Ausgabe 
15.7.1932 Frühausgabe
 
Einzelbild herunterladen

Oie Regierungsplane in Mecklenburg.

Oie Erklärung des nationalsozialistischen Kabinetts vor dem Landtag.

Schwerin, 14. Juli. (WTB.) In der Heuligen Dormittagsfitzung des Mecklenburg ° schwerinschen Landtags gab der Ministerpräsident die Regie­rungserklärung des gestern gewählten Ka­binetts bekannt. Er befaßte sich zunächst mit land­wirtschaftlichen Fragen und erklärte, mit allen Mit­teln werde das Staatsministerium dafür sorgen, daß durch eine a n d e r e als die bisherige, als ver­fehlt 3u betrachtende Lohn- und Siedlungs- Methode der mecklenburgische Land­arbeiter nicht hheimatlos und brotlos gemacht werde. Der Boden dürfe nach Auffassung der neuen Regierung nicht zum Schacherobjekt wer­den. Härten der neuen Grundsteuerregelung werde man beseitigen und eine gerechte Besteue­rung des kleinen und Mittelbesitzes durchführen. Die Regierung werde jedoch viele gerechte Forderungen zurück st eilen müssen, weil das Geld für ihre Erfüllung nicht vorhanden sei. Sie werde nach der Devise ar­beiten: keine Ausgaben ohne Deckung. Der Ministerpräsident kündigte auch durchgreifende innerpolitische Maßnahmen an. Die Einkünfte der

oberen Beamten werde man herabsetzen. Insbeson­dere werde die neue Staat-Regierung sich für die Einrichtung der Arbeitsdien st pflicht einseüen. Schutzvestimmungen gegen die Zwangs- vollstreckungen bei Landwirten seien in Aussicht genommen. Ferner werde die Regierung es als eine ihrer vordringlichsten Aufgaben ansehen, eine Altersversicherung für den ge­werblichen Mittelstand zu schaffen. Die Beamtenrechte werde man nicht an­tasten. Das Staatsministerium sei der Auffassung, daß der Beamte in erster Linie Diener des Staates zu sein habe, und dies fordere von ihm eine deutsche Gesinnung. Die Machtmittel des Staates würden rücksichtslos gegen jeden Ruhe­störer eingesetzt werden. Es werde auch mit aller Schärfe gegen diejenigen oorgegangen, die in Wort und Schrift den innerpolitischen Kampf im deut­schen Volke vergiften.

Die Ausführungen des Ministerpräsidenten wur­den von den Nationalsozialisten wiederholt durch Beifallskundgebungen unterbochen.

Oer Arbeitsdienst.

100 Jahre Bayrische Staatsbibliothek.

<

MtzM

Erweiterung des Kreises der Arbeiisdienstwittigen.

Blick auf die Front der Münchener Staatsbibliothek, die auf Anregung König Ludwig I. vor hundert' Jahren erbaut wurde. Die Bibliothek birgt heute rund 1% Millionen Bände, ihre Sammlung von Handschriften und Frühdrucken umfaßt unvergleichliche Schätze.

Kommt ein neuer Sklarek-Prozeß?

Llm die Verhandlungsfähigkeit des Hauptschuldigen. Teilhaber einer Filmgesellschaft?

Berlin, 14. Juli. (ERB.) An der in der gestrigen Kabinettssitzung verabschiedeten Berord- nung über den Freiwilligen Arbeits- Di e n st wird in politischen Kreisen als wesent­lich hervorgehoben, daß sie gegenüber den bis­herigen Bestimmungen über den Freiwilligen Ar­beitsdienst den Kreis der Arbeitsdien st- willigen in der Form erweitert, daß nicht nur wie bisher Llnterstühungsempfän- ger, sondern alle interessierten ju- gendlichen Arbeitsdien st wiligen daran beteiligt werden können. Außerdem wer­den nicht nur gemeinnützige Organisationen und Körperschaften an dem Freiwilligen Arbeits­dienst beteiligt, sondern auch alleOrganisa- t i o n e n, die Gruppen von Arbeitsdienstwilligen umfassen. Dazu gehören auch politische Parteien und Berbände. Voraussetzung für die Beteiligung ist aber in allen Fällen, daß die in Aussicht genommenen Arbeiten ge­meinnütziger Aatur sind. Wenn man zu- grundeleot, daß im Rahmen des Freiwilligen Ar­beitsdienstes pro Mann und Tag 2 Mark Kosten entstehen, so würden für die restlichen 250 Tage des Etatsjahres 10 0 0 0 0 Mann mit ins -

OerAngriff" verboten.,

Berlin, 14. Juli. (WTB.) Der Polizei­präsident hat denAngriff" bis zum 2 3. Juli einschließlich verboten. An­laß zu diesem Verbot gaben die Rummern 139, 140, 141, 142, 143 und 144 desAngriff". In diesen Zeitungsnummern wurde, wie zur Be­gründung des Verbotes mitgeteilt wird, sowohl die Polizei im allgemeinen, die Berliner Polizei im besonderen, der Minister des Innern, der Polizeipräsident von Berlin und der Polizei­präsident von Frankfurt a. M. beschimpft und böswillig verächtlich gemacht. Ferner hat der Angriff" in seiner Rümmer 144 die katholische Kirche gröblich beschimpft.

Oie gesamte sozialdemokratische presse in Anhalt verboten.

Dessau, 14. Juli. (WTB.) Mit dem gestrigen Verbot der BernburgerVolksmacht" hat das Staatsministerium auch das Verbot der Kopfblätter der genannten Zeitung in Köthen und Zerbst verbunden. Damit darf jetzt in Anhalt keineeinzigesozialdemokratischeZei- t u n g erscheinen.

Oie Berliner Universität weiter bis 16. Juli geschlossen.

Berlin, 14. Juli. (WTB.) Von maßgebender Stelle der Universität wird mitgeteilt: Rektor und

gesamt 50 Millionen Mark beschäf­tigt werden können. Da aber Hoffnung besteht, diese Summe zu steigern, ist zu erwarten, daß auch die Zahl der Arbeitsdienstwilligen noch er­höht werden kann.

Es steht nunmehr fest, daß der Präsident der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung, Dr. S y - r u p , zum Reichskommissar für den Arbeitsdienst ernannt wird. Der Aufbau der Organisation gliedert sich weiter über die Präsidenten der Landesarbeitsämter. Sobald zu Anfang der nächsten Woche auch die Ausfüh­rungsbestimmungen des Reichsarbeitsministers er­schienen sind, wird der neue Reichskommissar die Präsidenten der Landesarbeitsämter zusammen­berufen, um mit ihnen die Verwirklichung des Arbeitsdienstes zu besprechen, damit noch in diesem Monat praktisch an sie heran­gegangen werden kann. Diese Art des verwal­tungsmäßigen Aufbaues ist auch mit Rücksicht auf die notwendige Sparsamkeit gewählt worden, da sowohl Präsident S y r u p , als auch die Präsidenten ' der Landesarbeitsämter die neuen Funktionen vollkommen ehrenamtlich aus­üben werden.

Senat sind der Ueberzeugung, daß die noch be­stehende (Erregung einen geordneten Unterrichtsbe­trieb in dem Universitäts-Hauptgebäude nicht zuläßt und haben die weitere Schließung des Universitäts-Hauptgebäudes bis Sams­tag, 16. Juli, einschließlich beschlossen.

Aus aller Well.

Glückwünsche des Reichspräsidenten an Ludwig Fulda.

Reichspräsident v. H i n d e n b u r g hat dem Dich­ter Ludwig Fulda anläßlich seines 70. Geburts­tages seine Glückwünsche übermittelt und ihm die Goethe-Medaille für Wissenschaft und Kunst ver­liehen.

Indienststellung eines neuen Arkillerieschulbooles in Wilhelmshaven.

Auf der Marinewerft in Wilhelmshaven wurde gestern das ArtillerieschulbootBremse" unter dem Kommando des Korvettenkapitäns Fänger in Dienst gestellt. Der Bau des neuen Artillerieschul- bootes wurde 1929 als Ersatz für das Artillerieschul­bootFrache" bewilligt.Bremse" ist am 24. Ja­nuar 1931 vom Stapel gelaufen und wird in Kiel stationiert werden.

Für Verdienste um die Volksgesundheit".

Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mit- um die Volksgesundheit in Silber verliehen dem Geh. Reg.°Rat Professor Dr. G. Du i s berg in

Die im Sklarek-Prozeß verurteilten Angeklagten haben ihre Anträge auf Revision beim Reichsgericht zurückgezogen, so daß die Urteile rechtskräftig ge­worden sind. Die Akten über den Sklarek-Prozeß können geschlossen werden. Es ist aber noch keines­wegs sicher, ob nicht ein neuer Sklarek-Prozeß not­wendig werden wird. Zunächst schwebt noch immer das Verfahren gegen den Hauptschuldigen der Affäre, gegen Max S kläret, den die verurteilten Brü­der als denNapoleon" ihres Geschäfts bezeichneten, auf den sie alle Schuld zu schieben versuchten, wohl in der Hoffnung, daß die Krankheit Max Sklareks ein Verfahren gegen ihn ausschließen wird.

Tatsächlich hat der Verteidiger Max Sklareks jetzt beim Gericht den Antrag gestellt, das Verfahren gegen M a x e i n z u st e l l e n, und zwar wegen dauernder Verhandlungsunfähig- k eit". Dem Antrag sind Gutachten von Aerzten bei­gegeben, in denen die voraussichtlich dauernde Ver- bandlungsunfähigkeit des beschuldigten Max Sklarek bestätigt wird. Pon der Staatsanwaltschaft liegt noch keine Stellungnahme vor. Weder hat sie sich dem An­trag der Verteidigung angeschlossen, noch bisher widersprochen. Es heißt aber, daß bei der Staats­anwaltschaft ein ärztliches Gutachten vorliegt, wo­nach Max Sklarek wenigstens zeitweise als oerhandlungsfähig zu betrachten fei.

Ein Berliner Blatt bringt eine Mitteilung über die Person Max Sklareks, die sowohl in bezug auf seinen Gesundheitszustand, als auf seine Ver-

Leverkusen, die StaatsmedailleFür Verdienste um die Volksgesundheit" in Bronce: der Vor­sitzenden des Verbandes Deutscher Mutterhäuser vom Roten Kreuz, Frau Generaloberin Elisa­beth T o m i t i u s , Berlin, dem Leitenden Arzt des Dinzenzheims in Aachen, Dr. med. Karl Gründgens in Aachen-Siegel, und dem Pro­fessor Dr. H. H ö r l e i n in Wuppertal-Elber­feld.

©riffln und Mattern in Tempelhof gelandet.

Die amerikanischen Ozeanflieger Bennett G rif­fln und Jimmy Mattern, deren Weltflug bei Minsk durch Notlandung jäh unterbrochen wurde, sind gestern um 17.30 Uhr auf dem Tempelhofer Flugplak mit dem flugplanmäßigen Flugzeug der Lufthansa gelandet.

mögenslage wertvolle Fingerzeige geben kann. Die Sklareks stehen bekanntlich im Verdacht, Vermögens­werte heimlich beiseitegeschafft zu haben. Dem Blatt liegt ein Lichtbild von der Konferenz einer Filmgesellschaft vor. Auf diesem Lichtbild sieht man inmitten von allen möglichen Ausländern einen kleinen, wohlbeleibten, kahlköpfigen Herrn. Am Rande des Lichtbildes sind die Namen der Konfe­renzteilnehmer aufgVzählt. Es erscheint auch der Name M. Sklarek. Das Blatt meint, daß, wenn Max Sklarek bei der Filmgesellschaft ein neues Tä­tigkeitsfeld gefunden hat, das Rätsel um die verschwundenen S k l a r e k - M i l l i o n e n gelöst sein dürfte, auch scheine sich, nach dem Licht­bild zu urteilen, M. Sklarek der b e st e n Gesund- h e i t zu erfreuen. Das Lichtbild wurde zur weiteren Prüfung der Staatsanwaltschaft zugeleitet. Eine wei­tere Möglichkeit der Aufrollung des Sklarek-Pro« zesfes eröffnet sich aus der Feststellung des Richters, daß verschiedene angeklagte Beamte wegen Untreüe hätten verurteilt werden müssen, wenn sie wegen dieses Deliktes angeklagt worden wären. Die Staats­anwaltschaft hat natürlich das Recht, das Versäumte nachzuholen. Auch gegen die Personen, die während der Hauptverhandlung in den Verdacht der Beteili­gung oder Begünstigung geraten sind, namentlich gegen die Zeugen, die wegen Verdachts der Mittäter- schäft unvereidigt geblieben sind, kann noch ein Ver­fahren eröffnet werden.

. 50 000 Mark gezogen.

In der geftrigen Vormittagsziehung der Preußisch- Süddeutschen Klassenlotterie wurden auf die Nummer 279 354 ein Gewinn von 50 000 Mark gezogen. Das Los wird in der ersten Abteilung in Diertellosen in Württemberg und in der zweiten Abteilung in Achtel­losen in Bayern gespielt.

Französisches Militärflugzeug abgeskürzl. 2 Tote,

Ein französisches Militärflugzeug, das sich auf der Rückkehr von einer Europareise befand und von den französischen Militärfliegern Oberst Guillerniney und Hauptmann Gosselin ge­steuert wurde, stürzte am Mittwoch in bet Rähe von St. Etienne ab und ging voUkommen in Trümmern. Die beiden Insassen waren auf der Stelle tot.

Hochzeitmachen wie noch nie.

Heiraten muß heute billig sein!

Tiefgründige Artikel ließen sich darüber schrei­ben:Die Bevölkerungsbewegung in der Welt­krise"Arbeitslosigkeit und Heiratslust" ach es gibt da so viele Themen, und immer wird man Dazu etwas nicht gerade Angenehmes sagen müs­sen. Aber lassen wir diese interessanten Beiträge den Politikern und Wirtschaftlern. Wir wollen uns mit dem beschäftigen, was sich ohne Zahlen­material, ohne langatmige Aufstellungen und ohne beweiskräftige Tabellen täglich beobachten läßt.

Don Hochzeitmachen ist gern und viel erzählt worden: auch für die Dichter Ist dieser wichtige Vorgang im Leben des Menschen ein großer An­reiz geworden^H o ch z e i t m a ch e n , das ist wunderscho n", verkündete der Schlager um die Iahrhundertwende schon, und dabei ist diese be- achtliche Tatsache doch sicher auch für die damalige Zeit keine überaus große Ueberraschung mehr ge­wesen. Wohl aber war dies Hochzeitmachen bis um die Zeit des Beginns des Weltkrieges eine ganz große Angelegenheit, die entsprechend gefeiert werden mußte. Auch wer sonst knapp mit seinen Mitteln war, konnte sich dabei dochnicht lumpen lassen". Cs wurde gefeiert mit vielem Drum und Dran, nicht nur das Hochzeitspaar und die bei­derseitigen Schwiegereltern waren mit Begeiste­rung bei der Sache, sondern auch die möglichst zahlreichen Gäste machten mit großer Freude mit. Dom Polterabend über das Hochzeitsfest bis zur Rachfeier waren immerhin drei Tage, die aus­genutzt werden mußten, wenn auch in der Stadt für das Dor- und Rachspiel nur einige Abendstun­den reserviert blieben. Auf dem flachen Lande allerdinds erhielt sich noch lange der Brauch der besonders ausgiebigen Feier: drei volle Tage mit unbändigen Eh- und Trinkgelagen, die sich ge­legentlich sogar zu richtigen Uebertreibungen aus­wuchsen, waren durchaus keine vereinzelten Er­scheinungen.

Der Krieg brachte da eine grundlegende Aende- rung Es wurde zunächst zwar zahlenmäßig mehr geheirawt als je, die Kriegstrauung war an der Tagesordnung. Die besonderen Bedingun­gen jener Zeit bestimmten dabei die Art der Fest­

lichkeit. Es war kaum Zeit zum Feiern, weil der junge Ehemann möglichst schnell wieder zu seinem Truppenteil mußte: später wurden die Lebens­mittel knapp, sehr knapp, so daß man nicht große Bewirtungen durchführen konnte.

Aehnlich blieben die Verhältnisse auch in der Rachkriegszeit, etwa bis in die stärkste Inflation hinein. Die heiratslustigen jungen Leute nahmen lieber ihr Geld für die Anschaffung der Möbel, die ja alle Tage teurer wurden: wenn man auch keine Wohnung bekam, so hatte man sich doch wenigstens Sachwerte geschaffen, die auf Spei­chern, in Kellern und auf Böden frerumftanben, bis einmal das eigene Heim geschaffen werden konnte. Die Feierlichkeit des Hochzeitstages ver­lief zwar nicht gerade trocken, denn an sich war ja gerade die Inflationszeit eine sehr trinklustige Zeit. Weil niemand Freude an dem flüchtigen Geldbesitz hatte, wurden die Riesenscheine leicht in alkoholhaltigen Getränken angelegt. Das war die große Zeit der Likörstuben: jeder unter uns er­innert sich noch daran.

Mit der Rückkehr zu geordneten Geldverhält­nissen nahm die Zahl der Eheschließungen, die bis dahin recht zurückgegangen war, wieder zu: es kam auch eine an Vorkriegszeiten gemahnende 2Irt der Festlichkeiten wieder auf. Die jungen Hochzeitspaare legten erneut Wert darauf, ihren Freudentag im Kreise der Verwandten und der lieben Freunde zu begehen. Immerhin fiel das Pomphafte an diesen Feierlichkeiten doch nach und nach weg: es wurde nicht mehr so tragisch ge­nommen,was dieLeutesagenwürde n", wenn auf allerlei Schmuck verzichtet wurde der in Vorkriegszeiten selbstverständlich, ja. geradezu unentbehrlich erschien. Heute ist auch diese na- türliche Einschränkung noch zuviel.

Die Krisenhochzeiten sind bescheiden ge­worden, große Feten sind nicht mehr sonderlich beliebt. Dies unromantische Zeitalter ist bewußt schlicht unddenkt praktisch". Insbesondere in der Großstadt kommt man mehr und mehr von alle- dem ab, was einstmals sehr wichtig war. Der Bräutigam im Frack? Du lieber Gott, wann trägt man schon wieder mal dies unbeliebte Kleidungs­stück I Das lohnt sich doch gar nicht, nur für den Hochzeitstag einen Frack bauen lassen. Ein dunkler Anzug tut es auch: der ist praktisch den kann man immer wieder anziehen. Auch die Braut will von

dem Hochzeitskleid nach Art der Großmütter und Mütter nichts wissen. Das ist kein Prunkstück mehr, das man nach dem Hochzeitstage für bei­nahe ewige Zeiten in den Schrank legt, höchstens einmal in späteren Iahren wieder bewundert, wenn man darauf stößt. Rein, das Kleid muß so geschneidert sein, daß ein paar kleine Aenderungen genügen, es auch für andere Gelegenheiten an­zuziehen. Bloß keinen übermäßigen Prunk: das Kleid kann auch so sehr hübsch aussehen. Zum Standesamt fährt man unter Umständen mit der Straßenbahn, die beiden Trauzeugen nehmen das durchaus nicht übel. Dieser staatliche Akt der Ehe­schließung verläuft doch bei aller Würde ohnehin in nüchternen Formen. Die gute, alte Hochzeits­kutsche wird immer seltener, wenn es hoch kommt genügt eine Autodroschke. Was sich früher die Leute an Ausschmückung der Kirche leisteten, wird heute oft sehr erbarmungslos gestrichen. MitRecht sagen sich die Hochzeitsleute, daß eine Kirche im­mer würdig und festlich wirkt: es kommt nicht darauf an, auch noch an dem an sich schätzens­werten Blumenschmuck, dem Teppich vor der Kir­chentür, dem Baldachin gebieterisch festzuhalten.

Auch die Hochzeitsfeier am Rachmit- t a g wird, wenn sie überhaupt noch zur Durch­führung kommt, in bewußt schlichten Formen ver­anstaltet. Viele junge Paare ziehen es ohnehin vor. nur ihren Trauzeugen, dem engsten Der- wandtenkreise, ein Frühstück zu geben; damit ist Schluß. Schleunigst geht es danach zur Dahn oder zum Auto und dann fährt man wenn die Verhältnisse es einigermaßen erlauben für einige Zeit in eine neue Umgebung, um dort die Flitterwochen zu verleben. Wer jedoch unter den Hochzeitern an der alten Feier festhält, der denkt bestimmt nicht mehr daran, eine übergroße Gesell­schaft im eigenen Haufe ober in einer anderen ge­eigneten Stätte auszurichten. Auch hier geht das sehr gut mit einfacheren Mitteln. Der gute Happen und der gute Trunk, alles schlicht natürlich, wird atoar meist nicht ganz gestrichen. Aber die üppigen Gastereien sind den Krisenzeiten zum Opfer ge­fallen. Auch so mancherlei Zubehör bleibt un- genu^t, die uralteHochzeitszeitung" von emst bleibt ungedichtet und unvervielfältigt: und im Zeitalter der Schallplatte und des Rundfunks braucht man um die Hausmusik nicht besorgt zu

Die Sparsamkeit dieser Zeit der Rotverordmrn- gen ist soweit gegangen, baß auch der alte, gute Polterabend fast verschwunden ist. Porzellan, zu zerschlagen daran denkt niemand mehr; in der Ehe wird von diesem brüchigen Material schon von allein genug den Weg alles Irdischen geben. Mit der Aussteuer beschäftigt sich die angehende Braut nicht mehr sonderlich. Es wird zusammen- gekauft, was man unbedingt braucht: kein über­flüssiges Stück und schon gar nicht mehr diese Stöße von Leinen und anderen köstlichen Wäschedingen, die unsere Großmütter einfach haben mußten. Die Braut von heute denkt praktisch, sicher auch des­wegen. weil das Geld knapp ist.Wäsche nur zum Hinlegen, zum Ansehen" nein, davon will man nichts mehr wissen.

Geblieben ist auch heute der Trauring, den will kein junges Ehepaar missen. Und diese Ringe, die sozusagen nur paarweise auf die Welt kommen, werben auch heute noch gut gekauft, bafür muh eben Gelb vorhanden sein und ist es auch. Hochzeit­machen ist einfacher geworden, aber deswegen kei­neswegs unbeliebter. Geheiratet wird auch wäh­rend der Krisenzeiten, und das ist gut so. Wenn die Leute schon kein Geld haben, dann zeigen sie wenigstens Mut! -sn-.

Oie Mühe.

Schorbusch ist in der Sommerfrische. Schorbusch hat seine Mütze verloren, seine nagelneue graue Reisemühe.Heute morgen habe ich sie noch ge­habt", sagt er.jeht ist sie weg." Und er sucht in der Garderobe, in den Zimmern, in der Früh­stücksstube von Schannemann. Auch im Kurhaus­restaurant ist sie nicht. Aber der Kellner gibt ihm den Spazcerstock. den er stehen gelassen hat. Im Strandbad findet er den Feldstecher, den er dort vergessen hat, und im Wartezimmer des Arztes seinen Regenmantel. Aber die Mütze ist nicht da.

Da bleibt also nur eine Möglichkeit", schüt­telt Schorbusch den Kopf,die Antoniuskapelle." Und er geht in die Antoniuskapelle, die <t am Morgen besichtigt hat und sucht.

»Hören Sie", tippt ihm da ein Mann im schwar- jen Rock auf die Schulter,hier muffen Sie aber die Mütze ab nehmen." H. R,