi- nett), den Chikagoer Bankier T r a y l o r usw. Als Roosevelt auch im dritten Abstimmungsgang nicht mehr als 660 Stimmen erzielen konnte und schon Gerüchte laut wurden, daß man sich auf einen der zahlreichen Outsider würde einigen müssen, um zu irgendeinem Ergebnis zu kommen, ließ der Konvent- vorsitzende (und Rooseveltanhänger) Senator Walsh den Konvent Tag und Nackt tagen, um die Opposiition zu zermürben. Dieses Mittel, das bekanntlich von der amerikanischen Polizei bei Verhören von Schwerverbrechern erfolgreich angewandt wird und unter dem Namen „Dritter Grad" bekannt ist, verfehlte auch auf die hartgesottensten Lokal- politiker seine Wirkung nicht. Wenn einem Menschen nach viertägiger, ununterbrochener Redeschlacht, nach viertägigem, ununterbrochenem Schreien, Toben, Johlen, blöden Reden, Musik, erstickender Junihitze, Heißen-Würstchen-Essen, durchgeschwitzten Kleidern und Lautsprechergekreisch nach dem vierten Tage auch noch eine Nachtsitzung zugemutet wird, dann ist es ihm gegen Ende dieser Nacht vollkommen gleichgültig, wer Präsident der Bereinigten Staaten oder von Liberia wird. Er stimmt aus physischer Verzweiflung mit der Majorität, um der Tortur einer neuen Nachtsitzung zu entgehen.
Die Rechnung der Roosevelt-Manager stimmte auch diesmal: Als die Morgensonne am Michigansee erstrahlte, blickte sie im flaggengeschmückten Stadion in Chikago auf ein halb schlafendes, halb verzweifeltes, jedenfalls völlig erschöpftes Menschenknäuel von 1150 demokratischen Delegierten, auf deren Nerven die monotonen Dauerreocn wie Peitschenhiebe knallten, und die nichts weiter wollten als Schluß! Schluß mit dieser physischen Tortur um jeden Preis!
Im Laufe des Tages boten die Roosevelt-Manager Garner die Vizepräsidentschaft an, und als am Abend dieses fünften Tages der vierte Abstimmungsgang angesetzt wurde, gesellten sich unter dem nichtendenwollenden Beifall und Oppositionsgeschrei der Masse die Flaggen von Texas und Kalifornien zu denen der übrigen Rooseveltstaaten, die schon auf dem Podium Aufstellung genommen hatten, nachdem Garner die ihm verpflichteten Stimmen von Texas und Kalifornien für Roosevelt freigegeben hatte. Roosevelt siegte mit 945 Stimmen über „Al" Smith, dem seine
190 Anhänger durch alle vier Abstimmungen hindurch treublieben. Nur einige Splitterstimmen entfielen noch auf Baker, Ritchie, White und Cox. Es heißt, daß der bekannte Zeitungsmann William R. H e a r st seinem Protegs Garner nach der dritten Abstimmung dringend zu verstehen gab, ins Roose- oeltlager überzuschwenken, da andernfalls ein Kompromißkandidat in Gestalt Newton D. Bakers (und damit der „allmächtige" Power-Trust, den beide aufs schärfste bekämpfen) große Erfolgsaussichten hatte.
Die demokratische Entscheidung war auf Roosevelt gefallen. Aber im gleichen Augenblick, als sie fiel, tauchte das neue große Problem der entscheidenden Präsidentenwahl im November auf. Roosevelt gegen Hoover! Wenn diese Frage bereits morgen entschieden werden könnte, so hätte Roosevelt zweifellos die besseren Aussichten. Aber Hoover als geschickter politischer Jongleur (seine Gegner werfen ihm vor, nichts weiter als ein Jongleur zu sein) wird die Zeit bis November nicht ungenutzt verstreichen lassen, sondern versuchen, den Demokraten in verschiedenen ihrer Programmpunkte denWindaus den Segeln zu nehmen wozu ihm die Kon- greßoerhandlungen über die Prohibitionsfrage und die Erwerbslosengesetzgebung (Wagner-Garner-Vor- lage) hinreichend Gelegenheit bieten werden.
Mehr noch als bei einer früheren Wahl wird es im November auf einen Kampf der Trusts gegen die sich auflehnende Masse ankommen. Präsident Hoover hat sich durch eine widerspruchsvolle und nie offene Politik die Sympathien nicht nur beider Kongreßhäuser, sondern vor allem der Wählerschaft verscherzt die in ihm nicht mehr den „großen, produktiven Ingenieur" sieht, den sie sich in der letzten Wahl als Führer durch die bevorstehenden schlechten Zeiten erkor, sondern ein^n geschickten Finanz- r e g i f f e u r, der durch eine bis zur Vollendung gesteigerte schwerkapitalistische Politik sich und seine Freunde von der internationalen Hochfinanz und Schwerindustrie für die Verluste schadlos hielt, die diese infolge einer (milde ausgedrückt) falschen Jnnen- und Außenpolik erlitten, und für die letzten Endes der amerikanische Steuerzahler zu büßen hat. Als Aktivum steht dem allerdings die rückhaltlose Unterstützung durch besagte Kreise gegenüber, dae aber allein auch nicht ausschlaggebend zu fein braucht; hat Wallstreet doch seinerzeit 3:1 gegen die Nominierung Wilsons, und jetzt sogar 5:1 gegen die Nominierung Roosevelts gewettet. — Wenn man zu diesem zweifelhaften Faktor Hoovers unpopuläre „t rocken e" Haltung in der im Brennpunkt des Interesses stehenden Prohibitionsfrage sowie seine Schwierigkeiten mit einflußreichen Parteigenossen (Borah, Norris usw.) hinzurechnet, von denen weitere ins Lager der „Insurgenten" übergegangen sind, so ergibt sich für Hoovers Aussichten ein Bild, Das nur durch ganz radikale Kursänderung an Farbe gewinnen kann.
Demgegenüber hat Roosevelt nicht nur die Punkte zu seinen Gunsten, die gegen Hoover sprechen, sondern darüber hinaus eine Reihe von Hilfsquellen, die zusammengenommen wohl einen Ausschlag geben könnten. Die Tatsache, daß die Demokratische Partei sich seit dreizehn Jahren in der Opposition befindet und natürlich aus der Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Depression weitgehend Kapital schlägt, die Enttäuschung der Kriegsveteranen, deren „Bonus-Armee" zwecks vorzeitiger Einlösung ihrer Pensionsansprüche vergeblich an die republikanischen Tore Washingtons pocht, der Mangel an einer direkten Erwerbslostznunterstützung und Farmerhilfe — alles das sind Programmpunkte, die im Gegensatz zur Hoooerscyen „Sanierung von oben- her" den einzelnen, d. h. den „kleinen Mann" betreffen, auf dessen Stimme es bei der Wahl an
kommt. Roosevelt hat die obenerwähnte Feindschaft der Hochfinanz und der Schwer- industrie schon auf dem Parteikonvent in fühlbarer Weise zu spüren bekommen. Der „allmächtige Power-Trust" (Elektrizität, Gas, Wasserwerke usw.) ist bis an den Rand der offenen Bestechung der einzelnen Delegierten gegangen, um eine Nominierung Roosevelts zu verhindern, der am Schluß seiner Rede, in welcher er die Nominierung annahm, in nicht mißzuverstehender Weise den Fehdehandschuh
SJl.-'fpont
10 Mann vertreten die Universität in Freiburg.
Die Gießener HniDetfität wird bei den Studentenkampfspielen mit 9 Mann vertreten sein. Entsandt werden für den 5°Kan^»f 6 Teilnehmer (und zwar Linden st ruth, Fay, Schäfer, die Brüder Frey und Ploch); für die 100Meter Einzel wurde W. Muller gemeldet. Die Olympische Staffel wird von Stepp, Müller, E l d r a ch e r und Ploch bestritten. Zum Rückenschwimmen geht Schaum an den Start.
Um dieBezirkömeisterschast derSchühen
Gießener Schuhen
im Wettbewerb um die Deutsche Meisterschaft.
Dieser Tage wurde zwischen den Gaumeistern des Bezirks Hessen-Nassau der Kamps um die Bezirksmeisterschaft ausgetragen. Als Bewerber standen sich 5 Vereine gegenüber: Schützenverein Betzdorf; Schützenoerein Gießen, Schützenverein Homburg v. d. H.; Schützenoerein Marburg und Schützenverein
Weilmünster, die Sieger in den Dorausgegangenen Gaumeisterkämpfen geblieben waren. Die Kreisschützengesellschaft Wetzlar hatte ihre Stände zur Verfügung gestellt und die Durchführung des Schießens übernommen. Es klappte alles vorzüglich.
Nach hartem Kampf ging der Schütze nver- ein Gießen als Sieger hervor und errang damit die Bezirksmeisterschaft, die vorletzte Stufe vor dem Kampf um die endgültige Deutsche Meisterschaft. Die Mannschaft erzielte in folgender Zusammenstellung: H. A p p e l (300 Meter) 706; H. Sauer (175 Meter) 725; W. Georg (Pistole) 856; G. Schilling (Wehrmann) 826; W. Hainbach (Kleinkaliber) 568 Ringe; zusammen 3699 Ringe. Der Schützenoerein Marburg folgte im kleinen Abstand mit 3677 Ringen; Betzdorf mit 3489 und Weilmünster mit 3472 Ringen. Homburg war zurückgetreten. Die Austragung der Verbandsmeisterschaft findet im Verband Mitteldeutschland statt, dem dann die endgültige Entscheidung zwischen den Siegern aus Nord-, Süd-, West-, Ost- und Mitteldeutschland folgt.
2800Wetturner fahren nach Trier!
Das Turnfest des
Richt nur, um Heerschau zu halten über die Reihen der Turner im Mittelrheinkreis, nicht nur, um Lieberschau zu gewinnen über die Leistungen und um die Turner zusammenzuführen in froher und ernster, in lebhaft-lustiger und dann in würdiger Gemeinschaft, findet das Kreisturnfest des Mittelrheinkreises in Trier statt, sondern es gilt in der Hauptsache, den Turnern des Saarlandes wissen zu lassen, daß sich die gesamte Deutsche Turnerschaft dem Saarlande verbunden fühlt, fo wie es sich immer dem Baterlande zugehörig fühlte in all den Röten, die das Land bedrängte.
So wird das Turnfest nicht nur eine turnerische Veranstaltung gehobener Bedeutung fein, sondern zugleich eine große vaterländische Kundgebung, die die Verbindung von Turner-Volkheimat beweisen soll.
Soviel sich bis jetzt übersehen läßt, wird das Turnfest in Trier anderen Kreisturnfesten nicht nachstehen. Die Turner werden wieder große Opfer an Zeit und Geld bringen, um dafür einige Stunden der Erhebung und Begeisterung einzutauschen. Sie werden aus allen Teilen des Mittelrheinkreises in zum Teil langen Eisenbahnfahrten nach Trier kommen, es werden sich Teilnehmer aus dem ganzen Reich einfinden und so dem Feste die Bedeutung geben, die es verlangen darf und erhalten muh. Die Turner werden wieder in den Wettkampf um den Eichenkranz treten, sich an den Kundgebungen beteiligen, das Land kennenlernen und die Menschen, die schon so viele Opfer bringen mußten für ihr Deutschtum. Lind damit eine Dankesschuld abtragen, die abgetragen werden mußte ... Darum das Turnfest in Trier!
Mittelrheinkreises.
Das umfangreiche Programm des Kreisturnfestes hat inzwischen nach langen und mühevollen Borbereitungen seine endgültige Form gewonnen.
Das Turnfest des Mittelrheinkreises nimmt am Freitag, 5. August, mit Sitzungen einzelner Ausschüsse und dem Degrüßungsabend in der Trierer Stadthalle seinen Anfang. Der Samstag (6. August) bringt den Beginn der Wettkämpfe, die morgens mit dem Fechten, den Faustballspielen, Tennis sowie den volkstümlichen Einzel- und Mannschaftswettbewerben einsehen. Am Rachmittag folgen die Mehrkämpfe und das Schwimmen. Rach einer Begrüßung der Pressevertreter bringt dann der Abend zunächst die Einholung des Kreisbanners am Hauptbahnhof und die Llebergabe des Danners durch den Kreisvorstand an die Verwaltung der Feststadt Trier auf dem Palastplatz. Der offi- zielte Fe st abend in der Stadthalle beschließt die Veranstaltungen des Turnfestes am Samstag, das seinen Höhepunkt am Sonntag findet. Nach dem Gottesdienst in den Pfarrkirchen der Stadt und der Basilika nehmen die Wettkämpfe ihren Fortgang, die gegen Mittag unterbrochen werden, um die letzten Vorbereitungen zum Festzug zu treffen. Kurz nach Mittag werden dann die Zehntausend in festlichen Reihen durch die Stadt marschieren, Zeugnis ablegend für den großen Gedanken der Deutschen Turnerschaft, die zum erstenmal einen solchen Aufmarsch in der Westmark durchführt. Am Sonntagnachmittag fallen schon die Entscheidungen in den einzelnen Konkurrenzen, u. a. Handball, Fußball, Staffelläufe, Stromschwimmen usw.
Dos oerW Mel.
Original Otoman von Anny von panhuys.
Copyright by Verlag A. Bechfhoid, Braunschweig.
19 rtorth. Nachdruck verboten I
Johann Gerhard begann zu fluchen. Wild und unbändig. „So ein Frauenzimmer, so ein hergelaufenes Richts, dem man aus dem Dreck geholfen. Denn wenn sie wo anders hingekonnt hätte, wäre sie wohl kaum in den Zirkus Gerhard geflüchtet. Lind sowas wollte ich heiraten, sowas! Mit dem alten Kerl, mit der Ruine, ist sie durchgebrannt! Lind ich Esel zahle ihr noch ihre Gage bis zum heutigen Tage, ich Esel trage ihr noch den einen Koffer an die Bahn und merke nichts. Die Koffer hätten mich ja stutzig machen müssen."
Jetta zuckte die Achseln: „Man sagt, Liebe macht blind, Vater."
„Stimmt!“ schrie er sie an, „und dumm macht sie auch, sogar vollkommen verblödet!"
Er begriff mit einem Male, warum ihn Lil auf morgen vertröstet hatte, er begriff, daß ihr böser Traum und ihr Aberglauben nur Ausreden gewesen, und warum sie sich heute noch nicht von ihm küssen lassen wollte.
Jetzt sah er klar.
„Die raffinierte Person!" schimpfte er. „Eigentlich müßte man die Polizei hinterher jagen!"
Jetta schüttelte den Kopf.
„Das hat doch gar keinen Zweck, Vater, Lil kommt doch nicht wieder. Wenn wir ganz ehrlich gegen uns sein wollen, sie paßte nicht zu uns, laß sie laufen. Ich habe ihr allerlei abgeguckt, und wenn du willst, trete ich an ihrer Stelle heute als Clown auf. Wenn's mir nicht so gelingt wie ihr, ist's ja auch kein großes Llnglück. Leidlich wird es schon gehen, und für unseren Zirkus genügt das."
Johann Gerhard erwiderte ärgerlich: „Mach, was du willst, aber der Teufel soll das Weibsbild holen, das mich so genarrt hat und den Alten dazu, der mit ihr durchgebrannt ist."
Die beiden, denen seine Flüche galten, waren schon in Berlin und dort in einem einfachen, billigen Hotel abgestiegen.
Als sich Lil zum erstenmal nach einem halben Satire wieder allein in einem geräumigen 3im- Itter befand, ein großes Bett mit schneeweißer, glatter WäZ „le^; r seiner Mattatze hatte, war es ihr. all,.. r _• das halbe Jahr beim Zirkus Gerhard, oC..-'trt)r heute kurz schien, nur
geträumt. Klarer und bewußter als in all der Zeit,. dachte sie plötzlich an Werner und ihre Tränen, die müde geworden zu fließen in dem stumpfen Einerlei der vergangenen Monate, waren mit einem Male wieder da und alles war zugleich wieder da, war stark und gewaltig, die Sehnsucht nach Werner und die Liebe zu ihm, die nicht sterben wollte.
14. Kapitel.
Fix und Rix!
Melchior Stampferi hatte mit seinem alten Jugendfreund, dem Zirkus-- und Variete-Agenten Ernst Säumer allein eine lange Unterredung und dann wurde Lll aus dem Wartezimmer gerufen und beteiligte sich an der Unterredung. Am Abend führten Lil und Stampfers in Kostümen, vollständig auftrittsfertig zurechtgemacht, in Sau» mers Wohnung ihre Rümmer vor und der bekannte, als scharfer Beurteiler gefürchtete Agent lachte, daß sein Körper vor Vergnügen hin und her schwankte. Seine Macht im Reich des Zirkus und des Varietes war fast unbegrenzt. Schon zwei Tage später konnte das seltsame Paar, das sich zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden, einen Vertrag unterzeichnen, der sie an ein erstklassiges Variete Berlins verpflichtete. Säumer verschaffte ihnen auch einen Vorschuß auf das gediegene Honorar, das sie erhalten sollten, und davon ließen sie sich allerschnellstens neue Kostüme anfertigen.
Lil war froh, nicht mehr anziehen zu brauchen. was sie in Frankfurt in der Wohltätigkeits» vorst?llung getragen und monatelang im Zirkus Gerhard. Sie war wie benommen von der jähen Veränderung in ihrem Leben.
Zunächst blieb man in dem kleinen billigen Hotel wohnen, erst sollte der Erfolg des ersten Auftretens in der Hauptstadt abgewartet werden. Und es wurde ein Erfolg, ein überraschender, ein ganz großer Erfolg. Sie Rümmer hieß jetzt „Fix und Rix"! Stampferi hatte sie so .getauft. Er hatte gesagt: „Sie, Lil, sind der Fix und ich. der Rix. Sas Publikum wird das rasch merken. Ich habe keinen Größenwahn, ich sehe ein, daß ich eigentlich nix leiste neben Ihnen. Aber ich weiß auch, die Rümmer wirkt mehr, als wenn Sie allein arbeiten." Er machte auch nur Anspruch auf den vierten Teil der Gage, drei Viertel davon sollten Lil gehören. Er tat es nicht anders. „Sas ist übergenug für mich", er Härte er, „das bedeutet Reichtum für mich."
-Nach ein paar Tagen bezog Lil ein hübsches Zimmer in der Rähe des Varietes und Stampferi im selben Hause ein anderes. Er galt jetzt als Onkel Lils und beide duzten sich. Ernst Säumer hatte dazu geraten. Aber auch in Berlin erfuhr
die große Menge nicht, daß hinter dem lebhaften kleinen Clown, der es meisterhaft verstand, sie zum Lachen zu bringen, eine junge, blonde Same steckte. Man hielt den Clown „Fix", der plötzlich wie ein leuchtender Meteor am Varietehimmel aufgefliegen, für einen jungen Burschen, zu dem die Krähstimme, die Lil in ihrer Rümmer an» nahm, vollkommen paßte. Ihre Stimme war von Ratur ziemlich tief, war eine Altstimme. Wenn sie nun künstlich höher sprach, wirkte sie durchaus glaubwürdig für einen jungen Mann. Mur die Kollegen wußten, wer sich hinter dem Ramcn „Fix" verbarg und sie bewunderten ehrlich, daß so ein zierliches Mädchen es verstand, einen riesengroßen Saal von Menschen in einen wahren Lachtaumel zu versetzen.
In Berlin blieben Fix und Rix zwei Monate, dann kam Wien an die Reche. Ernst Säumer verschaffte den beiden Verttag auf Vertrag und so zogen sie durch die Welt. Alle Verträge unterschrieb Lil, nur die eine Weisung hatte Säumer, ein Vertrag nach Frankfurt a. M. war nicht erwünscht, er würde nicht unterschrieben werden.
Säumer dachte sich seinen Teil. Also in Frankfurt war der Grund zu suchen, der das feine, entzückende Geschöpf veranlaßte, so zurückgezogen zu leben, sich weder um Kollegen noch Publikum zu kümmern. Er stand jetzt mit Melchior Stampferl in Briefwechsel und der schrieb ihm aus jedem Engagement. Sas letztemal schrieb er:
„Lil lebt wie eine Rönne, es ist fast unheimlich. daß so ein schönes Mädel nicht ein einziges Mal Lust verspürt, ein bißchen was mitzumachen. Sie verbesserte sich als Clown immer mehr, und alle Sirettoren staunen, daß der tolle Fix im Privatleben eine wunderhübsche junge Same ist. die jedem kleinen Pensivnsmädel von früher als Vorbild dienen könne! Aber mir ist's recht so. Ich wachse immer fester in meine Onkelrolle hinein und manchmal glaube ich selbst an die Verwandtschaft."
Er glaubte wirklich bald daran und er hatte auch allen Grund dazu, denn Lil behandelte ihn wie einen lieben Verwandten. Er selbst war so rücksichtsvoll und zuvorkommend wie ein alter Onkel, der in seine hübsche Richte onkelhaft verliebt ist und sich bemüht, ihr alles im Leben so angenehm und bequem wie möglich zu machen.
In einer seltsam weichen Stimmungsstunde ver- traute ihm Lil die Geschichte ihrer Vergangenheit an.
Sie sprach zu chm von Werner und seiner Mutter und wie chr verletzter Stolz sie aus dem kleinen Haus in der Lindenstraße fortgetrieben in den armseligen Zirkus Gerhard.
„Su hättest dem Baron Softor die Augen öffnen müssen über seine hinterhältige Mutter, Lil", ereiferte sich Melchior Stampfers. „Sie Frau wollte dich nicht zur Schwiegertochter, weil du arm geworden und da fingerte sie die Chose ganz geschickt so, daß ihr auseinanderkommen mußtet. Ich hätte ihm an deiner Stelle klargemacht, nach was für einem System feine Mutter arbeitete und ihn vor die Frage gestellt: Entweder sie oder ich! Wenn du mich lieb hast, wirst du schon richtig wählen!"
Lil sah ihn ernst an.
„Du bist ja ein so grundanständig denkender Mensch, Onkel, daß es dir bestimmt nicht eingefallen wäre, so zu handeln. Werner liebt seine Mutter und sie liebt ihn auch, liebt ihn aufrichtig, das muß man ihr lassen und deshalb durste ich sie doch nicht vor ihm verkleinern. Wenn er vielleicht sogar im Anfang darüber toeggetom- men wäre, hätte er doch allzubald darunter gelitten, und ich wäre für ihn' die gewesen, die schuldig war an dem Zwiespalt zwischen ihr und ihm. Auf solchem schwankenden Boden mochte ich mein Glück nicht aufbauen.“
Sie seufzte.
„Und Werners Liebe war wirklich klein, sonst hätte er anders mit mir gesprochen, als es darauf ankam. Aber er redete wie ein Lehrer zu einem aufsässigen Schüler."
Melchior Stampferl erinnerte äußerlich nicht mehr im geringsten an den alten Clown vom Zirkus Gerhard. Er hatte sich in einen eleganten alten Herrn verwandelt. Er trug stets einen grauen oder schwarzen Anzug, tadellose Schlipse mit matter PerlnadÄ und seidene Sttürnpse, die er gern zeigte beim Hinsehen, wenn er die Bügelfalte im Beinkleid hochzog. Seine langen, schmalen Füße steckten in Lackschuhen und ein großer echter Ring zierte seine Rechte. Ohne Handschuh ging er überhaupt nicht aus. Ja, Melchior Stampferl, der arme, landfahrende Clown, dec sein ganzes Leben hindurch die Männer in eleganten Airzügen mit matter Perle im Schlips und Lackschuhen an den Füßen glühend beneidet hatte, und sich längst mit der traurigen Gewißheit abgefunden hatte, daß für den armen Stampfers solche Anzüge, Schlipse, Perlnadeln und Schuhe nicht auf der Welt waren, der durfte noch, als er sich schon ganz dicht an der Schwelle zu den Siebzigern befand, einsehen, daß das heiß Begehrte auch für einen Melchior Stampfers da war. Er war vollkommen glücklich. keine Mühsal seines armen Lebens drückt- mehr, er war zufrieden und feine Dankbarkeit für Lil Körner war unbegrenzt.
(Fortsetzung folgt)


