Ur. UZ Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhcsien)
Samstag. 2'. Mai (952
Ein Amerikaner über den Anteil der europäischen presse am Weltkrieg.
Lon Dr. Gustav Koloss, o. ö. Professor der Geschichte an der Unmerfitaf Gießen.
linier den amerikani'chen Historikern. bic llch in den letzten Jahren lebendig gegen den Schuld- 'pruch und daS Diktat von Versailles gewendet haben, nimmt L. 3. Fay einen hervorragenden Platz ein. Nachdem er ursprünglich das Ver- dammungSurteil über Deutschland gutgläubig angenommen hatte, hat er sich im eifrigen Studium der zahllosen Dokumente über die Entstehung des Kriege- davon abgewendet und sucht nun unter feinen Landsleuten für eine gerechte Auffassung der Weltkrilis zu wirken. Dor vier Jahren Hot er ein zweibändiges Werk über die Vorgeschichte des Krieges veröffentlicht. das auch in Deutschland mit Recht viel Beachtung gefunden Hot. jetzt hat er sich einem hochinteressanten Einzelproblem. der Erforschung der europäischen Preise, gewidmet: insbesondere will er fest stellen, wie sich Presse und Regierung in den einzelnen Ländern gegenseitig beeinfluht haben, und welcher Anteil der Presse an der Verschärfung der allgemeinen Lage 3 u f o m m t. Es ist nicht alles zutreffend und tiesgründig in Fays Darstellung, die in den Berliner Monatsheften zur Erforschung der Kriegsursachen" erschienen ist (Man. oft steht auch der Amerikaner den europäischen Dingen zu fern, um liefere Wurzeln der Ereignisse, fr. B. die unversöhnliche Feindschaft der Franzosen gegen die deutsche Einheit seit Jahrhunderten, zu ersafsen. aber er bringt doch auch viele treffende Beobachtungen und anregende Hinweise.
Die 'chiechteste Zensur erhält bei ihm ohne Zweifel die f r a n z ö s i f ch e Presse. Fay hebt hervor, dost die französischen Zeitungen aus Anzei- genmongel finanziell weniger unabhängig sind a,s die englischen und deutschen, dast sie vielmehr in der Regel auf Zuschüsse von Persönlichkeiten oder Körperschaften der Politik und der Wirtschaft angewiesen sind und oft genug direkter Bestechung anheimgefallen sind. Der grobe Panamaskandal vor 40 Jahren gewährte ja manchen Einblick in dies Treiben, und in dem Jahr-' zehnt vor dem Kriege hat namentlich die russische Regierung im Einverständnis mit der französischen die Redakteure zahlreicher grober und kleiner Blätter, deren Ramen bekannt sind, gekauft. und französische Minister haben bei der Verteilung der Bestechungsgelder mitgewirkt So z. B. im Jahre 1912 auch Poincarö, so lehr er es auch später allen authentischen Dokumenten zum Trotz abgeleugnet hat. And damals, in der Balkankrifis, ist die Presse von den beiden Regierungen nicht etwa benutzt worden, um die allgemeine Lage zu entspannen, sondern um sie zu verschärfen. Aehnlich im Jahre 1914: wenige Wochen vor Ausbruch des Krieges erschienen in Pariser Blättern plötzlich mehrere Artikel, die die Aeberlegenheit der russischen Armee über die deutsche in allen Tonarten priesen und jede Möglichkeit, dast Russland bei irgendeiner füm- t'gen Verwicklung mit den Mittelmächten zu- rückweichen könne, schroff oblehnten. So hat die französische Presse betoubt dazu beigetragen, die kriegerischen Neigungen in der französischen Nation zu steigern, und die Regierung hat fich ebenfalls oft von ihr bestimmen lassen, denn oft fasten Besitzer oder Redalteure grober Zeitungen im Ministerium ober übten als Abgeordnete groben Einslust Die Pariser Presse, schrieb ein englischer Botschafter, sei wegen der Kenntnislosigkeit. Gewinn- und Schmäh'ucht ihrer Leiter die schlechteste Europas, aber sie beeinflusse aufs stärkste beide Kammern und die öffentliche Meinung
Wenn so an der Vergiftung der politischen Atmosphäre durch die iranzös.sche Presse nicht au zweifeln ist, so lästt sich ähnliches von der rus
sischen sagen. Durchweg panklawistifch gesinnt sucht sie durch Auspeitschung der öffentlichen Wei- nung die Regierung vorwärts zu treiben und scheute sogar, wie im Juli 1914, die Drohung mit der Revolution nicht. lall- die Regierung die nationalen Wunsche enttäusche. Andererseits suchte die Regierung, die ja feit dem Ausgang des japanischen Krieges in demselben Fahrwasser segelte, auch ihrerseits die Presse durch gern angenommene Zuwendungen an einflustreiche Journalisten politisch zu leiten, so dast man nicht sagen kann, wer mehr als der Treibende und der «Betriebene anzusehen ist. -
Eine derartige Korruption wie in Pari- und Petersburg gab es. wie Fay rühmend betont, in London nicht: vermöge ihrer guten finanziellen Fundierung habe die Presse sich der Regierung gegenüber unabhängig halten und ihr bei ihrem groben Einflust auf das Publikum wiederholt sogar die politischen Entschlüsse vorschreiben können. So wollte z. B. die englische Regierung im Jahre 1903 im Einvernehmen nut der Bankwelt die finanzielle Beteiligung Englands an dem Bau der Bagdadbahn durchsetzen, aber „Times". .Daily Mail" und andere überschütteten sie mit Anklagen, dast sie den deutschen Konkurrenten, der mit der Bagdadbahn sogar die Sicherheit Indien- bedrohen könne, fördern wolle, und die Regierung muhte schliestlich kapitulieren. Wenn Fay hierin einen Beweis für die Anabhängigkeit der englischen Presse gegen die Regierung sieht, so hatte er freilich fragen müssen, ob nicht andere Mächte, etwa Vertreter von Industrie und Handel, hinter den Zeitungen standen uni» ihre Haltung bestimmten: auf jeden Fall geht aber hieraus hervor, dast die englische Presse nicht ausglcichend und versöhnlich gewirkt, sondern skrupellos die Abneigung gegen Deutschland geschürt hat Auch Grey stand, wie Fay richtig anführt, unter dem
Nom. Mitte Mai
Am die Antwort auf diese europäische Schicksalsfrage gleich vorwegzunehmen: eine Verständigung zwischen den lateinischen Schwestern liegt ungeachtet aller Hauszwistigkeiten und natürlichen Gegensätze durchaus im Bereich derMög- l i ch k e i t und man könnte sich gewisserorts unter Umständen schwer in die Nesseln setzen, wenn man bei den gegenwärtig wieder beliebten Bündnisbesprechungen Italien als unbedingt sicheren Faktor in das Lager der gegen die „westliche Orientierung“ gerichteten Gruppen einreihen würde. Eine Verständigung zwischen Rom und Paris ist ebenso möglich wie eine Annäherung zwischen Paris und Berlin — es hängt alles nur von dem guten Willen Frankreichs ab. Alles auch der europäische Friede und der wirtschastliche Wiederaufstieg Dabei braucht man nicht einmal krampfhaft nach neuen Friedensrezepten zu suchen, es würde durchaus genügen, wenn Frankreich sein Kriegsideal erneuern und durchführen wollte das Selbstbestimmungsrecht der Völker. So weit rechts von Hitler steht niemand, als dast er sich weigern würde, einer solchen, endgültigen Lösung zuzustimmen.
Wer nur die Aeusterlichkeiten betrachtet, könnte sogar zu der Meinung verleitet werden, die
Druck dieser durch die Presse geschafsenen Stimmung. Fay hätte noch hinzufetzen können, dast die groben englischen Blätter, die im Nachrichtendienst für die ganze Welt ihre Hauptstärke hatten, durch systematische Erfindungen von falschen Behauptungen über Deutschland viel zur Verhetzung der Nationen unter sich bc,getragen haben Es sei nur an die böswillige Beschuldigung, Deutschland habe Rustland m den lapanischen Krieg getrieben. und der Kaiser habe den Thron Jlor- wegen- für einen seiner Söhne erstrebt, erinnert
Da- endlich d i e deutsche Presse betrifft, fo «st Fay der Meinung, dast sie für die Regierung weniger al- m anderen Ländern bedeutete, weil die Minister, nicht vom Parlament, sondern vom Kaiser abhängig, den Tages st römungen mit gröberer Kühle gegenuberfteben konnten. Da er wiederholt die Mästigung der deutschen Regierung anerkennend herrorhebt. so spricht er barmt schon aus. dast er ihrer Politik keine besondere Verantwortlichkeit für den Ausbruch des Krieges zuschreiben will, aber er sagt auch ausdrücklich, dast die groben deutschen Blätter, die für die Bildung der öffentlichen Meinung in erster Linie in Betracht kommen, sich im allgemeinen ihrer Verantwortung betoubt waren und sich einer weit gemäßigteren Tonart als die englischen und französischen befleiftigten. In der Tat dürfte man systematische Verleumdungen der Nachbarmächte in den Spalten'der Hrosten deutschen Blätter vergeblich suchen Aber für die ArteilSbildung im Auslande kam weniger diese Presse als die radikaler gesinnte in Betracht Denn die fremden Zeitungen und zum Teil auch die fremden Botschafter, z. D. Eadwright in Wien, führten mit Vorliebe die Artikel solcher Blätter, insbesondere der alldeutschen, oft noch entstellt, als mastgebend für die deutsche öffentliche Meinung und die Regierung an, obgleich sie wußten, dast sie nur einen kleinen Leserkreis befaßen und mit der Regierung nicht selten in heftiger Fehde lagen. So geschah es, dast sich im Auslande vielfach die Vorstellung von einem erobernrrgs- und kriegslustigen Deutschland bildete, aber Die Ur- fache lag viel weniger m der deutschen Presse als in der ausländischen Berichterstattung.
Gegensätze zwischen Frankreich und Italien, weit davon entfernt, sich zuzuspitzen, seien in den letzten zehn Jahren, unter der Herrschaft des angeblich angriffslustigen Faschismus, weniger scharf geworden. Denke man nur an jene kritischen Tage, als Foch in Oberitalien ausgepfiffen und auf die Behauptung Briands hin, Italien fetze sich nur deshalb für die Abrüstung ein. weil es seines Heeres nicht mehr sicher sei, das französische Konsulat in Turin nach Heraus- prügeln der Beamten völlig verwüstet wurde. Damals führte die italienische Presse, die vor- mussolinische. die demokratische und liberale, gegen den Bundesgenossen von der Piave eine Sprache, wie man sie heute kaum mehr hört. Heute sind dagegen die Stimmen, die sich für eine Versöhnung einsetzen, durchaus beachtlich, und Mussolini kennt schlecht, wer ihn für einen gebotenen Franzosenfresser hält.
Engländer und Amerikaner sind auch nicht gut auseinander zu sprechen, aber es zeigt sich immer wieder, dast gleiche Rasse und Sprache einen ganz besonderen Saft bilden, der schliestlich sogar stärker sein kann als Dollar und Pfund. Ganz ähnlich ist das Verhältnis zwischen Franzosen und Italienern, mag es oft auch ganz anders scheinen. Was sie gegenwärtig trennt, sind weniger Abneigungen als austenpolitische
Ist eine italienisch-französische Verständigung möglich?
Don unserem römischen L.-Korrespondenten.
Gießener Staditheaier.
Curt (tzätz: ..Lcitcnsprünge".
Gurt Götz. Schauspieler. Lustspielschretber und Regisseur in einer Person, ist stets bei uns ein gern gesehener Gast gewesen. Wir haben ..Hokuspokus „Ingeborg". den „Lügner und bic. Nonne" und auch jene Begebenheiten" hier gehabt. welche mit der berühmten „Toten Tante" ihre Krönung finden Ein ähnliches dramatisches Kunstgewerbe bilden die vier ..Hebungen" — Götz hat stets eine eigene Terminologie für seine Sachen gewäh- t , welche unter dem gemeinsamen Titel ..Scitenfprünge" erschienen sind und gestern. obwohl sie der Herr und Meister nicht in eigener Per'on und mit den Seinen zelebrierte, ein amüsiertes Publikum sanden.
Die vier .Hebungen" heisten: „Tobby". ..Die Taube in der Hand". ..Der Hund im Hirn“, Minna Magdalena": der Obertitel lästt die gemeinsame Themenstellung unmistverständlich erkennen- es handelt sich um die alte und oft auf die Bühne beschworene Arithmetik im Verhältnis der Geschlechter, der Götz immer wieder neue und wenn nicht neue, fo doch jedenfalls aparte und erheiternde Konstellationen und Nü- anccn abzugewinnen weist —: im Plauderton. in einem sorgsam ziselierten Dialog, frech, witzig und allemal, was für das Theater wesentlich ist. scharf pointiert.
Der erste Seitensprung heistt „Tobby": auster Tobby sind noch Harrv. Fanny, Bobby und Mary an der lehrreichen Hebung beteiligt, welche von einem unstatthaften Verhältnis berichtet und austerdem davon, wie der in diesem Falle recht- mästige Besitzer, wenn auch nicht sein Eigentum, so doch die Trümpfe in der Hand behält.
Heberhauvt lind alle vier Stücke in gewissem Sinn Lehrstücke" und haben eine bestimmte Moral. was zunächst etwas verblüffend erscheint, weil man die hier nicht vermutet, und weil sie überdies In einer keineswegs landläufigen oder fogar in einer grotesken Form serviert wird.
Da die „Seitensprünge“ noch durchs Abonnement laufen, wollen wir uns im übrigen auf Andeutungen beschränken und uns bemühen keine Pointe vorwegzunehmen. was die heitere Wirkung der noch aus^^enden Abende beeinträchtigen würde.
Die für unser Gefühl amüsanteste Hebung ist die zweite, sie heistt „Die Taube in der Hand": der Spay fitzt paradorerweise auf dem Dach und spielt nicht mit. Dies ist die bemerkenswerte Geschichte von den ausgeknobelten Freundinnen. von dem Würfelspiel ..August bläst vom Turm" und vom ausgegangenen Licht. Wie das zufammenhängt und endet, must jeder selber sehn.
Nach der Pause: zuerst ..Der Hund im Hirn" oder der gebissene Liebhaber oder der mit der Tollwut bestrafte Fehltritt: eine wahrhaft grausame Begebenheit und ein äuherst lehrreicher und zugleich abschreckender Strafvollzug.
Zum Schlust: „Minna Magdalena": das ist, wie man leicht erraten kann, eine parodistische Persiflage von Hebbels berühmtem bürgerlichen Trauerspiel. Biel Lärm um nichts oder nach der Götzschen Devise: alles halb so schlimm. Doch ist diese vierte Hebung, die ein wenig an die „Tote Tante" erinnert, die grobschlächtigste von den vieren, und die auf Mistverständnis und Verblüffung gegründete Pointe ist zwar komisch, das Ganze aber doch etwas breit ausgewalzt.
Es wurde viermal hintereinander — unter Fafso11s Regie — so lebendig und luftig gespielt. dast Herr Götz wenn er anwesend gemeßen wäre, vermutlich eitel Freude und Zufriedenheit geäustert haben würde Die Inszenierung traf den Ton und Stil der mehr oder minder galanten Einakter mit geschickter Nuancierung, geschliffener Konverfativn und gut sitzenden Pointen L ö s f- lers Bühnenbilder zeigten die passenden Innendekorationen mit zweck'^ästiger Raumgestaltung
In „Tobby" benutzte Maria Koch ihren Seitensprung zur Entfaltung einer sehenswerten „Szene" zwischen dem von Hauer überlegen gegebenen Gatten Harry und Ia'nschecks aufgeregtem Liebhaber Bobby, während Herr Hub in steifer Biederkeit den Reitknecht Tobbv und Frl. Sachse die niedliche Zofe Mary mimten.
Die Taube in der Hand" brachte eine ausgezeichnet gegebene Konversationsszene. sprühend von Witz und Bosheit, zwischen Herrn Hauer (Balthasar» und Frl. Berger Alice- Frl. Wielander (Beatrice» sprudelte besonders in der Eingangsszene ihre Entrüstung in drolligem Wortschwall heraus, während Scheich er - Ado- lar) die Groteske der Situation schon ein wenig übertrieb
5 aff ott stattete den Professor als Rächer seiner Ehre im „Hund im Hirn" mit wahrhaft geniesterifcher Raffinesse aus. die man hinter dem etwas verschollenen Austenbild dieses Gelehrten kaum vermutet hätte: Bruck als Lieb- Haber, schrecklich getroffen von der Rache Strahl. Frau Koch als schuldbewustte Eva Herr Geiger deklamierte mit komödiantischem Pathos auS der „Elga".
Zum Schlust war Hub als zürnender Vater aus Kohschenbroda so recht in seinem Element und sprach auch fast so täuschend Dialekt wie Götz selber im Hokuspokus". Frl. W i e 1 a n d e r hatte sich als Mädchen Minna phantastisch her- gerichtet und erntete gleich beim ersten Erscheinen einen Sonderapplaus Herr D o l ck und Frau Schubert hatten sich des zweiten Professoren- paares hingebungsvoll angenommen und kämpften einen selbstlosen Kampf wider den Grimm des wütigen Vaters.
Es war. wie schon gesagt, ein heiterer Abend: es wurde viel gelacht und brav geklatscht hth.
Lebensgeschichie einer Hand.
23on Hilde Mana Kraus.
Zuerst war die Hand keine fünf Zentimeter lang und sah aus wie ein Kinderspielzeug Sie rollte sich immer wieder zusammen wie ein Blatt, und die winzigen Nagelchen glanzten perlmuiicrfarben Unter der zartrosa Haut schimmerte em bläuliches Aderneg. Die Innenfläche bestand aus lauter kleinen weichen Hugelchen, die sich um ein schön geschwun- genes M gruppierten.
Allmählich begann die Hand zu greifen. Ergriffenes fest zuhalten und am Daumenglied war eine kleine Schwiele oom Lutschen.
Die Hand wuchs. Die Schwiele am Daumen verschwand, dafür war der Nage! des Mittelfingers manchmal blau, wenn er zwischen den Türen der Straßenbahn eingeklemmt wurde Unter den Nageln lag nun oft Sand und Schwur Einmal allerdings waren sie ganz sauber, aber dafür bildeten sich rote Fleckchen auf der Haut Sie war auch heitz und trocken, und die Finger hasteten über die Bettdecke. Doch das ging vorüber.
Die Hand wurde großer. Sie war nun etwa zehn Zentimeter lang, und die Fingerspitzen waren immer voll Tinte, besonders am Zeige- und Mittelfinger. Salb darauf bekam sie die erste Norde. Das Messer
Entwicklungen, ’ür die man weder bic einen, noch die andern verantwortlich machen kann, weit sie naturentstanden, allo wohl naturgctoollt find. Sie gehen turud auf da» nerfchiedcne Volkswachstum und den lehr verschiedenen natürlichen Reichtum beider Lander, wie- eben die geborene Angleichheit, au- her Hn- freiben und Hnbrudcrlichkcn stammen, oberstes Gelen der Schopfungsgewalt tli W>U man für die Folgen em Schlagwort haben, so stellt es sich mit dem K ampf ums M i t t e I m e e r" zwanglos ein. dessen erste Etappe die Genfer Diplomaten mit ..Flottenverhandlungen" zu bezeichnen pflegen Dazu kommen noch die römischen Aspirationen aus Tunis, auf eine bessere Grenze m Tnpolitanien zumindest, aus Kolonien Schwerwiegende Fragen, gewist. aber nicht unuberwind- liche. es sei denn, man komme nicht los von dem leidigen Fetischtanz ums..Prestige"
Den besten Weg. eine Verständigung zu verhindern. das da- „Journal de Gcncve" gewiesen. Entsetzt über die Möglichkeit eines italienisch- deutschen, ja eine- vertikalen Bündnisse- unter Einbeziehung England-, beschwort es Frankreich, „eine g r o st e Geste" zu machen und etwas, was ihm nicht gehört, an Italien zu verschenken, z. B. die deutsche Kolonie Kamerun Rom hat daraus nur mit einem deutlichen Achselzucken geantwortet Der Vorschlag ist Versailles von reinstem Wasser, der darin steckende Gedanke, einen Keil zwischen Italien und Deutschland zu treiben, nach dem Muster von Sudtirol und polnischem Korridor, zwar verflucht gescheit, aber überlebt Italien weist sehr wohl dast sich dakommende Deutschland den polnischen Korridor nicht gefallen lasten und auch seine Kolonien zurückfordern wird Es ist durchaus denkbar.' weil austenpolitifch zwcckmästig. dast sich um größerer Ziele willen Deutsche und Italiener über die Drcnnerwand hinweg die Hände reichen können, und es ist selbstverständlich, dast man in Rom ein Kolonialgeschenk aus der Hand des rechtmästigen Eigentümers nicht ausfchlagen würde, aber den Zankapfel aus der Hand Frankreich- — niemals, solange der scharfe austenpolitische Verstand eines Muffvlini die Lage beherrscht
Nichts legt deutlicher den Finger auf die Stelle, wo sich italienische und französische Geiste-- auffalfung in der Politik scheiden, als der Vorschlag des „Journal de Genepe". Unfrieden zu fäcn Die Logik, dast ein Italien. daS sich wegen einer Kolonialfrage mit Deutschland verfeindet, automatisch mit Frankreich vergleichen mühte, hat einen groben Denkfehler. Denn sie unterschlägt die Voraussetzungen.
Unterstellt man als richtig, dast in den Kabinetten gegenwärtig Fäden für ein vertikaler Bündnis gesponnen werden, wie anderseits, etwas offener, an dem Bau der französischen Queroder Donaulinie gearbeitet wird. Io ergibt sich die Frage, was Rom und Paris als Ausgangspunkte dabei anstreben. Soweit der gelunde Menschenverstand in dem seinen Spiel mitkvmmt, wird er zu der Erkenntnis kommen, dast Frank- r o i ch zur Sicherung des Friedens, d h. seine- Fr jenä, des Hnterdrückung-sriedens von Ver- 'v lies, neue Stützen an bte Mauer um Deutschland anlegcn möchte. Italien dagegen will gerade da - Gegenteil Nieder mit der Zwingburg! Italien will einen anderen als den Frieden Frankreichs einen europäischen Frieden. Die römische Regierung--- presse hat das deutlich genug ausgesprochen „Die italienische Nation erhofft sehnlich die Erneuerung Deutschlands, und zwar aus zwei Gründen weil die deutfche Kultur ebenfoviel Recht auf Fortentwicklung hat wie die italienische und französische, und weil die Gesundung Europas ohne Deutschland nicht m ö g- lichi st." Sie wünscht einen Aufschwung Deutschlands. „weil der Aufschwung dieser Nation allen anderen zum Vorteil gereichen würde". Das ist. wenn man will, auch ^acro cpoisinn Erhofft bic französische Nation einen solchen Aufschwung ebenso sehnlich?
glitt beim Pfeifenschneiden von dem glatten Weiden- holz ab und schnitt eine gerade Sterbe in den Dau men. Die Wunde heilte, ober ein glanzender Strich blieb zurück. Kleine Härchen begannen den Hand rücken und die Zwischenräume der Fingergelenke zu besiedeln. Noch waren die Adern flach, aber bi' Knöchel ragten wie vier Zacken hervor, wenn die Ha d sich zur Faust ballte.
Die Hand wuchs. Maschinenöl mit Staub vermengt füllte jede Ritze der Handflache aus, und her bflnfle Rand unter den Fingernägeln war selbst mit Seife, Sand und Bürste nicht zu entfernen. Die Innenseite wurde eine einzige große Schwiele, und die Knöchel, anfangs immer blutend, bedeckten sich mit einer hornartigen Schicht.
Die Hand lernte arbeiten und streicheln, wenn auch etwas unbeholfen. Zn einem falten Winter ver dickten sich die Gelenke, und im Frühjahr, als es zu lauen begann, wurden sie feucht und juckten.
Die Stellen, die früher schwarz von Tinte waren, überzog das Braun des Tabaksaftes
Die Hand wuchs nun nicht mehr. Die Adern auf dem Handrücken schwollen an und lagen wie eine seltsame Verzierung auf dem braunroten Grund Don einem bestimmten Tag an trug der vierte Finger einen Ning, der allmählich auf der Innen- fläche eine kleine Extraschwiele bildete.
Breiter wurde die Hand. Sie verschmolz mit Me- tallhebeln und Griffen zu einem Stück Sie pasttc ihre Form den Match,ncnteilen an, die sie umklammerte, und beherrfchte fo die roiberfpenftigen Räder und Kolben. Einmal aber schnellte ein Radhammer zurück und zermalmte die zwei obersten Glieder des kleinen Fingers- Der Finger wurde bis zum Knöchel abgetrennt, und bald war die Haut über den Stumpf fast ebenso hart, wie die anderen Fingerkuppen
Eines Tages aber muhte die Hand ganz neue Arbeit lernen. Sie muffte ein Stahlrohr putzen, ein Zünglein am Gewehr abziehen, einen Spatenstiel führen .
Die Haut wurde rissig und schwärend, und blau oom Frost.
Ein Eiienltück stog daher, rist die Hand glatt weg und warf sie ein paar Meter weiter in die aufgewühlte Erde Noch einige Tage ragte sie heraus, wie ein verkohltes Stück Ast, dann bedeckte sie ein Erdrutsch.
Rach mehreren Jahren grub eine Pflugschar den Erdklumpen» mit der Hand aus. Emc Anzahl lofer Knöchlein fiel heraus, kleine weihe Stäbchen, wie Ainderiptelzeug.


