Ur.irosvühausgabe
182. Zahrgang
Zreitag, 22. Juli 1932
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Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Chefredakteur
Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Bietzen.
Weitere Veränderungen in Preußen.
Die Geschäfisübergabe in den preußischen Ministerien.
Schreiber und Steiger gehen freiwillig.
Berlin, 21. Juli. (TU.) Amtlich wird mitgeteilt: Der Stellvertreter des Reichskommissars für Preußen, Dr. Bracht, übernahm heute nachmittag die Geschäfte im preußischen Staatsministerium. Alsdann verhandelte er mit den Staats- ministern Dr. Schreiber, Dr. Steiger und mit deren in den einstweiligen Ruhestand versetzten Staatssekretären mit dem Ergebnis, daß die Geschäfte des preußischen Ministeriums für Handel und Gewerbe nunmehr an den mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Staatssekretärs beauftragen Bankentommissar Dr. Er n st und des preußischen Ministeriums für Landwirtschaft, Domänen und F o r st e n an Staatssekretär Mussehl morgen früh übergeben werden. Die in Aussicht genommene Unterredung mit Staatsminister D r. f) i r t {i e f e r konnte nicht stattfinden. Es wird angenommen, daß die Geschäftsübergabe des preußischen Ministeriums für Bolkswohlsahrt morgen vormittag ohne Schwierigkeiten dol sich gehen wird. Die Herren Dr. Schreiber und Steiger haben erklärt, daß sie an der von ihnen mitgeteil- ten Rechtsauffassung festhalten, daß sie aber die laufenden Geschäfte der von ihnen bisher geleiteten Ministerien nicht mehr führen werden.
Großer Schub politischer Beamte.
Berlin, 21. Juli. (WTB.) Auf Grund des § 3 der Verordnung betreffend die einstweilige Versetzung der unmittelbaren Staatsbeamten in den Ruhestand vom 26. Februar 1919 (Gesetzessammlung Seite 33) werden unter Geweährung der gesetzlichen Wartegeldes sofort einstweilen in den Ruhe- stand versetzt:
der Staatssekretär im Ministerium des Innern Dr. A b e g g ,
der Ministerialdirektor im Ministerium des Innern Dr. B a b t (der dem Ministerialdirektor Dr. Badt erteilte Auftrag, d i e Klage der bisherigen Staatsregierung vor dem Staatsgerichtshof betr. die Rechtsgültigkeit der Verordnung des Reichspräsidenten vom 20. Juli 1932 zu vertreten, bleibt bestehen),
der Staatssekretär im Ministerium für Handel und Gewerbe Dr. Staudinger,
der Staatssekretär im Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten Krüger,
die Dberpräfibenten: a) der Provinz Nie- berschlesien Staatsminister a. D. Lüdemann, b) der Provinz Sachsen Dr. F a l ck, c) der Provinz Schleswig-Holstein Kürbis, d) der Provinz Hessen-Nassau Haas,
die Regierungspräsidenten: a) Dr.
Fitzner in Frankfurt a. b. 0., b) Simons in Liegnitz, c) Weber in Magbeburg, d) non Har nack in Merseburg, e) Dr. Herbst in Lüneburg, f) Dr. Amelunxen in Münster (Westfalen),
die Polizeipräsidenten: a) Titze in Königsberg i. Pr., b) Dietrich in Kiel, c) Bauknechtin Köln, d) F r ü n g e l in Elbing e) S ch ö b e l in Hagen i. W., k) Hohen- stei'n in Kassel, g) Ossows ki in Oppeln, h) Eggerstedt in Altona,
die Polizeidirektoren: a) Polizeipräsident Mai in Wilhelmshaven, b) Dr. Thiemann in Schneidemühl.
Soweit eine Neubesetzung der frei gewordenen Stellen erfolgt, wird dabei vorzugsweise auf Warte st andsbeamte zurück gegriffen werden. Soweit die Stellen durch aktive Beamte neu besetzt werden, werden entsprechende S t e l« leneinfparungen vorgenommen werden.
Die genannten Beamten gehören fast sämtlich der Sozialdemokratischen Partei an.
Auch Baden klagt.
Ist der bundesstaatliche Charakter des Reiches verletzt *?
Karlsruhe, 21. Juli. (ERB.) Die badische Staatsregierung hat eine F e st - stellungsklage beim Staatsgerichtshof in Leipzig gegen die Reichsregierung erhoben, in der sie die Berechtigung dergestrigen Maßnahmen be st reitet, da diese nach Auffassung der badischen Regierung „nidjt möglich im Sinne des Artikels 48 der Reichsverfas- fung seien, jedenfalls nicht dauernd möglich seien, und dem bundes staatlichen Charakter des Reiches widersprächen".
Staatspräsident Dr. Schmitt erklärte dazu der Presse: Die badische Regierung stehe treu auf dem Boden der Reichsverfassung und wird alle Rotverordnungen von Berlin, auch wenn sie gegen den Inhalt Bedenken politischer und rechtlicher Art hat, durchführen, insbesondere alle Anordnungen, welche die öffentliche Ruhe und Sicherheit angehen. Die Regierung wird alles unternehmen, um z u verhindern, daß Blut fließt, daß die öffentliche Ruhe und Ordnung gestört werde. Besondere Maßnahmen sind für den Wahltag und den folgenden Tag getroffen worden. Wir haben die Kräfte, die wir brauchen, um die Ruhe und öffentliche Ordnung im Staate aufrechtzuerhalten. Der Staatspräsident begrüßte im weiteren Verlaufe seiner Darlegungen das Verbot der öffentlichen A u f z ü g e, mit dem sich die Reichsregierung auf
den Standpunkt der drei süddeutschen Minister« und Staatspräsidenten gestellt habe, und kündigte an, daß die badische Regierung erneut, und zwar schriftlich an die Reichsregierung wegen des Aniformverbotes herantreten werde. -Zu den Maßnahmen in Preußen erklärte der Staatspräsident, das Staatsministerium habe, wie schon bekannt, beschlossen, einen eigenen Klageantrag telegraphisch an den Staatsgerichtshof zu richten, der eine Feststellung darüber begehre, welchcRechte durch Artikel 48 gegenüber den Länderregierun- gen möglich sind. Wir schließen uns, so sagte Dr. Schmitt ferner, der preußischen Klage nicht an, weil wir den Sachverhalt nicht genügend kennen. Auch erheben wir eine andere Klage als Bayern. Wir erkennen an, daß die Reichsregierung grundsätzlich das Recht hat, einen Reichskommissar auf Grund des Artikels 48 einzusehen.
Oer preußische Antrag vor dem Gtaatsgerichtshof.
Leipzig, 21. Juli. (WTB.) Wie der Reichsgerichtsdienst des WTB. von zuständiger Stelle
erfährt, lautet der vom bisherigen preußischen Staatsministerium unter Bezugnahme auf die gleichzeitig damit beim Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich eingereichte Klage gestellte Antrag dahin: Im Wege dereinstweiligenDer. f ü g u n g anzucrdnen, daß sich der durch die Verordnung des Reichspräsidenten vom 20. Juli für das Land Preußen eingesetzte Reichskommissar ein st weilen jeder Dien st ausübung zu enthalten hat.
Der Vorsitzende des Staatsgerichtshoses für das Deutsche Reich, Reichsgerichtspräsident Dr B u m k e , der zur Zeit auf Urlaub in Oberbayern weilt, wird seinen Urlaub unterbrechen, um die Verhandlungen des Staatsgerichtshofes am Samstag zu leiten. Dr. Dumke wird im Laufe des Freitags in Leipzig eintreffen. Konferenzmit denLändern in Stuttgart
Stuttgart, 21. Juli. (WTB.) Amtlich wird mitgeteilt: Reichskanzler v. Papen hat die Ministerpräsidenten der deutschen Länder auf Samstag, 23. Juli, zu einer Besprechung in das württembergische Staatsministerium nach Stuttgart eingeladen.
Oie kommiffarischen Leiter der preußischen Ministerien.
Obere Reihe: Bankenkommissar Dr. Ernst (Handel), Staatssekretär Mussehl (Landwirtschaft); Staatssekretär Schleusener (Finanzen). — Untere Reihe: Staatssekretär Dr. Sammers (Kultus und Unterricht); Staatssekretär Dr. Hölscher (Justiz); Staatssekretär Dr. Scheidt (Wohlfahrt).
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Oie Parteien und der neue Kurs.
Die Deutsche Volkspartei zurLage.
Berlin, 21.Juli. (TU.) Die Reichsparteileitung der DVP. erklärte zur innerpolitijchen Lage u. a.: „Die Einsetzung eines Reichskommissars für Preußen ist eine einschneidende Maßnahme, die aber nach Sage der politischen Verhältnisse nicht zu vermeiden war. Das Weimarer Parteisystem hat sieben Jahre lang in Preußen unumschränkt regiert und noch kurz vor Toresschluß des alten Landtags durch eine Aenderung der G e - schäftsordnung eine künftige Regierungsbildung zu erschweren gewußt. Der neue Preußische Landtag hat sich als arbeitsunfähig erwiesen. Die großen Parteien dieses Hauses hüben zwar eine Fülle von Agitationsstoff und eine Reihe unerfreulichster Skandale geliefert, aber ihre eigentliche Aufgabe, eine neue Regierung zu bilden, die dem Volkswillen entsprechend der Weimarer Koalition ein Ende bereitete, nicht er füllt. Der Sinn der Verfassung ist damit in sein Gegenteil verkehrt worben Die Autorität ber alten Regierung vor bem Lande war erschüttert. Wohin bas Anwachsen ber extremen politischen Parteien und bas Spiel mit bem Bürgerkrieg führen muß, haben bie letzten Ereignisse deutlich genug bewiesen. Es genügt aber nicht, baß bie Reichsregierung dieser Entwicklung entschlossen einen Riegel vorgeschoben hat. Es ist auch notwendig, daß die besonnenen Kräfte im Sande s i ch der Bedeutung ber Stunde bewußt sind. Die nächsten Wahlen müssen dafür sorgen, daß die Elemente der
sachlichen, Verantwortung und der politischen Vernunft wieder zur Geltung kommen und uns davor bewahren, daß die Massen- unb Klassenparteien von links unb rechts Deutsch- lanb zum Tummelplatz ihrer Machtkämpfe machen. Die DVP. bekennt sich nach wie vor zu einer g e - setzmäßigen unb verfassungsmäßigen Entwicklung unb sie richtet ihren Appell an die Wählerschaft, sie in bem Kampfe um die Gestaltung der deutschen Zukunft mit Tatkraft zu unterstützen."
Sin Beschluß her Sozialdemokratischen Partei.
Berlin, 21. Juli. (TU.) Parteivorstand und Parteiausschuß ber SPD., bie am Donnerstagmittag zusammentraten, haben einstimmig einen Beschluß gefaßt, in bem es u. a. heißt:' „Der Partciausschuß ber SPD. brandmarkt vor bem ganzen deutschen Volke unb der ganzen Welt das gewaltsame unb verfassungswidrige Vorgehen ber Reichsregierung gegen bie preußische Staatsregierung. Er spricht ben Genossen ber preußischen Staatsregierung unb bem Berliner Polizeipräsidenten für ihr würdiges Verhalten am 20. Juli Anerkennung und Dank aus. Wie im Reiche ist jetzt auch in Preußen die Alleinherrschaft einer dünnen Oberschicht aufgerichtet unb jeher Einfluß ber breiten werktätigen Massen völlig ausgeschal- t c t worben. Es liegt jeboch in der Hand des Volkes, durch Wahl von Sozialdemokraten am 31. Juli bie gestörte Rechtsorbnung der Republik wieder her
zuftellen unS sich selber den gebührenden Einfluß auf bie öffentlichen Angelegenheiten wieder zu verschaffen. Der 31. Juli muß ein Tag des Gerichts werden für die Mißregierung der Barone und ihre nationalsozialistischen Helfer. Es darf nicht gelingen, die Aufmerksamkeit von der Tatsache abzulenken, daß Hitler und seine Partei für den sozialreaktionären Kurs, der jetzt gesteuert wird, bie volle Verantwortung tragen. Die kommunistischen Führer, die seit Jahren Schulter an Schulter mit den Rationalsozialisten den Kampf gegen Braun und Severing geführt, ihren Sturz, ihre Absetzung, ihre Versetzung in den Anklagezustand gefordert haben, rufen jetzt wegen der Absetzung ron Braun und Severing zum Generalstreik auf. Die deutsche Arbeiterklasse wird sich die Wahl ihrer Mittel und die Stunde ihres Handelns nicht von den Bundesgenossen der Rationalsozialisten im Kampfe gegen Braun und Severing vorschreiben lassen. Es gilt jetzt in voller Aktivität, Disziplin und Einigkeit alle Kräfte für den Wahlkampf und den Sieg ber Sozialdemokratie zusammenzufassen.
Eine Erklärung des Jenirumsvorsitzenden. Köln, 21. Juli. ($11. Funkspruch.) Der geschäftsführende Vorsitzende der Deutschen Zcn- trumspartei, der Reichstagsabgeordnete Joos, erläßt nachstehende Erklärung: Die unerhörten Vorgänge des gestrigen und heutigen Tages in Preußen haben in der gesamten deutschen Zentrumspartei stärkstes Befremden und tief st «n Unwillen hervorgerufen. Anhänger und Freunde der Partei wissen sich eins in der schärfsten Ablehnung von Maßnahmen der Reichsregierung, die nach unserer Ueber- zeugung mit der Verfassung nicht zu vereinbaren sind. Ihrem Wesen als Der« fassungspartei treu legt die Deutsche Zentrumspartei seierlichst Verwahrung dagegen ein, daß der Artikel 48 der deutschen Reichsverfassung nicht zur Rettung des Volkes aus äußerster Rot, sondern zur Durchsetzung einseitiger Parteiwünsche benützt wird. Wesentliche Bestandteile dieser Verfassung sind in diesen Tagen verletzt, das Recht der Länder unter Drohung mit Waffengewalt beeinträchtigt worden. Vorstand und Fraktion der preußischen Zentrumspartei sowie der geschäftsführende Reichsparteivorstand sind unverzüglich einberufen. Ihre klare ablehnende Stellungnahme wird folgen. Die Reichsparteileitung hat mit Bedauern von der Haltung des Oberbürgermeisters Dr. Bracht Kenntnis genommen. Herr Dr. Bracht hat vor wenigen Monaten noch Wert darauf gelegt, erklären zu lassen, daß er „dem Zentrum nahe" st e h e. Dein tatsächliches Verhalten steht hierzu i n einem unlösbaren Widerspruch.
Aufruf despreußischenBeamtenbundes
Berlin, 21. Juli. (TU.) Der Preußische Beamtenbund hat an die preußische Beamtenschaft folgende Kundgebung gerichtet: An die preußische Beamtenschaft! Der Herr Reichspräsident hat auf Grund des Artikels 48 der Reichsverfassung den Reichskanzler v. Papen zum Reichskommissar für das Land Preußen bestellt. Die preußischen Minister sind vom Reichskommissar ihrer Aemter enthoben worden. Ohne zu der politischen Seite dieses Schrittes, für den die Reichsregierung die Verantwortung trägt, Stellung zu nehmen, appelliert der Preußische Beamtenbund an die preußische Beamtenschaft, unbeirrt ihren dienstlichen Pflichten nachzukommen und für bie Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zu sorgen. Da das bisherige preußische Kabinett den Staatsgerichtshof angerufen hat, sind die rechtlichen Garantien für die Wahrung der Verfassung gegeben.
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Die Unruhen in Langenselbold.
Langenselbold, 19. Juli. Heber die Unruhen nach der Beerdigung der beiden am Freitag erschossenen Frauen wird von unterrichteter Seite folgende Darstellung gegeben: Die in Langenselbold stationierte verstärkte Schutzpolizei aus Hanau war gänzlich von der Straße zurückgezogen, nachdem von der Leitung der Trauerseierlichkeiten ausdrücklich versichert worden war, daß es bei der Beerdigung völlig ruhig zugehen werde. Lediglich für die Verkehrsumleitung wegen des nach Tausenden zählenden Trauergefolges waren fünf Beamte der Land- jägerei eingesetzt. Rachdem der Trauerzug und die Deerdigungsfeierlichkeiten, nicht zuletzt dank der trotz aller Herausforderungen ruhigen Haltung der Landjägereibeamten, ohne Störung ihr Ende gefunden hatten, bildete sich ein wilder Demonstrationszug von nahezu 1000 Personen, in der Mehrzahl aus auswärtigen Teilnehmern am Trauerzug bestehend. Trotz beispielloser Beschimpfungen und Anrempelungen der im Langenselbolder Rathaus stationierten Schutzpolizei wurde diese noch zurückaehalten. Erst als dringende Hilferufe von > r Wohnung des Langenselbolder Hauptwachtmeisters I ck l e eintrafen, wohin sich der Demonstrationszug inzwischen begeben hatte und wo unter schwersten Drohungen bereits sämtliche Fenster der Vorderfront durch Steinwürfe zertrümmert waren, sah sich die Ortspolizeibehörde genötigt, zum Schutz von Leben und Gesundheit die Schutzpolizei einzusehen. Das entsandte Kommando wurde noch vor dem Absteigen von der


