Nr. 88 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Freitag, 15. April 1952
Schicksalswende der deutschen Schule.
Ein Rückblick auf den Potsdamer ^eichselterntag.
Don Präsident D. Dr. Freiherr von Heinhe, Kiel.
Es gibt Tatsacherr. die von Freunden und Jtntircm des Evangelischen Reichselternbundes anerkannt werden müssen. Das ist einmal der M u t, mit dem er im Bewußtsein höchster Der- antwvrtung Jahr für Jahr auf seinen Tagungen r schonungsloser Kritik an die eigene x t das ist ferner der heilige Ernst, mit dem er Jahr für Jahr zu den Quellen feiner Kraft hinabsteigt, das ist endlich die tiefschürfende Gedankenarbeit, die er auf jeder Tagung aufwendet, um sich die Grundsätze und Ricktt- imen für die «gaben des Alltags, die bc- Ausgaben gerade des kommenden Jahres neu zu erringen. Diese Einstellung gibt den Tagungen ihren eigenartig wirkungsvollen Cha- ca ~ '*e lind niemals schöne Geste, Heerschau, Reklame, sondern echte Arbeitsge- m e aft und gibt dem Reichselternbund me Fähigkeit, nicht sich den Verhältnissen an- LUPasfen. aber sie zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus anzugreifen und zu meistern.
Ruch in diesem Jahr wurde den Teilnehmern durch den Hauptvortrag des HamburgerShnodal- praside^iten D. Schoeffel über Volkstum und Evangeliuist in fast visionärer Kraft die Bedeutung der Stunde vor Augen geführt' als Schicksalswende zweier Zeiten, als Abschluß eines Menschheitstages von 500 Jahren, in dem das Individuum, von den mittelalterlichen Fesseln befreit, seinen Flug zu den Sternen antrat — eui Flug von beispiellosem Erfolg, und doch ein Ikarus-Flug, weil der von allen Bindungen an dos Objektive gelöste Mensch trotz des Höhen- flugs seiner Ideen zuletzt obstürzen muß in tragischem Fall, wie ihn von Jakob Burckhardt über Marx und Riehsche bis hin zu Spengler ernste Denker verkündet haben. Das aber war dos Bedeutungsvolle, daß Schoeffel in dieser Resignation keineswegs steckenblieb, sondern zum Künder des kommenden Frühlings wurde, eines Frühlings, in dem die großen objektiven Mächte des Lebens wieder mit gebietender Macht ihr Recht fordern, unter ihnen an erster Stelle Volkstum und Evangelium. Beide beanspruchen den ganzen Menschen, beide beanspruchen für sich die deutsche Schule der Zukunft, llnö diese Forderung bedeutet. daß für die im Reichselternbund zusammengefaßte Elternschaft der deutsche Mensch und der evangelische Mensch das Ideal der Erziehung und Bildung ist.
Was in geistvollem, geschlossenem Gedanken- ausbau von D. Schoeffel zu einem Bilde ergreifender Plastik geformt wurde, das fand feinen kraftvollen Willensausdruck in der Entschließung des Elterntages am Schlüsse seiner Beratungen, worin Evangelium und Volkstum als die beiden Grundpfeiler einer gesunden Jugenderziehung herausgestellt, von der evangelischen Schule der Dienst einer kraftvollen nationalen Erziehung gefordert und jeder Ber- such, die nationale Erziehung vom Evangelium zu loten, oder den Dienst einer evangelischen öcßulc für die deutsche Rationalerziehung auszuschalten, abgelehnt wird.
Run glaube man nicht, daß es sich bei diesen Gedankengängen um graue Theorie handelt, die für die Praxis keine Bedeutung hat. Im Gegenteil. man darf wohl sagen, daß diese Doppelfront blitzartig die aktuelle Krise unseres Kulturlebens und damit auch den Kampfplatz des Alltags für die evangelischen Eltem- bünbe beleuchtet. Auf ber einen Seite wird der Wert einer im Volkstum verwurzelten, wahrhaft nationalen Erziehung noch weithin geleugnet, auf ber anberen Seite aber versucht man, gerabc > im mißverstandenen Interesse einer nationalen oder nationalistischen Erziehung das Evangelium '
als lästigen Ballast, als wertlosen Trümmer vergangener Zeiten beiseite zu schieben.
Rach beiden Fronten muß die evangelische Elternschaft daher mit allem Ernst und unter Einsatz aller ihrer Kräfte den Kampf führen. Als der Reichselterntag im vorigen Jahr in Harzburg stattfand, war er es, der mit als erster feine mahnende Stimme erhob zum Kampf gegen die Gottlofenbeweaung. In Potsdam konnte in aller Bescheidenheit mit Genugtuung darauf hingewiesen werden, daß dieser Kampf nicht vergeblich gewesen sei. Er ist heute keineswegs zu Ende geführt, vielmehr ist zu sagen, baß ber offene Ansturm bes durch Moskauer Gelb unterstützten radikalen Frei- denkertums zur Zeit auf der ganzen Linie durch die mehr schleichende Zersetzung abgelöst ist
Aus Kreisen des Gießener Tabakgewerbes erhalten wir eine umfangreiche Zuschrift, der wir die folgenden aufschlußreichen und für die Allgemeinheit wichtigen Darlegungen entnehmen.
Im Herbst 1930 trat die Reichsregierung überraschend mit neuen Steuerplänen hervor, die das Tabakgewerbe außerordentlich hohen Belastungen unterwerfen wollten. Das gesamte Tabakgewerbe lehnte sich gegen die geplanten Erhöhungen von Zoll und Steuern auf. Bon sachverständiger Seite wurde der Regierung erklärt, daß es unmöglich sei, noch mehr aus dem Tabak herauszupressen. Es wurde besonders heroorgehoben, daß an eine Mehrein- nahme für den Staat nicht zu denken sei. Aber alle Vorstellungen waren vergebens. Mit Wirkung vom 1. Januar 1931 wurde der Zoll auf Rohtabak von 80 auf 180 Mark für den Doppelzentner erhöht, außerdem die Steuer auf Zigarren, die bis dahin 20 Prozent vom Kleinverkaufspreis betrug, um 15 Prozent. Aus dem Tabak sollten 200 Millionen Reichsmark mehr herausgeholt werden.
Die Folge war, daß die Einfuhr an Rohtabaken im Jahre 1931 um 66 Prozent zurückging, der R o h- tabakhandel in Hamburg und Bremen wurde sehr geschädigt. Roch schlimmere Wirkungen hatte aber die Mehrbelastung auf die Zigarrenhersteller und die Z i g a r r e n a r b e i t e r selbst. Die Regierung hat selbst Bedenken gehabt, denn es wurde im Gesetz vorgesehen, daß die durch die Zoll- und Steuererhöhung arbeitslos werdenden Zigarren- arbeitet und die zur Geschäftsaufgabe gezwungenen Zigarrenhersteller vom Reich unterstützt werden soll- ten. Die Folge der steuerlichen Mehrbelastung war, daß im Anfang des Jahres 1931 eine Zigarren- fabrif nach der anderen schließen mußte, und Zehn- tausende von Arbeitern brotlos wurden. In dem neuen Tabaksteuergesetz war die Bestimmung aufgenommen worden, die den Einzelverkauf der Zigarette untersagte. Es sollten nur noch ganze Schachteln verkauft werden, und man führte das fog. Normalsystem ein, indem man dem Raucher anstatt einer Schachtel mit 10 Stück Inhalt zu dem gleichen Preise eine solche mit 9 Zigaretten bot. Es streikten jedoch bald die Zigarettenraucher, der Zi- garettenfonfuni sank gewaltig, da die Raucher mehr nach Zigarillos griffen. So wurde wieder der Einzelverkauf von Zigaretten gestattet und das Normalsystem ab geschafft. Für die Zigarette wurden steuerliche Erleichterungen in einem Umfang geschaffen, daß wieder Zigaretten zu 3z und 2j Pf. hergestellt werden konnten. Den Tabakarbeitern wurde die ihnen feierlich für längere zugesagte Unterstützung von 75 Prozent ihres früheren Ver-
H-eute droht als neue Gefahr für die christliche Schule die mit dem Evangelium unvereinbare Verabsolutierung des Volkstums, die in dem Schrei des Tannenbergbundes nach »Erlösung von Christus" chren crfdjüttcmften Ausdruck gefunden hat. Jeder solchem Liebersteigerung des Dolkstumsgedankens und seiner erzieherischen Bewertung muß man entgegen» treten, unb zwar um so entschlossener, je leidenschaftlicher man gerade als Ehrist sein Volkstum liebt als einen »Schöpfungsgedanken Gottes", ruhend auf dem Willen zur Besonderheit. Große und heilige Aufgaben für die Elternbewegung ergeben sich hieraus gerade jetzt. Rur wo die Schule beiden dient: dem Evangelium und dem Volkstum, aber auch nur da, wo das Volkstum als Teil der Schöpfungswelt, und mit ihr in der Gefahr sündig zu werden, verstanden und dem unbedingten Anspruch des Evangeliums untergeordnet wird, kann die evangelische Schule blühen, für die der Reichseltern- bund seit zehn Jahren wirbt und um die sich in ^nehmendem Maße die ihrer Pflichten und Rechte bewußt gewordene evangelische Elternschaft schart.
dienstes entzogen, sie wurden einfach dem Arbeits- losenheer zugewiesen. Nach einem kurzen Aufflackern der Zigarrenbeschäftigung durch erhöhte Herstellung von Zigarillos und Stumpen mußten wieder weitere große Einschränkungen in der Zigarrenherstel- lung eintreten, und die Zahl der beschäftigungslosen Zigarrenarbeiter schwoll weiter an. Auch die Rauchtabakfabrikation hatte man durch das Verbot des Feinschnitts fast zum Erliegen ge- bracht, so daß auch hier ein gewaltiges Sterben unter den mittleren und kleineren Betrieben festzu- stellen war. Erst im Oktober 1931 gelang es die Herstellung des steuerbegünstigten Feinschnitts 'wieder zuzulassen.
Die Z i g a r r e n f a b r i t a t i o n hat unter dem neuen Gesetz am schwersten zu leiden. Tausende von selbständigen Existenzen sind ruiniert. Infolge der gesunkenen Kaufkraft konnten die Raucher' nicht mehr für ihren Rauchgenuß dieselben Aufwendungen wie ftüher machen. Da aber durch den um 125 Prozent erhöhten Gewichtszoll und die um 15 Prozent erhöhte Banderole das Fabrikat nicht billiger, sondern teurer werden mußte, und der Mehrbedarf an Kapital nicht zu beschaffen war, stockte der Absatz immer mehr. Die vorhandenen Rohtabake waren für die noch gerade verkäuflichen Zigarren der billigsten Preislagen viel zu teuer, fo daß durch ihre Verarbeitung dem Fabrikanten große Verluste erwuchsen. Dazu kamen die großen Ausfälle, welche bei den Abnehmern entstanden. Ist doch der Händler sehr schlimm daran: Die vertrustete Zigarettenindustrie läßt dem Händler nur noch einen derart niedrigen Nutzen, daß er kaum die Miete und Handlungsunko'sten decken kann. Auch die Makler und Handelsvertreter für Rohtabak und Tabakwaren können bei dem stark zurückgegangenen Umsatz und fast oleich gebliebenen Spesen ihre Existenz nicht mehr finden. Die kleineren und mittleren Zigarrenfabriken sind naturgemäß am schwersten betroffen, die gesamte Industrie droht langsam zum Erliegen zu kommen. Das ist um so bedauerlicher, als gerade durch das Zigarrengewerbe viele Arbeiter in ländlichen Bezir ken beschäftigt waren, in welchen keine Möglichkeit geboten ist, eine andere Erwerbstätigkeit zu finden. Auch in dem Gießener Bezirk werden viele Taufende von Arbeitern beschäftigt, und zwar fast ausschließlich auf den umliegenden Dörfern. Da bei der Zigarrenherstellung meistens Frauen oder männliche Personen, die zu keiner schweren Arbeit fähig sind, beschäftigt werden, und es den Leuten möglich ist, nebenbei kleine landwirtschaftliche Arbeiten zu verrichten oder auch noch im Haushalt stundenweise tätig zu sein, so ist es gerade die 3i= garrenindustrie gewesen, welche früher in Dörfern,
wo sie cinzog, einen gewissen Wohlstand erzeugt»» Our die Herstellung einer einwandfreien Zigarre läßt sich die Handarbeit durch keine noch so gut ausgeklügelte Maschine ersetzen, da die Eigenart de» Rohstoffes eine individuelle Behandlung eines jeden einzelnen Tabakblattes erfordert. Zu der Herstellung von 400 000 Zigarren werden rund 400 Arbeiter eine gan^e Woche lang beschäftigt. Die Zigarren»
• C S'l'i also vielen Arbeitern Serbienftmog» lichkeit. Der Zigarren und Zigarillorauchcr bekämpft also die Arbeitslosigkeit.
Mit dem 1. Januar 1932 sind nun noch w e i t e r « ft c u e r l i d) c Belastungen auf die Zigarre ge» konuncn. Die auf 2 Prozent erhöhte Umsatzsteuer muß der Fabrikant nicht allein vom Wert seiner Ware bezahlen, sondern auch von dem Werk der Banderole, an der er keinen Pfennig verdient, sondern die er lediglich für den Staat vom Händler einzieht. Im Falle eines Konkursen ober einer Zahlungsunfähigkeit wird ihm nicht einmal dieser für den Staat vorgelegte Betrag als bevor- rechtigte Forderung anerkannt. Neben der allgemeinen Umsatzsteuer ist aber auch noch die sog. Aus« glcichssteuer au f den Rohtabakimport eingeführt worden, diese wird nicht allein vom Wert des eingeführten Rohtabaks erhoben, sondern auch von dem darauf lastenden Zoll von 180 Mark per 100 Siloaramm. Wie sollen bei solch neuen Belastungen die Zigarren sich der Kaufkraft der Raucher an- paffen?
Nun der „Erfolg" für d i e R c i ch s k a s s e: Tabakzoll. und -steuer erbrachten im Jahre 1930 = 1103,6 Millionen Reichsmark, im Jahre 1931 aber nur 902,1 Millionen Reichsmark, also anstatt eines Mehrertrags von 200 Millionen eine Mindereinnahme von 201H Millionen. Zu diesem Minus von 400 Millionen aus der Tabaksteuer selbst kommt noch der Ausfall zahlloser Steuerzahler da das Tabakgewerbe rund 600 000 Menschen Arbeit und Auskommen gab. Wird der Finanzminiftcr aus diesem traurigen Kapitel die Lehre ziehen unb ben >3oü roteber auf ein erträgliches Maß zurückführen, vor allen Dingen aber bic Banderolensteuer wieder auf den früheren Satz von 20 v. H. ermäßigen, die Ausgleichsfteuer beseitigen und die Umsatzsteuer'nur noch von dem Warenhetrag, nicht mehr von der Banderole erheben? Nur dann ist es möglich, den vielen Arbeitern in ber Zigarrenindustrie, die heute feiern, wieder Brot und Arbeit zu geben.
Oberheffen.
Oie Finanznoi der Gemeinden.
Abbaumaßnahmen in Schotten.
§ Schotten, 14. April. Der Gemeinberal beschäftigte sich in seiner gestrigen Sitzung mit der Frage der täglich stärker anwachscnden s o z i a- l en Lasten, die auf der Gemeinde ruhen Die Ausgaben werden immer drückender, und keine Hilfe von Reich oder Staat ist in Aussicht Etwa 50 00 0 Mark soziale Last hat eine Gemeinde in der Größe von Schotten aufzubringen, eine ungeheure Zahl bei der herrschenden Rot. Darunter sind etwa 5500 Mark Krankenkasse und Arbeitslosenversicherungsbeiträge. 9600 Mark Krisenunterstühungsanteil (Vs), 21 000 Mark Unterstützung für etwa 30 bis 40 Wohlfahrt «erwerbslose, 2000 Mark Sozialrentner- und 1100 Mark Kleinrentnerunterstützung. 3000 Mark Armenlast, 4000 Mark Kosten für in Anstalten untergebrochte Geisteskranke usw., 3000 Mark Mietunterstützungsanteil u. a. m. Dabei verringern sich die Reichsfteuerüberwei- sungen, Realsteuern, Sondersteucrn. Biersteuer sollen abgebaut werden. Kein Ersah wird den Gemeinden dafür gewährt. Angesichts dieser täglich schlimmer werdenden Rot in den Gemeindefinanzen beschloß der Gemeinderat, in Zukunft Ke Wohlfahrts erwerbslosen nicht mehr, wie seither üblich, im Tariflohn — 58 Pf pro Stunde — vier Tage pro Woche zü beschäftigen. Es wird eine älnterstüt- zung nach Maßgabe der erlaufenen Richtlinien gewahrt, für die gemeinnützige Arbeit
Oie Lage in
der Zigarrenindustrie.
Mehr Glück als Verstand.
Vom merkwürdigen Lpi< l des Zufalls.
Kürzlich wurde aus Neuyork von einem Manne berichtet, dem feine wohlgefüllte Brieftasche, eine goldene Uhr, feine Dianiantnadel unb noch andere Wertsachen von einem Einbrecher gestohlen worden waren. Nachdem er nach dieser unliebsamen Entdeckung am Morgen der Polizei telephonisch die Sache gemeldet halte, wollte er wie gewöhnlich in sein Bureau gehen unb wurde auf dem Wege von einem Manne angesprochen, ber ihm ganz billig eine Uhr unb andere Wertsachen verkaufen wollte. Und dann zog der Mann zu dem Erstaunen des Opfers feine eigene Uhr aus ber Tasche. Der Dieb wurde sofort verhaftet unb auch noch das ganze Gelb bei ihm Dorgefunbcn. Ein solches Beispiel von „mehr Glück als Verstand" hat eine amerikanische Wochenschrift angeregt, andere Beispiele so „ungewöhnlichen Schweins" zusammenzustellen. Ein fast ungläubiger Zufall begegnete einem gewissen Iohansen aus Lincoln in Nebraska. Er hielt mit seinem Kraftwagen bei einer Tankstation, als man ihn plötzlich ans Telephon rief. Er war aber höchlichst erstaunt, wie jemand gerade in dem Augenblick, in dem er zufällig auf ber Straße angehalten hatte, sich mit ihm in Verbindung setzen könne. Noch größer wurde sein Erstaunen, als der Anrufende ihm eine wichtige Geschäftssache mitteilte. Der andere hatte in Johan- sens Bureau anrufen wollen und beim Selbstanschluß eine falsche Nummer gedreht. Diese falsche Nummer war aber gerade die der Tankstation, in der sich Jo- Hansen befand unb daher in diesem Falle die „richtige". Nicht minder seltsam war die Entdeckung eines lange gesuchten Alkoholschmugglers, die dem Schutzmann Leo Goucher von der Polizei in New Jersey gelang. Dieser war auf einem Gutshof und beteiligte sich an der Jagd nach einem wütenden Stier. Dabei passierte es ihm, daß er mit dem Kops zuerst in einen großen Strohhaufen fiel. Dabei entdeckte er eine Falltür, die in einen unterirdischen Raum führte, und hier fand er einen Mann, der große Mengen Alkohol verborgen hatte. Es war ein Schmuggler, nach dem man schon lange fahndete. Mehr Glück als Verstand bewies auch ein Baby, das zu Whitehall in Wisconsin vom Rücksitz des väterlichen Kraftwagens herabstürzte. Das Baby wurde beim Nehmen einer Kurve in großem Bogen herausgeschleudert, ohne daß die Eltern etwas merkten: es wurde von einem dahinterfahrenden Wagen aufgefangen und Non ahnungslosen Eltern vollständig unverletzt über -eben. Ein Glückspilz war der Neuyorker, der nach allzu reichlichem Genuß von verbotenem Alkohol mit
einer Erscheinung Streit anfing, die ihn am Eingang in ein Tanzlokal ärgerte. Er wurde so wütend, daß er sein Messer zog und es dem andern ins Herz stieß. Aber kein Blut floß, unb der scheinbar Ermordete brach nicht zusammen, denn es war glücklicherweise ein Automat in Gestalt eines Menschen gewesen, dessen Mechanismus nur etwas in Unordnung geriet. Der Betrunkene konnte sich bei dem Automaten dafür bedanken, daß er ihn an einen Mord gehindert hatte. Detektive sind manchmal erfolgreich, wenn sie mehr Glück als Verstand haben. So gelang es einem dänischen Kriminalkommissar, einen Verbrecher aufzuspüren, weil er ein eifriger Leser von Kriminalgeschichten war. Er las einige gut geschriebene Erzählungen von einem unbekannten Verfasser, unb als er sich nach diesem bei dem Verleger erkundigte, erfuhr er, daß es ein Mann war, der vor zwei Jahren auf geheimnisvolle Weise verschwunden war. Dieser schilderte verschiedene Verbrechen, die durchaus mit Untaten übereinstimmten, die sich früher ereignet hatten und nicht aufgeklärt worden waren. Daraufhin gelang es dem Kommissar, den Autor der Geschichten als Urheber der Verbrechen zu überführen. Ein Junge fand eines Tages eine nicht entwertxte Marke auf einer Brücke der amerikanischen Stadt Alfortville. Dieser scheinbar bedeutungslose Verfall führte zur Entdeckung eines Diebes, der Marken im Werte von 30 000 Dollars gestohlen hatte. Der Vater des Jungen erzählte von dem Funde einem Kriminalbeamten. Dieser ging der Spur nach und verhaftete schließlich einen Postbeamten, der gestand, die Briefmarken entwendet und, da er sie nicht verwerte konnte, von der Brücke aus ins Wasser geworfen zu haben. Der Wind aber hatte einige davon auf die Brücke geweht ...
Was man auf dem Themse-Grund findet
Wenn man von Tauchern hört, so stellt man sich gewöhnlich darunter die Helden der Tiefsee vor, die nach untergegangenen Schätzen suchen. Es gibt aber auch Männer, die diesen Beruf alltäglich und unter weniger romantischen Umständen ausüben. Zu diesen Tauchern, deren Arbeit nicht minder interessant ist, gehören die „Lumpensammler", die regelmäßig den Boden der Themse nach brauchbaren Gegenständen durchsuchen, die in den Fluten dieses viel befahrenen Stromes verloren gingen. Sie höben es in mancher Beziehung schwerer als die Tiefsee- Taucher, denn sie „arbeiten blind", wie A. B. Austin in einer englischen Zeitschrift ausführt. Sie sehen nichts von dem Augenblick an, da die Wogen über ihren Kopf zusammenschlagen, bis sie wieder emportauchen, unb das dauert drei bis vier Stunden. Auf
dem Grunde, in pechschwarzer Dunkelheit, tasten sie mit nackten Händen in dem schleimigen' Bett der Themse nach Gegenständen, die das Bergen verlohnen, und meist sind es nur verlorene Anker oder Zugketten, angefaulte Taue oder Schiffslampen, die sie erbeuten. Aber es gibt auch wichtige Funde, die ihnen unvermutet in die Hände fallen. So erzählt ein Taucher, daß er einmal nach einem Anker her- unterging und auf einen kleinen Dampfer fließ, der feit sechs Jahren verloren war. Ein andermal 'fand er einen funkelnagelneuen amerikanischen Kraftwagen in feiner festen Verpackung. Sechs dieser Autos waren in der Dunkelheit von einem Schiff herunter- gerutfcht und nur fünf wieder aufgefifdjt, das sechste kam zwei Jahre später durch den Fund des Tauchers zutage. Am schwierigsten ist das Bergen von Segelbooten, die mit ihrer ganzen Takelage gesunken sind. Sie sind so schlüpfrig wie ein Aal, und man kann sie in der Dunkelheit mit den Händen nur schwer abtasten. Auch Flugzeuge, die in die Themse gestürzt waren und dann nicht mehr gefunden werden konnten, sind von diesen Tauchern schon durch Zufall geborgen worden. So ist das Suchen nach „Abfall" im Themsebett ein ebenso anstrengender, wie spannender Beruf, der manche Ueberraschungen bringt, aber sich auch lohnt.
Ginfl ein Großfürst."
Unter dem Titel „Einst ein Großfürst" hat der frühere Großfürst Alexander von Rußland, der jetzt in Amerika lebt, eine interessante Selbftb'iographie veröffentlicht, die mancherlei dazu beiträgt, das Rätsel des zaristischen Rußland zu enthüllen. Der Verfasser, der ein Vetter des letzten Zaren war, betrachtet Rußland als ein Land, das außerhalb Europas liegt und nicht mit europäischen Maßstäben begriffen werden kann. Er weiß vieles aus dem intimen Hofleben auszuplaudern und schildert besonders den schweren Druck, der von den Großfürsten auf den Zaren ausgeübt wurde. Der kleine „Nicky", der nur 165 cm maß, wurde von feinen 180 cm und darüber großen Onkels nicht nur körperlich, sondern auch an Tatkraft überragt und eingeschüchtert. „Nikolaus II." — so erzählt der Verfaffer aus genauester Kenntnis — „verbrachte die ersten zehn Jahre seiner'Regierung hinter einem großen Tisch in dem Palast und lauschte mit ebensoviel Kummer wie Schüchternheit auf das sich ewig wiederholende Gebrüll seiner riesigen Onkel. Er fürchtete sich davor, mit ihnen allein zu sein. In Gegenwart von Zeugen wurden seine Ansichten als Befehle aufgenommen, aber sobald sich die Tür seines Arbeitszimmers hinter den Fremden geschloffen hatte, bann donnerte mit
einem furchtbaren Schlag die gewichtige Faust von Onkel Alexis oder Onkel Nikolaus, von Onkel Sergei und Onkel Wladimir auf den Tisch, und der nervöse Herrscher fuhr erschreckt vor solchen Methoden der Einschüchterung zusammen. Sie wollten immer etwas non ihm. Nikolaus hielt sich für einen großen ftr'ie* ger Alexis heherrschte die Wogen, Sergei betrachtete Moskau als feinen Privatbesitz, und Wladimir beschäftigte sich mit allen Angelegenheiten der Kunst.
roar der Zar nach so vielen Zusammen, stoßen mit den Onkels vollständig gebrochen und erledigt." Der Großfürst Alexander war früh aus der Einflußsphäre entfernt worden und daher ein objek- tioer Zuschauer. Er beobachtete mit wachsenden Sor- gen die Orgien der Finanzspekulation, der allge- meinen Intrigen und Betrügereien. „Der Thron der Romanows" — so schreibt er — „ist nicht durch die künftigen Leiter der Sowjets, auch nicht durch die bombenwerfende Jugend zerstört worden, sondern durch angesehene Personen, die prächtige Uniformen trugen, durch Beamte, Bankiers, Unioerfitätspro- fe(|oren usw, die das Land schamlos ausbeuteten." Alexander behauptet sogar, daß die Revolutionäre von den russischen Großindustriellen unterstützt wurden. Er selbst lebte später viel im Ausland und entging dadurch dem Schicksal so mancher Mitglieder seiner Familie beim Umsturz. Nach einem langen Wanderleben hat er in Öen Vereinigten Staaten festen Fuß gefaßt.
Sochschulnachnch/en.
In der Wiener Gesellscha ft der Nerzte wurde zum Korrespondierenden Mitglied gewähll der Privatdozent an der Medizinischen Universitätsklinik Jena Dr. med. Erwin Schliephake. Schliep. hake ,st geborener Gießener, Schüler von Moenckeberg, Garten, Grave, Stepp und Seit Er hat sich einen Namen gemacht durch grundlegende Arbeiten über Herzkrankheiten und die Verwendung der Kurzwellen in der Heilkunst.
Ißrofenor Dr. Hermann Heller, Extraordinarius für öffentliches Recht an der Universität Berlin, hat den an ihn ergangenen Ruf an die Universität Frankfurt angenommen und seine Ernennung zum Ordinarius erhalten.
Zum ordentlichen Professor für bürgerliches Recht und Handelsrecht an der Universität Kiel wurde Professor Dr. Heinrich Hoeniger von der Uni. versität Freiburg ernannt.
Professor Dr. Fritz We11stein von der Unioer. fttat München erhielt einen Ruf auf ben 2ß i e n e r botanischen Lehrstuhl als Nachfolger seines Vaters Professor Richard Weitstem.


