Stus Oer provinrialbauvtftadt
Gießen, den 18.März 1932.
Schulentlassung — Jugend in Aot!
Die Pforten der Schulen öffnen sich morgen, und Tausende, Abertausende von Mädchen und Änaben verlassen die Stätte, di« ihnen acht Jahre lang eine zweite Heimat geworden war. Die meisten freudigen Gesichtes, mit glänzenden Augen. Nun soll der Zwang aufhören, sie sind frei. Das Leben beginnt. So meinen sie Aber nicht alle. Die jungen Menschen sind ja nun in dem Alter, in dem sie merken, wie cs eben in Deutschland aussieht. In der Familie, auf der Strafe«, in den Zeitungen, überall hären und lesen sie, wic schlimm es mit der Arbeitslosigkeit ist. Da kommt auch ihnen eine Ahnung von der Schwere der Zeit.
Wir können die Not der deutschen Jugend von heute nicht ernst genug betrachten. Unsere Jugend ist unser alles. Sie darf nicht untergehen! Heber sechs Millionen Arbeitslose sind in Deutschland, da von schon beinahe eine Million von vierzehn bis achtzehn Jahren. Und nun kommen wieder die vielen Tausende hinzu. Da ist es nur ein kleiner Trost, wenn man sagen kann, dafe cs ja ganz schwache Jahrgänge aus den Kriegsjahrcn sind
Gerade die Jugendlichen dürfen wir nicht zum Nichtstun verurteilen. Wie wächst die Not der Erwachsenen, wenn nun auch noch die vorwurfsvollen Auaen der Schulentlassenen auf uns ruhen! Für sie müssen wir in erster Linie sorgen. Sie müssen hinein in das Leben, sie müssen Arbeit finden. Sie verzweifeln noch nicht an der Zukunft, sie find voller Hoffnung. In einigen Jahren wird es schon besser werden. Warum sollen wir ihnen diese Hoffnung rauben, ihren Arbeitswillen zerstören? Alle Arbeitgeber sollten deshalb sorgsam prüfen, ob sie nicht noch Lehrlinge einstellen können, ob sich nicht noch ein Plätzchen findet, an dem ein junges Menschen- kind wenigstens fühlt: Hier habe ich Arbeit, hier kann ich etwas lernen, ich bin doch nicht zwecklos auf der Welt!
Die Jungen und Mädchen, die ein Unterkommen sanden, bedürfen an den Arbeitsstätten besonderer Aufmerksamkeit. Bei ihnen merken wir noch die Nachwehen des Krieges. Jede schulärztliche Unter- fuchun konnte es bestätigen. Wir dürfen sic das aber nicht merken lassen. Wir möffen ihnen Mut zusprcchen, bei ihnen Vertrauen zu sich selbst erwecken und immer wieder Beharrlichkeit predigen. Gewiß ist es in der jetzigen Zeit schwer, andern Beharrlichkeit zu empfehlen. Aber wenn man einen Beruf erwählt hat, man mufe schon sagen, wenn man das Glück hat, einen Beruf erwählen zu tonnen, dann soll man auch aushalten, selbst wenn trübe Tage kommen. Ausharren! Das ist immer noch leichter, als nur von außen Zuschauer sein und nichts tun können.
Die Fabel, dafe die Menschen durch den Sünden- fall zur Arbeit gekommen und aus dem Paradies vertrieben worden wären, will uns heute wohl gar lächerlich erscheinen. Erst die fürchterliche Erwerbs- losigkeit zeigt den Menschen den Segen der Arbeit. Und jeder, der noch auf seinem Posten bleiben kann, freut sich jetzt doppelt seiner Arbeit.
Alle Kinder aber, die jetzt aus der Schule kommen und nicht wissen, wohin sie sollen, bedürfen unserer Fürsorge. Klingt es nickt wie ein Märchen, wenn Knaben, die keine Lehrstelle fanden, ihren Lehrern erklärten, sie wollten auch nach der Schul- «ntlassung noch die Schul« besuchen?
Hier müssen Turn, und Sportvereine, Fortbildungskurse und andere Veranstaltungen, nicht zuletzt aber die Familie selber, helfend eingreifen. Die deutsche Jugend darf weder körperlich noch seelisch Schaden nehmen, oder gar zugrunde gehen! P.
Taten für Freitag, 18. Mar;
1813: der Dichter Friedrich Hebbel in Wesselburen geboren; — 1848: Revolution in Berlin, Sturz des
** Von der ßanbesunioerfität. Der Prälat der Evangelischen Landeskirche D. theol. Dr. jur. h. c. Dr. phil. Wilhelm Diehl zu Darmstadt
Ministeriums Eichhorn: — 1858: dcr Ingenieur Rudolf Diesel in Paris geboren; — 1876: der Dichter Ferdinand Freiligralh m Cannstatt gestorben.
Bunter Abend im Stadttheater.
Zugunsten derGiefeenerWinternothilfe findet am morgigen Sanistjgabenb im Stadl- tfeeater eine Veranstaltung statt, dic als „Bunter Abend" den Besuchern ein unterhaltsames Programm bringen wird. Intendant Dr. P r a s ch wird das Märchen von Andersen „Die Nachtigallvortragen, Universitäts-Musikdirektor Dr. T e m e s ■ vorn wird dazu die musikalische Begleitung geben. An Stelle der plötzlich erkrankten Frau Heermann, die mehrere Lieder fingen wollte, hat der Leiter unserer Giefecner Militärkapelle, Dbermufir- meister Kraufee, es in freundlicher Weise übernommen, zur Erweiterung des Programms ein Stück für Violincello mit Klavier zu spielen. Weiter werden sich Herr Hub vorn totabttheater und Frl. Eva Herms als neuverpflichtetes Mitglied des Theaters in den Dienst der guten Sache stellen, schließlich soll von Mitgliedern des Stadttheaters die „Carlos-Parodie- von Reinhardt gegeben werden. Die Preise der Plätze sind niedrig bemessen worden, damit möglichst vielen Interessenten der Besuch der Veranstaltung ermöglicht wird. Zur Behebung von Zweifeln sei bemerkt, daß es sich bei dem Abend nicht um einen sog. Wohltätigkeitsbasar ober begleichen hanbelt, bei dem neben dem Eintrittsgeld noch man- cherlei andere Ausgaben entstehen. Mit der Entrichtung des Eintrittsgeldes ist vielmehr alles bezahlt, was die Veranstalter von den Besuchern erwarten. Hoffentlich wird der Abend recht zahlreich besucht werden.
Vornottzcn.
— lagesfalenber für Freitag. R. d. Z.: 20 Uhr, „Aquarium-, Vortrag. — Kirchenmusikalische Passionsandacht: 20 Uhr, Kapelle des Alten Friedhofs. — Alice-Schule, Sonnenstraße 21: 11 bis 17 Uhr, Ausstellung. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Stürme der Leidenschaft". — Astoria-Lichtspiele, Seltersweg: „Wir schalten um auf Hollywood".
— Aus dem Stadttheater-Burcau wird uns geschrieben: Wegen der Erstaufführung von ,Romeo und Julia" in Marburg bleibt das Theater heute abend geschlossen. — Samstag, 19. März, 20.15 Uhr, Sonderveranstaltung zugunsten der Gießener Winternothilfe unter Mitwirkung von Tlniversitätsmusikdirektor Dr. Te- m e S v a r h, Obermusikmeister K r a u ß e, Intendant Dr. Rolf P r a s ch und Mitgliedern des Stadttheaters Dreßen. Preise der Plätze: 1,00, 2,00, 3,00 Mk. - Sonntag, 20. März, 18.30 Uhr, in neuer Inszenierung als Fremdenvorstellung zu ermäßigten Preisen .Romeo und Julia", Trauerspiel von William Shakespeare unter der Spiel- leeitung des Intendanten. Ende 21 Uhr.
— Goethe-Gedenkfeier im Goethe- Bund. AuS Anlaß des 100. Todestages Goethes veranstaltet der Goethe-Bund — wie man uns schreibt — am Montag, 21. März, eine Gedenkstunde. Der Goethe-Bund glaubt, in keiner anderen Form daS Gedenken des Dichters, unter dessen Damen er seit 18 Jahren für deutsche Kultur und Dichtung arbeitet, würdiger ehren ju können, alS daß er zu dieser Gedächtnisfeier den größten Goethesprecher, Ludwig W ü l l n e r, zu sich gebeten hat. Das vorgesehene Dortrags- programm ist geeignet, die Kunst dieses Sprecher- in ihrem ganzen: Umfang zu zeigen. Der Dauersche Gesangverein unter Leitung seine- Dirigenten, Universitäts-Musikdirektor Dr. TemeSvarh, hat die musikalische Ausgestaltung übernommen. Ein bedeutende- Erlebnis, da- der Goethe-Bund seinen Mitgliedern und Freunden vermitteln will, ist zu erwarten. (Siehe heutige Anzeige.)
wurde zum ordentlichen Honorarprofeffor an dcr Canbesuniöerptät Gießen ernannt.
*• Die Gewerbliche Berufsschule Dießen veranstaltet in ihrem Hause an der KirHstraße 16 eine Ausstellung von Schülerarbeiten, die im Laufe des ver- ganaenen Schuljahre- angc ertigt wurden. Eine Reihe von Zeichnungen, sowie theoretische und praktische Arbeiten der verschiedensten Brrufs- gruppen sind zur Schau gestellt und werden einen ileberblid über da- Tätigkeitsfeld her Berufsschule im Dienste der Fortbildung des gewerblichen Nachwuchses geben. Die Ausstellung, die am morgigen Samstagvorrn ttag ihrer Bestimmung übergeben wird, kann am Samstag in der Zeit von 15 bis 18 Uhr, am Sonntag von 11 bis 13 und von 15 biS 18 Uhr, sowie am Montag in der- Zeit von 10 bis 12 und von 15 bis 18 Uhr besichtigt werden. (Siehe heutige Anzeige.)
•* Verkehrsunfall in der Frankfur - ter Straße. Heute früh gegen 4 Uhr fuhr in dcr Frankfurter Straße ein aus der Richtung Klein- Linden kommender Lastkraftzug mit Anhänger in die geschloffene Schranke der Bahnüberführung beim Katholischen Dcrcinshaus. Durch den wuchtigen Anprall des schweren Fahrzeugs wurde die edjranfe zertrümmert und außer Betrieb gesetzt. Ein um diese Zeit vom Bahnhof Gießen ausfahrender Güterzug nach Fulda konnte noch rechtzeitig vor der Unfall- stelle zum Halten gebracht werden. Personen wurden zum Gluck nicht verletzt. Die Insassen des Lastkraftzuges wollen die geschlossene Schranke nicht früh genug gesehen haben.
•* DHC. Gießen. Man berichtet uns: 3m 3uli 1929 veranstaltete die Hamburg-Amerika- Linie eine Gesellschastssahrt nach Dorweoen und dem Lande der Mitternachtssonne, woran sich auch drei Mitglieder dcS hiesigen ZweigvereinS vom DHL. beteiligten. Die Schilderung dieser Dord- landfahrt, die wegen ihrer Länge in zwei Abteilungen vorgetragen werden mußte, erfolgte am 4. und 11. März im Singsaal des Realgymnasium-. 3n die Dorführung hatten sich die beiden VHC- Drüder E. Stroh und Hch. Klemmrath geteilt, indem ersterer den Dortrag ausgearbeitet hatte und in begeisterten Worten die Schönheiten der nordischen Wunderwelt pries, während letzterer die überaus zahlreichen, von ihm gemachten Aufnahmen erläuterte. Die Fort erfolgte auf dem »Monte Cervantes". Auch eine durch mehrere Aufnahmen ergänzte Beschreibung des Schiffe-, von dessen riesigen Ausmaßen sich der Unkundige kaum einen Begriff machen kann, konnte man hören. Der Vortrag, dem außer der glänzenden Schilderung auch feiner Humor innewohnte, sowie die Vorführung der prächtigen Naturaufnahmen fanden den wohlverdienten Beifall der zahlreichen Besucher.
•• Der Eisenbahner - Heimstätten- Verein Gießen hielt am DamStag seine General-Versammlung ab. Dem Geschäftsbericht war zu entnehmen, daß sich die Genossenschaft gut entwickelt hat. Sie verfügt über 50 gute Wohnungen und ein großes Baugelände, auf dem in diesem 3ahre versucht werden soll, wieder einige Neubauten zu errichten. Die Bilanz schließt mit einem Gesamtbetrags von 553 847,41 Mark ab- Dom Reingewinn wurden 4,5 Prozent Dividende verteilt. Dem Dorstand wurde allseitig volles Vertrauen ausgesprochen. Den Hauptteil derTa- nnafym die Beratung der neuen Satzungen nspruch, die nach dem Gesetz über die Gemeinnützigkeit im Wohnungswesen ausgestellt sind. Die Vorschläge des Dorstandes und des Aufsichtsrates fanden allgemeine Annahme. Aus Grund der neuen Satzungen wurde der gesamte Aufsichtsrat neugewählt. Die alten Aufsichtsratsmitglieder Hedderich. Niederhausen, Becker, Drescher, Bill, E. Schneider, L. Schmidt, W. Schneider, Pfeffer, P.h i l i p p und Heß wurden wiedergewählt.
Neu wurden hinzugewählt K e ul e r, Peil unl> zwei Vertreter der Stadt Gießen deren Damen vom Stadtrat nvch bekanntgegeben werden. Dach den neuen Satzungen wird der Dorstand vom 2Iuf- stchtvrat bestellt.
*• Der Tannenberg-Bund veranstaltete am Mittwochabend im „Aquarium" einen Vortragsabend, zu dem Major a. D. Pommer al# Redner erschienen war. Der Vortragende griff in feinen Ausführungen zunächst weit zurück in die Geschichte, definierte den Begriff .Obrigkeit" in den verschiedenen Jahrhun^rtcn. schiwerte eingehend daS ft et# gespannte Verhältnis zwischen dem 'Bauerntum (Volk» und der Obrigkeit (Adel. Geistlichkeit) und kam in der Folge auf den Par» tikulansmus zu sprechen, der Deutschland seit seinem Bestehen immer wieder innerlich zerrissen und eine wahrhaft völkische Vereinigung aller blutsdeutschen Menschen verhindert habe. 3r um- riß weiter die Zusammenhänge, die zum Dreißigjährigen Krieg geführt baben, würdigte dabei Luther# Tat, charakterisierte Philipp Melanchthon weniger als den Mitarbeiter des DeformatorS. sondern vielmehr als dessen Gegenspieler, der zu Augsburg durchaus nicht in Luther# Sinne gehandelt habe. Der Dedner befaßte sich weiter mit den Jesuiten und den Freimaurern, er wandte sich gegen mancherlei Einflüsse au« dem Osten und sprach schließlich über die völkischen und vaterländischen 3deen des Freiherrn vom Stein. Sodann verbreitete er sich über die Lage, die durch das stürmische Ausleben der Industrie entstand und den Menschen der Scholleverbundenheit entriß, er sprach von der politischen und geistigen Position, in der sich die Völker Europas und der Welt vor dem Weltkrieg befanden, skizzierte kurz die Gegenwart, besaßte sich mit dem Dationalsoziali#- mps und barm mit den künftigen Forderungen für das völkische Leben in unserem Vaterland, die in der Schaffung einer Einheit von Blut, Glauben. Kultur und Wirtschaft im Sinne der Gedanken Ludendorffs ihr Ziel hätten.
Verhaftungen in Mörfelden.
Bürgermeister Zwilling seines Amte» enthoben.
Mörfelden, 17. März. (WSN.) Wie wir bereits mitteilten, finb unmittelbar nach den gestrigen schweren Ausschreitungen in Mörfelden zwei B e - teiligte verhaftet worben. Heute würben weitere Festnahmen vorgenommen, unter ihnen befinbet sich jedoch nicht her Miturheber ber Unruhen, Landtagsabgeordneter Hamman n. Bet 28 Kommunisten in Mörfelden, sowie in der Wohnung des Bürgermeisters Zwilling sind Durchsuchungen vorgenommen worden. Don den verhafteten Kommunisten sind sieben dem Untersuchungsrichter in Darmstadt vorgeführt worben. Es handelt sich dabei um Beteiligte beim Läuten der Kirchcnglockc. Gegen die kom- munistischen Führer Bitsch und Graulich, sowie gegen ihre Parteigenossen Völker und K u h.l ist wegen Verdachts der Rädelsführerschast Haftbefehl erlassen worden. Aus Anordnung des Landeskriminalpolizeiamts wurde die Gastwirtschaft „Zum Weingarten", der Treffpunkt der Kommunisten in Mörfelden, auf vier Wochen geschlossen. Das Kreisamt Groß-Gerau hat alle Versammlungen, auch in geschlossenen Räumen, sowie sog. Mitgliederversammlungen bis auf weiteres verboten.
Bürgermeister Zwilling ist wegen fortgesetzten Ungehorsams gegenüber seiner vorgesetzten Behörde und wegen seines agitatorischen 'Auftretens als Redner der Kommunistischen Partei seines Amtes mit sofortiger Wirkung enthoben worden. Mit der kommissarischen Verwaltung der Bürgermeisterei wurde, da der kommunistische Beigeordnete Bitsch sich weigerte, den Diensteid zu leisten, Obersekretär Holzhäuser vom Kreisamt Groß-Gerau beauftragt.
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