Ur. 247 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheßen)
Donnerstag, 20. Oktober M2
Aus der Provinziathaupistadt.
Dietzen, den 20. Oktober 1932.
Hausbesih
und Instandsetzung der Häuser.
Der Hausbesitzerverein Dietzen vereinigte gestern abend viele Mitglieder zu einer Versammlung im Cafe Leib. Der Vorsitzende, Stadtratsmilglied Launspach, leitete die Versammlung. _
Verbandssyndikus W. Schäfer (Offenbach) sprach über „Die Durchführungsbestimmungen zur Wiederinstandsetzung des Althausbesitzes und die Erstellung von neuen Wohnungen durch Aufbau oder Teilung von größeren Wohnungen". Der Redner beschäftigte sich zunächst mit grundsätzlichen Erörterungen über die Lage des Haus- besihes. Das Haus werfe in der Gegenwart keine Rente mehr ab. Wer glaube, eine Rente errechnen zu können, betrüge sich selbst. Die Häuser befänden sich in denkbar schlechtestem Zustande, der einem Verfall der Vermögenswerte gleichkomme. 3n Deutschland sei es nicht zuletzt deshalb abwärts gegangen, weil man dem Hausbesih die wirtschaftliche Kraft geraubt habe. Die Steuerlasten seien dazu angetan, den Hausbesitz vollends niederzudrücken. Durch frühere Verordnungen habe man dem Mieter weitreichende Rechte ein- ■geräumt, zum Schaden des Hausbesitzers. Die Mieten seien gesenkt worden, die Sondergebäudesteuer zwar auch, aber erst ein halbes Sahr später. Das habe wieder Verluste gebracht. Die Rente wurde erschüttert, und in der Auswirkung dessen verfielen die Häuser. Das ganze Gewerbe, das Handwerk, habe unter dieser Folgeerscheinung sehr gelitten. Dem Stand der Hausbesitzer habe man unter den drückenden Verhältnissen jeden Llnternehmungsgeist und seine frühere Elastizität geraubt.
Run aber bereite sich eine Arnkehr vor. Die Maßnahmen der Regierung v. Papen seien geeignet, Hoffnungen wach werden zu lassen. Der Weg zu einer Besserung der Verhältnisse sei beschritten, weniger allerdings um der Hausbesitzer, als um der Allgemeinheit willen. Die Regierung habe 50 Millionen Mark für Reparaturen und Umbauten als Zuschußmittel zur Verfügung gestellt. Sn 20prozentigen Zuschüssen sollen sie den Hausbesitzern zugute kommen. Die restlichen 80 Prozent müsse naturgemäß der Hausbesitzer aufbringen. Wenn er aber in den Genuß des Zuschusses kommen wolle, müßten Reparaturen wenigstens in Hohe von 250 Mk. ausgeführt werden. Rur außerordentliche Arbeiten seien zuschußfähig. Die Reparaturen können bereits jetzt zur Snangrifsnahrne im März angemeldet werden. Die Zuschüsse sollen ohne jede bureaukratische Hemmung zur Auszahlung gelangen. Das Handwerk habe alle Ursache, sich um diese Dinge zu kümmern, denn es sei zu 90 Prozent daran interessiert. Für den Hausbesitzer habe der Zuschuß werterhaltende Bedeutung. Sn seinen weiteren Ausführungen erläuterte der Vortragende dann die Formalitäten, die zur Erlangung der Beihilfe erfüllt werden müssen. Die Auszahlung der Zuschußbeträge solle, so betonte er, sofort nach Beendigung der Reparaturarbeiten erfolgen. Ausdrücklich sei vorgesehen, daß auch der Hausbesitzer, der zugleich
Handwerker ist und seine Reparaturen selbst ausführen kann, von der Zuteilung eines Zuschusses nicht ausgeschlossen sei. Der Betrag von 50 Millionen Mark könne auch (bei 50prozentigen Zuschüssen) für die Teilung größerer Wohnungen in Anspruch genommen werden. Mit der Teilung von Wohnungen seien übrigens Steuervergünstigungen verbunden. Die neuen Möglichkeiten der Hilfe für den Hausbesitz bedeuteten nur eine Etappe auf dem Wege des Kampfes der Hausbesitzer zur Beseitigung der Zwangswirtschaft und zur Aufhebung der Sondergebäudesteuer. Sodann streifte der Redner noch das Kapitel der Steuergutscheine und legte dar, in welcher Form diese zur Erhaltung der Werte im Haus verwendet werden können. Der Steuergutschein
Heist die Not lindern!
Die Gießener Winlernothilfe nimmt zur Zeit eine Kleidersammlung für die hilfsbedürftigen Mitbürger vor. Fuhrwerke der Reichswehr holen die Spenden ab. Trompetensignale künden die Sammlung an. Jedermann helfe nach besten Kräften, denn die Rot i ft groß!
Spende für die Wmiernoihilse.
Der Arbeitgeberverband für Lahngau und Oberhessen e. V., Ortsgruppe Gießen und Hingegen^, hat dem Winterhilfswerk, wie im Vorjahr, eine monatliche Beihilfe von 500 Mark in Aussicht gestellt und sich wiederum Erhöhung dieses Betrages in den Monaten Vorbehalten, in denen erfahrungsgemäß die Winternothilfe besonders stark in Anspruch genommen wird.
sei ein Wechsel auf die Zukunft, gleichzeitig aber auch eine Unterlage für die Abgabe von Krediten durch öffentliche Kreditinstitute, also eine Unterlage zur Erlangung von Mitteln, die zur Ausführung von Reparaturen verwandt werden können.,, Wie sich die Beleihungsmöglichkeit entwickle, lasse sich heute noch nicht absehen. Eine dritte Möglichkeit, dem Hausbesitz zu helfen, bestehe in der Snanspruchnahme einer Bürgschaft des Reiches für Wechsel, die zur Bezahlung von Reparaturen verw ndt werden. 100 Millionen Mark seien hierfür durch das Reich bereit- gestellt. Abschließend wies der Redner darauf hin, daß der 20prozentige Zuschuß nicht etwa eine Maßnahme für den minderbemittelten Hausbesitz sein solle, sondern eine Anregung zur Belebung des Wirtschaftslebens, an der jeder Hausbesitzer teilnehmen sollte. Für die Hausbesitzer sei es eine Rotwendigkeit, sich zusammenzuschließen, wenn sie eine energische Verfechtung ihrer Snteressen wünschten.
Rach einer Pause sprach Stadtratsmitglied R i - c 0 laus. Die Existenz des Hausbesitzers sei immer Kampf gewesen. Die Hilfsmaßnahmen der Reichsregierung bedeuteten keine endgültige Losung der Probleme des Hausbesitzes. Die Ain- terstühung könne nur jenen zugute kommen, die noch die 80 Prozent der Kosten für Reparaturen aufbringen könnten. Der Hausbesitz sei nicht mehr
wohlhabend. Gemessen an der Summe der auf- kommenden Hauszinssteuer bedeuteten die 50 Millionen Zuschußgelder nur 4 Prozent. Auf Gießen konnten von den Zuschußmitteln nur 30 000 Mk. entfallen. Das bedeute für insgesamt 150 000 Mk. Arbeitsvergebung. Beser wäre es gewesen, die Hauszinssteuer um 50 Prozent zu senken und den Betrag zur Ausführung von Reparaturen verwenden zu lassen. Man wolle dankbar sein für weniges, wesentlich aber sei die Forderung nach Abbau der ungerechten Hauszinssteuer. Sn seinen weiteren Ausführungen beschäftigte sich der Redner mit der möglichen Form der Gebäudeentschuldung. Abschließend wies er darauf hin, daß der bevorstehende Wahlkampf die Hausbesitzer mit auf dem Posten sehen müsse, wenn sie sich nicht weiterhin in den Hintergrund drängen lassen wollten. Man müsse sich immer vor Augen halten, daß vom Wohl des Hausbesitzers das Wohl weiter Kreise unseres Volkes abhänge.
OerReichszuschuß für dieZnstarrdsetzung von Wohngebäuden.
Von der Sndustrie- und Handelskammer Gießen wird uns geschrieben:
Es besteht Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß bei der Vergebung von Snstandsehungs- arbeiten unter Snanspruchnahme eines Reichszuschusses außer den rein handwerklichen Betrieben auch solche Antemehmungen, die im Handelsregister eingetragen sind, berücksichtigt werden müssen. Die erforderliche Bescheinigung über den erfolgten handelsgerichtlichen Eintrag wird auf Verlangen von der Kammer ausgestellt.
Bornotizen.
— Tageskalender für Donnerstag: Hausfrauen-Beratung, 20 Ahr, Cafe Leib, öffent- liche Sonderveranstaltung: „Das Kind in gesunden und kranken Tagen". — Vortragsgemeinschaft: Goethe-Bund, Kaufm. Verein und Orts- gewerbeverein, 20 Ahr, Reue Aula, „Sixt und Bettina". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „3ch will nicht wissen, wer Du bist", sowie ein Beiprogramm auf der Bühne. — Astoria-Lichtspiele, Seltersweg, „Autobanditen".
— DerArbeitergesangverein „Ein- t r a ch t“ veranstaltet am nächsten Sonntag, 23. Oktober, 16 Ahr, in der Reuen Aula der Aniversi- tät ein Dolkskonzert. Mitwirkende sind der Männer-, Frauen- und der Gemischte Chor des Vereins, sowie Mitglieder des Orchestervereins 1908 Gießen. Zur Aufführung gelangen Werke von Mozart, Mendelssohn-Bartholdy, Silcher, Ath- mann, Kahn, Thiessen usw., außerdem unter dem Titel „Ein Arbeiterleben" eine Dichtung von Thiessen für Chor und Orchester. Räheres ist aus der heutigen Anzeige ersichtlich.
Gictzencr rLLpreise.
* Gießen, 20. Okt. Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Kochbutter 1,00; Süßrahmbutter 1,30; Landbutter 1,20; Matte 25 bis 30; Wirsing 6 bis 8; Weißkraut 4 bis 6; Rotkraut 7 bis 8; gelbe Rüben 8; rote Rüben 8; Spinat 15; Römischiohl 8; Anter-Kohlrabi 5 bis 6; Rosenkohl 20 bis 25; Tomaten 15 bis 20; Zwiebeln 8 bis 10; Meerrettich 30 bis 70; Schwarzwurzeln 30 bis 35; Kürbis 5 bis 6; Kartoffeln 3; Aepfel 15 bis 30; Birnen 10 bis 20; Dörrobst 30 bis 35; Pfirsiche 30 bis 50; Honig 40 bis 45; junge Hähne 70 bis 80; Suppenhühner 60 bis 80; Gänse 70 bis 80;
Dos«foi Seo W
Roman von Gert Rothberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale)
17 Fortsetzung. Rachdruck verboten!
Traute zuckte zusammen. Hatte er sich verlobt und verlangte seine Braut, daß sie, Traute, von hier entfernt wurde? Der Kopf mit dem rostroten Haar senkte sich ganz tief, und die Wintersonne warf einen hellen Schein darauf.
„Kann ich da jetzt gleich hinübergehen?"
Traute wußte nicht, ob ein Wort von ihrer • Frage zu Horen gewesen war, denn die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Aber er mußte die Frage doch wohl verstanden haben, denn er sagte kühl:
„Gewiß, Fräulein! Sie fangen dann am besten gleich heute früh bei Buchhalter Kersten mit an.“
Er wandte sich feinem Arbeitstische zu und nahm keine Rotiz mehr von ihr. Traute suchte mit zitternden Fingern ihre Sachen zusammen, und gerade, als sie das Laboratorium verlassen wollte, klang feine Stimme:
„Sch mochte Sie noch etwas fragen, Fräulein Dolscher."
„Ditte, Herr Lohgarten!"
„Waren Sie mit Shren Eltern im Konzert, in dem Heinz Altendorf fang?“
°And — es ist eine sonderbare Frage, dennoch horte ich sie gern von Shnen beantwortet: Hatten Sie sich die Karten zu diesem Konzert selbst gekauft?"
„Rein!"
„Sch dachte es mir.“ _ .
Bittere Sronie schwang durch seine Stimme. Er wußte, daß es ein unwürdiges Verhör war und daß er dazu kein Recht hatte.
Kein Recht? Er war doch ihr Vormund? Ah, wie gut, daß er sich in dieser Minute darauf besann. Run hatte er doch auch ein Recht zu feinen Fragen.
„Alnt> kannten Sie Herrn Altendorf?“
„Sa!"
„Sch danke Shnen, Fräulein Dolscher. Sch muß Shnen jedoch jeden Verkehr mit Altendorf untersagen, solange der Mann noch verheiratet ist. Ditte, richten Sie sich danach."
Ohne sie noch eines Dlickes zu würdigen, ging er schnell ins Rebenzimmer.
Traute stand da, starrte auf die Tür. Was hatte er gesagt? Was glaubte er von ihr? So schlecht war sie in (einen Augen, daß er so etwas auch nur in Erwägung ziehen konnte?
Sie lief auf die Tür zu. Sie mußte ihm doch erklären, wie das alles gekommen war. Er mußte sie anhören.
Da, als sie die Hand aus den Drücker legte, zuckte sie zurück. Wollte sie sich demütigen? Wenn er so schlecht von ihr denken konnte, dann konnte sie ihn mit ein paar Worten nicht vom Gegenteil überzeugen. And — es war gut so, daß er sie aus seiner Rähe verbannte.
Diese letzten Wochen waren schwer genug gewesen. And wenn sich ihr nur irgendwo eine Stel
lung bot, dann würde sie diese Stellung annehmen. Doch das würde jetzt schwer sein. Was würden denn die Eltern sagen, wenn sie plötzlich nicht mehr im Laboratorium arbeitete? Würden sie nicht denken, daß sie sich etwas hatte zuschulden kommen lassen? And würden das nicht auch alle anderen Menschen denken müssen?
Traute schob diese Gedanken von sich. Was tat es ihr, was man sprach? Aber daß er von ihr schlecht denken konnte, das marterte sie — darüber kam sie nicht hinweg!
Shre Hand strich liebkosend über das Rückenkissen seines Stuhles, ehe sie hinausging.
„Sch liebe dich! Fritz Lohgarten, ich liebe dich . ja!“
Zehntes Kapitel.
„Lieber Lohgarten, ich habe mich nun einmal darauf versteift, Sie als meinen verehrten Schwiegersohn zu sehen, und ich denke, daß Sie sich das schon noch überlegen werden. Das Mädel liebt Sie. Sie ist eifersüchtig auf Shre schone kleine Gehilfin; sie mag auch nicht so beherrscht sein, wie Sie Shre Frau sehen möchten — aber sie liebt Sie doch, und ich denke, das wiegt doch eine ganze Menge kleiner Anarten auf. Schließlich sind Sie der Mann dazu, mit diesen kleinen Anarten auszuräumen. Wenn man erst verheiratet ist, fügt sich das von selber. Run, wie denken Sie darüber? Sch möchte endlich auch klar sehen, und ich muß in den nächsten vierzehn Tagen wissen, wie ich mein verfügbares Geld anlegen soll. Wir sind Männer, die das Leben kennen, und ich denke, Sie nehmen mir dieses offene Vorgehen nicht übel. Diese Hinzieherei geht mir auf die Rerven."
Herr Wiedener trank einen gewaltigen Schluck. ' Er war mehr verärgert, als er zeigen mochte; dennoch gebot ihm die Klugheit, ruhig und freundlich mit Fritz Lohgarten zu sprechen.
Dieser sah ihn fest an. Dann sagte er:
„Eine Ehe ist nichts Geschäftliches, und aus diesem Grunde werde ich mich auch nicht verheiraten Zwei Menschen müssen sich kennenlernen, ehe sie diesen Schritt tun, und dann müssen sie auch genau wissen, ob sie zueinander passen für ein ganzes Leben lang. Sch habe nun eben herausgefunden, daß es zwischen Shrem Fräulein Tochter und mir keine glückliche Ehe geben kann, und darum ist es besser, wir bleiben Freunde."
Dem alten Herrn standen dicke Schweißtropfen auf der Stirn. Er hatte es sich so leicht gedacht, diesen Mann einzufangen. Der brauchte doch dringend Geld! Wie konnte man denn nur so stolz und trotzig fein, wenn man dringend Geld brauchte und man dieses viele Geld auf solche rührend einfache Meise erhalten konnte? Der Mann schien ein Sdealist zu sein, und mit diesen Leuten war immer sehr schwer etwas anzufangen. Aber er konnte doch nicht völlig unverrichteter Sache wieder nach Hause fahren? Slse war so aufgeregt und außer sich — dabei hatte sie ein dick verschwollenes Gesicht vom vielen Weinen. Das konnte er nicht mehr länger mit ansehen, und so war er einfach zu Lohgarten gefahren.
„Sch begreife Sie nicht, lieber Lohgarten. Denken Sie doch an Shren seligen Herrn Vater. Es würde doch jedenfalls ganz und gar in seinem Sinne sein, wenn die alten Merke wieder im
neuen Glanz sich entfalten. Shnen fehlt doch nur das Bargeld. Greifen Sie doch zu! Sie werden es sicherlich später bereuen, und ich will meine Ruhe haben. Bei Shnen wäre alles in den besten Händen, das weiß ich doch."
Mitleid war in Fritz Lohgarten. Mitleid mit diesem Manne, der sich vor einem Süngeren so demütigte um seiner verwöhnten Tochter willen. Doch er konnte es nicht! And er wollte es auch nicht mehr. And in geraden Worten setzte er es dem alten Herrn auseinander.
„Sch will mich auf fremdem Geld nicht aufrichten. Vielleicht gelingt es mir auch so, mich wieder in die Höhe zu bringen. And Shr sehr verehrtes Fräulein Tochter wird sicherlich bald genug einsehen, daß es nur gut war, daß sie nicht meine Frau wurde."
Der alte Herr stand auf.
„So wäre nichts mehr zu sagen. Sch bedauere es tief, lieber Lohgarten. Sch werde mit meiner Tochter ein paar Monate lang auf Reisen gehen, damit sie darüber hinwegkommt. Sch bitte um Shre Freundschaft, Herr Lohgarten."
„Sch danke Shnen sehr, Herr Wiedener! Shre und Shrer Fräulein Tochter Freundschaft wird mir immer wertvoll sein."
So schieden sie voneinander mit größter Hochachtung; aber zwischen ihnen stand die verwöhnte Slse, der noch nie im Leben ein Wunsch versagt worden war.
And Herrn Wiedener graute es vor dieser Heimkehr.
Slse aber nahm es ruhiger auf, als er gedacht, und er war so gerührt darüber, daß er ihr einem hohen Scheck ausstellte.
„Kaufe dir irgend etwas Aektes, mein Kind. And wir werden zunächst miteinander einige Wochen verreisen. Wie denkst du über Sankt Moritz, Arosa, anschließend Frühling an der Riviera?"
„Kannst du denn jetzt hier fort?“ fragte sie erstaunt.
„Sch mache mich frei. Das kann ich mir schon einrichten, Slse. Also wir fahren?"
Sie schüttelte den Kopf.
„Rein! Sch möchte hier bleiben. Wenigstens vorläufig, Papa", sagte sie sehr bestimmt.
Er entgegnete nichts; aber er war froh, daß sie diese Enttäuschung so ruhig aufnahm.
Er sprach noch einige freundliche Worte mit ihr über die nächste Festlichkeit, die sie hier draußen veranstalten wollten — und dann ging er.
Aber er ahnte Anheil. Anheil, von dem sein Haus mit betroffen wurde.
Als Slse allein war, ballte sie die Hände.
„Das hat er mir antun können? And jetzt, nachdem er doch von diesem Geschöpf hätte lassen müssen? Rachdem er weiß, daß dieses Mädchen ein Allerweltsliebchen ist? Sch muß sie vernichten. Es muß irgend etwas geschehen, damit dieses Geschöpf endlich unmöglich gemacht wird."
Zusammengekauert hockte Slse auf ihrem Ruhebett. And schwarze Gedanken jagten sich hinter ihrer weißen, klaren Stirn.
Eine hohe Gestalt loste sich aus dem Schatten der Bäume, als Traute früh allein zu ihrem
Rüsse 35; Tauben Stück 50 bis 60; Käse 5 bis 10; Eier ausl. 10 bis 12, inl. 12; Blumenkohl 30 bis 60; Endivien 10 bis 15; Ober-Kohlrabi 5 bis 8; Lauch 5 bis 10; Rettich 8 bis 10; Sellerie 10 bis 35; Kartoffeln Zentner 2,50 bis 2,80; Weißkraut 2,50 bis 3,00; Wirsing 4,00 bis 4,50; Rotkraut 5,00; Aepfel 12,00 bis 25,00.
*
** Kein Branntweinausschank am Wahltage. Wie bei den früheren Wahlen, so wird auch bei der Wahl zum Reichstag am 6. Rovember wieder der Ausschank von Branntwein und der Kleinhandel mit Trinkbranntwein verboten. Der preußische Snnenminifter hat in der am Mittwoch erschienenen Rümmer der Preußischen Gesetzsammlung eine entsprechende Verordnung veröffentlicht, durch die der Ausschank von Branntwein und der Kleinhandel mit Trink- brannttoein am Samstag, dem 5. und am Sonntag, dem 6. Rovember 1932, bis zur Polizeistunde verboten wird. Zuwiderhandlungen werden mit Haft und mit Geldstrafe bis 150 Mark oder mit einer dieser Strafen bestraft.
** Zug der Schneegänse. Gestern um 15 Ahr überflog eine Schar Schneegänse, sieben an der Zahl, in der bekannten Keilform in mäßiger Höhe unsere Stadt. Die Tiere flogen in der Richtung Rord-Süd und verschwanden gegen 15 Ahr 8 Minuten nach Klein-Linden zu.
** Feueralarm - Sirenenprobe. Am nächsten Samstag, 15 Ahr, werden die Feueralarmsirenen unserer Stadt einer Prüfung auf ihre Betriebsfertigkeit unterzogen. Zur Beunruhigung besteht also beim Ertönen der Sirenen kein Anlaß.
** Alebe rf alt auf ein junges Mädchen. Am Dienstagabend wurde ein zunges Mädchen von Rodheim, das in einer Zigarrenfabrik in Gießen beschäftigt ist und sich mit seinem Fahrrad auf dem Weg nach Hause befand, in der Rähe des Windhofes bei Heuchelheim von einem Manne angefallen und belästigt. Da das Mädchen um Hilfe rief und sich energisch wehrte, schlug ihm der Rohling mehrere Male auf den Kopf und ergriff beim die Flucht. Die Personalien des rohen Menschen konnten bisher noch nicht fest gestellt werden.
** Der Sagdk 1 ub Gießen und Umgebung hielt dieser Tage in feinem Dereins- lokal seinen ersten weidmännischen Famllien- abend ab, der — wie man uns berichtet — sich eines guten Besuches erfreute und als wohl- gelungen bezeichnet werden kann. Rach den einleitenden Worten des ersten Vorsitzenden, Stadt- ratsmitglied Balzer, der die Versammlung willkommen hieß, hielt Dr. Karl Rudolf F i - scher, Gießen, einen Lichtbildervortrag über „Ratur, Geschichte und Schicksal der Lüneburger Heide und des niedersächsischen Bauerntums", mit dem er Darbietungen aus den Werken des Heidedichters Hermann Lons verband. Der spannende und anregende Vortrag, der u. a. den Werdegang des Heidelebens von Eiszeit und Armensch an bis in das Zeitalter der Kaliförderung und Erdölbohrung schilderte, fand ein dankbares Publikum und reichen Beifall. Sm weiteren Teil des Abends wechselten Säger- lieber und Sagdgeschichten lustiger Art in bunter Folge miteinander ab. Zum Schluß gab der Vorsitzende bekannt, daß im Rovember eine Hubertusfeier, verbunden mit der diesjährigen Sagdaus- ftellung, abgehalten werde.
Dienst ging. Die Arbeiter in der Fabrik begannen mit ihrer Arbeit eine volle Stunde später als das Bureaupersonal. Traute erschrak bis ins Herz hinein. Sie hatte den Mann erkannt: Heinz Altendorf!
Er vertrat ihr den Weg, und rechts und links waren hohe Schneewehen. Fassungslos sah sie ihn an.
„Was wollen Sie von mir? Bitte, geben Sie den Weg frei! Sch habe mit Shnen nichts zu schaffen, und ich komme nur in einen schlechten Ruf, wenn man mich mit Shnen zusammen sieht", sagte sie außer sich.
Er verbeugte sich tief.
„Verzeihen Sie mir, Fräulein Bolscher; doch mir blieb keine andere Wahl. Sch muß Sie sprechen."
Shre Augen sahen ihn groß und ernst an.
„Sch wüßte nicht, was wir zu besprechen hätten. Doch ja, bitte, nennen Sie mir den Preis für die Konzertkarten, damit ich das Geld an Sie abschicken kann. Sch nehme keine Geschenke von fremden Herren an“, sagte sie ruhig.
„Fräulein Bolscher, ich liebe Sie! Sch bitte Sie um Verzeihung dafür, daß ich nur eine Minute lang denken konnte, ich dürfe mich Shnen nähern, wie man sich anderen Frauen nähern darf. Sch habe eingesehen, daß das falsch war, ganz falsch und daß ich niemals so zu Shnen hätte sprechen dürfen. Rochmals: Verzeihen Sie mir!“
„Sch habe Shnen verziehen — doch ich bitte Sie, meinen Weg nicht mehr zu kreuzen.
Es blitzte auf in den dunklen Augen; Altendorf sagte leise, eindringlich:
„Sch werde mich scheiden lassen. Werden Sie meine grau, Fräulein Bolscher!"
„Rein! Riemais! Sch würde mein Glück niemals auf dem Leid einer anderen Frau aufbauen, ganz davon abgesehen, daß ich Sie nicht liebe.“
„Sie werden mich lieben lernen. Sch warne Sie! Versuchen Sie nicht, mir zu entfliehen — Sie werden mir gehören."
„Riemais“, sagte sie voll zorniger Empörung.
„Doch! Sie werden einen Menschen, der ein völlig neues Leben beginnen möchte, nicht zurückstoßen. Sie wissen nicht, was mir das Leben bisher brachte!"
„Doch! Sch weiß!" sagte sie bitter. And dann fügte sie hinzu: „Ruhm, Ehre, Anbetung! Darauf fußen Sie nun, denken, Sie brauchen nur zu kommen, und ich muß Shnen verfallen."
„So ist es nicht! Aber ich kann Sie nicht zwingen, besser von mir zu denken."
Er strich mit der schlanken, weißen Hand, von der er den Handschuh abgestreift, über die heiße Stirn. Das süße, junge Gesicht machte ihn rasend.
Er liebte dieses Mädchen. Er wollte nichts mehr mit der Vergangenheit zu tun haben. Einzig die Stimme nahm er mit aus dieser Vergangenheit, die ihm vorkam wie ein wüster Traum. Sn der Gegenwart waren nur dieses Mädchen hier und er! And ein neues, schönes Leben sollte beginnen.
.(.Fortsetzung folgt.)


