Nr. 116 Zweiter Blatt
Zreitag, 20. !HoiJ952
(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen)
Aus der Prvvinzialhauptüadt.
Gießen, den 2V. Mai 1932.
Oas Wochenende.
■5)(K Wochenende will in seiner allgemeinsten Form die praktische Umwertung des alten Spruches lein .Ende gut, olles gut". Außerdem tfi das Wochenende aber nicht bloß Ende, sondern zugleich auch Vorspiel für eine neue Woche. Deshalb soll eS daS Unvermeidliche genießbarer machen, mit dem daS Leben nun einmal ouS dem Lebenszweck heraus verkoppelt ist und daS sich je nach dem Beigeschmack, den der einzelne damit verbindet, .Arbeit" nennt. DaS Wochenende möchte die Wochentagskost des ewigen Einerlei mit der irischen Würze der Aaturnähe appetitlicher machen, die körperliche oder geistige Magenverstimmung durch den Odem, der draußen frisch weht, beheben, damit Körper und Deist in d,c Gleichgewichtslage Aurüdfcfrrcn können, die zur Bewältigung neuer Ausgaben erforderlich ist.
Mit vielem anderen trägt auch daS Wochenende nur einen neuzeitlich zurechtsrisierten Ramen. .Um in der Ratur getreuen Armen von kalten Regeln zu erwärmen", flüchtete man schon früher, als eS noch keine motorisierten Kilometerfresser gab, ouS der Enge der alltäglichen Umgebung in die Weite der freien GotteSwelt. Diese machten ihren SonntagsauSslug, jene eine Landpartie. Bei dieser Rückkehr zur Ratur haben sich also nur daS Tempo, die Mittel und sonstigen Formen geändert. Der Zweck ist der gleiche geblieben. Man will einmal für Stunden ausspannen, einmal keinen Aktenstoub schlucken und keine Zahlen auf der Rehhaut tanzen sehen, 'und wie man sonst noch die Löblichkeit des Tuns umschreiben mag. Der Kosferapparat, der die neuesten Schlager her- unternäsclt, ist an die Stelle der Männerquartetle getreten, die den .schönen Wald, so doch da droben" besangen. Auch die Aufmachung, in der man heute den wohltätigen Einfluß von Licht. Luft und Sonne auf sich wirken läßt, hat sich, nicht immer zum Vorteil ihrer Träger, den gewandelten hygienischen Anschauungen angepaßt. Die Länge dieses Raturgcnusscs endlich ist zum Teil eine Folge wirtschaftlicher Vorgänge. Doch das, was das Wochenende sein will und sein sollte, ist unverändert der Mensch geblieben, in seinem naturbeding- tcn Drang nach Erholung. Denn schon: .Am siebenten Tage aber ruhte Er". Roch der Bibel also der vornehmste Grundsatz des Wochenendes.
Eine Woche in den Sielen der ^Tretmühle" verbracht. verdient sich einen Ausspann von selbst, weil nur in einem gesunden Körper auch ein entsprechender Geist wohnberechtigt sein kann. Ob man nun zu Fuß oder im Paddelboot wandert, ob man mit dem Motorrad entlegenen Zielen au- strebt, oder im bequemeren Auto, oder mit der guten alten Eisenbahn sich irgendwohin .Der- platzt", immer sollte das Wochenende nicht Sport, sondern Schauen und Erleben all des Tausendfältigen fein, das am Auge vorüberzieht, damit es das Gemüt besonne, damit es den Blick wieder freier werden läßt und den Sinn in die Weite deS um uns Wirkenden erhebt. Dann vergißt sich manches Mcnschlich-Allzurnenschlichc und wird, weil es unvermeidbar ist. in seiner Härte gemindert. und ..neues Leben blüht aus den Ruinen" der Kümmernisse und Beschwerlichkeiten, mit denen wir uns heute alle, jeder au seinem Teil, herumschlagen müssen. Dann wird auch dos Wochenende der äungbronnen sein, den die Mutter Ratur für alle diejenigen sprudeln läßt, die sich noch die Fähigkeit erhalten haben, in jedem Strauch und in jeder Blume das Wunder zu erblicken, dessen Werden und Sein von der Kraft ausgeht, die in ihren winzigsten Bruchteilen auch den Menschen werden ließ und sein läßt.
jOMiOtniier
Roman von Gerl Rothberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Hall«.
19. Fortsetzung. Rachdruck verboten!
Ansbrück begrüßte ihn in aller Form erst einmal. ,
John Harrison lachte dann breit, weil er sich seines Verstoßes bewußt wurde. Er entschuldigte sich, wurde dann aber gleich ernst.
Rehmen wir gleich noch ein bißchen hier Platz, lieber Doktor? Alice, es ist dir doch recht? Ich komme eben von einer höchst verfänglichen Unterredung. Denken Sie mal, lieber Doktor, einer der Herren behauptete, ein Rumäne hätte versprochen, die Pläne, die Sie ausgearbeitet haben, unserer Konkurrenz zu bringen."
..Wann hat der Herr dieses Versprechen gegeben?"
Ansbrücks Stimme klang schwer.
Mistreß Harrison wurde blaß, nickte xin bißchen ängstlich von einem zum andern. •
.Dann? — Ja, ba$ muh vor einigen Monaten gewesen sein."
„So? Dann ist alles gut. Dieser Rumäne wird die Pläne niemals ausliefern können, denn er erhält sie nicht."
Das klang sehr bestimmt.
Harrison atmete sichtlich erleichtert auf. Dann sagte er:
„Richt wahr? So ist es ja sehr gut. Es wäre ja auch alles wertlos, wenn man uns diese Pläne ausschnüsselte und von der Konkurrenz verwertete. Ich war tatsächlich ein wenig verdattert. Das ist gut so. daß Sie mich gleich an Ort und Stelle beruhigen konnten: ich hätte bestimmt eine schlaflose Rächt gehabt, denn solche Gauner, solche Spione arbeiten doch mit allen Mitteln. M.t jedem Mittel! Sie schrecken vor nichts zurück und sind gefährlich im allerhöchsten Grade."
„Allerdings!"
Rudolf Ansbrück sah im Geiste die schöne Lisa in die Arme eines solchen Menschen taumeln. In die Arme dieses Ilzenescu!
Pfui!
Mister Harrison nahm sich vor. feine Frau aber doch noch eingehend zu befragen, weshalb sie eigentlich den auch ihm sehr liebenswerten Ansbrück herbestellt habe.
Doch dann lächelte er vor sich hin.
Frau Ansbrück war verreist!
Aha. eine kleine Meinungsverschiedenheit oder gar ein kleiner Krach? Unb da sollte seine Alice wahrscheinlich vermitteln. Run. das war eine Rolle, die ihr vorzüglich lag. Das hatte sie nämlich
Hinter den Kulissen.
Ein Theaterbesuch über der Vuhne.
Ort des Geschehens daS Bühnenhaus deS Gießener Stodttheaters Heber die Bretter, die bekanntlich die Welt bedeuten, soll ZuckmayerS ..Hauptmann von Köpenick" gehen. Im Theaterkaal vor der Bühne wartet Kopf an Kopf — durch das berühmte Guckloch im Vorhang konnte man daS ..Vorfeld" gut übersehen — die theaterfrohe Menschenmenge auf das interessante Bühnenstück, über der Bühne oben auf der Drücke ist diesmal mein Platz Etwa 7 Meter unter mir liegt die Bühnen- fläche, um mich herum und über meinem Kopfe ein Gewirr von Apparaten. Seilen, Schiebern usw. daß dem Beschauer schier Hören und Sehen vergehen kann.
Auf der Bühne, zehn Minuten vor Beginn der Vorstellung, geht s noch sehr gemütlich zu. Schauspieler und Schauspielerinnen kommen und gehen, begrüßen sich und plaudern, beschauen ihre Ko- ftümierung noch einmal mit kurzem kritischem Blick im Spiegel, stehen unschlüssig herum, pendeln hierhin und dorthin, der Inspizient geht noch einmal prüfenden Blickes durch das Geschiebe. Riemand von ihnen ahnt, daß hoch oben auf der Bracke im Halbdunkel ein Beobachtungs- Posten sitzt, der sich den ganzen Bühnenzauber einmal hinter dem Vorhang aus der Vogelperspektive ansehen möchte und sich zu diesem Zwecke das bilderreiche und mit den raffiniertesten Mitteln der Bühnentechnik arbeitende Zuck- mayersche Stück vom „Hauptmann von Köpenick" ausersehen hat. Auf der Drehbühne, mit der bei diesem Stück die rafche Folge der Bühnenbilder ermöglicht wird, lieht man von oben herab die verschiedenen Lokalitäten bereits aufgebaut, in denen das Schicksal deS „HauptmannS" sich in spannungsvoller Folge abwickeln wird. So eine Art „Allerwelts-Zimmereinrichtungen" kann man da in Augenschein nehmen, und man kann dabei bemerken, welcher ungeheure Apparat an Einrichtungsgegenständen aus dem Theaterfundus und an Menfchenkraft erforderlich ist. um bei diesem Stück den Besuchern des „Hauptmanns" das vielseitige Milieu der Handlung vor Augen zu führen.
Das Gongzeichen ertönt zum ersten Male Männlein und Weiblein verschwinden lautlos Wie weggeblasen von der Bühne. Rur zwei Personen verbleiben: die eine in Offiziersuniform mit aufgeknöpftem llniformrod und umgefchnall- tem Degen (das ist aber noch nicht der. sondern nur c i n Hauptmann) und ein lahmer und krummer Schneidergeselle. Dieder ertönt der Dong, und nun rauscht der Vorhang in die Höhe. Das Spiel beginnt, der „Hauptmann" tritt seinen Gang über die Bühne an. Völlige Dunkelheit herrscht im Bühnenhaus und natürlich auch auf der Brücke, die von der einen Seite der Bühne $ur anderen Passiermöglichkeit bietet. Rur das Bühnenbild, vor dem die Theaterbesucher in großer Spannung lauschend sitzen, ist so weit erhellt, wie der Dille des Dichters unb die Vorschriften der Spielleitung es gestatten. Der Beobachtungsposten und die
beiden wachhabenden Feuerwehrleute schauen interessiert auf da» sieben Meter unter ihnen f,ch abwidelnde Schauspiel herab. Aber sie sehen nicht nur die handelnden Personen im Bühnenbild, sondern he bemerken auch im Halbdunkel, unmittelbar an den Eingängen zum Bühnenbild, die in Sprungbereitschaft stehenden anderen Rollenträger. die auf das Stichwort warten und dann pkellgeschwinb und doch in gelassener Selbstverständlichkeit in die offene Szene hineinspazieren. Die Beobachter sehen ferner im Scheine der unten aufblifjenden Taschenlampe des Inspizienten, wie geschäftige Bühnenarbeiter Stück auf Stück der Einrichtung zu neuen Bühnenbildern bc# .HauptmannS" aus der Tiefe des Bühnenhauses heran- bringen unb bereit stellen, um nach Schluß bes ersten Bühnenbildes ben ganzen .Bühnenzauber" eilfertig unb geräuschlos wegzuräumen unb an der frei geworbenen Stelle cm neues Bühnenbild aufzubauen. Der Vorhang fällt. Da« erste Bild ist beendet.
Die Drehbühne, kreisrund wie ein Ka- russellboden und viel größer als ein solcher, wird von kräftigen Männerfäusten in Bewegung gesetzt: daS neue Bild wird eingebreht. Im Hanbumbrehen „steht cs". 5>er Vorhang rauscht wieder empor, bas zweite Bilb wirb gespielt. Unb schon sinb bic Bühnenarbeiter, arbcitscisrig wie bic Ameisen, beim Fortschaffen bes ersten Bildes und beim Aufbau eines neuen. Geräuschlos geht die Arbeit vor sich. Flüsternd werden die Anordnungen bes „Zimmerarchitekten" gegeben. Wie ein Uhrwerk läuft ber ganze Apparat seinen Gang, der sich von der Beobachtungsstelle aus so cinrad) barbictet unb doch eine unheimliche Arbeit und Mühe bereitet bat, bis daS Danze in allen Teilen aufeinander ein- gesuchst war. Und wie beim ersten unb beim zweiten Bilb geht es bann etwa vier Stunden lang weiter, bis bic 18 Di Iber bic Bühne passiert haben.
Ein ungeheuer spannendes Schauspiel, das sich da nicht nur vom Theatersaal aus gesehen, sondern auch über ber Bühne beobachtet vor ben Augen bes Zuschauers abwickelt. Alle möglichen Volkstypen sinb in ben Rahmen ber Hanblung eingespannt, stehen hinter bem Dühnenbilb als sriebliche unb geruhsame Zeitgenossen herum, um im nächsten Augenblick bei ihrem Stichwort auf ber Bühne im grellen Rampenlicht als Offizier, „Polyp" (Berliner Schuhmann in ber blauen Vorkriegsuniform mit ber Pickelhaube», Bolle- junge ober Dollemäbchen (Personal ber bekannten Berliner Molkerei Dolle). Handwerksleute, „Penner", Halbweltpflanzc, als Soldaten im Urlaubs- anzug ober in ber Dicnstuniform mit aufgcpflanz- tem Seitengewehr, als Bürgermeister von Köpenick, Ratsdiener, Polizist usw. usw. aufzutreten. Ein kunterbuntes Gemisch von Figuren, die samt unb sonbers unter bem einen Leitgebanken stehen: bem „Hauptmann von Köpenick" zu einer wirkungsvollen Aufführung auf ber Gießener Stabttheaterbühnc zu verhelfen.
Taten für Kreitaq, 20. Mai.
Sonnenaufgang 4.28 Uhr, Sonnenuntergang 20.15 Uhr. — Mondaufgang 21.35 Uhr, Monbuntergang 3.44 Uhr.
1764: der Bildhauer Gottfried Schadow in Berlin geboren: — 1798: der Stenograph Wilhelm Stolze in Berlin geboren; — 1799: der Schriftsteller Ho- nors de Balzac in Tours geboren; — 1846: General
oberst Alexander von Kluck in Münster geboren; — 1917: Ende ber Frühjahrsschlacht bei Arras.
Pornotizcn.
— Tagcskalender für Freitag: Stadttheater. 20 bis 22 Uhr. .Seitensprünge". - (Safe Leib, 20.30 Uhr. Vortrag von Therapeut Herrmann. — Lichtspielhaus. Bahnhofstraße: .Die Schlacht von Bademünde".
auch daheim im Kreise der Verwandten und Freunde schon tun müssen.
Und sie hatte sich in dieser Rolle immer erfolgreich betätigt.
Wenn er bloß an seinen Reffen Bobby dachte! Und an dessen Frau Lizzi!
Der endgültige Krach hatte schon vor der Tür gestanden, und heute lebten sie wie bic Turteltauben! Alles bas Derbienst seiner Alice!
Ja, ja. eine Fluge Frau war boch viel wert, sehr viel!
Unb Mister Harrison nahm sich vor, boch lieber nicht zu fragen. Was brauchte er beim auch in alles seine Rase zu stecken? Er hatte schon geschäftlich immer genug zu denken und gönnte seinen Gedanken auch gern einmal Ruhe.
Aber bic Versöhnung mit bem reizenben Frauchen mußte f>crrli<h fein. Darum beneibete er Doktor AnSbrück
Man sprach noch von biefem, von jenem unb trennte sich bann in allerbester Laune.
Mister Harrison brachte seinen Geschäftsfreund sogar bis in die Halle hinunter, wo es noch sehr lebhaft zuging. Harrison sprach so eifrig auf Doktor Ansbrück ein, baß der ganz vergaß, baß hier vorhin Bekannte von ihm gesessen und er Weber nach rechts, noch nach links sah.
An ber großen Windfangtür verabschiedeten sich bic Herren freunblich Doncinanber.
Vilma Banborff aber atmete lief auf.
Er hatte einen Geschäftsfreund besucht Wie froh sie das machte. Aber sie wollte jetzt auch heimfahren. Zudem blickte ber Vater sie wein- selig an.
„Kleine, bas ist ein ausgezeichneter Abenb. Daß bu mir ben nicht Derborben hast, ist wirklich nett von bir — Meine Herren, ich bringe Ihnen einen vergnügten Schluck."
„Wir gehen jetzt, Papa!"
Vilma griff nach ihrem Weißfuchsmantel.
Papa Banborff versuchte einen kleinen Aufschub: boch Vilma schüttelte nur ben Kopf Rach einer Weile aber sagte sie:
„Wir dürfen die arme Mama nicht zu lange warten lasten. Sie ängstigt sich — das weißt du doch."
Seine Hand fuhr nach der weißen Halsbinde.
„Ach ja, bic Mama! — Wir wollen boch lieber jetzt fahren."
Vilma bat bic beiden Herren für den nächsten Abend zum Tee, damit sie noch ein bißchen entschädigt wurden — unb dann fuhr ber große rote Wagen davon.
Graf Osten und Fritz Hildebrandt sahen ihnen noch nach; dann gingen sje noch einmal Arm in Arm in die Halle zurück, wo ihnen jedoch höflich eröffnet wurde, daß man jetzt schließen muffe.
Sie lachten, zogen sich an und suchten noch ein Rachtlokal auf, wo man noch lange nicht schloß.
Lisa sah mißmutig in den Garten, der vor dem schlohartigen Gutshause von PolAcnhagen sich ausbreitete. Sie war wütend auf Schwager Ernst, weil der ihr ganz gemütlich erklärt hatte, sie fei verrückt. Jetzt gäbe es kein Fest. Erstens aus verschiedenen anderen Gründen nicht, und zweitens besitze er immerhin so viel Pietät, daß er bic Trauer um seinen Schwiegervater nicht ab- türzc. Vielleicht helfe Lisa ein bißchen in ber Wirtschaft mit? She Mamsell sei sowieso überlastet. unb zudem werde sie doch langsam alt. wenn sie das auch nicht wahrhaben wolle, seine alte gute Mine.
Lisa hatte verächtlich die Schultern gezuckt und war hinausgegangen. Sie machte noch immer ihre einsamen Spaziergänge.
Und sie wußte, weshalb sie diese einsamen Spaziergänge unternahm.
Sie hoffte. Herrn von Lübcrih zu treffen, der ihr sehr gut gefallen hatte, als sie damals an ihm vorüberfuhren. Seit dieser Zeit war sie nicht wieder zusammen mit ihm. Und daran war doch nur Ernst schuld, der kein noch so kleines Fest geben wollte unb seinen Geiz hinter seiner Pietät versteckte
Der gute Papa!
Der hatte fein Lebtag über alles unb jebes gekollert. Wenn ber Mensch sich berart über alles erregte, mußte er eben mit so etwas rechnen. Anbere Tochter suchten auch das Vaterhaus auf. wenn in ber Ehe etwas schief ging. Aber bei ihr muhte ja alles gleich ms Schlimmste ausgehen.
Rubolf blieb unversöhnlich!
Wenn sie an ihn dachte, dann überlief es sie heiß. Das hatte sie getan!
Die hatte sie all das tun können!
Er verzieh ihr nicht. Es war alles vergeblich. Ilzenescu!
Sie hatte sich von s einen feurigen Liebesworten betören lasten, von Worten, die eingelcmte Phrasen waren, um bas Opfer gefügig zu machen. Sie hatte gemeint, bi cf en fremden Menschen zu lieben! Hatte um seinetwillen ihren Gatten bestohlen unb betrogen.
Rein! Es gab nichts, was bas alles toieber hätte gutmachen können. Richts gab es.
Lisa dachte jetzt wieder an all das, und bic Reue schüttelte sie. An ihrer Stimmung war biefer graue Tag schulb. Dicker häßliche, graue Februartag — der Letzte des Monats!
Sie konnte nun heute nicht einmal hinaus, war gezwungen, im Zimmer zu hocken.
Dicke Stille unb Trostlosigkeit von Polzenhagen riß ihr an allen Rerven. Unb Traute war auch so einsilbig geworden in ben letzten Wochen. Es war ja auch kein Wunder. Das arme Kind sollte nun immer hier sein, muhte keine Jugend in diesem Winkel vertrauern. Sic wollte boch wenigstens einmal mit ihr sprechen. Wenn Traute auch mit ausbegehrte, bann muhte Emst einfach eine kleine Abwechslung schaffen.
Letzte Nachrichten.
Vorverlegung der hessischen Landtagswahl.
Var m stabt, 20. Mai. (TIB. Drahlmrlbung.) Al» Termin der Neuwahl bet hessischen Landtag», ber vorläufig auf ben 3. Juli fefl- gclcgt war. ist endgültig ber 19. Juni de stimmt worben. Diefe Vorverlegung entspricht vielen an bie Regierung ergangenen wünschen. Vie Offenlegung ber Listen hat vom 29. Mai bi» 5.3uni. beibe läge einschließlich, zu erfolgen. Aus Grund ber Artikel 18.1 unb 20 Lanbe»wahl- gesetze» find beim Lonbe»wahlleiter einzureichen bl» zum 2. Juni. 19 Uhr. bie W a h I v o r s ch I ä g e unb bi» zum 28. Mai. 19 Uhr. bie etwaigen Serbin- bungeerflärungen ber Listen.
— AuS bem Stadtthcalcrburcau wirb uns geschrieben. Heute. 20 Uhr. Erstaufführung deS Einaktcr-ZykluS „Scitcnsprüngc" von Curt Goetz Vier kleine Spiele um ein gemeinsames Grunbnrotiv. geschrieben von bem Schauspieler. Regisseur unb Autor, ber auch in Gießen schon mit großem Erfolg gastierte. Die Titel der Kleinkomöbien find: „Tobby. bic Taube in der Hanb. ber Hunb im Hirn. Minna Magbalcna". Pctcr Fassott hat bic Spielleitung In bic Rollen teilen sich: Damen Berger. Koch. Sachse, Schubert-Jüngling. Wielanber. Herren Druck. Fassott. Gcigcr. Hauer, Hub. Ianschcck. Dolck. Schclcher. — Morgen. SamStag, 21. Mai. 19.30 Uhr. zum letztenmal ./Der Hauptmann von' Köpenick" unter der Spielleitung bes Intenbantcn. Die Vorstellung wirb, um jebermann ben Desuch zu ermöglichen, zu kleinen Preisen stattfinben. Enbe 23 30 Uhr — Hingcwicsen sei bereits auf bas Gastspiel ber Frankfurter Oper am Montag. 23. Mai. In Szene geht ..Rigoletto" von Verbi. Prominente Gäste werben singen- (John Gläser. Clara Ebers. Aböls Peermann. Robert vom Scheibt u. a.) Opcrnpreisc Runbfunk- unb Vorzugsgutscheine haben Gültigkeit. — Sonntag. 22. Mai. 11 Uhr. als Morgenfeier „Der junge Goethe". Die Veranstaltung finbet zu kleinen Preisen statt.
Oeffeniliche KreiSauSschußGihung.
Der KreisauSschuh bes Kreisc-Gie- ßen hielt gestern im Kreisamtsgebäude zu Gießen eine öffentliche Sitzung ab. die sich mit folgenden Angelegenheiten zu beschäftigen hatte:
1. Schulgeld für ortsfremde Fort- bilbungsschüler; hier: von der Gemeinde ViHingen an die Gemeinde Hungen. Die Verpflichtung der Gemeinde Dillingcn zur Zahlung des für das Schuljahr 1930 angeforberten Schulgeldes für ortsfremde Fortbildungsschüler an die Gemeinbekasse Hungen im 'Betrage von 169 Mk. wurde feftgcftellt.
2. Einspruch des Gemeinderechners Weck gegen den Voranschlag der Gemeinde Hungen für bas Rj. 1931. Dem Einspruch bes Gemeinberechners Weck von Hungen gegen den Voranschlag ber Gemeinde Hungen für das Rechnungsjahr 1931, ber sich auf bie Streichung ber Mittel für eine ihm in früheren Jahren zuerkannte halbe Hilfskraft bezieht, wurde stattgegeben. Dem Gemeinderechner ist auch für bas Ri. 1931 mit Rücksicht auf ben Umfting der Geschäfte ber Gcmeinbe- kasse eine halbe Hilfskraft seitens ber Gemeinde zur Verfügung zu stellen.
3. Hilfsbedürftigkeit des Otto Hammel. Garbenteich. Die Klage der Gemeinde Alten-Duseck gegen die Entscheidung des Hessischen Kreisamts,
Lisa ging hinüber, wo Traute mit Mamsell Mine bic eingekochten Früchte nachsah. Traute hatte einen weißen Leinenmantel über bai Äleib gezogen unb ftanb mit Dieistift unb Buch ba, sah ganz allerliebst aus unb schrieb eifrig ein, was bic Mamsell gezählt hatte.
Verächtlich schürzte Lisa bie Lippen unb bachte mitleibig: Landpomeranze!
Dabei hatte man Traute früher genau so gefeiert wie sic. Lisa! Es war einfach unmöglich, baß Traute es hier auf bic Dauer aushalten konnte. Ernst von Polzenhagen hatte seine Frau eben vollkommen eingeschüchtert. Es war gar nicht anbers zu erklären. Denn Traute war früher sehr temperamentvoll gewesen unb war wie eine kleine Katze auf ihren Angreifer loS- gegangen.
„Hast bu Zeit für mich, Traute?" fragte Lisa
„In einem Viertelftünbchcn, Lisa. Ich muh erst noch ber Mamsell helfen."
Lisa warf lachend ben Kopf zurück.
„Du oerbpuerft hier grünblid), Schwesterchen Don ber eleganten Traute von Massow ist nicht mehr viel übrig", sagte sic spöttisch.
Traute zuckte zusammen unb senkte ben bunflen Wuschelkopf Mamsell Mine aber brehte sich um unb warf einen mißbilligenden Blick auf die schöne Lisa, die diesen Blick hochmütig erwiderte.
Das war auch so etwas, was hier in Polzenhagen Sitte war. einem Dienstboten, mochte er auch ein Menschenalter im Hause fein, alle möglichen Rechte einzuräumen.
..Gut. ich erwarte dich brühen im Wohnzimmer". rief Lisa über bie Schulter zurück
Sie ftanb bann toieber am Fenster lieber- raschenb klärte sich bas Wetter auf. Drüben am Walbe schien schon bie Sonne.
Lisa blickte plötzlich sehr aufmerksam in ber Richtung nach dem Walde zu. Dori kam ein Reiter.
Ein einzelner Reiter! Als er näher auf Polzenhagen zu ritt, erkannte sie ihn. Sie hatte fich nicht geirrt. Es war tatsächlich Herr von Lüberitz!
Lisa blickte prüfend an kich herunter. Wie gut cs war, baß sic biefes schwarze Samtkleib an- gezogen hatte! Run konnte sic ihn gleich empfangen. Rasch lief sie hinaus.
Herr von Lüberitz wollte seinen Freunb Polzenhagen in irgendeiner wichtigen lanbwirtschaft- lichen Angelegenheit sprechen. Der Diener klärte ihn soeben barüher auf. baß Herr von Polzenhagen auk bic Felder hinausgeritten fei.
Liebenswürdig lächelnd, wie zufällig, ftanb Lisa plötzlich in der Halle. Herr von Lüberitz verneigte kich tief.
„Lüberitz! Ich wollte meinen Freund Polzenhagen sprechen. Run höre ich. bah er vor längerer Zeit mit bem Inspektor weggeritten ist. Wir müssen uns verfehlt haben, denn eigentlich grenzt unser Besitz aneinander."
(Fortsetzung folgt)


