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Hr.95 Zweiter Blatt

siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 25. April (952

MhrJührung in derAußenpolittl

Außenpolitische Umschau.

Don Or. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin.

Dach Abschluß der Reichspräsidentenwahl und vor sich die Entscheidungen aus den Wahlen des 24. April sah sich der Reichskanzler in der letzten Woche in den Strudel der großen Politik hercingenssen. Wir wollen Holsen, daß ihm der Kops frei genug bleibt, die Ucbcr- l'cht über diese Fülle von internationalen Fragen Au bewahren, die behandelt werden müssen und die alle miteinander verbunden sind. Wir wollen uns auch einstweilen dabei belcheidcii wenn auch die Zeit dazu uns nicht mehr lange gegeben zu sein scheint baß eine wirklich ent­schlossene. vorwortstreibendc Füh­rung in der Behandlung dieser Probleme von leiten Deutschlands nicht eigentlich zu erkennen ist. Allzu leicht verwechselt man dabei auch die groben Ziele, die ja klar aufgestellt sind und über die keine Meinungsverschiedenheit besteht, mit der Behandlung der Wege, die dazu führen sollen, mit der Klarheit über diese Wege und der Er­kennbarkeit der Wege, auf denen die deutsche Außenpolitik wandeln will.

Die Abrüstungskonferenz nahm ihre Arbeiten programmäßig wieder auf und tritt nun in ein wirkliches Stadium der Arbeit und der Entscheidungen. Das wird dadurch bezeichnet, daß beschlossen wurde, diä Herabsetzung der Dü­stungen gemäß Artikel 8 des Böllerbundpaktes solle ..schrittweise durch Devisionen. die sich in geeigneten Zwischenräumen zu wiederholen haben, verwirklicht werden, nachdem die gegenwärtige Konferenz dieersteentscheidendcCtappe der allgemeinen Herabsetzung aus das ticfmög- liche Riveau vollzogen haben wird". Aus deut­schen Einspruch wurde die ursprüngliche Fassung verbessert. Festgclcgt ist dUein, daß die Ab- rüstung gemäß Artikel 8 tatsächlich durchzuführen se, und die jetzige Konferenz einen ersten ent­scheidenden Schritt auf das tiefst mögliche Diveau vollziehen könne. Es ist nicht zu be­freiten, daß damit eine Richtlinie gesunden ist. Kein Vernünftiger kann auch erwartet haben, daß die Durchsetzung einer allgemeinen Abrüstung mit einem Schlage auf einer ersten Kon- serenz erfolgen könne. Insofern bedeutet für den. der der ganzen Sache überhaupt gefolgt ist. die Entscheidung für eine etappenweise Abrüstung nichts Deues. Dagegen bleibt noch offen und muß selbstverständlich noch eingefügt oder noch- geholt werden, daß s d>o nindieerstenEnt- scheidungen dieser ersten Abrüstungskonferenz der deutsche Anspruch auf Gleichberechti­gung anerkannt und eingesetzt werde.

Ratürlich hat die Festlegung der Arbeiten in dieser Entschließung auf den dehnbaren, ja zwei­deutigen Artikel 8 der Dölkerbundssahung ihre Bedenken Aber es ist nicht zu sehen, was Deutschland, das die Abrüstungskampagne zum Teil mit diesem Artikel 8 geführt hat und außer­dem Bölkerbundsmitglied ist. anders hätte tun können. Rußland, das nicht Bölkerbundsmitglied ist. konnte natürlich dagegen stimmen. Gegen die in dieser Festlegung liegenden Gefahren hat dann Deutschland bei den konkreten Punkten zu kämpfen.

Dieser Entscheidung waren vorausgegangen sehr bemerkenswerte amerikanische, englische und ita­lienische Aeußerungen. Mit größter Deutlichkeit hat sich Amerika durch den Mund seines Ber» treters Gibson auf die Beseitigung der schweren Angriffswaffen (Tanks. Gift­gase, schwere Geschützes sestgelegt. Der italienische Redner G r a n d i hat sich die amerikonischen Bor­schläge völlig zu eigen gemacht und die Ab­schaffung der Hauptangriffswaffen zu Lande, zur See und in der Lust geradezu in den Mittel­punkt der italienischen Abrüstungspolitik gerückt, ihre Dotwendigkeit sehr wirksam und schlagend begründet. Das gleiche geschah durch den briti- schen Außenminister Sir John Simon. Wir hoben vermißt, was auch sonst gilt, daß die

0er Knicker.

Anekdote von Wilhelm Schäfer.

Dor sechzig Jahren, als die Damen noch in Kutschen fuhren, galt es für vornehm, einen Knicker als Sonnenschirm zu haben. Denn weil die Kutschen nicht so geräumig waren, wie heut­zutage die Autos sind, hinderten die langen Stöcke: auch galt es nicht für schicklich, den Arm zu heben. Darum hatten die Sonnenschirme da­mals einen Schieber, der durch einen raschen Griff das Dach im Winkel nach hinten klappen ließ, wobei die zierlich vorgespreizte Hand nicht aus dem Schoß gehoben zu werden brauchte. And weil die Frauen selten sind, die nicht aussehen möchten, wie wenn sie täglich in einer Kutsche spazieren führen, obwohl sie all ihr Lebtag be­scheiden die eigenen Beine brauchen müssen, so gab es damals in Sommerzeiten wenig zarte Traume, aus deren Himmeln nicht irgendwie ein Knicker sanft herunterschwebte.

Und als im Frühjahr 1848 mit den ersten Schwalben und dem Märzwind aus Paris nicht nur die neuesten Modenachrichten geflattert ka­men, da wußte eine Straßenaufseherstochter bei Ruhleben nichts von dem Ausruhr in der Welt: doch ihren Knicker fand lie schon wie eine Dame trotz ihrer sechzehn Jahre auf dem Geburts­tagstisch. Sie ging damit am ersten Tage beschei­den nur bis Spandau, weil es regnete, und blieb am zweiten Tag gairz zu Haus, weil sie Wäsche bügeln mußte: doch als am dritten Morgen die Sonne in Dampf und Rässe blinkte, hielt sie nichts mehr, den Onkel zu besuchen, der als Inspektor im Kadettenhaus am Kupsergraben seine Dienstwoh­nung Jjattc. Don Ruhleben bis dahin sind fast drei Stunden, und damals fuhr die Große Ber­liner Pferdebahn noch nicht. Es ist auch zweifel­haft, ob sie an diesem Tage noch zuverlässig ge­wesen wäre: denn als das Mädchen durch den Tiergarten beim Großen Stern ankam. hatte die Erregung der inneren Stadt die Menschen aufge­sogen. und nur beim Brandenburger Tor war noch ein Wirbel, weil da viel Militär die Massen flaute. Run hört, wer draußen in den Wäldern unb Winden wohnt, am Rauschen in den Baum­kronen wohl, ob die Lüfte von Osten oder Süden kommen, aber dem Aufruhr einer Stadt sieht er nicht an. ob all die Menschen aus Vergnügen oder nach Geschäften so sinnlos durcheinander lau­ten. Und weil am Brandenburger Tor zu allen Tagesstunden etwas Militärisches vorgeht, so schritt das muntere Kind aus Ruhleben mit seinem

deutsche Delegation diese Vorschläge mit aller Verve unterstützt hätte. Ern überlegtes und ruhiges Operieren der deutschen Vertreter ist natürlich notwendig, aber sie hält sich im ganzen etwas sehr von der entschiedenen Unterstützung der Vorschläge anderer zurück. Das galt für bic Stellung zu Rußland, das galt jetzt bclonders für die Stellung zu den amerikanischen und italie­nischen Borschlägen. Diese gehen doch abfolnt in der Richtung der deutschen Absichten und In­teressen! Darum ist auch geboten, daß energisch und wirklich eindrucksvoll nach außen gesagt wird, daß Deutschland neben d i e anderen tritt.

Eine ähnliche Kritik erscheint für die deutsche Behandlung der Donaufrage geboten Wir sind doch wirklich an dieser sehr stark interessiert. Die hoffnungslos werdende Wirtfchaltsauflösung im Donauraum und die für beinahe das ganze Gebiet dort drohende Finanzkatastrophe sind doch selbstverständlich von größter Bedeutung für Deutschland Man sieht gewiß aus den Erklärun­gen. die Herr v. Bülow in London und dann ausführlich in Genf abgegeben hat wohl un­gefähr. was die deutsche Außenpolitik sich dabei vorstellt und will. Aber das reicht weder sach­lich aus noch wird es auch tmit dem nötigen Rachdruck vertreten, mit z u wenig Willen zur Führung in der Sache Wir lassen diefe Dinge zu sehr an uns herankornrnen. Wir be­schränken uns zu sehr auf eine gewiß vorzügliche Kritik der Vorschläge der anderen, auf die not­wendige Polemik dagegen und auf eine gewisse skeptische Behandlung einer Frage, über deren gigantische Schwierigkeiten ja gar kein Zweifel besteht, die aber auch wirklich nicht ohne einen gewissen Enthusiasmus, ohne einen entschiedenen Willen vorwärts gebracht werden kann. Liegt das daran was nicht nur von uns betont wird, daß der Reichskanzler eben durch die ungeheueren Aufgaben der Innenpolitik und Innenwirtfchaft so stark in Anspruch genommen ist?

Auch in den letzten Tagen ist zur Donaufrage viel geredet toorben: in London, dann zweimal vor dem Bölkerbundsrat. der sich mit dem Be­richt des Zinanzkomitees beschäftigte, dann auf der Konferenz der internationalen Handelskammer in Innsbruck, dann auf der Tagung der Donau- fachvcrständigen der vier Großmächte und des Bölkerbundes in Lugano. Borwärtsgekommen ist die Sache nicht. Geschehen ist nichts, ober nur etwas in Richtung zunehmenber Gefahr: nachdem der Völkerbundsrat nichts zustande ge­bracht hatte, hat der griechische Mini st er- präsident sofort die Einstellung des Schulbendienstes verfügt. Rach Ungarn nun Griechenland, das auf fünf Jahre die Amor­tisation seiner Auslandanleihen einstellt unb bie am 1. Mai fällig werbenden Zinsen dieser An­leihen nicht überweist. Diese Richtüberweisung so klipp und klar macht es Venizelos soll so­lange dauern, bis bie Gelbhilfe gewährt ist. die das Finanzkomitee des Völkerbundes den Mächten empfohlen hat. Muß das nun so weiter gehen? Einer nach dem andern zu diesem Moratorium kommen, bis schließlich eine Gesamtkatastrophe für Südosteuropa da ist? Muß. um bie Sache wirklich zu beschleunigen, schließlich auch Deutsch- lanb zu einem solchen Schritte sich entschließen?

Das hängt natürlich wieder mit der Kriegs­schuldenfrage im ganzen zusammen. Wird darüber in Genf gesprochen oder nicht? Inter­essant ist jedenfalls, daß der das letzte Mal unterlegene demokratische Präsidentschaftskandidat Amerikas. Alfred Smith, sich soeben in Washington sehr bestimmt für den Aufschub der Schulden Europas auf zwanzig Jahre ausgesprochen hat. Damit hat er einen originellen Vorschlag verbunden, nämlich das Angebot an jeden europäischen Schuldnerstaat, für je 100 Millionen Dollar Baumwolle. Weizen. Tabak oder andere Ausfuhr, die der Schuldner« float von Amerika kauft, diesem 25 Millionen Dollar von seiner Schuld abzuschreiben. Der Vorschlag ist etwas roh zugehauen, aber

Knicker zwischen den Bajonetten harmlos hindurch und ahnte nicht in seiner Unschuld, daß die vie­len Gewehre bei Fuß schon längst mit scharfen Patronen geladen waren. Rur als cs schon Un­ter den Linden hinspazierte und sich ein wenig ärgerte, weil die Sonne vom von der Seite, statt von hinten auf seinen Knicker fiel, hörte es Kom- manborufc und soviel Marschtritte hinter sich, daß es erstaunt umsah und sich vor einer breiten Front Soldaten fand, die rechts und links bis an die Häuser schließend wie ein Kamm die Linden säu­berte. Sie sah wohl, daß die Menschen in Ve- benstraßen flüchteten und daß sie schließlich ganz allein vor den Soldaten mit ihrem Knicker unter den dünnen Schatten der Märzbäume ging. Doch weil sonst niemals verboten gewesen war. daher zu gehen, und weil sie gar nicht ahnte, daß hin­ter ihr der hunbertsältige Tob anrüdtc, erleb­ten bic erregten Berliner an biefem schlimmen Märztag noch ein Schauspiel dreister Art. indem ein Landmädchen mit seinem Knicker kindlich prah­lend das Militär aum mörderischen Druderkampf anführte Ihm selber war es freilich nicht mehr wohl zuletzt, unb als sich an der Friedrichstraße immer noch ein schüchterner Strom von Menschen und Wagen quer über die Linden schob, ver­schwand ihr Knicker mit nach links, um über die Mittelstraßewo das Gewühl sich drängte unb wo ihr die Empörung in angefangenen Barrika­den und Waffen aller Herkunft deutlich wurde sich angstvoll flatternd in das Kadettenhaus zu retten, von der Tante fast mit einer Ohnmacht und vom Onkel räsonierend empfangen, .wie wenn sie wirklich den Aufruhr dieses Tages aus ihrem friedlichen Ruhleben in dos geängstigte Berlin herein getragen hätte. Das Scherzspiel dieses Knickers, harmlos vor Tausenden von scharfge­ladenen Gewehren zur Schau getragen, wäre im Sturmwind dieser Märztage von 1848 vergessen worden, wenn nicht auch hier der Zufall über Menschenwichtigkeit fein Spottfähnchen geschwun­gen hätte. Denn als die Barrikadenkämpfe vor­über und die Straßen der inneren Stadt von brandgeschwärzten Trümmern und Leichen ge­säubert waren, daß die Menschen wieder wie sonst an ihr Geschäft und zu "Vergnügungen eilten wie wenn der Aufruhr weder nötig noch so blutig gewesen wäre: da machte sich bie Landtochter aus Ruhleben auch wieder auf den Weg zu ihren Eltern. Und weil die Sonne frohmütig schien wie vor drei Tagen, nur diesmal in den Rückern so daß sie endlich ihren Knicker zu Recht gebrauchen konnte, spazierte sie die Linden wieder zurück zum Brandenburger Tor. Sie merkte diesmal gleich.

darum um fo brauchbarer für den Wahlfeldzug. ist noch nicht entfchieden. ob nicht Smith wieder von der demokratischen Partei als Kan­didat proklamiert werden wird Unb er muß doch wissen, was er riskieren konnte, wenn er istzt dielen Vorschlag fo entschieden in die Oelfent- sichkeit warf. Rur vorwärts bringt auch er im jetzigen Moment die Schuldenfache nicht, die ebenfalls einstweilen durchaus verbarrikadiert er­scheint.

Kommen wir überhaupt aus der Weltkrise heraus? Zeigt sich eine Aussicht zur Besserung? Statt eigener Aeußerung stellen wir die Urteile von zwei ganz hervorragenden Amerikanern zusammen, die in der vorletzten Woche zu gleicher Zeit den englischen Boden betraten. Ä c 11 o g g kam an. um im Haag seine Pflicht als Richter wahrzunehmen. und äußerte sich, daß nach feiner Meinung bic lange Per > obe der D c Pression enbgültig zu Ende fei. eine neue Aera ber Prosperität in Amerika begonnen hätte, bah er nicht einen raschen Aufschwung erwarte, ober bas Fortschreiten zur Gesundung Genau bas Gegenteil sprach ber anbcrc

bedeutende Amerikaner aus. Mellon, der seinen Posten als amerikanischer Botschafter In London antrat Er glaubt nicht an irgendeine schnelle oder sichtbare Besserung einer wirtschaft- l'chcn Depression, die zum Teil der Preis sei, den wir für den .Krieg zu zahlen hatten Und jcdenlalls bestätigt bie Lage im Homatlande der beiben Sprecher daß Mellon recht hat Dio Wirtschaftskrise in Amerika nimmt durch­aus nicht ab sondern verschärft fich. und schlimmer als das ist. daß die Führer ber Wirtschaft unb Politik drüben ihr immer ratloser und hilfloser gegcnübcrftcbcn Um so mehr, meinen wir. wäre Anlaß, daß die verantwortlichen Staatsmänner Europas und unter ihnen in erster Linie der deutsche Staats­mann. so sehr wie möglich in ber gemeinsam notwendigen Arbeit vorwärts drängten In der Tatsache, daß bic von der Krise vor allem betroffenen Völker Europas schließlich so lange ausgehalten Haden, liegt boch nicht die mindeste Sicherheit bafür, baß sie sic b a u c r n b aus­halten werben!

Spione, Mörder und Betrüger.

Mein Kampf gegen Anarchie und Bolschewismus.

Don Staatsrat a. D. Wladimir Orloff.

H.

Wie ein zaristischer Oberst zum Spion wurde.

Copyright Greiner & Co., Berlin NW 6.

Himmelkreuzdonnerivetternochmal! Ist beim ber Kanzleischreiber nicht drüben in der Kaserne?! Wie oft soll ich denn noch nach ihm rufen! Soll dem Hollenhund wohl noch eine lithographierte Einladung in seine Schreibstube schicken? He? Bin ich hier Militärchef, he?"

Der Herr Oberst sind wieder einmal übelgelaunt. Der Herr Oberst haben wieder einmal zu intensiv in die Wodkapulle geblickt. Der Herr Oberst brauchen wieder einmal einen Zechkumpan, auf den er sich von wegen Diskretion verlassen kann.

Ein Schweiger ist sein Kanzleischreiber, bestimmt. Und kein Wodkaverachter obendrein. Krade so ge schaffen, um neben feinem allgewaltigen Herrn Oberst still zu saufen, bis die widerwärtige Umgebung in verlockend bunten Wolken verschwindet. Ist wahr­haftig kein Vergnügen, in so einem gottverlassenen Nest wie Nawa leben und eine Truppe komman­dieren zu müssen, dieses elende, ungemütliche, schmutzige Provinzneft! Himmelkreuzbonnerwetter- nochmal! Her mit dem Wodka! Prost!

Dazu hat Oberst I. I. Stein den russisch-japanischen Krieg mitgemacht! Dazu hat ers bis zum Militärchef gebracht! Daß er nun auf seine alten Tage mutter feelenoUein ausgerechnet in Rawa sitzen muß. Die Frau hat er mit Tochter und Sohn ins nahe War­schau übersiedeln lassen, das Mädel besucht zahnärzt­liche Kurse, der (Zunge ist, natürlich, Kadett.

Prost! Alter Junge! Der Zar soll leben' Unb alles, was jung unb schön ist! Prost! Nicht schum- mein, richtig trinken, fauler Kopf!"

Der Kanzleischreiber säuft sein Quantum, bann schlummert er auf dem Sessel ein. Bitte, was soll jo ein Oberst nun anfangen?! Also geht er raus zur Köchin. Alter Trampel. Dumm, daß man mit ihr nicht ein Wort reden kann. Mit ber säuft er weiter. Das geht so Abend für Abend. Nacht für Nacht. Bald hat er am Zweiten keinen Rubel für Schnaps mehr, geschweige fürs notwendigste andere. Na, da pumpt er sich aus ber Militärkasse die er ver­waltet. Wichtigkeit! Die vierzig Rubel! Wirb er eben sparsamer leben! Nochmal sechzig Rubel. Noch­mal! schnaps schmeckt ja so gut!

Schenk' mir mal was, altes Schwein!" forderte die Köchin.Hab' fein Geld übrig!" lehnt der daß wiederum Soldaten kamen, doch nun in Marschkolonne: denn weil der König furchtsam versprochen hatte, das Militär gurückzuziehen, marschierten sie nun ab; und weil der Zufall trotz den bösen Zeiten fein Vergnügen haben wollte, war es dieselbe Kompanie, vor der das Mädchen mit dem Knicker in die Hauptstadt hinein gezogen war. Cs hatte unterdessen manchem Ka­meraden eine Kugel den jungen Leib durchschlagen, der nun- in einem der Massengräber oder wundfic- bernd im Spital lag: sie waren darum nicht hell gesinnt, die armen Kerle, die nun vor einem Wink des Königs, erschöpft, verhöhnt unb angewidert von solcher Straßenschlächterei, zurück in die Ka­sernen von Spandau zogen. Run als sie wieder den blaugeblümten Knicker, von dem dünnen Schattengesprenket der Linden überlaufen, vor sich hinschreiten sahen, da mochte mancher den Ge­wehrkolben kalt in den Händen fühlen vor diesem harmlosen Gegenbild der mörderischen Schießerei. Doch weil wohl einem Wanderer im dunkeln Moor das Herz vor Grausen erkalten kann, je­doch im hellen Sonnenschein, wenn viele junge Menschen im Takt daher marschieren, der Sinn auch in der bösen Stunde nach Heiterkeiten sucht, erhob sich bald ein Brausen in den Reihen. daS rasch zum schallenden Gelächter schwoll, davor das Mädchen eiliger als vor der bangen Stille des ersten Tages die erschrockenen Füße zur Flucht ansetzte.

Theater-Tk-änen.

Ein Problem, das die Theaterforschung feit den Tagen Lessings und Diderots immer wieder be­schäftigt Hot. ist das nach den Empfindungen des Schauspielers während des Spiels. Diderot hat seinerzeit das .Parador" ausgestellt, daß sich der echte Schauspieler von dem bloßen Pfuscher da­durch unterscheide, daß er auf der Bühne feine volle Kaltblütigkeit bewahrt, nicht er soll erregt sein, sondern das Publikum. Diele Auffassung, die durch manche große Künstler bestätigt wurde, hält aber doch vor der modernen psychologischen Erkenntnis nicht stand Cs ist unmöglich, aus eigener Gefühllosigkeit heraus so starke Empfin- düngen in der Maste zu erzeugen, wie es der be­deutende Mime vermag. Zum mindesten muh ein starkes, das Innere aufwühlendes Erleben voran- gegangen sein, das dann gewissermaßen automa­tisch wurde und immer noch durch die Darstellung hindurchleuchtet. Don verschiedenen Helden der tocltbcbeutenben Bretter wird uns berichtet, daß sie sich vor dem Auftreten künstlich in Erregung

Oberst ab.Nimm doch wieder aus der Kasse?" Woher weißt du ? Das ist nicht wahr! Ich habe nie etwas aus der Kaffe genommen!"Doch! Du weinst es mir doch immer, wenn du besoffen bist, vor! Ich muß dir doch bic Schnauze bann zuhalten, damit es nicht der Bursche hort, was er für einen feinen Chef hat! Unb nun willst du bich sogar vor einem Geschenk für mich drücken!"

Also schenkt er ihr. Natürlich vomentliehenen" Geld aus ber Militärkasse Immer mehr. Plötzlich erscheint ein Warschauer Offizier. Zur Kontrolle. Oberst Stein weiß sich keinen Rat. Seine Karriere scheint am Enbe. Er läuft zu einem Wucherer. Der pumpt ihm rasch fünfhundert Rubel. Die Kontrolle ergibt nichts Belastendes. Es stimmt alles. Na, wäre ja auch noch schöner! Ein paar Tage später meldet die Köchin einen Mann, so gegen Dreißig, glatt­rasiert, nicht groß, nicht unsympathisch. Arnold Bart.

Was will er?" Die Köchin fragt ihn drau­ßenPrivater Natur! Ich komme von «aller!" Hoppla. Salier ist der Wucherer. Er will allo die fünfhundert Rubel zurück. Raus mit dem Hund! Es ist ja noch zwei Monate Zeit! Oder vernünftiger, mit ihm verhandeln? Ja? Richtiger! Klüger! Bitte, eintreten zu wollen.

Arnold Bart erscheint. Ein sehr höflicher Herr, verbeugt fich tief, als ob er sich entschuldigen wolle, daß er lebt.Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Bart. Was führt Sie zu mir?"Sind wir allein?" Sie können reden! Bitte, einen Wodka? Prost! Zigarre? Bitte? Feuer, bitte!"

Ihr Freund Salier sendet mich zu Ihnen. Er will Ihnen behilflich sein. Sie sollen endlich etwa» verdienen. Damit Sie die Schulden loswerben. Ich habe eine ausgezeichnete Idee. Wir beide drucken Postkarten mit einem Abdruck russischer Banknoten auf der Vorderseite. Gelbe Post­karten mit einem Rubel, grüne mit drei, blaue mit fünf und rote mit zehn. Sie verstehen mich? Das ist hübsch und originell. Wir kaufen das Papier in Antwerpen, wir bestellen die Maschinen in Guben, die Klischees macht uns ein guter Bekannter, Wladi­mir Litwinowitsch in Sudowaja Wischnja bei Corn­berg. Sie verstehen mich?"

Ob ihn der Oberst versteht! Er überlegt nicht lange. Ist einverstanden.Aber wie können wir denn zu Litwinowitsch reifen, Bart? Ich muß mir doch erst einen Auslandurlaub von der vorgesetzten Behörde verschaffen!"Aber, mein bester Oberst! Das machen wir viel einsacher^und viel unauffälliger! In Czenstochau lebt ein guter Bekannter von mir. Cin Deutscher. Ein gewisser Heinrich Baranek. Der bringen, an einem Pfosten hinter den Kulissen rüt­teln, zu schimpfen anfangen oder einen Stroit vom Saune brechen. Auch das spricht dafür, daß der Schauspieler selbst eine gewisse Ausregung braucht, um gut zu spielen. Besonders hat man sich immer damit beschäftigt, ob die Komödianten auf den weltbedeutenden Bretternrichtige" Tränen wei­nen. Daß dies zum mindesten sehr häufig der Fall ist. betont der englische Dramatiker und Theaterkritiker St. John Ervinc in einem Aufsatz, in dem er hauptsächlich das Beispiel der Sarah Bernhard anführt. Er ist ein entschiedener Gegner der Ansicht von der Gefühllosigkeit des Schauspie­lers bei seinem Schaffen. ..Alle guten Schauspieler empfinden außerordentlich stark bei ihren Rol­len", schreibt er. .Ich habe eine Schauspielerin: während einer Probe von der Bühne kommen sehen, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. In Wien sah ich bei einer Erstausführung Fritzi Massary von der Bühne kommen, nachdem sie eine erregte Szene gespielt hatte. Eie schluchzte laut. In den Erinnerungen an Sarah Vernarb erfahren wir immer wieder, wie viel sie bei ihren großen Szenen" weinte, auch auf der Probe Sie probte ja stets: sie kümmerte sich um alles beim Theater, wie ihr Partner Lou 2eliegen in seinen kürzlich erschienenen Erinnerungen erzählt. Sie war unersättlich im Rachdenken über ihre Rollen und war bei jeder Vorstellung wieder eine andere. Reynaldo Hahn, der sic wohl besser gekannt hat als irgendein anderer, berichtet in seinen Memoi­ren. daß er sie bei einer Probe von Octave Feuil- loteJulie" auf der Probe geradezu in Tränen aufgelöst sah.Ich kann mir nicht helfen: ich muh weinen", erklärte sic schluchzend.Ich durch­lebe jedes Leid auf jeder Probe von neuem; sonst könnte ich später nicht gut spielen" Es gab ge­wisse Szenen, bei denen sie sich ..völlig ausgab" und nachher geradezu zusammenbrach. Dazu ge­hörte die Abschiedsszene inAdrienne Cecou- vreur". Sie war stets danach völlig erschöpft und wurde oft ohnmächtig.Es ist eine Art von Blutleere im Gehirn, die bei mir durch solche Aufregungen entsteht", sagte sie.Mein Kreis­lauf stockt, meine Arme und Beine werden kalt und sterben ab ..

Sochschulnachnchten.

Der a. o Profestor Dr. Hugo Dingler von ber Philosophischen Fakultät der Universität München hat einen Ruf auf den Lehrstuhl für Philolophie an der Technischen Hochschule in D a r m ft a b t erholten.