Freitag, 18. März 1952
Siehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Hr.66 Zweites Blatt
Das Weltgewiffen schläft.
Bon unserem römischen ^.-Korrespondenten.
Rom. März 1932.
Die Japaner behandeln den Bölkerbund. wie er es verdient. Warum sollen sie nicht sagen, die Chinesen seien die Angreifer? So will es doch die durch feierlich verbriefte Verträge, durch Präzedenzfälle legitimierte Weltmoral. Erinnern wir unS der Landkarte von 1914. Damals war die Erde so verteilt, daß England ein Viertel, Rußland ein Sechstel. Frankreich ein Zwölftel und Deutschland ein Vierzigstel befaß, und nichts mußte folglich logischer erscheinen, als von dem Vierzigstel anzunehmen, daß es den Weltfrieden bedrohe und die anderen Bruchteile verschlingen wolle. „Ein wildes Tier ist in Freiheit, es ptufj vernichtet werden!" So erklärte einer der damaligen Weltenrichter und das Weltgewissen erschauerte.
Hatte der Mensch nicht recht? Verdiente das Tier besseres? Es benahm sich abscheulich:
Cet animal est träs mechant, quand on l'attaque il se defend!
Und genau wie dieses Deutschland damals, genau so benimmt sich jetzt China. Die heiligsten Rechte der Menschheit zu wahren, muß Frankreich. der Tugendwächter der europäischen Böller, die Sache Japans verteidigen, llnD das Weltgewissen. in Genf domiziliert, schweigt beredt in zwanzig Sprachen.
China weiß sich nicht zu benehmen, es ist „kein geordnetes S t a a t s w e s en", folglich müssen die ordnungsliebenden Leute dort nach dem Rechten sehen. Liegt nicht auch hierfür ein Präzedenzfall vor? Mußten nicht die deutschen Kolonien einem, anderen • Verwalter unterstellt werden, weil das Mutterland sie nicht richtig zu behandeln verstand? Die Welt hatte nichts gegen eine solche Logik einzuwenden und wer von Diebstahl munkelte, begriff eben wenig von den Grundsätzen einer übergeordneten Moral.
Früher besaß Deutschland das stärkste Heer. Das war verwerflicher Militarismus. 3eht hat Frankreich das stärkste Heer. Das ist ein fakrofanktes Werkzeug zur Erhaltung der heiligen Verträge Das Weltgewissen schweigt. Wie es schwieg, immer schwieg bei allem, was Frankreich wohlgefällig war.
Wie herrlich aber stand es auf, als die belgische Reutralität verletzt wurde! Wie flammte seine Anklage in hundert Zungen! Wie trat es schirmend vor das „zuckende Opfer"! Kurz da rauf wurde die griechische Reutrali- t ä t verletzt, mehr, das unglückliche Land wurde sogar zur Wasfcnbcihilfe für den Vertragsbrecher gezwungen. Das Weltgewissen schlug die frommen Augen zum Himmel auf und erklärte die Sache in Ordnung, denn „nie sei ein Kreuzzug gerechter gewesen". Cs roch damals schon nach Völkerbund
Als es sich begab, daß Miß C a v e l l wegen verbotener Betätigung im Dienste des Feindes erschossen wurde, stand die Welt Kopf. Als nachher M a t a Hary erschossen wurde, nickte das Weltgewissen mit schmalzigem Lächeln Beifall. Es handelte sich ja bloß um eine Reutrale.
Die entcntistischen Fliegerbomben sind immer humaner gewesen als die anderen, die französischen Kanonen haben die Kathedrale von St. Quentin eingeäschert, die deutschen Kanonen dagegen die Kathedrale von Reims nur gestreift. Letzteres war eine unerhörte Barbarei, ersteres eine militärische, gottgefällige Rotwendigkeit. Als die russischen Heere von den gegnerischen arg bedrängt wurden, ächzte das Weltgewissen übev die erbarmungslose Fortsetzung der Dlutver- gießerei. als cs den Deutschen in Frankreich dann ähnlich erging, jubelte es: „Aus Deutsd)lands Dachen kommt unter dem erdrosselnden Griff der Streiter für Recht und Gerechtigkeit bereits das
Todesröcheln und in wenigen Monaten werden sie seine schmutzige Leiche auf den Wist werfen können."
Als in Brcst-Lilowsk der „Säbelrahler" General Hoffmann auch eine kleine Kriegsentschädigung zu verlangen wagte, da brachen die Gerechten in Empörung über die „Ummünzung des Blutes in Geld" aus, als in Compiegne der Gottesherold Foch so handelte, riefen sie: „So ist es recht, wir wollen Deutschland nicht nur zu Boden werfen, sondern auch dauernd dort Niederhalten. Wir werden ihm sein Geld schon abpressen und so selbst größer und fetter werden!"
Seitenlang könnte man so fortfahren und die Geschichte über das Betragen des Weltgewissens im Weltkrieg wäre nicht erschöpft. 11 nö nachher? Cs ist sich immer treu geblieben. Als die große Heuchelei nach Wilsons feierlichem Ber- sprechen. es müsse ein Krieg ohne Sieg werden, die Völker dürften nicht wie Schachfiguren verschoben werden, in Versailles zum „Triumph des Rechts und der Gerechtigkeit" schritt, glaubte man, sie habe ihren Höhepunkt erreicht.
Frommer Irrglaube! Die Krone stand noch aus, die Krone wurde ihr aufgesetzt mit jenem Unternehmen in Genf, das beim rechten Damen zu nennen nicht erlaubt ist. Die hat die Erde
Turner-Schwimmeisterschasten in Erfurt
Die Schwirnmeisterschasten der DT., die ursprünglich in Breslau ausgetragen werden sollten, sind für das zentraler gelegene Erfurt in Aussicht genommen worden, um so der wirtschaftlichen Not mehr Rechnung zu tragen. Der Erfurter Turnbezirk hat sich bereit erklärt, die Durchführung zu übernehmen, und demnächst wird der Schwimmwart der DT. die Erfurter Schwimmanlagen in Augenschein nehmen und auf ihre Eignung prüfen.
Deiters 200-Meier-Rekord bestätigt.
Die famose Rekordleistung des Kölner Freistilschwimmers R. Deiters beim letzten Frankfurter Schwimmfest ist offiziell als deutscher Rekord anerkannt worden. So gut aber die neue 200-Meter-Zeit mit 2:16,3 für unsere Verhältnisse ist, so fehlt doch bis zu dem Weltrekord, den Weißmüller mit 2:08 hält, noch sehr viel. Bei fleißiger Arbeit müßte es Deiters aber gelingen, der Welthöchstleistung noch erheblich näher zu kommen.
Westdeutsche Bezirks-Endspiele.
Entscheidungen stehen bevor.
Die Entscheidungslämpfe um die Dezirksrneister- schaften bilden in diesem Jahre gleichzeitig die erste Etappe zur Ermittelung des westdeutschen Fußballmeisters und der Teilnehmer für die Spiele um die Deutsche Meisterschaft. Deshalb kommt diesen Kämpfen auch eine besondere Bedeutung zu. Zwei von den acht Dezirksmeistern des Westdeutschen Spiel-Verbandes stehen bereits fest: Köln-Sülz 07 im Rheinbezirk und Borussia Fulda im Bezirk Hesfen-Hannover. Weitere Entscheidungen sind am kommenden Sonntag zu erwarten.
2m Diederrhein-Dezirk hat Meide- richer Spielverein das erste Tressen gegen FV. 08 Duisburg klar gewonnen, Weiderich braucht also aus dem Rückspiel gegen die Duisburger nur noch einen Punkt, um erneut Dezirksmeister zu fein. 3m Ruhrbezirk spielen drei Gruppenmeister um die Dezirksmeisterschaft: Schalle 04,
ein derartiges Panama gesehen. Was dort geschieht an Unmoral, ist in seiner Art von bewundernswerter, unübertrcffüdKt Größe Es ist vollkommen ungerecht, es wäre unlogisch von einem Völkerbundsanhänger, die japanische Methode zu schelten, richtet sie sich doch haargenau nach den Genfer Direktiven. Was in China ge- fchieht. ist Fleisch vom Fleisch und Geist vom Geist des Völkerbundes.
Hat er nicht in Oberschlesien durchaus ähnlich gehandelt? Sind für ihn nicht alle Verträge Papierfetzen. sowie es sich um Schwächere handelt? Hausknecht der Machthaber, wirft er olle unbequemen Gäste und Bittsteller die Treppe hinunter. Pariert jemand nicht, so bedarf es nut eines Winkes des französischen Hausherrn und er tut seine Pflicht. Das Weltgewiffen findet feine Fußtritte in der Ordnung Es will nicht gestört werden in feinem Derdauungsfchlaf.
Soll es sich etwa darüber aufregen, wenn der deutsche Vagabund von dem großen Herrn i n Litauen auf den Fuß getreten wird? Was scheren den Völkerbund Tributärstaaten, was Deutsche und Chinesen. Geben ihm nicht täglich die Weisen in aller Ruhe zu bedenken, daß er feine eigene Existenz gefährden würde, wenn er für die anderer eintreten wollte? Jeder ist sich selbst der Dächste, alle feine Sinekureninhaber bestätigen es im Chor. „Eine zur Erzeugung von Weltkriegen ins Leben gerufene Maschinerie", so hat Mussolini das Genfer Unternehmen genannt, warum also sich wundern, wenn dort fein Friede produziert wird?
Schwarz-Weiß Essen und Germania Bochum. Die Entscheidung dürfte wieder einmal zwischen Schalke und Schwarz-Weiß liegen. Der Ausgang dieses Duells ist nicht zweifelhaft.
Auch im Bergisch-Märkischen Bezirk spielen drei Gruppensieger um den Titel: Fortuna Düsseldorf, VfL. Benrath und Schwarz- Weih Barmen. Also eine sehr starke Konkurrenz. Fortuna und Benrath haben sich in der ersten Begegnung mit einem Unentschieden getrennt. Am Sonntag muß nun Fortuna im ELerselder Stadion gegen Schwarz-Weih Barmen spielen. 3n Südwestfalen spielten die beiden Gruppensieger Hüsten 09 und 3ahn Werdohl am 13. März im ersten Gang 2:2 unentschieden. Am Sonntag steigt das Rückspiel und wer siegt, ist Bezirksmeister. 3n Westfalen konnte vor zwei Wochen die Sp. Dg. Herten über den Hammer Spielverein im ersten Gang einen sensationellen 8:0-Sieg erzielen. Herten braucht im Rückspiel nur unentschieden zu spielen, um die Bezirks- meisterschaft sicher zu haben.
Zwei neue Segelflugzeuge.
„Zögling" und „Jalfc“ in den Palast-Lichtspielen.
Gestern machten wir bereits auf die Ausstellung von Segelflugzeugen aufmerksam, die in den Palast-Lichtspielen von dem Hornberger Segelflugverein gezeigt wird. Zwei Segelflugzeuge, funkelnagelneu, hergestellt von den erwerbslosen Mitgliedern des Vereins in eifriger und aufopfernder Arbeit, find dort zu sehen. Unter fachmännischer Aufsicht wurden zwei Flugzeuge erbaut, die in jeder Hinsicht den besten Eindruck machen. Es handelt sich um ein Flugzeug von dem bekannten Typ „Zögling", der als Maschine für den Anfänger, für den Lernenden als Hängegleiter vorzügliche Dienste geleistet hat und in vielen Flügen feine Brauchbarkeit nachwies. Das zweite Flugzeug (Typ Falke), eine leistungsfähigere Maschine, mit der auch Strecken- und Dauerslüge ausgeführt werden können, wurde nach den Plänen Iber Rhön Rossitten-Gesellfchast gebaut und bereinigt in sich eine Reihe neuester Erkenntnisse und Errungenschaften auf dem Gebiete des Flugzeug-
9JL-$pont
baue» Beide Maschinen sind in durchaus fachmännischer Arbeit bcrgeftcllt worden und dürften unter dieser Voraussetzung weitgehende Gewahr für die Sicherheit bieten, die mau von einem Segelflugzeug im allgemeinen in erster Linie fordert. Rein äußerlich vermögen die Flugzeuge sehr wohl zu gefallen, denn bei aller Sachlichkeit, bei aller Sparsamkeit, die angestrebt werden mußte, ist doch alles auf das Beste gefügt, von einer Akkuratesse in der Durchführung und von einer Schönheit und einer Eleganz in den Formen, die selbst dem Laien Bewunderung abzwingen muh. Verschiedene Modelle (u. a. auch Modelle von Robert Kronfelds Rekord-Flugzeug .Wien"! ergänzen die Ausstellung, zu deren Bereicherung auch einige (Siebener Geschäftsleute durch die Ausstellung von Werkzeug, durch verschiedene Sportartikel und Svortkleidung beigetragen haben. Es empfiehl sich, der Ausstellung einen Besuch abzustatten.
Handball im Gau Hessen (O.T.)
Dach wochenlanger Pause trägt die 1. Els des Tv. Grohen-Linden auf eigenem Platze ein Freundschaftsspiel aus, und zwar empfängt sie die 1. Mcmnlchatt des Tv. Grohen-Buseck. 3n Grohen-Linden find die Bufecker schon immer ein gern gesehener Gast: verliefen die Spiele zwischen beiden Mannschaften doch stets fehr spannend, und auch das wird den vergangenen kaum nachstehen, da beide Mannschasten seit ihrer letzten Begegnung noch an Spielstärle gewonnen haben. Vorher stehen sich die Schülerrnannschasten beider Vereine ebenfalls in einem Freundschaftsspiel gegenüber.
Kurze Sportnotizen.
Hans Stuck, der erfolgreiche deutsche Automobilrennfahrer, konnte in Südamerika einen neuen Rekordsieg feiern. Beim Kilometerrennen •in Rio de 3anciro erreichte Stuck auf seinem Mercedes-SSK. ein Stundenmittel von 206,8 Kilometer, was einem neuen Klassen-Weltrekord entspricht, der dem internationalen Verband zur Genehmigung angemeldet wurde.
Deutschlands Dationalmannschaft im Wasserball wird außer in Stuttgart und Dürnberg am Karfreitag auch ein Uebungsspiel in Frankfurt gegen eine Frankfurter Auswahlmannschaft bestreiten.
Die Durchführung der internationalen Alpenfahrt vom 28. 3uli bis 3. August ist infolge finanzieller Schwierigkeiten in Frage gestellt.
♦
Wegen des geringen Publikums- cr folge« ist der 1. FC. 3dar von den Pokalspielen zurückgetreten.
Als er st er Teilnehmer an der Endrunde der Eishockey-Europameisterschaft wurde Schweden mit einem 4:0-Sieg gegen Rumänien ermittelt.
Der Wiener Heinlein, der bisher als Trainer beim FSV. Frankfurt tätig war, übernimmt am 1. April das Training von Hassia Bingen.
Germania Bieber verliert in Stahlheber und Hillebrand, die beruflich nach Holland über- fiedeln, zwei feiner besten Spieler.
D i e Holsenkol-Rennen, Norwegens größtes Ereignis im Skisport, wurde mit dem 50-Kilottteter-Dauerlauf abgeschlossen. Rund 100 Teilnehmer erschienen am Start, darunter als einziger Deutscher der Thüringer Marx, der jedoch wegen einer Fuhverletzung vorzeitig aufgab. Sieger wurde überraschend Muruaasen in 4:01:31 vor Olav Lian, der nahezu fünf Minuten mehr benötigte.
„Rarrenspiegel."
Ein Vornan von Alfred Neumann.
Dach dem „Patrioten", den „Rebellen", dem „Teufel", dem „Heiden" — der Darr. Der Darr schlechthin ist eine der beliebtesten und typischsten Figuren in der „knotigen, kotigen und zotigen" Literatur des Humanisteujahrhunderts in Deutschland gewesen. „Das Darrcnschiff", „Sic Harren- beschwörung", „Das Rarrenschneiden" und „Das Darrengießen" heißen etliche der markantesten Buchtitel aus jener streitbaren Zeit, die ihre Fehden in Satiren und Pamphleten nicht minder hitzig auszutragen liebte als mit dem Schwert.
3n der Memoirenliteratur der Renaissancezeit ist das bis zum Jahre 1602 reichende, 1820 zuerst in drei Bänden henusgegebene Tagebuch des schlesischen Ritters Hans von Echweinichen als Kulturdokument von Wichtigkeit: seine Auszeichnungen sind die Quelle zu Alfred Reumanns Roman*. Echweinichen war der Kanzler und der Freund des Herzogs Heinrich XI. zu Liegnitz und Brieg: dieser ist der eigentliche Held des Romans, ein Held in Anführungszeichen oder doch jedenfalls von sehr anderer Art als feine literarischen Geschwister — der ärgste Erznarr im .Darrenspiegel".
Wenn aber Falstaff und Don Quixote das Motto zu dem Buche lieferten, so ist das bestimmt kein Zufall: von beiden trägt das Bild des Herzogs wesentliche Züge innerer und äußerer Art: dieser schlesische Fürst, von dem man zuvor nichts oder nicht viel gewußt bat, und der nun hier in sas- tiger Daseinsfülle vor uns hintritt, war mit einem ungeheuren Bauch, einem ungeheuren Durst und einem ungeheuren, dröhnenden Gelächter begabt. Er war ein Kind feiner Zeit, strotzend von Lebensfreude, Gesundheit und Heiterkeit, ein Fürst ohne Geld und am Ende ohne Land, ein Pumpgenie ersten Ran^s, ein lächerlicher Weltreisender und närrischer Kriegführer.
Wer sich indessen von den derben Spaßen und den allzu irdisch-animalischen Gebärden und Gepflogenheiten dieses Mannes — wie er gleich zu Anfang vorgestellt wird — abschrecken läßt und nicht weiter liest, der übersieht, daß das enorme Format des Herzogs immerhin nicht ausschließlich auf feinen Bauch zu beziehen ist: daß neben Falstaff nicht ohne Grund der unsterbliche
* Alfred Reumann: Darrenspiegel. Roman. 410 Seiten. Brosch 3,50, Ganzl. 4,80 Mark. Propyläen-Verlag, Berlin. — (45). —
Ritter des Cervantes für die Darren-Chronik zu Gevatter gebeten wurde.
Heinrich ist auch ein Mann von Phantasie gewesen, Lebenskünstler von hohen Graden, Diplomat und Menschenkenner, dessen fröhlicher Witz und dessen suggestive Unbekümmertheit fast immer Recht behielten gegen den grauen und grämlichen, sorgenvollen und melancholischen Freund Hans von Echweinichen. „Herr Heinrich hatte einen festen Schädel und einen Stiernacken. Er hatte Polenkönig werden, den Römischen Kaiser stürzen, Deutschland revolutionieren, Frankreich erobern und Elisabeth von England heiraten wollen." 3st das nichts? 3st das wenig, selbst wenn es nur gewollt und nie erreicht war? Man begreift, was Reumann an seinem Stoff und seinem Helden gereizt hat. And man findet Beziehungen und Verbindungslinien zum „Seufer* und zum „Patrioten .
Alfred Reumann, den noch immer manche mit feinem Wiener Ramensvetter Robert hartnäckig verwechseln (sogar im neuen Lexikon von Meyer, Ergänzungsband, ist das leider geschehen) — Alfred Reumann hat über sich und seine dichterische Gestaltung die folgenden, grundsätzlichen Bemerkungen niedergeschrieben:
„3ch bin ein Lebens-Optimist und ein Menschen- Pessimist. Aus dieser Spannung kommt die Schaffens-Parole. Mein Menschenpessimismus ist nicht etwa Menschenhaß, sondern im Gegenteil die tragische Menschenliebe eines moralischen Lebenswillens. „Die menschliche Seele ist in ihrem gottiefen Grunde immer unschuldig." Das ist das Motto eines meiner Bücher und aller meiner Bücher. Denn das ist öic Hauptforderung meiner Gestalten an mich. Darum habe ich ein einziges Thema für das Werk meines Lebens: Die menschliche älrschuld der menschlichen älr-älnschuld gleichzusetzen. Es geht um die uralte Spannung zwischen Tat und Gewissen. Es geht immer darum. Es geht immer um die Schuldfrage."
Das verbindet die „fröhlichen und traurigen, hellen und dunklen, dreisten und demütigen Er- eigniffe“ im „Rarrenspiegel" mit den Geschehnissen seiner Vorläufer.
älnd den Herzog mit den übrigen Hauptfiguren des Romans, mit Schweinichen vor allein, seinem Kanzler und Begleiter, seinem Freund und Widerpart: er ist sein Sancho Pansa, sein hagerer Schatten und fein ängstliches Gewissen. Wer auch mit der stattlichen und lockeren Geliebten Barbara Kittlitz, um derentwillen Heinrichs häßliche Gemahlin Herzogin Sophia, d'e Maulschelle erhält, die am „Anfang" war. Weiter
mit dem Hofnarren Kaspar Heillung, mit dem Leibarzt Fabian Schramm, dem schönen floren- tiner Pagen Silvano und dem mächtigen Kaufherren Marx Fugger in Augsburg — um nur etliche zu nennen.
Das Kapitel, in dem Heinrichs Begegnung mit dem „reichen Mann" geschildert wird, gehört zu den besten dieses überaus klar gegliederten und beherrscht geschriebenen Romans: das ist ein dialektisch-diplomatisches Kabinettstück, welches an die großartigsten Szenen im „Teufel" erinnert. Wie ein eulenspiegelmäßiger, barock ausladender Schwank im niederländischen Stil wirkt die Schilderung der Zusmarshausener Bauernhochzeit: wie ein unheimlicher, die Atmosphäre der Zeit beklemmend einfangender Totentanzfries das Kapitel von der Pest in Köln.
Das Buch „Rarrenspiegel" ist nicht in allen seinen Teilen eine Lektüre für empfindsame Gemüter: es herrscht gelegentlich ein rauher, grober und deutlicher Ton - genau wie zu jener Zeit, von der hier berichtet wird: aber das kann für die We.tung des Romans so wenig entscheidend fein, wie man sich etwa nach flüchtigem Blättern und Anlesen auf Grund solcher Einzelheiten abschrecken lassen soll. Man muß das Ganze, gedrungen und füllig, gesund und komisch, derb und ehrlich wie es ist, auf sich wirken lassen ... als ein Buch vom Menschen, nicht nur als eine literarisch erneuerte Chronik.
Das Historische ist nicht das Entscheidende: sondern Der Standpunkt des Dichters, der die Dinge ayders sieht, bemißt und schildert als der Geschichtsschreiber. Auch im „Rarrenspiegel", im lächerlichen Bild werden die unvergänglich-menschlichen Züge einer Gestalt oder eines ganzen Zeitraumes sichtbar: und so ist, wie das knappe Vorwort sagt, eine Erzählung entstanden......voll
von Gelächter, Gesäus, Getu und allem Mummenschanz des Lebens .... aber auch nicht arm an guten Eigenschaften der Menschen, an Treue, Kameradschaft und Opferwilligkeit." -y-
Oas Drama einer Verkäuferin.
Eine kleine Londoner Verkäuferin, Dodie Smith, hat die besten Aussichten, mit ihrem Erstlingswerk, das unter Dem Titel „Der Herbstkrokus" gegenwärtig in London gespielt wird, ein Vermögen zu gewinnen. Trotz dieses Glückssalles versieht die Autorin wie bisher ihren Dienst als Verkäuferin in einem Warenhaus von London. Sie schrieb ihr Stück auf einer ©ommerreife nach Tirol und brachte das fertige Manuskript na* 1 London mit, wo es das Lyric-Theater sofort
annahm. Die Hoffnungen des Direktors auf einen großen Kassenerfolg haben nicht getrogen. Mit 100 000 Pfund dürften die Einnahmen eher zu niedrig,als zu hoch geschäht fein. Bedenkt man weiter, daß die Rechte der Verfilmung bereits an Amerika verkauft sind, so Dürfte das Stück der Verfasserin bisher rund 300 000 Mk. eingebracht haben.
Oie Stadt der Gänselebern.
Die getrüffelte Gänseleber ist ein von allen Feinschmeckern hochgeschätzter Leckerbissen, durch den Straßburg in der ganzen Welt fast noch berühmter geworden ist als durch das Wunderwerk Erwin von Steinbachs, das Münster. Die köstliche Speise ist ein Ausfuhrartikel, Der um diese 3ahreszeit in Hunderttausenden von Töpfen über die ganze Welt hin versandt wird. Straßburg erhält durch diese blühende 3ndustrie in den ersten Monaten des 3ahres ein ganz eigentümliches Aussehen, denn jeden Morgen sieht man die Gänse zu Tausenden auf den Märkten eintreffen, wo sie einem traurigen Schicksal entgegengehen. 3m Herbst und Winter kann man das wackere Federvieh auf den Guts- höfen im Elsaß beobachten, wie sie immer schwerer und fetter werden, Denn man unterwirft sie Der wenig tierfreundlichen Prozedur des Stopfens. Solche Stopfgänse werden aus vielen Teilen von Mitteleuropa während Der „Lebersaison" nach Straßburg eingeführt, aber die besten Gänse, Die Die vorzüglichsten fiebern liefern, sind Die, die auf Den Hügeln und in Den Ebenen des Elsaß gefüttert wurden. Das Gänsefleisch ist wenig wert; nur auf Die fieber kommt es an. Auch Die Federn bieten einen wichtigen Handelsartikel. Dachdein Die fieber als das Hauptstück entfernt ist, sieht man die toten Gänse in hohen Stapeln auf dem alten Marktplatz aufgeschichtet, und sie werden hier in Dutzenden an die Gastwirte und andere Käufer abgegeben. Straßburg „schwimmt" sozusagen in diesen Wochen im Gänsefleisch. Auf jedem Speisezettel im ganzen Elsaß findet man Gänsegerichte in Den verschieDensten Formen und Zubereitungen. Es ist durchaus keine leichte Aufgabe für die Elsässer, sich in Den ersten zwei oder Drei Monaten des 3ahres durch diese Gänseberge hindurchzuessen„ Ein großer Kenner der Küche, Harold G. Cardozo, hat bei einem Besuch in Straßburg in verschiedenen Restaurants die verschiedenen Gänsegerich.e durchgekostet und spendet Der elsässischen Küche ein hohes Lob für die Mannigfaltigkeit Der Zubereitung, aber bald war er doch mit seinem Appetit auch ganz am Ende und begann, ein tiefes Mitleid mit Den zum Gänseessen verurteilten Elsässern zu empfinden.


