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9er Skandal in der Wetzlarer Verwallnng

Das erste gerichtliche Nachspiel.

losen Bestandteil herabgesunken. 3n Deutschland könne man vom frühen Mittelalter her bis zum 18. Jahrhundert das Dominieren des Herrschafts­gedankens verfolgen. Erst um die Wende des vorigen Jahrhunderts habe sich eine andere Ent­wicklung angebahnt. Ms Erneuerer des staat­lichen Lebens in Deutschland müsse der Freiherr vom Stein ange'ehen werden, der den Staat auf völkischer Grundlage aus den Urkräften seiner Bürger oufgebaut sehen wollte. Er habe den Deamtenstaat vorgefunden, dessen Gebäude wie ein riesiger Kuppelbau auf Säulen fundiert war, die die Beamtenschaft darstellte. Das Bolk in seiner Gesamtheit sei aber nur Füllwerk gewesen und nicht mittragender Bestandteil. Die Ver­antwortlichkeit des einzelnen gegenüber dem Ganzen war ausgeschaltet. Bei Jena, nach jener Schlacht gegen Napoleon, sei dieser Staat zu­sammengebrochen und die freie Volksgemeinde ge­boren worden. Die Liebe des freien Mannes wurde seinerzeit sichtlich zum Bestandteil staats- erhaltender Kraft. Die Basis des neuen Staates wurde die Volksgemeinde. Steins Einzug in Ber­lin habe seinerzeit den Beginn der Re-Germani- sierung bedeutet, den Beginn der Reorganisation des Volkstums, die einer neuen Form der Vater­landsliebe die Bahn gebrochen habe. Er habe in der Folge die Selbstverwaltung angestrebt und das Verantwortungsgefühl des einzelnen der Gesamtheit gegenüber gefordert. Der Gemeingeist sollte zugleich Vaterlandsliebe in' kristallisieren­der Ausgestaltung werden und der Selbstver­waltungsgedanke zum Erziehungsmoment für den tätigen Gemeingeist. Das Vaterland sollte sich nicht mehr im AbstraktumStaat" erschöpfen sondern imLand voll Lieb' und Leben" zu eigensten schöpferischen Kräften zurückfinden. Zum Schluß seiner Ausführungen stellte der Redner den Freiherrn vom Stein dem Imperator (dem verkörperten Renaissance-Prinzip) Rapo- leon gegenüber, er entwickelte in kurzen Zügen bie Ideen Steins in bezug auf die Vereinigung der freien Völker in Europa und schilderte ihn schließlich als den christlichen Staatsmann, der seinem Volke außerordentlich viel gegeben habe. Dem Vortrag wurde lebhafter Beifall zuteil.

Eine Aussprache bewies das starke Interesse der Zuhörer. Studienrat Clotz wies in seinen Schlußworten auf die starken Fäden hin, die gerade den Jungdeutschen Orden mit den Ge­danken des Freiherrn vom Stein verbinden, ja die Gedanken des großen Staatsmannes dürften als die geistige Untermauerung des jungdeutschen Kampfes um die Erneuerung des Staatsgedan- kens auf völkischer Grundlage angesehen werden

Gietzcner Wochenmarktpreise.

Vornotizen.

Vom Konzertverein wird uns ge­schrieben: Das Konzertjahr erreicht mit dem Chorkonzert am 25. Februar, 19.30 Uhr, in der Stadtkirche seinen Abschluß und zugleich seine Krönung. Rach reiflicher Heberlegung hat der Vorstand allen Schwierigkeiten zum Trotz sich doch entschlossen, die Matthaeuspassion aufzu- führen in der Heberzeugung, daß gerade in so schwerer, ernster Zeit dieses zu den größten Schöpfungen der deutschen Geistesgeschichte ge­

Aus öer Promn^talbuupOtaöt

Gießen, den 20, Februar 1932.

O e psycho ogifchen Berufseignungö- ilnter uchungen

Vom Institut für experimentelle Psychologie und Pädagogik der Hniversitat Gießen wird uns geschrieben:

Wie aus den regelmäßigen Berichten des (Sie­bener Arbeitsamtes bekannt fein dürfte, werden die in ihrer Bedeutung zunehmend anerkann­ten psychologischen Berufseignungs- Untersuchungen seit ihrer E.nführung im Institut für experimentelle Psychologie und Päda- gog.k Friedrichstraße 24III, durchgeführt. Die Leitung des Arbeitsamtes hatte damit in ver­ständnisvollster Weise diese für das Schicksal jun­ger Menschen ebenso wie für die Wirtschaft ver­antwortungsvolle Aufgabe einer Stelle überge­ben, die durch ihre wissenschaftlichen, dauernd überprüften Hilfsmittel, ebenso wie durch die Be­teiligung eignungspshchologisch vorgebildeter Kräfte die Gewähr für die sachgemäße Lösung gab.

Trotz der Erfolge, rote sie durch die zunehmende Inanspruchnahme der Prüfstelle und die Kontrol­len erfolgreicher Bewährung in der Praxis ihren äußeren Eindruck gefunden haben, ist es für das Psychologische Institut we.terhin leider nicht mehr möglich, Eignungsuntersuchungen für das Ar­beitsamt Gießen durchzuführen, nachdem die den Arbeitsämtern übergeordnete Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung in Berlin trotz lebhaftester Bemühungen des Gie­ßener Arbeitsamtes sich endgültig geweigert hat, die verantwortungsvolle Gutachtertätigkeit des Institutes, die schon seit fast einem Jahre unent­geltlich geleistet wird, auch nur in bescheidenem Maße zur Deckung der Hnkosten des Institutes zu honorieren.

Da das Bedürfnis für sachgemäße, wissenschaft­lich einwandfreie Cignunngsuntersuchungen im Stadt- und Landkreis Gießen zweifellos vor­handen ist, die zentralistische Regelung durch die Deichsanstalt die Befriedigung dieser örtlichen Bedürfnisse in der bisherigen, allseitig anerkann­ten Weise aber unmöglich macht, ist die Leitung des Institutes für experimentelle Psychologie und Pädagogik der Anregung gefolgt, psychologische Cignungsfeststellungen für die verschiedenen Be­rufe in seinem Prüffeld mit noch verbesserter Methodik im unmittelbaren Einverneh­men mit den interessierten Stellen und dem be­rufsuchenden Jugendlichen weiterhin durchzufüh­ren. Vorherige Anmeldung ist erforderlich Für unbemittelte Jugendliche wird das Gutachten un­entgeltlich erstattet

Staatsbürger-Abelw im Zungdeutfchen Orden.

.Die Bruderschaft Gießen des Jungdeutschen Ordens hielt am Dienstag im Hotel Köhler wie­der einen Staatsbürgerabend ab. der sehr gut besucht war. Studienrat Clotz hieß Gäste und Mitglieder willkommen. Sodann sprach Prof Dr Koch über das ThemaDer Freiherr vom ©teinunböie Erneuerung derVater­laub s l i e b e". Der Redner gab zunächst eine Definition des WortesVaterland", das im allgemeinen die BegriffeHeimat",Voll" und Staat" erfasse. Der BegriffHeimat" schwinge wohl stets mit, wenn man vom Vaterland sprech lange Zeit sei aber das Wort Vaterland weniger mit dem BegriffVolk", als mit dem Begriff ..Staat" identifiziert worden. Der Staats- gebaute sei meist in ber deutschen Geschichte das Vorherrschende gewesen, weniger der Volksgedanke. Man müsse eine klare Hnterscheidung ' machen zwischen dem freigewachsenen völkischen Gedanken des Vaterlandes und der künstlichen, auf den Staat gerichteten Version. Der Staatsgedanke als Ausdruck und Inhalt des Wortes Vaterland sei in erster Linie auf den verhängnisvollen Einfluß der Renaissance zurückzuführen, ber dasIch". Prinzip in den Vordergrund schob und in ber Folge den absolutistischen Staat auch in Deutsch­land schuf. Der Bürger sei dadurch zum willen­

Gießen, 20. Febr. Es kosteten auf dem heutigen Wocheumarkt: Landbutter HO Pfennig, Kochbutter 90, Süßrahmbutter 130, Matte 25 bis 30 Wirsing 10 bis 20 (pro Zentner 9 bis 12 Mk.) Weißkraut 8 bis 10 (pro Zentner 5 bis 6 Mk.)' Rotkraut 10 dis 15 (pro Zentner 7 bis 10 Mk.),' Kartoffeln 4 (pro Zentner 3 bis 3,50 Mk.) rote Rüben 10 bis 12, gelbe Rüben 10 bis 12* Spinat 25 bis 30, Hnterkohlrabi 6 bis Grünkohl 15 bis 20, Rosenkohl 25 bis Feldsalat 100 bis 120, Tomaten 60 bis

Wetzlar. 19. Febr. Vor dem Erweiterten Schöffengericht in Wetzlar stand heute der sog. Bürgermeister-Prozeß gegen den Betriebs­direktor E h l e r t und den Stadtbauinspektor Hepp zur Verhandlung an. Bei Eröffnung der Sitzung wurde bekanntgegeben, daß Hepp einen Vergif - tungsversuch mit Lumina! unternommen habe und im Krankenhaus untergebracht sei. Bei der Untersuchung durch Professor Dr Jahrmärker (Marburg) wurde festgestellt, daß Hepp an den Ver­handlungen nicht teilnehmen könne Das Gericht beschloß daher auf Antrag der Staatsanwaltschaft, den Fall Hepp zu vertagen und gegen Ehlert allein zu verhandeln.

Es handelt sich bet dem Prozeß um die Vorgänge, die mit dem Jagdhausbau des Bürger- m e i ft e r 5 Dr. Kühn zusammenhängen. Insge­samt wurden dabei durch die Betriebsverwaltung in Wetzlar für rund 2500 Mark Ausrüstun^gcgen- ftänoe zum Bau der Wasserleitung durch Verrech­nung auf verschiedene Posten zum Nachteil der Stadt verschoben. Außerdem wurde dem Angeklag­ten zur Last gelegt, weitere Gegen st ände für die Villa des Bürgermeisters ohne Bezahlung geliefert zu haben Es handelt sich hierbei um einen elektrisch betriebenen Eieschrank im Werte von 1235 Mark, eine elektrische Wasch­maschine im Werte von 2000 Mark, einen Gasherd im Werte von 545 Mark, eine Radioanlage im Werte von 475 Mark und einen Bohnerapparat im Werte von 191 Mark.

Zu ber Verhandlung waren etwa 40 Zeugen erschienen, die zum Teil wegen der Vernehmungs­unfähigkeit Hepps entlassen werden konnten. Rach eingehender Vernehmung der städtischen Beamten kam die Staatsanwaltschaft zu dem Beschluß, die Anklage gegen Betriebsdirektor Ehlert wegen fortgesetzter Untreue und Beihilfe zum Betrug bei der Lieferung von Gegenstän- oen für das Jagdhaus Werdorf aufrechtzuerhal­ten. Der Staatsanwalt beantragte, nachdem er besonders auf die skandalösen Zustände bei bet Stadtverwaltung Wetzlar, wie sie durch den Hn- tersuchungsausschuß bekanntgeworden sind, hin» getoiefen hatte gegen den Angeklagten Ehlert eine Gefängnisstrafe von 9 Monaten.

Die Verteidigung führte Rechtsanwalt Dr. Engelmann. Wetzlar, bet gegen bie Darlegun­gen des Staatsanwalts Stellung nahm und die

Gründe des Verhaltens des Betriebsdirektors auf die besonderen Hmstände zurückführte, die in dem ganzen System vorhanden gewesen seien.

Die Verteidigung des Angeklagten ging da­hin, er habe dem Dürgermeistet nur einen län­geren Kredit für die Verpflichtungen ermöglichen, aber berm.iben wollen, daß bet Dame des Chefs der -cviu/ultung durch die Restantenliste der Be­triebswerke gesch.eift wurde. 2m übrigen sei er sich der Rechtswidrigkeit feinet Handlungsweise nicht vollkommen klar gewesen. Bürgermeister Kühn habe ihm den Auftrag gegeben, die frag­lichen Posten auf andere Konten zu verbuchen. Damals, es war im Jchre 1928. habe er nicht im entferntesten geglaubt, an der Gerechtigkeit des Chefs der Verwaltung zweifeln zu dürfen. 3uixm habe er befürchten müssen, feine Stellung zu verlieren, wenn er auch nur einen dahin­gehenden Verdacht aussprechen würde.

Das Gericht konnte dem Beklagten in seiner Verteidigung nicht folgen. Es erblickte gerade darin, wie der Direktor feine Vollmachten dazu benutzte, um Kühn einen zweifelhaften Kredit zu gewähren, der zudem noch gefährdet war, weil offenkundig Bürgermeister Kühn überhaupt nicht bezahlen wollte, und in ber Art, wie dieser Kredit durch Falschbuchungen gegeben wurde, das Straf­bare Moment des Verfahrens. Das Gericht ver­trat die Ansicht, daß bei Direktor Ehlert die Ein­sicht in bie Strafbarkeit feiner Handlungen um so eher vorauszusetzen sei, als sich die einfachen Magazinarbeiter und Angestellten geweigert hat­ten, unrichtige Arbeitszettel zu unterschreiben.

Das Urteil lautete auf vier Monate Ge­fängnis wegen fortgesetzter Untreue und Un- terschlagung.

An der Verhandlung nahmen von der Regie­rung in Koblenz Oberregierungsrat von Kirch- bach und als Sachver''! Seiger der Regierung Rechnungsrevisor S ch e u b teil.

Weiter würbe bekannt, baß ber Chauffeur bes Bürgermeisters, Schmidt, ber feine Ent­lassung zu Mitte Februar angefünbigt be­kommen hatte, sich ebenfalls mit einem ftarf wir- fenben Schlafmittel zu vergiften versucht hat und in das Krankenhaus eingeliefert werden mußte, wo ihm sofort der Magen ausgepumpt wurde Man hofft, daß er wieder gesunden wird

Ja und im selben Jahr begleitete ich den Chef ber französischen Heeresleitung, Feldmarschall Io ff re, im Speisewagen von Paris bis an die deutsch-russische Grenze. Er fuhr zur Abnahme der russischen Herbstmanöoer 1913, und kein Mensch ahnte was. Dann tarn der Krieg und ich habe noch oft gedacht: .wenn er sich damals bei mir doch so 'ne kleine Magenverstimmung zugezogen hätte... Zu spät!'

Mitropa Grünoung unter Blitz und Donner.

1917 trat dann die größte berufliche Umstellung meines Lebens ein: die sieben deutschen Speise­wagengesellschaften wurden aufgelöst und zur Mi- tropa vereinigt. Ich wurde natürlich mit über­nommen, gehörte ja damals schon zur alten Garde. Ich weiß noch, wie kurz nach der Gründung in einem der ersten Mitropawagen eines Tages der alte Herr Geheimrat von Opel saß, und wie er mich sah und freundlich lächelte und sagte: ,Na, Wintler, Sie sind auch hier?' Ich sagte bloß: ,Ia- wohl, Herr Geheimrat!' Innerlich aber war ich ganz gerührt und dachte: da sieht man doch die alte An­hänglichkeit

Die wenigen Speisewagen, die damals verkehrten, fuhren meist bis dicht an die Front, der längste die­ser Kurse war BerlinKonstantinopel. Ich aber wartete auf den Tag, wo ich Hindenburg und den Stab seiner siegreichen Armee im Sonderzug ab­holen und ins jubelnde Berlin bringen würde.

Statt dessen endete dieser Traum in einem ganz anderen Sonderzug der fuhr nach Trier und beförderte die deutsche Waffen st ill st ands- Kommission mit Erzberger und 60 Per­sonen vorn Auswärtigen Amt Das war ein trauri­ges Erwachen In Trier gingen uns die Lebens- mittel für die Rückfahrt aus, und ich lief von In- stanz zu Instanz und bekam keine. Mir kamen fast die Tränen in die Augen. Ich, dachte ich, ich, in Ehren ergraut, ich kann doch meine Gäste nicht hungern lassen. Der Bürgermeister schickte mich zum Stadtkommandanten, einem amerikanischen Oberst, und der wieder wies mich ab mit den Worten: ,Nothing to do with us. you go to the Bürger­meister' Das war der schrecklichste Tag meines Gebens.

Aber es tarnen noch mehr schreckliche Tage. Der große Rückschlag nach dem Waffenstillstand zwang die Mitropa, fast alle ihre Dienste einzustellen. 1919 bediente ich in dem einzigen Speisewagen, der da­mals verkehrte- im sogenannten Parlamentzug zur Nationalversammlung Jeden Morgen mit 100 bis 120 Abgeordneten von Berlin nach Weimar abends wieder zurück nach Berlin

Wiederholt wurde der Zug beschossen, be­sonders bei Halle, wo die Kommunisten saßen So fuhren wir ohne Licht, unter militärischer Bedeckung und mit Maschinengewehren auf der Lokomotive. Da eben nur der eine Speisewagen im Zug mitsuhr, wurde fraktionsweise nacheinander di­niert. Von links bis rechts habe ich sie alle damals kennengelernt, jeden nach feinen Leibgerichten.

Von Genua bis Aman tfi ct.

Na. und seitdem haben nun alle die führenden Politiker der Nachkriegszeit von meinem Tablett gegessen. 1922 tarn noch ein schmerzliches Erlebnis für mich: Genua. Ich bediente damals im Extra­zug die Delegation mit Dr. Wirth, Rathenau und Cuno. Still und bescheiden hält unser Zug in Genua, auf dem ganzen Bahnhof kein Mensch, nur zwei Herren in Zivil zum Empfang Wenige Minu­ten später steht die Menge draußen Kops an Kopf, und mit ungcheurem Jubel und nicht endenwollen- bem .Ewivas fährt der Sonderzug mit Lloyd George und den französischen Bevollmächtigten ein. Ich tat mich auf dem Bahnhof um, da standen überall die Salonwaaen der Delegationen, polnische, estnische, belgische usw. alles deutsche Repara- tionswagen. Das war ein trauriger Anblick für mich alten Eisenbahner Von Genua bis Genf hat es dann wohl kaum eine Konferenz gegeben, zu der ich nicht m.tfuhr Es war sozusagen ein ganz neuer Reisestil, den ich da kennenlernte Ob das nun Wirth war oder Luther ober Hermann Mül­ler sobald der Zug Berlin verlassen hatte, jagte eine Konferenz die andere, und alle arbeiteten unter Hochdruck bis spät in die Nacht. Ich habe es doch mitangesehen, habe oft genug bis zum Morgen­grauen Kaffee serviert. Als ich L u t h e r, S t r e s e- mann, Marx und v. S eh u b e r t im Extrazug nach London zur Verhandlung über den Dawes- Plan fuhr, war aus dem Speisewagen bis Hoek van Holland eine Kanzlei geworden, wo 10 Schreib­maschinen rasselten, und ich wand mich nur mühsam zwischen Aktenbergen durch. Die Herren waren meist sehr mäßig im Essen, es wurden auch nur die ein­fachen Menus geboten.

Strefemann mar hell begeistert, als er auf ber Rückfahrt aus London im Speisewagen wieder deutsche Hausmannskost bekam, Englands .Fisch- futter' hatte ihm nicht zugesagt, und er bestellte gleich in Vlissingen ein Schnitzel mit Stangenspargel.

Einmal erlebte ich nach alten Glanz- als ich 21 man ll l l a h aus Basel abhalte, in einem San- derzug ganz aus Mitropa-Salonwagen Ich bin mit dem Präsident Calles und zahllosen Mahara­dschas durch Deutschland gefahren habe zum 70. Ge­burtstag des Kaisers im Extrazug Mackensen und alle die hohen Offiziere zur Gratulationscour nach Doorn gebracht und im Trauerzug bei ber Ueberführung von Eberts Leichnam nach Heidel- berg bebient. es war eine sehr feierliche Fahrt, und unterwegs auf allen Bahnhöfen ftanben die Men­schen bichtgedrängt unb erwiesen dem toten Reichs- Präsidenten die letzte Ehre

Und dann servierte ich eines Tages im Svnderzug bei der Eröffnung der Z u g t e l e p h o n i e auf der Strecke BerlinHomburg; da merkte ich erst, wie alt ich geworden sein muß: wo ich doch die halbe Entwicklung der Eisenbahntechnik miterlebt habe. Und ich dachte zurück an die Zeit, wo wir im Speise­wagen noch mit Gas kochen mußten, unb wo alle Weile mal währenb ber Fahrt ber Gasbehälter unterm Wagen undicht wurde und das Gas ent­wich, so daß wir kein warmes Essen mehr geben konnten. Unb baß erst 1895, als ich schon vier Jahre Kellner war, Seife unb Handtuch in den D-3ügen eingeführt wurden als Nebengeschäft des Restaurationswagens, .gegen ein Entgelt von 10 Pf bereitzuhalten'. An all das dachte ich bei ber Eröffnung ber Zugtelephonie.

Aber es kam noch viel besser; benn seit drei Jah­ren bin ich Aufseher im Rheingold-Expreß, und dos ist der schönste Zug, den's je gegeben Hot. Hier ver­bringe ich, wie man so sogt, meinen beschaulichen Lebensabend, immer an den Ufern des Rheins vor­bei. Was ich noch sogen wollte mir ist ba neulich sone alte Zeitschrift aus meiner Anfangszeit in die Hänbe gefallen - ich werbe Ihnen mal ganz genau angeben Zeitschrift bes Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen, Jahrgang 1893, Nummer 5, Seite 39 wissen Sie, was da steht? .Die Einstel­lung von besonderen Speisewagen ist nicht möglich, weil ihr Gewicht zu groß ist'.

Zeioiaiat 100 vis 120, Tomaten 60 bis 70 Zwiebeln 18 bis 20, Meerrettich 30 bis 60 Schwarzwurzeln 25 bis 30, Dörrobst 25 bis 30 2lepfel 8 bis 15, Birnen 10 bis 12, Nüsse 35 bis 40! Honig 40 bis 50, junge Hähne 90 bis loo' Suppenhühner 80 bis 90 Pfennig pro Pfund' Tauben 60 bis 80, Eier 9, Käse 5 bis 10 Blumenkohl 30 bis 70, Salat 25 bis 30' Endivien 15 bis 30, Oberkohlrabi 8 bis io' Lauch 5 bis 10, Rettich 10 bis 15. Sellerie 10 bis 40 Pfennig pro Stück.

hörende Werk Johann Sebastian Bachs tn weitesten Kreisen Anklang finden wird. Der Ent­schluß zur Ausführung der Passion wurde nicht leicht, weil sie die Mitwirkung hervorragender Solisten verlangt und dementsprechend auch die Kostenfrage Sorgen machen mußte. Die Bemühun­gen um die Besetzung der Solostimmen sind nun ganz besonders glücklich und erfolgreich ver­laufen; zum Teil kehren altbekannte und be­währte Namen wieder I Sopran: Frl. Margarethe von Winterfeld-Berlin, Alt: Frau Ruth Arndt-Kisch-Köln; Tenor: Max Meili» München, Daß: Erich Meyer-Stephan- Offenbach. An der Orgel Johannes N e b e l i n g, am Klavier Frl. Mimi Dock. Chor: der akade­mische Gesangverein, verstärkt durch Mitglieder des Bauerschen Männerchors, der Knabenchor der höheren Lehranstalten, Leitung Oberreallehrer H. Blaß; Orchester: der Gießener Orchesterverein; Sologeige: Herr Schüttler. Die Geltung liegt in den bewährten Händen unseres Hniversitäts» Musikdirektors Dr.Stefan Temesvarh. So sind alle Vorkehrungen zum Teil in langer, mühseliger Arbeit getroffen, dem Werk eine seiner Größe entsprechende glänzende Aufführung zu bereiten, und es darf der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß weiteste Kreise interessiert der Aufführung beiwohnen werden. Alles Nähere in den Anzeigen und bei Ernst Challier, Neuen­weg 10.

Dortrag im SaufmännTlI^en unb GewerbevereinGießen Man f.jte bt uns: 2n uer jetzigen Zeit ist Co nur wenigen vergönnt, in fremde Länder zu reisen. Es ist darum um so wertvoller, wenn man wenigstens im Geist eine schöne Reise machen kann. Dies w.rd möglich fein durch einen Vortrag, den Dr. Alfred Kauf­mann am Dienstag, 23. Febr., im Kaufmänni­schen und Gewerbeverein Gießen (Hniversitäts- Aula) über das ThemaFrühlingsfahrt zu den sonnigen Gestaden des Mittelmeers" halten wird, eine Fahrt, die im letzten Früh ahr von Genua über Sizilien und Griechenland nach Konstanti­nopel, Palästina und Aegypten und zurück nach Venedig führte. Da der Vortragende als aus­gezeichneter Kenner der Länder des Mittelmeers, besonders des Orients, gilt dürfte man in Wort und Bild Die Schönes und Lehrreiches aus seinen Darlegungen, die von Lichtbildern begleitet sind, entnehmen dürfen. (Siehe Anzeige.)

Der Bund der Kaufmannsjugend im DHV. veranstaltet heute 20.30 Hhr im Cafä Leib einen Eltern- und Ireundesabend, für den ein reichhaltiges Programm vorgesehen ist. Musik Schargesänge, Sprechchor, Hans-Sachs- Spiele. turnerische Hebungen, eine Ansprache des Gauvorstehers A u e r b a df, Frankfurt, werden das Interesse der Gäste in Anspruch nehmen. Näheres ist aus der gestrigen Anzeige ersichtlich.

Dellachint kommt! Der Le c.nn.e Ex e- rimentaitunftlet Stuart Bellachini kommt auf seiner diesjährigen Gastspieltour für einen Sag nach Gießen. Er gibt am Dienstag, 23. Fe­bruar, 20 Hhr, im Cafe Leib, einen Gastspiel­abend. (Näheres in heutiger Anzeige.)

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** Die Museen und der Heidenturm sind am Sonntag zwischen 11 und 13 Hhr bei klei­nen Preisen geöffnet.

" Die Gewerbe - undMaschinenbau- schule Gießen beginnt ihr Sommersemester am 18. April in den Abteilungen Mafchinenbauschule mit Elektrotechnik, Baugewerbe. Schreinerfa )- schule, Malersachschule und Schuhmacherfachschu e. Die Anstalt bietet neben der fachlich-theoretisch n Ausbildung auch die Möglichkeit, Gesellen- bzro. Meisterprüfung abzulegen und erteilt in der Ab­teilung Maschinenoauschule dieMittlere Reise". Näheres siehe heutige Anzeige.

* Saalrenovierung tn der Her­berge zur Heimat. Die Weißbinder- und Malervereinigung Gießen hat vor einiger Zeit ihre^ Lehrlinge mangels ausreichender praktischer Betätigung im Beruf angehal en. den Saal der Herberge zur Heimat neu herzurichten. Die Ar­beit wurde unter fachmännischer Aufsicht durch­geführt und ist in diesen Tagen beendet worden. Die Wände des Saales haben eine dekorative Ausschmückung erfahren, sie sind in zarten Far­ben gehalten, die Decke wurde mit ornamentaler Malerei wirkungsvoll geschmückt und gibt dem Raum eine besondere Note. Die Lehrlinge waren mit großem Eifer bei der Sache und leisteten in jeder Hinsicht gute Arbeit. Auch die kleine Bühne wurde neu hergerichtet. Hm den Lehrlingen Ge­legenheit zu geben, mit der Schriftmalerei prak­tisch vertraut zu werden, anderseits um einige Wandflächen etwas zu beleben, wurden Sprüche gemalt, die sich gut dem Ganzen einfügen. Es ist erfreulich, daß die Handwerksmeister des Ma­ler- und Weihbindergewerbes die Initiative er­griffen haben und hier ein gemeinnütziges Werk vollbringen ließen. Das Material für die Reno­vierung des Saales wurde aus Mitteln der Her­berge bestritten.

** ® a ft f p i e l Bernd Henrich Königs- seid im Lichtspielhaus. Seit gestern gastiert im Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, ein Komiker- Ensemble, bas in Vorstellungen am späten Abend das Publikum zwei Stunden lang gut unterhält. Zur Aufführung gelangen zwei Lustspielschlager, deren Stärke in einer tollen Situationskomik liegt, die mit allen möglichen Mitteln die Lachmuskeln der Zuhörer in Bewegung fetzt. Da ist zunächst eine Militär-Burleske, in der der Bursche der M ttel- punkt ist unb die Rolle einer jungen Frau spielen muß, well die Tante beschwindelt worben ist, von der ber junae Leutnant Gelb haben wollte. In dem zweiten Schlager sieht man einen Ehemann, ber sich als Boxer ausgibt, weil er zufällig einen be­rühmten Boxer zum Namensvetter hat, dabei aber in dieser Eigenschaft Reisen macht, die allem an­deren dienen, nur nicht dem Boxkampf. Als es her­auskam: Streit Versöhnung mit der Gattin, happy end. Das Ensemble ließ die beiden Stücke flott über die Bühne gehen unb erntete lebhaften Beifall.

Kleine Strafkammer Gießen.

* Dießen, 19. Febr. Zwei Angeklagte hatten vor Sihungsbeginn ihre Berufungen zurücknenorn- men. Ein anderer Angeklagter, der wegen Belei­digung des Leiters einer Arbeitsamtsnebenstelle zu 40 Mark Geld st rase verurteilt worden war, nahm die Berufung nach Aufruf seiner Sache ebenfalls zurück. Ein weiterer Angeklagter oer auf dem Seltersweg beim Vorbeimarsch von An­gehörigen einer Politischen Partei aufreizende Re­densarten gebraucht hatte, die zu Gewalttätig­keiten führen sollten und der deshalb wegen Der-- gehens gegen die Notverordnung des Reichspräsi­denten zu drei Monaten Gefängnis ver­urteilt wordcn war, war trotz ordnungsgemäßer Ladung nicht erschienen; seine Berufung wurde verworfen.

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