Ausgabe 
19.12.1932 Frühausgabe
 
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gebracht morden ist, anstelle des Teil V des Ver­sailler Vertrages solle eine neue und für alle gleichmäßig geltende Oldnung gelten. Das, nicht mehr, aber auch nicht weniger ist das Ergebnis der Genfer neuen Abmachung!

Nun mutz sich allerdings die deutsche Politik sehr energisch dahinkerlegen, daß für die am 31 Januar mit Deutschland wieder beginnende Abrüstungsver­handlung Deutschland so gerüstet ist wie irgend- möglich. Es muß genau wissen, was es im Punkte der S i ch e r h e i t s f r a g e zugestehen kann oder nicht, Vorschlägen will oder nicht, und wie es sich die praktische Verwirklichung der Gleichberechtigung im Verhältnis zum Rüstung s st and der anderen nun­mehr denke. Und man darf nun auch die Augen, nicht davor verschließen, daß genau wie in der Finanzsrage Reparationen und interalliierte Schul­den miteinander verkoppelt sind, nunmehr Gleich­berechtigung und Sicherheit untrennbar miteinan­der verknüpft sind. Lassen wir den Streit, ob das nötig war »der nicht, sondern gehen mir nun von der Tatsache aus, die die Grundlage für die wei­tere Verhandlung ijjt So wenig wir das Genfer Abkommen unterschätzen wollen, so ist nicht zu be­streiten, daß der Kampf um den Inhalt künftiger Abrüstungen von neuem und erst recht entbrennt, die entscheidenden Kämpfe noch bevorstehen Sehr gut war dabei, daß Herr v. Neurath bei seinem Eingreifen in die Verhandlung über den Mand­schureikonflikt, der ersten wirklichen Stellungnahme Deutschlands darin, den Zusammenhang dieses Konfliktes mit Abrüstungs. und Sicherheitsfrage so scharf unterstrich.

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Als wenn es noch nicht genug Spannuhgen gäbe, platzte der Sturz Herriots an der Schul­denfrage herein. Die Lage war für den 15., dem Fälligkeitstermin, jetzt die: England, Italien, von den Kleineren die Tschechoslowakei und Lett­land, zahlten ihre Raten in Gold. Frankreich, Belgien, Ungarn, Polen und Estland zah.ten nicht. Die Schuldner front ist also auseinan­dergebrochen. Hoover hätte seine Absicht er­reicht. daß mit den Schuldnern einzeln zu ver­handeln^ märe. Ist das ein Erfolg Amerikas, der feiner Starrheit zu verdanken gewesen märe? Uns scheint, daß weder Frankreich, noch England, noch aber auch Amerika auf dies Ergebnis mit dem Ge­fühl eines Erfolges blicken können. Hat man in Paris und in London wirklich gemeint, Amerika würde das Ansinnen wie selbstverständlich hinneh- men: Schuldenerlaß als einfache Folge des Lau­sanner Abkommens? Hat die englische und die fron» Zösiiche Politik das Gelände in Washington über­haupt für ihre Forderung, zum 15. Dezember die Zahlung zu erlassen oder zu stunden, wirklich vor­bereitet? An den Noten der beiden Staaten sieht man, daß das nicht der Fall mar Sowohl Charä- berlain wie Herriot haben sich offenbar darauf ver­lassen, Amerika würde schließlich doch nachgeben. Dabei ist anzuerkennen, was Chamberlain im Un- Haus sehr deutlich sagte, daß, wie bas Hoover- Moratorium, das Gespräch Hoover-Laval und eine Aeußerung Hoovers an den englischen' Botschafter in Washington bewiesen, das Lausanner Ab­kommen mit Wissen und Willen Arne- rikaszu stände gekommen ist Hier bleibt nach wie vor der schwache Punkt in der Position bet Vereinigten Saaten: Hoover fordert Europa auf. sich erst einmal s e l b st zu einigen, dann würde Amerika mit sich reden lasten. Europa tut das und Amerika läßt nicht mit sich reden.

Diese Feststellung ändert nun freilich nichts an dem Urteil über Frankreichs Haltung Der- geblich hat Herriot dafür gekämpft, mit der ein­maligen Zahlung den Weg zu^iner wirklichen Re­vision zu erleichtern, unb darauf hingewiesen, daß Frankreich, das immer so sehr auf die Heiligkeit der Verträge gepocht habe, nicht feine feierlich ge­gebene Unterschrift verleugnen dürfe. Vergeblich hat er auch dafür gekämpft, daß man die so wichtige Gemeinsamkeit mit England nicht auf das Spiel setzen dürfe. Es hatte die Gemeinschaft der Aktion mit Macdonald am 9. Dezember aus­drücklich verabredet: gemeinsame Zahlung und ge­meinsame Auffassung, daß das die letzte Zah­lung vor der gründlichen Schuldenreoision sein solle, die zudem bei dieser Revision angerechnet werden sollte. Die Kammer istdarüberhin- weggegangen, hat den Bruch herbeigeführt,

den Sturz Herriots und den offenen Konflikt mit Amerika

Die Mißstimmung des amerikanischen Kongresses gegen Frankreich begreift man ohne weiteres: Frankreich, das ohne Zweifel zahlen kann wei­gert sich, und der amerikanische Gläubiger wird um sein Recht betrogen Aber wie will man denn diesen Vertragsbrüchigen Schuldner zwingen? Wo ist die Möglichkeit zu Repressalien, ohne daß Ame­rika sich se.bst ins eigene Fleisch schneidet? Wo ist die starke Position, logisch und tasächlich. in der Amerika Frankreich entgegentreten könnte? Und wird andererseits die amerikanische Politik die Wendigkeit und Entschlußfreudigkeit aufbringen, die nötig wäre, England und Frankreich von ein­ander zu trennen, während die französische Politik alle Minen springen lassen wird, um England an ihrer Seite festzuhalten und England, bei allem Wunsch, in der Schuidenfrage möglichst gut von Amerika behandelt zu werden und mit ihm gut zu

General Iusto, der jetzige Diktator Argentinien«.

Buenos Aires, 18. Dez. ($11.) In ganz Argentinien ist nach der Zustimmung der Kammer wegen des von der Regierung aus- gedeckten Putschversuches der Belagerumgs- zu st and verhängt worden. Wie jetzt festgestellt worden ist. sollte die Revolutionam3 0. De­zember ausbrechen. Wie verlautet, hat der militärische Führer der Umstürzler, Oberst­leutnant C a 11 a n e o , ausgesagt, die Umstürzler hätten nach dem Sturz der Regierung die Ge­walt dem Obersten Gerichtshof übertragen wollen. Der verhaftete frühere Präsident Dr. 3 ri­gol) e n wird voraussichtlich nach der Insel Mar­tin Garcia gebracht werden.

Die Verschwörung ist durch die zufällige Explosion einer Bombe ans Tageslicht gekommen. Diese Explosion führte zu der Ent­deckung, daß sich in einem Hause innerhalb der

Bafel. 17. De). (TU.) Kaum hat sich das Ent­setzen über das Luzerner Eisenbahnunglück einiger­maßen gelegt, als auch schon wieder eine Nachricht von einem neuen ernsten Unglück aus den schweizerischen Bundesbahnen eintrifft. Am Sams­tag kurz vor 18 Uhr fuhr dicht beim Bahnhof Oerlikon. etwa fünf Kilometer von Zürich entfernt, ein Eitzug auf eine Lokomotive in voller Fahrt auf, die anscheinend auf dem Gleis vergessen worden war. Der Zug hält in Oer- likon nicht, so daß er seine Fahrt nicht vermindert hatte. Bei dem Zusammenstoß löste sich die elektri­sche Zuglokomotioe von dem Packwagen los, ver­

stehen. eine Trennung von Frankreich ganz be­stimmt nicht wünscht?

Die je Fragen bleiben vorläufig offen! Wir spre­chen darum auch nicht von möglichen Vorteilen für Deutschland aus dieser Verwicklung Was wir sehen, ist, daß die so schwer auf der Weltwirtschaft lastende Schuldenfrage noch mehr festgesah. r e n ist, als sie es bisher der Fall war, und daß dies jedes bißchen Vertrauen zuruckhält oder zer­stört, das überhaupt in der Wirtschaft noch vor­handen ist. Man soll nicht von Ankurbelung der Weltwirtschaft und Weltwirstchastskonferenz spre­chen, wenn man die Schuldenfraae nicht vorher zu lösen fähig ist. Und man soll aus der Gläubiger- feite nicht vergessen, daß so, wie die Dinge heute liegen, der auf seinen Schein bestehende Gläubiger riskiert überhaupt nichts zu bekommen Denn in diesem Sinne einer Verweigerung der Zahlungen könnte allerdings eines Tages eine europäische I Schuldnerfront gegen Amerika entstehen!

Dr. Irrigoyen, der frühere argentinische Staats­präsident, der jetzt verhaftet wurde.

Bannmeile ein ganzes Dombenlager be­fand. Die Bewohner des Hauses flohen, vergaßen aber, eine Liste mit 60 Flamen mitzuneh­men, wodurch es der Polizei ermöglich, wurde, sofort mit Verhaftungen gegen die Derschwörer «inzugreifen. Bisher wurden über 1 0 0 0 D o m- ben beschlagnahmt.

Der KreuzerDeinticinco de Mayo", der die verhafteten Führer der Radikalen Partei nach ihrem Derbannungsort bringt, ist bereits aus dem Hafen ausgelaufen. Der Innenminister erklärt«, Herr der Lage zu sein. Die Schul­digen würden bestraft und alle Maßnahmen ge­troffen werden, um die öffentlich« Ordnung auf- rechtzuerhalten. Die Verhaftungen von Verdäch­tigen gehen weiter. Presse und öffentliche Mei­nung treten sehr stark für die Regierung ein.

keilte sich in die Dampflokomotive und fauste mit ihr bis fast zum Bahnhof Oerlikon hinein. Der Packwagen des Zuges und der nachfolgende 3 -Kiafje-Perfonenwagen wurden ganz in­einander verschachtelt. Der Personen­wagen hob den Packwagen in die höhe, so daß die­ser teilweise auf den Personenwagen selbst fiel. Durch den Stoß und die schwere Zertrümmerung des wagens wurden drei Personen getötet, neunzehn Personen mehr oder weniger schwer ver­letzt. Lin Fahrgast kam ums Leben, als etwa zehn Minuten später ein Rangierzug aus einem Rebengleis an den quer über dem Gleis stehenden

Belagerungszustand in Argentinien

Aeiies schweres MenbahnunM in der Schweiz.

Zusammenstoß im Nebel bei Oerlikon. - Drei Tote und neunzehn Verletzte.

Personenwagen anfuhr. Der Heizer der Banaler- lokomotive wurde durch glühende Kohlen, die aus der Feuerung aus ihn fielen, so schwer ver­brannt, daß er an den Verletzungen starb.

Wie das Unglück geschah.

Das Unglück von Oerlikon wird auf den dichten Rebel zurückgeführt, der am Samstagabend bis auf 2 Meter jede Sicht unmöglich machte. Hierdurch kam es auch, daß der Lokalzug von Zürich die auf dem Gleis stehende Rangierlokomotive nicht bemerkte Warum diese allerdings auf dem Gleis zurückgelassen worden war, ist allge­mein ein Rätsel. Das Stationsamt Oerlikon kann hierüber kein? klare Auskunft geben. Durch den Anprall riß sich einmal die elektrische Majchne des Lokalzuges los und jauste mit der Rangier­lokomotive davon, zum anderen wurden außer dem nachfolgenden Packwagen auch noch zwei Personen­wagen ganz ineinandergerannt, so daß sie weit über di« Schienen bi n ausragten. Beide wiesen zahlreiche Fahrgäste auf, die von Weihnachts- e i n r ä u f e n in Zürich auf das Land zurückfuhren. Nach Mitteilung der Bundesbahnen wurden ins­gesamt drei Personen getötet, und zwar ein Mann vom Zugpersonal der Heizer der Ran­gierlokomotive _ und zwei Privatpersonen aus Zurich Der Führer der alleinstehenden Lokomotive konnte im letzten Augenblick abspringen Der Hei- 3er wurde mit dem Fuß eingeklemmt, konnte sich nicht mehr befreien und verbrannte Verletzt wurden neunzehn Personen, davon etwa die Hälfte l$.a>.er Sie stammen alle aus der Umgebung von Zürich Ausländer befinden sich nicht dabei. Sämt­liche Verletzte wurden nach dsm Spital in Zürich ubergeführt.

Die neue belgische Regierung.

Brüssel, 17.Dez. (WTB.) Die belgische Kabinettskrise ist beendet. Das neue Kabinett seht sich wie folgt zusammen: Mi­nisterpräsident und Minister ohne PortefeuiNe de Broqueville, Minister des Aeutzeren Hymans, Iustizrninister Janson, Wehrmini­ster Deveze, Derkehrsminister Forthomme, Minister für Kunst und Wissenschaft Lippe ns, Innen- und Postministerium Po ulket, Finanz- Minister Ja s par, Kolonialminister Ts chof- s e n, Industrie- und Arbeitsminister Dani» fader.

Tas neue Kabinett besteht im wesentlichen aus denselben Persönlichkeiten, wie das erste Mini­sterium de Broqueville. Tas Bündnis Ka- tholiken-Liberale ist aufs neue ge- f e st i g t, um so mehr, als sich die beiden Par­teien über die wichtige innerpolitische Streit­frage der staatlichen Ünterstühungen für katho­lische Schulen einigen konnten. Das neue Kabi­nett wird sich am Dienstag den beiden Kammern vorstellen. Seine wichtigste Aufgabe ist die Be­willigung wenigstens der unmittelbar notwen­digen Etatsmittel für die ersten Monate des neuen Haushaltsjahres 1933. Weiter gilt es, den durch Wahlen und die politischen Kämpfe bis zur letzten Stunde verzögerten Plan der Sanierung der Staatsfinanzen mit größter Be- fchlennigung fertigzustel'en. Das Defizit beträgt nicht weniger als 2,5 Milliarden Franks.

Wie die Tschechoslowakei abrüstet".

Prag, 17. Dez. (.) DasPrager Tagblatt" bringt interessante Einzelheiten aus dem tschechischen Militärhaushalt. So stellt es fest, daß die Tschechoslowakei im Jahre 1930 = 2 7 0 Flugzeuge besah, 1931 bereits 546, und in den Fliegerschulen 141, zusammen also 687 Flugzeuge, die 25 Flugzeugs der Masa- rhk-Flugliga nicht mitgerechnet. In einem Jahr hat sich also der Bestand an Flugzeugen um 150 v. H. vermehrt. Bon kleineren Staa­ten haben die Schweiz 210, die Riederlande 250, Belgien 400, Rumänien 450 und selbst Südslawien, das nicht wie die Tschechoslowakei 140 000 Qua­dratkilometer Land, sondern 250 000 Quadratkilo­meter zu verteidigen hat, nur 500 Militärflug­zeuge.

Gießener Gtadtthearer.

We hnachtsmärchen:Aschenbrödel"

Eine große Kindergesellschaft war gestern, am goldenen Sonntagnachmittag, im Theater versam­melt, um das diesjährige Weihnachtsmärchen an­zusehen. Es heißtAschenbrödel oder: Der gläserne Pantoffel", mit Gesang und Tanz in sechs Bildern, nach dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm bearbeitet von C. A. G ö r - ner; Musik von Eduard Stieg mann. Es dauerte beinahe drei volle Stunden, so daß di« kl«ine Gesellschaft richtig auf ihre Kosten kam. Tlnd es gab wahrhaftig viel zu sehen: zuerst in Aschenbröoels Küche im Hause des Barons von Montecontecuculorum, wo di« böse Stiefmutter ihr greuliches Wesen trieb und die Täubchen durch den Kamin auf den Herd herunter geflattert kamen. (Die schlechten ins Kröpfchen, die guten ins Töpfchen.")

Dann bei der freundlichen Fee Walpurgis, di« zwar wi« eine richtige Knusperhex« aussah, aber über ganz wunderbare Zauberkräfte ver- fügte. Zum Beispiel ließ sie eine mit vier weißen Mäusen bespannte, prächtige Karosse herbeirollen, um Aschenbrödel zum Hofball des Königs Ka­kadu zu fahren. Auch konnte man bei ihr leib­haftige Frösche und Mäuse tanzen sehn. Aber das war noch nichts gegen die märchenhafte Pracht am Hofe des Königs Kakadu, wo sich viele bunte Papageien schaukelten, hier gab es auch ^nen närrischen Hofstaat und ein sehr anmutiges Ballett zu bewundern.

Aschenbrödel, das gute, machte die erstaunlich­ster Verwandlungen durch und erschien dem statt­lichen Prisen Wunderhold erst in einem riesigen Blumenkorb und später sogar auf kunstreiche und rätselhafte Art und Weif« im Traum. Di« Jagd nach dem aus dem Schloß entflohenen Aschen- brodel gab zu besonders erheiternden Szenen Ä als die gesamt« Hofgesellschaft, samt dem dicken König die Treppe hinunter und ins Was- land dann vor den Augen des Königs die feierl.che Pantoffelprobe statt, und ?a^ntomuVQ toie ""gegossen

Unb zuallerletzt, als Aschenbrödel des $rin- §«n tfrau geworden war, schwebte aus den Höch, sten Hohen em stattlicher Christbaum herab an dsm aus einen Wink der Fee Walpurgis Kerzen entzündet^ im Handumdrehen «ine höchst erfreuliche Verwandlung durchgemacht

und beschloß das Märchen recht weihnachtlich mit dem GesangO du fröhliche".

Natürlich ist das noch nicht alles, was es zu sehen gab, aber wer das nächste Mal hingeht, will ja auch noch ein paar Ueberrafchungen er- leben. Der gute Onkel Volck hat das Stück wie alle Jahre, mit viel Liebe und Sorgfalt be­treut und einstudiert. Karl Löffler hat präch- tige Dekorationen entworfen und besonders den Königshof recht verschwenderisch ausgestattet. Auch die Herren Keim (Beleuchtung, und H u - d er (Kostüme) hatten ihr Bestes zu einer festlichen Ausstattung beigetragen. Kapellmeister Walter M o e h l dirigierte mit Verständnis und Zart- 8füi)l die Begleitmusik, die besonders im ersten -L'ld und in den Tänzen hübsch« Melodien auf- we'st Ne Tänze hat E. B ä u l k e gefällig und sorgsam eingeübt: besonders der Blumentanz und das anmutige Ho.ballett fanden verdientermaßen allgemeinen Beifall.

" 9 .war ein liebliches Aschenbrödel, dessen Schicksale die Kleinen mit bewegter Anteil- napme verfolgten, es konnte einem ja auch wahr­haftig leid tun, wie abscheulich «s von seiner Stiefmutter behandelt wird, und es war eine rechte Freude und allgemeines Aufatmen, daß das gute Kind zuletzt mit einem so prächtigen Prmzen belohnt wird, wie ihn Herr Egge­rn a nn darstellte. Herr Fassott erschien als ein äußerst gemütlicher, rotnasiger König, wie aus dem Bilderbuch«: seine Attribute waren ein mächtiges Lebkuchenherz, Aepfel und ein Wurst- krmgel, wovon der Minister Puterhahn mal ab- beißen durfte. Herr Volck gab den dicken und ängstlichen Baron: Frau Schubert-Jüng- l i n g, Agathe Walther-Lederer und Annemarie O 11 m e r statteten die Sippe derer von Knitterknatterschnat!« hausen mit aufregender Scheusäligkeit aus. Sybille Flemming fang als verwandelte Fee Walpurgis mit schöner Stimme das weihnachtliche Abschiedslied unter oem Christbaum. Karl Bruck war ihr hilfreicher Trabant Syfax und trieb mit einer Tarnkappe unb einer langen Feder allerlei erheiternden Unfug, Walter M i che l als Ho.marfchall Grase- mück hatte sich mit einem Glöckchen auf der Pe­rücke und einem Papagei auf dem Marschallstab phantLsievoll ausstaffiert. Auch alle übrigen Große und Kleine, waren mit Lust und Liebe bei der Sache. Und die Kinder, sie hörten es gerne und statteten mit Lachen und Klatschen ihren Dank ab. hth.

Besuch auf Robinsons Insel.

Juan Fernandez, die kleine Insel im Stillen Ozean, gilt allgemein als das Eiland Robinson Crusoes, und sie wäre es auch zweifellos, wenn wirklich bewiesen wäre, daß Defoe der Dichter dieses unsterblichen Werkes, die Memoiren des Matrosen^ Alexander Selkirk benutzt hat Dies« lite­rarische Streitfrage wird sich wohl nie ganz lösen lassen, und so bleibt die Insel umwittert von dem romantischen Hauch, der uns alle bei der Nennung des Namen Robinsons anweht Aber diese phan- tastischen Träume der Kindheit erfahren fautm eine Bestätigung bei dem Besuch der Insel, sondern man fühlt sich, wie ein Besucher kürzlich ausführte, stark ernüchtert, wenn man diese einlam aus dem Meer aufragende Felsmasse betritt Obwohl Juan Fer­nandez nur 600 Kilometer westlich von Valparaiso liegt, also etn>a 20 Stunden Dampferfahrt entfernt, so ist sie doch sehr einsam, da die Sch sfe hier fast nie anlegen. Die Küste ist ganz kahl, und' vergebens sucht man nach dem Sande, auf dem sich die Fuß­spuren Freitags hätten einprägen können durch die Robinson zu seinem Begleiter kam. Auch spricht nichts dafür, daß hier jemals ein schwarzer Men­schenstamm gehaust Hal, Die Ziegen, die wahrschein­lich von dem Entdecker der Insel, Juan Fernan­dez, im Jahre 1563 eingeführt wurden und außer einigen Wildschweinen die wichtigste Tierwelt dar­stellen, gemahnen allein noch an Defoes Schilde­rung. Die Hauptbewohner sind heute politische Flüchtlinge. Es scheint als ob seit den Tagen der spanischen Eroberung von Südamerika die Insel immer wieder der Zufluchtsort Geächteter wurde, und die unglücklichen Nebenbuhler und Gegner des herrschenden Präsidenten von Chile fristen hier ein friedliches, wenn auch kümmerliches Dasein, Ihre Hauptnahrung sind die Langusten, die In großen .Dtenaen gefangen werden Daneben hat sich eine Industrie der Herstellung von Spazierstöcken enb mickelt, für die die Chonta-Palme ein vortreffliches Material liefert Die besondere Art dieses Baumes, die auf der Insel heimisch ist, weist ein sehr an­ziehendes, schwarzweißes Muster in ihrem Holz auf. Die Palmen werden so rücksichtslos umge­hauen, daß nur noch einige wenige von ihnen vor­handen sind. Lebendiger als die Erinnerung an Robinson ist auf der Insel die an Alexander Seb kirk, den man ja für sein geschichtliches Vorbild hält. Selkirk war Obermaat auf dem SchiffCinque Ports", geriet mit dem Kapitän Stradling in Streit und bestand darauf, auf der Insel an Land gesetzt Zu werden. Obwohl er bann vor der Abfahrt des Schisse» zweimal darum bat, wieder an Bord ge­

nommen zu werden, ließ man ihn allein zurück, und er wurde erst im Februar 1709 von dem Ka- pitän Rogers des SchiffesDukes" gerettet, der fein Feuer brennen sah und ein Boot ausschickte. Der Ausguck, von dem der Einsiedler auf Juan Fernandez sehnsüchtig nach dem Rettungsschiff aus» blickte und den er in seinen Erinnerungen ein- gehend beschreibt, ist ein Vorsprung auf der Berg­kette der Insel, von dem aus man die Aussicht nach beiden Küsten hat. Der Anstieg von etwa 600 Meter wird durch ein Dickicht von Farnen und Ge­wächsen aller Art erschwert. Die Pflanzenwelt weist allein 24 verschiedene Arten von Farnkräutern auf, obwohl die Insel nur 20 Kilometer lang und 6 Kilo­meter breit ist. Hat man glücklich die Höhe erklom­men, so findet man auf dem Gipfel eine Stein täfel, die 1868 zur Erinnerung an den 4Hährigen Aufent­halt Selkirks angebracht wurde. Man erfährt hier, daß er von 1704 bis 1709 auf der Insel weilte, später Offizier in der englischen Marine wurde und 1723 im Range eines Leutnants an Bord des Schif­fesWeymouth" starb. A.t dem Bergabhang, der sich in eine natürliche Terrasse über der Bucht aus- breitet, finden sich verschieden« Höhlen, die wohl von Flüchtlingen in früherer Zeit angelegt wurden; eine von ihnen die mit Farnkräutern ausgeschmückt ist, dient als Kapelle. Für uns Deutsche ist beson­ders interessant, daß die Mannschaft des deutschen KreuzersDresden" nach der Schlacht an den Falk- lands-Inseln hier einen Unterschlupf sand.

Eine merkwürdige Erinnerung an 1870

^iniflm-crbeiter' die das Unterholz bei Boulou in der Nahe von Perpignan beseitigen, fanden in einem hohlen Baumstamm eine Flasche, die eine Liste von Schmucksachen enthielt, die der Kaiserin Eugenie gehört haben. Die List«, bte oom 4. September 1870, dem Sage des Sturzes

Zweiten französischen Kaiserreiches, datiert ist, Yt begleitet von Anordnungen, die an Manuel Perez gerichtet waren: es wurde ihm aufgetragen, die aufgezählten Juwelen der Mutter der Kaiserin tn Madrid auszuliefern. Das merkwürdige Doku­ment ist auf Amtspapier geschrieben, das den kai­serlichen Adler träat, und mit dem Siegel des n^er9 oersehen. unter den Schmuckstücken wird ein Perlenhalsband erwähnt, das die Kaiserin oom Zaren erhalten und dessen Wert mit 600 000 Frcs. angegeben ist Der Gesamtwert wird auf 6 650 000 Frcs. berechnet.