Mltwoch, 20. Gttober 1952
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
llr. 252 Zweites Blatt
Kür den Büchertisch
Aus fremden Literaturen
BiographieBriefwechsel
gotsch, ein Vorfa.hr des bekannten Magnatenge- fchlechtes. Das tragische Geschick dieses Schuldlos- Schuldigen zeichnet die Autorin in den farbigen Bildern der Novelle „Schaffgotsch". — Wenige wissen, daß an der Strecke Berlin—Breslau jenseits der Station Sagan der alte Park beginnt, der ein Meisterstück schlesischen Barocks umschließt, das Schloß der Fürsten von Talleyrand-Perigord. Talleyrands kleine, ganz unpolitische Reise nach Sagan entführt ihn — und den Leser — in eine stille Welt, in der hundertjährige Tradition die Großzügigkeit der östlichen (^enen mit deutscher Ordnung und Sitte verband. In einer feinen, zurückhaltenden Sprache bringt uns die Autorin die kultivierte Atmosphäre der kleinen geistigen Enklave nahe.
kutschen und Perücken, Vorurteile der Gesellschaft, Hexenwahn der Leibeignen, Potsdam und Sanssouci sind mit der Treue des Historikers gezeichnet. Und das wird gerade heute, wo der Leser gern aus der aufgeregten Gegenwart in die Vergangenheit flüchtet, dem Buch seinen Erfolg sichern. — Andreas ist übrigens der Autor des vor einiger Zeit viel gelesenen, überaus geschickt geschriebenen und spannenden Kriminalromans „Prozeß Gregor Kaska".
— Traud Gravenhorst: Reise nach Sagan. Schlesische Novellen. Kart. 1,80 Mark. Verlag Wilh. Gottl. Korn, Breslau. — (238.) — Wallensteins Schatten liegt über der ersten Erzählung. Als der Friedländer aus den Schranken der Apostolischen Majestät auszubrcchen drohte, wurde er ein Opfer der Gegenreformation. Mit ihm sein junger Reitergeneral Hans-Ulrich von Schaff
fluchen, was sie ihr Leben lang liebte: Gröhe, Reichtum und Herrscherberuf. — Das Buch, mrt einer markanten Llmschlagzeichnung von Gul- bransson ist so geschmackvoll und solide aus- gostaltet wie alles, was aus dem Insel-Verlag hervorgeht. — .
— F. E. Sillanpaa : © 111 a, die Magd, Roman. Berechtigte Uebersehung aus dem Fin- nischen von Rita Öhquist. 330 Seiten. Kart. 4,50, geb. 6,—, Insel-Verlag, Leipzig. — (280) — Dem Bauern Salmelus zerbröckelt jahrhundertelang gehüteter Besitz unter den Händen. Die junge Silja wird nach dem Tode der Eltern ins Leben hinausgestoßen, um in fremden Häusern Magddienste zu tun. Aber unberührt von aller Niedrigkeit und mit einer großen, beseligenden Liebe im Herzen geht sie mutig ihren Weg bis zum frühen Tode, den das Schick, al zu ihrer Erlösung bereit hält. Die Verlassenheit eines guten und reinen Menschen inmitten einer von dumpfen Leidenschaften erfüllten Welt konnte nicht zwingender gestaltet werden, als es hier geschehen ist. — Das Buch wurde für den Dichter in seiner finnischen Heimat ein außerordentlicher Erfolg und hat seinen Ramen schnell bekannt gemacht. ..
— Jack London: Das Wort der Man- ner. Band 32 der Gesamtausgabe. Uebersetzt von Erwin Magnus. Brosch. 2,70 Mk., Leinen 4,25 Mk. Universitas Deutsche Verlags-AG., Berlin w 50. _ (303.) — Der Nachlaß des großen Amerikaners birgt immer wieder Ueberraschungen. Nach dem früher hier angezeigten Seeroman „Meuterei auf der Elsinore" erscheint dieser Band, der eine Auswahl der besten, bisher noch nicht übersetzten Alaska- Geschichten aus vier englischen Originalbänden vereinigt. Wieder geht es um die Schicksale von Goldgräbern, wieder folgt man den aufregenden Märschen durch die Schneewüsten, bewundert den Mut der Männer, die diesen Naturgewalten zu trotzen wagen. Im Mittelpunkt jeder dieser Erzählungen steht ein abseitiges und packendes Einzelschicksal, das uns fesselt und zugleich die Menschenkenntnis und Fülle des Stoffes, über die Jack London verfügt, in neuem Lichte zeigt.
— Gerhart Hauptmann. Bon Prof. Dr. E. Sulger-Gebing. 4. verbesserte und vermehrte Auflage, bearbeitet von Dr. W- Linden 143 S. 8". („Aus Ratur und Geisteswelt Bd. 1009.) Geb. 2,70 Mk. Verlag von B G. Teubner, Leipzig und Berlin, 1932. (264.) Im Goethejahr begeht Ge.hart Hauptmann ।einen 70. Geburtstag. Die Fortführung und wesentliche Erweiterung des mit seiner Einfühlung das Wert Gerhart Hauptmanns zeichnenden Büchleins von Sulger-Gebing, die Walther Linden hier vorlegt, wird allen Freunden Hauptmannscher Dichtung willkommen sein. Diese 4. Auflage bedeutet über die stoffliche Ergänzung hinaus eine wertvolle Bereicherung des Bändchens: Linden fuhrt die Darstellung in der Gesamtschau über das bisher Gegebene hinaus zu einer entschiedenen Rla- rung und Vollendung unseres Hauptmann-Bildes, wie es sich immer fester umrissen vor uns abzuheben beginnt. In der gleichen verständlichen Art wie bei Sulger-Gebing werden in dem neuen Teil die Werke des Dichters in ausführlichen Inhaltsangaben besprochen und gewürdigt; auch die wichtigen Alterswerke, wie „Beland , „Dorothea Qlngcrmann", die .,In>el der^ großen Mutter" „Phantom" und „Till Eulen,piegel . Reu hinzugefügt ist eine Gesamtwertung des Dichters die vom modernen Standpunkt kritisch Stellung nimmt, die Beziehungen zur lebendigen Gegenwart erörtert und vor allem das Religio,e in den Kreis ihrer Betrachtung zieht.
— BrieseHermann Sudermanns an seine Frau. (1891—1924) Herausgcgeben von Dr. Irmgard Le u x. Großoktav. 348 Seiten mit 9 Abbildungen und 1 Brieffakiimile In Ganzleinen 7,80 Mk., Düttenumichlag 5 Mk. Verlag der I. G. Cottaschen Buchhandlung Rach- folger, Stuttgart und Berlin. — (262.) — Der Mcrloia Cotta, dem Sudermann mit ।einem: Ute* rnriiehen Rachlaß auch seinen über drei Iahr- zehnte Reichenden Ehebriefwechsel vermacht hat, veröffentlicht diese Briefe, ausgewahlt und bearbeitet von Irmgard Leu? die dem Ehepaar Sudermann selbst freundschaftlich verbunden wav Sie sind nicht nur interessant, weil sich inihnen die literarische Epoche lener Zeit widerspiegelt, in der Sudermann zu den Führern des dramatischen und epischen Schrifttums gehörte, sondern sie haben ihre besondere Gültigkeit, weil ,ich ™ Stermann und Clara Sudermann das Problem ^^Künstterehe darstellt, das beiden Ehepartnern im Naturell des' Künstlers begründete Schwierigkeiten stellte. Sudermanns Ehe war er- SSP vom Kampf um seine verlorene Freiheit, <,r — widerspruchsvoll — tm letzten Sinne frlifirh nicht erstrebte, denn er brauchte das in- WUetfetn in einem Mdjen. Seiner <^s^s,aefähvtin berichtet er von seinen Triumphen und Enttäuschungen, von seinem Zu,am- mentresfen mit Freund und Feind, mit beruhrn-
Schriften um Goethe.
— GoetbeundMerckirnDarrnstädter Freundeskreis. Ein Gedenkbuch von Maler Hermann Pfeiffer. Druck und Berlag von ß Hchmnnn «.m.b.«.. SarmftaSt 1932 (257.) — -3m Umfänglichen Verzeichnis neuer Goethe- Literatur die uns das Iubiläumsjahr 1932 be- Ut hat, ist dieses hübsche Buch des Malers Pfeiffer nachzutragen, der sich mit seinen Bildern wm „Zupfgeigenhansl" und den vor einigen Jahren an dieser Stelle angezeigten Bildern zum Darmstädter „Datterich" bekannt gemacht hat. Seine Absicht war, die kurzen, kostbaren Iahre der Darmstädter Goethezeit in einer Folge von Schattenrissen — jener im 18. Jahrhundert so beliebten Bildgattung — darzustellen. Diese Silhouetten sind ausgezeichnet geraten, mit sicherem künstlerischen Blick lebendig und stilgerecht geschnitten. Als verbindender Text dienen die zugehörigen zeitgenössischen Dokumente in kurzen Auszügen und Gedichte. Das Ganze rundet sich zu einer feinsinnigen kleinen Huldigung an den Goetheschen Genius aus dem engeren Heimat- pezirk, der im irdischen Umkreis des Dichters seinen unverrückbaren und bedeutungsvoll gekennzeichneten Platz einnimmt.
— D i e Sprache Goethes im Rahmen seiner menschlichen und künstlerischen Entwicklung. Rede, zur Goethefeier gehalten am 3. Iuli 1932 von Universitäts- Professor Dr. Friedrich Maurer. (Erlanger Universitäts-Reden 14.) 32 Seiten, Brosch. 1,20 Mark. Verlag von Palm & Enke in Erlangen. 1932. (299.) — Die Erlanger Goethe-Festrede des vormals Gießener Germanisten Friedrich Maurer, die hier in erweiterter Form, mit Anmerkungen und Rachweisen versehen, im Druck vorliegt, geht davon aus, daß es trotz der gerade im Iubiläumsjahr ins Unübersehbare steigenden Flut der Goethe-Literatur noch keine vollständige entwicklungsgeschichtliche Darstellung der Sprache Goethes gibt. Maurers Darlegungen erheben nicht den Anspruch, im ganzen neues Material vorzulegen; das war nur an wenigen Stellen möglich. Es handelt sich hier vielmehr um den Versuch, das weit zerstreut vorliegende Material unter einem einheitlichen Gesichtspunkt zu sehen und die gesamte sprachliche Entwicklung Goethes von der Jugendzeit bis zu dem gerühmten Altersstil in den Grundzügen zu überblicken. Die kritische Zusammenstellung der einschlägigen Literatur gibt der aufschlußreichen Arbeit eine dankenswerte Abrundung.
— Adam Ruppe l: Philisterei und Vornehmheit. 74 Seiten. Carl Bindernagel Verlag, Friedberg (Hessen) 1932. (270.) — Eine von gediegener Belesenheit zeugende Folge kurzer Kapitel über Goethe als persönlich geformter Beitrag im Iubiläumsjahr. Die kleine Broschüre will ein Bekenntnis sein zum lebendigen Goethe eine Kampfschrift gegen Philisterei und Dekadenz; sie will in der Verworrenheit der Gegenwart dem tätigen Menschen eine zuverlässige Antwort auf die Frage nach dem Sinn und Wert des Lebens geben.
Deutsche Erzähler.
— Gustav Frenssen. Die drei Getreuen. Roman. Ungekürzte Volksausgabe, m Ganzleinen gebunden 2,85 Mark. G. ©rote, Verlag, Berlin. (329) — Mit diesem Vornan hat sich der junge Gustav Frenssen um die Jahrhundertwende mit einem Schlage die deutsche Leserwete erobert Der eine der „drei Getreuen ,agt einmal: „Ich will mich an dem, was ich tete, aus- richten. Es soll mich heben. Es soll mich mutiger machen gegenüber jedem Schicksal. In bieten Worten ist die Wirkung, die von die,em Duch^ ausgeht, treffend gekennzeichnet. Die „drei Getreuen" können gerade in unseren Tagen eine starte und gesunde Wirkung ausuben.
— Menschen um achtzehn. Erziehungsroman von Franz Lüdtke. (Ausiaat-Derlag, Barmen.) 560. — Der Autor will in diesem Buche einen auf ungeschminkter W^klchkeit aus- gebauten, aufilärenden und ernst Niahnenden Beitrag zu den schweren Aufklarungs- und Cr -ziehungsproblem an den Menichen um,Achtzehn geben. Eine schwierige Ausgabe, derart ^te 'Jinge in Rcmanform zweck- und zielklar zu handeln! Aber das stete Bewußt,ein der Große seiner Verantwortung gegenüberden jungen Menschen hat den von stärkstem sittlichen Ernst getesteten Verfasser befähigt, ,ein ^ochaben in vollendeter Weise zu erfüllen. Dieser Erziehungs roman ist eine eindrucksvolle sexualpadaEsche Tat, vor der man Respekt haben muß. D.e.es Buch, das den jungen Menschen ^eund Lehrer, Warner und Mahner tem soll, gebe man der 2 gend getrost in die Hand, denn es wird gute Erziehungsarbeit leisten. morrnn
— Die Höhle. Roman von Lya E s ch. Verlag von Ernst Ewert, Kassel. — (237.) — In P^nbLr Weise erzählt die Verfasserin, fem gestaltend m allen Einzelheiten, von Menschenschicksalen die. unter dem Einfluß der unseligen Spielerleidenchas eines Mannes stehen. Mit starker Spannung s g man der Erzählung, die ein sehr ftarkes Dal der leider in jugendlichem Alter schon verstorbene Autorin offenbart. Dieser Roman einer jungen dich terischen Kraft kann in der deutschen guten Unterhaltungsliteratur einen bevorzugten Platz beanspruchen. Möchte das Buch eine große Lesergemeinde finden. _ .. „
— Fred Andreas: Das schone y rau = fein Schragg. Roman. 325 Seiten. Broschiert 3 50 Mark, Ganzleinen 5 Mark. — Verlag Ullstein, Berlin. — 276. — Eine Tochter des acht- i.hüten Jahrhunderts ist das schöne ü™ule,n Sebraqg. Ihr Vater ist geheimer Rat im Dienste Friedrichs des Großen; ihre Liebe zu einem aus der Strafhaft ent' ssenen und vom König im o|t= preußischen Moor angesiedelten Kolonisten spielt auf einem Gut in Ostpreußen. Dieser historische Hintergrund mit seinen Anklängen an die Sieo- lunasprobleme der Gegenwart geben dem Roman sein eignes Gesicht. Nicht von gestern und nicht von heute ist aber die stürmische und dabei doch heitere Liebesgeschichte des zarten, eigensinnigen und kühnen Mädchens Anne Marie. Amtshandlungen Les Königs und Intrigen seiner Untergebenen, cme Flucht über viele Grenzen des kleinen Reiches, Einzelheiten der Lebensführung zur Zeit der Poft-
Verschiedenes.
— Dr. Friedrich Würzbach: Erkennen und Erleben. (Der „Große Kops" und der „Günstling der Natur".) Volksverband der Bücherfreunde. Wegweiser-Verlag G. m. b. H., Berlin-Charlottenburg 2. — (261.) — Die Grundprobleme des Buches ergeben sich aus der Ueberzeugung, daß der wissenschaftliche und der gebildete Mensch nicht miteinander identisch sind. So unterschied Kant streng zwischen dem „Großen Kopf" (dem wissenschaftlichen Menschen) und dem Günstling der Natur" (dem wahrhaft gebildeten, auch zu künstlerischer Bildung berufenen Menschen). Dieses Buch sucht nachzuweisen, daß zwei Grundtypen des Menschen, zwsß. Spezies auch im biologischen Sinne zu unterscheiden sind und die Menschheit besonders in unserer Zeit sich in diese beiden Typen scheidet. — Die ?chone Ausstattung und der niedrige Preis von 2,90 Mark feien besonders erwähnt.
— Auf deutscher Wild führte. Jagderlebnisse deutscher Jungens, erzählt von Werner Siebold. Mit Federzeichnungen von Adelbert Meckel. 170 Seiten. In jagdgrünem Ganzleinen 3,80 Mark. Verlag Emil Roth, Gießen, Berlin, Leipzig. — (285.) — Dies ist ein innerlich und äußerlich wohlgelungenes Buch, das jedem Jungen und sicherlich auch vielen erwachsenen Lesern Freude machen und mancherlei Anregung bieten wird. Diese Jagdgeschichten, frisch, lebendig und anschaulich von einem weidgerechten Jäger erzählt, werden unsere Jugend nicht nur fesseln und begeistern, sondern auch belehren und darauf Hinweisen, wieviel unentdeckte Schönheit der deutsche Wald mit seinem mannigfachen Tierleben in sich birgt. Besonderes Lob verdienen die ausgezeichneten künstlerisch empfundenen Tierbilder, die die fröhlichen und spannenden Schilderungen lebendig und stimmungsvoll begleiten. Alles in allem: dies ist ein Buch das über den Alltag hinaushebt und nur empfohlen werden kann. Die gediegene und geschmackvoll« Ausstattung machen das ansprechende Werk auch zu Geschenkzwecken sehr geeignet.
ten Zeitgenossen. Mit der gleichen Lebensgier fängt er in seinen Schilderungen die Atmosphäre der Pariser Boulevards ein wie den stillen Zauber seines ostpreußifchen Heimatfleckens Heydekrug. Er malt die fremdartigen Schönheiten Ceylons und Aegyptens tote dte Würzburgs, er singt das Loblied der Mark, in der er auf seinem Besitze Blankensee verbrachte, und gibt immer wieder Zeugnis von neuentdeckten Iu° toelen im alten Wunderlande Italien. Don der Sorge um seine Familie sprechen diese Briefe und von dem Bewußtsein des Staatsbürgers, der um die Jahrhundertwende als Mitbegründer des „Goethe-Bundes" auftritt und später in Kriegs- und Rachkriegszeit durch mannigfaltiges Einsetzen seiner Zeit und Kraft das starke Verantwortungsgefühl für das deutsche Schicksal bekundet. Der Mensch Sudermann, wenig gekannt, oft verkannt, spricht hier mit der großen Ehrlichkeit, die ihn auszeichnete, mit dem unendlichen Bemühen, sich des Lebens würdig zu erweisen, seinen Platz zu erobern und zu behaupten.
— Romain Rolland / Malwida von M e y s e n b u g : Ein Briefwechsel. Mit einer Einleitung von Romain Rolland „Erinnerungen an Malwida". Herausgegeben von Berta Schleicher. Leinen 6,20 Mark. I. Engelhorns Nachf. Stuttgart. — (339.) — Briefe der Freundschaft und der Liebe zwischen dem jungen Genius Rolland, der seine ersten Flügelschläge macht, seine ersten Schritte auf dem schmalen Grat der hohen Dichtkunst versucht, voller Impuls und Idealismus, voll stürmischer Ablehnung und bewundernder Hingebung, und zwischen der alternden Malwida, die dies alles hinter sich hat, die auf ein weites bewegtes Leben zurückblickt, zurücksieht zum Teil mit Resignation und etwas Verbitterung, zum Teil mit der Ruhe und Ausgeglichenheit des Alters, der Weisheit, errungen in schweren Kämpfen und einem langen Leben, in dem viele große und berühmte Männer an ihr vorübergingen. In ihr weckt der junge Rolland noch einmal alle Hoffnung, allen Idealismus, alle Kraft; in ihm findet sie den Menschen, der ihre Ideale und ihre sittliche Weltanschauung teilt, der gleich ihr das Schlechte in der Welt bekämpft und das Schöne sucht. Ihm, dem jungen Menschen will sie eine Stütze sein, ihn aufrichten, wo er verzweifelt ihn führen, wo er schwankt, ihn anfeuern, wo er 'zu versagen droht, ihn stärken, damit er auf feinem Weg meiier greife. - Dieser Stamjf.M« kraftvolle Spiel zwischen zwei Polen offenbart sm> in allen Briefen, immer wieder aufblitzend manchmal nur in einem Satz, verdeckt durch Alltägliches, manchmal offen durchbrechend in vielen Briefseiten. So ist dieser Briefwechsel ein wertvolles menschliches Dokument der wunderbaren Harmonie und des Sicherqänzens eines französischen und eines deutschen Menschen, die sich, als Exponenten zweier Nationen, über alle nationalen Gegensätze hinweg die Hände reichen.
— K n u t H a m s u n : „Der Wandere r". („Unter Herbststernen", „Gedämpftes Saitenspiel", „Die letzte Freude".) In Leinen gebunden 4,80 Mk. Albert Langen/Georg Müller Verlag, München. — (267.) — In diesem schön ausgestatteten starken Bande erscheinen die drei Wanderer-Romane Hamsuns zum erstenmal zu einem Buche von volkstümlichem Preise vereint. Liest man die drei Romane nun so im Zusammenhang, so geht es einem auf, wie eng und notwendig der umfangreichste unter ihnen, „Die letzte Freude", mit den beiden voraus- geheNden Wanderer-Büchern zusammenhängt, wie eigentlich erst er der rechten innerlichen Abschluß dieser Periode in des Dichters Leben bringt. Denn es ist Hamsun selbst, der durch die drei Romane vagabundiert, sein heißes Herz gleichsam mit beiden Händen vor sich herträgt, es verschwenden will und immer mehr erkennen muß, daß keiner darnach greift, weil seine Jugend auf die 'Jleige geht. Und, Narr des Schicksals, fühlt er es auch nicht, will er’s nicht glauben, wenn sich doch in einem Frauenherzen Liebe für ihn regt. Bitteren Schmerzes voll, der heimlich trotzdem Süße in sich birgt, geht er zum Schluß fort in die Einsamkeit, rno ihm die letzte Freude blüht, die uns beschieden ist: das Glück in der Natur.
— Marcus L aue se n: Und nun warten wir auf das Schiff. Roman. Aus dem Dänischen. 383 Seiten. Kart. 4,50, geb. 6,50. Im Insel-Verlag zu Leipzig. 1932 — (279) — ^ies ist «ine Art dänischer „Buddcmbroors —: die Geschichte der Blüte und dem Verfall eines großen Geschlechtes von Kapitänen und Reedern einer nordschteswigschen Hafenstadt. Die Seiten sind dem Wachstum des einst in der ganzen Welt hochangesehenen Unternehmens nicht günstig — sie alte, die Iungen wie dte Alten, warten auf das Schiff, das sie in ferne Meere tragen und den Ruhm der alten Zeit erneuern soll. Aber der Untergang der Familie kommt unaushall,am aus ihr selbst. Dte uralte Juliane Hagemeyer, die noch immer die Kraft der Vergangenheit verkörpert, erkennt es in der Hellsichtigkeit ihrer letzten Tage, in dte der Dichter das Schicki al von drei Generationen zisammengedrängt hat. Auch sie wartet auf das Schiff — und lernt zu ver-
Bücher zur Politik.
— Der Vertrag von Lausanne von Uni- oersitätsprofessor Dr. Karl Strupp, Frankfurt a. M. Preis geheftet 1,95 Mark, Verlag Emil Roth in Gießen. — (241.) — Das Büchlein gibt neben dem vollen Wortlaut des Abkommens von Lausanne mit seinen sämtlichen Anlagen in deutscher, französischer und englischer Sprache in einer Einleitung ein sehr klares und übersichtliches Bild von der Entwicklung des Reparationsproblems seit dem Versailler Vertrag. Die Kämpfe bis zur Einstellung des Ruhrkrieges werden knapp, aber durchaus erichöp- fend behandelt, es folgt bann eine klare Darstellung des Dawesabkommens, des Poungplans und der Haager Beschlüsse. Besonderes Interesse verdient die kurze Kritik an der Anwendung dieses log. „Neuen Plans" in der Praxis, aus der sich dann die Notwendigkeit des Hoover-Moratoriums und weiterhin die Vorverhandlungen für die Konferenz von Lausanne ergaben. Das Büchlein des bekannten Frankfurter Völkerrechtlehrers ist ein unentbehrliches Hilfsmittel zum Vechändnis dieses für die Politik der nächsten Jahre grundlegenden Vertragswertes.
— Professor Dr. Friedrich Grimm: „Der Feind diktiert. Die Geschichte der Reparation." (Hanseatische Derlagsanstalt Hamburg.) Kart. 2 Mark. - (249) - Der bekannte Fach anwalt für internationales Recht und Spezialist für alle Rechtsfragen des Versailler Diktates, hat sich der Aufgabe unterzogen, das politische rechtliche und wirtschaftliche Material über die Reparation in gedrängter, übersichtlicher und leichtverständlicher Form zusammenzustellen. Er gibt uns damit eine Geschichte der Reparationen, von Wilsons berühmten 14 Punkten über die insgesamt 35 Tributkonferenzen, den Dawes- und Poung-Plan bis zum Lausanner Abkommen. Ein eindrucksvolles und erschütterndes Bild von dem Leidenswege, den das deutsche Volk, diktiert vom Vernichtungswillen kurzsichtiger Feinde gehen mußte. Das vielseitige Tatsachenmaterial und die unbestechliche Sachlichkeit des Verfassers verleihen dem Buche historischen Wert. Es bietet jedem, der einen ernsthaften Einblick in das Problem der Reparationen, das noch Generationen beschäftigen wird gewinnen will, wertvvlle Unterlagen zur eigenen Urteilsbildung und zur Erkenntnis der politischen Hintergründe.
— Dr. Carl Dhrssen: Die Botschaft des Ostens. Faschismus, Rationalsozialismus «und Preußentum. Ganzleinen 4,30, kart. 2,85 Mark. Verlag W. G. Korn, Breslau. — (252) — Dieses Buch stellt die faschistischen Bewegungen in große geistes- und toirtschaftsgeschichtliche Zusammenhänge. Es weist nach, daß die italienische und die deutsche Form des nationalen Sozialismus ganz verschiedenen Räumen entstammen und demgemäß auch verschiedenen politischen Gesetzlichkeiten gehorchen. Das Aufzeigen dieser scharfen Scheidelinie ist gerade gegenwärtig von höchstem aktuellen Wert. Das Buch kommt zu einer Stunde, wo die Frage, was weiter werden soll, alle Gemüter im tiefsten bewegt. Cs will den stumpf gewordenen Blick schärfen für den welthistorischen Sinn der heutigen Begebenheitem Es bettet die Ereignisse der Tagespolitik gunict in das Sinngefüge eines Geschehens, das Iahr- tausende umspannt und weltweite Räume erfüllt.
— Grenzen deutscher Autarkie von Dr. Clodwig Kapserer. Preis 1,20 Mark. Verlag I. I. Arnd, Leipzig CI. — (244.) — Der Verfasser verkennt die ideale Grundlage grundsätzlicher Autarkie nicht. Aber seine Untersuchung führt zu der Erkenntnis, daß ihr Wert für Deutschland — die Möglichkeit ihrer Durchführung vorausgesetzt — überschätzt wird. Den geringen Vortellen stehen Nachteile gegenüber, die auch die größte Entbehrungsfreudigkeit des deutschen Volkes nicht lange ertragen könnte. Dagegen betont er den Wert nationaler Selbstbescheidung als einen in gewissen Grenzen möglichen Ersatz der Autarkie. Besonders interessant sind die Untersuchungen über die Abhängigkeit der deutschen Textilindustrie von der Ausfuhr und Einfuhr, die als Beispiel für zahlreiche andere Industriezweige herausgegriffen ist.


