Ausgabe 
19.12.1932 Erstes Blatt
 
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Vornan von Margarete Antelmann.

Copyright by Martin Feuchtwanger, Holte (Saale)

9 ^ortlcRung Nachdruck verboten

Sonst tiefe Stille. Nirgends war ein Mensch Zu sehen, weder in dem zweistöckigen Herrenhaus, noch in irgendeinem dec Nebengebäude.

Icht ging Theobald durch ein Gartentor. kam an die Hintere Front des Herrenhauses. Immer noch rührte sich nichts.

Wein Gott! Schlief denn hier olles? Laut klingelte Theobald an seiner Radglocke kein Laut!

»Hallo! Wirtschaft!"

Wie aus weiter Ferne vernahm er da eine Antwort.

Hier ist niemand zu Hause!"

Suchend blickte Theobald zu den Fenstern em­por. Da hörte er ein Kichern hinter seinem Rücken.

Schnell fuhr er herum. Nirgends war ein Mensch zu sehen, so eifrig er auch umherspähte.

Hier!" rief es lockend: jäh hob Theobald den Kopf in die Höhe, woher er den leisen Ruf ge­hört hatte.

Witten in den Blättern eines alten Kirsch­baumes faß da ein Mädchen und zeigte ihm lachend die schönen Zähne. Unter einem bunten Kopftuch schaute e n b üh?ndes, junges Gesicht her­vor, mit großen dunklen Augen. Zwei nackte Beine in ausgetretenen Halbschuhen baumelten aus den Zweigen herunter.

Theobald Fischer wußte, was er zu tun hatte. Blitzschnell drehte er sich herum, lehnte sein Rad an das Haus und schickte sich an. auf den Baum zu klettern.

He! Sie da unten! Was tun. Sie da? Sie wollen doch nicht etwa zu mir heraufklettern?"

Natürlich. Kleine, will ich das! Sonst ist mir die Unterhaltung zu beschwerlich, wenn ich immer den Kopf in die Höhe recken soll."

Dein! Bleiben Sie nur unten! Da komme ich lieber herunter. Aber sagen Sie mir erst was wollen Sie eigentlich hier?"

Ja. mein liebes Kind, ich möchte gern Herrn von Löwen sprechen."

So! Herrn von Löwen!? In welcher An­gelegenheit denn?"

Was geht denn Sie das an. was ich mit Herrn von Löwen zu besprechen habe? Hier scheint ja eine heillose Wirtschaft zu sein, wenn sich schon die Dienstleute in die herrschaftlichen Angelegen­heiten mischen! Aber vielleicht steigen Sie 'jetzt wirtlich herunter von Ihrem luftigen Sih und melden mich dem Herrn von Löwern Man kann

r doch nicht stundenlang warten, ehe man jemand zu sprechen bekommt."

Bon stundenlang kann gar nicht die Rede fein, mein Herr. Sie sind noch keine zehn Mi­nuten hier. Ich habe ja gesehen, wie Sie in den Hof gekommen sind."

Schon, mein Kind! Sie mögen recht haben. Aber es dauert mir trotzdem lange genug, und ich ersuche Sie noch einmal, mich endlich zu melden."

Hat gar keinen Sinn, daß ich Sie melde. Herr von Löwen ist nicht zu Hause."

Was? Das hätten Sie mir wirklich schon früher sagen können."

Die Kleine oben antwortete nicht. Sie hatte angefangen, eine Schlagermelodie vor sich hin- jufummen, und pendelte dazu vergnügt mit den Deinen. Entrüstet sah Theobald Fischer in die Höhe. In diesem Augenblick traf ihn eine wohl- gezielte. harte Kirsche mitten auf die Stirn.

Getroffen! Fein!" rief es dazu von oben her­unter.

Wütend fuhr Theobald in die Höhe.

Die Kleine oben lachte indes so fröhlich, sah so reizend dabei aus. daß Theobald nicht böse sein tonnte. Wenn sie wenigstens unten gewesen wäre, da hätte er schon die rechte Strafe gefunden. Aber so...

Also, junger Herr, es ist niemand zu Hause. Da werden Sie schon ein anderes Mal kommen müssen."

Aber ich denke ja gar nicht daran. Ich werde warten, bis Herr von Löwen zurückkommt. Wo ist er eigentlich h'.ngegangen?"

Hinausgeritten, auf die Felder. Hnb es kann sehr, spät werden, bis er zurückkommt. Wenn es Ihnen nur nicht zu lange dauert."

Ach. ewig kann er ja nicht ausbleiben, denke ich."

Na, da werde ich doch langsam herunter- kommen."

Ich hielte es auch für angebracht", antwortete Theobald spöttisch.

Er hatte sich über die burschikose Art der Kleinen doch ein wenig geärgert Sie mußte zum Dienstpersonal gehören, denn die Freunde hatten erfahren, daß Herr von Lötoen ganz allein hauste, feit seine Tochter in einem Schweizer Pensionat untergebracht war.

Man mußte es ihm gelegentlich nahelegen, seine Leute ein wenig besser zu erziehen.

Jetzt sah er. wie die Kleine gewandt vom Baume herunterkletterte.

Theobald war hinübergeeilt, der Kleinen zu helfen. Er kam gerade zurecht, sie in seinen Armen aufzufangen.

Ach, wie schade! Ich wollte doch herunter­springen."

Sie hätten sich sicher weh getan, auf dem harten Boden."

Aber nein! Ich bin eine gute Turnerin! Und gerade Springen gehört zu meinen besonderen Künsten. Doch, jetzt müssen Sie mich endlich los­lassen ...

Eine kleine, verlegene Röte stand auf ihrem Gesicht, während sie den hübschen QHänncrfopf so dicht vor sich hatte, dec sie vom ersten Augen­blick cln heftig interessierte.

Damit Sie es übrigens wissen: ich bin niemand von den Dienstboten ich bin Lucie von Löwen!" Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein, das habe ich natürlich nicht gewußt. Gestatten Sie Theobald Fischer. Ich dachte, Sie seien in der Schweiz?"

3a woher wußten Sie überhaupt etwas von mir? Ich habe Ihren Namen nie gehört. Leben Sie in der Nachbarschaft?"

Ja, gnädiges Fräulein! Ich wohne bei meinem Freund auf Löbbau."

Ach du lieber Gott! Sie sind also der Freund von Gust Richter?! Soso?! Da muh ich Ihnen gleich sagen, daß mein Vater auf Sie ebenso schlecht zu sprechen ist wie auf Doktor Richter. Doktor Richter habe sich zu wenig um seinen Besitz gekümmert, meinte er, und sei selbst schuld daran, daß es so schlecht mit ihm stehe.

Und was Sie anlangt, so sieht er jn Ihnen die Ursache, daß unsere Gegend in erst Fabrikland urngewan'celt wird, daß unsere iöstliche Ruhe bald ganz weg sein wird. Er weiß, daß Sie sich mit Ihrem Vater überworfen haben. Ihrer Boxerei wegen. Und man merke Ihnen diesen rohen Sport schon an. weil Sie sich über Tradition und alles hinwegsetzten.

Sicher ist das mit der Kohle nur Unsinn. Kein Mensch hat zuvor etwas davon gewußt, bis Sie gekommen waren. Und Gust Richter einen Spar­ren in den Kopf gesetzt haben! Und nun das ganze Land verschandeln!

Und das Ende ist sicher ein noch viel größerer Zusammenbruch ...!"

Potz Blitz!" unterbrach Theobald endlich den Redeschwall.Sie sind ja eine tüchtige Rednerin und ein ordentlicher Sachwalter Ihres Daters! Ihr Herr Vater scheint genau Bescheid zu wissen wegen Löbbau?"

Aber natürlich! Er kennt ja seit Tagen kein anderes Thema mehr als die entsetzliche Kohlen­geschichte und die Richterschen Schulden. Und von ihm bekäme Doktor Richter keinen Pfennig gepumpt, versichert er alle Tage."

So? Das wollen wir ja auch gar nicht, gnä­diges Fräulein. Wir zahlen alles mit barem Geld."

Haben Sie denn welches?"

Natürlich haben wir Geld! Und wir werden bald noch viel mehr haben. Werden so viel aus der Erde herausgraben, wie wir nur wollen. So viel, daß Ihr Vater uns noch einmal benei­den wird ..."

Vater braucht niemanden zu beneiden. DaS haben wir nicht nötig. Aber was wollen Sie eigentlich von Vater?"

Ich möchte ihn bitten, uns Futter und Ge­treide zu verkaufen."

Das tut er nicht! Nein, nein!"

Aber gnädiges Fräulein?"

Nein! Er hält zu wenig von Doktor Richter, als daß er ihm Kredit geben würde. Er weiß, daß Ihre Maschinen und Anlagen noch nicht be­zahlt sind. Und er meint, wer mit Schulden an­fängt, kommt nie aus den Schulden heraus. Ich fürchte. Ihr Besuch ist vergeblich, Herr Fischer."

Vielleicht haben Sie doch unrecht, gnädiges Fräulein. Ich komme als reeller Käufer: Ihr Herr Vater hat Ueberfluß an Futter und (Be­treibe. Weshalb soll er das Geschäft nicht mit mir machen?"

»,3ch bitte Sie jedenfalls, Herr Fischer, einst­weilen ins Haus zu kommen. Ich habe Sie vor­bereitet, damit Sie sich danach richten können."

Das junge Mädchen ging dem Besucher voran cns Haus. Dabei nahm sie das Kopftuch ab. Ein blonder, kur^versckviite er Wuschelkops kam zum Vorschein. Ein Schütteln des Hauptes brachte die durch das Tuch angedrückten Locken in die richtige Lage.

Theobald Fischer sah mit heißen Augen auf das entzückende Geschöpf, das vor ihm perging. Man konnte der kleinen Kratzbürste nicht böse sein, wenn sie auch noch so unverblümt ihre Mei­nung sagte.

Fräulein von Löwen war nicht eigentlich schön: aber sie war anmutig und sehr graziös, und sie hatte ein unendlich liebes Gesicht. Arn schönsten waren ihre lebhaften, dunklen Augen und ihre blonden Lcckenhaare.

Haben Sie Hunger oder Durst, Herr Fischer? So feindlich sind wir Ihnen nicht gesinnt, daß ich Ihnen nicht etwas Gutes vorsetzen möchte."

Besten Dank, gnädiges Fräulein. Aber ich ver. spüre weder Hunger noch Surft Unsere gute Frau Mertens sorgt ausgezeichnet für uns. Es sieht wirklich nicht so schlimm aus auf Löbbau. wie Sie und Ihr Herr Vater glauben. Und mein Freund ist ein anständiger Mensch."

Eigentlich gefallen Sie mir. Herr Fischer..." Lachend sprudelte es aus dem hübschen Mäd­chenmund. Dann wurde die Kleine plötzlich bren­nend rot.

Auch Theobald war verlegen geworden. Schließ­lich ergriff er die feste, kleine Hand des Mädchens und küßte sie ehrfurchtsvoll.

Ich danke Ihnen für dieses Wort, gnädiges Fräulein. Es gibt mir Hoffnung, auch die Ab­neigung Ihres Herrn Vaters gegen die Löbbauer zu besiegen. Wir sind wirklich harmlose Men­schen. das dürfen Sie glauben."

lFortsetzung fol^t.)

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