Ur. 170 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)
greitag, 22. Juli 1952
Stadtrandsiedlung.
Jetzt liegen auch die ersten praktischen Erfahrungen der Stadtrandsiedlung vor. Eine einzige Tatsache kennzeichnet das Ergebnis: Die Kommunen, die sich sämtlich zunächst gegen die Stadtrandsiedlung gewehrt halten, sind umgestimmt und betreiben selbst die Stadtrandsiedlung mit größter Energie. Von allen Siedlungsversuchen hat sich für die Erwerbslosen am besten die Stadtrandsiedlung bewährt, sie kann deshalb auch im Rahmen des freiwilligen Arbeitsdienstes einen viel breiteren Raum einnehmen, als man ihn ihr zunächst wahrscheinlich zuweisen wird.
Weitere Möglichkeiten.
Gibt es über diese Gebiete hinaus noch andere Möglichkeiten einer gemeinnützigen Tätigkeit des Arbeitsdienstes? Reichsbankpräsident Dr. Luther hat, wenn auch in vorsichtiger Form, diesen Weg gewiesen: die Wiedereinstellung Arbeitsloser in solche Teile der Produktion, Fabriken usw., die keine Konkurrenz für die noch laufenden Betriebe bilden. Dieser Weg ist gewiesen beispielsweise durch die Eröffnung einer gemeinnützigen Haspelfabrik für deutsche Seiden in Celle, die kürzlich erfolgte.
Arbeit gibt es genug!
Welche Aufgaben warten auf den Arbeitsdienst?
Das Arbeitsdienstproblem steht im Brenn- punkt des öffentlichen Interesses. Der Streit geht darum, wieviel Arbeitsdienstpflichtige | untergebracht werden können. Der nachfolgende Aufsatz unseres tt. V.-Mitarbeiters versucht, auf diese Frage eine Antwort zu geben. D. Red.
Der freiwillige Arbeitsdienst soll zunächst mit 200 000 Mann einfetzen. Dieser Anfang ist vorsichtig genug, wenn man bedenkt, daß dank der Bemühungen zahlreicher Verbände bereits 30—40 000 junge Menschen ohne jede staatliche Unterstützung im freiwilligen Arbeitsdienst beschäftigt sind. Die Berichte aus den einzelnen Arbeitslagern, die Praxis hat den außerordentlichen Wert und die staatspolitische wie sozialpolitische Leistung, dieser Gemeinschaftsarbeit bewiesen. Die Fraae der Wirtschaftlichkeit steht bis jetzt jedoch noch offen. Die Tatsache, daß der bulgarische Arbeitsdienst eine Wirtschaftlichkeit und Ueberschüsse erreicht hat, ist nach Ansicht der Sachverständigen nicht ohne weiteres auf Deutschland zu übertragen, weil die Wirtschaftsverhältnisse in Bulgarien ganz anders lägen.
Der Arbeitsdienst wird sich auf solche Wirtschafts, gebiete beschränken müssen, die als gemeinnützig gelten können. Im Vordergründe stehen hier Straßenbau und Siedlung. In diesem Augenblick erscheint cs notwendig, einmal das Urteil jener Stellen zu hören, die sich mit Straßenbau, Siedlung, Siedlungsbau, Meliorationen usw. beschäftigen, lieber die Arbeitsmöglichkeiten auf diesen Gebieten geben die Sachverständigen Auskunft.
Oer Straßenbau.
Die Reichskreditgesellschaft hat vor einiger Zeit eine Denkschrift herausgegeben, als deren Verfasser die der Bank nahestehende „Gesellschaft zum Studium des Straßenbaues" zeichnet. In dieser Denkschrift wird nicht nur die völlige Unzulänglichkeit der deutschen Straßen nachgewiesen, sondern es wird auch eine sorgfältige Berechnung aufgestellt, welche Verluste der Wirtschaft und dem Dolksvermögen durch Mehrverschleiß und Mehrverbrauch der Automobile usw. infolge der schlechten Straßen entstehen. Diese Kosten, diese Verluste erhöhen sich von Jahr zu Jahr, da die Pflege der Straßen unzulänglich ist, die Straßenverhältnisse daher immer schlechter werden, und die Unkosten wachsen. Diese Verluste übersteigen innerhalb von zehn Jahren bei weitem die Summe von 10 Milliarden, reichen vielleicht an 15 Milliarden heran. Würde man einen Teil dieser Summe im Rahmen des freiwilligen Arbeitsdienstes für den von den mittellosen Kommunen vernachlässigten Straßenbau aufwenden, so blieben der Gesamtwirtschaft Verluste erspart, und es könnten, allein im Straßenbau, so viele Arbeitsdienst-Frei- willige beschäftigt werden, wie jetzt insgesamt beschäftigt werden sollen.
Urbarmachung des Oedlandes.
Ungefähr ein Fünftel des deutschen Bodens besteht heute noch aus Oedland, das fruchtbar gemacht wer- den kann. Eine dem Spitzenoerband der landwirtschaftlichen Organisationen nahestehende Gesellschaft zur Förderung der Moorkultur hat ebenfalls eine Denkschrift ausgearbeitet, die jetzt allerdings beinahe schon ein Jahr zurückliegt. Diese Denkschrift befaßt sich mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten, Oedland zu kultivieren. Man geht von dem Gedanken aus, daß Deutschland heute noch nicht einmal auf dem Gebiet der Getreideversorgung, geschweige denn in der Obst- und Gemüsekultur usw. Selbstversorger ist. Wir müssen entweder Brotgetreide oder Futtermittel einführen. Würden wir die Oedlandkultur im rich
tigen Ausmaße anpacken, so könnte Deutschland im Laufe eines Jahrzehnts auch auf diesem Gebiete Selbstversorger sein. Allein auf dem Gebiete der Oedlandkultur könnten und müßten jährlich eine Million Menschen beschäftigt werden. Obwohl diese Denkschrift ihre Kiele sehr weit steckt, erregte sie doch ganz besonderes Aufsehen. Im Preußischen Landtag fanden Beratungen statt, bei denen die Abgeordneten fast aller Parteien sich zu den Grundsätzen der Denkschrift bekannten. Die Bedenken, die auftauchten, richteten sich vor allem gegen die Härte und Schwierigkeiten dieser Arbeit. Man hatte damals noch nicht die Erfahrungen des freiwilligen Arbeitsdienstes und glaubte nicht daran, daß eine (o opferfreudige Gemeinschaftsarbeit Zustandekommen könnte. Die Zeit hat bewiesen, daß eine solche Gemeinschaft des freiwilligen Arbeitsdienstes vorhanden ist. Mit ihrer Hilfe erscheint auch die Wirtschaftlichkeit der Oedlandkultur gesichert.
SJi.-tfpori
Königsschießen
der Schützengesettschast 1926.
QIm vergangenen Sonntag hielt die hiesige Schirhengesellschaft 1926 Gießen ihr diesjähriges Königsschießen ab, das unter lebhafter Beteiligung der Mitglieder einen guten Verlauf nahm. Auf 100 m Entfernung wurde nach einer Adlerscheibe geschossen (Reichsadler mit Zepter uird Reichsapfel). Wit dem 238. Schuß fiel der Rest des Adlers von der Stang«. Der glückliche Schütze war K. S ch n e i d e r-Gießen (Marburger Straße), der somit Schützenkönig für 1932 werden konnte. 1. Ritter wurde Fritz Dewald, 2. Ritter Heinrich Blum- Gießen. Die Schießdauer betrug V/2 Stunden. Die Schießleistungen der einzelnen Schützen durften als sehr gut bezeichnet werden. Bei der Königsproklamation durch den Oberschühenmeister E. Gondner wurden die gezeigten Leistungen besonders lobend erwähnt. — Eine von Friseur-Obermeister Hans Götz gestiftete und von Malermeister Karl Rau künstlerisch ausgeführte Ehrenscheibe erschoß sich der Oberschützenmeister C. Gondner mit einem schönen Fleckschuß.
Sireckenflüge
beim Segelflugwettbewerb.
Einen Beweis für den großen konstruktiven Fortschritt des Segelstugzeugbaues erbrachten die am Donnerstag ausgeführten Dauer- und Ueberland- flüge im 13. „Rhön"-Segelflugwettbewerb auf der Wasserkuppe. Bei nahezu völliger Windstille flog der Pilot Riedel- Darmstadt auf dem „Rhönadler 32" über zwei Stunden, fand dann Anschluß an eine starke Wolkenfront und ging zum Streckenflug über. Diese gleiche Gelegenheit nahm Tcichmann - Berlin, Hirth, Groenhoff und Meier- Stettin wahr und starteten zum Teil in dichtestem Rebel zum Streckenflug. Riedel flog 25 Kilometer bis zur thüringischen Stadt Geisa, Groenhoff 55 Kilometer bis Henneberg (Thüringen), Meier und Hirth brachten es nur auf 20 Kilometer nach Bayern zu. Der Stuttgarter Pilot Schmidt landete ohne jeglichen Schaden zu nehmen in den Baumkronen eines Tannenwaldes. Auch die Maschine blieb seltsamerweise unbeschädigt. Hauptmann Jahns von der Darmstädter Luftpolizei gewann wiederum den Tagespreis für eine Flugdauer von 22 bzw. 24 Minuten im Uebungswettbewerb.
Mit denDeuffchenbei der„Tour veIrance"
Deutsche Mannschast noch in guter Verfassung. - Diele Reifenschäden. Noch hofft man auf Sieg oder gute Platzierung.
Seit 14 Tagen rollt die „Tour de France", das größte Straßenrennen der Welt, das in diesem Jahre zum 26. Male ausgetragen wird. In 21 Etappen sind in den drei Wochen 4 5 2 0 Kilometer zurückzulegen. Ruhetage gibt es insgesamt fünf. Daß die Fahrer Steigungen bis zu 2200 Meter zu überwinden haben, daß sie sich an die verschiedensten klimatischen Verhältnisse gewöhnen müssen, und daß sie endlich alle Unbilden des Wetters, die Verschiedenheit der Etappenwege in Kauf nehmen müssen, macht die Frankreich-Rundfahrt zu einer ganz ungewöhnlichen Prüfung, bei der nur große Könner durchzuhalten vermögen.
Mer die drei Wochen überhaupt nur hinter sich bringt, hat schon eine sportliche Großtat vollbracht.
Die von der bekannten französischen Sportzeitung „L'Auto" organisierte Fahrt sieht zwei Gruppen vor, einmal die „A s s e", die gleichzeitig als Ländermannschaften starten, sodann die E i n z e l f a h r e r, die sog. Touristen. Ländermannschaften haben Belgien, Italien, Schweiz, Frankreich und Deutschland gestellt. Unter den 40 Einzelfahrern befinden sich Vertreter der vorgenannten Rationen, ferner noch Spanier und Luxemburger. Es sind also alle Rationen vertreten, die überhaupt über Straßenfahrer von Rang verfügen.
Begeisterung überall...
Von der Anteilnahme der französischen Bevölkerung, die ja überhaupt sehr radsportliebend ist kann man sich keine Vorstellung machen. Bei der Abfahrt mußten die nach Tausenden zählenden Begleiter von
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Original-Roman von Anny von panhuys.
Copyright by Verlag A. Bechthold, Braunschweig.
14 ftorth Rachdruck verbotenI
Schon war der Umschlag aufgerissen, der Brief- bogen herausgezogen und entfaltet. Die Baronin las:
„Run bin ich aus Deinem Haus und aus ■Seinem Leben gegangen, Tante Adele, nun wirst du ja Deine Ruhe, die Du durch mich verlorst, wiederfinden. Wohin ich mich wende, was ich zu tun beabsichtig«, wird Dich kaum interessieren, denn Du magst mich nicht leiden, das weiß ich. Und Werners Liebe ist zu klein, sie kann mich nicht zurückhalten. Er erzieht ja nur an mir herum und folgt ganz Deinem Beispiel, schade! Ich habe Werner lieber als alles sonst auf der Welt! Kümmert Euch nicht um mich, ich habe bereits ein Unterkommen, das mir zusagt, wo ich mich hinbegebe. Vergeßt auch nicht, ich bin mündig und kann Hingeyen, wohin ich tom.^«
Roch einmal las die Baronin di« wenigen Zeilen, dann zerknitterten ihre nervösen Finger den Bogen, steckten ihn in eine, sich in die Falten ihres Kleides einschmiegende Tasche. Sie ließ in ihren Kleidern Taschen anbringen, gehorchte darin der Mod« nicht.
Ihr Gesicht brannte. Lil war fort, Lil war heimlich gegangen! Sie konnte es noch nicht fassen, allzuschnell hatte sich ihr sehnlichster Wunsch er» füllt. Aber Werner durfte sie den Brief nicht zeigen. Der erste Satz wäre ja wie eine Anklage gegen sie selbst. Dann erfuhr Werner, daß sie zu Lil auch Dinge geäußert, die Lil reizen mußten. Rein, der Brief sollte ihm nicht vor die Augen kommen. Sie lieh sich auf einem der Stühle nieder und dachte nach. Wenn sie ganz ttef und fest davon überzeugt gewesen wäre, Lil bedeute für Werner das Glück, würde sie sich jetzt doch wohl etwas beengt gefühlt haben, aber sie war vom vollständigen Gegenteil überzeugt. Werner konnte nach ihrer Meinung mit Lil nicht glücklich werden. Sie überlegte, an seine Seite gehörte ein weiches, schmiegsames Frauchen, kein solcher Trohnickel, wie Lil doch nun einmal war. Es war gut, daß Lil mit scharfem, raschem Schnitt die Trennung zwischen Werner und sich vollzogen. Sie öffnete das eine Fenster und sog in langen Zügen die milde Luft des Maiabends ein. Sie war erregt und überlegte, was sie Werner sagen sollte, damit er nicht etwa auf die Idee kam, Lil zu suchen und zurückzuholen.
Sie stand wohl fünf Minuten so, dann ging fa m j&t SchlLdüMver, legte ab und eilte hin-
unter, wo sie eben Werners Sttmme hörte, der nach ihr fragte. Sie begrüßte ihn, zog ihn die Trepp« hinauf in Lils Zimmer.
Werner hatte geglaubt, seine Mutter wollte jetzt «in« Versöhnung zwischen Lil und ihm vermitteln, weil er heute vormittag so kurz und kühl mit ihr auseinandergegangen. Er stutzte, als er das Zimmer Lils leer sah.
Seine Mutter seufzte. Vielleicht ein wenig zu laut und sagte weich wie zu einem Kind, dem man zureden will eine bittere Medizin zu nehmen: „Bleib gefaht, Werner, ich muß dir mit> teilen, Lil hat uns heute nachmittag, während ich ausgegangen war. verlassen. Ihre Koffer sind fort und si« hat Käte derweil aus dem Hause geschickt, damit sie nichts merken sollte."
Werner stand da, als wäre ein Blitzstrahl vor ihm in den Boden gefahren.
Di« Baronin verspürte Herzklopfen. Ging es ihm doch vielleicht zu nah«? Litt er unter ihrer Mitteilung doch zu sehr? Sie erklärte: „Lil hat ein paar Zeilen hinterlassen, aber ich ärgerte mich im ersten Moment so sehr darüber, daß ich sie zerriß und zum Fenster hinaus fliegen ließ. Es war unüberlegt von mir. aber ich wollte nicht, daß du darüber Kummer haben solltest. Ich dachte in der Aufregung nicht daran, du müßtest ja doch darum wissen, sonst läufst du ihr vielleicht nach und si« verdient es gar nicht."
Jetzt gewann die regungslose Gestalt Werners wieder Lebern Rauh stieß er hervor: „Martere mich nicht, Mutter, erzähle mir, was Lil in dem Brief, den du leider vernichtetest, geschrieben hat."
Di« Baronin fuhr sich wie besinnend über die Stirn. „Sie schrieb nur ein paar Zeilen. Ungefähr so: Run bin ich aus Deinem Haus und aus Deinem Leben gegangen, Tante Adele, denn ich fühle mich nicht wohl darin."
Werner unterbrach sie: „Wir hätten duldsamer gegen sie fein müssen. Mir ist jetzt, als hätten wir zu wenig Rücksicht auf ihr« durch das traurige Erleben doch sehr angegriffenen Rerven genommen. Ich will sofort alles in Bewegung sehen, si« wiederzufinden. Ich habe Angst, sie könnte sich ein Leid angetan haben."
Die Baronin war sehr blaß. Sie erwiderte nach schnellem Atemholen: „Der Brief ging natürlich weiter, wenn er auch nicht allzu lang war. Nachdem sie mich in den nächsten Zeilen überstark beleidigt«, schrieb sie: Werners Lieb« ist zu klein, sie kann mich nicht zurückhalten!"
Eie beobachtete die Wirkung dieser Worte und konnte zufrieden sein. Werners noch eben so bewegt« Miene verändert« sich, es war als ob sich langsam sein Gesicht verhärtete. „Das hat sie geschrieben?" fragte er und feine Stimme hatte einen heiseren Klang.
Die Baronin bestätigte: „Ja, mein Junge, das hat sie geschrieben! Es hat mich noch mehr verletzt als die Beleidigungen, die sie für mich zurückließ, an Stelle von Dankesworten, die ich verdient hätte. Du irrtest, Werner, als du vorhin sagtest, wir hätten duldsamer gegen sie fein müssen. Erinnere dich doch, wie aufsässig sie sich benahm. Sollte man denn alles still hinunterschlucken? Ja, was glaubst du denn, wohin das bald geführt hätte! Jeder Mensch, dem die Rase nicht so im Gesicht gesessen, wie es ihr gefallen, wäre von ihr angeschrien und verboxt worden. Du lieber Himmel, da hätte sich ja bald kein Mensch mehr zu uns gewagt. Weder Freunde noch Bekannte, noch Patienten. Riemand hat ihr hier etwas getan, wodurch ihr Davonlaufen zu enttchuldigen wär«. Ich hab« sie nur darauf aufmerksam gemacht, wie sehr sie sich und uns schadet durch ihre grenzenlose Rücksichtslosigkeit, und daß man in der Welt aufeinander Rücksicht nehmen müsse."
Werner machte eine matte Bewegung der Zustimmung. Er hatte gehört, was die Mutter gesagt und vollkommen begriffen, aber es schien ihm nicht so besonders wichttg. Tausendmal wichtiger war der klein« Satz, der einzige, den Lil für ihn übrig gehabt, ehe sie fortgegangen ohne Abschied. Tausendmal wichtiger war der bitterböse Satz: Werners Lieb« ist zu klein, sie kann mich nicht zurückhalten!
Der Sah warf alles um, was in ihm war an Sehnsucht und Verlangen. Als hätte er sein eben noch so heißes Blut zu Eis verwandelt.
Die Baronin beobachtet« mit Befriedigung, wie so ganz anders ihr Sohn jetzt zu denken schien.
Sie nahm feine Hand strich zärtlich darüber hin.
„Deine Zukunft, dein« Karriere, hätte sie verpfuscht mit ihrem schroffen Wesen und ihrem Eigensinn. Du wirst sie vergessen, mein Junge. Du wärst ja doch nur sterbensunglücklich mit ihr geworden. Und dann, obwohl sie dir vorwirft, deine Liebe wäre klein, meine ich, ihre Liebe muß noch viel kleiner fein, sonst hätte sie dich nicht auf gegeben, nur deshalb, weil wir ihr erklärt, sie sollte sich ein etwas rücksichtsvolleres Benehmen angewöhnen."
Werner sah die Mutter an und neigte den Kops.
„Du hast recht, ganz recht, ihre Liebe war winzig klein. Das, was sie dafür gehalten, toar wohl überhaupt kaum mehr als em armseliges bißchen Gernhaben." Er lächelte mit einer Mischung von Hohn: „Stand noch etwas m dem liebevollen Abschiedsbrief?"
Die Baronin bejahte. „Es stand noch barm, wir sollten uns nicht um sie kümmern, sie hatte schon ein Unterkommen und wir sollten Nicht vergessen, daß fie mündig wäre."
einem Heer von Polizisten, natürlich ebenfalls auf Fahrrädern, in Schach gehalten werden, um den Fahrern überhaupt ein 'Durchkommen zu ermög- lichen. Besonders Begeisterte fuhren bis halbwegs Caen mit.
Alleine 30 Autos mit den offiziellen Pressevertretern und den Tonfilmgesellschaftcn machen die ganze Fahrt mit.
Allüberall wo die Fahrer hinkommen, werden sie von ungezählten Tausenden empfangen und an den Etappenorten bedarf es größter polizeilicher Aufge- bote, um Ordnung zu schaffen. Für manches kleine Dörfchen ist die Ankunft der Tour-de-France-Fahrer das Ereignis des Jahres, von dem schon monatelang vorher gesprochen wird. Daß die Etappensieger und der im Gesamtklassement führende Fahrer, der das gelbe Trikot trägt, die Helden des Tages find, die oft genug von begeisterten Zuschauerinnen durch eine Umarmung beglückt werden darf bei dem lebendigen Temperament nicht Wunder nehmen.
Ueberflüffig zu betonen, daß die großen Fahrer, einerlei welcher Nation sie angehören, jedem Kinde bekannt sind. Auch unsere deutschen Fahrer, die schon zum dritten Male an der Frankreich-Rundfahrt teil- nehmen und deren einer sogar zu den Favoriten gezählt wurde, sind keine Unbekannten.
Einmal eilen den Fahrern die seitenlangen Presseberichte voraus, zum anderen sind sie aus der Teil- nähme ftüherer Jahre oder an anderen großen Straßenrennen bekannt. Das gilt vor allem für den vorjährigen Sieger in der Touristenklasse, Max Bulla, dann aber auch für S i e r o n s k i, der in Bordeaux—Paris durch einen Sturz um den verdienten Sieg kam und endlich auch für Stöpel, der bis jetzt noch den zweiten Platz in der Gejamt- roertung innehat. Neulinge in der deutschen Mannschaft sind die Examateure Ri s ch, der vorjährige Bundes-Straßenmeister, K u t s ch b a ch und U m • benhauer sowie bei den Touristen der Dort- munder Hermann Müller, der leider schon auf der zweiten Pyrenäen-Etappe durch einen Sturz ausschied.
Taktik ist alles!
In diesem Jahre war der deutschen Mannschaft, die von Martin Schmidt wiederum aufopfernd betreut wird, die taktische Aufgabe gestellt, sich bei den Gebirgsetappen der Pyrenäen nicht zu verausgaben und tunlichst den Anschluß zu behalten. Aus den ebenen Strecken, die den Deutschen weitaus besser liegen, sollen sie dann ihre Sprinter- und Steherqualitäten beweisen, da sie im Bergfahren mit den Franzosen und Italienern ohnehin nicht konkurrieren können. Diese Aufgabe ist trotz enormer Schwierigkeiten bisher als gut gelungen zu bezeichnen.
3m Gesamlklasfement ist Deutschland zwar bis zum vierten Platz zurückgefallen, aber das wird die Mannschaft in der Ebene sicherlich wieder wettmachen können.
Italien hat im Gegensatz zu den Deutschen sich vom letzten Platz auf den zweiten Platz vorarbeiten können. Als Mannschaft werden die drei Besten gewertet. Das sind nach der neunten Etappe S t ö p e I, der immer noch Zweiter ist und als erster Deutscher die zweite Etappe gewann und das gelbe Trikot des Führenden tragen durfte. Ursprünglich gehörte Risch zu den drei Besten, der aber in Nantes sehr unter einer Magenverstimmung zu leiden hatte. Nach der Etappe Luchon war er nahe daran aufzugeben, da er die französische Kost nicht vertrug. Nur dem Umstande, daß der Betreuer der Deutschen Konserven, die eine Berliner Fleischfabrik gestiftet hatte, mitführte und den deutschen Fahrern auch deutsche Küche bereiten konnte, war es zu verdanken, daß die Mannschaft durchhielt. Diese Selbstverpflegung der vorsichtigen Deutschen entging den französischen Jour- naliften natürlich nicht.
Werner preßte die Lippen fest aufeinander. Die LU, die diesen Brief geschrieben, war noch trotziger und rücksichtsloser, wie die Lil, die ihm heute vormittag erklärt, er wär« nicht der Mann, für den si« ihn gehalten. Und das nur, weil er ihr klargemacht, ihr Betragen wäre wirklich nicht so, wie es seine Mutter von ihr erwarten durfte.
Er zuckte die Achseln: „Wenn sie schon ein Unterkommen hat, bedarf sie unserer Hilfe nicht." Er straffte sich auf. „Ich möchte heute schon früh schlafen gehen, der Tag war anstrengend und die Rauigkeit auch. Gute Rächt, Mutter."
Er küßte di« Hand der Frau, der er blind alles glaubte, was si« sagte.
„Willst du nicht noch etwas essen, Werner?" bot sie ihm an.
Er verneinte. „Die Ueberraschung, die uns Lil bereitete, hat mir den Appetit genommen."
Er ging und schloß sich in sein Zimmer ein. Aber zur Ruh« begab er sich noch nicht. Wie hätte er jetzt schlafen können. Er saß in der Sofaecke. raucht« eine Zigarette nach der anderen und zerbrach sich den Kopf darüber, wie wenig man doch einen Menschen kennt, den man zu kennen glaubt. Er zog seine Brieftasche hervor und entnahm ihr «in Bild Lils, das sie ihm auf seinen Wunsch vor wenigen Tagen geschenkt. Es war kurz vor dem Tod ihres Vaters aufgenommen worden. Lachend und strahlend blickten ihn Lils große Augen an. Ihre Lippen waren leicht geöffnet und zeigten die weißen Zähne. Froh und glücklich sah Lil auf dem Bilde aus. Und so froh und glücklich hatte er sie auch immer gekannt.
Er studierte das Gesicht aufmerksam und er dachte. Lils Kinn war sehr energisch und um den Mund lag ein Zug, der ihm sonst nie ausgefallen, ihm aber zu denken gab. Er hatte Lil für ein übermütiges, verwöhntes Mädelchen gehalten. das, weil es verwöhnt war, sich stets bestrebte, ihren Willen durchzusehen, jetzt aber fand er den Zug von Eigenwillen um ihren Mund. Es lag viel Energie in dem Gesicht Lils, schade, daß sie diese gute Charakteranlage, denn Energie ist etwas Wertvolles, so falsch gebrauchte. Sie so gebraucht«, daß sie zur Starrköpfigkeit und Herrschsucht wurde.
Er sah das Bild lange. lange an und Plötzlich quoll es heiß in ihm auf, er hob es an seine Lippen und küßte es Daß eine Träne dabei darauf niederfiel, spürte er nicht. Ganz fassungslos und betäubt machte ihn mit einem Male der Gedanke: Lil war fort und kehrte nie mehr zu ihm hierher zurück. Und er durfte nicht nach ihr forschen, sich nicht um sie kümmern.
Er stöhnte: Wein« Liebe ist nicht klein, wie du meinst, Lil, es hätte sich für dich doch gelohnt, deshalb hierzubleiben, aber d u liebst mich nicht, du liebst mich nicht.
(Fortsetzung folgt)


