Ausgabe 
19.12.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Hilfeleistung bei Unfällen auf dem Eis.

Di« Hilfele-istung bei Unfällen auf dem Eis er­fordert wie jede ander« Wasservettung/in erster Linie Ruhe und Besonnenheit. Der Retter darf s»ch nie stehend der Bruchstelle nähern. Bei jeder Hufe auf- i>em Eis muß das Körpergewicht stets so weit als m.g ich verteilt werden.

Will sich ein Dingebrochener selbst helfen, so soll er versuchen, mit ausgeb ne. Men Armen vor ober rückwärts sich hevauszuichieb-en, und dann kriechend wieder ^das Ufer zu erreichen. Auch der Retter darf sich nur kriechend der Einbruchsstelle nähern. Hier sei erwähnt, daß auch Schw.mmer öfters nicht in der Sage sein werden, sich ans einer Bruch» stelle ohne fremde Hilfe herauszuarbeiten, da infolge des längeren Aufenthalts im kalten Wasser die Glieder steif und starr wenden und so die Be- wegungesreiheit gehindert wird. Will man einem Verunglückten helfen, fo versuche man zunächst, dcm Ertrinkenden lange Gegenstände, wie Stangen, Bretter, Aeste, Kleider, Seinen und dergleichen zu- zure.chen und dann den Verunglückten, der sich an diese Gegenstände anklamrnert, herauszuziehen. Der Retter soll sich selbst, wenn mögl.ch, durch einen zweiten Helfer, der ihn bei den Füßen festhält, gegen rückwärts sichern. Auf diese Weis« läßt sich eine ganze Kette von Helfern bilden. Sehr wertvoll ist es, wenn man ein Brett, eine flache Bank, oder eine Leiter bei der Hand hat und diese dcm Ein­gebrochenen zureicht, damit er sich an diesem Gegen­stand äerausarfc-e'.ten kann. Bei sehr dünner Eis­decke oder bei Taura etter soll der Hilfe leistende ver­suchen, wenn dies m glich ist, sich ebenfalls, auf einem Brett oder einem sonst gen flachen Gegenstand liegend, an den Ei ngc brache neu heranzuarbciten. Leider ist das Dorwärtsschieben von längeren Bret­tern bei Taumelt er äußerst schwierig, da flache Gegenstände durch das Gew.cht des daran fliegend en 9tetter5 am Eise antieben.

Di« schwierigste Hilfeleistung ist das Tauchen nach einem unter der Eisdeck« Verschwundenen. Der Ret­ter Und der Helfer des Retters müssen sich dabei anseilen. Unangeseilt ist die Hilfeleistung mit äußer­ster Lebensgefahr verbunden, man könnte fast sagen, ein Selbstmord. In den me.sten Fällen ist das Rach- tauchen eine Unmöal ich leit und wird nur in Aus­nahmefällen einen Erfolg haben.

Der Gerettete darf nicht sofort in ein warmes Zimmer gebracht werden, sondern zuerst in einen kühlen Raum. Falls di« Atmung versagt, oder er bewußtlos ist, ist sofort mit der -künstlichen Atmung einzusetzen. Gleichzeitig reibe man den Verunglück­ten wenn miglich mit Schnee ab. Sobald der Ver­unglückte wieder bei Bewußtsein ist, gebe man ihm löffelweise anregende kühle Getränke. Eist später soll er in ein warmes Zimmer gebracht und in Decken gehüllt werden.

Schweres Autounglück bei Steinbach.

Gestern gegen 13 Uhr ereignete sich auf der Land­straße GießenLich, kurz hinter Steinbach, in der scharfen Kurve vor der Abzweigung der Chaussee nach Albach, ein schweres Autounglück, dem leider ein blühendes Menschenleben zum Opfer fiel Der Kaufmann Friedrich Habe nicht von hier, West­anlage 32 wohnhaft, befand sich mit seiner Gattin, seinem etwa drei Jahre alten Kinde und einem Be­kannten in einem Kraftwagen auf der Fahrt nach Lich, von wo aus er nach dem Hoherodskopf weiter» fahren wollte. Kurz hinter Steinbach geriet das Auto auf eine vereiste Stelle der Straße, kam ins Schleudern und drehte sich um die eigene Achse derart, daß es mit der Spitze des Wagens wieder in Richtung Gießen stand. Bei der scharfen Umdrehung kippte der offene, mit einem Planoerdeck überspannte Wagen seitwärts um und stürzte, sich mehrmals überschlagend, die an der Un­fallstelle etwa drei Meter hohe Böschung hinab auf einen Acker. Bei diesem Sturz wurde Frau Habe- nicht, eine Tochter des Hauses I h r i n g in Lich, durch innere Verletzungen leider so schwer betroffen, daß sie etwa zehn Minuten später v e r st a r b. Herr H a b e n i ch t und der Mitfahrer, Volkswirt Eick- worth von hier, erlitten Prellungen und Quetschungen, die ihre Ueberführung nach der Chirurgischen Klinik erforderlich machten. Das Be­finden der beiden Herren war gestern abend, den Umständen entsprechend, leidlich. Das Kindchen erlitt eine leichte Schnittwunde im Gesicht. Die elfte ärzt­liche Hilfe leistete Dr. Claus (Lich). Der Kraft­wagen wurde erheblich beschädigt und mußte nach Gießen abgeschleppt werden. Ein zweites Auto, an dessen Steuer Professor Schumacher von hier saß. der in Gemeinschaft mit der Familie Habenicht nach dem Hoherodskopf fahren wollte, konnte von einem Lenker angesichts des Unglücks des voraus- ährenden Kraftwagens noch rechtzeitig gebremst wer­ten, war aber auf der vereisten Straße auch schon ins Rutschen gekommen und hätte sich um die eigene Achse gedreht. Zum Glück kam es oei diesem Wagen nicht auch noch zu einem Unfall. Beamte der Landes­kriminalpolizeistelle Gießen weilten gestern nach­mittag an der Unfallstelle und nahmen den Sach­verhalt auf. Die Leiche der bedauernswerten Frau Habenicht wurde im Laufe des gestrigen Nach­mittags nach dem Neuen Friedhof in Gießen über­geführt.

Wer schenkt Bücher und illustrierte Zeitschriften?

Von der Landes-Heil- und Pflegeanstalt in Gießen wird uns geschrieben:

Gute Bücher schätzt am meisten, wer durch Krank­heit, schleckjtes Wetter u. a. ans Zimmer oder gar Bett gefesselt ist. So sehnt sich auch die Mehrzahl der Patienten der Heil - und Pflegeanstalt Gießen, Sicher Straße 10 6, in beschäfti­gungslosen Stunden nach Sefeftoff aller Art. Gute Lektüre erheitert die Niedergedrückten, beruhigt Er­regte, lenkt von unangenehmen Vorstellungen ab und hilft so manchen über trübe Stunden hinweg. Wer überflüssige Bücher, Zeitschriften, besonders illustrierte, ganze Jahrgänge, aber auch einzelne Hefte von solchen zu vergeben hat, schenke diese der Anstalt. Er erwirbt sich damit den Dank der Kran- ken. Auf eine Postkarte mit genauer Adresse läßt die Direktion gern die Gaben abholen.

Pornonzcn.

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Morgen, Dienstag, zum letztenmal Grillparzers Lustspiel:Weh' dem, der lügt", Spiel­leitung Karl H e i) s e r. Gewöhnliche Preise. 20 bis 22.15 Uhr. Mittwoch, 15.45 Uhr, nächste Wieder­holung des WeihnachtsmärchensAschenbrödel" von Görner, sechs Bilder mit Musik, Gesang und Tanz: Leitung: Volck, Moehl, Bäulke. Märchen- preise. Ende 18.15 Uhr. 20 Uhr zum letztenmal die OperettePeppina" von Stolz( Spielleitung Wrede). Ende 22.30 Uhr. Operettenpreise. Freitag und

I Samstag bleibt das Stadttheater wegen der Vor­bereitungen des Weihnachtsspielplans geschlossen. Am ersten Feiertag, Sonntag, 25. Dezemaer, 18.30 Uhr, zu ermäßigten Preisen als Fremoenoorstellung außer Abonnement das FrontstückDie endlose Straße" von Graff und Hintze (Spielleitung: der Intendant). Ende 21.30 Uhr. Der zweite Feiertag, Montag, 26. Dezember, bringt nachmittags für die Kinder das WeihnachtsmärchenAschen­brödel" (Spielleitung Karl Volck: am Dirigenten- pult Kapellmeister Moehl: Tänze Ballettmeister Ewald B ä u l k e mit den Kindern und Girls des Ballets). Spieldauer von 15 bis 17.30 Uhr. Für abends ist die Erstaufführung der OperetteIm weißen Rößi" angesetzt. Es gibt wohl kaum ein Werk der leichten Muse, das diesen Serien- und Dauererfolg zu verzeichnen hätte, wie dieses zu einer revueartigen Schau abgeroanöelte Lustspiel von Blumenthal und Kadelburg, mit den Gesangstexten von Robert Gilbert und der Musik Ralph Benatzkys. Die Spielleitung Heinrich Hubs hat keine Mühen

Seff

in Packungen oder Tüten von 1 Pfund erbittet in dieser Woche die

Psundipende der Zrauen-Winierhilfe

Die Zustellung der Pfundpakete wird auf Wunsch der Hausfrauen von den Lebensmittelgeschäften aus direkt an die Sammelstelle erfolgen.

Annahme: Alte Klinik, parterre, rechts, Montags. Mittwochs und Freitags, von 9 bis 12 Uhr.

und Lasten gescheut, in Verbindung mit Kapell­meister Moehl und Ballettmeister Bäulke in angestrengtester Probearbeit eine an szenischen Ueberraschungen reiche Unterhaltung zu bieten. Die Erstaufführung ist als Fremdenvorstellung bei er­mäßigten Operettenpreisen außer Abonnement. Spieldauer von 19 bis 22 Uhr.

Turnverein 1846. Man schreibt uns: Die von den Schülern und Schülerinnen alljährlich sehnlichst erwartete und gut vorbereitete Weihnachts­feier der Kinderabteilungen findet am Mittwoch, 21. Dezember, 19.30 Uhr, in der Turnhalle statt. Eltern und Freunde erwartet ein froher Abend. Siehe Anzeige in der Samstagsausgabe.

Beratungen über die Finanzlage der evangelischen Landeskirche.

Der Finanzausschuß der Evange­lischen Landeskirche tritt am heut gen Montag, 19. Dezember, im Gebäude des Landes­kirchenamtes zu Darmstadt unter dem Borfitz von Freiherrn Dr. D. Cornelius Hehl z u Herrnsheim zu einer Sitzung zusammen. Wichtige, durch den Ernst der Zeit gegeben« finanzielle Fragen der Landeskirche werden hier­bei Gegenstand der Aussprache sein, so vor allem der Stand der Leistungen von Staatszuschuß und Staatsdarlehen durch den hessischen Staat an di« Evangelische Landeskirche, ferner der Stand des Schiedsverfahrens mit dem Staat. Es wird weiter dem Finanz­ausschuß «in Bild der Entwicklung des Voran­schlages in Einnahme und Ausgabe im Jahre 1932 gegeben werden, wobei die für den kirch­lichen Voranschlag wichtigsten Posten der Ein­nahmen an Steuern und Pachten im Vorder­grund« stehen. Schließlich wird der Finanzaus­schuß in «ine Erörterung über die Lage der Finanzen einer Anzahl von Kirchen­gemeinden eintreten und zu einer von feiten des Reiches (Landesfinanzamt) vorgeschlagenen Neuregelung in der Steuererhebung Stellung nehmen.

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* Geheimrat Walbe Gießener Eh­rendoktor der Theologie. Don der Pressestelle der llilniversität Gießen wird mitge­teilt: Die Theologische Fakultät unserer Landes- univcrsität hat den Geheimen Daurat und ordentl. Professor an der Technischen Hochschule in Darm­stadt, Heinrich W albe, den verdienstvollen Denkmalpfleger und Kirchenbaumeister, dem eine große Anzahl hessischer Dors- und Stadtkirchen aus mittelalterlicher und reformatorischer Zeit ihre Wiederherstellung zur alten Schönheit verdankt, ehrenhalber zum Doktor der Theologie ernannt.

** Wohlfahrtsbriefmarlen in der W e i h n a ch t s w o ch e. Cs ist in vielen Ländern eine schöne Sitte geworden, in der Weihnachts­zeit Briefe und Postkarten mit Wohlfahrtsbrief- markcn zu sranlieren. 3n Deutschland geben die Wohlfahrtsbriefmarken der Reichspost für die Deutsche Dothilfe die Möglichkeit, mit einigen Pfennigen denen zu helfen, die unter der bitteren Dot der Gegenwart leiden. Auch für den Weih­nachtstisch stnd die Wohlfahrtsbriefmarlen mit den Bildern von fünf der schönsten deutschen 'Burgen eine hübsche, nützliche und zugleich wohl­tätige Gabe.

** Tie Stiftung derHausangesteIl­ten - E h r u n g", ungegliedert an den Alice-Frauen- verein vom Roten Kreuz, beging dieser Tage im Cafs Leib ihre diesjährige Feier, den 5. Geburtstag, die den schönsten Verlauf nahm. 43 Jubilarinnen, Ehrengäste der Stiftung, wurden je nach ihrer Dienstzeit ausgezeichnet, und große Dankbarkeit er­füllte alle Herzen. Schöne Vorträge die in künst­lerischer Weise von Frl. v. d. H e y d, der Schumann- schen Tanzschule und von einem Jugendlichen-Mäd- djenquartett ausgeführt wurden, erregten die größte Freude und Anerkennung und gaben der Veran­staltung einen frohen Schimmer.

O p e r n - R e d o u te". Das Lichtspielhaus Bahnhofstraße bringt gegenwärtig einen guten Unterhaltungsfilm. Unter dem vielversprechenden TitelFrauen in Gefahr" (Opern-Redoute) wird eine Geschichte, eine Episode aus einer Ehe erzählt, eine kleine Geschichte, die sehr leicht schief gehen konnte, wenn nicht frauliche Geschicklichkeit die drohende Gefahr, die gleich einem Damoklesschwert über den Häuptern hing, abgebogen hätte. Die junge, hübsche Frau eines ebenfalls noch jungen Diplomaten, ging ohne Wissen ihres Gotten auf die Opernredoute, lernte dort einen Kollegen ihres Mannes kennen, der sich (er hatte ja kein« Ahnung, daß es die Frau feines Freundes war) reichlich aufdringlich benimmt und die junge Frau aber auch sich selbst in gefährliche Situationen steuert. Aber die schon erwähnt« Geschicklichkeit der jungen Dame rettet di« Situation, die Ehe und den Freund.

Wie das im einzelnen geschah, sei, dem Film nicht Dorracggenommen. Zu erwähnen ist nur, daß Liane Haid als die gefährdete Frau ihre Rolle bei allem Charm mit großer Sicherheit spielt. Neben ihr sieht man Ivan Petrc> vich in der Roll« des fast betrogenen Gatten, in Georg Alexander stellt sich der in Dingen der Liebe reichlich lockere Freund überzeugend vor, für di« Komik sorgt Otto W a 11 b u r g. Die Nebenrollen sind gut besetzt. Man hört viel ausgezeichnete Mu­sik, sieht gute Bilder, wird von der flotten Hand­lung gut unterhalten und verläßt angeregt das Haus.

Festnahme eines internationalen Taschen- uns l>Zugdiebes.

WSD. 5 r a n f f u r t a. M.. 17. Dez. Am Don- nerstag wurde hier in der Langestraß« ein feit

langem gesuchter internationaler Dieb, "der sich hier in einem Heim ausgehalten hatte, fest genommen. Es handelt sich um den 48- jährigen, in Lyon geborenen David 6 tren­nt a n n , der au h auf L en Damen Gar^nerreste und auch unter dem Damen Finch auf trat. Kurz nach feiner Festnahme versuchte er, feinen falschen Paß auf den Hamen Gardner zu beseitigen, doch konnte er noch rechtzeitig daran gehindert werden. Strohmann erschwindelte sich u. a. Un­terstützungen, handelte mit Brillanten und gol­denen lllhren, di« vermutlich aus D-Zug-Dieb­stählen herrühren. Bielfach hat er sich auch in Bafel aufgehalten. Den gefälschten Paß will er sich angeblich von London haben schicken lassen. Kürzlich ist er unter dem Damen Gardner in Karlsruhe aufgetreten.

Kartotheken gegen Verbrecher.

Neuzeitliche Methoden auf dem Gebiet der Kriminalpolizei.

Don Hans Peter.

In den letzten Jahrzehnten hat die Kriminal­psychologie den Typ des Bsrufsoerbre- ch e r s erkannt und sich eingehend mit ihm besaßt. Ein gefährlicher Feind der Gesellschaft, dieser Mann, der das Verbrechen zu seinem Beruf er­wählt, der die Techniken einer Verbrechensdeaehung, VerbrechenOverschleierung und F.ucht ebenso stu­diert wie die Methoden der Verteidigung vor Ge­richt und zur Erleichterung der Strafhaft. Das Ge­fährlichste aber an diesen Verbrechern ist, daß sie Schritt halten mit den technischen, chemi­schen und psychologischen Jortschrit- t e n und sich dies« Entwicklung fo schnell wie mög» lick» zunutze machen.

Und wie die Wirtschaft sich heute rationalisiert - also auch spezialisiert hat, so haben auch die Berufsverbrecher die differenziertosten Speziali­sierungen mitgemacht. Der eine öffnet Handtaschen, ein anderer Banktresore, ein Dritter stiehlt im Wa­renhaus. So mußte auch die Derbrecherbekämpfung spezialisiert werden, lieber das ganze Deutsche Reich sind die Kriminalbeamten in Dezernate ein» geteilt: Mord, Brandstiftung, Einbruch ufro. Darüber hinaus wird aber dafür gesorgt, daß die Kriminal­beamten auch innerhalb ihrer Dezernate sich mit Sonlbergebieten von Verbrechen befassen. So ist zum Beispiel in Preußen der Kriminalrat Buß- darf Spezialist für Für ft ermorde und wird möglichst in allen solchen Fällen zugezogen werden.

So wertvoll diese Spezialisierung der einzelnen Beamten ist, sie reichte nicht immer aus. So ent­schlossen sich die deutschen Länder, «ine Reihe von Zentral st eilen vor allem in Berlin zu er­richten. Diese Stellen sollten sich ausschließlich der Ueberraachung und Bekämpfung ganz bestimmter Verbrechenszweige widmen.

So entstand die Zentralstelle für Bekämpfung des Taschendieb st ahls. Sie verfügte über eine Sammlung von Lichtbildern und Personal­bogen aller bekannten Taschendiebe und besitzt eine sehr differenzierte Kenntnis ihrer Lebensweise und Arbeitsmethode. So wirb sie auch in noch unge­klärten Taschendiebstahlssällen mit herangezogen und kann auf Grund ihrer Materialsammlung oft wertvolle Fingerzeige über den Täter und seinen Aufenthalt geben.

Sie steht, wie fast alle Zentralstellen, in enger Beziehung zu ähnlichen Institutionen des Auslan­des.

Auch die Zentralstelle zur Bekämpfung der Falschmünzerei ist Nachrichtensammel- und Auskunftsstelle. Alles Geld, von dem man befürch­tet, daß es gefälscht fei, wird ihr zugeleitet. Gemein­sam mit Beamten der Reichsbank oder der Münze wird es hier auf seine Echtheit untersucht. Auch werden Erhebungen über das Verbreitungsgebiet und die Mengen der austretenden Fälschungen an­gestellt. Durch systematische Auswertung aller Nach­richten kann chäufig auch hier ein Verdacht in ganz bestimmter Richtung geäußert werden. Ebenfalls in Berlin ist der Sitz zweier Zentralstellen, die sich mit Angelegenheiten der Sittlichkeit befassen. In Berlin befindet sich auch die Zentrale der Staatspolizei, der vor allem die Spionageab­wehr obliegt. Schließlich hat noch das preußische Innenministerium eine Zigeuner zentral- stelle für Preußen in Berlin errichtet. Die ge­meinsame Zigeunerpolizeizentralstelle der deutschen ßäjifrer befindet sich in München. Zigeuner sehen einander sehr ähnlich. Man wußte oft, daß Zigeu­

ner gestohlen hallen, aber nur selten, welcher es war. Um diesem Zustand ein Ende zu machen, hat die preußische Pollzei in der Zeit vom 23. zum 26. November 1927 im ganzen Land eine arvße Zigeunerrazzia veranstaltet. Von allen Verhafteten es waren über 10 000! wurden Fingerab­drücke genommen. Jeder Zigeuner erhielt eine paß- ähnliche ßigitimation, die ebenfals mit einem Fin­gerabdruck versehen war. Seil jenem Tag« sind si« planmäßig bei der Zigeunerstelle registnert.

Noch eine weitere Zentralstelle nur für Preußen und einige kleinere Länder hat ihren Sitz in Ber­lin, das ist dieZentralstelle zur Ermittlung Ver­mißter und unbekannter Täter". Gerade in letzter Zeit ist das Interesse der Oefsenllichkeil für die Ar­beit derReichsbahnpolizei" sehr stark ge­wesen. Ihre Organisation flammt noch aus einer alten preußischen Verordnung. Dies« wurde später für alle Bahnen des Deutschen Reiches, besonders in derReichsbau- und Verkehrsordnung" über­nommen.

Jeder höhere Bahnbeamte Kontrolleure, Sta­tionsvorsteher, aber auch Streckengeher hat Po­lizeirecht: er kann Verhaftungen vornehmen, An­weisungen erteilen, Polizeistrafen verhängen. Je­doch ist seine Machtbefugnis an dem Emkt zu Ende, an dem das Gebiet nicht mehr der Bahn ge­hört. Andererseits soll in diesem Bahngebiet tas «sind also vor allem Züge, Bahnhöfe und Gleis­anlagen ein Polizeibeamter nur in besonders notwendigen Fällen hinzugezogen werden.

Man ging bei der Einrichtung dieser Bahnpolizei- gemalt zunächst im wesentlichen von den Grund- fatzen des ,Hausrechtes" aus. Aber diele rein Ord­nung erhaltende Funktion hat in den letzten Jahr­zehnten einen wesentlichen Ausbau erhallen müssen. Früher wurden die Gleisanlagen im wesentlichen nur durch Strcckengcher kontrolliert. Heute aber find besondere Wachtdienste eingerichtet wor­den, die darauf achten, daß niemand sich an den Gleisanlagen unbefugt herumtreibt ober zu schaf­fen macht. Außerdem bekämpft dieser Wachdienst die Schwarzfahrer. Denn die Gewohnheit mancher Landstreicher und auch Krimineller, auf Zügen, besonders auf Güterzügen, an Stellen, wo man sie kaum vermutet, blind und gratis mitzu- fahren, ist auch durch den modernen Verkehr noch nicht ganz ausgerottet. Besonders bevorzugt sind di« Guterzüge, und Spezialisten reisen unter dem Wagen, indem sie mit Brettern sich zwischen den Achten einen verhältnismäßig sicheren Halt oer' schaffen. Alle Beamten der Reichsbahnpolizei un­terstehen ihren Reichsbahnbezirksdirektionen. Aber auch diese haben ihre einheitliche Leitung im Eisenbahnzentralamt in Berlin.

Unsere Kriminaliststen und unsere Verbrecher übertrumpfen sich einander immer wieder. Ao er in den letzten Jahrzehnten ist es den deutschen Ländern gelungen, eine Waffe im Kampfe gegen die Verbrecher auszubauen, mit der diese nie wie­der konkurrieren können. Das ist die Organi­sation. Sie können dem Polizeiapparal, der über die ganze Well ausgebreitet, reibungslos und mit der Geschindigkeit der Aetherraelle arbeitet, nichts Gleichartiges 'entgegenstellen.

Sie können leine Fluchtorganisation ersinnen, die so systematisch, so exakt arbeitet, wie die Er­kennungsdienstzentrale in Berlin. Sie müssen eines Tages jener Macht erliegen, die von den Kartei! einer systematisch geordneten Kartothek ausgeht.

Neues für den Bücheriifch.

Hessischer Landkalender für das Jahr 1933. Hg. von Karl Esselborn, Parmstadt, C. F. Wintersche Buchdruckerei. Preis 60 Pfennig. (534.) Der Landkalender zeichnet sich diesmal durch eine besonders geschickte Auswahl der Bei­träge, wiederum nur aus der Feder hessischer Ver­fasser, aus. In Bechtolsheimers ErzählungEllen- täte und Dusfi" finden mir manch kräftig Wörtlein gegen die Uebertultur der Stadtleute, der das bo­denständige gesunde Empfinden der Landbevölkerung gegenübergestellt wird. Auch Franz Gros, der fein­sinnige Kenner feiner oberhessischen Heimat und Wiedererwecker mancher ihrer allen schonen Bräuche, dessen Lebenslang Esselborn anläßlich feines 60. Ge­burtstages schildert, gibt mit seiner Humoreske einen erheiternden Beitrag zur Uebertultur. Karl Heusohn führt anschaulich vor Augen, was Oberhessen den Herrnhutern zu verdanken hat. Neben diesen uns in Oberhessen besonders interessierenden Artikeln sei nur noch auf Eimers nette Geschichte vom Ge­spenst, Karrillons Bericht vom unerwarteten Ende eines Pirschganges und einige gemütvolle Gedichte des Herausgebers hingewiesen. Auch die reiche Aus­wahl aus den Zeichnungen und Bildern Hermann Pfeiffers mit ihren gefälligen Formen gereichen dem Kalender zur besonderen Zierde. So gäbe er ein nettes Keines unterhaltsames Weihnachtsgeschenk für die langen Winterabende.

Der Kohlerfche Kolonial-Kalender für 1933 (Wilhelm Kohler Verlag, Minden i. W.), mit dem neuen UntertitelDie Wildnis ruft .. bringt spannende, reich illustrierte Erzählungen aus Urwald und Steppe, aus Busch und Dschungel: kühne Forscher erzählen von abenteuerlichen Er­lebnissen unter schwarzen, braunen und gelben Menschen, von Kopfjägern und von Negerzauber, von Schlangen, Krokodilen und Gorillas, von auf­regenden Jagd- und Kriegsfahrten in tropischen Ländern. Preis: 1,30 Mk. (334)

Froh im Sattel! -Unter diesem Stich­wort ist im Verlag von Sankt Georg, Berlin W 35.

der neu« Sankt-Georg-Abreiß-Kale n-- der für 1933 «r.chtenen. (423.) Mill den WortenReiten ist die idealste Harmonie zwischen Mensch und Tier, ist schönste Erfüllung des Sportgedankens'' undReiter können wir alle sein" ruft der Kalender alle Sankt Georg-Jünger auf den Plan. Den früheren Ausgaben gegen­über bietet der neue Sankt Georg-Kalender ein erhebliches Mehr an Bildern und ist durch sein neues praktisches Format in schönem Gewand ein Schmuck für das Heim des Reiters und Freundes des Pferdes. Die Ausstattung ist sorgfältig: der Preis von 2,50 Mark ist wohlfeil.

Wilhelm Lobsien: Hasen binnen. Halliggeschichten. Martin War,.eck, Verlag, 'Ser- Iin W 9. Kart. Mk..90. (430) Wem Lobsien nicht bekannt ist als einer der besten Ken­ner der Halligwelt, dem öffnet dieses kleine Bänd­chen die Augen. Auch Wer di« Halligen selbst nie sahund ihre friesischen Bewohner in ihrer herben und zähen Art nicht kennt, mutz hier dl« Echtheit der Verlebendigung spüren.

Ludwig Dlathar: Das Schneider­lein im Hohen Venn. Ein Roman zwischen zwei Völkern. (VIIi u. 464 S.). Freiburg im Breisgau 1932, S)erber. Geheftet 4,40 Mk.: in Leinwand 6 Mk. (474) Alles, was einen guten Dolksroman auszeichnet, findet sich hier: spannungsreiche Handlung, getreue Menschen­schilderung, Bericht erstaunlicher Schicksal«. Aber das Buch ist nicht nur dadurch interessant: son­dern es bekommt seinen eigentlichen Wert erst durch die starke Zeichnung dieser wüsten und ver­lorenen Landschaft zwischen zwei Völkern, durch die Schilderung ihres läuternden Einflusses auf Michel, den Schneider. Der Gegensatz zwischen der unbändigen Datur, ihrer Gewalt, ihrer Bedrohung unb der Bewährung des Schneiders durch sie und in ihr da- ist schön zu lesen und hinterläßt dauernde Wirkung.