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Nr. 43 Zweite; Blatt Siebener Anzeiger (Senerai-Anzeiger für Gberhessen) Samstag, 20. Zebruar 1932
Deutschlands moralische Kreditposten im Auslande.
Don Or. Paul Rohrbach.
Auswärtige Politik ist ein aus vielen wirkenden Kräften ziiarnmengesegtcs schließendes Gewebe. Lehr wichtig dabei ist, wie wir i.'tzt wohl alle wißen, der psychologiiche Faktor — prak- tilch gesprochen —. die Fähigkeit, für die Führung der eigenen Politik bat- Stimmungsmäßige bei fremden Völkern richtig cinzulchätzen. Für die angelsächsischen und romanischen '-Nationen ist da» ein Gemeinplatz, und wahrend des Weir krieg» haben wir zu unferm Schaben verhöngnisroU fenuq erfahren, wie wirksam untere Feinde auf die- er (Beige zu spielen wußten.
Bei uns gibt e» Leute, die sagen: Wie unwürdig, sich von der Propaganda, von den Wünschen, von den Stimmungen de5 Auslandes leiten zu lasten! Sicher, sich leiten zu lassen, das wäre auch unwur- big, benn leiber machen wir gerade in Deutschland die Erfahrung, daß Deutsche sich uom Ausland allzu leicht einfangen lassen: namentlich dann, wenn es sich darum Im Sinne des Auslands handelt, die „pazifistischen" Gedanken der gesättigten Siegerpol- ker dem Fühlen de» besiegten deutschen Volkes ein- zuimpsen. Man merkt ost nicht einmal, was die ausländische Empfehlung aus sich hat. Doch von die- fern mehr unbewußten Hineintappen in den fremden Fettopf soll hier gar nicht die '.Rebe lein. Etwas aubres ift es, sich unbewußt fremden 3nteref|en bienstbar machen zu lasten, unb wieder etwas andres, positive politische Faktoren gefühlsmäßiger Art, wenn sie im Ausland auftreten, unberücksichtigt zu lasten. Die Kenntnis der Psychologie des Auslände., ist eine politische Fundamentalkunst. Daß sie in Deutschland nur zu oft gefehlt hat, und auch heute noch fehlt, spricht das — vielleicht nicht von allen Deutschen anerkannte — Wort eines bekannten Engländers während des Krieges aus: Die deutsche Politik wäre die beste Politik der Welt, wenn olle Menschen Preußen wären!
Während des halben Jahres, das ich selbst im Bommer 1931 auf einer Weltreise in Nordamerika, Ostosien, Indien und dem vordem Orient zubrachte — der Gießener Anzeiger hat eine Reihe meiner Berichte veröffentlicht —, habe ich von Anfang bis xu Ende die Erfahrung gemacht, wie sehr Deutich- land jetzt im Vordergrund des Weltinterestes steht. Man benutzte lebe Gelegenheit, um mit mir über die deutschen politischen unb wirtschaftlichen Verhältnisse zu sprechen, unb babei fiel mir auf, wie nachdrücklich in diesen Gesprächen von der Gegenseite ftete* die Frage der Stabilität unsrer Innern 3 u ft o n be in ben Vordergrund geschoben wurde. Diese.Einstellung der Ausländer ift begreiflich Man kann die Einsicht, daß die allgemein europäische, ja die Weltlage, untrennbar mit der Ent« Wicklung der deutschen Dinge verknüpft ift, jetzt als ziemlich durchgedrunaen betrachten. Dabei handelt es sich auf der einen «eite um die Sorge aller derer, die mit ihrem (Reibe in Deutschlanb und an Deutsch land interessiert sind, unb auf ber andern Seite um da» allgemeine Verlangen nach Erhaltung des Friedens, den man gefährdet glaubt, sobald es in Deutschland zu inneren Erschütterungen kommt.
Niemand sollte heute noch so töricht sein, zu meinen, es sei für uns gleichgültig, wie man im Ausland über Deutschland denkt. Die ganze nichtsron- zösische Welt ist. was Deutschland betrifft, deutlich i n einer geistigen Umwandlung begriffen. Man beginnt das krankhafte Mißtrauen gegen Deutschland zu verlieren, und es bilden sich richtigere Vorstellungen über unsre Wirtschaftslage, über die gegenwärtige Leitung unsrer Politik, über unfern guten Willen (unb unsre Ansprüche!) in ber Ab- rüftungsfrage unb so weiter. Dabei ist ein Faktor von größter Bedeutung: die Person unsers Reichspräsidenten. Sie kann als moralischer
Raumfahrt auf dem Globus.
Don Friedrich Schnack.
*7htnb ist die CQMt unb muß sich brebn .. Rund ist auch mein Globus, auf dem ich zuweilen großartige Weltspaziergänge antrete. Mitten durch feinen Land- und Meerapfel schneidet die messingene Erdachse, die ihm Halt gibt auf seinem schwarzen Ständer, sonst wäre er der Einordnung auSgeliesert. die des Teufels Wiege ift, und rollte vom Tisch über den Fußboden, in alle Zimmerecken, wo er nichts zu suchen bat, und — wer weiß? — vielleicht nar zur Zimmertür hinaus, nach Gummi- und Lederballart. Anlaß gebend zu allerlei Kinderspiel und Unfug. Hein, man darf die Weltkugel nicht den Kindern und Gassenbuben prcisgebenl Dafür ist also die Erdachse da, die acht gibt, daß kein Unglück gcfchicbt. Sie be- to.-ljrt den Globus vor dem widersinnigen Schicksal fügt ihn ein ins Gesetz: wie könnte er auch sonst seine Aufgabe erfüllen! Er dreht sich, sanft getrieben von meiner Hand: gleich der wirklichen Erdkugel, die von einer höheren Hand angetrieben ist. dreßt und wälzt sich rund in der Dichtung von Westen nach Osten...
So weit mein Blick die aquarellierte Kugel um- grenzt, so weit reicht der kleine Welthorizont. Hinter dem Bogen aber, der gegen die Außensphäre schneidet, lauert das Chaos. der Urgrund jener Unordnung, dagegen alle Kugeln. Formen, Gestalten. Hände und Geister kämpfen — dort gähnt die -Leere. Ta ist nichts, mag auch im Hinter- gründ mein schwarzes Tinlen'aß ftebn und in der Schreibschale unter dem leichten ^Schatten oes Globus der gelbe, dünne Bleistift liegen, wie eine andere Weltachse, wie eine zweite, augenblicklich außer Dienst befindliche.
Das ganze irdische All spiegelt sich auf feinem dicken runden Kugclbauch. Philosoph.sch scheint er mich anzuglänzen, erfüllt von Hub-e und Geschlossenheit. Herrlicher Land- und Meerwandel! B 'd knupit sich an Bild, Linie an Lime. Riff an Riff... Links erheben sich die Kontinente, rechts versinken sie. wenden sich ab. wenden sich der Dämmerung zu, dem Abendstern, dem dunkel- flügeligen Schlaf. Da ist Europa. Langsam steigt es über die Dogenhöhe der Kugel, es hat ausgeschlalen. Guten Morgen! Da sind tp r wieder unter dem Auge der Sonne. Aus den Dünsten des Ostens, des Morgens löst sich sein altes, vertrautes Rarbengcsicht. wächst mir zu. Grad um Grad. Minute um Minute, schiebt sich mächtig heran, mit der zerrissenen Brust die blaue Woge des Meeres vor sich herwälzend. Rußland. Oesterreich. Italien. Deutschland. Spanien. Frankreich. Holland, England ... Land auf Land, Ebenen und
Aktivposten für Deutschland im Ausland gor nicht hoch genug eingefchätzt werden.
Ich möchte anknüpfen an die Ansprache des Reichspräsidenten in der Neujahrs n a ch t. In Deutschland habe ich gehört, sie sei etwas väterlich-einfach gewesen und habe darum auf das Ausland wohl nicht voll gewirkt. Das Gegen teil ift richtig. Man macht sich nicht leicht eine Vorstellung davon, rote bas Ausland gegenüber Hindenburg» Perionlichkeit eingestellt ift Hinden bürg ift draußen fast schon eine mnthifche Fi Rur geworben, eine Verkörperung alles besten, was in Deutichland treu, ehrenbaft und groß ist. Es in wirkliche Ehrfurcht, die ihm entgegengebradu wird. Ein hoher englischer Oi'izier in Indien, brr mir ben jetzigen Vizckönig schildern wollte, jagte „Er ist wie Ihr Hindenburg, 'eine Kraft (bis power) liegt hier!" — unb damit legte er bic Hand aufs Herz. Eine andre Persönlichkeit sagte über Hindenburgs Worte am Silvesterabend. „Er hätte das Vaterunser sprechen können, bas Bewegende war ja, seine Stimme zu hören!" Rie wird sein 'Jlamc ohne den Ton des höchsten Respekt» genannt.
Denn man sich daran erinnert, mit welchem Miß- trauen Hindenburg als ber ehemalige Oberbefehlshaber ber beutfdjen Kriegsmacht im Weltkrieg bei feinem Amtsantritt als Reichspräsident draußen aufgenommen wurde, so ist es geradezu merkwürdig, wie sich das Urteil über ihn gewandelt unb welch ein vollkommenes Vertrauen in feine Person er für sich erworben hat Ein wichtiges Stuck von biefem Vertrauen überträgt sich, solange er ber beutsche Reichspräsident ift, von seiner Person auch aus Deutschland leib st, und dieses moralische politische Aktioum überflüssig aufs Spiel zu setzen, wäre von unsrer Seite ein nie wieder gutzumachender Fehler. Wenn die Deutschen Hinden- bürg nicht wieder wählen, wo er selbst doch das Opfer bringt, sich in feinem Patriarchenalter noch einmal zur Verfügung zu stellen, dann — so wäre das allgemeine Weltempsinben — wissen sie überhaupt nicht mehr, wie ein vornehmes Volk denkt und dann beweisen sie uns selbst, wie schwer es ist, mit ihnen auf ber Grundlage eine» vernünftigen, vornehmen unb normalen Gemeingefühls zu- fammenzukommen.
Ein weiteres moralifch-politifches Aktioum ist die Person des Reichskanzlers Dr. Brüning. Wenn der Ausländer vor Hindenburg Ehrfurcht empfindet, so empfindet er zu Brüning Vertrauen. Es hat ja leider an vielen Stellen der Welt lange Zeit geheißen: Man kann zur deutschen Politik fein Vertrauen haben, man weiß nicht, was Deutschland will, wann ein deutsches Ja ein wirkliches Ja ift, und ein deutsches Rein ein wirkliches Rein. Ich will nicht untersuchen, was ben Anlaß zu diesem Urteil gegeben hat, bas einem ja schon in ber Vorkriegszeit begegnete, namentlich in Englanb. Auch bie damit zusammenhängenden Personenfragen bleiben hier unberührt. Die Sache selbst wirb jebem, der sich mit auswärtiger Politik beschäftigt, nur zu bekannt fein. Bei Brüning hat fowohl feine Per- sönlichkeit im Verkehr mit ausländischen Staatsmännern überzeugend gewirkt, als auch, gegenüber der öffentlichen Meinung des Auslandes, feine Art, die Dinge zu behandeln. Wenn Brüning jagt: „So und |o sieht es in Deutschland, das und das muß in Deuifchland geschehen, da unb dahin richten sich die deutschen Anstrengungen, das und das ist uns möglich, unb bas nicht" — s o glaubt man e s i h m. Man empfinbet: Was Brüning sagt, das fließt aus feiner Ueberzeugung, und dahinter steckt nichts Hinterhältiges, Verborgenes. Es ift keineswegs so, daß man ihn im Auslande nicht kritisiert, aber man glaubt ihm. Das ist ein immenses Aktioum für die deutsche Politik. Dor allen Dingen: Man glaubt auch feinem Rein! Namentlich die letzte Notoerordnung hat wirklichen Eindruck gemacht, unb sie ist im 2Iuelanbc viel eingehender behandelt worden, als die vorhergehenden. Es dauert eben eine Weile, unb je ferner ein Lanb von Deutfchlanb ist, befto länger bauert es, bis sich der
Berge ... Ein abenteuerlicher Filmstreifen, über- tummelt von Aufregungen. Schicksalen. Katastrophen, Bölkerströmungen. Guten Morgen! Europa funkelt von Tatenlust, ber schwer begreifliche, verworrene. schöne Kontinent.
.Rolle!" befehle ich meinem GlobuS — unb er rollt. Ah. Afrika zieht vorüber, massiv unb feierlich. Es gleicht einem Gvldzacken mit Gold- küften unb Clfenbeinränbern. Zuweilen linde ich auch, es sähe einem Rilpferbkops ähnli ch. Seine Rase ragt in den Golf von Aden, wo Arabiens Sonne die Seeleute auf dem Schiffsdeck röstet und sie mokkabraun färbt. Unb dann die flammende Wanne des Indischen Ozeans. Mitten hindurch schießt die Acguatorlinie. Rördlich dämmert jetzt Asien auf mit den webenden Landzipfeln Bord er- indien und Hinterindien, die wie gelbe Schnupftücher aus seiner Tasche herausflattern.
Eine winzige Handbewenung von mir, kaum kräftiger als ein kleiner Schwingenschlag — unb bie Wüste Gobi ist vorüber mit ihren brausenden Sandstürmen. Gluthöllen und Karawanen. Grün und blau cnttauchen dem Meer die bulligen Gewürzinseln. bie Tanzinseln. die Dogeiinseln ... unb ba: Australien mit ben G'.asbergen. den Flaschenbäumen und den Belfern im Dusch, segelt wie eine beladene Barke baßer...
Seht, der Stille Ozean! Pst! Leise! Er toläft. Alle Stürme ruhen. Sie haben sich wie Möven auf die glitzernden Wellenkämme gefegt, ihr Windgefieder gespreizt, und so schaukeln sie brüderlich die Dünung. Durchsichtig gleich grünem Glas schimmert die Flut.
Amerika entschwindet bereits wie ein Traumbild über die Krümmung hinabtauchend — Richtung: Mitternacht ... Gute Rocht. Amerika! Deine Felsenberge, die Rocky Mountains, toiegen sich schon im sternenbesprühten Schlaf: die Kordilleren. das steinerne Rückgrat Südamerikas, strecken sich unter dem Glanz des tropischen Mondes. und die Urwälder raunen ihre phantastischen Schlummerlieder. Gute Rächt! Doch unermüdlich, schlaflos im Rorden und im Süden der west'ichen Halbkugel stürzen die Flüsse und Ströme durch Ebenen und Wälder, dem Gesetz unterworfen zwischen Ursprung und Mündung...
Fruchtrund im Aether schwebt der GlobuS
Mein Aether ist Holzfarben, denn die Wand, vor der mein Globus kreist, ist so. Aber der R o r d p o l zeichnet sich nicht weniger scharf von der so verwandelten Aetherfarbe ab. Ich hebe ein wenig das Gesicht und fasse den Rordpol ins Auge. Im Ohr klingen mir zwei dumpfe sagenhafte Rordlandlaute: Rord ... pol... Hier ist die Erdkugel abgeplattet, wie abgeschliffen vom eiskalten Luftwirbel, den der Welttanz am Pol erzeugt. Schneeweiß ist der Rorbvol. Es ist auch kein Wunder. Sauter Frost. Und dort unten, der
Eindruck durchsetzt: Deutichland, als Ganze» gesehen, ist wirklich am Rande seiner Kraft, und seine Anstrengungen find unerhört groß!
Bon den unpersönlichen Dingen erregen die meiste Bewunderung die deutsche Technik und — immer noch — die deutjche Wissenschaft. Daß die „Bremen" das Blaue Band des Ozeans hat, und daß Eckener mit dem Zeppelin um die Welt gefah ren Ift, darauf redet noch heute jeder Amerikaner ben Deutschen an, mit dem er ein Gespräch anfangl. Allerdings ebenso bestimmt auf den Borcrsieg von Mar Sdjmeling. 3m vorigen Sommer in Reuyork zeigte man mir eine frühere Nummer der illustrier len 3citfd)ri't „Life" mit der „Bremen" in voller Fahrt und dem phantasievoll gezeichneten Zeppelin darüber. Die gegen England iranisch genug gehaltene Unterschritt lautete Britannia rule*» the waves!
Ich hatte eine Unterhaltung mit einem amerikanischen Politiker, und der sagte mir: „Das Unheil nicht nur Europas, sondern der Welt ift der I n - seriorirats Komplex, den die Franzosen euch Deutschen gegenüber hoben; sie suhlen, daß sie nicht mehr gegen euch aufkommen würden, sobald ihr nicht mehr gewaltsam zu Boden gehalten werdet!" Deutschlands innere Kraft ist draußen ein Atziom; trotz der gegenwärtigen Krisis, von der Deutschland stärker noch geschüttelt wird als andre Länder.
Darum ist es ein Jammer, daß infolge ber Finanznot die ohnehin von jeher ungenügenden Aus- gaben für deutsche Kulturpolitik im Ausl an de fast schon bis auf ein Nichts beschult- ten sind. Gerade wo wir keine äußeren Waffen haben, sollten wir kein Opfer scheuen, um unsre geistigen zu gebrauchen. Das Herz kann einem aber wehtun, wenn man die deutschen Vertretungen im
Auslande be'ucht. und auf den Gesandtschaften unb Konsulaten Höri, daß überhaupt keine Mit t c! mehr vorhanden sind, um das kulturpolitische (Bcbiet zu pilegen Man kann von den tnemöcn nicht verlangen, daß sie deutsche Bucher lesen. Mehr als man glaubt, tonnen es immerhin, c-ic werden aber mit franzosi'chen und englischen überschüttet, für einen ganz geringen, bloß nominellen Preis, ober auch umion’t Man schickt ihnen französische, engluche, arnerikanliche Gelehrte, Ißortragcnbe, Kunst ler, Conferenciers, deutsche aber, deren es im Bus lande immer zu menig gegeben hat, können jetzt überhaupt nicht mehr kommen. Fremde Bucher werden in die Sprachen des Auslandes massenhaft übersetz, und verbreitet; deutsche sind im Original ben ausländischen Interessenten zu teuer, und die Zahl der Ueberjetzungen ist verschwindend gering. lh- bleibt geradezu ein Eindruck von Miserabilität aus ber deutschen Seite.
Ein Kapitel für sich sind auch deutsche P r e s s e a r t i k e 1 über das Ausland, sie werden sehr aufmerksam gelesen, und man kann mit ihnen moralische Kreditposten erwerben oder ruinieren. Ich kenne einen Fall, wo sich einmal ein deutscher Vertreter wegen eines unsreundlichen Ar- titele- über Deutschland in ber Presse de» betreffen ben Lande» beschwerte. Der fremde Staatssekretär griff lächelnd in ein Fach seines Schreibtisches unb zeigte ein Bündel deutscher Zeitungsartikel über fein Land, davon ein gut Teil von beschämender Dber- slächlichkeit und gedankenlos abfälliger Kritik Kritik muß manchmal fein; bann aber vergesse man nicht, daneben zu unterstreichen, was gut unb anerkennenswert ift. Die englische Presse ist Meister in dieser Art, moralische Kreditposten im Auslände zu schassen!
Wettzeschichte aus der Speisewageupekspetlive.
Sran$ Muller, Deutschlands „historischer" Speisewagenkellner erzählt. Warum verdarb sichZoffre nicht den Magen? — Speisewagen unter Gewehrfeuer. Stresemann will Hausmannskost.
Don Georg Biesenlhal.
Vierzig Jahre tat Franz Winkler Dienst als Speisewagenkellner reisender Regenten und hoher Diplomaten aller Rationen. Aus ber Fülle seiner intimsten Beobachtungen, die oft einen weltgeschichtlichen Hintergrund haben, erzählt er hier einige Erlebnisse.
Oie sparsame Kronprinzessin und die Frauen überhaupt.
„Eine meiner ersten Sonderfahrten war eine Reise mit der alten Königin von England. Die verbrachte damals den Sommer in ihrer dänischen Heimat, in Jütland, unb ich holte sie in Fredericia ab und brachte sie nach Calais. Die ganze Reife dauerte drei Tage. Ihrer Majestät war nämlich unpäßlich, unb so mußte die Fahrt in Hamburg unterbrochen unb mit verminderter Geschwindigkeit weitergeführt werden. Die Bahnverwaltung mußte den ganzen Verkehr umkrempeln, damit der Sonderzug mit seinem unberechenbaren Fahrplan ungestört an sein Ziel kam, und es aob deswegen viel mathematisches Kopfzerbrechen. Ich habe mir nur gedacht: es ift ja kein Wunder, wenn Majestät unpäßlich wird — bie Menus bestanden nur aus Hummer, Kaviar und solchen Sachen — zum Käse bevorzugte sie Gänseleberpastete und morgens auf nüchternen Magen gebackene Forellen — da soll einer nicht unpäßlich werden.
Heute überlege ich mir überhaupt so manchmal: wer war eigentlich der Berschwenderischste von deinen Gästen, wer hat am meisten gefuttert? Wissen Sie: ich kanns nicht sagen. Aber den sparsamsten Gast, den kenne ich. Das war nämlich: die deutsche
Kronprinzessin. Ich erinnere mich z. B der Fahrt des Kronprinzenpaares mit IStöpfigem (Befolge nach Genua, wo der Kronprinz damals seine Jndienreise antrat. Bis Basel hatte ich Dienst. Dem Zug war ein Schlaf- und ein Salonwagen angc- hängt, die Herrschaften dinierten aber in unserem Speisewagen, wo wir das Raucherabteil reserviert hatten. Es gab damals zwei Menus, eins zu 5 unb eins zu 3 Mark — die Kronprinzessin als bescheidene Hausfrau entschied sich für das ZU 3 Mark, und das wurde denn auch genommen.
Ueberhaupt bie Frauen! Ich bin oft genug nach Holland gekommen und habe oft genug die Königin und den Prinzgemahl bedient — aber diniert hat .Wilhelmintje' bei mir nie! Sic wußte cs immer so einzurichtcn, daß sie zu Haute zu Mittag aß, unb im Speisewagen nahm sie höchstens einen Tee. — Sie bürfen nun aber nicht glauben, daß es immer so ein reines Vergnügen war, mit Prinzen unb Fürsten unb Zaren zu fahren — ober jo eine Art Erholungsreise, o nein! Wir haben Rekordleistungen vollbracht zur Hochzeit der Prinzessin Victoria Luise, als sich die Herren Europas in Berlin ein Stelldichein gaben. Erst hieß es, da» englische Königspaar abzuholen. Ra, im Umgang mit Königen war man gewiß nicht verlegen — aber damals gab's ein mächtig offizielles Drum und Dran, da hatte ich bis zu 40 Grad Lampenficber. Die Majestäten kamen mit eigener Jacht über ben Kanal, in Calais stand ich schon mit meinem Salonwagen unb brachte sie nach Berlin. Bis Calais habe ich sie auch wieder zurückbegleitet, unb als wir da ankamen, fiel mir ein Stein vom Herzen.
entgegengesetzte Südpol, der ist genau so abgeplattet und genau so weiß bereist.
Meine Hand gibt der Kugel einen federleichten Schwung. Wie die Acquatorgegenden vorüber- wechfeln. so wandeln sich die Länder: die einen mit Hitze, die andern mit Kälte. Es ist gerecht so. Die brasilianischen Reptile Lnnen mit Eis nichts anfangen, und die Polarfüchse brauchen keine Hitze. Der Globus ift zufrieden, er dreht sich. Meine Hand schwenkt die Eisberge vorüber, die Landeisbarriere, dagegen die eingepanzerten Wasser lecken, sie wirbelt den höllischen Winter vorbei, die erfrorenen Walfänger in den Äriftall- klötzen. Schnurrbärtig bestaunen mich die Robben. Die Eisbären heben ihre Köpfe. Um sie ist die lange Rächt angebrochen. Hinter Himmelswänden von Eis und Frostglas hat sich die Sonne schlafen gelegt.
Ein wechselndes Erdtheater auf der Kugelbühne! Meine Hand ahmt es nach, sie dreht den Globus. Unb der kleine Globus, an dem meine Träume hängen wie ein tausendmaschiges Zaubernetz. zeigt feine vielen Meer- und Landzejichter, seine rauhen und stillen geographischen Mienen. (Stufte und h> ‘etc. wüste und paradiesische, tragische und verschwiegene Gesichtszüge sind es. die er mir zuwendet, bei seiner beständigen Drehung von Abendland zu' Morgenland. Ungeheure Geschichten und Chroniken gibt es da zu lesen für den kundigen Leser, mächtige Erbrom.ne und farbenlodernde Böllererzählungen. weite Meeres- odysfeen — eingetragen, eingeschrieben auf die Wangen bc~ " >hären. davon ein Abglanz fiel auf meinen I en Schüle>qlobus. auf die kleine Weltkugel, d-h.nter das Chaos meiner ArbeitS- stube lauert.
Bor dem Dorhang der Finsternis, dem Reich der Einordnung, bem schwarzen Dunkel bes Todes und des Richtsfeins muh bie kleine Kugel tanjen, muß bic treue Hand tätig sein: ber Globus muß sich drehn und die Hand muh ihn beflügeln. Sie haben ihre Ausgabe. Zeiten und Zonen zaubern sie wie im Spiel herauf. Okzident und Orient ... Guten Morgen! Gute Rächt!
Sod)fd)ulnocf)ri(f>fetL
Professor Dr. IuliuS Echwietering in Münster hat den Ruf auf den Lehrstuhl der deutschen Philologie an ber Universität Frankfurt als Rachfolger von Prof. Hans Raumann angenommen.
Prosesor Dr. jur. Karl August Eckhardt an der Handels-Hochschule Derlin hat den Rus an die HniDcrfität Bonn als Rachfolger des Geh. Iustizrats H. Schrcucr auf den Lehrstuhl für deutsches Recht und bürgerliches Recht angenommen.
Gentleman im Kriege.
Der Kritiker Dr. Bernhard Diebold hat im Frankfurter Sveietätsverlag unter dem Titel .Das Buch der guten Werke 1914—1918“ einen sehr lesenswerten Sammelband erscheinen lassen, der als ein schönes und bleibendes Denkmal der Kameradschaftlichkeit, Ritterlichkeit und Menschlichkeit im Weltkriege gelten darf. Diesem Buch, auf daS wir schon früher Hinweisen konnten, ist der im Folgenden abgedruckte Beitrag des englischen Kriegsteilnehmers G. F. D a h in Greenwich entnommen:
1915 fuhr ich auf einem kleinen Schiff, daS von London nach Holland bestimmt war. Eines AbendS feuerte ein deutsche- H-Doot (U 28) auf uns zum Zeichen, daß wir zu stoppen hätten. Unser Kapitän hoffte durch schleunige Flucht in die holländischen Gewässer der Gefahr entgehen zu können, doch das U-Boot war zu schnell für uns unb kam halb längsseits.
In sehr gutem Englisch fragte der deutsche Ossizier unseren Kapitän, warum er nicht gestoppt habe, als ber Schuh gefeuert würbe.
Der Kapitän antwortete: .Weil ich Engländer bin!“
„®ut“, antwortete der deutsche Offizier, »Die sind ein mutiger alter Knabe, ich werde Ihnen drei Minuten Zeit geben, das Schiff zu verlassen." Dieser Befehl wurde schnellstens ausgeführt, und dann machten wir, dah wir in unseren zwei Rettungsbootcm fortkamen, während die Deutschen unser Schiss versenkten. Wir ruderten mit äußerster Kraft, als dss U-Boot herankam unb sich folgenbe Unterhaltung entspann:
Der Deutsche: .Wohin?“
Unser Kapitän: .Holland!“
.Glauben Sie, dah Sie bei dieser Dunkelheit dorthin finden werden?“
.Ich will'S versuchen, aber wenn Sie SportS- mann wären, würden Sie uns inS Schlepptau nehmen.“
.Gut. ich bin Sportsmann und werde Sie schleppen unb Ihnen aufjerbem eine Zigarre geben, damit Ihnen der Weg nicht zu lang wird. Werft die Leine herüber, und wir werden euch bald in Holland haben.“
Und wirklich, das U-Dvvt schleppte uns nach Holland. Als wir uns trennten, sagte der Deutsche: »Gute Rächt. Kapitän, Sie find ein tapferer Mann, ich erweise Ihnen meine Ehrenbezeugung. '
Unser Kapitän antwortete: .Gute Rächt, mein Herr, Sie sind ein Gentleman.“ Und das sagten wir alle.


