Nr. 92 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Mittwoch, 20. April 1952
Philosophie und Psychologie.
* . 03 reysig:DerAufbauderPer- *0 n l schielt von Kant aufgejcigt am QBertc ein Versuch zur Seelenkunde des Gelehrten, Stutl- gart. Berlin (Cottasche Buchhandlung. Aachs.) PS** 142 S., 6 Mk. (343) - Der weithin bc- rannte Berliner Geschichts- und Gesellschafts- Philosoph hat seiner 1931 erschienenen höchst lesenswerten „Geschichte der Seele im Werdegang der Menschheit", die hier angezeigte Schrift folgen lassen, die durchaus im Zusammenhang mit jenem größeren Werke gewürdigt werden muß. Denn war es dort dem Verfasser darum zu tun. die Geschichte der Seele im Werdegang der Menschheit auszuzcigen als eine Entwicklung, die von dem Ueberwiegen einzelner Seclenkräste in den älteren Perioden der Menschheitsgeschichte zu einer Verflochtenheit in der neuesten Zeit führt, so handelt es sich für ihn jetzt darum, an einem überragenden Geiste, der zugleich Exponent der seelischen Gestimmtheit seiner Zeit ist. eben diese seelische Gestimmtheit darzutun. Verstand und Wille beherrschen das Zeitalter Kants. Verstand und Wille sind auch die Kräfte, die in Kants Werk wirksam sind. Einbildungskraft und Gcsühl — die beiden anderen Seelenträfte - sind zurück- gedrängt. Indem Dreysig dies an Kants Philo- sophie und Art zu philosophieren offenbar macht, läßt er sich leider mehr, als dies für seine Zwecke nötig war. zu sachlich.kritischen Auseinandersetzungen mit den Grundgedanken Kants verleiten, ohne genügend tief in den ganzen um Kants System schwingenden Problemkreis eingedrungen zu sein. Es würde zu weit gehen, hier einzelne - übrigens typische Mißverständnisse anzuführen (schon die ersten Sähe der Abhandlung enthalten ein solches). Unberührt bleiben von diesen Mängeln Wert und Richtigkeit der psychologischen Analysen.
— Psychologie des Unbewußten. Don Universitätsprofessor Dr. R. Herbertz. In der Sammlung „Wissenschaft und Bildung". 135 Seiten. Geb. 1,80 Mark. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig. — (28.) —Das Rätsel der Seele hat die denkende Menschheit von jeher beschäftigt. Träume, Wahnvorstellungen, Suggestionen, übernatürliche Fähigkeiten — wieviel Deutungsversuche dieser Erscheinungen sind nicht allein aus ticr Geschichte be- kannt! Erst der modernen Tiefenpsychologie ist es gelungen, an den Kern des Problems heranzukam- men. Einer ihrer bekanntesten Vertreter zeigt hier, wie alle Regungen der Seele, so zusammenhanglos sie auch scheinen, aus einem Grundprinzip zu erklären sind. Es handelt sich dabei nickt um künstliche und darum leicht angreifbare Auslegungen, sondern um eine wissenschaftlich exakte Untersuchung und Erfassung des Problems, die auch die Grenzen unserer heutigen Erkenntnis offen eingesteht. Dqbei wird eine Fülle rätselhafter Erscheinungen aufge- schlossen. Der Traum z. B. wird erklärt aus der schöpferischen Tätigkeit des Unbewußten. Auch bei dem Spezialgebiet Freuds, der Refonanztheor'ie, der Vürftellmigsverrnttpfung, den seltsamen Artens sich zu versprechen, geht die moderne Tiefenpsychologie neue Wege. Das Buch ist lebendig abgefaßt und belebt durch eine große Zahl praktischer Fälle, die Verfasser aus seiner eigenen Erfahrung beibringt. So bildet die Darstellung nicht nur eine belehrende, sondern zugleich eine fesselnde, stets interessante Lektüre.
Deutsche Erzähler.
— Georg Rendl: V y r den Fen st er n. Roman. 326 S. Leinen 4,80 Mark. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, Berlin. — (70) — Georg Rendl, geboren 1903 zu Zell am See in Salzburg, Sohn eines Imkers, übernimmt 17jährig die Bewirtschaftung einer Bienensarm mit über 160 Völkern. Verläßt als 20jähriger die Heimat, um in Jugoslawien seine Kenntnisse zu erweitern, kehrt nach Oesterreich zurück und findet seine Familie völlig verarmt, wird Bergarbeiter, dann Ziegeleiarbeiter, schließlich gelingt es ihm, in einer Tafelglashütte das Handwerk des Glasbläsers zu erlernen. Die Glashütten stellen ihren Betrieb ein. und wiederum brotlos wird Rendl Bahnarbeiter. Als Arbeits- und Obdachloser schreibt er seine beiden ersten Bücher, den früher hier angezeigten „Dienenroman" (Insel-Verlag) und den Roman „Vor den Fenstern". Dieses Buch schöpft aus Reichtum des menschlichen Daseins: Lebensbilder von ursprünglicher Wirkungskraft entstehens Arbeitsstätten. Fabrikhof, Stadtquartier, Landstraße, Bauemstall, Backstube, Wirtshaus. Wald und Moor, Feldhütte und Kapelle, ilcberall brennt ein Licht, das der Mensch hinträgt, überall brennt die Flamme des* Lebens. Mit dem Auge eines Dichters, der das Leben bejaht, blickt Georg Rendl sich um in einer winterlich öden Welt, da taut der Frost hinweg und eine gefrorene Seele blüht auf. So wird beschrieben, wie im Winterboden das Leben scheinbar erstorben ist und doch das Wachstum unverlierbarer Seelenkräfte vor sich geht.
— HeinzSteguweit: DcrIünglingim Feuerofen. Roman. 338 Seiten 8°. Leinen 4,80 Mark. Albert Langen, München 1932. — (67.) — Der Roman schildert die Schicksale eines jungen rheinischen Frontsoldaten unmittelbar nach seiner Heimkehr aus dem Felde. Die Nöle und Wirrnisse der Nachkriegszeit, der fremden Besetzung und der öeparatiftenumtriebe am Rhein werden — offenbar aus persönlichem Erlebnis heraus — geschildert und mit einer kleinen Liebesgeschichte nicht ungeschickt und nicht ohne Humor romanhaft verbunden: die Erzählung ist von leidenschaftlichem Patriotismus getragen, wird aber mitunter durch die etwas selbstgefällig wirkende Glorifizierung des in der ersten Person eingeführten Helden beeinträchtigt.
— Peter Mendelssohn: Paris über m i r. Roman. Ganzleinen 6,50 Mark, geh. 4 Mark. Verlag Ph. Rcclam jun., Leipzig. — (18.) — Dieser Roman ist ganz Zeitbuch und ganz Dichtung zugleich — eine seltene Synthese, die seinen eigensten Zauber ausmacht. Zeitbuch ist es, denn cs schildert das moderne Paris von 1930, das Gcwirre der Politik, Finanz und Gesellschaft, die Schicksale verschiedenster zeittypischer Personen, vor allem aber das deutsck französische Verhältnis. Aber diese Darstellung von Zuständen und aktuellen Problemen ist von einem dichterischen Temperament getragen, das alles in seinen mitreißenden Fluß taucht. Einer jener Grenzmenschen, die das Erlebnis zweier Lander und Kul
Für den Düchertifch.
turen in sich tragen, schildert hier sein eigenstes Schicksal als Deutscher in Paris, sein Gluck und seine Qual. Ein ernstes und doch bezaubernd jugendliches Buch, ein schicksalhaftes Dokument unserer Zeit, das eine der tiefsten Fragen der Gegenwart in ganz eigener Formung aufrollt.
— Kate Biel Alle Wege führen zu Franz. Roman. 211 Seiten 8°. E. P. Tal & Co., Verlag, Leipzig, Wien 1932. — (83.) — lieber die- sen Roman, Erstlingswerk einer jungen und bisher unbekannten Autorin, worin ungeschminkt und un bekümmert von den frühzeitigen Liebeserlebnissen eines gewitzten Kleinbürgermädels berichtet wird, wäre kein Wort zu verlieren, wenn er nicht mit dem Literaturpreis des Deutschen Staatsbürgerinnen- Verbandes ausgezeichnet worden märe; das erscheint doppelt unverständlich, wenn man bedenkt, bafj so kluge und angesehene Persönlichkeiten wie Gertrud Baeumer, Alice Behrend und Alfred Döblin
im Preisgericht tätig waren, — und wenn man sich durch die Lektüre überzeugen muß, daß dieser Roman (ursprünglich unter dem anmutigen und verheißungsvollen Titel „Irma ist ordinär".) weder gehaltlich noch formal irgendwie bemerkenswert, bedeutsam oder gar preiswürdig erscheint. Wir glauben allerdings zu wissen, daß Ina Slidel, die ebenfalls der. Jury angehörte, sich seinerzeit — zugunsten von Elisabeth Langgäsier — gegen die endgültige Entscheidung ausgesprochen bat. Nach dem, was wir von beiden Bewerberinnen um den Preis bisher gelesen haben, würde es begrüßenswert gewesen sein, wenn Ina Seidels Stimme sich hätte durchsetzen können. Jedenfalls ist zu hoffen, daß die Ausschreibung, falls sie wiederholt werden sollte, ein würdigeres Ergebnis zeitigt: es .gibt manche junge Dichterin heute in Deutschland, die einer solchen weithin sichtbaren Anerkennung wirklich wert wäre. —y—
Neue Kriegöbücher.
— ..Die chemische Waffe im Weltkrieg und - jetzt." Mit 16 Abbildungen. Don Dr. Ulrich Muller. Kiel. Verlag Chemie, Derlin. Gebunden 5,50 Mk. (15.) -- Der Der- faffer hat als Spezialist erst an der Front, dann in den Laboratorien an der Schaffung der Gaswaffe mitgearbeitet und ist noch heute mit dieser wichtigen Frage und der der künstlichen Vernebelung einschließlich der Schutzmaßnahmen usw. intensiv beschäftigt. Im ersten Teil, dem „Gaskampf" gewidmet, wird das Wesen der Gaswaffe Umrissen. Ein umfangreiches Kapitel ist der hochaktuellen Luftgaswaffe gewidmet. Sodann wendet sich die Arbeit dem eigentlichen Schweiz» punkt zu: dem Kampfstoff selbst. Das Wesen der chemischen Kampfstoffe überhaupt, die De- dingungen ihrer Drouchbarkeit und ihre Wirkungsweise werden in faßlicher Form wieder- gegeben. Es folgen die Begriffe der „Reiz>- grenzen" und des „Tödlichkeitsproduktes". Ein neuer Begriff, die „Warnzahl", wird vom Verfasser eingeführt und wirft neues Licht auf die bunte Reihe dieser Stoffe, vom Standpunkt des Arztes, des Chemikers Und des Soldaten aus gesehen. Eine historisch-graphische Darstellung, die neu und von unübertrefflicher Anschaulichkeit ist. erleichtert das Verstehen und zeigt, wie die deutsche Militärchemie in diesem Ringen die Führung an sich riß und sie bis zum Ende behielt. Einen breiten Raum des Werkes nimmt naturgemäß die Beschreibung der Kampfstoffe und ihrer Wirkung ein. Der zweite Teil des Werkes ist der „Schwesterwaffe" des Gases, dem künsb- lichen Rebel, gewidmet. In gleicher Klarheit wie im ersten Teil wird ihr Wesen geschildert, ihre Entwicklung beschrieben. „Die chemische Waffe" ist ein Ehrenbuch der deutschen Militärchemiker des Weltkrieges, ein Lehr- und Rach-> schlagebuch für den Fachmann und für öen arr der Materie besonders interessierten Laien.
— V o'n der Wolga zum Amur. Die tschechische Legion, und der russische Bürgerkrieg. Dargestellt auf Grund authentischen Materials von Dr. Margarete Kl ante. Herausgegeben im Auftrage der Reichsvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener, e. V. Ganzleinen 7.50 Mk. 2m Ost-Europa-Derlag. Berlin W 35- (13.) — Zwischen Krieg und Frieden 1916 bis 1920 — in Mitteleuropa fast unbeachtet vor den Sorges
u« das eigene Schicksal — spielte sich in Rußland und Sibirien jene erschütternde Tragödie ab, von der hier erstmalig auf Grund authentischen Materials rücksichtslos der Schleier genommen wird. Im Mittelpunkt der überaus bewegten Handlung steht das abenteuerliche Unternehmen der tschechischen Legionäre, das einer der wichtigsten Bausteine des tschechoslowakischen Staates geworden ist. Weite Kreise wissen bisher kaum, wie schon lange Jahre vor dem Kriege die tschechische Unabhängigkeitsbewegung in der alten habsburgischen Monarchie auf ihr Ziel hingearbeitet und wie ftch das nationaltschechische Denken auch auf einzelne Truppenteile der k. u. k. Armee ausgewirkt hat. Dieser Teil des Buches erleichtert das Verständnis dafür, daß schon 1915 tschechische Regimenter wegen Ueberlausens zum Feinde und Unzuverlässigkeit aufgelöst werden muhten. Aus diesen kriegsgefangenen österreichischen Soldaten tschechischer Abstammung bildete man in Rußland die tschechische Legion, die den Kamps für Masaryk und „Los von Oesterreich" durch Teilnahme an der französischen Front wirkungsvoll zu unterstützen gedachte. Auf dem Transport nach dem Westen begriffen, den sie quer durch« Rußland und Sibirien über den Stillen Ozean erreichen wollte, zwang sie der hereinbrechende Sturm der russischen Revolution zum Kamps mit Trotzkis Voler Armee. Einer der eigenartigsten Feldzüge begann, den die Geschichte des großen Krieges überhaupt zu verzeichnen hat: der Bürger- und Dandenkrieg zwischen Weih und Rot. Aufstände. Ueberfälle, Entwafsnungen. Gefechte und Schlachten, Regierungen wurden gebildet und verraten. endlose Reihen Flüchtlinge bedeckten die Straßen. Tschechen, Franzosen und Engländer, Bolschewisten. Weißrussen und Japaner standen im Gefecht. Mitten in diesem Chaos, dem grauenhaften Untergang -des riesigen russischen Reiches, zermürbt von der Sehnsucht nach der Heimat, trank und verhungert, bedroht von den ehemaligen Verbündeten Kameraden, den Legionären ... das Heer der „Plennys", der deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen. Man muß diese Aneinanderreihung überraschender Tatsachenberichte mit einer Fülle spannenden Details selber gelesen haben, um diese furchtbare sibirische Episode zu begreifen.
Goethe-LiieraturimIubiläumsjahr
— Goethes Werke. Mit einer Einführung von Gerhart Hauptmann. 2 Bde. 1880 Seiten. Th. Knaur Nachf. Verlag, Berlin W 50. Ganzleinen pro Band 2,85 Mark, Halbleder 3,75 Mark, Ganzleder 4,80 Mark. —(19.) — Diese schöne, sehr gut gedruckte und ausgestattete zweibändige Ausgabe von Goethes Werken bietet, was von seinem gewaltigen Lebenswerk im deutschen Volke lebendig bleiben wird. Gerhart Hauptmann, der fast zur selben Zeit, da sich Goethes Todestag zum hundert- sten Male jährt, das 70. Lebensjahr vollendet, führt in seinem fein abgestimmten Geleitwort in die Goethesche Geisteswelt ein. Die wenigen Seiten, in denen Hauptmann die ewige Lebendigkeit von Goethes Lebensarbeit beleuchtet, gehören zu den besten Essays, die wir seiner Feder verdanken. Bei der sorgfältigen Auswahl ist die Ansicht Haupt manns mit maßgebend gewesen. Der Lyriker kommt ausreichend zu Worte, auch die Spruchgedichte sind nicht vergessen.. Den epischen Dichter vertreten „Her- 'mann und Dorothea" und „Reineke Fuchs", während der Dramatiker mit den großen Dramen von „Götz" bis zum II. Teil des „Faust" fast vollständig vertreten ist. Der zweite Band bringt die drei großen Romane, die leuchtenden Schilderungen aus „Dichtung und Wahrheit", Reisebeschreibungen und Be- tenntniife, die Sprüche in Prosa. In beiden Bänden sind ferner zahlreiche Aufsätze zur Kunstgeschichte, Literatur und Naturmisienschaft enthalten. Die dankenswerte Uebersicht der wichtigsten Lebensereignisse aus dem Werdegano des Dichters schließt die Ausgabe ab, die einen Äolks-Goethe im weitesten Sinne des Wortes barftellt. — Die gediegene Ausstattung in Verbindung mit dem billigen Preis machen die Ausgabe zu einer im Goethe Jahr besonders willkommenen Neuerscheinung.
— Carl Gustav Corus: Goethe. Zu dessen näheren Verständnis. Mit einem Nachwort herausgeg?ben von Rudolf M a r x. 164 Seiten mit einem Bildnis. (Krövers Taschenausgabe Band 97.) Seinen 3 Mark. Alfred Krönet Verlag, Leipzig. — (58.) — Carl Gustav Carus (1789 bis 1869)', als Mediziner, Denker und Land'chaftsmaler gleich her- vorragend, einer der universalsten Menschen des vori gen Jahrhunderts, von Goethe, den er kannte und mit dem er bedeutende Briefe wechselte, schon als junger Mann mit höchsten Lobeserhebungen be= grüßt, zeichnet in diesem Buche mit dem Hellen Blick des Menschenkenners den Eindruck auf, den er von Goethe gewann. Wie man dem Wachstum einer Pflanze, ihren Bedingungen und ßeiiiräftcn nachgehen kann, so blickt Carus mit dem Auge des Naturforschers auf das Lebewesen Goethe und seine Entfaltung. So entstand, aus nächster Nähe gesehen, ein unschätzbares Bild von dem Menschen Goethe, von seiner Lebensgestaltung, Lebensform und 2c
benskunst, von seinem Verhältnis zur Natur und den Menschen: ein Buch, das für jeden, der mit dem Leben fertigwerden will, eine Reihe wertvoller Erkenntnisse birgt. Als Buch der Weisheit und Lebenskunst gesellt, es sich den Gesprächen mit- Eckermann. Als Simmel, Gundolf, Emil Ludwig baran« gingen, die geistige Gestalt Goethes aufzubauen, tonnten sie sich auf den genialen Wurf von Carus berufen. Nun liegt das Buch in der bekannten hellblauen Reihe „Kroncrs Taschenausgabe" vor. Rudolf Marx schrieb ihm ein einführendes Nachwort.
— Walther Linden: Goethe und die deutsche Gegenwart. 70 Seiten 8° mit Bild. Deutsches Verlagshaus Bong & Co., Berlin W 57. Preis 1,50 Mark. — (3.) — Unter den zahlreichen Erscheinungen des Goethcjahres nimmt das Büchlein Dr. Walther Lindens, des Neuherausgebers bet Bielschowskyschen Goethe-Biographie, durch seine frische, zusammenfassende Darstellung eine besondere Stellung ein. Der „lebendige" Goethe in seiner mechselvollen und zugleich einheitlichen Erscheinung — als Jüngling, Mann und Greis — tritt hier vor den Leser: ein Kämpfender, Leidender, ewig Junger. Dieses Volksbuch für alle Kreise setzt Goethe zu der Gegenwart in Beziehung und hebt hervor, wodurch er dem lebenden Geschlecht ein Führer sein kann. — Durch seinen niedrigen Preis ist das Bändchen für jedermann erreichbar.
— H. H. Houben: Der polizeiwidrige Goethe. 200 Seiten mit Textabbildungen, 8 Kunstdrucktafeln und mehrfarbigem Umschlagbild von Olaf Gulbransson. Geb. 3,80 Mark. G. Grote Verlag, Berlin, 1932. — (66.) — Dos ist kein Scherz, sondern bitterer Ernst' Es ergi^r.Deutschlands größtem Dichter nicht viel besser als zahllosen andern prominenten Schriftstellern von Anno I bis zum heutigen Tag! Wissen Sie, wie oft man den „Faust" verbot? Daß man „Werthers Leiden" konfiszierte Daß „Egmont" ein Menschenalter lang von der Hauptbühne Deutschlands verbannt blieb? Daß nicht wenige Gedichte Goethes als Schmutz und Schund, seine „Wahlverwandtschaften" durchaus als ein unsittliches Buch galten? Daß die meisten seiner Stücke sich erst nach einem halben ober ganzen Jahrhunbert auf ber Bühne so zeigen bürsten, wie sic geschrieben waren Alle bicse und noch manche anberen überraschcnben Enthüllungen macht Houbcn in seinem neuen Buch, belegt sie mit bisher unbekannten Dokumenten, illustriert sie mit Faksimiles urb zeit- geschichilichen Karikaturen. Das Werk ist als Bei- trag zum Goeihejahr ebenso interessant wie als selbständiges, .traurig wahres Kapitel aus ber Ge schichte des deutschen Geistes.
— Ernst Schrumpf: D e r nationale Goethe. Ein Wegweiser für unsere Tage 56 S Zweite Anklage. Geh. 1,50 Mark. I. F Lehmann«
Verlag, München 1932. — (54.) — Die kleine Schrift, deren erste Auslage schon früher an dieser Stelle cnge.jcigt wurde, enthält, für einen Vortrag zu- fummengcfteUt und vom Herausgeber mit einer Ansprache eingeleitet, eine Anzahl Goethe Worte aus den Briefen, Gesprächen und Werken des Dichters — ohne Kommentar ober verbindenden Text.
Politik und Geschichte.
— Prof. Dr. Richard Laqueur. Da« Deutsche Reich von 18 7 1 in weltgeschichtlicher Bedeutung. Verlag I. 6. B. M l^h r, Tübingen, Preis 1,50 Mk. (39) — Bismarcks Reich wird als eine Synthese bc« dhnastikchen Absolutismus und des deutschen Rationalismus gedeutet, und die beiden damit zur Vereinigung gebrachten Grundkräfte werden als historische Erscheinungen gewürdigt Der Absolutismus, eine nicht an Ort. Zeit oder Volkstum gebundene Herrschaftsform, begegnet mit allen charakteristischen Eigentümlichkeiten im Aegyptifchen Reuen Reich und im Hellenismus, die mit dem neuen Absolutismus verglichen werden. Das deutsche Rationalgefühl muß hingegen als einmalige Erscheinung aus der deutschen Geschichte abgeleitet werden, wobei den Frühstadien eine besondere Bedeutung zukommt. Das entscheidende Ereignis ist ber Ausstand des Ar- minius. der in seinem Ursprung erklärt wird. Der Erfolg war entscheidend, aber er ist doch auch die Grundlage für die Problematik ber Deutschen geworden, an der Bismarck vorübergehen mußte, um fein Werk zu vollenden
— Generalleutnant a D. Horst v. Metzsh: Männer und Mächte: Hindenburg. (R. Kittler. Verlag, Leipzig.) Mit 17 Abbildungen. Kart. 1,50. Leinen 2.50 Mk. — (79) — Einer der bekanntesten militärpolitischen Schriftsteller der deutschen Rechten, G.neralleutr.ant a. D. Hprst von Mehsch, gibt in diesem Buch nicht eine Biographie, sondern eine Untersuchung dessen, was er den Hindenburggedanken nennt. Rochmals das Leben des Marschalls und Reichs- Präsidenten zu erzählen, das wir alle kennen, war feine Aufgabe, die gerade diesen Autor hätte reizen können. Daher nimmt sich General v. Mehsch eine Analyse dessen vor. was an Hindenburg so groß und einfach und doch so kompliziert und bedeutsam ist. Weil Hindenburg ebenso das Problematische fehlt wie das Glänzende, stellt General von Mehsch sein Wesen dar „eingebettet in Ehrfurcht und Pflicht". Für den Autor ist der Hind?n- burggedanke etwas, das er ebenso unsterblich nennt wie Deutschland selbst. Der Hindenburg- gebaute, das ist die überparteilich regierte Ration. In Hindenburg selbst erblickt die ganze Welt eine Verkörperung des Deutschtums. Kein Sand zeitgefälligen Geschehens kann die alles überragende Pyramide stolzer geschichtlicher Größe verwehen. Aus diesen Gründen stammt die große Volkstümlichkeit Hindenburgs, die unerreicht ist.
Das „Gothaische Jahrbuch für Diplomatie. Verwaltung und Wirtschaft" ist im 169. Jahrgang für das Jahr 1932 erschienen. (17.) — Gegenüber dem Jahrgänge 1931 sind neu aufgenommen die Verfassungen von Abessinien. China. Südslawien und Polnisch- Schlesien. ferner die mexikanischen Gliedstaaten, di? internationale Sonderstellung Oberschlesiens sowie die Aufgaben des Völkerbundes. Aus zahlreichen Staaten liegen die neuesten Ergebnisse der Volkszählungen (von 1930 und 1931) vor. Die Ausstattung des Bandes ist tadellos, die Anordnung übersichtlich wie stets. Wegen seiner ständig größer werdenden Vervollkommnung sollte das Werk bei keinem Verwaltungsbeamten fehlen. Das Buch schmücken die Bildnisse des Präsidenten der französischen Republik, Paul Doumer. und des Reichsverwesers des Königreiches Ungarn, Rikolaus Horthy von Ragybanya-
Aus fremden Literaturen.
— Jack L o n d o n: „Meuterei auf der E l s i n o r e". Uebersetzt von Erwin Magnus. Brosch. 2,70 Mark, Leinen 4,2-5 Mark. Univeritas Deutsche Verlags-AG., Berlin W 50. — (77.) — Die „Elsinore", eines der letzten großen Segelschiffe, wagt die berüchtigte Umsegelung von Cap Horn. Sie trägt eine bunt zusammengewürfelte Schar Menschen durch die Einsamkeit der ungeheueren Wasserwuste. Den zwei Prachtfiguren des Kapitäns und des Steuermannes steht eine Mannschaft gegenüber, die sich aus verbrecherischen und zweifelhaften Elemen- ten zusammensetzt. Als einzige Passagiere dazwischen die Tochter des Kapitäns, ein echtes Seemannskinb, und der junge Pathurst, ein erfolgreicher Schrift- stellen Es gelingt Jack London wunderbar, die schwüle, unheilträchtige Stimmung auf diesem Un glücksschifs zu gestalten. Mitten auf ber Fahrt stirbt der Kapitän unb bie Meuterei bricht los. Nun räumt Jack Lonbon mit aller verlogenen Romantik auf: diese Meuterei gleicht in nichts den herkomm- lichen Vorstellungen, sondern eher einer mobernerf Lohnbewegung: Wind unb Wetter zwingen bie Mannschaft zubem, ihren Dienst weiter zu tun, um ihr eigenes Leben zu retten. Dennoch ist bie Fahrt äußerst gefährlich und abenteuerlich, ihr Ausgang erscheint immer wieder zweifelhaft. — Unnötig zu sagen, baß ber Roman e,ne lebenbige Schilberung von Meer unb Seefahrt gibt, m ber Jack Lonbon ja Meister ist.
. —®ufina r ® unnarsson: „Jon Ara- i o n . Romam Verlag Albert Langen, München. Preis geb. 8 Mark. - (38.) - Jon Arason — ein Islanber, ber als Stallknecht auszog unb Bischof rourbe, ber letzte des alten Glaubens auf Island bcnor mit landfremdem Gesetz lanbfrembe neue Bot.chaft b,galten Ordnungen zerstörte — von ihm )mgt bieie cage, von einem Glücklichen, dem alles wohl geriet, was er in bie Hand nahm, von einem öer Warfen konnte mit festem Griff, ber ein scharfes 2 uge unb em mutiges Herz hatte. Fest stand Ion Arason auf dem Boden seines uralten Landes ein hon g feiner Sippe unb aller, die feiner Würde sich beugten bis es fein Glück mehr brachte, unroanbel- ffiJmnUbxrCU=t3U lcin'™eH Neid aedieh unb bie jcroalt ber Fremben bas alte Recht brach. Da fäll! . on Araion unb gibt fein Leben unb lacht noch im «roarten"' Unterwerfung von ihm


