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Er. 90 Zweites Blatt
Zwischen den Konferenzen.
Außenpolitische Umschau.
Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Äerlin.
Der Fehlschlag der Londoner Konferenz war keine besondere Lieberraschung. Wird das für Tardieus llebcreifcr und seine sich sehr schnell in den Absichten immer enthüllende „Aktivität" eine Lehre sein? Wird aber diese Erfahrung. nicht die erste dieser Art, auch eine Lehre sur Macdonald und die englische Aufzenpolitik sein? Eine Lehre nämlich dahin, dost solche Konferenzen wirklich vorbereitet werden müssen? An der bemerkenswerten Cntschlie- fzung des „Groszen Rates" der faschistischen Partei in Italien sieht man iwas wir ja auch alle fühlen), wie sich aus solche Weife überhaupt Idee und Methode der internationalen Konferenzen abnuhen und alle Welt das Vertrauen darauf verliert. Aber was an ihre Stelle sehen?
Der Gegensatz war und ist taktisch und sachlich. Frankreich wünscht eine Vier-Groß-Mächte- Konferenz, Deutschland «mit Italien) eine Reun-Mächte-Konferenz «Großmächte und Donaustaaten zusammen). Wesentlicher ist das, daß der französische Plan auf gemeinsame Aktion für und von Oesterreich-Lingam—T fchechoflowa- kei — Rumänien Jugoslawien ausgeht, der deutsche auf das gleiche für Oesterreich-Lingam - Rumänien—Jugoslawien- Bulgarien. Roch wesentlicher ist, daß Deutschlands« Interessen wirtschaftlicher, die Frankreichs und Englands finanzieller Art sind, (wenn wir von den politischen Hintergedanken Frankreichs einmal absehen). Aber bei der naturgemäsz nun einsct- zenden Schulderörterung zum Fehlschlag der Londoner Gespräche hat die „Times" jedenfalls anerkannt, dast der deutsche Vertreter in London „konstruktive Vorschläge" gemacht habe, und ihr Berliner Korrespondent stellte fest, dast Deutschland und Italien „sich noch niemals so nahe gestanden hätten". Run gehen in Gens die Gespräch? weiter, ober wir bleiben dabei, dast nach wie vor wirkliche Ergebnisse (wenn deren überhaupt zu erwarten find) por Beendigung der deutschen und französischen Dohlen nicht zu Stande kommen werden.
Der Wahlkampf in Frankreich hat begonnen und hat knapp einen Monat Zeit. Tar- öieus Wahlprogramm ist nicht sehr ergiebig, hat vor ollen gar keine neuen fruchtbaren Gesichtspunkte, und sein Lob der Finanzpolitik steht mit der Finanzlage Frankreichs im Widerspruch. In- teressant war aus der Rede der Hinweis auf Erfolge der Austenpolitik und darin wieder der Sah, dast der Voungplan die Verbindung zwischenReparationen und Schulden gebracht habe und selbst das Hoovermoratorium diese Verbindung nicht habe lösen können. So bestimmt ist dos noch von keinem verantwortlichen Staatsmann ausgesprochen worden, wenn auch daraus Reues für die französische Taktik in der Schuldenfraqe nicht folgt. Dast Tardieus Austen- Politik ganz in der alten, starren, defensiven Weise weiterläust, trotz aller lebendigen Aktivität und allen Drängens nach sog. positiven 2d» jungen, hotte schon seine Rede vor dem Senat ^noch ausführlicher gezeigt.
Im Wahlkampf spielt die Austcnpolitik eine groste, aber keine entscheidende Rolle, weil sich die Programme der Linken und der Rechten höchstens in den Formulierungen und Degrün» dungen, nicht aber in den tatsächlichen Forderungen unterscheiden. So wird der Wahlkampf vor allem in der Finanzfrage gemacht. Der bisherigen Mehrheit wird vorgeworfen, wie unter ihr die Finanzen Frankreichs heruntergekommen sind. Das ist nun nicht zu bestreiten. MAI«;« MM
Vornan von 3- Schneider-Foerstl.
Urheber-Rechtsschutz: Verlag D. Meister, Werdau.
0. Fortsetzung. Rachdruck verboten!
Margret suchte nach einem Wort des Trostes für die verängstigte Frau und fand keines, das ihr tauglich erschienen wäre.
Die Greisinnenstimme klang jetzt dicht vor ihr, dah sie unwillkürlich noch einen Schritt weiter zurücktrat. „Sie dürfen nicht glauben, Fräulein von Recklinhaufen, dast ich das billige, was mein Sohn an Ihnen verschuldet hat. — Mein Herz hat geblutet darüber. Denn für mich war er der Beste, Heiligste, in meinen Augen war er über jeden anderen erhaben. Das ist mein Recht als Mutter. — ilnb hätte ich ihn im Zuchthaus suchen müssen, meiner Liebe zu ihm hätte das keinen Abbruch getan. — Sagen Sie mir wenigstens das eine, ob er Ihnen Abbitte geleistet hat!"
„Er hot es getan!" beruhigte Margret.
Ein Aufatmen hob die Brust der Greisin. Wiederum zitterte ihre Stimme durch den Raum: „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie das Verlangen gehabt, reich zu sein. Heute aber wünsche ich es. Bis zum letzten Pfennig würde ich Ihnen alles zu Füßen legen, wenn ich damit meinem Sohne Ihre Liebe erkaufen könnte."
„Meine Liebe ist nicht käuflich", sagte Margret kühl.
„Gott segne Sie für diese Worte, Fräulein von Recklinhaufen", ehe sich's diese versah, hatten zwei Frauenhände ihre Rechte emporgehoben und sie an einen bebenden Mund gedrückt, kiesten diese plötzlich los und hoben sich ihr gefaltet entgegen: „Was muh üf> tun, daß meinem Sohne Erbarmen wird?"
Margret suchte nach Worten: „Es ist gar kein Grund gegeben, dah er hier seine Tätigkeit aufgibt und sich nach einem anderen Wirkungskreis umsieht. Ich habe ohnedies im Sinne, mich selbständig zu machen. — Da sind wir dann einander aus dem Wege."
„Geht Ihr Erbarmen nicht weiter, Fräulein von Recklinhaufen?" Run brach die Frauenstimme in leisem Weinen. „Ist er nicht gut, mein Sohn? Lind treu? Lind tüchtig? — Wenn Sie ihm nur einen Funken Liebe entgegenbringen können — um Gottes Barmherzigkeit totllen, die er an Ihrer eigenen Mutter üben soll, haben Sie Mitleid mit ihm — und mit mir!"
Margret wagte keinen Schritt mehr in den Lichtkreis frer Lampe zu setzen. Vor ihr kniete die 5rau am Boden und drückte den Körper an ihr weißes Gewand. Etwas in ihrem Inneren tat sich
Hietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Montag, 18. April (952
Die Lieberschüsse und Reserven sind verbraucht. Das Rechnungsjahr zeigt ein Defizit im Haushalt, ist tatsächlich nicht im Gleichgewicht. Man must zu allerlei Schiebungen greifen. Die Finanzführung der Kammermehrheit und ihrer Finanzminister ist diskreditiert, und das verstärkt das Gefühl der Linficherheit überhaupt. Die Krise kommt in Frankreich nicht so sehr oder nicht im gleichen Maste von der wirtschaftlichen Seite her. sondern von der finanziellen. Man hat auch dort dos Gefühl, dast der Boden nicht mehr ganz sicher ist, und blickt nach E n g- lond, wo Währung und Finanzen sich poch anerkennenswert behaupten.
Denn hier ist das Defizit des Staatshaushalts in einen Lieberschuh verwandelt, konnten die Schulden an Frankreich und Amerika zurückgezahlt werden. Das neue Budget kann vielleicht sogar mit Steuerermäßigungen, namentlich einer Herabsetzung der Einkommensteuer rechnen. Die Opferwilligkeit und Disziplin des englischen Steuerzahlers hat sich wieder einmal glänzend gezeigt. Sicher ist die Wirtschaftskrise damit durchaus ckicht überwunden und auch auf der Finanzlage ruht der Druck der ungelösten Schwierigkeiten der Reichspolitik und des internationalen Schuldenproblems. Aber hier in England zeigt sich schon, wieviel in der heutigen Krise das psychologische Moment bedeutet. Man hat wieder Vertrauen gefaßt. Man sieht, daß dieses Vertrauen dazu führt. Goldströme aus dem Ausland nach England zurückfließen zu lassen, sogar aus Indien, und dost darum das Pfund wieder langsam nach oben geht. So wenig die Wirtschaft eine Wendung zum Besseren zeigt, diese Rückkehr des Vertrauens ist doch sehr wertvoll. Man geht optimistischer an die Dinge, man ist vvr allem Frankreich gegenüber viel sicherer. Denn man braucht keine Angst vor jenen Drohungen der Bank von Frankreich mehr zu haben, durch Abzug ihrer Guthaben den englischen Kredit zu erschüttern. Insofern kam Tardieus übereifriger Vorstoß jetzt eben gut ein halbes Jahr zu spät.
Cs scheint, daß England mit einem eigenen Vorschlag zur Lausanner Konferenz kommen will. Schon ist bekannt, daß es nicht damit rechnet, diese Konferenz werde eine endgültige Lösung bringen. Lind darin ist ja richtig, dast der entscheidende Schritt dafür von Amerika jetzt im Sommer ganz zweifellos noch nicht erwartet werben kann. Deshalb will man in England (so scheint der Plan von Sir John Simon zu fein, der wohl Herrn von Bülow in London noch angedeutet worden ist), eine vorläufige Verlängerung des Zahlungsaufschubes. dabei aber, was dos Reue ist, eine internationale Kommission, die feststellen solle, was Deutschland bisher tatsächlich gezahlt hat und wie hoch Frankreichs Ausgaben für den Wiederaufbau seiner zerstörten Gebiete tatsächlich gewesen sind. Der Plan ist noch nicht spruchreif genug, als dast er schon eingehend besprochen werden könnte. Die Gefahren, die in ihm für Deutschland liegen, leuchten ohne weiteres ein. so erwünscht uns an sich eine derartige Unter- suchung, die längst schon hätte in die Wege geleitet werden müssen, über unsere tatsächlichen Leistungen und Frankreichs wirkliche Wiederaufbau-Aufwendungen wäre.
Das Vertrauen, das m England wiedergekehrt ist oder wiederkehren will, will in Amerika ganz und gar nicht kommen. Die Krise der Wirtschaft bessert sich nirgends und die Finanzlage wird schlechter und schlechter. Amerika hat keine Schuldenlasten aus dem Kriege und hat trotzdem jetzt eine Steuerpolitik machen müssen von einer
auf, wie der Himmel brausten, aus dessen Wvlken- bergen plötzlich ein erlösendes Rauschen und Brausen kam.
„Sie werden ihn Nicht verlieren!" Ihr Gesicht lag tief zu dem der Knienden herabgeneigt. „Sie werden ihn behalten dürfen. Ich werde mit ihm sprechen!"
„Lim Gottes willen nicht! — Er würde es mir nie verzeihen, wenn er wüßte, daß ich für ihn gebeten habe!"
„Dann nicht!" tröstete Margret. „Ich werde einen anderen Weg suchen, wie ihm zu helfen ist!"
„Sie belügen mich nicht?" fragte die ©reifin, wollte aufs neue die Hände heben, fühlte sich aber mit aller Kraft emporgehoben und in einen Stuhl gedrückt und legte den erschlafften Körper haltsuchend gegen die Rückenlehne.
„Rein, ich belüge Sie nicht", versprach Margret. „Wenn er morgen zu Ihnen kommt, ist alles bereits geregelt. — Sie dürfen Vertrauen zu mir haben. — Doktor Wander wird seine Stellung hier nicht aufgeben. Für die Kolonien ist er zu schade."
„Aber lieben, nicht wahr, Fräulein von Reck- linhausen, lieben können Sie meinen Sohn nicht?" lallte die scheue Stimme zu ihr auf.
Sie sah das schwache Lächeln in Margrets Gesicht und hörte den etwas zögernden Klang aus deren dunklem Alt: „Ich muß erst mit mir selbst ins Reine kommen. — Morgen werden Sie auch das erfahren. — Jetzt muh ich zu meinen Patienten. Kommen Sie recht gut nach Haufe. Lind sorgen Sie sich nicht. Es wird sicher alles recht! — Gute Rächt! — Auf Wiedersehen!"
Sie führte Wanders Mutter selbst noch bis in das Treppenhaus und wartete an der Pforte, bis die Klinke hinter ihr einschnappte. Eine Weile stand Margret reglos.
Sie hatte ein Versprechen gegeben, von dem sie selbst nicht einmal wußte, ob es sich verwirklichen ließ.
Rur über das eine bestand fein Zweifel mehr: Sie liebte ihn.
Der Himmel schien offenzustehen! Aus tausend Bronnen quoll das belebende Rah und verströmte eine erfrischende Kühle in die dumpfe Luft der Säle, die von dem gedämpften Licht der Racht- ampeln erhellt waren. Das Brausen und Klat- schen, das gegen Simse und Giebel schlug, hatte die kleinen Kranken zuerst geängstigt. Run aber neigte sich, bald da, bald dort, ein Köpfchen zur Seite und schlief in wohligem Ermüdetsein in wonnesame Träume hinüber
Margret beendete ihren Rundgang und blieb dann vor dem Zimmer stehen, in welchem sich der Chefarzt aufzuhalten pflegte. Roch nie in ihrem Leben war sie so verzweifelt ratlos gewesen. Wohl über ein Dutzend P'ön' bette ri? schon erwogen, aber bei näherem Besehen er- i
Scharfe, die der deutschen gar nichts nachgibt. Aoch im August vorigen Jahres hatte Hoover erklärt, er sehe keinen Grund, die befchlossenen Steuerherabsetzungen wieder rückgängig zu machen. Er. wie der Schaysekretär. haben natürlich die schwierige Lage gesehen, aber nicht den M u t gehabt, neue Steuern zu f o r b € r n. Run war ein Riesendefizit da. und das Repräsentantenhaus hat nht 327 gegen 64 Stimmen die Erhöhung von Steuern rund um 1 Milliarde Dollar (— 4 Milliarden Mark!) angenommen. Der Kongreß ist durchaus kapitalistisch gestimmt und hat trotzdem zu diesen Steuererhöhungen greifen müssen, mit denen übrigens auch em Behördenabbau und eine Reorganisation der Verwaltung zu Sparzwecken einhergehen sollen. Diele Steuerbelastung geht bereits über die der Kriegszeit hinaus. Den Kredit Hoovers und seiner Partei wird das nicht heben und im Senat wird sicher leidenschaftlich darum gekämpft werden.
Das ist ja nun eben das Schwerste in der Weltkrise. was auch bei den Londoner Beratungen über die Donaufrage und bei den weiteren Genfer Besprechungen auf europäischer Seite besonders empfunden wird: die beinahe katastrophale, immer schwieriger werdende Wirtschafts- und Finanzlage Amerikas. Ratürlich kam S t i m s o n jetzt nach
Genf nicht nur. um einige Wochen die Ab- rustungstommisfion zu leiten, sondern um auch in der Schulden frage und in der Finanz f r a g e mindestens sich zu orientieren. Wir können an den Ernst der amerikanischen Abrüstungswünsche, die, wie Hoover erneut betont bat. aus Rüftungsbegrenzung im allgemeinen und im besonderen für die Angriffswaffen geben, durchaus glauben. So herum suchte Hoover ja längst zu Ergebnissen zu kommen und beides zugleich voran zu treiben, die Finanzfrage wie die Abrüstungsfrage, und aus diese Weife wiederum den Boden für Zugeständnisse in der Schuldenfrage zu lockern, deren Llnvermeidlichkeit er längst begriffen hat. Aber immer mehr muß er sehen, daß er nicht die nötige Kraft dahinter gefetzt hat. als er noch möglich war
So wird Simson zwar wiederum, wie bei seinem vorjährigen Aufenthalte in Europa, sich von dem großen Ernst der Lage in Europa überzeugen. Aber wir wissen von vornherein, daß das irgendwie Wesentliches an der. heutigen Gesamt - Haltung Amerikas nicht ändern wird, nicht ändern kann. Mit Recht klagt Europa d i e Starrheit Frankreichs in der Schuldenfrage an. aber ebenso mit Recht kann es sagen, daß die amerikanische Politik in dieser Frage durchaus nicht aus der Höhe war und ist.
1900-23f8.1:2 (0:1).
VfB. siegt verdient.
Das ist das Bemerkenswerteste daran: die DfBer siegten verdient. Der Sieg tarn unerwartet, ergab sich aber aus dem Spielverlauf mit nahezu Selbst- Verständlichkeit. Die Ueberraschung war trotzdem allgemein. Einen großen Teil der Ueberraschung bedeutete anderseits dos fast völlige Versagen der 1900er. Die Blauweißen lieferten eines ihrer schlechtesten Spiele in diesem Jahre. Die DfBer waren besser als sonst, einheitlicher, wuchtiger und eifrig. Dazu voll des Selbstvertrauens. Voll des Willens zum Sieg. Vollends dann, als sie sahen, dah mit den Blauweihen nicht allzuviel los war.
Die Mannschaften traten mit geringfügiger Aen- deruna in der am Freitag genannten Aufstellung an. VfB. war durch Balser: Leutheuser, Bingel: Feuster, Kreß, Knaus: Ritter, Lehrmund, Haupt, Seibel und Wagner vertreten: 1900 schickte Schlarb: Jäckel, Zeiler: Henrich, Heilmann, Glitsch: K. Schmidt, Goebel, Wilhelmi, Arnold und Lippert ins Feld. Für beide Vereine bedeutete diese Ausstellung das stärkste, was gestellt werden konnte.
Etwa 1500 Zuschauer fanden sich zu diesem Spiele ein. Es wurde ein spannender Kampf geboten, der sich allerdings nicht auf großer sportlicher Höhe bewegte. Man sah viel fehlerhaftes Spiel. Das Kombinationsspiel besonders von feiten der 1900er ließ sehr zu wünschen übrig. Einheitliche Aktionen sah man selten, klare Angriffe kamen wenig zustande, die Ballbehandlung ließ bei Spielern beider Mannschaften die nötige Eraktheit vermissen. Man beschränkte sich gegenseitig auf Zerstörungsarbeit, spielte dabei oft reichlich hoch, so daß der Zusammenhang unter den Spielern verloren gehen mußte. Lediglich verschiedene Einzelleistungen vermochten zu begeistern. Erwähnenswert ist, daß 1900 die technisch bessere Mannschaft stellte, die aber leider den Offensivgeist zu Hause gelassen hatte und höchst unproduktiv spielte. Die Grünweißen dagegen spielten von Anfang an auf Sieg. Wuchtiger, vor allem aber eifrig genug, um für einen Sieg die Voraussetzungen zu schaffen. Das Tor der 1900er resultierte aus einem Elfmeterball. Das Strafstoßverhältnis lautete auf Grund der massiven Spiel-
weise, die fich J)ie Grunweihen angelegen fein ließen, für den Sieger wenig günstig, obwohl das Spiel im allgemeinen fair ausgetragen wurde und sich niemand ernsthaftes zu Schulden kommen ließ. Wingenfeld (Fulda) griff aber auch von An fang an durch. Unter feiner korrekter Leitung bedeuteten Fouls die akute Gefahr, herausgeftellt zu werden. (Der sich keiner der Spieler ausfeften wollte ...)
-So verlief das Spiel dank der vorzüglichen Schiedsrichterleitung ohne ernsteren Zwischenfall. Auch das Publikum war brav.
Oer Gpielverlanf.
Der Spielverlauf sah die beiden Mannschaften zunächst reichlich aufgeregt. Es dauerte geraume Zeit bis man fich fand. Die 1900er hatten eher Kon- takt. Die Platzbesitzer arbeiteten infolgebeffen eine Feldüberlegenheit heraus, die vom Publikum zunächst als selbstverständlich und erwartet hingenoin- men wurde. In der 2. Minute ging bereits ein Strafstoß über das VfB -Tor: 3 Minuten später stoppte Bingel einen gefährlichen Angriff. In der 6. Minute ging wiederum ein Ball nach lauer Abwehr der VfB -Verteidigung über das Tor. Die Grünweißen fanden sich nun besser, die Ueberlegen- heit der 1900er hielt aber noch an. Goebel brachte einen sauberen Schuß an, der aber von Balser gehalten wurde. 2 Minuten später mußte Balser wieder eingreifen, denn aus einer Ecke ging ein Schuß wieder gefährlich auf das Tor. In der 17. Minute brachten die VfBer einen schönen Angriff nach vorne, der aber von der gegnerischen Verteidigung dadurch gestoppt wurde, daß der Ball ins Aus getreten wurde. In der 25. Minute fiel das 1. Tor. Wagner flankte zu Ritter und dieser verwandelte in fabelhafter Manier durch Kopfball. Großer Jubel herrschte auf der Waldseite. Der Rest der 1. Halbzeit stand im Zeichen gleichoerteilten Spieles. Mit 1:0 für VfB. wurden die Seiten gewechselt.
Rach der Pause eröffneten die Gaste eine Offensive auf das Tor der 1900er. Die Bälle gingen aber stets daneben. Die Blauweißen schafften sich
wiesen sie sich sämtlich als unbrauchbar. Sie fand keine Möglichkeit, das Versprechen, welches sie der verängstigten Frau gegeben hatte, eirrzulöfen.
Cs war auch keines der Kleinen so bedenklich krank, daß es nötig gewesen wäre, ihn rufen zu lassen. Je weiter die Rächt vorrückte, desto größer wurde der Zwiespalt in ihr. Das, was sie zu- aesagt hatte, erschien ihr außer jeder Möglichkeit der Erfüllung.
Sonst pflegte sie sich, wenn sie Rachtdienst hatte, etwas auf die Ottomane des Zimmers zu legen, das den Aerztinnen zugewiesen war. Heute fand sie keine Minute Ruhe. Rebenan lag Doktor Wander und schlief wahrscheinlich. Die schwere Operation, die er am Rachmittag auszuführen gehabt hatte, war sicher nicht spurlos an seinen Rerven vorübergegangen. Lind hier drüben war sie und zermarterte sich das Gehirn, wie ihm unö der armen Frau zu helfen war.
Cs ging schon gegen vier Llhr früh, als sie das drittemal den Rundgang durch die Säle antrat. Ihr Kopf hämmerte. Es war unklug gewesen, ein solches Versprechen zu geben. Run drückte es, wie tausend Fesseln nicht zu drücken vermocht hätten.
Lind sie sand nichts und nichts, was sie hätte tun können, ihr Wort einzulösen. Run war es sogar Zorn, was sie für ihn empfand, weil er diese Lage geschaffen hatte. Müde und zerschlagen ging sie nach ihrem Zimmer zurück.
Kurz nach sechs Llhr hörte sie ihn das seine verlassen. Die Tür klappte leise. Dann ging fein Schritt den Korridor entlang, die Treppe hinab. Ein Schrecken ohnegleichen durchfuhr sie. Er hatte sich ablösen lassen. Sonst pflegte er nicht vor sieben Llhr wegzugehen. Run war auch die letzte Möglichkeit, mit ihm zu sprechen, vorüber. Die Frist, sich zu entschließen, war abgelaufen.
Lind irgendwo in der Riesenstadt wartete die Frau, der sie versprochen hatte, daß sie den Sohn behalten und nicht an die Fremde verlieren sollte. „Sie belügen mich nicht?" hatte sie gefragt.
Es war nichts als billiger, wertloser Trost gewesen. den sie ihr gegeben hatte.
Als um sieben Llhr die Stunde der Ablösung für sie schlug, winkte sie unten auf dem freien Platze einem Auto. In rascher Fahrt trug es sie dem Zentrum zu.
Wenn sie in der nächsten Viertelstunde keine Lösung fand, war es das erstemal in ihrem Leben, daß sie ein Wort, welches sie gegeben hatte, brechen muhte.
•
Doktor Wander war zu Haufe todmüde in fein Wohnzimmer getreten, hatte rasch seinen Kaffee, welchen ihm die alte Haushälterin brachte, bin- untemestürzt und sich dann auf das Bett geworfen.
So durfte das nicht weitergehen. <3r hatte gefühlt, wie ihm gestern bei der Operation die Hände zitterten. Das konnte sich eines Tages in fürchterlicher Weise rächen. Wenn man anderer Leben zu verantworten hatte, verlor das eigene an Wert und Wichtigkeit.
Jetzt für den Augenblick galt es. die schreckliche Erschlaffung, die ihn umklammert hielt, durch eine Stunde Schlafes zu beseitigen. Dann kam das Gesuch an die vorgesetzte Stelle um seine Entlassung aus der Klinik. Dann noch die Fahrt zur Mutter.
Drüben auf seinem Schreibtisch rasselte das Te- kephon. — Mochte es! — Er hörte, wie seine Haushälterin in den Apparat sprach: „Der Herr Doktor hat sich eben zur Ruhe gelegt! Ja! — Er war die ganze Rächt im Krankenhaus. — Dringend? Sv? Dann werde ich ihn also wecken."
Er sah schon zur Hälfte aufrecht.
„Herr Doktor, dringend!" Ein weißer Kopf streckte sich zur Türe herein und verschwand wieder.
Er nahm sich nicht einmal Zeit, in seinen Rock zu schlüpfen. In Hemdärmeln stand er vor dem Apparat und setzte den Hörer ans Ohr. „Hier Doktor Wander."
„Menschenskind. du bist der größte Duckmäuser unseres Jahrhunderts!"
„Swensen. du?"
Die Stimme im Apparat schnitt ihm jedes weitere Wort ab. „Ich stehe direkt Kopf! Meine Frau lacht, wie ich sie schon lange nicht mehr lachen gehört habe. Lind Schwester Lenore weint sich die Augen rot. — Schließlich kann ich dich hier am Apparat nicht gut an den Haaren schütteln. — Aber meinen Glückwunsch nimm, alter Knabe! Das heiße ich, seinen Freunden eine Lieberrafchung bereiten."
„Swensen!" Wander dachte nichts anderes, als daß es nicht ganz richtig in dessen Kopf aussehen müsse.
„Ach was! Such dich jetzt nicht rauSzubeißen", lachte es durch die Drähte. „Wann ist es dir denn angenehm, daß wir kommen? — Wie du jetzt schlafen kannst, ist mir schleierhaft! Das bringt nur ein Arzt fertig. — Alfo auf Wiedersehen! Lind tausend Wünsche auch von meiner Frau und Lenore! — Aus Wiedersehen!"
Wander griff fich an den Kopf und suchte sich klar zu werden. Vielleicht war er mit einem Titel bedacht worden! Sanitätei- ober Medizinal - rat. Er hatte nie darnach geschielt. Man war nicht einen Kreuzer mehr wert, als man vor sich selbst bei ehrlichster Erforschung blieb.
Ihn deswegen aus dem Schlaf zu reißen, war wirklich nicht der Mühe wert gewesen. Er ging in fein Zimmer hinüber und ließ die Rolläden noch etwas tiefer herab, als' draußen im Flur die Klingel einen Generalwirbel fchlug
(Fonsetzung folgt.)


