Br.W Erstes vlatt
182. Jahrgang
Montag, 18. Januar 1952
Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger für Oberheffen
Dtud nnb Verlag: vrühl'fche Untverfitätr-Vuch- und Steinöruderei R. Lange in Giehen. Zchnstleitung und GefchäftrNelle: Zchulstraße 7.
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Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.TKyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumfchein und für den Anzeigenteil Max Filter, iämtlich in (Biehen.
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tr| cheint täglich, außer Smntags und Feiertags, fliegen: Die 3IIu*Tierle Gebener Familienblätter Heimat im Bild ■ Die Scholle Monats-Vezugsprei»:
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;nb auf Namen Eberhard Bieter fiöttgen, Sieben; mb aus Namen Dr. 'Lilli >8, Gießen, Kaiserallee 2. mb auf Namen @tc:g Gießen, Katharinengafjell' nb auf flamen ßfifüb;:; i, Gießen, ßubmigftr. (' ib auf Namen Otto X i, Lang-Göns, 5;
ab aus Namen Bit: lalb, Grohen-Buseck, Dtw- ,e 9;
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Käthe Ruckes, Wies«!, tenauer Weg 19;
Hein zu Aufw.-SpaM 78 270 (flutenb aus Naim g, hrch. Sehrt Ww. in R» gießener Straße 17.
der genannten Einlage- interlegungsjcheine werdec ,rbert, ihre Änspruche ° ei Monaten, vom Wi anntmadjung an, bei um hen anbernsalls die Krch ? Sparbücher erfolgen M 15. Januar 1932.
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Lausanne in Krage gestellt.
Ln London und Paris weiter starke Propaganda für eine Verschiebung
.London, 18. 3otl <WTL. KunNpruch > Unter, elbtttc Kreise sind nach wie vor s k e p t i sch, ob bi Lausanner Konferenz zu dem festgeseh- ttn Termin stattfinden wird. Es heißt, daß 8rg(ant) bestrebt sein wird, auf der Konferenz etic bedingungslose sechsmonatige Jerlängerung des Kriegsschuldenmorato- ciniiß durch^usehen, um so wenigstens einige der ahteften Schwierigkeiten zu beheben. Man hofft, nkreich werde sich in den nächsten Tagen dazu Senil erklären, eine solche Regelung anzunehmen. Peris hat sich indessen bis seht noch nicht ge- äußert. Sunday Times läßt sich nun von ihrem Pariser Korrespondenten berichten, die Aus- sichten auf eine französisch-englische Je rst ä n d i g u n g seien keineswegs gr n st i g, umsomehr, als die britische Regierung darauf bestehe, daß Deutschland überhaupt keine Zahlungen mehr leisten soll, auch die Mt, welche es seit dem 6. Juli zahlen mußte, Während Frankreich aus den Vorschlä - ar n b e h a r r e, die es in der vergangenen Woche Den Sachverständigen unterbreitet hat.
Virferver hingegen ist optimistisch. Sein diplo- molischer Korrespondent stellt die Sachlage so bar, als ob zwischen Deutschland, Frankreich, Italien und England bereits eine Art Linvernehmen erzielt worden sei. Ls sri beschlossen worden, die Lausanner Konferenz nach einigen lagen schon zu beendigen; die dort vertretenen elf europäischen Länder würden tlmerlfa den Vorschlag unterbreiten, das jetzt bestehende Moratorium um weitere 6' Monate zu verlängern »nd die Beratungen Ende des Jahres wieder auszunehmen, mit dem Ziel, kirre endgültige Regelung des Repara- lions- und Schuldenproblems zu suchen.
Die Erklärungen des deutschen Reichskanz- IrrS, Deutschland sei an der Grenze der Materiellen und moralischen Ausbauer, werden als mutige Haltung charakteri- fiert, die deshalb gegen ihn erhobenen Angriffe Inm ungerecht, denn der deutsche Reichskanzler 1r. bei der verzweifelten Lage seines Landes g e - zdun gen, eine klare Warnung zu er- Iflcn. Er habe keineswegs die Absicht gehabt. Kankreich zu brüskieren. Es sei nur ehrlich «wesen. — Observer beschäftigt sich mit den Angriffen deutscher Blätter gegen die Crklärun- jtn Lay tons und Keynes, die um so bedauerlicher seien, als sie sich gegen Männer richteten. die seit dem Waffenstillstand zu den tap- erltcn und beständigsten Freunden Deutschlands .jählten. So verzweifelt auch augenblicklich die Lage des deutschen Volkes sei, man könne nicht "Xtlangen, dah es. verglichen mit den »Steuerzahlern der anderen in De- ~rod)t kommenden Länder, auf Rosen gebet- " rt werde. Deutschland müsse wie jedes andere 2and auch an den Kosten der Weltre- «elung teilnehmen.
»Dailn Telegraph" führt aus: Selbst wenn ^ra nkreich an der Konferenz teilneh- «kn sollte, werde es dies nur widerwillig und mißtrauisch tun. Die französische Regie- lung würde ihre Anwesenheit davon abhängig machen, daß kein versuch unternommen werde, etwas anderes als die allerpro- uiforifchften Beschlüsse zu fassen. Der wahre Grund dafür fei, daß Frankreich unter allen Imflänben auf der Weiterzahlung der ungeschützten Annuitäten nach verhältnismäßig kurzer Zeit, etwa nach zwei Jahren, öesichcn werde und einer Verminderung der geschützten Annuitäten nur infofern ;u- ftimmen solle, als Amerika ein entspre- csendes Zugeständnis mache.
Widerstrebende Gefühle in Paris.
yaris. 17. Sau. (WTB) Die Frage einer Verschiebung der Konferenz von Lausanne.wird U®n der Presse weiter erörtert. ,.Journal" cr- ttärt, es habe aus offiziöser Quelle erfahren, Bef) Frankreich eine Verschiebung der Präferenz um fünf oder sechs Monate ttvtgeschlagen habe. Deutschland, Italien und Gtnglanb erwägten eine Verständigung aus der Grundlage dieses Vorschlages. Dringe der eng- Ulch-italienische Vorschlag, die Konferenz doch »in festgesetzten Zeitpunkt abzuhalten, durch. Bann würden die Beratungen nicht länger -.Ai vier bis fünf Tage dauern. Die Delegierten würden sich damit begnügen, die rMbereitenden Arbeiten der Sachverständigen 7M Juli 1931 zur Kenntnis zu nehmen und ziiK neue Besprechung für dieses Jahr zu ver- Meden. Gleichzeitig würde man in einer x em einsamen Rote an die amerika- milche Regierung eine weitere Derlänae- turg des Hoover-Moratoriums um sechs Mo- rote Vorschlägen, so dah also die zweite Repa- -ntonskonferenz nach den Wahlen in Frank- Mch und in Preußen stattfinden würde.
um mehrere Monate.
3n „Echo de Paris" tritt Marcel fjutin, der verbaute Lavals, für die Verschiebung ein. während der Auhenpolitiker des Blattes Einwendungen erhebt, da man mit der Vertagung nur London und Berlin in d i e Hände spie- l e n würde. Arn besten sei es. Frankreich bekunde in Lausanne seinen festen willen, die Verhandlungen a b z u b r e ch e n , wenn die sehr rnahvollen französischen Forderungen nicht in Erwägung gezogen würden, wenn man nicht nach Lausanne gehe, lasse .man d i e Zeit gegen Frankreich arbeiten. Das hoovermoratoriurn mit all den Schutzklauseln, die Frankreich mühselig hineingebracht habe, werde dann verschwinden, d.h. die Reparationszahlungen würden erledigt sein. Dem Einwand, dah man in Lausanne "ich! den Hauptgläubiger und den Schuldner a u f - einanderprallen lassen dürfe, damit auch die Gläubiger unter sich aneinandergeraten könnten, fei entgegenzuhalten, dah Frankreich in Lausanne Gelegenheit finden werde, seinen willen, die Reparationen beizubehalten, Zum Ausdruck zu bringen, wenn der deutsche Schuldner und die Gläubiger, die ihn etwa unterstützen sollten, spüren würden, dah Frankreich Schl uh zu machen drohe, würden sie sich dieses angesichts der sich daraus für Europa ergebenden Folgen vielleicht zweimal überlegen. Gewih fei dies nicht erfreulich und nicht gefahrlos, da aber Frankreich nur der rechtmähige Vertrag vom 16 3a-
Paris, 16. Ian. (SH.) Der „Petit Parisien" veröffentlicht einen langen Artikel des ehemaligen französischen Ministerpräsidenten und führenden Radikalsozialisten H e r r i o t, der sich unter der Heberschrift „P a p i e r f e tz e n“ ungewöhnlich scharf gegen die Haltung der Reichsregierung in der Tributfrage wendet. „Wir waren wirklich überrascht, als wir die Mitteilung erfuhren, die der Reichskanzler dem, englischen Botschafter in Berlin machte, um ihm das Ende der Reparationen anzukündigen. Wir sind der Auffassung, dah man nicht mehr an die Legitimität eines Vertrages, ganz gleich welcher Ratur, glauben kann, wenn freiwillig gegebene Hnterschriften auf diese Weise in jedem Augenblick angefochten werden können. Werden wir wieder zum alten Regime der Papierfetzen zurückkehren? Für Deutschland ist es also e i n T r i b u t, wenn es die Folgen der Zerstörungen bezahlen soll, die es angehäuft hat, der Brandstiftungen, die es anlegte und der Leiden, die es auszwang. Eher verstehen wir vielleicht noch die Zerstörung, die aus dem Zweckinteresse erfolgte. Sind aber die
Düsseldorf, 17. Jan. (TH.) Auf einer von der Deutschen Dolkspartei im Zu- sammenhang mit einer Gedenkstunde an die Reichsgründung veranstalteten Kundgebung gegen die Kriegsschuldlüge gedachte der Geschästsführer des ..Vereins zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen", Dr. S ch l e n k e r - Düsseldorf, zunächst der Reichsgründung, gab einen Rückblick aus die Zeil Bismarcks und betonte, dah wir uns heule an einer Schicksalswende befänden. Schlenker wandte sich dann gegen den Reichskanzler und erklärte, dah Dr. Brüning in der Stunde der Lebensgefahr unseres Volkes, in der es sich seit acht Monaten befände, nicht den notwendigenWillen zumKampf, zur wahrhaft groben Politik im Sinne Bis- marckscher Heberlieferung ausgebracht habe. Das Gebot der Stunde sei, dah neben dem Rationalsozialismus eine Bewegung träte, die als großer starker nationaler Blöd alle Parteien umfasse, die sich zwischen den Rationa I s ozia l i sten und dem Zentrum befänden, ganz gleich, welcher Partei hierbei die Führung zufalle. Rur die nationalen Kräfte seien dazu berufen, mit Frankreich einen Modus herbeizuführen, der tragbar erscheine. R i e m a l s dürfe eine weitere Zustimmung zu den auf der Kriegsschuldlüge aus- gebauten Tributzahlungen in Frage kommen. Dr. Brüning genieste nicht mehr das Vertrauen der Partei, unbeschadet der Hochachtung, die er als Mensch verdient. Die
nuar 1930 übrig bleibe, müsse es entweder zu derartigen D r u (f m i f t e l n greifen oder alles f a I- l e n lassen.
Der „Temps" vertritt heute den Standpunkt, dah nur eine endgültige Verständigung aller Gläubigermächte auf eine bestimmte Formel, die auch als Vorläufer der von den Italienern ge!orderten europäischen Einheitsfront gelten könnte, einige Aussicht für den Erfolg der Reparationskonferenz biete. Die englische Formel, wonach Deutschland bis zum 1. Juli 1933 ein vollständiges Moratorium gewährt und während dieser Zeit eine endgültige Reparationsregelung vorbereitet werden soll, sei äuherst gefährlich. Dann würde man de facto auch den Vorbehalt ausgeben, den Frank- reich für die grundsätzliche Zahluttg der ungeschützten Annuitäten habe, machen müssen. Das heiße, vor der radikalen These Berlins zu kapitulieren, derzusolgeDeutschland überhaupt keine Zahlungen mehr leisten könne und wolle. Der „Temps" sucht die Engländer für seine Auffassung zu gewinnen, indem er behauptet, durch die englische Lösung werde Deutschland in eine durchaus bevorzugte Lage gebracht, um auf dem Weltmarkt dem Handel der anderen Länder Konkurrevrz zu machen. Das Wohlergehen Englands würde ganz besonders bedroht werden. Dann aber tritt das Blatt für die europäische Einheitsfront ein, die von Amerika die 6trei- chung der Schulden verlangen soll.
Reparationen nicht eine Rotwendigkeit, wenn ein besiegtes Deutschland, das gezwungen ist, sich zurüdzuziehen, eine Stadt wie Cambrai zerstört, nurum zuzerstöre n?" (Cambrai wurde, wie jeder Teilnehmer der Schlacht bezeugen kann, von englischer schwerer Artillerie, Minen und Bombenwerfem zerstört noch während die deutschen Truppen die Vororte der Stadt beseht hielten.)
Cs wäre deutscherseits unmoralisch, das Wohlwollen seiner ehemaligen Feinde ausnühen zu wollen, um eine vorläufige Erleichterung in eine endgültige Erledigung umzuwandeln. Wenn Dr. Brüning, der erst kürzlich mit soviel Hochachtung in Paris empfangen worden fei, aus innerpolitischen Gründen gezwungen sei, d i e gleiche These zu unterstützen wie Hitler, so gehe das die Franzosen nichts an. Durch Dr. Brüning habe der Gedanke des Friedens einen Rückschlag erlitten Frankreich werde sich nicht durch Drohungen beeinflussen lassen. Die Welt must aufhören, uns so zu behandeln, als ob wir unartige Kinder seien, die dauernd Züchtigungen verdienen.
Zentralvorstandssihung in Hannover habe klar erkennen lassen, dast die Volkspartei in den Kreis der Rationalen Opposition eingetreten ist. Deutschland müsse heute von Männern regiert werden, die den Mut ausbrächten. bei den kommenden Verhandlungen e i n deutliches Rein auszusprechen. Dr. Schlenker sprach fein Bedauern darüber aus. dast der Parteiführer der Deutschen Volks- Partei an den Reichskanzler in der Frage der Amtsdauerverlängerung des Reichspräsidenten nicht den gleichen Brief gerichtet habe. wießH ugenberg. Rach einem nochmaligen Aufruf zur Vereinigung aller nationalen Kräfte erwähnte Dr Schlenker im Schlustwort einen Eah des Führers der Zentrumsparte:. Prälaten Dr. K a a s . den dieser vor einigen Sagcxi auf der Tagung des Provinzialausschusses des Rheinischen Zentrums geprägt habe und der ihn. den Redner, mit besonderen Hoffnungen erfülle: Selbst auf die Gefahr hin, dast es manchem zu weitgehend erscheint, würde ich heute bereit sein, die Partei als solche zu opfern, um den Weg der nationalen Rettung zu gehen". 3m Zeichen der zunehmenden Gottlosigkeit werde das Zentrum. so sagte Dr. Schlenker weiter, wenigstens mit starken Teilen seiner Wähler den Anschlust nach rechts finden müssen. Zum Echkuh forderte der Redner den R ü d t r i 11 des Kabinetts Brüning, um wieder den Weg zum Vater des Vaterlandes. Hindenburg frei zu machen, dem nach wie vor alle Herzen zujubelten.
Scharfe Attacke Herriots.
Oaö Regime der ^papierfehen". - Brünings These ^gefährdet den Frieden".
Starke Oppositionsstimmung innerhalb der Deutschen Volkspartei.
Syndikus Schlenker fordert auf einer Düsseldorfer Tagung den Rücktritt des Kabinetts Brüning.
‘3um lö.Sonuar.
23cm £>r. Theodor Mayer, d. ö. Professor der Geschichte an der Unmerfifät Gießen.
Eine vaterländische Feier kann in unseren Tagen nicht als rauschende Festlichkeit begangen werden, ein solcher Tag der Erinnerung soll ein Sag der Besinnung fein. Besinnung tut not, denn allzusehr ist der einzelne mit sich beschäftigt, betrachtet die Welt vom Standpunkt seines eigenen Ich aus. Viele glauben, dast ihr Schicksal etwas Einzigartiges darstelle, sie sehen in der Vergangenheit das goldene Zeitalter, vergessen die Mühen und Sorgen unserer Dorsahren. begeistern sich vielleicht an „groben" Zeitaltern und übersehen, dast diese Zeitalter für die. die sie erlebten, oft recht wenig angenehm waren, dast wir sie heute als „grost" bezeichnen, weil die Menschen damals in der Erfüllung ihrer nationalen Pflichten grost gewesen sind. Auch unsere Zeit ist „grost", wenn wir die Ereignisse betrachten, möge eine spätere Generation, die von uns Rechenschaft fordern wird wegen des Erbes, das wir übernommen und an unsere Rachsahren weitergegeben haben, von uns sagen, dah wir die Pflichten erfüllt haben, die uns das Schidfal auferlegt haf l
Jede Auseinandersetzung über die gegenwärtigen Zustände must mit dem finnlofen Hastdiktat von Versailles beginnen. Heute weih es die ganze Welt, auch die, die es bestreiten, weil sie sich in den Schlingen der Versprechungen selbst gefangen haben, dast die Welt nicht Aur Ruhe kommen kann, solange dieser ..Friede' besteyt. Aber auch dann, wenn er einmal nur noch ein historisches Dokument sein wird, wird das deutsche Volk noch große Ausgaben zu erfüllen haben, wird vor allem auch an s i ch selbst arbeiten müssen. Wir wissen es gut, dast bei uns nicht alles so ist, wie man es wünschen würde. Täglich werden deshalb Vorwürfe erhoben, dabei wird oft auf Frankreich und England hingewiesen, wo mehr Staatsbewusttfein, mehr nationale Gesinnung vorhanden sei als bei uns. Wir wollen statt zu tadeln überlegen, warum es bei uns so ist, wie es nun einmal ist und warum es in den Weststaaten anders ist.
Wenn toir jetzt vom Reiche sprechen, interessiert uns nicht so sehr der juristische Begriff, als vielmehr die historifch-soziologifche Gestalt. Wir er- bliden in ihm eine Organisationsform des Volkes, durch die dieses als politischer Körper handlungsfähig ist. Aus dieser Betrachtungsweise ergibt sich, dah das Primäre das Volk ist. das sich einen ihm angepahten Staat errichtet und nicht der Staat, dem sich das Volk anzubequemen hat. Was ist aber das Volk? Wir wollen hier nur das eine sagen, dah Volk mehr als die Summe der Menschen ist, die ein Land bewohnen, dah Volk eine geistige, durch Sprache. Sitte, Geschichte und Herkommen, Kultur und Religion in Jahrtausenden gebildete und ewig weiterlebende Gemeinschast ist.
Bei den Deutschen, dem Volk der europäischen Mitte, das immer störenden Einflüssen von allen Seiten ausgesetzt war, ist die Volkwerdung schwieriger und später vor sich gegangen als bei allen anderen Völkern. Die geographischen Grenzen haben diese Cntwidlung nicht gefördert, sondern eher erschwert. Der deutsche Raum ist kaum als geographische Einheit zu fassen, denn er drängt nicht zur Einheit der staatlichen Gliederung. Ihm fehlt ein richtiger Mittelpunkt, der deutsche Kulturboden hat im Rheintal seine Grundlinie, von der in zwei breiten Streifen das deutsche Land nach dem Osten vordringt. Aber diese beiden Streifen, die allmählich in fremdnationalen Kulturboden übergehen, sind voneinander durch die mitteldeutschen Waldgebirge und besonders durch das böhmische Massiv getrennt. Man vergleiche mit diesem aufgelösten Raum die hervorragende Geschlossenheit des französischen Raumes oder gar der britischen Insel.
Cs war die Grohtat Karls des Großen, dah er alle deutschen Stämme in einem Reiche vereinigte, und die Ottos des Drohen, dah er den Zerfall in eine nord- und eine süddeutsche Ration verhindert und den Deutschen den Weg nach dem Osten gewiesen hat. Das deutsche Volk hat dann die Weltherrschaft im theokratischen Sinne übernommen, aber diese Last war für seine Schultern zu schwer, die innere Etaatsbildung vermochte nicht mit dem kühnen Ausstieg des Reichsgedankens Schritt zu halten, der Staat bildete sich in den Territorien. Dem deutschen Volk wurde nicht wie etwa den Franzosen im lOOjäbrigen Krieg gegen England durch einen Existenzkampf schon im Mittelalter der politische und nationale ®e- famlftaats- und Volksgedanke eingeprägt, denn politisches Rationalgefühl entsteht meistens unter auswärtigem Druck. Erst nach dem 30-ährigen Krieg zeigen sich Anfänge für solches Denken. Aber damals war der terr torialstaatliche Gedanke schon viel zu stark, dazu kam ein Stammesbewuhtsein, das sich freilich mit dem territorialstaatlichen Denken ebensowenig bedte wie die Territorien mit den Stammesgebieten. das aber stärker war als die gesamtdeutsche Idee. Heber 300 Staaten und Stätchen waren in den gotischen Dau des alten Römischen Reiches Deutscher Ration eingebaut. Die politische Energie der Deutschen verzehrte sich in unaufhörlichen Reibereien zwischen diesen eifersüchtig auf die Wahrung ihrer Selbständigkeit bedachten politischen Gebilden, Reibereien, die zusammen mit dem Aufwand für die vielen Hofhaltungen die Mittel des Volkes aufbrauchten. Der Blid des normalen Deutschen wurde durch die Grenzen seines Laterlänk^hens eingeschränkt, gerade dah man noch vom Rachbar wuhte, weil er einem Ungelegensten bereitete.
Die napoleonischen Kriege haben mit den meisten dieser Staaten aufgeräumt, immerhin aber


