MKZ Bemiltiis
Vornan von Hertha Fricke
Llrheberrechlsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau 27. Fortletzung Nachdruck verboten
„Vein, es ist furchtbar, was Eva-Marie durch ihren Aufenthalt im Hause meines Bruders erleben muh. Lassen Sie mich versuchen, es gutzumachen. Lind nun müssen wir an das nächste denken, denn wir brauchen auch Kräfte." Er klingelte -und lies) Kaffee und Imbiß bringen, schickte den Kellner an der Tür fort und ordnete selbst das Geschirr in dem kleinen Erker. Dann nötigte er Frau von Diemen zum Essen und bediente sie fürsorglich. Es war fast behaglich. Der Gedanke, Eva-Marie nicht mehr in jenen schrecklichen Mauern zu wissen, sie hier zu haben und für sie sorgen zu können, beruhigte beide. Frau von Diemen klagte ihm, daß sie jetzt keine Wohnung habe, um ihre Tochter zu sich nehmen zu können, und daß Groh-Kubitz in diesem Falle kein Aufenthalt für Eva-Marie wäre. Der große Haushalt dort sei geräuschvoll, und für eine zarte Rücksichtnahme weder ihr Bruder, noch seine Töchter geeignet. Cs würde Vorwürfe ohne Ende geben, da Eva-Marke sich den Wünschen des Onkels, einen reichen Gutsnachbar zu heiraten, direkt widersetzt hätte.
„Bei ihrem letzten Aufenthalt?" fragte Dr. Andresen.
Frau von Diehmen bejahte es, und er lächelte fein. „Ich glaube, liebe, gnädige Frau, unser Zusammensein ist nicht nur nötig, es rst auch unendlich reizvoll für mich. Wenn wir nur erst Las Schwerste hinter uns haben."
„Ich glaube, das haben wir. Dadurch, daß sie bei uns ist."
„Gute, kleine Mama", sagte der Doktor und küßte die schmale Hand. Dann setzte er sich telephonisch mit einer Privatklinik in Verbindung und setzte Lurch, daß Frau von Diemen einige Tage mit ausgenommen würde. Diese Rächt sollte Eva-Marie ruhig im Hotel bleiben.
Rach einer Stunde regte sich die Kranke. Die Mutter und Andresen traten an ihr Bett. Sie versuchte sich aufzurichten, aber eine Schwäche in Len Gliedern lieh sie nicht dazu kommen. Sie sah um si<^ sah auf die Mutter und auf Heinrich und hob abwehrend die Hände. „Ihr müht fortgehen. Ihr müht schnell fort. Ich bin eine Diebin, — die Menschen zeigen mit Angern auf
mich. Geht, geht schnell fort!" Sanft streichelten mütterliche Hände das wirre Haar aus chrer Stirn. „Rein, mein Kind, du bist keine D:ebin. Du bist meine liebe Tochter. Ich will bei dir bleiben, Eva-Marie."
Da sah das Mädchen Heinrich Andresen an. In ihre sonst so klaren Augen kam ein irres Flimmern und Flackern.
Er reichte ihr die Hand und rief nur liebevoll ihren Ramen: „Eva-Marie!"
Wie in schmerzhafter Abwehr schloh sie die Augen. „Ich sage es nicht!"
Er beugte sich zu ihr. „Heute sollst du gar nichts sagen, Kind, später. Heute sollst du nur schlafen und vorher etwas genießen." Er winkte Frau von Diemen, die Milch vom Teetisch herüberzureichen. Aber Eva-Marie preßte die Lippen zusammen.
„Halt!" sagte jetzt der Arzt in bestimmtem Ton. „So geht es nicht weiter. Mache den Mund auf, Eva-Marie!" Da öffnete sie die Lippen und lieh sich von ihm teelöffelweise etwas einflöhen. Etwa eine halbe Tasse, mehr wurde es nicht. „Wenigst ms etwas", sagte der Arzt und setzte die Taste weg. „Es hat keinen Zweck, mit ihr zu sprechen. Wir wollen sie ganz in Ruhe lassen."
Da wurden ihre Augen ganz groh und starr. Sie richtete sich plötzlich auf und sah in weite, grenzenlose Fernen, hinter denen etwas Schreckliches lauerte.
„Heinrich!" rief sie angstvoll, aber sie erkannte ihn doch. „Glaubst du es auch, dah ich es getan habe? Glaubst du auch, ich hätte die sühe Renate vergiftet?"
„Rein, mein liebes Mädel, das glaube ich nie und nimmermehr." Er sah sie so warm und herzlich an.
„Du willst mich holen. Du glaubst es doch. Du willst mich wieder in das Gefängnis bringen!"
„Ich denke nicht daran. Du bist frei, Kind. Beruhige dich. Du wirst dich gesund schlafen. Lind dann machen wir eine Reise!"
„Tante Renate soll kommen", bettelte sie. „Ich muh es ihr sagen, dah ich ihn nicht finden konnte. Er war abgereist. Rach Southampton. Lind ich weih nicht, wann er wiederkommt."
„Was ist das? Wen meint sie?" fragte ihre Mutter bange. „Sind das Verwirrungen?"
„Gewih sind das Verwirrungen", antwortete leise der Arzt. „Aber wir wollen aufmerken. Vielleicht bringt das, was sie unbewußt sagt, ein wenig Licht in die Finsternis."
„Wen meinst du, Liebes?" fragte er zärtlich. „Wer ist nach Southampton gereist?"
Da wurden ihre Augen wieder so weit und
unheimlich. „Ich sage es nicht, ich will es nicht sagen!"
„Immer dasselbe", seufzte Heinrich Andresen verzweifelt. „Wir müssen sie in Ruhe lassen."
Er trat zurück von ihrem Bett und besprach mit Frau von Diemen, was zunächst zu tun sei. Er sprach von Professor Martinik, dessen Assistent er werden wolle. Er wolle morgen sein Kapital flüssig zu machen suchen, um dort einzutreten. Sobald es möglich sei, wolle er die beiden Damen dorthin nachkommen lassen. Er verspreche sich viel von Martiniks Theorie, besonders in Eva-Maries Fall. Er wolle sich nur erst mit seinem künftigen Chef in Verbindung sehen.
Es war Plan in allem, was er vorschlug, und die unselbständige und unpraktische kleine Exzellenz fügte sich ihm, wie einem Höherstehenden. Es wurde ihr fast schwer, als er sich verabschiedete, und er muhte versprechen, am Morgen wieder nach der Kranken zu sehen, was er ja ohnehin getan hätte.
19.
Der Morgen war gekommen nach unruhiger Rächt. Aber Frau von Diemen hatte an ihres Kindes Bett gesessen und hatte sie mit sanften Worten beruhigt. Weiter konnte sie nichts tun. Als Heinrich Andresen kam, lag Eva-Marie wach, aber teilnahmslos in ihren Kissen. Das liebe Gesicht war bleich und schmerzverzogen. Es hatte einen fremden Ausdruck durch die senkrechte Falte auf der weißen Stirn. Willenlos sah sie vor sich hin. Richts von Lieberlegung war in ihr, und nichts mehr von Kampf gegen das grausame Schicksal. Wenn er sie streichelte, war es ein widerspruchsloses Dulden, aber keine Freudigkeit und keine noch so kleine Erwiderung seiner Güte.
„Machen Sie sich bereit, gnädige Frau, um 1 Llhr kommt der Wagen."
Da richtete sich die Kranke wieder angstvoll auf.
„Der Wagen? Ich will nicht in den Wagen! Ich will nicht in den Saal mit den vielen Menschen. Ich, ich sage es nicht!"
Er mußte eine Schwester mitbringen. Einen Wärter wagte er nicht, damit sie nicht wieder fürchte, es sei jemand von der Polizei. So trug er sie wieder selbst in Len Wagen und brachte sie auch in die Rervenklinik draußen in einem kleinen, freundlichen Vorort von Berlin. Er mußte wieder in seinen Beruf. Was sollte er hier mit seiner schweren, trauernden Liebe, wenn er sie nicht erlösen konnte von ihrer Seelennot. Roch einmal umfaßte er mit traurigen Blicken ihre zusammengesunkene Gestalt. Cs war ja schon so
mancher Menschengeist daran zugrunde gegangen, dah er geglaubt hatte, seine Ehre sei für immer dahin.
Sie sah ihm nach mit einem kleinen, klagenden Schrei. Dann schloh sich die Tür hinter ihm.
Zunächst mußte er noch zu seinem Bruder. Kühl und gemessen, wie zwei Fremde, verhandelten sie über die Auszahlung von Heinrichs Vermögen. Mittels Bankscheck wurde alles einfach erledigt. Der Bruder wünschte ihm Glück zu seiner Beteiligung. Er hatte von dem guten Ruf jener Privat-Rervenklinik gehört. Er fragte, ob der Bruder noch einer weiteren Summe bedürfe. Heinrich dankte. Die Hausdame kredenzte eine Tasse Kaffee. Er lieh sie stehen und ordnete nur seine Papiere. „Hast du sonst noch einen Wunsch?" fragte der Bruder.
„Ich mochte Gerti noch einmal besuchen", sagte der Doktor.
„Das steht dir gern frei. Das Mädel wird sich freuen", antwortete Karl.
„Heute nachmittag?" fragte Heinrich. „Mehr Zeit habe ich nicht."
„Ich werde dich telephonisch bei der Pensionsvorsteherin melden. Ich las eine Zeitungsnottz. dah Fräulein von Diemen geisteskrank geworden sei. Weiht du davon?" fragte der Bruder verlegen.
„Sie sind ja Psychiater, Herr Doktor", setzte die Hausdame mit schmeichelnder Stimme hinzu. „Es würde mich sehr interessieren, was Sie darüber denken. Bei strafbaren Handlungen wird Geisteskrankheit oft als letztes Mittel angewandt, der Strafe zu entgehen."
Heinrich Andresen quoll der Zorn empor und drohte ihn zu ersticken. Sein Bruder verlieh eben das Zimmer, um ein Formular zu holen. Die Hausdame aber weidete sich an Dr. Andresens Zorn und Qual. Die Rache war ihr süh.
„Herr Doktor, ich fragte etwas', sagte sie in dem gleichen, katzenfreundlichen Ton. „Eine Antwort habe ich doch wohl verdient!"
Heinrich Andresen trat so dicht vor sie hin, dah sie unwillkürlich einen Schritt zurückwich.
„Eine Antwort haben Sie verdient, aber mir fehlt momentan die Reitpeitsche!"
Elisabeth Guntermann verschwand lautlos.
Karl kam zurück. „Mir tut Fräulein von Diemen aufrichtig leid", sagte er. ,sDenn ich irgend etwas für das verirrte Mädchen tun kann ..."
„Behalte dein Geld", antwortete Heinrich kalt. „Aber wenn du für dich und dein Kind was tun willst, entferne die Bestie aus deinem Haus!" (Fortsetzung folgt.)
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