Ausgabe 
16.12.1932 Erstes Blatt
 
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Nr. 296 Erstes Blatt

182. Jahrgang

Hreitag, 16. Dezember 1952

Erlcheinl täglich, außer Sonntags und Feiertags. Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle

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Metzeim Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vnltk und Verlag: vrühl'jche Universitäts-Such- und Steindruckeret R. Lange in Giehen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstraße 7.

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Thefredakteur:

Dr. Fnedr. Will). Lange. Berantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein undfür denAn- zeigenteil L D.TH.Kümmel sämUich in (Biegen.

Edouard Herriot.

Porträt eines gestürzten Ministers.

Von E. von G.

Achtzig Prozent aller photographischen Aufnah­men. die von Edouard fierript in die Oejfentlichkeit gedrungen sind, zeigen diesen Mann in einer Hal­tung, die der üblichen Photographierpose geradezu entgegengesetzt ist. Häufig sieht man auf dem Bild folgendes: em Heiner, rundlicher Mann, ausge­sprochen unelegant angezogen, dem Typus und der Haltung nach ein kleinbürgerlicher Beamter, steht inmitten vieler anderer Leute, um die er sich nicht kümmert, in fliegenden Blättern lesend, einen Zwicker auf der Nase, einen runbgeknifften Hut ein wenig schief auf dem Kopf. Diese unscheinbare Allüre eines Mannes, der seit bald zwanzig Jah­ren eine entscheidende Rolle in der französischen Politik spielt, erklärt den Charakter Herriots viel­leicht besser, als viele Worte es vermögen.

Edouard Herriot ist kein Großer, kein Gewal­tiger und hat es auch niemals sein wollen. Nie hat das französische Volk ihm einen Ehrennamen ge­geben wie etwa dem2iger" Clömenceau. Er ist erstaunlich unaffettiert. Seine Weichheit, seine ganz und gar unfranzösische Sentimentalität, die allzu oft in' der Politik einer schwankenden, allzu schwan- kenden Position entsprochen hat, läßt sich nicht ver­heimlichen. Es ist merkwürdig, daß die Mehrzahl der bedeutenden französischen Politiker im letzten Vierteljahr-Hundert Advokaten gewesen sind. Bor allem Briand, Poineare, Cl^menceau gehören in diese Gruppe. Herriot ist absolut nicht von ihrer Rasse. Man könnte ihn sich kaum als Anwalt, als entschiedenen Vertreter einer These vorstellen ...

Dabei ist er nicht frei von Schwärmerei. Seine Schwärmerei gilt in erster Linie einer bestimmten Auslassung des WortesKultur". Er bewegt sich dann auf dem Hochplateau der Begriffe von ewiger Wahrheit, ewiger Menschlichkeit, auf einem teils ästhetischen, stark idealistischen, zum andern Teil ein wenig kleinbürgerlich-rührseligen, mit pathetischen Worten und Gedanken gepflasterten Boden. Sein Idealismus, der nicht bestritten wer­den kann, schlägt aber im Gegensatz zu Briand sel­ten um in einen Idealismus der Tat. Er betet die große Linie an vielleicht, weil er sich in der Geschichte, in der Wirklichkeit nicht auf ihr zu be­wegen versteht. Es ist kein Zufall, daß er seine Karriere als Tlniversitätsprofessor für Literatur­geschichte begonnen hat. Cs ist ebenso wenig ein Zufall, daß er jahrelang ausgerechnet an der Spitze der radikalsozialistifchen Opposition steht, einer maßvollen, bürgerlichen, nicht allzu kriti­schen Opposition, die es mit der Praxis nicht so ernst nimmt wie mit der Utopie. Es ist noch weni­ger ein Zufall, daß er, von Haus aus in der Theorie der typische Wellbeglücker, in der Praxis der ausgesprochene Versöhnler vor großen politi­schen Aufgaben in der Regel immer wieder Schiff­bruch erlitten hat.

Man kennt ihn in Deutschland als enthusiastischen Verehrer Beethovens, als Verfasser einer sehr kennt­nisreichen. wenn auch ein wenig geschwollenen Le­bensbeschreibung seines Lieblingskomponisten. Noch in diesem Jahre hat Hindenburg seiner Verdienste für die deutsche Kunst in einer Ehrung aus Anlaß des Goethe-Jahres gedacht. Zwischen diesem Herriot und dem anderen, dem Bürgermeister von Lyon, dem konsequenten und rücksichtslosen Unterstützer der südfranzösischen Seidenindustrie, dem französischen Ernährungsminister im Kriegskabinett Briands, dem Autor der Worte:Nein! Niemals! Nie!" ii\ der Frage der deutschen Gleichberechtigung besteht aber kaum eine Brücke. Er hat es nicht fertiggebracht, Theorie und Praxis zu versöhnen, aus Kulturfana- ftsmus und Realpolitik eine gemeinsame Linie zu spinnen, die ihn als einen Politiker vom Geist Bn- ands oder vom Format ClSmenceaus gezeigt hätte.

Er ist der starren, engstirnigen, aber selbst in ihrer Kleinlickckeit gewissermaßen großartigem Krämerhaftigkeit Poincares ebenso fremd wie der edlen Begeisterung Briands. In mancher Beziehung schöpft er aus denselben Quellen wie einer seiner Vorgänger, der geschliffene, zynische, bis in die Fingerspitzen kultivierte und noch im Haß große Clemenceau aber mit welch verschiedenen Resultaten! Diese drei Männer wa­ren und sind Figuren Herriot aber ist heute wie vor zwanzig Jahren ein labiler, schillernder, uneinheitlicher, ganz und gar nicht großartiger Proteus - Mensch. In seinem geistigen Ri- veau dem fetten Spekulanten und politischen Dunkelmann T a r d i e u turmhoch überlegen, bringt er es doch nicht unter dem Druck einer wahnsinnigen Zeit zu einem politischen Format, das sich moralisch oder taktisch vorteilhaft von der seines Vorgängers abgehoben hätte. Er mußte stürzen, weil er seinem Herrn, dem französischen Bürgertum, nicht mehr genügte. Seine Einstel­lung. selbst seine Opposition, verfallen dem Fluch der Veraltetheit. Ein Mannmit den besten Ab­sichten" wird bei lebendigem Leibe von seiner Zeit, der er nicht gewachsen ist, überfahren das ist vielleicht, abgesehen von allen politischen und vor allem ökonomischen Quellen, der schicksalhafte, moralische" Sinn seines jetzigen Sturzes.

Nie pariser Regierungskrisis.

Herriot lehnt ab.-Chautcmps beauftragt.

Paris. 15. Dez. (1BIB.) Der Präsident der Republik hat heute nachmittag herriot um die Neubildung des Kabinetts ersucht, herriot hat jedoch diesen Auftrag a b g e l e h n t, weil er, wie er später Pressevertretern erklärte, überhaupt in kein Kabinett mehr ein­te e te n wolle, gleichviel von wem es gebildet wer-

Das Echo der Schleicher-Rede.

Berliner preffestimmen zum Programm des Kanzlers.

Berlin, 16. Dez. (ERB. Eig. Meldung.) In den Kommentaren der Morgenblätter zu der Rund­funkrede des Reichskanzlers wird fast übereinstim­mend hervorgehoben, daß der Eindruck dieser Rede in erster Linie nicht den General, sondern den Politiker erkennen ließ. Eine Anzahl Blätter, die der früheren Reichsregierung Papen in scharfer Opposition gegenüberstanden, spricht von einem Gegensatz in der Tonart gegenüber Papen. So schreibt dieGermania" (Zentrum): Dort die Vorliebe für die schneidige, forsche Ton­art, hier ein Mann von beinahe leidenschaftsloser Kühle, fast gänzlicher Verzicht auf rhetorischen Glanz, eine Diktion, die mehr an einen Kaufmann als einen General erinnert. Ein überlegender Stra­tege, der anscheinend sehr bewußt alle psychologi­schen und politischen Faktoren in sein Programm einschaltet. Diese Rede scheint in all ihren Teilen zu bestätigen, daß dieser Kanzler die Klugheit als seines Amtes besseren und wichtigeren Teil von vornherein erkannt hat. Wir glauben durchaus, daß die gestrige Kanzlerrede die Entspannung und Beruhigung unserer Politik, die schon der Kanz­lerwechsel einleitete, weiter fördern wird.

Der Lokalanzeiger lDeutschn.) beschäftigt sich vor allem mit den Ankündigungen des Kanz­lers über das Arbeitsdelchaffungsprogramm, dessenDämme" gebaut werden sollten, auch wenn sienicht hundertprozentig den strengen Gesetzen der wirtschaftlichen Vernunft entsprä­chen". Das Blatt fragt, ob nicht dabei die un­geheure Gefahr eines Dammbruches bestehe, nach dem dann alles viel schlimmer sei, als wenn man die Wasser nicht erst künstlich aufgestaut hätte? Rechtzeitig handeln sei gut, und nach alter Sol­datenregel sei ein Fehlgreifen in der Wahl der Mittel dem Richthandeln vorzuziehen. Aber ob diese Soldatenregel auch dann gelte, wenn man eine ungeheure Wirtschaftskrise beheben wolle? Der Tag (Deutfchn.) vermißt «ine Antwort auf die entscheidende innerpolitische Frage der Macht- auseinandcrsehung zwischen dem Parlament und dem Kanzler einer Legierung, die das Recht und die Pflicht habe, Staat und Ration Aitoritär zu führen. Gerade diese Frage sei schicksalshaft. Kein Kanzler einer autoritären Staatsführung könne ihrer letzten Entscheidung ausweichen.

DieTägliche Rundschau" (Tat'-kreis) schreibt, man habe selten von einem Chef der Re­gierung so offene und hart an die Grenze des Bru­talen gehende Worte gehört, wie aus dem Munde des Soldaten. Die Wirtschaft, das Parlament, der negative Radikalismus und auch die Jugend hatten manches hören müssen, was vorher nicht gesagt worden sei. Und was wichtig sei: Rach der spröden und kühlen Art Brünings, nach der schroffen und überheblichen Art Papens sei end­lich wieder einmal die Stimme des Vol­ke s zur Geltung gekommen, der General habe ausgesprochen, was heute jeder denke. Die K r e u z z e i t u n g" (Stahlhelm) nennt die Rede einProgramm der Tat" und meint, gegenüber Befürchtungen, die nach dem Antritt der neuen Regierung geäußert worden feien und die zwei­fellos ernsteste Aufmerksamkeit auch in Zukunft erfn-'^m, könnten die deutlichen Worte an die Parteien und das parteist-atliche System in ge- toinem Umfange Beruhigung bringen.

DieV o s s i s ch e Zeitung" (dem.) nennt die Regierungserklärung alles in allem ahne hart ge­zeichnetes scharfes Profil. Ein Notstandsprogramm, dessen Dominante die Arbeitsbeschaffung, sei also auf eine gewisse Wartezeit abgestellt. DieDAZ." (gern Rechte) meint, daß als Summe der einzelnen Ankündigungen über die beabsichtigten Maßregeln weite Kreise der Bevölkerung einen neuen Hoff­nungsschimmer auf Beruhigung unter einer ge­rechten Staatsführung entnommen haben dürften. DerB ö r s e n k u r i e r" (dem) betont, daß die erst geweckte, dann durch politische Kämpfe wieder geschreckte Unternehmungslust in Deutsch­land wieder gefestigt werde durch die Versicherung, daß keinerlei Wirtschaftsexperimente zu befürchten

den würde. Rach herriots Ablehnung ist der bis­herige Innenminister im Kabinett herriot, L h a u - tems, ins Elys re berufen und mit der Bil­dung der Regierung beauftragt worden. Beim verlassen des Llysäes erklärte Lhautemps, der Präsident der Republik habe ihm den Auftrag der Kabinettsbildung angeboten. Er, Lhautemps, habe darauf hingewiesen, daß er mit der Ak­tion herriots eng verbunden fei, wes­halb es ihm schwer fallen würde, ohne seine Mitarbeit eine Regierung zu bilden. Auf Drän­gen des Präsidenten der Republik habe er sich jedoch bereit erklärt, die politische Lage mit einigen Per­sönlichkeiten zu besprechen. Er werde im Laufe des morgigen Tages dem Präsidenten seine Antwort mitteilen.

Oer 15. Dezember.

Wer hat seine Rate an Amerika bezahlt?

Washington, 15. Dez. (WTB.) Im ganzen sind heute sechs Staaten ihren Verpflich­tungen aus den Kriegsschulden nach- gekommen, nämlich England, Italien, die Tschechoslowakei, Finnland, Lettland und Litauen. Die von ihnen gezahlten Raten belaufen sich auf insgesamt 125 Millionen Dollar. Fünf Staa -

seien, und daß der Kern des Papenschen Wirtschafts­programms aufrechterhalten bleibe.

DerVorwärts" (Soz.) hebt hervor, die Veränderung gegenüber dem Papenprogramm liege im wesenllichen nur in der Verstärkung des Anteiles der öffentlichen Arbeitsbeschaffung. Herr von Schleicher habe aus dem Papen-Programm die Teile weggelasfen, deren Versagen heute schon hervorgetreten sei. Das Schleichersche Wirtschafts­programm sei ein Programm des Wiederaufbaues des Kapitalismus und stehe im strikten Gegen­satz zu den Plänen der sozialistischen Aktion. Cs werde der grundsätzlichen sozialistischen Opposition der Sozialdemokratischen Partei begegnen.

DerVölkische Beobachter" zur Kanzlerrede.

München, 16. Dez. (CNB. Funkspruch.) Der Völkische Beobachter" wendet sich in der Betrach­tung, die er der gestrigen Rundfunkrede des Reichs- kanzlers widmet, gegen die Kritik des Kanzlers an der Reichstagsrede des Alterspräsidenten L i tz - mann und meint, aus ihr spreche die Absicht, die Nationalsozialisten von vornherein zu diskreditieren. Die Frage, wie der Kanzler die Schwierigkeiten zu überwinden gedenke, sei nicht beantwortet worden, während sich Hiller bereit erklärt habe, binnen 48 Stunden ein kurzes Programm über die von ihm beabsichtigten außen-, inner- und wirt­schaftspolitischen Maßnahmen vorzulegen. Der Kanz-

te n, und zwar Frankreich, Belgien, Polen, Est­land und Ungarn haben die heute fälligen Raten im ungefähren Gesamtbetraa von 25 Millionen Dollar nicht erlegt. Die Zahlungsverweigerung verschiedener Schuldnerstaaten hat in politischen Kreisen starke Mißstimmung hervorgerufen. Der demo.ratische Senator Mac Kellar von Tenessee kündigt eine Vorlage an, die für Geschäftsleute und Touristen, die nach Frankreich reisen wol­len 5000 Dollar Ausreiseoisumkoften vorsieht. Der republikanische Senator Johnson von Kalifornien wird eine Vorlage einbringen, die d e n Handel mit Wertpapieren der Schuld- nerregierungen verbietet, die sich für zahlungsunfähig erklärt haben. Zuwiderhandlungen sollen mit 10 000 Dollar Geldstrafe oder fünf Jahren Gefängnis belegt werden.

Unter den gegenwärtigen Umständen hält man den Abschluß des seit Monaten in Arbeit befind­lichen Handelsvertrages zwischen beiden Staaten für unmöglich, die Hearstblätter gitteren aus den kürzlich veröffentlichten Akten des Staatsdeparte­ments aus dem Jahre 1918 über die Beziehungen zu Rußland den Band 3, der darstellt, wie Frank­reich sich gebärdete, als es in der umgekehr­ten Situation _roar und Rußland f i ch weigerte, feine Schulden an Frankreich zu be­zahlen. Darin heißt es: Am 14. 2. 1918 unterbrei­tete der französische Finanzminister Klotz dem

ler habe unverbindliche Redensarten vorgetragen und fein Regierungspro­gramm. Nirgends sei eine klare Entscheidung, eine entschiedene offene Stellungnahme, überall nur vorsichtiges und taktisches Lavieren.

ImA n g r i f f" schreibt Dr. Goebbels u. a.: Nach Weihnachten wird der Kampf in ganz breiter Front wieder a u f g e n o m m e n werden müssen. Die Krise wird offen a u s d r e ch e n. Wenn eine Regierung national regieren will, dann geht das nicht ohne ober gar gegen jene Zwölfmillionenbewe­gung, die sich in dem deutschen Nationalsozialismus verkörpert. Eine Bewegung aber wie die unsere kann und darf nicht eingesetzt werden, indem man sie zwar im Ueberfluß mit der Verantwortung belastet, ihr dafür aber nur ein Minimum an Macht über­gibt, sondern dieser Prozeß muß Zug um Zug vor sich gehen, und für jedes Stück Verantwortung muß ein entfprechendes Stück Macht dargereicht werden.

3n Ostpreußen stehen zur Siedlung 80000 Morgen zur Verfügung.

Wie amtlich mitgeteilt wird, ist in der gestrigen Reichskanzlerredc folgender redaktioneller Fehler zu berichtigen: In der Provinz Ost­preußen werden der Siedlung 8 0 000 Mor­gen (nicht 800 000) zugeführt werden. Ins­gesamt stehen also 580 000 Morgen, nicht 1,3 Mil­lionen zur Verfügung.

Interalliierten Rat eine Resolution folgenden In Halls:Rußland kann seine Verpflich­tungen nicht ablehnen, ohne das Völler- recht bis in feine Grundpfeiler zu erschüttern. Es gäbe bann keine Sicherheit mehr im Ver­kehr zwischen ben Staaten, und es wäre unmög­lich, langfristige Verträge einzu­gehen wegen der Gefahr, daß diese Verträge später ignoriert werden."

Die französische Zahlungsverweigerung hat dazu geführt, daß die Stimmung im Kongreß einer freundlicheren Behandlung Groß britanniens günstiger wird. Wie verlautet, wird Senator H e r r i s o n, der ein führendes Mit­glied der Demokratischen Partei ist und vom 5. März ab den Vorsitz im Finanzausschuß über­nehmen wird, schon in ben nächsten Tagen einen Gesetzentwurf über die Herabsetzung der britischen Kriegsschulden einbringen. Dieser Vorschlag eines prominenten Mitgliedes der aus dem Wahlkampf siegreich hervorgegangeneil Partei hat mehr Aussicht auf Aufnahme, als wenn Hoover dem Kongreß die gleiche Maßnahme emp­fehlen würde. Roosevelt, der künftige Präsi­dent, gilt als durchaus geneigt, den britischen Wün­schen entgegenzukommen, sofern sich eine Neuregelung des Schuldenprobloms finden läßt, durch die nicht die gesamte Last auf die Schulten, Amerikas abgewälzt werde.

Gefesselte Präsidenten.

(Stagnation her Wirtschaft.

Von unserem ck-Derichterstatter.

Grabesruhe im Weißen Haus.

(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Re uh o rk, Dezember 1932.

Die amerikanische Verfassung sieht vor, daß zwischen der Wahl und dem Amtsantritt eines neuen Präsidenten stets etwa vier Monate zu ve.gehen haben, in denen der neue Mann nichts zu sagen hat, während der al t e uneingeschränkt fortregiert. Der künf­tigeEx" tut gut, seine Zeit auf der Jagd oder sonst auf Reisen zu verbringen, während der neue aber noch nicht regierendePre" gut daran ist, wenn er es nicht viel anders hält. Am wie­viel mehr, so sagte man hier allgemein, würde nun diese Pause eintreten, da diesmal ein grundsätzlicher Sy st em wechsel einge­treten ist, und die Demokraten die Republikaner ablösen! Richt nur im Weißen Haufe, sondern auch in fast allen Parlamenten des Landes und der Mehrzahl der Gouverneurssitze in ben Staa­ten. Die Erwartungen, daß schnell etwas ge­schehen würde, waren daher auch nicht allzu groß, nachdem die Präsidentenwahl einmal vorüber war. Allerdings nahm man an, daß sich Hoover und Roosevelt wenigstens darüber verstän­digen würden, was in den nächsten Monaten zu geschehen habe. Die Rot der Zeit, die ja auch in USA. schwer zu spüren ist, verlangte, daß umgehend klargestellt würde, daß etwas zu geschehen habe, damit diese Pause von vier Monaten diesmal nicht eintrete.

Run, wenn derartige Hoffnungen bestanden haben, so sind sie jedenfalls schnell und gründ­lich enttäuscht worden, da sich dieRicht- arbeitsfähigkeit" der amerikanischen Verfassung schneller und gründlicher herausgestellt hat, als man das wohl erwarten konnte. Da es einen Rücktritt des Präsidenten und die darauf er­folgende Amisichernahme des neuen Präsidenten nicht gibt die Verfassung läßt das nicht zu blieb nur die Hoffnung auf eine Verständigung zwischen Hoover und Roosevelt übrig. Hoover hat

denn auch mngehend den Versuch unternommen, sich mit seinem siegreichen Gegner zu einigen, um möglichst wenig Aeibungsflächen zu schaffen. Aber ob es ihm geglückt ist, sich in der mehr­stündigen Besprechung mit ihm zu verständigen, das weiß niemand so recht zu sagen. Die amtliche Verlautbarung:Es seien Fortschritte erzielt worden", bedeutet natürlich säst gar nichts, und böse Zungen munkeln, die Einigung zwischen den beiden Männern habe darin bestanden, daß Hoo­ver nichts tun solle, und daß alles übrige dem Kongreß überlassen werden solle! Stimmt diese Auslegung der Vereinbarungen zwischen den beiden Präsidenten, so heißt das cvlfo nur, daß die Pause, die von der Verfassung vor­gesehen ist, auch noch ausdrücklich ver­einbart wurde ...

Daß der rosige Optimismus der Geschäftswelt, der noch vor kurzem hier überall festzustellen war, unter diesen Umständen schwindet und daß an seine Stelle allmählich eine allgemeine äln- lust tritt, ist daher kaum zu verwundern. Die Unternehmungslust wird eben gelähmt, wenn die Politik störend dazwischen kommt. Man braucht sich ja auch nur einmal klar zu machen., wie es denn um die Wirtschaftslage der USA. bestellt ist. Sie ist, das muß man immer wieder be­tonen, schlechter denn je, denn die Stühungs- maßnahmen Hoovers haben zwar all$u große Krachs verhindern können, sie haben eine plötz­liche, schlagfertig e ns tz nde Wirlschaf skatastrophe vermieden, aber das Absterben der Wirtschaft, die ständige Vergrößerung der Arbeitslosenziffer nicht verhindern können. Man hat sozusagen den Selbstmord auf offener Straße verhindert, und doch nichts dagegen tun können, daß der Delin­quent leise um die Ecke schlich, und sich dann dort umbrachte: und die Wirkung ist, daß die Fassade steht, hinter den leeren Fenstern der Gebäude aber der Hunger umherzieht.