MMS Bttlittlli
Vornan von Hertha Fricke
Llrheberrechtsschuh: Verlag Oskar Meister, Werdau
26 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Stumm gingen die beiden Männer nebeneinander her, die endlosen Gänge entlang. Ein Beamter mit Schlüsseln stapfte wichtig vor ihnen her. Endlich blieb er stehen und öffnete eine Tür. Die beiden Männer traten ein. Halbdunkel war der öde, trostlose Raum, das Llntersuchungs- gefängniS. —
„Guten Tag, liebe Eva-Marie!" sagte Dr. Andresen und streckte der stumm dasitzenden Gestalt tief ergriffen beide Hände entgegen.
Sie saß zusammengesunken und rührte sich nicht. , . ...
„Sie haben Besuch, mein Fräulein! rief der Gefängnisdirektor laut und griff nach ihrer Schulter.
Sie wandte sich still herum und rührte sich nicht.
Da faßte Dr. Andresen sie unter das Kinn und hob das graublasse Gesichtchen zu sich empor.
„Eva-Marie!" Es lag eine Welt voll Liebe und Zärtlichkeit, von Trauer und Verzweiflung in dem Ramen, so dah der Direktor sich ergriffen abwendete. Das Mädchen hob ein wenig die Augenlider und sah zu Heinrich Andresen auf.
„Ich sage es nicht! — Sage Renate, daß ich schweige!" In ihrer Stimme war etwas Fremdes, Zuckendes, Zaghaftes.
„Das ist falsch, Eva-Marie! Du muht es sagen! Ich weih, daß du unschuldig bist! — Aber die Richter müssen wissen, wo das Kästchen ist, und wem du es bringen solltest! Cs ist nötig. Ditte, sage es uns!" Er legte den Arm um sie. Aber sie machte sich frei, ruhig, leidenschaftslos.
„Ich sage es nicht, Renate verläht sich darauf, dah ich es nicht sage!"
„Wenn ich dich aber bitte.' Liebes, einziges Mädchen! Du bist es dir, du bist es mir schuldig!" —
Es kam ihm gar nicht zum Bewuhtsein, dah er sie „Du" nannte. Hatte er sie doch tausendmal
in seinem Herzen so genannt. Den Gefängnisdirektor hatte er ganz vergessen.
Sie rang die Hände in schmerzvoller Gebärde und schwieg.
„Eva-Marie, du bist es deiner Mutter, deinem guten Ramen schuldig! Wer ist es?"
Sie lächelt«. Es war ein wehes, wundes Lächeln. „Ich sage es nicht! Renate weih es!"
Da nahm Dr. Andresen die abgemagerte Mäd- chengestalt auf seinen Arm, legte sie auf die wenig saubere Decke des Lagers und wendete sich an den Gefängnisdirektor. Den Puls des Mädchens behielt er in der Hand.
„Herr Direktor, können Sie sich überzeugen, dah dies ein klinischer Fall ist?"
„Sie sind der Meinung, Herr Doktor . er warf einen Blick auf die leeren, glanzlosen Augen, „es will auch mir bald so scheinen!"
„Wenn sie stirbt, ist es ein Iustizmord!" murmelte verzweifelt der Doktor.
„Aber nicht durch die Schuld der Richter, Herr Doktor! Es ist die Pflicht der Leute, angezeigte Verbrechen genau und sorgfältig zu prüfen!" —
„Gewih! Verzeihen Sie! Ich habe diese Dame lieb! — Sie ist einer Teufelei zum Opfer gefallen!" Doktor Andresen streichelte das wirre Haar des Mädchen. Seine Augen schimmerten feucht. „Helfen Sie mir, Herr Direktor!"
Da legte ihm der Mann in warmem, menschlichem Mitgefühl die Hand auf - die Schulter. „Soweit ich kann, gerne! Veranlassen Sie die Mutter, dah sie die Aufnahme in einer Priva^ klinik beantragt. Das Mädchen hat doch noch eine Mutter?" ,
„Ia, sie ist sogar hier in Berlin. Sie kam hierher auf die schändliche Zeitungsnotiz!"
„Gut! Verlassen Sie sich auf mich. Ich bin kein Unmensch, Herr Doktor! Mir tut das arme Kind in der Seele leid. Mag sie etwas getan haben oder nicht! Cs ist am besten, Sie holen die Mutter mit einem entsprechenden Ausweis über ihre Person. Inzwischen besorge ich den Gerichtsarzt mit dem Attest. Der Erlaubnisschein zur Entlassung wird schnellstens ausgefertigt! — Gehen Sie ruhig, ich kümmere mich um das Mädchen, bis Sie zurückkommen!"
Es fing schon an zu dämmern, als das Auto mit Heinrich Andresen und Frau von Diemen wieder vor der Tür des Gefängnisses hielt.
Die zarte Frau von Diemen hatte sich mit bewundernswerter Energie sofort den Ausweis besorgt und den schriftlichen Antrag gemacht, dah sie ihre geistig erkrankte Tochter in häusliche Pflege ober in eine Privatnervenklinik bringen dürfe.
Doktor Andresen hatte Sorge gehabt, sie könne es nicht ertragen. Aber sie sah still und gefaht, als er ihr Bericht gab, und tat nur einige Fragen.
„Cs ist selbstverständlich, dah ich mich ganz Ihren Wünschen füge, lieber Herr Doktor. Ich wäre ja verraten und verloren gewesen ohne Ihre treue Hilfe, die ich Ihnen niemals danken kann. Verfügen Sie ganz über mich. Und es ist wohl zu verstehen, dah ich Eva-Marie lieber krank weih als schuldig. Wie aber ist es möglich, dah sie so krank wurde?"
„Ihr Ehrgefühl wurde so tief verwundet, ihre Seele so tief verletzt. Ich bin überzeugt, dah es so ist, dah ein Auftrag, den ihr Renate gegeben, Cva-Marie in diese verworrene Lage gebracht hat, und das Gefühl der Schande. Bor meinen Augen und doch auch vor den Ihren, ist sie rein von dieser Schuld. Zu all diesem verzweifelten Kampf gegen die unglücklichen 11m- stände kam eine grohe körperliche Schwäche. Sie hat fast nichts gegessen, und der Schlaf war gewih nicht besser als der Appetit. Kommen Sie, gnädige Frau, der Wagen wartet," wir müssen alles versuchen."
Eva-Marie lag mit geschlossenen Augen, genau so, wie Heinrich Andresen sie hängelegt hatte. Her Gerichtsarzt stand neben dem Gefängnisdirektor, und jene Schwester Anna stand bei dein Lager Eva-Maries. Sie hatte die Haube abgetan und entschuldigte sich, dah die Kranke wie ein Kind sich vor der Haube fürchte und ängstlich abwehre. Sobald sie die Haube abgetan habe, sei das arme Mädchen zutraulicher.
„Ich verstehe den Zusammenhang", sagte Dr. Andresen mit finsterer Stirn. Dann war er wieder freundlich, streichelte Cva-Marie und flüsterte ihr zu, dah sie sehr lieben Besuch habe.
Da hob das Mädchen müde die Augen. Ein einziger Schrei kam von ihrem blassen Mund, wie ein geängstigtes Kind streckte sie beide Arme aus. „Mama!" Scheu legte sie das Gesicht an die Brust der Mutter.
„Du kommst mit mir heim, mein sühes Kind. Ich nehme dich hier fort. Du kommst mit mir,
und alles wird wieder gut", tröstete Frau von: Diemen.
„Die mütterliche Frau", dachte dankbar Dr. Andresen. „Sie kann mir helfen, das arme Kind zu erlösen."
Er besorgte die nötigen Formalitäten mit den beiden Herren und dankte ihnen. Die Schwester schickte sich an, die Kranke aufzurichten, um sie zu führen, aber willenlos sank Eva-Marie zusammen.
„Ich sage es nicht", flüsterte sie. „Ich will nicht wieder in den großen Saal. Ich sage eS doch nicht."
„Wir gehen nicht in den Saal, wir gehen nach Hause", tröstete Dr. Andresen, nahm sie auf den Arm wie ein Kind und trug sie selbst in den Wagen. So fuhren sie zunächst in das Hotel und legten sie ins Bett. Sie schlief vor Ermattung sofort ein und lag dort wie eine Tote, so farblos und wächsern. Doll Angst blickte Frau von Diemen dem Arzt in das sinnende Gesicht.
„Schlaf ist Segen für ihr armes Gehirn", sagte er ruhig. „Wir wollen sie schlafen lassen."
Leise und sorgsam fahte er den Puls, der matt war. Sein Gesicht war ernst. Frau von Diemen sah ihn mit heißer Sorge an.
„Wird sie wieder gesund werden?"
„Sobald es gelingt, ihren Körper zu kräftigen, ist Hoffnung", sagte er, „aber es bedarf der sorgsamsten Pflege, am besten wohl in einem geeigneten Sanatorium."
Da weinte Frau von Diemen bitterlich. „Ich kann es nicht bezahlen. Ich weih, wie furchtbar teuer das ist. Ich habe all mein Geld meinem Bruder geliehen. Ich kann über nichts verfügen, als über meine letzte Pension." Die bis dahin so gefahte, stolze Frau sah hilflos aus und aufs tiefste bekümmert. Was hatte das Geld doch für eine schrecklich große Macht. Hier entschied es vielleicht über Tod und Leben, über Ehre oder Schande.
Dr. Andresen aber fand ein freundliches, unendlich gütiges Lächeln. „Liebe Mama, das lassen Sie meine Sorge sein. Was ist Geld."
„Cs ist furchtbar, was ich alles von Ihnen annehmen muß, mein lieber, guter Doktor", sagte sie innig und drückte seine Hand an ihr noch schönes Gesicht.
(Fortsetzung folgt.)
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