Ausgabe 
17.9.1932 Frühausgabe
 
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Oie Renienkonvertierung in Frankreich.

Eine Maßnahme zur Senkung der Lebenshaliungs- und Kreditkosten.

Paris. 16. Sept. (WTB.) Der Ministerrat hat kurz vor Beginn der Kammersihung die Vorlage über die Rentenkonvertierung gutgeheißen. Diese sieht die Ausbezahlung oder die Konvertierung in eine neue 4,5 - prozentige Rente für folgende Rententitel vor: 5Prozentige 1915 bis 1916. öprozentige 1920. 6prozentige 1927, 5prozentige 1928, 6prozentige Obligationen von 1927 und 7prozentige Schah­bonds von 1927. Insgesamt handelt es sich um einen Kapitalbetrag von 85 Mil­liarden. Der neue 4,5prozentige Rententitel wird zu Pari ausgegeben werden und soll in 75 Jahren getilgt sein. Besondere Vergünsti­gungen finb_ f ü r Kleinrentner vorgesehen, die die Möglichkeit erhalten, ihre Rententitel in Leihrenten unter besonders günstigen Be­dingungen umzuwandeln.

Die Regierungsvorlage sieht weiter vor, daß die neue 4jprozentige Rente vom 1. November 1932 an Zinsen trägt und bis dahin die Zinssätze der zu konvertierenden Renten gelten. Bor dem 1. Ja­nuar 1939 darf der Staat mit der Amortisie­rung des neuen 4Lprozentigen Rententitels nicht beginnen. Die Amortisierung erfolgt entweder zu pari durch Auslosung oder durch Börsen- rückkauf. Zu diesem Zweck werden die Renten­titel in zwei Tranchen geteilt. Die Inhaber der zu konvertierenden Renten, die innerhalb von sechs Tagen von einem noch festzusetzenden Datum ab nicht die Ausbezahlung beantragen, sind gesetzlich gehalten, die Konvertierung anzunehmen. Um eventuellen Ausbezahlungsanträgen zu genügen die Regierung rechnet damit, daß sie wenig zahl­reich sein werden wird das Finanzministerium ermächtigt, Schatzbons ausgugeben oder die Mit­tel der Amortisierungkasse in Anspruch zu nehmen. Die für den Staat durch die Konvertierungsopera­tion entstehenden allgemeinen Unkosten werden auf insgesamt 20 Millionen Franks veranschlagt.

Zu der Rentenkonvertierung wird eine aus­führliche Begründung gegeben, in der u. a. darauf , hingewiesen wird, daß trotz der verhältnismäßig starken Preissenkung der letzten Iahre das Preisniveau in Frankreich immer n.och

zu hoch bleibe. Eine Politik der Senkung der Lebensh altungsko st en sei also heute in Frankreich geboten, und die Rentenkonver­tierung, die eine allgemeine Senkung des Geldsatzes herbeiführen solle, sei ein wesentliches Element hierzu. Es mühten für die nationale Wirtschaft in der Zeit einer Ankurbe­lung der Produktion in der ganzen Welt we­niger kostspielige Kreditbedingun- g e n geschaffen werden, ilm die starke Grundlage der- französischen Währung aufrechtzuerhalten, müsse ein jeder zur Finanzsanierung beitragen. Die Regierung sei entschlossen, Frankreich die Rückkehr der aus dem Kriege geborenen Schwie­rigkeiten zu ersparen und das nach st jährige Budget restlos auszugleichen. Die Aentenkonvertierung sei nur ein Punkt eines weitergehenden Programms, für dessen Durchführung die Regierung auf die Unterstützung der gesamten Ration rechnet.

Annahme in -er Kammer.

Paris, 16. Sept. (WTB.) Das Parla­ment ist heute um 15 Uhr zu einer außerordentlichen Tagung zusammengetreten, in der die Regierungsvorlage über die Rentenkon­vertierung verabschiedet werden soll. Rach rein formaler Sitzung vertagte sich der Senat auf morgen nachmittag, während in der Kam­mer der Finanzminister die sofortige Diskus­sion der Regierungsvorlage verlangte, die an den Finanzausschuß zur Prüfung überwiesen wurde. Der Finanzausschuß der Kammer hat die Kon- dertierungsvorlage im wesentlichen gebilligt und mit ganz geringfügigen Abänderungen der Vollversammlung zurückerstattet, die dann die Aussprache wieder aufnahm.

Die Kammer hat nach einer Nachtsitzung kurz vor 5 Uhr mit 540 gegen 48 Stimmen die Regie­rungsvorlage über die Rentenkonver­tierung mit einigen unwesentlichen Abänderungen mehr formaler Natur verabschiedet und sich darauf auf 18 Uhr vertagt. Der Senat beginnt die Beratung der Vorlage um 15 Uhr.

Deutschlands Absage an Genf.

Oer Reichsaußenminister teilt Henderson mit daß Deutschland an der Büro- sihung der Abrüstungskonferenz nicht teilnehmen wird.

Berlin, 16. Sept. (WTB.) Der Reichsaußen­minister hat unter dem 14. d. M. an den Vor­sitzenden der Abrüstungskonferenz, Herrn Hender­son, das nachstehende Schreiben gerichtet:

In den Verhandlungen der Generalkommission, die der Annahme der Resolution vom 23. Iuli dieses Iahres vorausgingen, hat der Führer der deutschen Delegation die Gründe dargelegt, aus denen die deutsche Regierung diese Reso­lution ablehnen mußte. Er hat dabei aus- gesührt, daß nach dem Stande der Konferenz­verhandlungen die Frage der Gleich­berechtigung der entwaffneten Staa­tennichtmehrlänger ohne Lösung bleiben dürfte. Dementsprechend hat er bei diesem Anlaß die Erklärung abgegeben, daß sich die deutsche Regierung an den weiteren Arbeiten der Konferenz nicht be­teiligen könne, bevor eine befriedigende Klärung der Frage der Gleichberech­tigung Deutschlands erfolgt sei.

Nachdem die Resolution gleichwohl zur Annahme gelangte, steht schon jetzt fest, daß die künftige Abrüstungskonvention außerordent­lich weit hinter dem Lnkwaffnungs- regime des Versailler Vertrages Zurückbleiben und daß sie sich von diesem hinsichtlich der Art und Weise der Abrüstung wesentlich unterscheiden wird. Da ist

Die Zubiläums-Gpielzeii -es Gießener Gta-ftheaters. Was der Spielplan 1932/33 bringen w rd

2lus dem Stadttheaterbureau werden uns die fol­genden Ausführungen zur Verfügung gestellt:

Erinnern Sie sich noch, welche künstlerischen Er­eignisse Ihnen das Stadttheater in der vorigen Spielzeit vermittelte und welche Freuden es Ihnen in den schweren Zeiten des Vorjahres bereitete? Unter der Leitung des Intendanten Dr. Prasch arbeitete eine Schar tüchtiger Künstler, die sich wegen der unermüdlichen Schaffensfreude aller bald die Herzen ihrer Zuschauer eroberte. Der unver­wüstliche Wille zum Werk, der alle beseelte, vom Intendanten bis zum Bühnenarbeiter, und nicht zuletzt ihre frohe Laune und ihr Humor übertrugen sich auf die Zuhörerschaft, so daß sich der Theater­besuch stets steigerte. Darum hielt die Intendanz diese wackeren Mitarbeiter bis auf wenige, die uns verlassen auch wieder für die nächste Spiel­zeit in Gießen und vergrößerte das Schauspiel­ensemble sogar, indem er ein eigenes Ope- rettenenjemble angliederte.

Somit verspricht die kommende Spielzeit, die Jubiläumssvielzeit des 25jährigen B e st e h e n s sich besonders ereignisreich zu gestal­ten. Intendanz und Ensemble sind von dem festen Willen beseelt, weiter zu arbeiten, daß das Theater die Kulturstätte Oberhessens und der hessischen Lan- desunioersität bleibt. Höchstleistungen im Spielplan und weitgehende Vielseitigkeit werden es auch dem hartnäckigsten Theatergegner zeigen, daß die oft er­wähnte Theaterkrise keine Krise der Kunst, sondern lediglich eine Begleiterscheinung der allgemeinen Wirtschaftskrise ist. Darum sind die Abonne­ments- und Eintrittspreise so her­unter g e s e tz t worden, daß auch derjenige, derdurch finanzielle Not der Zeit auf vieles zu verzichten ge­zwungen ist, doch sein Stadttheater besuchen kann.

Der S p i e l p l a n ist so gestaltet, daß jeder, der unser Theater regelmäßig besucht, zeitoerbunden bleibt. Dem starken Zug der Zeit, in der Ver­worrenheit der Jetztzeit an den klassischen Lite­raturgütern unserer Dramatik einen Halt zu suchen, wird in vollem Maße Rechnung getragen. Den

Klassiker bringt gleich zur Eröffnung der Jubilaumsspielzeit die Festvorstellung am 2. Ok­tober mit GoethesE g m o n t" in der Inszenierung F'oa Intendant Dr. Prasch und unter der musi- rali|d>en Leitung von Universitätsmusikdirektor Dr. Temesvary.

die Frage unmittelbar aktuell geworden, wie es mit der Anwendung des künftigen Regimes auf Deutschland werden soll. Es liegt auf der Hand, daß ohne Beantwortung dieser Frage eine Regelung der einzelnen kon­kreten Punkte des Abrüstungsproblems nicht möglich ist.

Nach Ansicht der deutschen Regierung kann nur eine Lösung in Betracht kommen, die Lösung nämlich, daß alle Staaten in bezug auf die Abrüstung denselben Regeln und Grund­sätzen unterworfen werden,, und daß für keinen Staat ein diskriminierendes Ausnahmeregime gilt. Es kann Deutschland nicht zugemutet werden, an den Verhandlungen über die in der Konvention festzulegenden Ab- rüstungsmaßnahmen teilzunehmen, solange nicht fest­steht, daß die gefundenen Lösungen auch auf Deutschland Anwendung finden sollen.

Um diese Voraussetzung für ihre weitere Mit­arbeit in der Konferenz so schnell als möglich zu verwirklichen, hat sich die deutsche Regierung in­zwischen bemüht, eine Klärung der Frage der Gleichberechtigung auf diploma- tisch em Wege herbeizuführen. Leider muß fest­gestellt werden, daß die deutschen Bemühungen bis­her zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt haben.

Weiter ist ein Zyklus hessischer Drama­tiker beabsichtigt, in dem unter anderemDan« ton 3 To d von Büchner zur Aufführung kommt: Der tolle Hund des Darmstädter Lokaldich- ters Niebergall und außer Abonnement auchDer Datterich" sollen innerhalb dieses Zyklus hessischer Heimatdichter im Spielplau erscheinen: von den lebenden hessischen Dramatikern wird Zuck - mayers neuestes dramatisches Werk zur Auffüh­rung angenommen.

2m Rahmen der anläßlich des Jubiläumsjahres vorgesehenen Gastspiele prominenter Künstler, dürfte das Gastspiel von Werner Krauß lebhaften Wi­derhall finden. Der große Schauspieler, der vor 25 Jahren der Gießener Bühne als Mitglied an« gehörte und in der Eröffnungsvorstellung mitwirkte, wird in der zweiten Hälfte der Spielzeit alsFaust" gastieren.

Neben den Klassikern und Dichtern der engeren Heimat wird das Schaffen anerkannter Dichter der Moderne wesentlich Beachtung finden in der Ge­staltung des Spielplanes. Die Intendanz erachtet es als selbstverständliche Pflicht, den Mann zu ehren, der epochemachend in das dramatische Schaffen der Neuzeit eingri-sf. Der 70jährige Gerhart Haupt­mann soll durch Aufführung seines letzten Wer­kesVor Sonnenuntergang" geehrt wer­den. Ebenso werden die Jubiläen von Fulda und Björns on durch Aufführung eines ihrer Werke gefeiert. Daneben kommen nur aktuelle Werke der laufenden Spielzeit zu Wort, die literarisch und künstlerisch Anspruch darauf haben, dem Publikum als wertvolle Erscheinung des Zeittheaters vorge- führt zu werden.

Unter die Rubrik jener Bühnenstücke, die die Auf­gabe haben, die nötige Unterhaltung zu bringen und 3U erheitern, muß auch die in dieser Spielzeit seit langen Jahren wieder erstmalig auftretende Erschei­nung registriert werden, daß fortab zur Pflege der Operette und leichten musikalischen Muse das eigene Operettenensemble auf dem Plane erscheinen wird. Mit der musikalischen Neuheit und der erfolg­reichen ^Repertoire-OperetteDie Toni aus Wien" werden sich unsere Sänger und Sänge­rinnen vorstellen.

Außerdem soll jetzt bereits darauf aufmerksam gemacht werden, daß zum 25. Jubiläum des Gie­ßener Stadttheaters eine reichhaltige Festschrift erscheinen wird, die wegen ihres zum Teil bisher unveröffentlichten Bild- und Textmaterials das In­teresse oller Theaterfreunde finden dürfte.

Anmeldungen von Abonnements werden täglich entgegengenommen.

Unter diesen Umständen sehe ich mich zu meinem Bedauern genötigt, Sie davon in Kenntnis zu sehen, daß die deutsche Regierung der Einladung zu der am 21. September d. 3. beginnenden Tagung des Bureaus der Konferenz nicht Folge leisten kann. Die deutsche Regie­rung ist nach wie vor der Ueberzeugung, daß eine radikale Durchführung der allgemeinen Abrüstung im Interesse der Sicherung des Friedens dringend geboten ist. Sie wird die Arbeiten der Konferenz mit Interesse verfolgen und sich je nach deren Verlauf über ihr wei­teres Verhalten schlüssig werden."

Heber die weitere Behandlung der Frage der Gleichberechtigung Deutschlands erfahren wir von zuständiger Seite, daß die Reichsregierung nicht beabsichtigt, die am letzten Sonntag über­reichte französische Rote schriftlich zu beantworten. Sie bedauert, feststellen zu müssen, daß diese Rote das Problem der Gleich­berechtigung sowohl in seinen Voraussetzungen wie in seinen Folgen unrichtig auf faßt, und daß sie in keinem wesentlichen Punkte eine Annäherung an den deutschen Standpunkt zeigt, wie er in dem deutschen Memorandum vom 29. August dar- gelegt wurde. Von einer Fortsetzung des Meinungsaustausches auf dem Wege des Roten­wechsels glaubt die Reichsregierung sich keine Förderung der Sache versprechen zu können. Selbstverständlich ist sie aber nach w ie vor zu einem Meinungsaustausch auf dem Wege mündlicher diplomatischer Unterhaltungen bereit. Der Reichsaußenminister hat heute den französischen Botschafter Herrn Francois Poncet empfangen und ihm eine entsprechende Mittei­lung gemacht. Im gleichen Sinne sind auch die übrigen Regierungen verständigt worden, die von der Reichsregierung mit der Angelegenheit befaßt worden waren.

Aus aller Well.

herbsimanöver der Marine.

Vom 19. bis 21. September findet unter Lei­tung des Chefs der Marineleitung in der Rord- see das diesjährige Herb st manöver der Marine statt. Dem Manöver liegt der Schutz der Seeschiffahrt in der Rordsee zugrunde, die durch eine Reihe gecharterter Handelsschiffe dar­gestellt wird. Das Manövergebiet erstreckt sich auf die Gewässer südlich und südwestlich Ror- wegens, das Skagerrak, das Seegebiet westlich Iütlands und die Deutsche Bucht. Im Laufe des 21. September werden die beteiligten Seestreit­kräfte nach Wilhelmshaven gehen, wo der Chef der Marineleitung am 23. September die Kritik abhalten wird.

Ein bestialischer Mord.

Das Schwurgericht in Paderborn verhandelte gegen den Viehhändler Kurt Meyer, der unter der Anklage der vorsätzlichen Tötung, der Beihilfe zur Abtreibung und der Beseitigung eines Leichnams ohne Wissen der Behörden steht. Der Anklage liegt die mutmaßliche Ermordung der bei dem Vater des Angeklagten beschäftigt gewesenen Hausangestellten Marta Caspar im März d. I. zu Grunde, der man durch den Fundblutiger Fleisch stücke eines mensch­lichen Körpers in der Umgebung von Paderborn iauf die Spur kam. Die damals von Spazier­gängern gemachte grauenhafte Entdeckung hat die Oeffentlichkeit weit über den Tatort hinaus er­regt. Durch Funde in der Wohnung der Dienst­herren kam es zur Verhaftung der Viehhändler Meyer, Vater und Sohn. Es wurde jedoch {nur gegen den Sohn Anklage erhoben. Bei seiner Ver­nehmung gab Kurt Meyer zu, daß -er zu der Caspar intime Beziehungen unterhalten hatte, ilm die Folgen zu beseitigen, will er auf ausdrück­lichen Wunsch des Mädchens einen Eingriff vor- genommen haben. Dabei sei das Mädchen in­folge Verblutens gestorben. Den Leichnam habe er auf dem Heuboden versteckt. Er,st als die Rachforschungen nach der Verschwundenen ein­setzten, habe er die Leiche zers chnitten und die einzelnen Teile zu zehn Paketen zusammen­gepackt. Eines der Päckchen habe er in einen

Schon wieder Herbst.

Von Hermann Hesse.

Für eine Stunde bin ich dem Hause entronnen, dem kühlen schattigen Zimmer, wo am Boden mein großer alter Neisekoffer liegt, schon mehr als halb vollgepackt mit Wäsche, Büchern, Schreibzeug, Mal- zeug, Briefschaften und all dem gewohnten Kram; denn es ist Herbst geworden, es beginnt in meinem kleinen Dorf und in meinem Sommerhause unwirt­lich zu werden, und ich will wie jedes Jahr die Flucht vor dem Winter antreten nicht südwärts zur wärmeren Sonne, sondern nordwärts zu den Städten und Häusern, wo man warme Defen und warme Badezimmer findet, wo es zwar Schnee und Nebel gibt, dafür aber auch befreundete Menschen, Aufführungen von Mozart und Schubert und der­gleichen geliebte Dinge.

O wie schnell ist das wieder gegangen mit dem Herbstwerden! Dies Jahr war es wieder ein wun­derbar schöner Spätsommer, er schien nie ein Ende nehmen zu können. Tag um Tag wartete man, nach scheinbar sicheren Anzeichen, auf Regen, auf Wind, auf Nebel, aber Tag und Tag stieg klar, golden und warm aus dem Luganeser Seetal herauf, nur daß die Sonne Tag für Tag um ein Unmerkliches spä­ter kam, sie kam nun nicht mehr über dieselben Berge herangestiegen wie die Sommersonne, son­dern ihr Ausgangspunkt war weit vorgeschoben, gegen Como hin aber all dies bemerkte man nur, wenn man nachrechnete und kontrollierte, die Tage selbst waren einer wie der andere Sonnentage, die Morgen fräftia leuchtend, die Mittage heiß und brennend, die Abende farbig verglühend. Und jetzt ist, nach einem ganz kurzen Wetterwechsel, der bloß zwei Tage dauerte, dennoch auf einmal der Herbst herangeschlichen, und es kann nun am Mittag noch so warm und am Abend noch so strahlend farbig werden, es ist doch längst kein Sommer mehr, es ift Sterben und Abschied in der Luft, und die Nächte sind kalt.

Abschied nehmend denn morgen will ich für iDconate fortreisen schlenderte ich durch den Wald. Von weitem sieht dieser Wald noch beinahe grün aus, in der Nähe aber sieht man wohl, daß auch er alt geworden und nah am Sterben ist, das Laub der Kastanien knistert trocken und wird immer gel- ber, das feine spielende Laub der Akazien blickt zwar an manchen feuchten, kühlen Waldftellen und Schluchten noch tief und bläulich, aber überall schon durchstreift und durchglänzt von welken Zweigen, pn denen di« grellgoldenen Blättchen einzeln schim-

Teich geworfen, ein anderes in einer Sandgrube vergraben. Später sei er mit seinem Wagen in die Heide gefahren, wo er weitere Leichenteile zerstreute. 3m Laufe der Verhandlung verwickelte sich Meyer mehrfach in Widersprüche. Am vierten Derhandlungstag legte der Angeklagte unter der Wucht der vernichtenden Gutachten der medizini­schen Sachverständigen und der stark belastenden Zeugenaussagen em umfassendes Ge­ständnis ab und erklärte, daß er an der Caspar keinen Eingriff vorgenommen, sondern sie im Kuh st all erschlagen habe, als sie gerade mit dem Melken beschäftigt war. Der Ange­klagte, Viehhändler Kurt Meyer, wurde wegen Totschlags an der Hausangestellten Marta Caspar zu 15 Iahren Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 10 Iahren verurteilt. Der Staats­anwalt hatte auf Mord plädiert und die Todes­strafe beantragt.

UeberfaU auf einen Kassen boten. 3100 Mark geraubt.

5n Hamburg, das seit mehreren Tagen Schau­platz toller Raubüberfälle ist, hat sich jetzt wieder ein Räuberstreich zugetragen. Ein 30jähriger Epa-Angestellter namens Lenkvenus hatte den Auftrag, für seine Firma 3100 Mark bei dem Bankhaus Warburg in der Ferdinandstraße einzu- liefern. Er fuhr mit der Straßenbahn von Eims­büttel bis nach dem Pferdemarkt in Begleitung einer weiblichen Angestellten. Dort stieg er aus und wollte zu Fuß nach dem Bankhaus in der Nähe des Alster- tores gehen, wo er von einem Kraftwagen eingeholt wurde. Diesem entstieg ein Mann, der den Boten in den Leib schoß. Der Räuber entriß dem Ueberfallenen einen ßebertoffer mit 3100 Mark In­halt, sprang in einen Kraftwagen und fuhr mit einem Genossen davon. Während der Verfolgung gab er noch weitere Schüsse ab, durch die eine 20- Mrige Frau einen Beinschuß davontrug. Die Räuber sind entkommen.

Die Eisenbahnkatastrophe in Algerien.

Oran, 17.Sept. (WTB. Funkspruch.) Die Aus- räumungsarbeiten an der Stelle der Eisen­bahnkatastrophe sind noch nicht abgeschlossen. Gestern sind wiederum 14 Leichen geborgen wor­den. Die Gesamtzahl der bisher geborgenen Toten beträgt 60. Heute werden die Opfer beigefetzt werden.

Schweres Autounglück bei Brünn. Ein Toter. 38 verletzte.

Auf der Staatsstraße BrünnOlmütz ereignete sich dieser Tage ein schweres Auto-äln- g l ü ck. Ein mit mehr als 40 heimkehrenden Ar­beitern besetzter Autobus suchte einem alten Mann, der die Straße überqueren -wollte, aus- zuweichen. Der Chauffeur riß den Autobus zur Seite. Trotzdem wurde der Passant vom Autobus erfaßt und auf der Stelle getötet. Der Auto­bus fuhr infolge der raschen Wendung in den Straßengraben, stieß an einen Baum und über­schlug sich. Dabei wurden 38 Personen ver­letzt, darunter nach den bisherigen Feststellun­gen 12 schwer.

In dec f.uff zusammengestoßen.

Bei einem Geschwaderflug von drei Flugzeugen der Deutschen Verkehrsfliegerschule in Braunschweig tarnen beim Wechsel der Formation zwei Maschinen miteinander in Berührung, wobei das Querruder der einen Maschine stark beschädigt wurde. Beide Flugzeuge waren gezwungen, im Gleitflug niederzugehen. Bei der Notlandung in unebe­nem Gelände ging die eine Maschine völlig zu Bruch. Glücklicherweise kam niemand zu Schaden.

Kunst und Wissenschaft.

Der {Nobelpreisträger Sir Ronald Roh f.

Der Bakteriologe Sir Ronald Roß, dem im Jahre 1902 auf Grund seiner Malariafor­sch u n g e n der medizinische Nobelpreis verliehen worden war, ist in London nach langer Krankheit im Alter von 75 Jahren g e ft o r b e n. Roß, dessen Forschungen sich für viele hunderttausend Menschen segensreich ausgewirkt haben, geriet später in finanzielle Bedrängnis, aber eine Spende, die durch öffentliche Subskription aufgebracht worden war, sicherte ihm ein ruhiges Alter.

mern, und bei jedem Windhauch herabzutropfen beginnen.

Hier beim Graben, wo das welke Laub sich schon häuft, obwohl die Wipfel alle noch voll scheinen, hier habe ich im vergangenen Frühling, in der Zeit vor Ostern, die ersten zweifarbigen Blüten des Lungenkrauts gefunden, und große Flächen voll Waldanemonen, wie roch es damals feucht und krautig hier, wie gärte es im Holz, wie tropfte und keimte es in den Moosen! Und jetzt ist alles knisternd trocken, tot und starr verbrannt, das welke holzige Gras und die welken dürren Brombeerranken, alles klirrt, wenn der Wind anhebt, dünn und spröde aneinander. Nur pfeifen überall in den Bäumen noch die Siebenschläfer; die werden im Winter schweigen.

Ah, da rieche ich etwas, das Freude macht. Ein feuchter, dicklicher, etwas dumpfer, nahrhaft fetter Geruch zeigt mir Pilze an, Steinpilze. Sie wachsen hier nicht eben selten, doch findet man sie nicht leicht, denn auch der Tessiner ißt Steinpilze sehr gern (im Risotto schmecken sie wundervoll) und sucht sie mit Leidenschaft. Eben habe ich einen Mann angetref­fen, es war der Cavadini von Certenago, der schlich gespannt und lauernd wie ein Jäger an mir vor­bei durchs Gehölz, den Blick scharf am Boden, in der Hand eine lange dünne Gerte, mit welcher er an jeder Stelle, die ihm Pilze zu versprechen scheint, das dürre Laub beiseite fegt. Aber diesen hübschen Steinpilz hier mit dem kräftigen dicken Kopf hat er also nicht gefunden, der gehört mir, heute abend mirb er gegessen. Und morgen also reife ich davon, fleibe mich nach Monaten wieder einmal städtisch, ziehe nach Monaten wieder einmal einen Kragen, eine Kravatte, eine Weste, einen Mantel an, und bringe dann in solcher Verkleidung den Winter unter Öen Menschen zu, in den Städten, in den Restau­rants und Theatern, wo es keine Steinpilze gibt, wo im Frühling fein rot und blaues Lungenkraut blüht, im Herbst kein rostrotes Farnkraut rauscht. Nun in Gottes Namen!

Ueberall blühen noch die kleinen, roten Stein- Nelken, feurig nicken sie aus dem welken Gras, hinter dem braunen Laub hervor, sie allein sind noch frisch und jung, sie fingen das Lied vom Untergang nicht mit, sie lachen und brennen und taffen ihre kleine rote Flagge wehen, erst vom ersten Frost lassen sie sich umbringen. Euch liebe ich, kleine fröhliche Brüder, ihr gefallet mir sehr. Eine von euch, kleine, rotbrennende Nelken, nehme ich mit mir, stecke sie an und bringe sie mit dort hinüber in die andere Welt, in die Städte, in den Winter, in die Zivilisation.